Hörsaalgetuschel – Ausgabe 170.

Wartezeit

Flo schämte sich nicht zuzugeben, dass er neidisch auf Steffi war. Drei Wochen hatte sie Urlaub gehabt, war durch Mexiko und Teile Mittelamerikas gereist. Drei Wochen lang hatte er Fotos von ihr geschickt bekommen, wie sie mit ihrem Freund am Strand lag, antike Ruinen erforschte, durch dichte grüne Wälder streifte oder durch die Gassen verträumter und weniger verträumter Städte schlenderte. Drei Wochen, die er im Büro mit seinem Praktikum zugebracht hatte. Beinahe fühlte er sich etwas schlecht sich darüber zu freuen, dass sie jetzt wieder zurück war und sein Leben teilte. Aber eigentlich freute er sich mehr, dass sie jetzt die Zeit fanden, alle gemeinsam den Abend in der Bar verbringen zu können.

Er hatte mit einem Abend voller Abenteuergeschichten gerechnet, immerhin waren die Fotos alle recht beeindruckend gewesen. Es stellte sich aber schnell heraus, dass die Fotomotive wohl gewählte Highlights waren, zwischen verstopften Straßen, massenhaft Strandverkäufern, die ihnen jede Menge schlecht produzierter Souvenirs verkaufen wollten und Hotels, bei denen man sich wunderte, dass mehr Menschen als Kakerlaken im Pool schwammen. Es ist also nicht alles Gold, was auf Social Media so schön glänzt.

Stattdessen kam das Gespräch schnell auf ein anderes Thema. Denn genau wie Flo hatte auch Steffi bereits den halben Monat auf eine Mail gewartet, die ihnen versprochen worden war, aber einfach nicht kommen wollte. Während ihres Urlaubs hatte sie immer wieder ein Auge auf das Mailfach geworfen und sich gewundert. War die Mail nur einfach nicht angekommen? Wäre sie da gewesen, hätte sie vielleicht einmal angerufen. Aber so richtete sie ihre Frage stattdessen an Flo.

„Sag mal, hast du eigentlich in der Zwischenzeit etwas wegen des Tutoriums gehört? Er meinte doch, sie würden die Unterlagen nur noch fertig machen und uns dann Bescheid geben. Ich habe jetzt die Mails immer überwacht aber es kam nie etwas.“

„Ich habe auch noch nichts bekommen. Vermutlich ist es unter die Räder gekommen, denn ich war letzte Woche da, habe ihn noch einmal dran erinnert und er hat es sich aufgeschrieben.“

„Es lief also noch überhaupt nicht?“

„Nein. Er meinte zwar, es hätte längst laufen sollen, aber draus geworden ist wohl nichts. Wieso, konnte er mir nicht sagen. Aber das läuft wohl auch nicht über ihn. Er macht zwar die Vorlesung dazu und hält die Übung, aber das ist eigentlich nicht einmal sein Lehrstuhl, von dem die Veranstaltung kommt.“

„Ich werde diese Uni nie verstehen. Aber jetzt weiß ich wenigstens auch, was du meintest, als du gesagt hast, du wärst erst einmal vorsichtig. Ich hätte nicht erwartet, dass es ein solches Chaos geben kann, über ein paar HiWi-Verträge.“

Flo konnte sich nur denken, dass es einfach im allgemeinen Chaos untergegangen ist, die Papiere längst fertig da lagen und irgendwo unter irgendwelchen Anträgen auf den Schreibtischen sedimentierten. Irgendwann würde dann, lange, nachdem eine neue Version gedruckt, unterschrieben und abgeheftet war, bei einer Aufräumaktion in ferner Zukunft ein beinahe schon metamorph überprägter Stapel an Papieren zum Vorschein kommen und ohne weitere Beachtung in den Papiermüll wandern. Denn so funktionierte Nachhaltigkeit an der Uni einfach.

Sie einigten sich darauf, dem Lehrstuhl noch eine Woche Zeit zu geben, bevor sie sich melden wollten. Der letzte Tag sollte der sein, an dem dann doch noch die erwartete Mail eintraf.

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