Hörsaalgetuschel – Ausgabe 159.

Silvester allein

Erik stand am Fenster seiner winzigen Studentenbude, allein und mit einer Flasche Sekt in der Hand, die jedes Mal übermäßig schäumte, wenn er sie sich an den Hals setzte. Draußen beobachte er die Gruppen von Menschen, die unterwegs waren zu irgendwelchen Partys oder von der einen zur anderen. Es herrschte allgemeine Ausgelassenheit und immer wieder erleuchtete das bunte Aufblitzen einer verfrühten Rakete die Nacht. Das war es also dann gewesen, das letzte Jahr.

Vor einem Jahr noch hatte die Welt gründlich anders ausgesehen. So vieles war passiert und hatte sich verändert. So vieles war noch immer wie damals und so vieles würde in einem Jahr schon völlig in Vergessenheit geraten sein, was aktuell wie ein Ereignis von globaler Tragweite wirkte. Wahlweise im ganz Großen oder auch im ganz Kleinen.

Vor einem Jahr hatte er mit Mia gemeinsam das Feuerwerk bewundert, Arm in Arm, und vom Balkon ihrer gemeinsamen Wohnung aus. Sein größtes Problem war es gewesen, dass Mia ihm eine Affäre mit Tina unterstellte, die so nie stattgefunden hatte. Eben jene Tina wohnte jetzt gemeinsam mit eben jener Mia in ihrer ehemals gemeinsamen Wohnung. Sie belegte nun die Seite im Bett, auf der er einst geschlafen hatte. Es war ein seltsames Gefühl daran zu denken, eines, welches ihm nicht besonders behagte und auch der Sekt wollte es nicht recht aus dem Mund spülen, mochte er auch noch so sehr prickeln und schäumen.

Überhaupt schien dieses Jahr die ganze Welt den Verstand verloren zu haben. Die politischen Führer dieser Erde mussten geschlossen zu dem Entschluss gekommen sein, dass gesunder Menschenverstand nicht mehr zeitgemäß war, und hatten alle Regeln der Diplomatie über Bord gegeben. Wie in blindem Wahn prügelten sie nun verbal aufeinander ein. Angeblich so gerechte und souveräne Demokratien inhaftierten nach Belieben unbequeme Persönlichkeiten oder eigentlich unbeteiligte Angehörige von politischen Gegnern. Alle Seiten drohten blindlings mit Kriegen, die sich keiner der beteiligten hätte leisten können. Gleichzeitig war Hirnleistung in diesen Kreisen derart rar gesät, dass diese ansonsten hohlen Phrasen so ernst genommen wurden, wie lange nicht mehr.

„Die Welt ist im Wandel“ geisterte die Zeile eines seiner Lieblingsbücher durch Eriks Kopf und eine weitere Welle bitteren Geschmacks flutete seinen Mund. Er hatte Flo immer für zu sorglos und naiv gehalten, wenn er mit seiner positiven Grundstimmung nach außen hin und wenigstens zwei Bier nach Innen hin durch die Gegend gehüpft war. Jetzt beneidete er ihn um diese Unbedarftheit, doch auch Flo hatte sich in letzter Zeit geändert. Er war sehr viel ruhiger geworden, öfter einmal einen ganzen Abend nüchtern geblieben und hatte sogar das ein oder andere Mal Pläne für mehr als eine Woche im Voraus gemacht und gehalten. So vieles war passiert.

Von seinen eigenen Plänen war nicht mehr sehr viel übrig geblieben. Dieses Jahr hatte doch eigentlich das seine werden sollen. Die gemeinsame Zukunft mit Mia hatte konsolidiert werden sollen, und wenn sie dann im nächsten Jahr ihren Abschluss schaffte, hatte er mit ihr eine Familie gründen wollen. Klar, sie waren schon lange nicht mehr auf Wolke Sieben. Eher auf Wolke Fünf oder sogar Vier, aber es war beständiger geworden und das hätte ihm völlig gereicht. Die große Liebe war schließlich eh ein Mythos. Es galt immer Kompromisse einzugehen und dies hier wäre seiner gewesen. Er hätte zu Hause bleiben und sich um das Kind kümmern können, während sie ihre Karriere verfolgte.

Statt eines Kinderzimmers hatte er dann aber diesen Schuhkarton von einer Wohnung eingeräumt.

Marlene hatte seinen Kinderwunsch aufgegriffen und hätte diese Lücke liebend gerne gefüllt. Sie hatte sich wirklich um ihn bemüht und es hatte sich für eine Zeit sogar wirklich herrlich angefühlt. Doch er hatte keine wirkliche Verbindung zu ihr finden können und musste sich eingestehen, dass er nicht so weit war. So sehr er ihr diese Chance auch hatte geben wollen, sie wäre für ihn immer nur eine Art Ersatz-Mia gewesen. Ihm wäre das unfair vorgekommen.

Er hatte versucht sich vorzustellen, wie er sich fühlen würde, wenn er nur ein Lückenfüller oder ein Spielzeug in einer Beziehung sein würde. Das Gefühl, was er fand, ähnelte sehr dem, welches er in den letzten Monaten bei Mia empfunden hatte. Allein die Vorstellung, das jemand anderem anzutun, löste Ekel vor sich selbst in ihm aus. Und dennoch hatte er sich auf die Idee fixiert, mit dieser Person eine Familie gründen zu wollen? Vielleicht sollte er doch Flos Rat befolgen und einmal professionelle Hilfe konsultieren.

Vielleicht wäre das ein guter Vorsatz für das neue Jahr. Er konnte sich zwar nicht ausmalen, was das denn bringen sollte, aber was konnte es denn schon schaden? Er würde ohnehin viel Kraft für das Jahr benötigen. Ein Jahr, in dem er vor viel Arbeit stand und an dessen Ende hoffentlich sein Abschluss nur noch in Rufweite stand. Dann würde sich schon wieder alles ändern. Wenigstens in diesem Punkt waren Mia und er sich sehr ähnlich gewesen. Sie waren beide sehr unflexibel und nur mit viel Vorlauf spontan.

Und während draußen immer mehr und mehr Raketen in den Himmel stiegen und die Uhr unerbittlich auf Mitternacht zu hielt, griff er zum Telefon, um Marlene einen guten Rutsch und ein Jahr voller erfüllter Träume zu wünschen. Er traute sich so gerade eben noch zuzugeben, dass er selbst gerne einer dieser Träume war.

Und in diesem Sinne wünsche ich euch einen guten Rutsch in ein erfolgreiches und wunderbar glückliches neues Jahr. Macht das Beste daraus und geht doch einmal diesen einen großen Traum an, der euch schon so lange im Hinterkopf herum spukt (und ich bin überzeugt, Dir ist gerade ein sehr spezifischer Gedanke durch den Kopf gegangen). Bis nächstes Jahr!

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