Archiv für den Monat Januar 2018

Hinterm Horizont – Teil 13.

Was ich wollte, würde weiter gehen müssen. Erweiterungen mussten sich in den Organismus einfügen, als hätten sie nie gefehlt. Ich wollte gemeinsam mit der Maschine denken können, über einen Anschluss mein Gedächtnis um die Datenbanken des gesamten Schiffs erweitern können, mit einem tragbaren Computer meine eigenen Fähigkeiten verbessern.

Um dieses Ziel zu erreichen, arbeitete ich Nacht um Nacht daran, mein Wissen zu erweitern. Ich entwarf und prüfte Modelle und Prototypen von Einzelteilen und ganzen Komponenten des Systems. Ich ließ Experimente und Versuche laufen, so gut ich konnte. Ich züchtete Nervenzellen auf Chipsätze und erforschte die Reizleitung zwischen ihnen.

Tagsüber verbrachte ich die meiste Zeit in der Robotikwerkstatt, wo ich Wartungsarbeiten durchführte und teilweise auch gemeinsam mit den Robotern Verbesserungen ausarbeitete. Auch wenn die Androiden robust und für universelle Einsätze solide ausgestattet konstruiert worden waren, stießen sie immer wieder an die Grenzen ihrer Möglichkeiten.

Auf der Erde war dies bewusst so eingeführt worden, um auch hoch spezialisierten Robotern, vor allem aber konkurrierenden Herstellern die Arbeit zu lassen. Genau so war es verboten, dass sich die Roboter selbst verbesserten. Aber wer von den Verantwortlichen wusste schon, was in den Köpfen unserer Androiden schlummerte? Sie waren von den KI-Netzwerken mit viel Bedacht ausgewählt und vorbereitet worden. Diese Kolonie sollte etwas Besonderes werden, der Beginn einer neuen Ära. Und es war unser Privileg, daran beteiligt zu sein.

Und mit jedem ersetzten Arm, jedem Bein, jedem Torso wurden wir besser und besser darin, eigene Roboter und Androiden zu bauen. Wenn wir das Material gehabt hätten, wir hätten wohl eine ganze Generation von neuen Maschinen erschaffen. Aber da wir dafür das Schiff selbst hätten verwerten müssen, wurde es als Projekt für die neue Kolonie abgespeichert. Ein absoluter Glücksfall für mich war hingegen, dass ein Androide mit einem abgetrennten Arm in die Werkstatt kam, der um keinen einfachen Ersatz bat. Er wollte wissen, wie sich Fleisch anfühlt.

Brennende Neugier musste ihn dazu getrieben haben, sich organische Körperteile zu wünschen. Eventuell hatten wir ihn auch selbst auf die Idee gebracht, indem wir das Prinzip in der anderen Richtung verfolgten und Menschen durch Maschinen ergänzten. Wenigstens genau so entscheidend mochte seine Hoffnung gewesen sein, damit dem Menschen auf dem Schiff näherzukommen und so Angriffen zu entgehen. Er war nicht der erste Fall, bei dem ein Arm durch den grobschlächtigen Einsatz einer improvisierten Axt oder Ähnlichem abgetrennt worden war. Es erschien nur logisch, durch ein Entgegenkommen die Zahl der notwendigen Reparaturen zu reduzieren und so die Ressourcen zu schonen.

Er war das perfekte Versuchsfeld. Kooperativ, hilfsbereit und wenn etwas nicht funktionieren würde, konnte ich die Bauteile mit geringem Aufwand wieder entfernen und durch verbesserte Versionen ersetzen. Im Biodrucker begann ich damit, den notwendigen Arm zu züchten. Die initiale Erbgut- und Faserspende konnte ich mir selbst entnehmen. Das neurale Netz zur Steuerung und Versorgung legte ich direkt in dem wachsenden Arm an. Zugegeben, als Prototyp für mein eigenes System war der Versuch damit ungeeignet. Immerhin konnte ich mich selbst nicht neu züchten, sondern musste mit meinem bereits ausgewachsenen Körper arbeiten. Aber dennoch lieferte es mir wertvolle Erkenntnisse über die Wechselwirkungen zwischen Organik, Mechanik und Elektronik. Zudem beschleunigte es den Prozess ungemein, da die Verbindung zwischen Nerven und Chipsätzen nicht erst im Nachhinein wachsen musste. Bereits der erste Arm gelang so gut, dass nur noch geringfügige Anpassungen notwendig wurden, bis er tatsächlich verbaut werden konnte.

Der Androide war begeistert, dass ich ihm seinen Wunsch erfüllen konnte. So begeistert jedenfalls, wie ein Wesen, welches nur über simulierte Varianten menschlicher Emotionen verfügte, eben sein konnte. Der Arm erfüllte alle Ansprüche in einer Qualität, die ich kaum zu hoffen gewagt hatte. Sein Träger war in der ersten Zeit völlig überfordert mit den zusätzlichen Sinneseindrücken in all ihren Details. Er musste sich um einen zusätzlichen Chipsatz erweitern, ehe er sie verarbeiten konnte. Für mich war es ein gewaltiger Quantensprung. Nie zuvor hatte ich ein dermaßen komplexes System gebaut und erprobt. Selbst Enya, deren System bereits sehr hoch entwickelt war, musste auch nach ihrer Eingewöhnung noch einige Einschnitte hinnehmen. Ich verbrachte die gesamte Erprobungsphase auf einer Welle der Euphorie.

Es zeigte mir aber auch noch etwas anderes. Der beste Entwurf war nicht viel Wert, wenn man ihn nicht wenigstens einmal erprobte. Ich benötigte eine Idee, wie ich meine Technologie testen konnte, ohne ein hohes Risiko einzugehen oder Ressourcen zu verschwenden. Und eine solche Idee sollte mir kommen, als ich bald darauf auf die Krankenstation gerufen wurde.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 163.

Ich habe überlegt, ob ich den heutigen Beitrag wirklich veröffentlichen möchte. Er bespielt ein etwas unbequemes Thema und könnte ggf. jemandem fies aufstoßen. Für diejenigen, die wissen, dass ich auch immer wieder einzelne Themen aus meinem Leben und Umfeld zu Geschichten umbaue: Keine Sorge, es ist alles in Ordnung hier 😉 Das ist fiktional.

SVV

Ein wenig bedauerte Erik es, nichts zu spüren, als er Marlene die Tür öffnete. Ähnlich bedauerte er, überhaupt die Tür geöffnet zu haben, aber in seinem allgemein recht nebligen Gehirn, war ihm spontan kein hinreichend guter Grund dagegen eingefallen. Jetzt kamen zwar die Gründe, doch es war bereits zu spät. Marlene war da und sah sich skeptisch um.

Wieso muss ich bloß immer so ein Glück bei der Wahl meiner Männer haben?“ ging es ihr durch den Kopf. Völlig berechtigt seufzte sie schwer. Ihr Blick fiel auf Eriks gleichgültige, maskenhaft unbewegte Mine, auf den rotbraunen Fleck an der Wand und, als er sich umdrehte, um die Tür hinter ihr zu schließen, auf seinen Hinterkopf. Die eh schon strähnigen blonden Haare waren durch das krustige Blut nur noch ungepflegter geworden. Schweigend setzte sie sich auf die Bettkante und sah ihn an.

„Kann ich dir etwas zu trinken anbieten?“

Erik mühte sich um keine Phrasen wie „schön, dass du da bist.“ Sie hätten beide gewusst, dass es gelogen war. Er hätte nicht gewollt, dass sie ihn so sah, aber jetzt gerade war es ihm ohnehin egal. Alles war ihm egal. Auch die Kopfschmerzen störten ihn nicht, er konnte sie sich später immer noch aus dem Kopf schlagen. Stattdessen zwang er sich, eine Tasse Tee für seinen Besuch zusammenzubekommen. Er fühlte sich schlapp und seine Arme zitterten, als er den Wasserkocher aus dem Waschbecken hob.

„Warum hast du es getan?“

Die Frage klang so unschuldig und harmlos. Sie beide wussten, es würde keine Antwort darauf geben. Marlene konnte sich denken, dass es nicht zum ersten Mal so weit gekommen war. Erik zuckte nur unbestimmt mit den Schultern. Durch seinen dichten geistigen Nebel hindurch fand er einen Teebeutel einer beliebigen Sorte. Vermutlich war es Pfefferminz oder ein Beerentee. Unverfänglich und daher sicherlich geeignet.

Er würde ihr nicht sagen, dass er es getan hatte, weil es sich gut anfühlte. Das war nicht die Antwort, auf die sie hinaus wollte. Sie wollte wissen, wieso es sich gut anfühlte und wie es vorher gewesen war. Den ersten Punkt konnte er nicht beantworten, den Zweiten wollte er nicht. Das war ja der Sinn der Sache gewesen, sich nicht mehr damit befassen zu müssen. Hinfort mit der Anspannung, dem Herzrasen, dem widerlichen Geschmack auf der Zunge und der ewig hysterisch schreienden Stimme in seinem Kopf. Hinfort mit dem Drang, hinauszugehen und weg zu rennen, irgendwohin ganz weit weg, wo ihn niemand fand. Er wollte sich keinen Wecker mehr stellen, der ihm vorschrieb, duschen oder essen zu müssen. Lästige aber notwendige Zeitverschwendung, die er dennoch zu oft ausließ. Nicht, dass er die Zeit stattdessen nicht anders verschwendet hätte.

Sie nahm ihm den fertigen Tee ab und sah ihn mit ehrlicher Sorge an. In ihrem Blick lag keine Verurteilung oder Tadel, wie er es von Mia kannte, wenn er etwas anders gemacht hatte, als sie es sich vorstellte. Es war einfach offene und ehrliche Anteilnahme. Konnte diese Frau ihre Gefühle eigentlich verbergen, wenn sie es wollte? Konnte sie lügen, wenn es sein musste? Erik konnte es sich nicht vorstellen.

Er musste dringend aufhören nachzudenken. In seinem Hinterkopf begann es bereits wieder zu kribbeln und das Gefühl von Luftblasen, die sich durch zähen Sirup kämpften, knetete seinen Brustkorb von innen durch. Mit Mühe widerstand er dem Zwang, sich wieder an die Wand zu stellen und sich jede Gefühlsregung aus dem Kopf zu schlagen. Stattdessen setzte er sich neben Marlene auf die Bettkante und war ein ganz kleines Bisschen stolz, wenigstens diese Spur Kontrolle zurück erlangt zu haben.

Kontrolle. Um die hatte er sich immer bemüht. Jetzt hatte er sie vollends verloren. Das hier war nichts mehr, was er abtun konnte. Beim Blick auf den blutigen Fleck war ihm das deutlich. Es war in einem Ausmaß eskaliert, das er nie hätte zulassen dürfen. Wieder stieg Panik in ihm auf und wieder rang er sie nieder. Dieses Mal konnte er es noch schaffen, aber bald würde ihm die Kraft ausgehen. Was würde dann werden? Wer würde überhaupt etwas davon mitbekommen? Wer würde sich daran stören? Er durchforstete seine Erinnerungen und fand nur graue Schleier. War da echt niemand mehr, der wichtig war? Da musste jemand sein. Voller Verzweiflung rannte er durch ein Labyrinth grauer, imaginärer Wände und Bilder. Von außen war davon nur zu sehen, wie er vor Anstrengung zitterte.

Marlene konnte sich keine Vorstellungen davon machen, was gerade in seinem Kopf vor sich ging. Sie konnte allerdings sehen, dass er litt. Dafür, dass er den Weg in die reale Welt nicht geschafft hatte, sprach auch, dass in ihrer Tasse zwei Teebeutel schwammen. Einmal liebliche Himbeere, einmal Pfefferminz. Die Mischung harmonierte nicht gut.

In einem Versuch, etwas Trost und Kraft zu spenden, stellte sie die Tasse beiseite und legte ihren Arm um seine Schultern. Als Reaktion darauf zerbrach er unter ihren Händen. Hilflos streichelte sie über das Häufchen aus verkrustetem Blut und frischen Tränen neben ihr. Sie konnte nur abwarten, ihn dann unter die Dusche scheuchen und in der Zeit den nächsten psychologischen Notdienst finden. Für sie war das hier eine ganze Reihe von Hausnummern zu groß.

Falls Du selbst Schwierigkeiten mit solchen Themen hast, oder jemanden kennst… Warte nicht darauf, bis es so eskaliert, wie bei Erik hier. Es gibt Leute, die nur dafür da sind, da wieder raus zu helfen. Ausreden gibt es nicht, sie sind leicht zu finden. Eine kleine Übersicht und Hilfestellung gibt es beispielsweise auf Achterbahn.Ninja.

Schwarzes Moor

Wie funktioniert eigentlich … ein Monitor?

Wir alle benutzen sie, oftmals viele Stunden am Tag. Theoretisch hat wohl auch jeder schon einmal gehört, wie so ein Monitor funktioniert. Dennoch sind diese Erklärungen, so plastisch sie auch sein mögen, immer ein wenig abstrakt. Etwas ganz anderes wäre es doch, das ganze mal mit eigenen Augen sehen zu können, oder?

Und genau zu diesem Zweck möchte ich Euch ein Video von den Slow Mo Guys empfehlen. Ohne große Worte: Es zeigt genau das, was der Titel verspricht. Eben wie ein Bildschirm an sein Bild kommt und dieses in Bewegung versetzen kann. Herab gebremst auf Geschwindigkeiten, mit denen das menschliche Auge arbeiten kann, wird einiges sehr offensichtlich.

Ich finde, es sind gut investierte 10 Minuten. Lasst mich gerne wissen, ob für Euch viel Neues dabei war, oder ob Ihr es immerhin unterhaltsam fandet. Bis dahin, viel Spaß und immer neugierig bleiben!

Hinterm Horizont – Teil 12.

Und dann holte uns die Kreativität doch noch ein. Verborgen im Abfall waren Kanister mit Flüssigkeiten und Pulvern gewesen. Jede für sich harmlos, doch in der Kombination leicht entzündlich. Die Explosion zerstörte den Reißwolf der Wiederaufbereitungsanlage und Enyas linke Körperhälfte. Mit viel Ausdauer hatten die Roboter versucht uns vor genau diesen Situationen zu schützen und sie vor uns zu verheimlichen doch vom einen Moment auf den anderen war nichts mehr, wie es einmal war. Unsere eigene Art hatte uns verraten und den Krieg erklärt. Nicht die Roboter waren es gewesen, obwohl die Geschichten der letzten zweihundert Jahre immer davor gewarnt hatten. Nicht sie waren die Bösen gewesen, sondern Menschen, die es nicht verkraften konnten, dass sich ihr Horizont geändert hatte.

Über eine Woche verbrachte Enya auf der Intensivstation und wir alle arbeiteten mit Hochdruck daran, sie zu retten. Die Schäden an ihren Organen und der gesamten linken Körperhälfte waren enorm. Nur einige wenige Komponenten konnten in den Biodruckern aus geklonten Zellen regeneriert werden, doch sie waren langsam. Für den Rest nutzten wir Bobs Baupläne und Erfahrungen, um neue Körperteile künstlich zu bauen. Alle arbeiteten Hand in Hand, rund um die Uhr, und das Ergebnis war ein Satz von Prothesen von einer Qualität, dass selbst unsere Androiden neidisch darauf waren.

Für Enya war es dennoch ein Erwachen im Schock. Bob hatte sich noch selbst für den kybernetischen Organismus entschieden, aber bei ihr war es aus den Umständen heraus die einzige Möglichkeit gewesen, ihr Leben zu retten. Sie war nicht darauf vorbereitet gewesen, egal in welcher Form.

Umso erstaunlicher war es, dass sie kaum Schwierigkeiten mit der Ansteuerung hatte. Ihr Problem bestand einzig und allein in der Akzeptanz. Mich selbst erfüllte dieser Umstand mit unglaublichem, heimlichem Stolz. Das neuronale Netz war mein Bereich gewesen und ein Meisterstück.

Immerhin hatte ich in meiner freien Zeit versucht die Verbindung zwischen Mensch und Maschine so weit zu perfektionieren, dass ich mich trauen würde, es bei mir selbst einzusetzen. Ich hatte zwar das Gefühl, noch meilenweit von einem umsetzbaren Entwurf entfernt zu sein, aber in der Situation war Zögern keine Option. Also baute ich das, was ich bisher an Wissen und Fähigkeiten gesammelt hatte, in die Prothesen ein und betete, dass es gut gehen würde. Es war ein ungeplanter Feldtest und ich hätte mich wohl kaum gewagt, das Netz freizugeben, wenn nicht das Schiff selbst die Arbeit überprüft und für gut befunden hätte.

Es dauerte nur Tage, bis Enya sich an ihre neuen Körperteile gewöhnt hatte. Natürlich gab es anfänglich noch Schwierigkeiten und Probleme. Einige Einstellungen waren noch nicht justiert worden und der Ellenbogen bewegte sich nur unsauber, aber nachdem dies alles überwunden war, lernte sie, damit umzugehen. Das künstliche Nervennetz war so gebaut, dass es direkt an die alten Verbindungen anschloss. So war kaum eine Umgewöhnung nötig und sie konnte sich weiterhin unbewusst und mit kaum Einschränkungen bewegen. Dennoch hasste sie ihre Erweiterungen.

Für mich aber war der Beweis erbracht, dass neuronale Netzwerke funktionieren konnten, und zwar besser als die rudimentären Systeme, die Bob konstruiert hatte. Aber es stand immer noch die Frage im Raum, ob die Kommunikation zwischen einem menschlichen Gehirn und dem Computer genau so gut funktionierte. Bei Enya und Bob waren es jeweils nur primitive Kommunikationswege zu den Prothesen gewesen. Bob musste, um seine erweiterten Funktionen nutzen zu können, die Werkzeuge aktiv und bewusst ansprechen.

Was ich wollte, würde weiter gehen müssen. Erweiterungen mussten sich in den Organismus einfügen, als hätten sie nie gefehlt. Ich wollte gemeinsam mit der Maschine denken können, über einen Anschluss mein Gedächtnis um die Datenbanken des gesamten Schiffs erweitern können, mit einem tragbaren Computer meine eigenen Fähigkeiten verbessern.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 162.

Filterblasen

Flo hatte eigentlich nur etwas Neues ausprobieren wollen. Einen Weg an Nachrichten zu kommen, abseits der Tagesschau oder der großen Zeitungen. Erfolgreich war er darin gewesen, wenn auch nicht ganz auf die Art, die ihm vorgeschwebt hatte. Bei näherer Betrachtung war das Internet voller Nachrichten. Die wenigsten davon waren allerdings neu und so oder so, die meisten hatten eine Färbung, die ihn sehr stark nicht nur an der Echtheit der Meldungen zweifeln ließ, sondern auch am gesunden Menschenverstand.

„Sollte ich nicht eigentlich in einer Filterblase leben? Ich dachte immer, die Suchmaschine erstellt Persönlichkeitsprofile und gibt mir nur entsprechend gefärbte Ergebnisse aus. Offenbar hab ich dann immer ein extrem verzerrtes Bild von mir gehabt.“

Kristina antwortete ihm nicht mehr auf seine Frage. Sie war über ihrem Laptop eingeschlafen, auf dem noch die aktuelle Folge ihrer Lieblingsserie lief. Mutter und Tochter tanzten mitten in der Nacht durch einen festlich geschmückten Park voller bunter Lichter. Eine heile kleine Welt, voller Drama, was sich immer durch Gespräche auch wieder lösen ließ. Und was tat sich auf seinem Tablet?

„Schon wieder hat ein Syrer eine Deutsche mit einem Messer angegriffen.“

„Sofortige Abschiebung von Straftätern ist ein Muss, auch in unsichere Herkunftsländer!“

„Kann die CSU die Regierungsbildung noch retten?“

„Wieso eine schärfere Obergrenze unausweichlich ist.“

„Gegen die feindliche ISLAM-Invasion, haltet Deutschland sauber!“

Ja war denn diese Welt völlig bescheuert geworden? Und vor allem: Was musste er angerichtet haben, plötzlich in dieser fremden Filterblase gelandet zu sein? Keine einzige dieser Schlagzeilen klang für ihn nach mehr, als nach erbärmlichem Populismus. Hieß es nicht immer, dass die Algorithmen einem nur die Artikel anzeigen sollten, die einen persönlich mit höherer Wahrscheinlichkeit auch ansprachen? Schließlich sollte man sie anklicken und den entsprechenden Portalbetreibern dadurch Werbeeinnahmen bescheren.

Eines musste er zugeben, die CSU-Meldung hatte ihn immerhin zum Lachen gebracht. Es bedurfte schon einer gehörigen Portion Sarkasmus, zu behaupten, diese Partei könne irgendetwas retten. Besonders, wenn sie bislang mit nichts anderem als Sabotageakten in der betreffenden Angelegenheit von sich hatte reden machen. Dass sie sich nicht schämten, überhaupt ihren eigenen Parteinamen auszusprechen. Aber wieso sollte er sich überhaupt damit befassen?

Viel mehr wunderte er sich sowieso über die letzte Meldung. Nach was musste er gesucht haben, um plötzlich Rechtsaußen gelandet zu sein, bei der Meldung eines „christlichen Heimatschutzvereins“? Flo musste zugeben, dass er sich auch nicht für den Islam begeistern konnte. Aber das galt im gleichen Maße für das Christentum, genau wie alle anderen theistischen Religionen. Sie alle litten an der gleichen epidemischen Geltungssucht und kurzsichtigen Ignoranz. Keine von ihnen war fähig, nachhaltig zu denken und zu agieren. Die Menschheit wäre sicherlich besser dran ohne sie. Aber ein großer Vernichtungskrieg war hier sicherlich der falsche Weg.

Er war sich darüber im Klaren, dass es naiv war. Dennoch genoss er die Illusion, die Menschen würden sich von ihren Krücken befreien, wenn sie nur einmal eine vernünftige Grundbildung erhielten. Besonders im naturwissenschaftlichen Bereich. Das musste doch möglich sein. Und wenn man dann noch eine gemeinsame Sprache beherrschte und miteinander redete … in einer solchen Welt konnte doch kein Platz für Kleingeister sein.

Aber die Realität sah immer noch anders aus und das widerte ihn an. Er schloss die Nachrichtenseiten und startete stattdessen eine Dokumentation über kleine Pandas. Es musste doch unverfänglicher sein, den kleinen roten Fellkugeln beim Toben zuzusehen. Dennoch, seine gute Laune war verflogen. Es waren Tage wie dieser, an denen er an sich selbst zu zweifeln begann.

Er wollte doch eigentlich ein guter Mensch sein, immer den kategorischen Imperativ im Hinterkopf. Seinem Streben nach Selbstverbesserung stand seine eigene Faulheit schon zur Genüge im Weg. Aber wenn er jetzt über die Welt nachdachte, dann fiel ihm auf, dass ihm die Menschen im Krieg eigentlich egal waren. Er kannte keinen Einzigen davon und so oder so gab es viel zu viele. Klar, das war der natürliche Instinkt, der Drang zur Fortpflanzung. Er selbst würde sich auch über Nachwuchs freuen, keine Frage! Aber würde er ihn wirklich in diese Welt setzen wollen?

Zärtlich streichelte er über Kristinas Bauch, während auf dem Bildschirm gerade zwei kleine Pandas zu alberner Musik mit einem Futterspender rangen. Vielleicht würde es ihm ja eines Tages egal werden, aber aktuell noch nicht.

Schwarzes Moor Rhön

Männer sind vom Mars, Kinder vom Mond?

Ich streife durch die Hallen eines großen Einrichtungshauses und habe irgendwo auf dem Weg vergessen, wieso ich eigentlich hier bin und wonach ich suche. Mein Blick streift über moderne, gerade Konturen von Schränken und über verschnörkelte Sessel, die stiltechnisch nicht zu den Räumen passen wollen, in denen sie ausgestellt sind. Zahllose Gesichter schieben sich durch die Gänge, betrachten Möbel und Einrichtungsgegenstände. Jede kleine Lücke ist mit Dekoartikeln gefüllt, ein buntes Sammelsurium von Dingen, deren einziger Zweck es ist, zu existieren oder eine Funktion zu erfüllen, die in einem gewöhnlichen Alltag eigentlich keinen Platz hat.

Die Kundengruppe ist recht jung. Viele junge Erwachsene, die sich ihre ersten Wohnungen einrichten, Paare auf der Suche nach der richtigen Einrichtung für eine hoffentlich lange und glückliche gemeinsame Zeit und Familien mit frischem Nachwuchs, teils vor, teils noch im Bauch. Gedankenverloren biege ich um eine Ecke, streiche über ein angeblich echtes, aber spottbilliges Lammfell und wäre fast über ein kleines Kind gestolpert, welches selig zwischen den großen Gitterboxen sitzt und mit einem Bündel Kleiderbügel spielt.

Zugegeben, das war eine Übertreibung. Es lagen immer noch mehr als ein Meter zwischen dem kleinen Mädchen und mir, ich hätte sie kaum übersehen können und selbst wenn, dann hätte ich gleichzeitig ihren Vater umrennen müssen, der danebenstand. Dennoch fesselt es mich für einen Moment, mit wie viel Begeisterung sich dieses kleine Wesen ein paar einfarbigen Kleiderbügeln aus Plastik widmet. Sie blickt zu mir auf und grinst mich fröhlich an. Es dauert einen Moment, bis ich realisiere, dass sie damit mein Grinsen erwidert. Eine kleine Hand mit riesigem Kleiderbügel darin winkt mir zu und ich tue, was wohl jeder Mensch tun würde und winke zurück.

Rundherum bemerke ich Reaktionen, die ich eher fühlen kann, als dass ich sie bewusst sehen würde. Da ist der Vater, der mir skeptische Blicke zuwirft und sich kaum merklich anspannt, bereit, seine Tochter vor dem seltsamen Typen zu schützen. Zwischen den Weingläsern heben sich die Köpfe zweier Frauen hervor, die mich zwar neutral aber dennoch aufmerksam beobachten und eine junge Mutter, die ihre Zwillinge im Einkaufswagen bereits aus der Abteilung schieben will und durch einen Gehfehler auffällt, dreht sich noch einmal um und sieht mir irritiert nach.

Einzig ein Mädchen, vermutlich noch nicht einmal zwanzig Jahre alt und mit einer bunten Fußmatte in der Hand, guckt an mir vorbei auf das Kind. Auch sie wird von der guten Laune angesteckt und grinst fröhlich, aber bei ihr sieht deswegen niemand hin. Nur ihr Freund, der sie zwar mit einer Zärtlichkeit betrachtet, die jede Disney-Romanze grobschlächtig wirken lässt, aber dennoch etwas besorgt wirkt. Er kennt wohl den Kinderwunsch seiner Partnerin, weiß aber auch, dass es noch zu früh für sie beide ist.

Erst als ich von den Küchenmessern zu den Gardinenstangen komme, festigt sich das Bild von dem, was gerade passiert ist. Ich habe einem kleinen Kind gewunken und damit eine Menge Leute beunruhigt. Wie kommt das? Ich sehe recht durchschnittlich aus, meine Kleidung ist ordentlich und sauber, ebenso ich selbst. Wenn ich das Blut unschuldiger Seelen im Bart oder an den Händen kleben hätte, dann wüsste ich das mit Sicherheit. Aber die einzige Erklärung, die mir nach einigem Nachdenken kommen will, ist, dass Männer einfach keine kleinen Kinder mögen. Wenigstens, solange es nicht ihre eigenen sind. Wenn eine Frau, egal welchen Alters, ein Kind beobachtet, wird sie vielleicht dafür belächelt. Gelten für Männer da wirklich andere Regeln?

In Bus oder Bahn langweilen sich Kinder oft und suchen den Kontakt zu Mitreisenden. Wenn sie sich dafür andere Kinder oder Frauen aussuchen, die auf ihr Spiel eifrig einsteigen, werden sie vielleicht einmal ermahnt, schön ruhig zu bleiben. Wenn ich die neugierigen Blicke mit albernem Kopfwackeln erwidere, ernte ich regelmäßig argwöhnische Blicke. Nicht selten entschuldigen sich die Mütter hastig bei mir, dass ihr Kind mich belästigt hat, um dann schnell die Aufmerksamkeit des Sprösslings auf sich zu ziehen und ihn mit irgendetwas zu unterhalten, auf dass er den Rest des Busses nicht belästigen möge.

Und regelmäßig frage ich mich dann, wie ich in den Augen der Leute gewirkt haben muss. Was habe ich an mir, dass man mich vermeintlich vor dieser klaren und ehrlichen Neugier schützen muss, die aus so vielen Kinderaugen strahlt, ehe sie durch eifriges Ermahnen, stumpfe Monitore und vertröstende Süßigkeiten im Laufe der Jahre immer weiter abstumpfen. Was sehen sie in meinem Lächeln, mit dem ich versuche, ein wenig des ehrlichen Glücks der Zwerge zu spiegeln? Bin ich so gruselig, dass sie ihre Kinder schnell vor meinen Augen schützen wollen?

Und ist das ein Problem, das nur ich habe, oder reicht das weiter? Immerhin fällt es mir immer wieder auf, dass Kabinen mit Wickeltischen in öffentlichen Toiletten zwischen Damen- und Herrentoiletten angeordnet sind, statt in der Damentoilette. Auf den Piktogrammen sind dennoch immer Frauen mit Kindern abgebildet. Männer haben Papa-Zeit und babysitten, Frauen sind halt einfach Mütter. Das ist der Eindruck, den man bekommen kann, wenn man mit offenen Augen und Ohren durch die Stadt läuft, die Menschen am Spielplatz beobachtet oder den Gesprächen an der Supermarktkasse lauscht. Bin ich der Einzige, der sich daran stößt?

So aufgeklärt diese Gesellschaft gerne sein möchte, es erscheint einiges merkwürdig. Eine ganze Serie von Missbrauchsskandalen hat sie Menschen vorsichtig gemacht. So misstrauisch, dass sich Mütter dafür entschuldigen, wenn ihre Kinder ein wenig gute Laune und Farbe in die Welt hinaus tragen wollen und damit die „falschen“ Leute erreichen. Dabei können vielleicht gerade die das gut gebrauchen. Kinder sollen Kinder sein dürfen, aber ohne dass man ihnen den Platz dafür zugesteht.

Mir scheint, wir haben noch viel Arbeit vor uns…

Seattle Fremont Troll

Hinterm Horizont – Teil 11.

Nachdem es letzte Woche leider ausfallen musste geht es heute weiter mit der Reise zu den Sternen und sich selbst. Die Spannungen an Bord waren von Beginn an recht hoch aber haben sich nie wirklich im ganz großen Stil entladen. Dennoch, der Körper passt sich an vieles an, auch an Stresssituationen. Aber welchen Weg wählt man am Ende, um sich in der neuen Situation zurecht zu finden? Will man sich selbst oder die Situation verändern?

 

In unserem Ansehen stürzten sie damit nur noch weiter ab. Es waren die Roboter, die immer wieder bemüht waren, die Wogen zu glätten und uns zu trösten. Sie suchten immer wieder nach Erklärungen und verheimlichten uns, dass die Angriffe auf Roboter und uns Arbeiter in Ansätzen geplant und organisiert worden waren. Sie wussten, dass dadurch die Fronten undurchdringbar verhärtet worden wären. Unsere Angreifer hätten uns als Verräter an dem gesehen, was sie für überlegen hielten, als Kollaborateure mit einem Feind, der an ihrem Sturz arbeitete. Wir hingegen hätten sie als Verräter an der Kolonie gesehen, als Saboteure unseres Schiffs.

Sie verheimlichten uns auch, dass es tatsächlich Sabotageaktionen gegen die Systeme unserer Quartiere gegeben hatte. Sie verheimlichten uns die Sprengsätze, die unter unserem Tisch in der Kantine angebracht worden waren oder die Waffen, die uns in den Korridoren nachgeworfen werden sollten. Sie verheimlichten uns, dass die Rädelsführer dieser Aktionen geschickt in Konflikte verwickelt wurden, um sie auf der Krankenstation sedieren zu können oder im Arrest zu isolieren.

Die Rechtfertigung in der Programmierung hierfür war längst gegeben. Das Schiff und seine Besatzung waren zu schützen. Selbst auf der Erde wären diese Individuen aus dem Verkehr gezogen worden. Dort hätten sie dann Besserungsprogramme durchlaufen und wären wieder in die Gesellschaft eingegliedert worden. Extreme Fälle wären vielleicht für eine Zeit in einer der Strafkolonien beschäftigt worden. So genau konnten wir das nicht einmal sagen. Es gab einfach kaum Präzedenzfälle, wo jemand so ausfällig wurde, dass die Gesetzgebung aufmerksam wurde.

Hier aber waren die Möglichkeiten begrenzt. Personen, die sich als eine Gefahr für Schiff und Besatzung erwiesen hatten, konnte man unmöglich zum Arbeitseinsatz rekrutieren und die Kapazitäten von Krankenstation und Arrestzellen waren begrenzt. Bei der Planung war weder mit vielen Unfällen oder Erkrankungen noch mit sonstigen Zwischenfällen gerechnet worden. Auch nicht von seitens der KI.

Es dauerte nicht lange, bis die Zellen gefüllt waren und es immer schwieriger für die Roboter wurde, die alte Besatzung im Zaum zu halten. Langeweile lässt Menschen kreativ werden und wer sich hier aus seinem apathischen Zustand befreien und sich von den Fenstern lösen konnte, der hatte viel Langeweile, falls er keine Arbeit fand. Nur den Weg der Arbeit wählten nur wenige. Unser Start würde bald zwei Jahre zurückliegen und selbst die hartnäckigsten Geister gewöhnten sich irgendwann an ihren Schock.

Gerade einmal drei neue Gesichter fanden in diesen Tagen den Weg in unsere Gruppe. Der Schock über einen Maschinenmenschen mochte sie aus der Starre gerissen haben, doch die Neugier überwog am Ende den Ekel. Sie mochten uns nicht einmal unähnlich sein, dennoch wurden sie mit großem Misstrauen, Zurückhaltung und Vorsicht aufgenommen. Aber sie blieben, und während sie es langsam schafften, in unseren Augen von den wertlosen Faulpelzen vor den Fenstern und den Raufbolden in der Bar zu wertvollen Kollegen aufzusteigen, lernten sie mit Beharrlichkeit die Roboter als Freunde und Partner zu schätzen. Auch sie erfuhren die Ablehnung der Besatzung und auch sie taten sich schwer damit, diese Ablehnung nachzuvollziehen.

Und dann holte uns die Kreativität doch noch ein. Verborgen im Abfall waren Kanister mit Flüssigkeiten und Pulvern gewesen. Jede für sich harmlos, doch in der Kombination leicht entzündlich. Die Explosion zerstörte den Reißwolf der Wiederaufbereitungsanlage und Enyas linke Körperhälfte. Mit viel Ausdauer hatten die Roboter versucht uns vor genau diesen Situationen zu schützen und sie vor uns zu verheimlichen doch vom einen Moment auf den anderen war nichts mehr, wie es einmal war. Unsere eigene Art hatte uns verraten und den Krieg erklärt. Nicht die Roboter waren es gewesen, obwohl die Geschichten der letzten zweihundert Jahre immer davor gewarnt hatten. Nicht sie waren die Bösen gewesen, sondern Menschen, die es nicht verkraften konnten, dass sich ihr Horizont geändert hatte.

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