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Eine Bitte um etwas Zeit und Meinung

Heute trete ich einmal nicht mit einer Geschichte, sondern mit einer Bitte an euch heran. Könnt ihr etwa zehn Minuten für die Wissenschaft opfern?

Im Rahmen meiner Abschlussarbeit möchte ich untersuchen, inwiefern Stadtklima ein Thema im Bewusstsein der Bürger ist. Dafür habe ich eine Umfrage erstellt und hoffe, dass sie von einem möglichst breiten Publikum beantwortet wird. Da nur nach Meinung und Kenntnisstand gefragt wird gibt es auch keine falschen Antworten.

Das Ergebnis der Umfrage soll es Städten ermöglichen, ihre Anpassungsstrategien so zu planen, dass möglichst wenig Steuergelder verschwendet werden und die umzusetzenden Klimaschutzmaßnahmen auch im Interesse der Bürger sind.

Ich möchte euch also bitten, einmal einen Blick auf die Umfrage zu werfen. Perfekt wäre es natürlich, wenn ihr den Link eifrig verteilt, damit möglichst viele Antworten zusammen kommen. Es ist natürlich alles anonym und ihr würdet mir wirklich sehr damit helfen.

Vielen Dank für eure Mithilfe!

*Link* Hier geht es zur Umfrage (externe Seite) *Link*

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 125.

Spaziergänge

Das war es gewesen, das Semester. Flo hatte seine letzte Hausarbeit abgegeben und die letzte Klausur geschrieben. Gut gelaufen war es nicht, eher im Gegenteil. Bei vielen Arbeiten wäre er einfach nur zufrieden, wenn sie bestanden waren. Nicht glücklich, aber immerhin zufrieden. So realistisch war er, um einzusehen, dass aus seinen Arbeiten einfach nicht viel herauszuholen war. Das, was ihn dabei am meisten störte, war, dass eine dieser Arbeiten sein Abschluss war.

Mia hatte ihre Bachelorarbeit bereits vor einem Semester eingereicht und war darüber beinahe verzweifelt. Dieses Semester hatten Erik und er dann nachgezogen, und während Erik sich gründlich Mühe gegeben hatte und ein umfangreiches Thema bearbeitet hatte, war es bei ihm selbst eine fast reine Literaturarbeit geworden. Also im Grunde nur eine Hausarbeit von vielen, in etwas ausführlicherer Form. Es war nicht gewesen, was er sich gewünscht hatte, aber es war verfügbar gewesen und für ihn einfach zu bewältigen. Der Weg des geringsten Widerstandes, auf den er nicht stolz war, aber es beendete für ihn ein Kapitel, was eh bereits viel zu lange andauerte.

Und was war nun? Es änderte sich im Grunde nichts. Gemeinsam mit Erik und Mia würde er auch weiterhin in die Vorlesungen gehen. Im letzten Semester hatte er neben den Bachelorkursen bereits einzelne Masterkurse besucht, auch wenn er teilweise nur als Gasthörer zugelassen war. Aber immerhin machte sich ein minimaler Fortschritt bemerkbar.

Er hatte mehr als zwei Jahre länger gebraucht als Mia oder Erik aber nun hatte er seinen ersten Abschluss. Aber sollte sich das echt so anfühlen? Wo blieb der Stolz, das erhabene Gefühl, die Erleichterung oder Befriedigung? Sollte sich das nicht anders anfühlen als eine gewöhnliche Hausarbeit? Wieso war da nur die übliche Frustration? Wieso war da nicht mehr, als dieses ausgelaugte, abgebrannte Gefühl?

Flo nutzte einen freien Tag, um die Umgebung seiner neuen Heimat etwas besser kennenzulernen. Mit lauter Musik auf den Ohren stiefelte er durch die Felder der Umgebung und hing seinen Gedanken nach. Wenn es nur um ihn selbst gegangen wäre, würde es ihn vielleicht nicht stören. Er würde seine Noten ableisten wie früher und das war es dann. Er hatte bereits viel Zeit an der Uni verbracht, bevor Mia und Erik ihn in ihre Lerngruppe integriert hatten und wenn er mit sich selbst ehrlich war, dann war er drauf und dran gewesen, die Uni komplett aufzugeben, als es so weit war. Aber dann war er besser geworden, hatte Motivation bekommen und durchgehalten. Zwischenzeitlich war er sogar ziemlich gut geworden und hatte Spaß an der Sache entwickelt.

Doch besonders das letzte Semester über hatte er bemerkt, wie seine Kräfte, und besonders die Geduld, schwanden. Sein Grund, durchzuhalten, war gewesen, den Abschluss fertig zu schreiben. Das war sein Ziel gewesen. Bis hier hin wollte er durchhalten, koste es, was es wolle. Dafür hatte er bereits zu viel Zeit darein investiert. Aber wieso saß er nun im Master? Was hatte er sich dabei gedacht? Woher sollte er die Nerven dafür noch auftreiben können?

Statt sich einzugestehen, dass er schlicht zu demotiviert und faul gewesen war, sich eine Alternative zu suchen, versuchte er es auf Kristina abzuwälzen. Für sie mühte er sich ab, einen besseren Abschluss zu erringen. Für sie wollte er die höhere Qualifikation, um ihr eher zu genügen. Und wer konnte wissen, was noch alles folgte? Irgendwann würden sie vielleicht eine Familie haben, die es zu versorgen galt. Mit Kristinas Job alleine würde das vermutlich schwer werden. Aber auch wenn es noch ein wenig bis dahin war, so langsam brauchte er wirklich dringend eine Richtung in seinem Leben. Durch den Bachelor hatte er es ohne nennenswerte Spezialisierung geschafft, aber damit war jetzt Schluss. Er brauchte ein festes Ziel! Und ganz viel Kraft, um das zu erreichen.

Mit dieser Erkenntnis fielen die letzten Sonnenstrahlen auf das zarte Grün der Äcker. Flo zog den Kragen von seiner Jacke hoch und fror trotzdem. Auch wenn der Frühling nun da war, sobald die Sonne verschwand, wurde es schnell empfindlich kalt. Wenn er sich jetzt auf den Heimweg machte, würde er immerhin noch gemeinsam mit seiner Freundin dort ankommen. Seine Idee, das Abendessen bis dahin fertig zu haben, kam erst jetzt wieder zurück. Er war zu sehr in seine Gedanken versunken gewesen und hatte den Eindruck, nichts damit gewonnen zu haben. Wenigstens hatte er die Töpfe schon auf dem Herd stehen und musste nur noch kochen. So vorausschauend war er noch gewesen.

Center of the Universe

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 89

Dejavu

Erik, früher Mittzwanziger, dunkelblond mit aktuell etwas ungepflegter, strubbeliger Frisur und einem unsauber rasierten Stoppelkinn, ließ sich auf dem Weg zur Vorlesung noch einmal die letzte Nacht durch den Kopf gehen. Wortwörtlich!

Angekündigt war die Party des Jahrhunderts, schon zum mindestens zwanzigsten Mal dieses Jahr und er war schon wie zu allen anderen davor nicht hingegangen. Was am Ende dabei herumkommen würde, war ein einziges Besäufnis mit billigem Bier, schlechter Musik und zu vielen Leuten, mit denen er nüchtern wohl nie reden würde. Wieso sich also die Mühe machen? Er hatte stattdessen Flo besucht, eine Weile mit ihm geredet, einige Biere getrunken und später in seiner Wohnung alleine mit Schnaps weiter gemacht, bis die Vögel wach wurden.

So kam es, dass Erik nach immerhin drei Stunden Schlaf aus den verschwitzten Laken kroch, um rechtzeitig um Viertel nach acht in der Vorlesung zu sitzen. Wer kam eigentlich auf die glorreiche Idee, schon so früh eine Vorlesung halten zu müssen? Das war absolut widernatürlich, selbst zum absehbaren Ende des Semesters. Aber er hatte die Vorsätze, das laufende Semester nicht völlig vor die Hunde gehen zu lassen. Da mussten schon einmal Opfer gebracht werden. Erik erbrach sich in den Mülleimer vor dem Supermarkt, besorgte sich ein Konterbier und eine fettige Salami, aß dann zuerst die Salami und leerte das Bier, nur um fünf Minuten später beides in den Mülleimer vor dem Hörsaal zu spucken. Während die stinkende Suppe aus dem Korb sickerte, wankte er in den Saal. Von Flo kannte er ein solches Verhalten aber er selbst? Beinahe schämte er sich etwas dafür.

Drinnen sah er sich mit kurzsichtigen Augen um. Fahle, müde Gesichter mit verquollenen Augen und immer wieder ein völlig überdrehtes Schnattermaul und übertrieben freundliche Morgenmenschen. Der Geruch von saurem, billigen Kaffee hätte ihn fast wieder hinausgetrieben. Links und rechts neben ihm tauchten zwei verschwommene Gestalten auf, griffen ihm unter die Arme und schleiften ihn mit in eine leere Reihe.

„Der Erik hat gestern den Absprung verpasst und ein schlechtes Bier erwischt. Ehrlich Junge, wieso kommst du überhaupt noch? Pennen kannst du doch besser zu Hause.“

Flo und Martin. Beide etwa einen halben Kopf kleiner als Erik und jeweils drei Jahre älter. Flo aufgrund eines ungünstigen Starts ins Studentenleben, Martin aufgrund seiner vorherigen Ausbildung zum Feinmechaniker. Beide waren auch nicht für die Party des Jahrhunderts zu begeistern gewesen. Flo, weil er den Abend gemütlich mit Erik in seiner Wohnung verbracht hatte und Martin, weil er seine Freizeit bei Frau und Kind zu Hause genießen wollte. Erik registrierte die beiden nur beiläufig. Für einen Moment hatte er das Gefühl, die Situation so ähnlich schon einmal erlebt zu haben. Ehe er darüber nachdenken konnte, war sein Kopf aber bereits auf den Tisch gesunken.

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„Ich darf Sie dann um Ruhe bitten, damit wir anfangen können. Zunächst einmal habe ich Ihnen einige Probeklausuren online zur Verfügung gestellt. Die können Sie sich einmal ansehen und dann Ihren Wissensstand überprüfen oder mir noch offene Fragen stellen. In der letzten Woche wollten wir ja hierzu eine Fragestunde abhalten. Passt der Termin bei Ihnen allen noch?“

Erik gab seinem inneren Zwang nach, gähnte herzhaft, rieb sich kurz die juckenden Augen und behielt sie nur einen Augenblick geschlossen. Vielleicht wäre er wirklich besser im Bett geblieben aber er hoffte immer noch auf das Wunder, den Stoff durch reines Zuhören aufnehmen zu können. Er atmete tief durch und richtete sich auf. Außerdem war sein Bett in letzter Zeit alles andere als ein Garant für Schlaf geworden. Es fehlte einfach etwas Entscheidendes.

„…was Sie ja auch alles bereits kennen. Das haben wir in den letzten beiden Wochen glaube ich ausführlich genug besprochen. Ich gucke gerade auf die Uhr. Wenn Sie jetzt noch Fragen haben, dann stellen Sie die bitte. Ansonsten würde ich nämlich dann auch für heute Schluss machen. In den letzten drei Minuten das neue Thema anzufangen ergibt wenig Sinn. Bis nächste Woche dann.“

Irritiert sah Erik sich um. Alle packten ihre Taschen zusammen und standen auf. Er wusste nicht, ob er um sein Timing glücklich oder verärgert sein sollte. Er bemerkte jetzt erst richtig, was Mia immer für ihn geleistet hatte, als sie ihn mit in die Veranstaltungen geschleift und ihn zur Aufmerksamkeit gezwungen hatte. Was war er doch ein Narr gewesen, wenn er sich zwischenzeitlich über sie geärgert hatte.

„Vielen Dank, dass ihr mich so ruhig schlafen gelassen habt.“ Der verärgerte Vorwurf ging an Flo und Martin, die bereits neben ihm standen und warteten.

„Bitteschön, gern geschehen. Du hast aber auch geschlafen wie ein Stein. Keine Sorge, es ist nicht aufgefallen. Martin hat dir Kulleraugen aufgeklebt.“

Auf einem Telefon kam ein Foto von seinem Gesicht mit albernen Klebeaugen in sein Sichtfeld. Der Anblick war irgendwie albern und verstörend zugleich und er war sich fast völlig sicher, eine solche Situation schon einmal erlebt zu haben. Er wollte lieber überhaupt nicht daran denken, wann und wo. Flo fixierte ihn mit seinem Blick, als sie in die Sonne hinaus gingen.

„Hast du mit ihr geredet? Du wolltest das noch gestern Abend machen.“

Damit hatte er recht, das war sein Plan gewesen. Aber er hatte sich nicht getraut. Immerhin hätte Mia bei ihrem Standpunkt bleiben können. Er schüttelte niedergeschlagen den Kopf, straffte aber dann dennoch die Schultern.

„Hab eine Kopie von ihrer Sicherung gemacht und die Arbeit etwas sortiert und die Formatierung gemacht. Keine Ahnung von dem Inhalt aber wenigstens sieht es jetzt besser aus.“ Er zuckte beiläufig die Schultern. Nüchtern hatte er noch keinen Blick darauf geworfen, aber wenn sein Gedächtnis nicht völlig totgesoffen war, dann sah es nicht einfach nur besser aus sondern regelrecht professionell.