Hörsaalgetuschel – Ausgabe 164.

Bahnbaustellen

Es war das erste Mal in diesem Frühjahr, dass Flo auffiel, wie die Tage länger wurden. Das erste Mal, dass es noch hell war, als er im Zug nach Hause saß. Es fiel ihm nicht auf, dass der Grund dafür war, dass er heute einfach eine Stunde früher auf dem Weg war. Dafür hatte er die letzten Nächte zu schlecht geschlafen und war nun übermüdet.

Das ruppige Schwanken der Waggons bei jeder Weiche rüttelte ihn immer wieder wach, ansonsten wäre er vermutlich eingeschlafen und hätte am Ende noch seine Haltestelle verpasst. Eine trostlose Landschaft aus kahlen Bäumen und heruntergekommenen Lagerhäusern zog draußen vorbei. Mit etwas Glück konnte man sogar ein Reh sehen, welches auf einem der blanken Äcker stand und die ersten zaghaften Pflanzen anknabberte. Manch einer mochte den Anblick idyllisch finden, voller romantischer Melancholie. Flo hingegen hoffte einfach nur, dass die dicken Wolken den Regen zurückhalten konnten, bis er zuhause war.

„…was ich dir schon die ganze Zeit sage. Die wollen einfach nicht arbeiten. Natürlich wird das dann nie fertig. Wieso müssen wir die also von unseren Steuern mit durchfüttern?“

„Kerl, du arbeitest seit drei Jahren nur schwarz. Du zahlst doch nicht einmal Steuern, also wieso regt dich das so auf?“

Ein Gesprächsfetzen, der zwischen den Sitzen hervor in eine Lücke zwischen zwei Musikstücken drang, veranlasste Flo, seine Musik leiser zu machen. Er war neugierig, welche Absurdität hier wieder die natürliche voyeuristische Neugier befriedigen konnte.

„Aber ich arbeite wenigstens und versorge mich selbst. Ich meine … warte, guck mal raus, da gleich … Moment noch … hier! Hast du gesehen?“

Der Zug war für eine kurze Strecke etwas langsamer geworden und dann an einer Gruppe von fünf Gleisarbeitern vorbei gerauscht, die darauf warteten, dass das Gleis wieder frei wurde, und sie ihre Arbeit fortführen konnten. Die Gesprächspartner auf dem Sitz hinter ihm sahen das offenbar etwas anders.

„Siehst du, die stehen die ganze Zeit nur herum. Kein Wunder, dass die Baustelle hier nicht fertig wird. Das hat die Bahn davon, wenn sie nur Nafris einstellen.“

Flo konnte nicht erkennen, ob die gemurmelte Antwort eher Zustimmung oder Missbilligung beinhaltete. Abgesehen davon hatte er keine Ahnung, was genau der Ausdruck „Nafri“ bedeuten sollte, aber er hatte den Verdacht, dass es nichts Positives war. Damit schien der spannende Teil des Gesprächs auch schon wieder vorbei zu sein. Mit allem Weiteren hatte Flo den Eindruck, nur seine Zeit zu vergeuden.

„Wenn du da arbeiten würdest, dann wäre die Baustelle also längst fertig, meinst du?“

„Ja natürlich, aber ich bin doch nicht bescheuert und arbeite für die Bahn. Im Leben würde ich das nicht tun.“

„Das hat nicht zufällig damit zu tun, dass sie deine Bewerbung abgelehnt haben, weil du dank deiner Schwarzarbeit schon so lange arbeitslos gemeldet bist? Du meintest da doch mal irgendwas wegen Rentenanspruch.“

„Fick dich, alter!“

Das betretene Schweigen, welches folgte, ließ vermuten, dass es ein Volltreffer ins Schwarze gewesen war. War es das, was man so gerne als Karma bezeichnete? Das Problem waren hier ganz sicher keine „Nafris“, sondern schlicht die eigene Einstellung. Alles Weitere war nur Projektion des eigenen Frusts. Man musste nicht Psychologie studieren, um das zu erkennen.

railway-station-1363771_1280

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s