Hörsaalgetuschel – Ausgabe 166.

Kontrollverlust

„Ich verliere halt einfach die Kontrolle über mein Leben. Ich stehe auf, weil ich ja nicht den ganzen Tag im Bett liegen kann, gehe duschen, weil es im Zeitplan steht, lasse den Bart stehen, weil das die Mühe zum Rasieren spart, und esse, weil man das halt so macht und ich das schon immer gemacht habe. Ich mein, ich kann es ja auch einfach bleiben lassen. Letztens habe ich es für zwei Tage vergessen und es war auch okay, also wieso isst man überhaupt? Ich verstehe, wieso man duscht. Es ist einfach eine Frage der Höflichkeit, wenn man die Wohnung verlässt. Das Gleiche gilt fürs Zähneputzen. Das Problem ist meines, jemanden anderes da mit hinein zu ziehen wäre unfair. Aber für die Tage, an denen nicht absehbar ist, dass man aus dem Haus kommt, hilft nur der Kalender. Hat man halt immer so gemacht, macht man also weiter. Aus der Konditionierung heraus, nicht aus der Motivation.“

„Und außerdem bist du völlig betrunken. Ein Wunder, dass du noch geradeaus denken kannst. Vielleicht solltest du Alkohol zu deiner Liste von möglichen Problemen mit hinzufügen?“

„Und das aus deinem Mund. Siehst du, das meine ich halt. Wir werden langsam alt. Sogar du bekommst dein Leben auf die Reihe und immerhin warst du derjenige, der immer nur auf Saufen und Party aus war. Da hast du auch nie einen Grund gebraucht aber es trotzdem irgendwie gepackt. Aber aus welchem Grund machen wir das hier alles? Aus welchem Grund soll ich den Master fertig machen? Nur um danach trotzdem nichts zu haben, womit ich weiter machen kann?“

Flo grübelte eine Weile über diese Worte und seinem ersten Bier. Erik hatte nicht völlig unrecht, sie wurden alle nicht jünger. Es stimmte auch, dass sein Leben einen gewissen Alltag bekommen hatte, eine gleichmäßige, beständige Ruhe. Aber er fühlte sich sehr wohl damit und sah die Möglichkeiten, die es ihm für die Zukunft bot. Kristina und er würden eine Familie gründen können und vielleicht eines Tages ein eigenes Haus beziehen. Erik hatte bereits lange vor ihm diese Pläne gehabt. Er war mit Mia zwar nicht immer glücklich gewesen, aber es war für ihn wohl der logische Schritt gewesen. Jetzt kam er aus dieser Bahn nicht mehr heraus und sah keinen Grund mehr, irgendetwas fortzuführen.

„Warst du eigentlich inzwischen mal bei der Beratung? Wenigstens bei einer davon? Ich habe dir doch ein paar Adressen gegeben.“

Erik leerte neben ihm sein Bier und bestellte gleich ein neues. Es musste bereits sein zehntes sein. Mit etwas Fantasie konnte man das Kopfwackeln als Nicken deuten.

„Ich habe angerufen und nach einem Termin gefragt. In drei Monaten wäre etwas frei, meinten sie. Marlene ist etwas durchgedreht, als ich ihr das erzählt habe. Sie ist dann mit mir wo hingegangen und es gab sofort ein Erstgespräch. Es war etwas merkwürdig, weil sie vorher noch kurz mit der Therapeutin geredet hat und da klang es so, als wäre ich drauf und dran von der Brücke zu springen.“

„Und das warst du nicht?“

„Nein! Also nicht sofort. Aber das ist doch völlig unerheblich.“

„Doch, es ist erheblich. Du bist ein akuter Fall, deswegen hat sie dich auch hin geschleift und den Termin ausgemacht. Dir ist es einfach inzwischen zu egal. Du würdest dich mit einem Termin in nem Jahr abspeisen lassen und in der Zwischenzeit einfach verschwinden, um niemandem Sorgen zu bereiten. Aber so funktioniert das nicht. Wir bringen dich jetzt erst einmal wieder auf die Kette, danach kannst du uns immer noch die Meinung darüber geigen.“

Oh und wie er ihm die Meinung geigen würde. Flo hatte sich bereits mit Marlene darüber unterhalten und auch wenn sie nie vor hatte, Psychologie zu studieren, wusste sie doch, dass Erik für eine Weile stationär behandelt werden würde und das war nicht nach seinem Geschmack.

Market Theater

6 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 166.

  1. Stella, oh, Stella

    Das wirft für mich die Frage auf, inwieweit man als Freund oder Angehöriger das Recht hat, sich einzumischen, wenn jemand zu nichts mehr „Bock“ hat. Ist das kankhaft oder eine logische Schlussfolgerung aus dem Erlebten? Hat man nicht das Recht auf Bocklosigkeit? Besonders angesichts der ewigen Sisyphus-Tätigkeiten … 😉

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    1. dergrafvonborg Autor

      Vielleicht ist es da ein Unterschied, welche Färbung dieses „Kein Bock“ hat. Wenn es tatsächlich mit Depression belastet ist, dann ist es was anderes, als einfach nur mal keine Lust. Und besonders, wenn es sich über Monate hin zieht, dann darf man sich auch mal Sorgen um seine Freunde machen (finde ich).

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      1. Stella, oh, Stella

        Natürlich macht man sich Sorgen, das ist ganz klar. Wenn es sich um eine Depression handelt, würde ich sicher auch versuchen, einzuwirken. Aber die Medikamente, die heutzutage verabreicht werden, schaden eigentlich mehr als sie helfen. Die Nebenwirkungen sind enorm, und nur 1 von 10 Patienten erfährt eine positive Wirkung,

        Eigentlich geht es mir wohl darum, dass man Verantwortung hat, wenn man nicht eingreift, aber auch wenn man eingreift und eine andere Person zu etwas drängt. Das muss man dann abwägen.

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      2. dergrafvonborg Autor

        Vielleicht kommt man gelegentlich um Medikamente herum. Ab und an reicht Hilfe zur Selbsthilfe aber auch die muss eher von einem Profi angeleitet werden. Man will ja nicht noch mehr Schaden anrichten. Nur wenn jemand in einem tiefen Loch sitzt und so gar nicht mehr heraus schafft, dann braucht er vielleicht mal einen kleinen Schubser.

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  2. kolumnalpolitik

    „Aber aus welchem Grund machen wir das hier alles? Aus welchem Grund soll ich den Master fertig machen? Nur um danach trotzdem nichts zu haben, womit ich weiter machen kann?“

    Frage ich mich auch. Schöner Inhalt, manche Passagen holpern aber sprachlich ein wenig (z.B. hier: „Flo grübelte eine Weile über diese Worte und seinem ersten Bier.“).

    Auch schön, dass studentisches Betrinken und die Depressionen, die bei Studenten ja anscheinend auch auf dem Vormarsch sind, hier beieinander stehen. Ich denke, dass viel dieser Partykultur (der ich auch bereits arg gefrönt habe) auch der Realitätsflucht dient – dann merkt man nicht so, dass man keinen Bock hat. Man denkt dann, man hat Kater 😉

    Den keinen Bock kann ich durchaus auch verstehen. Wieso fertig werden, wenn man hinterher ewig arbeiten muss? Das womöglich noch ohne Rente, uff.

    Grüße! 🙂

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    1. dergrafvonborg Autor

      Vielen Dank für deine Kritik. Ich gebe zu, ich habe überlegt, den Satz anders zu schreiben. Es war der unglückliche Versuch, mal kreativ mit Worten umzugehen. Nächstes mal höre ich besser auf mein Gefühl.
      Bei Erik hängt die Depression glaube ich am ehesten damit zusammen, dass er jetzt, wo Mia ihn abgeschossen hat, keine Entschuldigung mehr hat. Er muss halt selber ran, denn Hausmann und Papa ist keine Option mehr.
      Ewig arbeiten… wenn man denn Arbeit findet. Der Kampf darum, und dann das ganze auch noch ohne die Aussicht auf Rente, dafür aber ein Sozialsystem nach US Vorbild. Wer würde das nicht verlockend finden? 😉

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