Hörsaalgetuschel – Ausgabe 171.

Heute leider einmal gründlich verspätet, denn das Wochenende ist mit strahlendem Sonnenschein und wunderbaren Temperaturen im Gepäck gekommen. Da muss man doch raus und hat keine Zeit, irgendwelche Geschichten auf ominösen Webbloggs zu lesen. 😉

Rehabilitation

„Was hat sich denn nun eigentlich mit dem Job ergeben? Du meintest doch, der Lehrstuhl hätte sich endlich gemeldet.“

Flo war der Ansicht, dass Erik sich deutlich gebessert hatte. Er war wieder dazu übergegangen regelmäßig zu duschen, trug saubere Kleidung, hatte sich rasiert und wirkte generell wieder etwas wacher, anwesender und neugieriger. Sein Zimmer war aufgeräumt, wenn auch immer noch etwas staubig, aber im Großen und Ganzen sauber. Immerhin hörte er ihm zu und zeigte dies auch noch durch passende Fragen. Das alles war im letzten halben Jahr durchaus sehr viel anders gewesen. Flo hatte sich dabei bereits so sehr an den „neuen“ Erik gewöhnt, dass er nun eine Weile brauchte, um sich zu erinnern, dass er ihm ja bereits vor einer Woche von der ausstehenden Hiwi Stelle erzählt hatte.

„Ja, sieht so aus, als würde er was werden. Unterschrieben ist noch nichts, aber bei dem Lehrstuhl wundert mich das nicht. Sie haben uns jetzt aber immerhin mal zu einer Besprechung in zwei Wochen eingeladen und wollen bis dahin wissen, wer welchen Termin übernimmt. Hatten sie dich nicht auch gefragt?“

Erik spülte seine letzte Kaffeetasse und räumte sie zum Trocknen ins Trockenreck. Eine weitere Eigenschaft, die so langsam wieder zurück kam. Er bekam

„Nein, haben sie tatsächlich nicht. Ich meine, es hätte mich gewundert, wenn sie mich gefragt hätten. Die haben ja meine Hausarbeit auch vorliegen und du meintest ja auch, er hat dich angesprochen, weil du von der Persönlichkeit her auf das Profil passt. Der weiß selbst, dass ich nicht angenommen hätte. Ich mache keinen Job mit Kundenkontakt.“

„Hast du denn wieder was?“

„Noch nicht, aber ich bin dran. Habe ein Angebot bekommen, von da, wo ich schon mein Praktikum im Bachelor gemacht hatte. Den Job kann ich mir dann auch wieder als Praktikum anrechnen lassen.“

„Dann ist es wenigstens ein bezahltes Praktikum. Hat auch seine Vorteile.“

„Stimmt, es kann schließlich nicht jeder Überzeugungstäter sein. Wie geht es eigentlich Kristina?“

„Ganz gut soweit. Viel Arbeit natürlich, aber demnächst hat sie ein paar Tage vor Semesterbeginn frei, da wollten wir mal weg fahren. Wie sieht es denn bei dir aus? Was ist mit Marlene geworden? Sie hieß doch so, oder?“

Erik warf einen vorsichtigen Blick in einen Topf, den er im Kühlschrank gefunden hatte, und stellte erfreut fest, dass der Inhalt etwas angetrocknet aber noch genießbar war. Für den Abend wanderte er zurück in den Kühlschrank.

„Oh ja, läuft ganz gut, wenn man so will. Kommt vielleicht etwas auf die Betrachtungsweise an.“ Flo hob fragend die Augenbrauen. „Nicht falsch verstehen, sie ist eine tolle Frau. Zuckersüß, wunderschön, intelligent, und leider völlig durchgeknallt. Sie hat ein Helfersyndrom und sucht sich wohl unbewusst immer die Männer, bei denen es etwas zu reparieren gibt.“

„Also bist du ihr Projekt und sie will dich reparieren?“

„Nein, das kann sie nicht. Aber ja, ich glaube, das ist es, was mich für sie interessant macht. Sie will immer anderen helfen, oder zu Hilfe verhelfen, aber selbst sieht sie nicht ein, dass sie Hilfe braucht. Ich komme ja wieder aus meinem Loch raus, aber sie sieht nicht einmal ein, dass sie in einem drin steckt. Deswegen wird es am Ende wohl nicht klappen, auch wenn es zur Zeit noch sehr schön ist. Sie braucht mich halt, um glücklich zu sein, aber ich bin nicht auf sie angewiesen. Wir müssen also etwas finden, um sie auf eigene Füße zu stellen. Wenn das klappen sollte, dann kann es funktionieren. Aber wie überzeugt man jemanden davon, dass er Hilfe braucht, der in dem festen Glauben ist, alles würde gut werden, wenn man nur jemand anderem hilft?“

Flo verstand, was Erik damit meinte. Und er spürte Eriks leise Hoffnung, ihr doch noch helfen zu können und vielleicht jemandem an seiner Seite zu haben, der er auf Augenhöhe begegnen konnte, vielleicht zum ersten mal seit … immer.

Steinwands Hauskatze

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