Die Stadt mit dem Puppengesicht

Sie wird das „Venedig des Nordens“ genannt oder die „Perle der Ostsee“. Sankt Petersburg liegt an der Mündung der Newa und war unser erster Kontakt mit russischem Boden. Die Stadt hat vermutlich im Rahmen der hier mit ausgetragenen Fußball WM und ihres Gründungsjubiläums eine gründliche Überarbeitung erhalten. So wurde ein neues System von Stadtautobahnen angelegt und viele Gebäude im Stadtzentrum wurden generalüberholt und frisch saniert.

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Eremitage, gesehen von der Klappbrücke aus. Man sieht den ein oder anderen Reisebus davor aber mir wurde versichert, aktuell sei quasi niemand da. Für einen Besuch darin war leider dennoch keine Zeit.

Man sieht der Stadt an, dass sie den Spagat zwischen alt und neu versucht. Das Leben soll auf die Straßen kommen, die Kanäle rufen nach Leben und doch wirkt die Stadt wie eine Puppe. Nichts hier scheint wirklich alt oder echt zu sein. Wenig verwunderlich, immerhin entstand die Planstadt erst 1703 auf Geheiß von Peter dem Großen. Sie ist übrigens nicht nach ihm selbst benannt, sondern nach seinem Namenspatron. Das muss man schon wissen, denn ansonsten ist es angesichts vieler Denkmäler sehr leicht zu verwechseln.

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Festung Peter-und-Paul von der Newa aus gesehen. Es braucht schon sehr schlechtes Wetter, damit das goldene Dach nicht kräftig glitzert.

Besonders in der Altstadt konzentrieren sich mit beispielsweise der Admiralität, dem Winterpalast, der Eremitage und der Peter-und-Paul-Festung prunkvolle Gebäude, welche erst in den letzten Jahren aufwendig saniert wurden, teilweise auch noch saniert werden und absolut poliert aussehen. Wikipedia führt übrigens etwa 2.300 Paläste, Prunkbauten und Schlösser für die Stadt. Aber so sehr sich die Stadt auch bemühen mag, sie hat das Problem, was so viel Planstädte haben. Es wirkt einfach alles ziemlich konstruiert (was es ja eigentlich auch ist). Man geht an Gebäuden von Hunderten Metern Länge entlang, und ihre Fassaden verändern sich kaum. Es fehlt einfach das Organische, was einer Stadt den Eindruck verleiht, dass Menschen in ihr leben. Die überdimensionierten Zentralgebäude im Bereich der Sowjetstadt helfen hier nicht besonders.

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Der Platz vor dem Winterpalast, eigentlich immer voller Leute. Abends sammelt sich regelmäßig eine Traube von jungen Menschen unter der Säule links und irgendeine Band macht Musik. Am Parkplatz am Rande ist derweil das Schaulaufen der Prolls mit ihren getunten Autos.

An den großen Alleen wie dem Nevsky Prospekt oder auch entlang vieler Kanäle wird das zugegebenermaßen etwas besser. Städtisch wirkt es hier auch dank des Verkehrschaos. Dabei herrscht nicht einmal viel Stillstand. Der Verkehr fließt durchaus, ob auf dem Bürgersteig oder davor. Eines gilt aber so oder so: Jeder will gesehen werden und das erreicht man am besten darüber, der Lauteste zu sein. Vielleicht verstehe ich das aber einfach falsch und es geht eigentlich darum, der Schnellste zu sein. Offiziell gilt die Höchstgeschwindigkeit 60 km/h. Umgesetzt wird etwas anderes.

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Einer von zwei alten Leuchttürmen am ehemaligen Kai der Stadt. Heute werden sie nur noch zu Feiertagen entzündet… aber dies dann nachwievor mit Ölfeuern.

Ich würde übrigens grundsätzlich empfehlen, Strecken wenn möglich zu Fuß zurückzulegen. Das Metro Netz ist gut geeignet, um die einzelnen Stadtteile zu erreichen, aber für die Fläche dann vielleicht doch etwas dünn gesät. Außerdem muss man schon einiges an Geduld mitbringen, um überhaupt bis zum Zug zu kommen. Einige Stationen sind über 100 m tief, da verbringt man schon etliche Minuten nur auf der Rolltreppe hinunter. Dafür sind die Stationen aufwendig dekoriert und verziert. Barrierefreiheit ist hier übrigens kein Fokus. Rollstühle habe ich kaum gesehen und angesichts der vielen hohen Stufen und Treppen ist das kein Stück verwunderlich. Offenbar gibt es in Russland keine körperlich eingeschränkten Personen 😉

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Ich habe vergessen welche Metrostation das hier ist, möglicherweise die Admiralität. An anderer Stelle sind eher Mosaike oder pompöse Kronleuchter vertreten.

Gegen Abend zeigt die Stadt dann eine andere Seite. Ob Wochenende oder nicht, an jeder Ecke steht jemand und macht Musik, wahlweise gibt es auch Tanzschulen, die ihr Angebot einfach auf einen der öffentlichen Plätze verlagert haben oder die Möglichkeit, in der Märchenkutsche durch die Stadt zu fahren. Als ihr Wahrzeichen versteht die Stadt aber wohl ihre Brücken.

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Wem es gefällt, für den stehen verschiedenste Modelle an Kutschen für Stadtrundfahrten bereit. Ein Angebot, was offensichtlich sehr gut angenommen wird.

Jede Nacht werden die Klappbrücken geöffnet um die Schiffe hindurch zu lassen, die ansonsten nicht durch passen würden. Hell erleuchtet und zu pompöser Musik aus dem Lautsprecher klappen die Straßen hoch, Reisebus um Reisebus quetscht sich an die Uferpromenade und tausende Menschen sehen dabei zu, wie die Boote, welche auch tagsüber fleißig Touristenfahrten anbieten, durch die Lücken fahren. Diesmal halt nur nicht einzeln, sondern alle auf einmal.

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Samstagabend am alten Hafenkai. Am Fuß der alten Leuchttürme finden öffentliche Veranstaltungen lokaler Tanzschulen statt. Falls jemand mitmachen möchte…

Sankt Petersburg ist eine Stadt mit Gesicht, aber man muss sich schon an den Anblick gewöhnen. Man hat den Eindruck, eine Puppe vor sich sitzen zu haben. Alt, lange Jahre schwer vernachlässigt worden, und jetzt in mühseliger Kleinarbeit wieder gewaschen, geflickt und überarbeitet. Dabei ist man vielleicht an der ein oder anderen Stelle über das Ziel hinaus geschossen, denn ihr Gesicht ist vielleicht etwas zu sauber. Klar, Augen, Nase und Mund sind vorhanden, aber es fehlen die Akzente, die sie wirklich lebendig machen. Die Sehenswürdigkeiten und „Traditionen“ wirken etwas infantil und unreif. Man hat eher den Eindruck durch einen Freizeitpark zu schlendern, als durch eine Stadt. Dennoch lassen sich die Menschen nicht davon abhalten, sie in ihre ganz eigenen Spiele einzubinden und sticken ihre eigenen kleinen Muster in das Puppenkleid. Es ist ein merkwürdiger Kontrast, der dabei entsteht, aber wenn man sich auf das Bild einlässt, kann es durchaus gefallen.

 

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Erste Eindrücke aus Karelien

Es ist bereits eine Weile Funkstille und das liegt nicht nur an vieler Arbeit, wenig Inspiration und rasend schnell verfliegender Zeit, sondern auch daran, dass ich auch einmal dazu gekommen bin, aus meiner Komfortzone gerissen zu werden und in einen mir unbekannten Ort zu reisen. Von alleine wäre ich vermutlich jedenfalls nicht auf die Idee gekommen, nach Russland zu fahren.

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Eine der besseren Straßen, abseits der neuen und frischen Hauptstraße. Dennoch muss man sich schon etwas von den Städten entfernen, um sie derart ruhig vorzufinden.

Karelien ist das Land der zehntausend Seen und weiten Wälder. Zehntausend stimmt dabei nicht so ganz, aber bei dermaßen vielen Seen ist es auch nicht mehr wirklich wichtig, ob es jetzt 60.000 oder 65.000 sind. Fakt ist: Es sind echt sehr sehr viele und mit dem Onegasee und dem Ladogasee finden sich hier auch noch die größten Süßwasserseen des europäischen Kontinents. Was für ein Erbe, welches die letzten Eiszeiten hier zurückgelassen haben!

Zwischen diesen Seen findet sich viel Wald. Sehr viel Wald, denn etwas anderes wird hier üben in der Taiga mit dem Land auch nicht gemacht. Landwirtschaft ist hier zwar möglich, der Boden ist durchaus fruchtbar, aber Spitznamen wie „das Land der immergrünen Tomaten“ lassen schon vermuten, dass die Sommer hier nicht die ergiebigsten sind. Hausgärten werden bewirtschaftet, aber landwirtschaftliche Fläche macht nur etwa 1% der Gesamtfläche Kareliens aus. Und diese ist etwa vergleichbar mit der Fläche Deutschlands.

Was wir hauptsächlich gesehen haben, sind Landschaften, die durch die Gletscher der letzten Eiszeiten gut eingeebnet wurden. In der Region um Sankt Petersburg herum ist das Relief dermaßen flach und stabil, dass Gräben und Krater aus dem Krieg nur unter Moos und niedrigen Büschen verborgen liegen. Obwohl es in der Region viel regnet, sind sie nie verschüttet worden.

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Ich bin übrigens amtierender Europameister im unscharfe Fotos schießen. Nicht offiziell natürlich, aber dafür mit vielen Beweisbildern. Meine Kamera mag mich nicht.

An dieser Stelle möchte ich euch nur einen ersten Eindruck über die Gegend bieten, denn was mich am meisten beeindruckt hat, ist tatsächlich die Gegend. Der Wald hat sich in den letzten 12.000 Jahren nicht verändert und sieht doch noch so jung und hell aus. Flüsse fließen, wie sie nun einmal fließen, und niemand macht sich die Mühe, ihnen ein neues Bett geben zu wollen. Straßen führen Kilometer um Kilometer nur durchs Nichts. Wenn es hier eines im Überfluss gibt, dann ist es Platz, und das alles nur wenige Kilometer von der Grenze der EU entfernt.

PS: WordPress informiert mich gerade darüber, dass heute mein Jahrestag ist. Dieser Blog existiert seit inzwischen vier Jahren. Zur Feier des Tages gibt es wenig Text und viele Bilder 🙂 Ich hoffe, sie gefallen Euch! (Das mit den Kacheln ist ein Experiment. Ich hoffe, es klappt mit dem vergrößern und den Beschriftungen)

StadtGartenSchau – Teil 14. – Mehr Werbung!

Das gute GartenFräulein Silvi und ihren Blog habe ich hier bereits einmal vorgestellt *Link* und inzwischen hat auch sie noch einmal einen schönen Beitrag zu unserem Projekt verfasst. Und so schön bebildert wie der ist wäre es doch sträflich, ihn Euch vorzuenthalten. Schaut doch einfach mal vorbei und wenn ihr möchtet, lasst ihr gerne auch einen lieben Gruß von mir da 😉

*Link zum Beitrag auf „garten-fraeulein.de“*

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Mehr Werbung gibt es dann auch noch durch den BR, der bereits zum wiederholten Male von der Landesgartenschau und auch unserem Bereich berichtet hat. Viel Zeitaufwand für wenige Bilder, aber Hey! Auch konventionelle Medien haben noch ihre Daseinsberechtigung und Zielgruppe 😉

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Die Kamera sieht vieles, zeigt nur nicht alles davon. Und auch in den Mediatheken sind die Beiträge immer nur so kurz zu sehen… man kann halt nicht alles haben.

 

StadtGartenSchau – Teil 13. – Hügelbeete

Es hat auf mich immer eher wie eine unscheinbare Randerscheinung gewirkt. Ein Projekt, was etwas Fläche füllt und dennoch produktiv ist, dabei gleichzeitig aber einfach und unkompliziert. Für jedermann zu realisieren und daher perfekt für unsere Ausstellung, die ja inspirieren soll, Ideen anbietet und aufzeigt, dass es nicht immer viel braucht, um etwas Schönes zu erschaffen.

Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass unsere Hügelbeete doch so viel Aufmerksamkeit bekommen und dabei so viele Fragen aufwerfen. Jedes Mal, wenn ich bisher auf der Fläche war, steht jemand mit großen Fragezeichen in den Augen vor diesen so unscheinbaren Konstrukten. Es ist beinahe ein Wunder, dass noch niemand von den Besuchern nach einem Grabstein daran gefragt hat, immerhin scheint es Hügelgrabcharakter zu besitzen, trotz Informationsschild.

Wie gießt man denn so etwas? Wieso fließt die Erde nicht einfach auseinander? Das ist doch sicherlich schrecklich trocken alles? Ist das überhaupt sinnvoll so? Das sind nur einige der Fragen, die an uns herangetragen werden.

Auch wenn es vielleicht nicht gleich so wirkt, fließt das Wasser nicht einfach ungehindert hinab und lässt die Pflanzen vertrocknen. Die Oberfläche des Hügelbeetes ist deutlich weniger dicht und dafür offenporiger als ein ebenes Beet. Dies erleichtert die Aufnahme von Wasser. Zusätzlich bremsen die Pflanzen den Wasserstrom aus und lassen es so einfacher einsickern. Die feinen Wurzeln können den Boden gut durchdringen und festhalten.

Vor nassen Füßen muss man dennoch keine Angst haben, denn der Kern des Hügelbeets besteht aus einer Drainage aus grobem Pflanzenschnitt. Wie auch bei einem Hochbeet (der Aufbau ist im Grunde identisch, nur ohne die Seitenwände) wird das Material nach oben/außen hin immer feiner, bis eine Lage Kompost und feine Erde kommen. Das Material im Inneren verrottet langsam und setzt so neue Nährstoffe frei, die von den Pflanzen aufgenommen werden können. Außerdem verleiht dieser Aufbau der Struktur ihre Stabilität.

Gießen muss man das Hügelbeet dennoch gründlich, denn besonders die Oberfläche wird schnell trocken sein. Bedingt durch die Ausrichtung von Norden nach Süden, bekommt jede Seite eine gute Dosis Sonnenschein ab und trocknet so schneller aus. Außerdem ist die Kuppe stärker dem Wind ausgesetzt, was besonders am Anfang den Wasserverbrauch beansprucht. Um den Pflanzen genügend Licht zukommen zu lassen, werden hohe Pflanzen auf der Kuppe gepflanzt, niedrigere Pflanzen eher auf der Seite, wo sie weniger Zeit im Schatten verbringen. Durch die bessere Ausrichtung zur Sonne stehen wie Pflanzen hier auch insgesamt etwas wärmer.

Wie auch das Hochbeet ist das Hügelbeet als Interimslösung geeignet und nicht so abhängig vom natürlichen Boden. Auf versiegelter Fläche wird es allerdings nicht funktionieren, da hier überschüssiges Regen- oder Gießwasser nicht versickern kann und das Beet wegspült. Dafür hat man die Möglichkeit den verbauten Bodentyp entsprechenden Ansprüchen anzupassen. Ich habe diese Beetform auch erst auf unserer Ausstellung kennengelernt und keine Erfahrungen damit. Wir werden sehen, wie gut sich dieses Projekt entwickelt. Dem ersten Eindruck nach ist es recht trocken, aber wir werden ja sehen, wie es sich verhält, wenn die Pflanzen einmal richtig Fuß gefasst haben.

(Und weil dieser Text schon etwas älter ist, und ich ihn zwischenzeitlich etwas vergessen habe, kann ich auch schon Zwischenergebnisse liefern. Ich würde für mich kein Hügelbeet anlegen. Der Boden schwimmt entweder weg oder vertrocknet. Klar, man hat mehr Oberfläche, aber bis die Tomaten so tief wurzeln, dass man sie nicht mehr alle 2 Stunden gießen muss, vergeht leider etwas Zeit. Mit einer automatischen Tröpfchenbewässerung wäre das vielleicht einfacher, aber das wäre dann auch wieder eine technische Lösung mit höherem Wartungsaufwand. Die Idee ist zwar gut, aber überzeugt hat es mich nicht.)

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Aus dieser Perspektive zum Glück nicht so sichtbar: Die niedrige Abgrenzung ist kaum ein Hindernis für Schnecken. Wir bieten zwar Nischen und Nistplätze für viele Tiere, aber leider sind bisher keine Fressfeinde von Schnecken da. Dafür natürlich die Schnecken und sie lieben den Kohl.

StadtGartenSchau – Teil 12. – von Sorgenkindern und kleinen Juwelen

Im Laufe eines größeren Projekts entwickeln sich wohl für jeden immer Elemente heraus, die einem mal besser oder schlechter gefallen. Das ist auch bei einer UrbanGardening Ausstellung nicht großartig anders. Eine kleine Besonderheit, die auch bei den Gästen immer wieder auf Unglauben stößt, ist unsere Organisationsstruktur. Jeder ist für alles zuständig und es gibt keinen Organisationsplan. Gegossen wird, wenn es halt notwendig ist, und von denjenigen, die halt gerade Zeit haben. Abgesprochen wird per WhatsApp Gruppenchat und Samstag treffen sich alle zum gemeinsamen Gärtnern. Exklusivflächen gibt es eigentlich keine.

Das heißt nicht, dass es nicht Experten für bestimmte Teile geben würde. Connie kennt sich am besten in der Mischkulturfläche aus, Angelika weiß, was wo in den mobilen Beeten steht und Pascal hat den besten Durchblick im essbaren Teich. Nachdem ich im letzten Jahr im CampusGarten bereits Erfahrungen mit der Milpa gesammelt habe *Link*, wurde auch für die StadtGartenSchau eine angelegt.

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Eine noch junge und hoffnungsfrohe Milpa. Hier sind die vorgezogenen Pflanzen gerade erst ausgepflanzt worden und die Staunässe hat sich noch nicht wirklich zeigen können. Auf den ersten Blick hat sich seitdem wenig verändert. Die Zäune sind zwar improvisiert, aber leider wirklich notwendig. Andernfalls stiefeln uns die Besucher munter durch die Beete.

Und diese ist definitiv eher ein Sorgenkind. Das Problem ist vermutlich der Boden. Auch wenn wir viel durchlässigen Kompost hier eingearbeitet haben, ist die Basis dennoch der mit dicken Steinen durchzogene Lehm. Dieser dichtet den Boden gegenüber dem unterlagernden Muschelkalk wunderbar ab und verhindert, dass Wasser in irgendeiner Form wieder abfließen kann. Mais verträgt durchaus eine solide Menge an Wasser, aber mit Staunässe kommt er nicht gut zurecht. Der vorgezogene Mais wirkt kümmerlich, dünn und blass, die Kürbisse trauen sich ebenfalls nicht zu wachsen und die Bohnen bekommen ungesunde braune Flecken auf den Blättern.

Wir versuchen, das Wasser über Sickergruben abzuschöpfen und die Oberfläche des Bodens aufzureißen, damit wenigstens ein bisschen Luft den Weg zu den Wurzeln findet. Vielleicht wird es gelingen, aber es sieht nicht so aus, als würde sich dieser Teil noch vernünftig erholen. Aber aufgeben ist keine Option!

Um so schöner entwickeln sich Kräuterspirale und essbarer Teich. Bereits seit einem Monat blühen die verschiedenen Sorten Thymian um die Wette und bietet weiche leuchtende lilane Flecken in einem Meer aus sattem Grün und kantigem Gestein. Nicht nur die Besucher freuen sich, auch die Insekten haben diese kleinen Juwelen für sich entdeckt. Überboten nur noch von der Gründüngung durch Phacelia summt und schwirrt es hier unablässig. Der Teich ist zwar frei von Fischen, aber für die Libellen ist das kein Hindernis.

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Chinampa im Abendlicht. Nach einigen Wochen Hitze und Trockenheit sind die Pflanzkörbe weitgehend trocken gefallen. Eine Libelle lässt sich davon zumindest nicht stören. Wer findet heraus, wo sie sich im Bild versteckt?

Ein Beweis, dass Schilder nicht immer vertrauenswürdig sind, findet sich bei den Naschlilien. Die Taglilien zeigen zaghafte Blüten und kitzeln zwiespältige Reaktionen heraus. Wenn wir abends einzelne Blütenblätter pflücken, überwiegt meistens das Bedauern um die schöne Blume. Das Geschmackserlebnis macht es aber meistens wieder wett, denn kaum jemand rechnet damit, dass diese Blüten so schmackhaft sind. „Wonach schmecken die denn?“ Nun, nach Lilien. Und jede Farbe oder Sorte hat ihren eigenen feinen Geschmack.

Eher eine zufällige Entwicklung ist der große Bremser. Bedingt durch die sehr zentrale Lage laufen viele Gäste einfach nur bei uns vorbei, um irgendwo anders hinzukommen. Der große Bremser aber schafft es, viele von ihnen dennoch für einen Moment zum Innehalten zu bewegen. Das kann doch nicht sein, habe ich das jetzt wirklich richtig gesehen? Ja, haben Sie. Und nein, wo wir schon dabei sind, es lohnt sich nicht, hier zu ernten. Der Hanf ist weitestgehend frei von THC oder CBD, ansonsten hätten wir niemals die Genehmigung bekommen. Die war ohnehin teuer genug, und ja, man braucht auch für Faserhanf eine Genehmigung. Selbst dann, wenn nichts drin ist. Und auf einmal registrieren viele, dass Hanfleinen oder Seile ja nicht nur auf vielen Kunsthandwerkermärkten auftauchen, sondern doch auch bei Oma im Schrank lagen. Es ist eine alte Kulturpflanze, die nicht nur schön aussieht, sondern Europa über Jahrhunderte mit geprägt hat. Es braucht nur diesen kleinen Stupser, und altes Wissen sprudelt wieder hervor.

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Fotokulisse für Unmengen an Selfies. Es bietet sich ja auch an, so schön dicht und hoch wie der Faserhanf hier steht. Ein großer Spaß für Jung und Alt, selbst wenn er nur für Textilien und nicht so sehr zum Rauchen geeignet ist.

Auf die gleiche Weise tut es das in der Mischkulturfläche. Besonders die Alten bekommen beim Anblick der Kartoffelkäfer nostalgische Gefühle. Leider, in diesem Fall, denn wir führen einen erbitterten Kampf gegen die Kartoffelkäfer. Genau wie viele Rentner in ihrer Kindheit müssen wir die alle absammeln. Nur haben wir keine Hühner, um sie zu verfüttern. Wir gewinnen den Kampf trotzdem… hoffentlich.

Denkt gerne auch an mein anderes kleines Sorgenkind und helft mir, meine Umfrage etwas weiter zu treiben. Ich bin dankbar um jede Antwort 🙂

*Link*

StadtGartenSchau – Teil 11. – Gästemeinungen

Die Landesgartenschau in Würzburg ist bereits eine Weile eröffnet aber noch immer zieht sie viele Ressourcen aus meinem Pool ab. Eigentlich kribbelt es mir in den Fingern, mal wieder eine kleine Geschichte zu schreiben, oder aber wenigstens eine angefangene weiter zu schreiben. Leider habe ich weder die Ruhe noch die Inspiration dazu im Moment. Um aber nicht vollständig in der Versenkung zu verschwinden, möchte ich hier aber immerhin ein kleines Update zu unserem Projekt geben.

Denn inzwischen sind die frostigen Tage längst vorbei und an sommerlichen Wochenenden zieht es Menschen aus allen Himmelsrichtungen auf die Ausstellung. Dabei scheint es aber einige Missverständnisse zu geben. Vermutlich beginnt das bereits beim Namen, denn die Landesgartenschau ist weder eine Blümchenschau noch eine große Präsentation verschiedener Gärten. Es gibt zwar auch einige kleinere Themengärten in den Randlagen, aber primär ist die Ausstellung ein Stadtentwicklungsprojekt. Nach 100 Jahren militärischer Nutzung entsteht hier ein neuer Stadtteil und dieser wächst um einen großen Park herum. 5.000 neue Wohnungen, aber die Grünanlagen sind zuerst da. Das ist nur dank der Landesgartenschau möglich. Die Auflagen sind allerdings, dass die Dauerparkanlagen in dieser Form für die nächsten zehn Jahre unverändert bleiben. Entsprechend hat die Stadt sich für einen relativ pflegeleichten Kompromiss entschieden und Exoten auf die temporären Randflächen verlagert. Was hier passiert ist in der Verantwortung der jeweiligen Aussteller. In unserem Fall sind das die VHS, Stadtgärtner e.V. und der CampusGarten. Das Projekt selbst habe ich bereits Ende März vorgestellt *Link*.

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Schwer zu erraten, was das hier sein könnte. Unser Gästebuch läd dazu ein, eine Kritik zu unserer Fläche da zu lassen. Immerhin wollen wir auch einmal Feedback bekommen, ohne es durch unsere bloße Anwesenheit zu verfälschen.

Inzwischen zeigt sich, dass wir einige unserer Ziele erreicht haben. Es ist nicht nur das Feedback, welches wir im Gespräch mit den Gästen bekommen, und welches eigentlich fast immer positiv ist. Die Leute fühlen sich wohl, gucken sich in Ruhe um und kommen auch gerne wieder. Viele kommen auch mit Fragen, von denen wir bei Weitem nicht alle beantworten können. „Wieso wächst meine Pflanze zu Hause nicht?“ „Ich habe diesen oder jenen Schädling in den Pflanzen, wie werde ich den wieder los?“ „Mein Cousin hat so eine ähnliche Mauer gebaut, wie dort drüben bei den Wissensgärten steht, aber da ist ein Problem aufgetreten. Wieso?“ (Ich habe nicht einmal herausbekommen können, welche Mauer denn überhaupt gemeint ist.)

Wir können natürlich Tipps geben, aber meistens nichts, was die Besucher zufriedenstellt. Stattdessen gibt es sehr viele ungläubige Blicke, wenn wir erzählen, dass wir alle keine Gärtner sind, sondern diese Fläche ehrenamtlich und in unserer Freizeit gestalten. „Aber am Wochenende gibt es doch dann Zuschlag, oder? Da bekommen Sie dann doch 50% mehr!“ Das mag ja sein, aber 50% von 0 sind immer noch 0. Das kann sogar ich im Kopf ausrechnen.

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Es blüht und grünt an allen Ecken und Enden. Grund genug für viele, nachzufragen, wieso es bei uns so viel grüner ist als im heimischen Blumentopf. Eine Frage, die wir ebenfalls oft bekommen, ist die nach dem Saatgut. Viele Gäste sind offenbar zum Geld ausgeben da und tatsächlich enttäuscht, wenn wir ihnen nichts verkaufen können. Denn selbst wenn wir das Saatgut hätten, wir dürfen nichts verkaufen. Ganz grundsätzlich nicht.

Was aber mit zu den größten Komplimenten für mich zählt, sind die Leute, die ihren Tag so planen, dass sie sich abends auf unserer „Terrasse“ niederlassen, ihr Picknick auspacken oder sich einfach nur für eine ruhige Stunde mit ihrem Glas Wein auf die Palettensofas setzen und einen ruhigen Abend genießen. Sagen, wie gut es einem gefällt, ist das eine. Es auf diese Weise zu zeigen ist aber etwas ganz anderes.

Dabei scheinen viele Gäste etwas anderes von der Ausstellung als Ganzes erwartet zu haben. Mehr Abwechslung, mehr Thematisierung, mehr Angebote (die dann trotzdem oft nicht wahrgenommen werden), mehr Mülleimer (gut, das ist wirklich ein Problem), mehr Erklärungen und mehr Blumen. Und so kam es dann zu der Szene, dass eine ältere Dame mitten auf dem weitläufigen Gelände stand, ihren Blick streifen ließ, im Rücken den weichen Rasen des oberen Landebahnparks, vor sich die zu diesem Zeitpunkt bunt blühende Wildblumenwiese des unteren Landebahnparks, und schimpfte und wetterte darüber, dass es viel zu wenige Blumen hier gäbe. Was für eine grenzenlose Enttäuschung ist diese Landesgartenschau doch. Das konnte man im Osten einfach besser. Da hätte es das nicht gegeben. Und überhaupt dieses ganze Unkraut hier.

Für mich war das ein prägendes Erlebnis.

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Eine Wildblumenwiese. Sehr auffällig hier: Es gibt keine Blumen! Dafür aber jede menge Unkraut. Wenn das mal kein Zeichen von Nachlässigkeit ist, eine absolute Unverschämtheit. Und dann erst das ganze Ungeziefer! Bienen, Hummeln, Wespen, Schmetterlinge, Libellen… massenhaft schwirrt es hier. Scheußlich! *Vorsicht! Kann Spuren von Ironie enthalten.*

Wo wir schon bei Meinungen sind…

Ich weiß, einige von Euch haben mir bereits ihre Meinung kund getan, aber ich wäre Euch dennoch sehr dankbar, wenn Ihr die paar Minuten hättet, meine Umfrage auszufüllen und jeden damit zu nerven, den Ihr kennt 😉 Verbreitet sie gerne auf allen Wegen und nutzt sie auch gerne als Vorwand, sich mal wieder bei alten Freunden zu melden, von denen mal viel zu lange nichts mehr gehört hat.

*Link*

Szenen an der Supermarktkasse

Ich stehe an der Supermarktkasse und träume vor mich hin, wie ich es viel zu oft tue. Der neue Azubi an der Kasse ist noch nicht besonders geübt und entsprechend geht es gemütlich voran. Die Dame hinter mir möchte gerade damit beginnen, ihre Einkäufe aufs Band zu räumen, als ihr auffällt, dass etwas fehlt. Man sieht ihr an, dass diese Abweichung vom geplanten Ablauf Stress für sie bedeutet. Ihre Stimme rangiert irgendwo zwischen schüchtern, beschämt und gehetzt, als sie sich an mich wendet.

„Entschuldigung aber könnten Sie ganz kurz auf meinen Wagen aufpassen?“

Ich bin etwas überrascht denn es ist nicht viel los und hinter ihr steht niemand an. Aber selbstverständlich nicke ich zustimmend. „Klar!“ Es gibt keinen Grund, wieso nicht. Der ältere Herr vor mir dreht sich um, mustert mich schmunzelnd und muss kichern.

„Sie wirken trotz Bart offenbar vertrauenswürdig.“

Mir ist mein Bart nie als kontroverses Thema vorgekommen. Er ist seit vielen Jahren ein treuer Begleiter. Kein langer Hipsterbart oder aufwändig zurecht rasiert. Einfach nur ein kurzer unkomplizierter Vollbart, lang genug um nicht mehr stachelig zu sein. Frei von jeder politischen Aussagekraft und ohne Ähnlichkeiten zu berühmten Vorbildern in Märchen und Geschichten. Für den Räuberhauptmann hat es nie gereicht.

„Trotz oder gerade deswegen?“ wandert es mir durch den Kopf und zeitgleich über die Lippen. Im Kopf des Mannes scheint das etwas auszulösen, jedenfalls beginnt er zu erzählen, dass Bärte in seiner Jugend ausgesprochen verpönt waren aber das ja so lange her sei und jeder tun sollte, was ihn denn glücklich macht. Ich kann sein Alter schwer schätzen. Ist er noch im Bereich der 70 oder schon über die 80? Ich weiß nicht, wann seine Jugend war, aber spontan fällt mir keine Epoche ein, in der es nicht wenigstens in einzelnen Gesellschaftsschichten angesehen oder akzeptiert gewesen wäre, einen Bart zu tragen. Die Mode schwankt natürlich auch in diesem Bereich stark.

Erst im Nachhinein fällt mir auf, dass er mich trotz der immer breiter werdenden grauen Strähnen im Bart mit seiner Formulierung auch der Jugend zugerechnet haben könnte. Möglicherweise lässt der Bart mich also nicht nur vertrauenswürdiger, sondern auch noch jünger wirken. Ist nicht in der Regel das Gegenteil der Fall? Was auf mich zutrifft kann ich nicht sagen. Die letzten Fotos, auf denen ich ohne Bart zu sehen bin sind bereits alt und vermutlich hat sich auch mein Gesicht im Laufe der Zeit ein wenig gewandelt, genau wie so vieles anderes.

Inzwischen ist auch die Dame gefunden, was sie gesucht hat, und ist wieder zu ihrem Einkaufswagen zurückgekehrt. Mit einem dankbaren Blick stellt sie fest, dass noch alles ist, wie sie es zurückgelassen hat, und beginnt nun doch noch damit, das Band zu beladen. Der Azubi bekommt unterdessen Unterstützung von einer Kollegin, die bereits ein paar Jahre länger hier arbeitet. Auch wenn sie immer gut gelaunt und freundlich ist, sie ist gleichzeitig weltmeisterhaft schnell. Der alte Mann vor mir kennt sie offenbar auch, denn er seufzt etwas wehleidig, fügt sich dann aber seinem Schicksal.