Archiv der Kategorie: Allgemein

Das ewige Leid mit Ubisoft…

Ich spiele vielleicht nicht oft aber dafür sehr gerne. Umso mehr ärgert es mich, wenn dieses rare Vergnügen dann durch ausgemachten Blödsinn torpediert wird. Der Publisher Ubisoft scheint sich daraus allerdings einen Sport zu machen. Er legt seinen Kunden Ketten an und versucht das dann als eleganten Schmuck zu verkaufen. Wieso ist es dermaßen unerwünscht, dass man die Spiele auch spielt? War das nicht einmal genau deren Sinn und Zweck?

Sehr geehrter U-Play Support,

Nach langem hin und her habe ich mich entschlossen, euch eine Anfrage zu einem Problem zu schicken, entgegen jeglicher Erwartung auf Besserung, da es sich um eine Grundsatzfrage handelt.

Ich habe vor einiger Zeit das Ubisoft Spiel „Anno 2070 – Die Tiefsee“ gekauft. Um es zu spielen, ist es leider erforderlich U-Play zu installieren. Diese Maleware hatte wohl den Hintergrund, als DRM-Schutz aktiv zu sein. Wenn man das Spiel über Steam kauft, sollte dieser Punkt eigentlich obsolet sein aber gut, das entspricht offensichtlich nicht der Firmenpolitik.

Für eine Weile hat das Spiel dann auch funktioniert und mit dem Spiel selbst gab es wohl auch überhaupt kein Problem. Das Problem war U-Play, was es zu einem Akt gemacht hat, es überhaupt erst zu starten! Man wird von unerwünschten „Features“ und Werbung erschlagen, es ist unübersichtlich und einfach eine Dreistigkeit. Besonders seit Tag X, an dem sich euer werter U-Play Launcher kaputt gepatcht hat, und nicht mehr starten wollte. Gut, ein fehlgeschlagenes Update, das kann mal passieren. Nach ein paar Tagen sollte so etwas erledigt sein und alles wieder funktionieren. Dafür habe ich schließlich Geld bezahlt und das Spiel gekauft.

Ubisoft will nur leider seinen Teil des Vertrages nicht einhalten und tut für sein Geld nichts!

Ich muss selbst aktiv werden um mich durch Foren und Supportseiten wühlen, um manuell ein Programm zu reparieren, welches ich nicht haben will und welches für mich als zahlender Spieler mit keinem irgendwie geartetem Nutzen verbunden ist! Anfangs hatte es ja funktioniert also ist der logische Schluss, dass es ja wieder funktionieren muss, wenn ich es nur neu installiere. Tatsächlich, der Launcher startet, sucht ein Update und stirbt wieder. Das ist ein nicht tragbarer Zustand!

Mehr noch, es zwingt mich in die Illegalität. Um das Spiel, welches ich theoretisch legal gekauft habe, zu spielen, muss ich anscheinend eine gecrackte, illegale Version verwenden, die auf U-Play verzichten kann. Wie soll ich auf diese Weise die Entwickler des Spiels (Related Design), welche gute Arbeit geleistet haben, für eben diese entlohnen?

Das Spiel selbst ist gut und macht großen Spaß, auch wenn ich nur selten die Zeit habe, es zu spielen. Leider ist es durch die oben genannten Umstände (U-Play Launcher und damit auch das Spiel startet nicht, U-Play selbst), unspielbar geworden. Ein Zustand, den ich höchst bedauerlich finde.

Zur Lösung dieses Problems möchte ich euch bitten, die Bindung an U-Play zu lösen oder jenes selbst deutlich zu verbessern (sprich aufzuräumen und vor allem aus dem Spiel selbst raus halten!). Im Moment ist es vergleichbar mit folgender Analogie: Du möchtest eine Tasse Kaffee trinken und gibst dem Automaten dafür das Geld. Schwarz soll er sein, einfach nur ein Kaffee. Der Automat liefert den Kaffee, gießt aber gleichzeitig die halbe Tasse voll mit Zucker und Milch. Noch bevor du dir deinen zwar trinkbaren aber doch etwas entstellten Kaffee nehmen kannst, musst du dich nun zunächst durch Werbung für laktosefreie-, fettfreie- und Kondensmilch sowie für ökologischen Rohrzucker aus Peru oder Fairtrade Fruchtzucker aus den Karpaten schlagen, die der Automat ebenfalls anbietet. Zu guter Letzt stürzt der Automat über das Einblenden der Werbung ab. Dabei wolltest du doch einfach nur einen Kaffee.

Mit enttäuschten Grüßen

ein vermutlich ‚ehemaliger‘ Kunde.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 6

Verkehrte Welt

Mia war sauer. Sie zählte auf eine exakte Zeitplanung und liebte Zuverlässigkeit. Ebenso zählte ein gesprochenes Wort für sie als verbindlich. Spontanität war keine ihrer Stärken, dafür hatte sie Erik, und ansonsten nichts übrig.

„Okay, damit ich das richtig verstanden habe, Thomas. Ich hab dich vor zwei Wochen gefragt ob du am Freitag, also morgen, in die Vorlesung gehen kannst und alles mitschreiben kannst weil Erik und ich nicht da sein können. Du hast da ja gesagt und jetzt ist dir gestern aufgefallen, dass du lieber nach Hause fährst weil deine Schwester am Samstag Geburtstag hat?“

„Genau. Tut mir Leid aber Familie kann man sich halt nicht aussuchen. Das kennst du ja.“

„Und das fällt dir jetzt ein, so ganz spontan und nebenbei? Wer schreibt für dich die Vorlesung mit?“

„Eigentlich dachte ich, dass du das machen könntest. Ich hatte vergessen, dass ihr nicht da sein könnt. Aber keine Sorge, ich finde schon wen.“

„Das will ich ja wohl hoffen! Du hattest es versprochen aber gut, dann weiß ich ja, bei wem es was wert ist.“

„Ich sagte doch es tut mir Leid, und ich finde schon noch wen. Es gibt ja genug Leute, die man fragen kann.“

„Nicht Annika. Auf ein Blatt voller Blümchen und Herzen kann ich verzichten.“

Mia überlegte einen Moment, ob sie Thomas einfach stehen lassen sollte. Egal was jetzt noch kommen würde, sie lief Gefahr, die Kontrolle zu verlieren und gemein zu werden. Auch wenn sie für Thomas nie viel übrig gehabt hatte, das wollte sie dann doch nicht. Immerhin verstand sich Erik recht gut mit ihm. Und wieso kümmerte sich Erik eigentlich nicht einfach darum wen zu finden? Sie konnte sich schließlich nicht um alles kümmern.

Momente später schwankte Flo in den Raum. Verkatert wie immer, im Halbschlaf und der Jacke auf links. Sein Blick umrundete die Welt ehe er registriert hatte, was um ihn herum gerade passierte aber erfassen konnte er es trotzdem nicht.

„Wasn los hier? Ihr guckt ja alle, als wäre jemand gestorben.“

„Ja, es ist jemand gestorben. Mein Opa. Freitag ist seine Beerdigung und Thomas hätte für Erik und mich die Vorlesung mitschreiben sollen aber der werte Herr hat es sich anders überlegt.“

„Ich sehe dein Problem nicht. Dann mach ich es halt. Du hast schließlich oft genug für mich mit geschrieben, so kann ich mich mal revanchieren.“

Mia sah ihn an. „Du bist besoffen. Guck dich doch an, selbst wenn du Stift und Papier dabei hättest, morgen kannst du selbst nicht mehr lesen was du geschrieben hast.“

„Wie du meinst.“ Flo zuckte die Schultern, schraubte eine halb leere Plastikbierflasche auf und nahm einen Schluck gegen den Durst. „Ich schreib trotzdem Freitag für euch mit. Keine Sorge, ich gebe mir Mühe, dass es leserlich wird.“

Für Erik hatte sich die Angelegenheit damit erledigt, Mia hingegen platzte bald vor Wut und Ohnmacht.

Am Freitag war Flo das erste mal seit langem wieder richtig nüchtern. Das Gefühl gefiel ihm nicht besonders gut, aber es war seine Pflicht. Er hatte es versprochen, leichtsinnig wie er war und Mitschriften mit Mitschriften zu begleichen kam ihn zur Zeit eh preiswerter. Kuchen hatte in letzter Zeit unter einer ganz grauenvollen Inflation zu leiden und die Ausgleichszahlungen dazu bestanden aus immer aufwändigeren Rezepten. Eine saubere Mitschrift war da weniger Aufwand.

Es war eine seltsame Situation. Er hatte einen guten Platz erwischt aber das war keine Herausforderung. Der Saal war fast leer und er fühlte sich reichlich verloren, direkt unter des Professors Nase. „Leiste dir keine Dummheiten“ sagte er zu sich selbst. Wenn er gut aufpasste und Mia und Erik nicht nur die Mitschrift sondern auch noch Zusatzinformationen liefern konnte, dann war das vielleicht Zwei Mitschriften oder auch drei mehrstöckige Sahnetorten wert. Wieso war er nochmal kein Konditor geworden? Er erinnerte sich an ein Praktikum, an den Wecker der um vier Uhr morgens geklingelt hatte und sah auf die Uhr. Zehn Uhr am Morgen erschien ihm plötzlich sehr human.

„Du warst wirklich da?!“ Mia starrte Flo fassungslos an. Es war Sonntag Mittag. Mia saß im Schneidersitz auf Flos Bett, Erik hatte seinen Kopf in ihren Schoß gelegt. Auf dem Nachttisch hatte Flo soeben frische Schokomuffins abgesetzt und kaute jetzt auf einem davon, während er seinen Block heraus suchte. Mia begutachtete die Muffins.

„Du hast aber schon mitgeschrieben, oder? Die Muffins sind nicht als Bestechung gedacht?“

„Die Muffins sind der Snack zwischendurch. Hier, bitteschön.“ Er reichte ihnen beiden einen dünnen Stapel Papier. „Das sind eure Kopien. Die Erste Folie war glaub ich eine Wiederholung, jedenfalls hattest du sie das letzte mal glaub ich schon dabei. Danach hat er aber ein neues Thema angefangen, hier, das Schaubild war die Einleitung. Zum besseren Verständnis. Wenn wir mal oben anfangen, dann haben wir direkt den Bezug zum vorletzten Thema, du erinnerst dich sicher noch, da baut es nämlich direkt drauf auf. Also, wie gesagt, wenn wir hier sehen …“

Zwei Stunden später legte Flo das letzte Blatt auf seinen Schreibtisch. Die Muffins waren aufgegessen, auf dem Boden lagen Notizblätter, auf die er flüchtige Stichpunkte und Vokabeln oder Schaubilder gekritzelt hatte. Erik lag inzwischen nicht mehr in Mias Schoß sondern saß kerzengerade auf der Bettkante. Mia selbst saß auf dem Teppich, die Mitschrift in der Hand und Notizzettel in die richtige Reihenfolge legend. Sie war im Augenblick zu beschäftigt um sich großartig zu wundern denn Flo hatte ihr jede Frage halbwegs zufriedenstellend beantworten können. Wo noch Fragen offen waren, da hatte er in den bereits vergangenen Vorlesungen geschlafen.

„Ihr habt echt viel geschafft in der kurzen Zeit. Wo ist denn die Tabelle schon wieder hin? Ah, hier ist sie ja. Hat er etwas dazu gesagt, was wir davon für die Klausur können müssen?“

„Die können wir weg lassen. Wenn überhaupt, dann bekommen wir die gestellt. Was wichtiger ist, hier, auf Seite vier, das rote Ausrufezeichen wird er garantiert in der Klausur fragen. Er hat es zwei, drei mal wiederholt und jedes mal besonders betont. Wenn man da aber einmal verstanden hat was er will ist das leicht. Zwei Minuten und geschenkte Punkte.“

Mia lehnte sich an den Bettpfosten und griff nach dem Teller auf dem sich die Muffins befunden hatte. Er war leer und ihr summte der Kopf. Sie hatte soeben zwei Stunden lang eine private Vorlesung bekommen, inklusive Fragestunde und ihr „Dozent“ war auch noch in seiner Sache sehr sicher gewesen. Er war sogar ausgesprochen gut gewesen! Besser als der Herr Professor persönlich denn auch wenn er vor fachlicher Kompetenz kaum laufen konnte, als Lehrer war er kein Gewinn. Sie legte ihren Stapel zusammen, hinter ihr regte sich Erik.

„Verrückt. Ich hätte gewettet, du gehst nicht hin. Und wenn du gegangen wärst, dann hättest du sicher nicht mitgeschrieben. Mal ehrlich, woher hast du die Mitschrift?“

„Aus der Vorlesung. Ich hab mich rein gesetzt und mitgeschrieben. Und aufgepasst.“

„Auf einmal klappts doch? Und das sollen wir dir glauben?“

„Jetzt sei nicht unfair, Erik“ mischte sich Mia ein, „Flo ist ja immerhin nicht dumm. Nur halt etwas zu faul.“

„Es war auch durchaus eine Herausforderung. Immerhin musste ich nüchtern sein aber es ist aufgegangen. Habt ihr noch Fragen zur Vorlesung?“

Die hatten sie nicht. Stattdessen beschloss Mia in Zukunft öfter mal nicht zur Vorlesung gehen zu können und statt dessen Flo zu schicken. Und Flo? Er beschloss, seine frisch gewonnenen Erfolgserlebnisse aus zu bauen und diesmal wirklich etwas zu tun. Die Vorlesung mit zu schreiben und auf zu passen war zwar nicht sinnlos gewesen, aber das, wobei er den Stoff aber letztendlich verstanden hatte war, als er Mia und Erik die Ergebnisse der Vorlesung vorgetragen hatte.

Vielleicht hatte er doch endlich einmal etwas gefunden, was er konnte und was ihm Spaß machte. Vielleicht.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 5

Volleyball

Der Ball flog über das Netz und traf direkt auf eine Wand aus Fleisch. Ein Pfiff, ein Punkt, ein Wechsel. Flo hatte bei diesem Spiel das Gefühl, immer wenn es spannend wurde, war es auch schon wieder vorbei und eine Pause unterbrach den Fluss. Er war nie gut in diesem Spiel gewesen und so sehr er sich auch bemühte, er würde es wohl auch nie sein.

Mia und Erik hatten sich überhaupt nicht erst dazu überreden lassen, mit zu machen. Mit diesem Spaß wollten sie so wenig wie möglich zu tun haben. Außerdem wollten sie ihn nicht dabei stören, zu glotzen. Auch wenn er es nach Kräften leugnete, nur deswegen war er hier. Um Jenny an zu starren.

Ein Pfiff, ein Schlag, Flo bekam den Ball ins Gesicht noch bevor er aus seiner Träumerei erwachen konnte. Verächtliche Blicke vom Gegnerteam und verständnisloses Kopfschütteln seines eigenen war das erste was er sehen konnte, als er die Augen wieder öffnete. Er wusste doch, dass er das Spiel nicht leiden konnte. Wieso kam er dann jede Woche wieder? Das Spiel lief schon wieder als er sich diese Frage stellte. Er blockte einen Ball am Netz, schaffte es einen Punkt zu holen und ein klein Wenig von seinem Ruf wieder aus zu bügeln.

Wenn man es denn konnte, dann würde ihm dieses Spiel auch sicher etwas Spaß machen aber das war überhaupt nicht so sehr sein Ziel. Was er wollte war etwas anderes und zwar etwas, wofür er sich selbst nicht leiden wollte. Mia und Erik würden ihn auslachen und ihm sagen, er solle sich endlich zusammen reißen und sie wenigstens ansprechen. Die beiden hatten gut reden, sie hatten sich immerhin gegenseitig. Er war nur das dritte Rad am Wagen, das Anhängsel was sonst nicht genug zu tun hätte.

Er sollte dem Spiel mehr Aufmerksamkeit schenken. Jenny tauchte gerade hinter einem flachen Ball her, ihre Haare flogen in einem weiten Bogen um ihren Kopf herum. Sie erwischte ihn noch und wollte ihn direkt über das Netz zurück schicken. Flo stand am Netz und schaffte einen weiteren Block den er gleichzeitig bedauerte. Er hätte ihr den Punkt gegönnt. Nicht, weil sie so gut gespielt hatte sondern einfach, weil sie es war. Und weil sie verboten gut aussah. Ihr enttäuschter Gesichtsausdruck versetzte ihm einen Stich, trotzdem war er ein klein wenig stolz, dass er den Block so sauber geholt hatte.

Auf diese Weise ging es den Rest der Stunde weiter. Er gab sich Mühe gut zu sein und immer wenn er es dann schaffte, bedauerte er es. Würden sie im gleichen Team spielen, sie würde sich vielleicht eher über seine Fortschritte freuen oder ihn einfach überhaupt nicht wahr nehmen. Sie nahm ihn ja so auch kaum wahr. Nein, so stimmte das nicht. Immer wenn er einen Schlag vergeigte schien sie sich zu freuen und ihn innerlich aus zu lachen. Auf diese Weise lernte er zuverlässig Volleyball zu hassen, aus vollstem Herzen.

Am Ende war er wie jedes mal froh, als das Training endlich vorbei war. Vielleicht wollte er sie doch lieber von weitem beobachten. Von einer Position aus, auf der er sich nicht so leicht blamieren konnte. Abbau zum Beispiel, das konnte er, aber das konnte schließlich jeder. Es war eine der Gelegenheiten bei denen er jedes mal versuchte den Mut auf zu bringen, sie endlich an zu sprechen. Er entschied sich wie jedes mal dazu, erst einmal Blickkontakt herstellen zu wollen und wie jedes mal tat sie ihm diesen Gefallen nicht. Sie hatte alles mögliche im Kopf, er zählte definitiv nicht dazu.

Er schöpft und niedergeschlagen packte er seine Tasche. Zuhause würde er erst einmal duschen gehen, wenn ihm denn dann danach war und er sich nicht vorher noch an den Schreibtisch setzte. Er würde es ja dann sehen. Zum Jubeln war ihm jedenfalls nicht zu mute als er sein Fahrrad los schloss. Wieso fühlten sich diese Trainingsstunden im Nachhinein immer so verschwendet an? Er hatte ein spezielles Ziel mit ihnen und jedes mal verfehlte er es um astronomische Einheiten.

Die Hallentür klapperte und Leute kamen heraus. Er registrierte sie nur am Rande. Die Kette war wieder einmal abgesprungen und er durfte sie erst einmal neu auflegen. So würde sich das Duschen wenigstens lohnen. Die Leute verschwanden hinter ihm in der Dämmerung, er war wieder alleine. Eine, zwei Umdrehungen mit den Pedalen und die Kette saß wieder. Er seufzte und ärgerte sich noch einmal über seine Feigheit.

„Du spielst ja immer weniger grottig“

Flo fuhr herum, dass sein Rad scheppernd in den Ständer zurück fiel. Er war doch nicht so alleine gewesen.

„Dankesehr.“ Von allen Menschen dieser Welt stand nun ausgerechnet Jenny da und sprach ihn an. Er schluckte einen Kommentar herunter, den er totsicher noch im gleichen Moment bereut hätte. Was konnte er stattdessen sagen? „Du bist ziemlich gut darin. Spielst du schon sehr lange?“

Verdammt, Kerl! Ist das dein Ernst? Von allen unpassenden Antworten suchst du die platteste heraus?

„Es geht. Seit etwa fünf Jahren. Man merkt, dass du bisher noch keine Erfahrungen hattest. Ist nicht böse gemeint. Nicht sehr jedenfalls.“ Ein kleines Lächeln umspielte ihren Mund und er wurde fast verrückt. Da stand sie, warf ihm so Dinge an den Kopf und er liebte sie dafür auch noch. „Aber dafür machst du dich wirklich nicht schlecht.“

War das gerade ein Kompliment gewesen? Von der Frau, die immer auf ihn herab zu schauen schien? Es geschehen noch Zeiten und Wunder. Nächste Woche würde er wieder hier sein, das war beschlossen. Er hob sein Rad aus dem Ständer und setzte es auf. Es würde ein leichter Rückweg werden, das spürte er. Doch statt auf zu steigen schob er es und Jenny lief neben ihm her. Wenigstens ein Teil des Weges. Sie blickte noch immer auf ihn herab aber diesmal redete sie dabei wenigstens auch noch und das war ja auch schon einmal ein großer Fortschritt. Flos Augen hätten ausgereicht, ihnen den Weg zu leuchten.

Dann war sie plötzlich in die Nacht entschwunden und er konnte nicht sagen, ob die letzten Minuten echt oder geträumt gewesen waren.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 3

Prokrastination

Solange er nun schon Student war hatte Flo immer gehofft um diesen Moment herum zu kommen. Die Uni unterhielt zwar nach wie vor eine eigene Bibliothek aber ihm war nie klar gewesen wieso. Das Mittelalter war doch vorbei, es gab Internet und das Internet wusste doch alles. Wozu also das alberne Spiel mit den Büchern die niemanden mehr interessierten und sowieso beim ersten Aufschlagen in einen Haufen Altpapier zerfielen. Trotzdem saß er nun hier wie so ein Höhlenmensch vor zerfledderten Büchern aus Papier und sollte eine Hausarbeit schreiben.

Das Thema war aktuell, die Bücher waren es nicht. Wie sollten sie auch? Es waren Bücher! Seit der Erfindung des Internets gab es keine mehr und wer etwas auf sich hielt, der sorgte für einen soliden Abstand zu ihnen. So jedenfalls wünschte er es sich. Die bittere Realität sah anders aus und für die Hausübung gab es sogar die Vorgaben, nur die Bücher der Bibliothek nutzen zu dürfen. Analog, von Hand und ohne Internetquellen. Eine Schinderei ohne Sinn, Zweck, oder einem Hintergrund, der sich ihm irgendwie erschließen wollte.

Im Geschichtsunterricht hatte er einmal etwas zu einer großen Bücherverbrennung gehört. Jedenfalls erinnerte er sich blass an etwas in der Richtung. Alle in der Klasse hatten das als außerordentlich schlimm bezeichnet und auch sein Lehrer hatte kein positives Wort daran finden wollen. Flo meinte, der einzige zu sein, der darin kein Problem sah. Im Gegenteil, in diesem Moment wünschte er, es wäre noch immer modern diese Altpapiersammlung als Heizmittel einer sinnvollen Aufgabe zu zu führen. Bücherverbrennungen, was hatten die Leute damals eigentlich noch so für Ideen gehabt? Er sollte das mal im Internet nachsehen, garantiert war da etwas sinnvolles bei. Eine gute Idee kommt schließlich selten allein.

Erik stach ihm seinen Bleistift in die Schulter. „Du träumst wieder nur. Wie weit bist du schon? Mit der Einleitung durch? Wir hatten vier Wochen, in vier Tagen ist Abgabe und du sitzt an der Einleitung.“

„Die Einleitung ist fertig. Ich hab schon die Hälfte der Seitenzahl voll, das muss doch reichen.“

„Fehlt ja nur noch die Hälfte. Na los, schaffst du auch noch. Sogar Paul meinte eben, es fehlt ihm nur noch der Schluss.“

„Paul hat ja auch keine Freunde. Der nervt nur und hat offensichtlich zu viel Zeit.“

„Und du solltest nicht darauf zählen, dass wir dich diesmal wieder aus dem Dreck ziehen. Selbst Mia hat langsam genug von Kuchen. Wir haben immer noch etwas von dem Zitronenkuchen von letzter Woche.“

Das waren schlechte Nachrichten. Wenn Mia keinen Zitronenkuchen mehr mochte, dann hatte er es übertrieben. Bei Schokolade konnte es mal vorkommen, dass sie keine Lust mehr darauf hatte oder bei seinem Käsekuchen. Der Käsekuchen war tatsächlich der einzige Kuchen, den er komplett aus dem Kopf und ohne Backmischung backen konnte. Auf das Rezept war er tatsächlich stolz denn er gelang immer sehr gut. Aber diesmal konnte ihn selbst der Käsekuchen nicht retten.

Er seufzte schwer, streckte sich und blätterte lustlos in den Büchern, machte sich ein paar Notizen von denen er keine Ahnung hatte, was sie ihm bringen konnten und erinnerte sich an sein Thema. Er las sich seine Aufzeichnungen noch einmal durch. Wenn er sich nicht angewöhnte sauberer zu schreiben, dann konnte er am Ende nicht einmal selbst mehr lesen, was er schreiben würde. Das was er entziffern konnte half ihm allerdings bei seinem Thema kaum weiter. Erik warf einen Blick auf die Papiere, schüttelte mitleidig den Kopf und setzte zu einem neuen Absatz an.

„Weißt du, Mia hat schon abgegeben, sie ist gestern Abend fertig geworden. Ich werde es wohl nachher in den Briefkasten oben werfen können.“ Er machte eine kleine Pause und schrieb eine Zeile ehe er fort fuhr. „Sie meint übrigens, wir sollten dir nicht mehr alles machen. Du musst langsam auch mal lernen, wie der Hase läuft.“

„Ich weiß wie der Hase läuft. Zickzack über den Acker.“ Flo sah nicht von seinem Block auf. Er kam zwar langsam voran aber immerhin schaffte er überhaupt etwas.

„Du musst zugeben, sie hat aber nicht ganz unrecht. Du zögerst zu oft alles bis auf die letzte Minute heraus und am Ende müssen wir in die Bresche springen damit du nicht fliegst.“

Flo knirschte mit den Zähnen. Er gab ihm ja recht und er würde es sogar aussprechen, wenn Erik nicht so ein schrecklicher Besserwisser wäre und vier Tage vor Abgabe mit solchen Gardinenpredigten ankam. Es war ja nicht böse gemeint, das wusste Flo. Mia und Erik halfen ihm wirklich sehr viel. Manches mal kam er sich vor, als hätten sie ihn zu ihrem Adoptivkind erkoren obwohl er der älteste war. Er kritzelte den nächsten Absatz auf seinen Block.

„Das worauf du dich da gerade beziehst steht übrigens in dem anderen Buch. Ab Seite vierundneunzig die drei Absätze. Guck vielleicht noch einmal drüber. Und denk mal drüber nach, wenn du dich selbst dahinter setzt und es kannst, dann musst du es nicht immer aufschieben sondern kannst es einfach selber machen. Ich muss jetzt los, zur Sprechstunde. Hab noch eine Frage zu dem Seminar von heute Morgen“

„Hast du wirklich eine Frage oder willst du nur, dass die dein Gesicht kennen für die HiWi-Bewerbung? Und was meinst du, kann ich den Absatz so stehen lassen?“

„Du gehst zu wenig auf die Fragestellung ein und schweifst besonders zum Schluss hin ab. So, wir sehen uns heute Abend im Tutorium. Komm diesmal nüchtern und spätestens Morgen will ich von dir die fertige Hausübung sehen. Nicht aufgeben!“

Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ die Bibliothek. Flo saß alleine im Arbeitsraum und ließ seinen Kugelschreiber über das Papier tanzen. Die Bücher an seiner Seite wechselten zügig durch, genau so wie die Plastikbecher mit Kaffee vor seiner Nase. Am Ende fehlte ihm nur noch eine halbe Seite für das Fazit. Das konnte er auch noch im Tutorium schreiben beschloss er und räumte seine Sachen zusammen. Unter den aufgeschlagenen Büchern fand er Eriks Aufgabenblatt. Es war mit Anmerkungen und Notizen von Mia übersät. Der ganze Rand war mit kleinen Motivationssprüchen und Liebesbekundungen gesäumt.

Flo las die Anmerkungen durch. Die hätte er früher gebrauchen können, sie waren echt gut, aber vielleicht konnte er das ein oder andere in sein Fazit mit einfließen lassen. Hoffentlich würde ihm niemand einen Strick daraus drehen können. Auf der Rückseite fand er das Abgabedatum und stutzte. Er verglich es mit seinem Kalender und musste fast laut lachen. Die Beiden hatten ihm ein speziell auf ihn zugeschnittenes Abgabedatum verpasst, genau eine Woche vor dem eigentlichen Termin. Sie kannten ihn inzwischen zu gut. Vielleicht sollte er ihnen doch einen Zitronenkuchen machen, nun, da er ihr kleines Geheimnis kannte.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 2

Der Bus

Ein Hoch auf den ÖPNV und seine Freuden. Wie sehr es Flo doch liebte auf den Bus zu warten. Er hatte nicht mitgezählt aber inzwischen musste jeder einzelne Bus der gesamten Stadt an der Haltestelle vorbei gekommen sein, außer dem, der zur Uni hoch fahren sollte. Ein kurzer Blick auf die Uhr und ein langer Blick auf den Fahrplan. Vor zwanzig Minuten hätte er da sein sollen aber das war ja nur der Bus, der auf dem Plan stand und Fahrpläne waren entweder vorsichtige Vorschläge oder dekorative Elemente, die einem das Auffinden der Bushaltestelle erleichtern sollten. Wahrscheinlich wäre er schneller gewesen, wenn er gelaufen wäre. Später ist man immer schlauer aber das war nun schon das dritte mal in zwei Wochen, dass Flo darauf herein gefallen war. Jetzt noch los zu laufen würde ihm auch nichts mehr bringen und der andere Bus zwei Blocks weiter war um diese Zeit auch längst durch. Für einen Augenblick erwog er, einfach nach hause zu gehen und sich einen schönen Tag zu machen aber dann würde er seine Hausübung wieder nicht abgeben können und diesmal kam es zur Abwechslung wirklich mal auf etwas an.

Er atmete tief durch, zwang sich zur Ruhe und lehnte sich genervt an die Rückwand der Bushaltestelle. Um ihn herum bot sich das einheitliche Bild von Menschen, die mit stoischem Gesichtsausdruck, jeder für sich auf den Bus warteten und dabei regungslos ins Nichts glotzten. Auf Flo wirkten sie immer etwas wie Wachsfiguren oder Schaufensterpuppen. Die meisten hatten sich mit Kopfhörern abgeschottet und bekamen von der Umwelt nur noch das Nötigste mit. Er selbst hatte sich genau so mit Musik abgeschottet und sein Blick reichte entweder bis zur Nasenspitze oder bis zur Kreuzung, von wo aus der Bus kommen sollte. Die Wachsfiguren schienen geduldiger als er selbst zu sein. Offensichtlich wussten sie etwas, was er nicht wusste. Den genauen Zeitpunkt zum Beispiel, an dem der Bus kommen würde.

Gerade als er zum unendlichsten mal die Uhr über dem Imbis gegenüber prüfte schob sich ein klappriger und deutlich überladener Bus über die Kreuzung. Flo konnte in den Augen des Busfahrers sehen, wie er beim Anfahren der Haltestelle die Wartenden zählte und abschätzte, ob es noch passen würde oder ob er einfach durchfahren sollte. Glücklicherweise entschied er sich nicht nur zum Halten sondern auch noch dazu, die Türen auch zu öffnen. Wieder etwas nicht so selbstverständliches in dieser Stadt, so verrückt es auch klang. Er nahm einen kleinen Anlauf und stieg mit Schwung in den Bus ein. Stöhnender Protest kam ihm entgegen, er machte seine Musik lauter und ließ es an sich ab perlen.

Die Morgensonne brannte auf das Dach des Busses und schaffte es bereits erstaunlich gut die Luft im Inneren auf zu heizen. Gegen den Lärm half die Musik recht gut. Kurt Cobain besang gerade den Geruch des Teenspirit. Flo seufzte angestrengt. Wenn er gerade eines nicht riechen wollte dann den ‚Teenspirit‘ hier im Bus. Neben ihm drückte sich ein schwer übergewichtiger Erstsemester in den Türbereich. Sein Hemd war bereits schweißnass und verströmte den hierzu typischen Duft. In seinem Rücken bemühte sich eine Kommilitonin darum, das Aroma mit ihrer eigenen Duftmarke von einer halben Flasche billigen Parfüms und Unmengen Deodorants zu betäuben. Hoffentlich hatte sie gestern Abend noch die Zeit zum Duschen gefunden, heute morgen hatte sie sich damit jedenfalls nicht aufgehalten, soviel war deutlich.

Durch den winzigen Fensterschlitz wehte eine milde Brise herein und verteilte die annähernd sichtbare Wolke, die sich um ein Grüppchen von vier nicht klar definierbaren Gestalten gebildet hatte. Bei ihnen konnte man nur hoffen, dass sie sich diesen Monat überhaupt schon einmal gewaschen hatten und der Monat war bald zu ende. Flo war das unbegreiflich. Wenn er sich schon die Mühe machte sich unter Menschen zu begeben, dann wollte er sich wenigstens ansatzweise so benehmen als wäre er etwas Besseres als sie. Dazu gehörte selbstverständlich sauber zu sein und vollständig angezogen.

Das Mädel, was ihm gerade den Ellenbogen in den Bauch drückte befolgte wenigstens schon einmal den hygienischen Teil. Dafür trug sie neben einem Minirock und Fellstiefelchen nur ein bauchfreies Oberteil. Da die Gute aber alles außer bauchfrei war wirkte das Outfit eher wie der Unfall eines Metzgerlehrlings. Sollte er so etwas als persönliche Beleidigung auffassen oder einfach ignorieren? Er konnte sich nicht entscheiden. Während er darüber grübelte ratterte der Bus an den letzten Haltestellen der Route entlang. Dort standen immer noch Gruppen von Studenten die dem völlig überfüllten Bus ärgerlich nach riefen. Statt die letzten zweihundert Meter einfach zu Fuß zu laufen studierten sie den fehlerhaften Busplan um doch weiter zu warten.

Flo empfand eine Mischung aus Neid und Verachtung für sie. Da konnten sie schon laufen und taten es nicht. Sie würden lieber zwei Minuten in diesem Wirrwarr ungemütlicher Gerüche zubringen und mit Leuten kuscheln an denen man im Idealfall vorbei geht ohne ihnen selbst Ignoranz zu gönnen. Er hätte früher aufstehen und direkt die ganze Strecke laufen sollen. Das Wetter war viel zu gut zum Bus fahren. Bislang war es überhaupt das Beste am ganzen Tag. Dicht gefolgt von der Endhaltestelle, an der der Bus nun klappernd zum Stehen kam. Die Türen öffneten sich und die lebende Ladung purzelte und taumelte auf den Bürgersteig davor ehe sie sich verteilte. Flo hatte bei diesem Bild jedes mal die Assoziation mit einem Monster, was zu viel gefressen hat und sich nun die Seele aus dem Leib kotzt vor Augen. Heute versüßte es ihm den Morgen.

Er drehte sich kurz um, um sich zu vergewissern, dass er auch irgendwem auf jeden fall im Weg stand. Der Wind trieb ein Blatt Papier vor sich her. Schwarze Schrift auf weißem Hintergrund tanzte fröhlich in der Sonne, dicht gefolgt von einem Mädchen mit blonden Blocksträhnen, einem dicken rosa Ordner unter dem Arm und blanker Panik in den Augen. Kurz darauf hatte sie das Blatt wieder eingefangen und räumte es zittrig zurück in den rosa Ordner. Flos Grinsen gefror. Seine Hand fuhr in seine Tasche und bestätigte ihm das imaginäre Abbild seines Küchentischs. Dort, neben seiner Wasserflasche, lag noch immer seine Hausarbeit.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 1

Katerstimmung

Flo, Mittzwanziger, dunkelhaarig mit penibel nach hinten gelegten Haaren und einem borstigen Dreitagebart, ließ sich auf dem Weg zur Vorlesung noch einmal die letzte Nacht durch den Kopf gehen. Wortwörtlich!

Angekündigt war die Party des Jahrhunderts, schon zum mindestens zwanzigsten mal dieses Jahr. Was am Ende dabei herum kam war ein einziges Besäufnis mit billigem Bier, schlechter Musik und zu vielen Leuten, mit denen er nüchtern wohl nie reden würde. Es war, wie jede angekündigte ‚Party des Jahrhunderts‘ mehr als weit davon entfernt eine Party des Jahrhunderts oder gar des Jahres zu werden aber Alkohol ist die wirksamste, bekannte Zeitmaschine.

So kam es, dass Flo nach immerhin drei Stunden Schlaf aus den verschwitzten Laken kroch um rechtzeitig um viertel nach acht in der Vorlesung zu sitzen. Wer kam eigentlich auf die glorreiche Idee, schon so früh eine Vorlesung halten zu müssen? Das war absolut widernatürlich aber es war noch Anfang des Semesters und er gab sich noch der Illusion hin, dieses mal alles besser zu machen. Er wollte sich von Anfang an bemühen, fleißig wenigstens zu den wichtigen Vorlesungen zu gehen und alle Hausübungen rechtzeitig ab zu arbeiten. Die Üblichen Vorsätze zum Semesterstart, genau wie schon zu Neujahr und genau so dauerhaft. Flo erbrach sich in den Mülleimer vor dem Supermarkt, besorgte sich ein Konterbier und eine fettige Salami, aß dann zuerst die Salami und leerte das Bier, nur um fünf Minuten später beides in den Mülleimer vor dem Hörsaal zu spucken. Während die stinkende Suppe aus dem Korb sickerte wankte er in den Saal. Es war ein viel zu gewöhnlicher Semesterstart für gute Vorsätze aber wenigstens versuchen wollte er es.

Drinnen sah er sich mit kurzsichtigen Augen um. Fahle, müde Gesichter mit verquollenen Augen und immer wieder ein völlig überdrehtes Schnattermaul und übertrieben freundliche Morgenmenschen. Der Geruch von saurem, billigen Kaffee hätte ihn fast wieder hinaus getrieben. Links und rechts neben ihm tauchten zwei verschwommene Gestalten auf, griffen ihm unter die Arme und schleiften ihn mit in eine leere Reihe.

„Der Flo war gestern mal wieder saufen. Ehrlich Junge, wieso kommst du überhaupt noch? Pennen kannst du doch besser zu hause.“

Mia und Erik. Beide etwa einen halben Kopf größer als Flo und drei Jahre jünger. Außerdem beide deutlich fleißiger oder wenigstens erfolgreicher als er selbst. Natürlich waren die beiden auch für die Party des Jahrhunderts eingeladen gewesen. Sie hatten sich aber spontan anders entschlossen und ihre private, offensichtlich Welten bessere, Party des Jahrhunderts zu zweit geschmissen. Dass diese bereits etliche Stunden zu ende war, bevor Flo sich entschlossen hatte doch noch sein Bett zu suchen sprach eher für die Party als dagegen. Er registrierte auch das Ergebnis nur beiläufig, ein zaghafter Kuss zu seiner Linken. Er brummte etwas, was ein Glückwunsch hätte werden können wenn er die Lippen auseinander bekommen hätte und sein Kopf nicht gerade auf den Tisch gesunken wäre.

„Ich darf Sie dann um Ruhe bitten und freue mich, dass Sie alle noch so zahlreich erschienen sind. Zunächst würde ich gerne ein paar organisatorische Dinge klären. Vorneweg, das Skript steht inzwischen für Sie zum Download im Lernraum bereit…“

Flo gab seinem inneren Zwang nach, gähnte herzhaft, rieb sich kurz die juckenden Augen und behielt sie nur einen Augenblick geschlossen. Vielleicht wäre er wirklich besser im Bett geblieben aber er hoffte immer noch auf das Wunder, den Stoff durch reines Zuhören aufnehmen zu können. Er atmete tief durch und richtete sich auf.

„…was Sie ja alle aus der letzten Vorlesung noch kennen. Mit dieser Folie würde ich das Thema dann auch gerne abschließen. Zum nächsten kommen wir dann aber erst in der nächsten Veranstaltung, dafür reicht die Zeit nicht mehr. Wir machen dann hier Feierabend, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und denken Sie daran, ich habe fünf Minuten bei Ihnen gut.“

Irritiert sah Flo sich um. Alle packten ihre Taschen zusammen und standen auf. Er wusste nicht, ob er um sein Timing glücklich oder verärgert sein sollte. Innerlich sah er seine guten Vorsätze für das Semester dahin rieseln.

„Wieso habt ihr mich nicht geweckt?“ Der Vorwurf ging an Mia und Erik.

„Das haben wir versucht aber du warst nicht wach zu bekommen. Erik hat dir stattdessen ein extra Paar Augen aufgemalt damit du wenigstens wach aussiehst.“

Damit war Flo endgültig wieder im alten Semester angekommen. Unaufmerksam und um keine Gelegenheit verlegen, sich zum Affen machen zu lassen, ob er nun wollte oder nicht. Den Rest des Tages würde er sausen lassen und sich ausschlafen gehen. Mit etwas Glück würde ihm Mia morgen ungefragt Kopien ihrer schön sauberen Mitschriften mitbringen. Er wusste, das würde ihn einen Kuchen kosten. Diesmal wäre Schokolade eine gute Idee. Wenn er rechtzeitig aufwachte, wäre er sogar gleich morgen fertig. Wenn auch Uni und Partys einem das Leben zur Hölle machten, mit den richtigen Freunden war doch alles gleich viel leichter.

Der Patient

Doc Abby hätte es nicht für möglich gehalten, dass sie im Regenwald einmal Staubwolken sehen würde. Wenn sie jetzt aber aus dem Fenster ihrer kleinen Station guckte sah sie statt der weißen Nebelschwaden tatsächlich rote Staubwolken über dem Dschungel schweben. Ihre Station lag am Rande einer kleinen Stadt und hatte eine traumhafte Aussicht auf die grünen Hügel und Berge des Urwaldes. Auf der anderen Seite der Fenster hatte sie ihr Behandlungszimmer, das Lager und ein kleines, halbwegs improvisiertes medizinisches Labor. Das Lager war auch nur noch formal existent und diente lediglich als Abstellkammer für leere Kisten und Schachteln. Doc Abby sah ihr Lager gerne als Metapher für die kleine Stadt. Auch die Stadt war im Verlauf der letzten Monate immer leerer geworden. Wer es sich leisten konnte hatte schon vor einer ganzen Weile seine sieben Sachen gepackt und hatte die Region verlassen. Als die ersten Rauchsäulen am Horizont erschienen waren, wurden die verbliebenen Bewohner immer nervöser. Spätestens seit die ersten, entfernten Schüsse durch die Nacht peitschen und die ersten Verwundeten an der Station auftauchten gab es kein halten mehr. Wer einen Ort hatte, wohin er fliehen konnte, der floh.

Für Abby war das keine Option. Die Schottin war hier um den Leuten zu helfen und immerhin gab es noch arme Seelen in der Stadt, die auf ihre Hilfe angewiesen sein könnten. Außerdem hatte sie seit Beginn der Kämpfe immer mindestens einen Patienten zur dauerhaften Pflege im Hinterzimmer. Sie selbst hatte kein Verständnis für Uniformen und Flaggen, genau so wenig wie für den ganzen Konflikt. Wieso kämpften sie denn? Worum? Um eine Hand voll dicht bewaldeter Berge? Keiner von den Uniformen und Lamettaträgern hatte eine Ahnung, was der Wald wert war, was für Schätze er barg. Sie selbst hatte einige Ausflüge in den Wald unternommen, einige seiner Wunder erleben dürfen, hatte aber selber kaum eine Vorstellung davon, was es dort noch zu entdecken gab. Um so mehr ärgerte sie sich über die Zerstörung, die mit den Kämpfen einher ging.

Ahmed erinnerte sie wieder daran, weswegen sie hier war. Er trug seine Tochter im Arm, wie schon die ganze Woche. Jeden Tag brachte er sie zur Station in der Hoffnung, Abby könne irgendetwas gegen das Fieber tun. Abby würde der kleinen so gerne helfen, aber ihre Vorräte waren erschöpft und die Hoffnung auf neue Lieferungen hatte sie längst aufgegeben. Für die Dauer des Krieges würde ihr Lager leer bleiben. Sie bemühte sich dem Mädchen mit Umschlägen und Kräutern zu helfen. Auch wenn es offensichtlich etwas half, Abby hatte das Gefühl, die Dankbarkeit die in den Augen von Vater und Tochter leuchtete nicht verdient zu haben. Sie hätte ihnen lieber eine Garantie gegeben, dass sie wieder gesund werden würde.

„Sie können nicht hier bleiben, es ist gefährlich. Bald werden die Milizen hier sein und alle umbringen oder verschleppen.“ Aus Ahmeds stimme klang weniger Undankbarkeit als vielmehr ernsthafte Sorge um sie. Er hatte im Bürgerkrieg seine Frau und drei Söhne verloren und war danach mit seiner Tochter aus der Hauptstadt geflohen. „Wenn Sie Menschen retten wollen, dann bringen Sie sich in Sicherheit. Wenn sie tot sind können Sie das nicht mehr.“

Der Gedanke war ihr auch schon gekommen und gelegentlich sah sie sich auch auf einen der Flüchtlingskonvois aufspringen aber die Arbeit hielt sie immer zurück. Hier konnte sie noch etwas bewegen. Sie hatte schon Kämpfer von beiden Seiten gleichzeitig in ihrer Pflegestation gehabt und beobachtet, wie aus der anfänglichen Feindschaft die empfindliche Saat von Freundschaft und Vertrauen gekeimt war. Wenigstens die Feindschaften wurden begraben, wenn man Tagelang allein in dem stickigen Raum lag. Abby musste immer lächeln, wenn sie sich an solche Situationen erinnerte. Ahmed sah sie zweifelnd an als sie kichernd den Kopf schüttelte.

„Ich weiß, Sie meinen es nur gut mit mir, Ahmed, aber mein Platz ist hier. Sehen sie sich nur um. Es gibt so viele Leute hier, die meine Hilfe brauchen können. Auch wenn ich Denosh mit ihrem Fieber kaum helfen kann, es gibt so viel zu tun hier. Jeden Tag kommen neue Patienten und es werden immer mehr. Ich wünschte nur, es würden auch neue Medikamente und Ausrüstung kommen. Ich könnte sie mehr als gut gebrauchen.“

„Sie haben viel von den Alten aus den Dörfern gelernt. Sie wissen um die Heilkräuter aus dem Wald aber dieses Wissen wird verloren gehen, wenn Sie sinnlos sterben.“ Seine Stimme wurde flehend. Die Sorge in seinen Augen war Verzweiflung gewichen. Abby streckte sich um ihre sommersprossige Hand auf seine tiefschwarzen Schultern legen zu können.

„Machen Sie sich keine Sorgen um mich. Ich mag vielleicht eine kleine Frau sein, aber ich bin nicht so leicht unter zu kriegen wie man meinen mag. Ich werde zurecht kommen. Wenn Sie Denosh morgen wieder her bringen habe ich vielleicht ein Mittel. Ich versuche es gerade aus einer Wurzel zu ziehen, die mir die alte Frau aus der Bäckerei gebracht hat.“

Ahmed resignierte. Er musste einsehen, dass der Doc schon viel länger hier ausgehalten hatte als so mancher Einheimische. Irgend etwas an ihrer Arbeit musste sie derart reizen, dass sie darüber jede Vorsicht vergaß. Für ihn war es eigentlich gut. Je länger sie hier war, desto länger konnte sie seiner Tochter helfen. Er nickte stumm, hob Denosh von der Liege hoch und drehte sich in Richtung der Tür. Das kleine Mädchen im Arm ging er langsam rückwärts, bis er mit dem Rücken an die Wand stieß, den Blick fest auf die Türe gerichtet beziehungsweise auf das, was den Türrahmen nun ausfüllte.

Der gesamte Türdurchgang wurde von einem dichten, schwarzen Fell ausgefüllt. Kaum war Ahmed an der Wand zum Stillstand gekommen schob sich das Fell durch die Öffnung bis ein ausgewachsenes Gorillamännchen im Raum stand, sich nervös umsah und krampfhaft die linke Schulter hielt. Doc Abby sah dunkles Blut zwischen den Fingern des Tieres durch sickern und klopfte in einer instinktiven Geste mit der Aufforderung, Platz zu nehmen, auf die Liege. Der Gorilla verstand, kam vorsichtig herum und ließ sich noch viel vorsichtiger auf das filigrane Gestell sinken. Sein Gesicht zeigte sichtliche Erleichterung, dass es sein Gewicht aushielt.

Unter seinen wachsamen Augen trat Abby an seine Seite. Er knurrte kurz als sie seine gewaltige Hand von der Schulter nahm um einen Blick auf die Wunde zu werfen. Dickes Blut verklebte das Fell rund um die Wunde, einem glatten Einschussloch. Sie betrachtete die Schulter von allein Seiten, eine Austrittswunde war nicht zu sehen. Wenn sie den Winkel des Einschusses richtig deutete, dann konnte kein Knochen verletzt sein und die Blutmenge schloss aus, dass eine größere Ader getroffen worden war. Sie musste also eine Kugel aus dem Oberarm eines Gorillas entfernen, der mindestens fünf mal so viel wog wie sie. Sie überlegte, die Kugel einfach stecken zu lassen und die Wunde zu vernähen. Das Tier knurrte in Richtung seines Armes und sah Abby mit einem Blick an, den sie unweigerlich als bittend beschreiben musste. Er war einfach zu menschlich, wie er da saß. Allmählich zweifelte sie an ihrem Verstand.

Mit einem Seufzen sammelte sie ihre Ausrüstung zusammen. Unter dem aufmerksamen Blick des Affen und den fassungslosen Augen Ahmeds rasierte sie den Bereich um die Wunde, reinigte sie und spritzte ein wenig Betäubungsmittel, stets bedacht, ihrem Patienten laufend zu erklären, was sie tat und ihm gut zu zu reden. Als die Betäubung Wirkung zeigte, begann sie die Suche nach der Kugel. Sie fand sie, drückte ihm die Hand auf die Schulter und zog die Pinzette mit dem Geschoss unter grollendem Protest heraus. Als sie das blutige Metall hoch hielt fragte sie sich, wieso sie eigentlich so ruhig war. Angesichts des ungewohnten Patienten müsste ihr Herz schlagen wie von Sinnen. Stattdessen legte sie ihm nur das Geschoss in die Pranke, überließ es seiner Neugier und vernähte das kleine Loch. Sie hatte gelegentlich Schussverletzungen behandelt aber noch nie waren sie ihr so alltäglich vorgekommen.

Als sie den Verband fertig angelegt hatte, erschien ihr der Gorilla fast wie ein Kind, das vor ihr saß, mit einem Schmuckstück spielt, ein kleines Liedchen summt und die Beine baumeln lässt. Er begutachtete ihr Werk, betastete den Arm und den Verband, grunzte zufrieden und ließ sich von der Liege gleiten. Er nickte und hielt Abby die Kugel wieder hin. Sie streckte den Arm aus und nahm sie zurück. Sie an seiner Stelle hätte sie wohl auch nicht behalten wollen. Ein leichter Wind trug das entfernte Knistern von Schüssen über die Hügel. Der Gorilla knurrte die Hügel an und hüpfte auf die Tür zu. Plötzlich klang der Gefechtslärm gar nicht mehr so weit entfernt. Auch Ahmed erwachte aus seiner Schockstarre. Er war kreidebleich und deutete nur auf die Hügel vor dem Fenster.

„Wir müssen hier raus!“ raunte er. „Die Milizen sind schon näher als ich gedacht hätte. Wenn sie uns finden sieht es düster aus.“

Der Gorilla war offensichtlich ähnlicher Meinung. Er war im Flur stehen geblieben und sah auffordernd zurück. Abby konnte nicht sagen was es war, aber für sie war es eine deutliche Aufforderung an sie, ihm zu folgen. Sie griff nach dem Notfallrucksack neben der Tür. Darin befand sich eine medizinische Feldausrüstung für jeden erdenklichen Notfall und sie trug ihn immer bei sich, wenn sie ihre Station verlassen musste. Der Gorilla registrierte ihr Handeln und setzte sich wieder in Bewegung, Ahmed folgte den Beiden, seine Tochter nach wie vor in den Armen.

Kaum hatte der Affe das Gebäude verlassen, steuerte er zielsicher ein Gebüsch an. Abby zweifelte nicht so sehr daran, dass er seinen Weg kannte als daran, dass das dünne Blätterwerk als Versteck taugte. Trotzdem folgte sie ihm und plötzlich war ihr bewusst, wie nah der Wald überhaupt war. Wohin sie auch blickte, es war kein Anzeichen menschlicher Zivilisation zu entdecken, nur Blätterwerk. Ungelenk stolperten die zwei Menschen durch das Unterholz, stets bemüht Schritt zu halten. In dieser Umgebung aber waren sie nicht heimisch, es war die Welt der Tiere. Der Gorilla verschwand immer wieder außer Sicht, wartete aber hinter ein paar Zweigen und Blättern immer geduldig auf sie. In seinem Blick lag dabei immer etwas wie Mitleid. So zogen sie weiter durch den Dschungel und Abby hatte längst aufgegeben, ihren Weg zurück verfolgen zu wollen. Jeder Busch sah für sie aus wie der Andere, Jeder Baum wie der Letzte. Sie konnten überall und nirgends sein. Für Abby machte es keinen Unterschied mehr. Sie hatte sich völlig ihrem Patienten ausgeliefert.

Zu allem Überfluss tat der Regenwald inzwischen auch genau das, was sein Name versprach. Er regnete. Und wie es im Regenwald so üblich ist gab es keinen europäischen Nieselregen sondern einen ausgewachsenen Platzregen. Binnen kürzester Zeit waren sie alle nass bis auf die Haut. Der Wald hatte sie verschluckt, es regnete und Abby fühlte sich wie ein leichtsinniges Kind welches einer streunenden Katze so lange nach gelaufen war, bis die Katze über einen Zaun verschwunden war und das Kind alleine im unbekannten stand. Ahmed hatte ihr zwar geraten die Stadt schnellstmöglich zu verlassen aber sicherlich nicht so. Allein die Tatsache, dass auch er mitsamt Denosh im Arm ihnen noch folgte hielten sie von dem Glauben ab, den Verstand verloren zu haben. Er war doch immerhin Einheimisch. Dass auch er keine Ahnung vom Wald hatte und sein Leben lang in der Stadt gewohnt hatte schob ihr Unterbewusstes bewusst beiseite.

Es hatte zu Dämmern begonnen. Der Regen hatte nachgelassen und Abby taten die Beine weh. Ihr tierischer Führer hatte ihnen nicht all zu viele Pausen gegönnt, gleichzeitig aber dafür gesorgt, dass sie immer Schritt halten konnten und sich nicht verliefen. Eine Zeit lang hatte sie noch entfernte Schüsse durch das Blätterwerk gehört, seit einigen Stunden aber war davon kein Ton mehr zu hören. Jetzt schien der Gorilla sich seinem Ziel langsam zu nähern. Immer wieder hielt er inne um einen Ast zu begutachten, an einem Baumstamm zu schnüffeln oder an einigen Blättern zu kauen. Irgendwann ließ er sich schlicht in einen größeren Busch fallen und begann die Zweige zu biegen und zu flechten. Rund herum erwachte der Regenwald zum Leben und Abby stellte fest, dass die Bäume rund herum besetzt von Gorillas waren. Sie waren überall, sie kamen quasi aus dem Nichts und es waren viele. Niemand schenkte den Menschen besondere Aufmerksamkeit. Sie wurden zur Kenntnis genommen und dann baute man weiter. Es dauerte einen Moment bis Abby sich erinnerte und begriff, dass sie sich Nester für die Nacht bauten. Wenigstens für heute war die Reise zu Ende.

Abby suchte sich nun auch ein möglichst weiches Büschel Blätter und versuchte es sich bequem zu machen. Ahmed sah sie irritiert an wie sie da saß und Blätter zusammen faltete. Er konnte es nicht fassen, wie stoisch sie ihr Schicksal annahm. Noch vor einigen Stunden hatte sie sich geweigert ihre Station zu verlassen und plötzlich standen sie beide mitten im Regenwald, fernab jeglicher Zivilisation, mit einem fieberkranken Kind. Erst jetzt fiel ihm auf, dass Denosh überhaupt nicht mehr heiß war. Ihre Haut fühlte sich ganz normal an, genau genommen sah sie einfach wie ein schlafendes Kind aus. Er begab sich zu Abby zwischen die Gorillanester. Sie nahm ihm das kleine Mädchen aus den Armen und untersuchte sie flüchtig. Mit einem Lächeln auf den Lippen legte sie sie dann in das frische Nest.

„Sie ist auf dem besten Weg der Besserung. Der Regen hat das Fieber herunter gekühlt und es scheint nicht wieder zu kommen. Jetzt muss sie sich erst einmal gut ausschlafen, bis morgen wird nichts großes mehr passieren.“

Ahmed war zwar skeptisch, akzeptierte ihr Urteil aber. Wenn selbst die Doktorin sich mit der Situation anfreunden konnte, dann musste es ihm doch leicht fallen. Es wäre ohnehin sinnlos gewesen sich Sorgen zu machen, vor morgen Früh würden sie nichts unternehmen können. Zwischen den großen Affen kamen sie sich vor, wie ein gut geschützter Teil der Familie. Abby fühlte sich an die Urlaube bei ihrem Großvater in Irland erinnert, wie sie mit ihm an der Küste gezeltet hatte. Hier fehlte das Zelt oder war einfach um ein vielfaches Größer. Wenn sie es recht bedachte, dann war der Wald selbst eigentlich wie ein großes Zelt. Sie musste schmunzeln und beobachtete die Gorillas, wie sie ihre Kinder in die Nester riefen und Einer nach dem Anderen zur Ruhe kam. Die Nacht brach herein und obwohl um sie herum der Dschungel zum Leben erwachte und regelrecht explodierte, fielen sie alle drei in einen tiefen, erholsamen Schlaf. Auch wenn Abby gerne die Ruhe genossen hätte wusste sie, wo Tiere lärmten, da war der Krieg weit weg. Selbst Ahmed, der seit Monaten in Angst vor dem Krieg lebte fühlte sich wirklich sicher und geborgen.

Die Letzten ihrer Art – Buchtipp

die Letzten ihrer Art

„Die Letzten Ihrer Art“ (Last Chance To See) beschrieb Douglas Adams als sein zwar am wenigsten erfolgreiches aber dafür liebstes Werk. Er beschreibt darin einige Reisen zu den bedrohten Tierarten dieser Welt, die er gemeinsam mit dem Zoologen Marc Carwardine mitte der ’80er unternommen hat.

„Die Letzten Ihrer Art“ legt seinen Fokus dabei ganz klar auf die Reisen selbst. Über die Tiere selbst wird ja schließlich schon oft genug berichtet, also wieso nicht mal einen Blick auf die andere Seite der Kamera werfen? Was dort passiert kann schließlich mindestens genau so spannend sein. Reisen nach Madagaskar mit Booten, die das Prinzip des Bootes einfach mal umkehren, vom Wahnsinn der Bürokratie in afrikanischen Staaten oder Übernachtungen in Hütten, die zwar von Menschenhand errichtet wurden aber wo der Mensch im besten Fall der Gast ist.

Was von der Kamera auch gerne übersehen wird ist die Arbeit der Leute, die teils Jahre und Jahrzehnte fernab von dem leben, was wir Zivilisation nennen um dort das Leben von Tieren zu schützen, von denen selbst Zoologen oft nur einmal eine Randnotiz gelesen haben. Douglas Adams dokumentiert Gespräche mit Zoologen, die ihre Schützlinge selbst kaum zu Gesicht bekommen und nur schätzen können ob es nun noch zwanzig oder schon nur noch sieben von ihnen gibt.

Das ganze ist natürlich in dem für Adams typischen Humor geschrieben und mit einer Leidenschaft und Begeisterung die man nur für etwas aufbringen kann, was einem wirklich am Herzen liegt. Ich persönlich lese gerne, wenn ich mit Bus oder Bahn unterwegs bin. Bei diesem Buch muss ich wohl einen recht albernen Anblick geboten haben, wie ich dort sitze und albern vor mich hin kichere. Humor ist zwar immer Geschmackssache und in diesem Fall hat es meinen Geschmack genau getroffen. Dabei sind die Erzählungen teilweise derart absurd, das man sich fragen sollte, ob so etwas wirklich passiert sein kann. Aber diese Frage stellt sich nicht wirklich. Man liest es und akzeptiert es als wahre Begebenheit wo das Leben selbst mal wieder Ideen hatte, auf der verrückteste Schriftsteller nicht kommen würde.

Ich erachte „Die Letzten Ihrer Art“ nicht nur als ein wertvolles Stück Kulturgeschichte sondern auch als kleines Lehrbuch für die Frage „Was passiert, wenn der Mensch kommt?“ denn nicht zuletzt sind wir es, die dafür gesorgt haben, dass die hier erwä

hnten Tiere vom Aussterben bedroht oder sogar schon ausgestorben sind. Von mir gibt es eine ganz deutliche Leseempfehlung für ein Buch, was man kaum zur Seite legen kann und was man auch gerne noch ein zweites mal liest. Oder noch ein drittes mal, um jemandem eine Szene daraus vor zu lesen oder um es zum Beispiel auf englisch zu lesen.

Im Übrigen, nicht alle Berichte von den Reisen dieser Reihe sind in diesem Buch enthalten. Der Bericht über die Mantarochen vor Australien findet sich in „Lachs Im Zweifel“, einem Buch, was erst nach Adams‘ Tod erschienen ist und sich aus etlichen hinterlassenen Texten zusammen setzt.