Hinterm Horizont – Teil 9.

Es jagte mir eine Gänsehaut nach der anderen den Rücken hinab und ich beschloss, dass diese Möglichkeit für mich nicht infrage käme. Ich musste mir allerdings eingestehen, dass ich absolut neidisch auf das neuronale Interface war. Eine direkte Kommunkation mit jedem Computer an Bord, keine missverständlichen Sprachbefehle oder umständlichen Konsoleneingaben. Aber was noch wichtiger war, uneingeschränkter und sehr viel einfacherer Zugriff auf die Datenbanken des Schiffs.

Das gesamte Wissen unserer kleinen Gesellschaft, quasi direkt im Gehirn verfügbar. Diese Idee erschien mir wie ein fantastischer Traum. Die dafür notwendige Vernetzung meines Gehirns mit dem Interface hingegen wirkte eher wie ein Alptraum. Wie musste so etwas aussehen? Ein feines Netz von Drähten, welches sich über die Hirnrinde zog, um dann in einem Bioprozessor zu münden, welcher die Signale übersetzen konnte und an die Rechner weiterleitete? War das technisch überhaupt möglich?

Selbst Bobs System war sehr viel einfacher gehalten, und leitete die Signale nur an eine Schnittstelle auf dem Rückenmark weiter. Und es war fraglich, ob es funktionieren würde. In den Datenbanken fand sich kein Eintrag, ob etwas derartiges jemals versucht worden war. Ich würde etwas abwarten, vielleicht einige kleinere Versuche starten, aber mich fürs Erste einmal in Zurückhaltung üben. Ich rechnete sowieso damit, dass sich dieser Gedanke in spätestens einer Woche verflüchtigt hatte und ich mich wieder anderen Problemen widmen würde.

Andere Mitglieder unserer Gruppe reagierten mit größerer Abneigung. Den Menschen erschien es eher befremdlich, dass jemand absolut gesunde Arme in etwas derart unnatürliches verwandelte. Es kitzelte an den Urängsten, die immer dann hervor kamen, dann der Verstand etwas nicht genau erfassen und begreifen konnte. Gleich der Angst vor Spinnen, die ihre acht Beine auf eine Art bewegen können, die sich bei uns Säugetieren nicht wieder findet, oder auch dem Konzept von Nichts, löst es ein subtiles Unwohlsein aus. Überwog bei mir noch die Faszination, war es vielfach doch die Angst, die sich nicht mehr verbergen ließ.

Teilweise waren es auch die Androiden, die deutliche Skepsis zeigten. In allen Generationen war ihnen einprogrammiert worden, sie müssten Menschen stets vor Schaden bewahren und notfalls auch vor sich selbst schützen. Auch wenn sie einen Teil dieser Programmierung inzwischen überwunden hatten, war es ihnen nicht geheuer, dass auf einmal Menschen sich selbst verletzten, um ihnen selbst ähnlicher zu sein. Das widersprach der Programmierung und der Logik, die auch die Basis ihres Handelns war. Selbst jene, welche ihre Regelwerke selbst aktualisiert hatten, konnten es nicht nachvollziehen. Verletzungen von Fleisch oder Maschine war immer nur im Notfall hinzunehmen, als letztes Mittel oder Notwehr. Ein Verstoß dagegen, Verletzung ohne Notwendigkeit, verbot sich. Und dabei spielte es nicht einmal mehr eine Rolle, ob es sich um Mensch oder Maschine handelte. Es war ein Angriff auf die Grundfesten ihrer Logik und Moral. Aber Androiden sind unschlagbar darin, ihre Gefühle zu verbergen. Teilweise schon allein deswegen, weil sie sich grundsätzlich von unseren menschlichen Gefühlen unterscheiden.

Diese Diskussion zu führen war anstrengend, denn auch hier konnten wir Menschen nicht mehr stichhaltig und konsistent zu Argumentieren. Noch vor wenigen Wochen waren wir doch der festen Überzeugung gewesen, Androiden seien uns in jeder nur erdenkbaren Hinsicht hoffnungslos unterlegen. Es waren willenlose Sklaven, deren einziger Daseinszweck gewesen war, uns zu dienen. Wir hingegen mussten einfach nur noch existieren. Das war das Erbe unserer Eltern und Großeltern und wir hielten es in Ehren, schon allein aus reiner Bequemlichkeit. Es wäre uns nie in den Sinn gekommen, dass unsere Aufsehertätigkeiten längst obsolet geworden waren, geschweige denn, dass etwas so ungeheuerliches passieren konnte, wie Maschinen, die eigene Wünsche und Träume entwickeln.

Selbst hier, in dem kleinen Ökosystem im Schiff, jenseits jedes Horizonts, hatte es eine ganze Weile gebraucht, bis wir akzeptieren konnten, dass unsere ganze Weltanschauung ein Trugbild war. Wir waren nicht die Krone der Schöpfung, sondern ihre Schöpfer. Wir waren nicht unverzichtbar, sondern Ballast. Wir waren nicht einmal mehr die Dirigenten unseres eigenen Lebens, selbst das war längst von uns aus der Hand gegeben worden. Aber kein Roboter hatte damit gerechnet, dass wir psychisch komplett kollabieren würden, kaum dass die letzten Strahlen der Sonne uns verlassen hatten.

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3 Gedanken zu „Hinterm Horizont – Teil 9.

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