Hörsaalgetuschel – Ausgabe 163.

Ich habe überlegt, ob ich den heutigen Beitrag wirklich veröffentlichen möchte. Er bespielt ein etwas unbequemes Thema und könnte ggf. jemandem fies aufstoßen. Für diejenigen, die wissen, dass ich auch immer wieder einzelne Themen aus meinem Leben und Umfeld zu Geschichten umbaue: Keine Sorge, es ist alles in Ordnung hier 😉 Das ist fiktional.

SVV

Ein wenig bedauerte Erik es, nichts zu spüren, als er Marlene die Tür öffnete. Ähnlich bedauerte er, überhaupt die Tür geöffnet zu haben, aber in seinem allgemein recht nebligen Gehirn, war ihm spontan kein hinreichend guter Grund dagegen eingefallen. Jetzt kamen zwar die Gründe, doch es war bereits zu spät. Marlene war da und sah sich skeptisch um.

Wieso muss ich bloß immer so ein Glück bei der Wahl meiner Männer haben?“ ging es ihr durch den Kopf. Völlig berechtigt seufzte sie schwer. Ihr Blick fiel auf Eriks gleichgültige, maskenhaft unbewegte Mine, auf den rotbraunen Fleck an der Wand und, als er sich umdrehte, um die Tür hinter ihr zu schließen, auf seinen Hinterkopf. Die eh schon strähnigen blonden Haare waren durch das krustige Blut nur noch ungepflegter geworden. Schweigend setzte sie sich auf die Bettkante und sah ihn an.

„Kann ich dir etwas zu trinken anbieten?“

Erik mühte sich um keine Phrasen wie „schön, dass du da bist.“ Sie hätten beide gewusst, dass es gelogen war. Er hätte nicht gewollt, dass sie ihn so sah, aber jetzt gerade war es ihm ohnehin egal. Alles war ihm egal. Auch die Kopfschmerzen störten ihn nicht, er konnte sie sich später immer noch aus dem Kopf schlagen. Stattdessen zwang er sich, eine Tasse Tee für seinen Besuch zusammenzubekommen. Er fühlte sich schlapp und seine Arme zitterten, als er den Wasserkocher aus dem Waschbecken hob.

„Warum hast du es getan?“

Die Frage klang so unschuldig und harmlos. Sie beide wussten, es würde keine Antwort darauf geben. Marlene konnte sich denken, dass es nicht zum ersten Mal so weit gekommen war. Erik zuckte nur unbestimmt mit den Schultern. Durch seinen dichten geistigen Nebel hindurch fand er einen Teebeutel einer beliebigen Sorte. Vermutlich war es Pfefferminz oder ein Beerentee. Unverfänglich und daher sicherlich geeignet.

Er würde ihr nicht sagen, dass er es getan hatte, weil es sich gut anfühlte. Das war nicht die Antwort, auf die sie hinaus wollte. Sie wollte wissen, wieso es sich gut anfühlte und wie es vorher gewesen war. Den ersten Punkt konnte er nicht beantworten, den Zweiten wollte er nicht. Das war ja der Sinn der Sache gewesen, sich nicht mehr damit befassen zu müssen. Hinfort mit der Anspannung, dem Herzrasen, dem widerlichen Geschmack auf der Zunge und der ewig hysterisch schreienden Stimme in seinem Kopf. Hinfort mit dem Drang, hinauszugehen und weg zu rennen, irgendwohin ganz weit weg, wo ihn niemand fand. Er wollte sich keinen Wecker mehr stellen, der ihm vorschrieb, duschen oder essen zu müssen. Lästige aber notwendige Zeitverschwendung, die er dennoch zu oft ausließ. Nicht, dass er die Zeit stattdessen nicht anders verschwendet hätte.

Sie nahm ihm den fertigen Tee ab und sah ihn mit ehrlicher Sorge an. In ihrem Blick lag keine Verurteilung oder Tadel, wie er es von Mia kannte, wenn er etwas anders gemacht hatte, als sie es sich vorstellte. Es war einfach offene und ehrliche Anteilnahme. Konnte diese Frau ihre Gefühle eigentlich verbergen, wenn sie es wollte? Konnte sie lügen, wenn es sein musste? Erik konnte es sich nicht vorstellen.

Er musste dringend aufhören nachzudenken. In seinem Hinterkopf begann es bereits wieder zu kribbeln und das Gefühl von Luftblasen, die sich durch zähen Sirup kämpften, knetete seinen Brustkorb von innen durch. Mit Mühe widerstand er dem Zwang, sich wieder an die Wand zu stellen und sich jede Gefühlsregung aus dem Kopf zu schlagen. Stattdessen setzte er sich neben Marlene auf die Bettkante und war ein ganz kleines Bisschen stolz, wenigstens diese Spur Kontrolle zurück erlangt zu haben.

Kontrolle. Um die hatte er sich immer bemüht. Jetzt hatte er sie vollends verloren. Das hier war nichts mehr, was er abtun konnte. Beim Blick auf den blutigen Fleck war ihm das deutlich. Es war in einem Ausmaß eskaliert, das er nie hätte zulassen dürfen. Wieder stieg Panik in ihm auf und wieder rang er sie nieder. Dieses Mal konnte er es noch schaffen, aber bald würde ihm die Kraft ausgehen. Was würde dann werden? Wer würde überhaupt etwas davon mitbekommen? Wer würde sich daran stören? Er durchforstete seine Erinnerungen und fand nur graue Schleier. War da echt niemand mehr, der wichtig war? Da musste jemand sein. Voller Verzweiflung rannte er durch ein Labyrinth grauer, imaginärer Wände und Bilder. Von außen war davon nur zu sehen, wie er vor Anstrengung zitterte.

Marlene konnte sich keine Vorstellungen davon machen, was gerade in seinem Kopf vor sich ging. Sie konnte allerdings sehen, dass er litt. Dafür, dass er den Weg in die reale Welt nicht geschafft hatte, sprach auch, dass in ihrer Tasse zwei Teebeutel schwammen. Einmal liebliche Himbeere, einmal Pfefferminz. Die Mischung harmonierte nicht gut.

In einem Versuch, etwas Trost und Kraft zu spenden, stellte sie die Tasse beiseite und legte ihren Arm um seine Schultern. Als Reaktion darauf zerbrach er unter ihren Händen. Hilflos streichelte sie über das Häufchen aus verkrustetem Blut und frischen Tränen neben ihr. Sie konnte nur abwarten, ihn dann unter die Dusche scheuchen und in der Zeit den nächsten psychologischen Notdienst finden. Für sie war das hier eine ganze Reihe von Hausnummern zu groß.

Falls Du selbst Schwierigkeiten mit solchen Themen hast, oder jemanden kennst… Warte nicht darauf, bis es so eskaliert, wie bei Erik hier. Es gibt Leute, die nur dafür da sind, da wieder raus zu helfen. Ausreden gibt es nicht, sie sind leicht zu finden. Eine kleine Übersicht und Hilfestellung gibt es beispielsweise auf Achterbahn.Ninja.

Schwarzes Moor

3 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 163.

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