Hinterm Horizont – Teil 8.

Ich konnte das Unverständnis ebenfalls gut nachvollziehen. Auch wenn meine Verletzung wieder gut heilte und der Arm bald wieder uneingeschränkt nutzbar war, er würde dennoch immer schwächer bleiben, als ein mechanischer Arm. In den meisten Fällen wäre das völlig unproblematisch, aber immer wieder auch ein nerviges Hindernis, welches mir meine eigene Unzulänglichkeit vor Augen hielt.

Offenbar war ich nicht der Einzige, der sich an diesem Missstand stieß. Wenige Wochen später erschien ein Mitglied unserer Gruppe nicht zum Essen. Seine Eltern hatten es nie für nötig befunden, ihm einen Namen zu geben, und irgendwann hatte er sich selbst den Namen Bob zugelegt, nach einer alten Filmfigur, die ihm gefallen hatte. Seine Eltern hatten generell einiges für unnötig befunden, unter anderem seine Erziehung, seine Ausbildung, ja seine ganze Existenz. Damit hatten Bobs Eltern selbst in unserer Gesellschaft einen neuen Hochpunkt erreicht. Auch wenn Erziehung und Bildung generell sehr rudimentär gehandhabt wurden, so konnten sich die Meisten doch immerhin auf liebende Eltern verlassen. Wieso sonst sollte man den Aufwand betreiben, ein Kind zu zeugen und auszutragen, wenn nicht, um einem uralten Instinkt zu folgen?

Bob jedenfalls blieb für zwei Tage verschollen. Während wir nur rätseln konnten, was mit ihm passiert war, hatte er sich bei den Androiden abgemeldet, aber um Stillschweigen gebeten. Genau wie ich hatte er sich zum Mechaniker ausgebildet und in den vergangenen Tagen war er sehr fleißig gewesen. Es erschien mir zunächst nur logisch, dass er sich zum Ausgleich eine kurze Auszeit genehmigt hatte. Umso größer war die Überraschung, als er am Ende wieder da war, den linken Arm gänzlich bandagiert. Schmerzhaft aussehende Beulen zeichneten sich unter dem dicken Verband ab. Zu stören schien ihn das aber nicht sehr, wirkte eher eher aufgeregt und nervös, als behindert und unter Schmerzen. Er aß nur wenig und behielt trotz vieler Fragen Stillschweigen, was ihm widerfahren war. Bis zum Ende des Essens.

Mit langsamen, bedächtigen Bewegungen wickelte er seinen Verband ab, Lage für Lage. Und mit jeder Lage erhärtete sich ein tiefgreifender Verdacht. Es war kein Unfall gewesen, der ihn verwundet hatte. Er war es selbst gewesen, mit Hilfe des Arztes. Sein Arm war überzogen von frisch verheilten Schnitten und an etlichen Stellen war die Haut noch immer offen, teilte sich um metallische Bauteile, welche aus seinem Arm ragten und im Knochen zu stecken schienen. Graue Linien zeigten an, an welchen Stellen sich Metall unter der Haut verbarg, goldene Leiterbahnen hoben sich hell unter der noch gereizten Oberfläche ab. Mit einer theatralischen Geste hob er den Arm in die Luft und ließ den letzten Verband langsam hinab gleiten.

Mit dem wohligen Schauer faszinierten und neugierigen Gruselns wurde der Arm von uns allen eingehend untersucht. Die fleischlichen Muskeln wurden durch hydraulische Mechanik verstärkt, die Finger durch eine Serie von Werkzeugen ergänzt. Ein in den Zeigefinger eingesetzter Magnet sollte helfen, noch in engen Ecken an die letzten Schrauben zu kommen, ein angegliederter motorisierter Schraubendreher beschleunigte den Betrieb. Eine kleine Auswahl standardisierter Datenstecker sollten über ein neuronales Interface die direkte Kommunikation mit der Maschine erlauben und ein kleiner Lichtbogen stand für feinelektronische Schweißarbeiten zur Verfügung. Versorgt wurde alles durch körpereigene Energie, die lediglich durch eine Serie von Kondensatoren und Akkus unterstützt wurde.

Ich war skeptisch, wie gut es funktionieren würde und gleichzeitig neugierig, welche Möglichkeiten sich dadurch ergeben könnten. Ich hatte noch die Schmerzen im Bewusstsein, die meine eigene kleine Verletzung bei mir verursacht hatte. Wie musste es sich erst anfühlen, nicht einen zentralen großen Schnitt zu haben, sondern eine ganze Serie, über den ganzen Arm verteilt? Und wie musste es erst sein, wenn dann auch noch etwas in diesen Schnitten drin steckte, was nicht zum Körper dazu gehörte?

Es jagte mir eine Gänsehaut nach der anderen den Rücken hinab und ich beschloss, dass diese Möglichkeit für mich nicht infrage käme. Ich musste mir allerdings eingestehen, dass ich absolut neidisch auf das neuronale Interface war. Eine direkte Kommunkation mit jedem Computer an Bord, keine missverständlichen Sprachbefehle oder umständlichen Konsoleneingaben. Aber was noch wichtiger war, uneingeschränkter und sehr viel einfacherer Zugriff auf die Datenbanken des Schiffs.

 

Kleine Erinnerung am Rande: Bitte denkt noch daran, an meiner Umfrage zum Stadtklima teilzunehmen 😉 Ich bin um jeden Teilnehmer dankbar.

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