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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 161.

Kein Bock und keine Zeit

Flo war ganz grundsätzlich ein Freund von Ehrlichkeit. Bequeme Lügen mochten auf kurze Sicht manches leichter machen, aber auf lange Sicht kam es doch immer wieder zurück. Ehrlichkeit in einem Ausmaß, wie in diesem Gespräch mit Erik aber, irritierte ihn dann doch. Dabei hatte er eigentlich nur wissen wollen, ob er mit in den Pub kommen wollte.
„Nein, tut mir leid. Heute schaffe ich es nicht mehr, ich bin schon ausgebucht.“
„Alles klar. Liebe Grüße, falls du etwas mit Marlene geplant haben solltest. Ihr habt doch noch Kontakt, oder?“
„Ja, haben wir, aber heute werden wir uns nicht sehen. Ich wollte eigentlich etwas lernen, habe schließlich immer noch eine Klausur ausstehen. Die Letzte.“
Daran hätte er denken können. Erik hatte die Klausur schon oft genug erwähnt, nur in letzter Zeit hatte er nicht mehr besonders motiviert gewirkt. Abgesehen von Seminararbeiten würde dies seine Letzte Prüfung vor der Abschlussarbeit sein. Die Zeit raste regelrecht. Nur was war dieser Unterton?
„Eigentlich? Klingt nach etwas viel Konjunktiv für eifrige Begeisterung.“
„Stimmt. Eigentlich sitze ich die ganze Zeit am Rechner und prokrastiniere. Wahlweise gucke ich Dokus oder zocke etwas. Aber es ist schön ruhig und entspannt und niemand stört mich dabei.“
„Du willst also einfach etwas Ruhe haben im Moment.“
„Ja.“
„Hat sich Mia bei dir gemeldet?“
Bei dem Namen zuckte Erik kaum merklich zusammen. Flo konnte ihm ansehen, dass er sich nicht einig war, ob er über das Thema reden wollte oder nicht. In seinen Augen zeigte sich allerdings keine Regung, weder Leidenschaft noch Wut oder Liebe.
„Wieso hätte sie das denn tun sollen?“
„Sie fragt gelegentlich nach dir, will wissen, wie es dir geht und so. Bei dir direkt melden wollte sie dann aber auch nicht.“
„Gut. Ich hätte ihr auch sicherlich nichts zu sagen gehabt, also wäre es vergebene Liebesmüh.“
Das konnte Flo sogar gut nachvollziehen. Es war ihm immer etwas merkwürdig vorgekommen, mit welcher Beharrlichkeit Mia versuchte über Erik auf dem Laufenden zu bleiben. Irgendetwas hinderte sie daran, ihn wirklich hinter sich zu lassen. Es schmerzte ihn allerdings zu sehen, dass auch Erik sich offenbar nicht gut von dem Schlag erholt hatte. Es war nicht das erste mal in den letzten Tagen und Wochen, dass Erik sich als Beschäftigung für das Wochenende die Isolation des heimischen Zimmers ausgesucht hatte. Es war allerdings selbst für ihn nicht typisch, dermaßen deutlich zu sagen, dass er einfach keine Lust hatte. Er ließ sich für Flos Geschmack etwas zu sehr gehen.

Wasserkuppe

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 156.

Familienfeiern

Erik fühlte sich etwas verloren, wie er in dem großen Raum stand, in den immer mehr Menschen strömten. Die meisten kannte er, viele nur flüchtig, aber einige auch besser. Entfernte Verwandte, die man nur wenige Male im Jahr, wenn überhaupt, sah, aber auch der harte Kern, den man mit einer gewissen Regelmäßigkeit sah, und der für ihn das Bild der Familie ganz klar geprägt hatte. Aber zu größeren Familienfeiern, wie dieser hier, kamen wirklich alle zusammen.

Für ihn war das einfach zu viel. Dabei hatte er seine Familie eigentlich gern, aber zurzeit konnte er gut auf die vielen Fragen verzichten. Es musste allen auffallen, dass er diesmal keine Begleitung hatte, das erste Mal seit über zwei Jahren. Das würde viele Fragen aufwerfen und ein einfaches Vertrösten würde ihm nicht abgekauft werden. Auch wenn Mia immer gut beschäftigt gewesen war, zu seinen Familienfeiern hatte sie ihn immer begleitet. Vielleicht lag das in ihrer Natur als Familienmensch. Und sie hatte ihn immer so ungerne alleine wegfahren lassen, aber darüber hatte er sich nie wirklich Gedanken gemacht.

Sie würde jetzt wirklich als Wellenbrecher fehlen, konnte nicht mehr das Interesse von ihm ablenken und Gespräche für ihn führen. Jetzt würden alle zu ihm selbst kommen und Fragen stellen. Was noch schlimmer war, sie würde Gegenstand dieser Fragen sein. Jeder kannte Mia, dafür hatte sie gesorgt, und jetzt würde ihr Fehlen auffallen. Alle würden nach ihr fragen, und wenn es ein Thema gab, über das er nicht sprechen wollte, dann war es Mia.

Was sollte er ihnen denn sagen, wenn sie fragten, wo er seine Freundin gelassen habe? Dass sie keine Zeit gehabt hätte? Dass er sie nicht gefragt hätte? Dass er sie bei ihrer Freundin gelassen hatte? Dass sie nicht mehr seine Freundin war? Dass er ohne sie in eine andere Wohnung umgezogen war? Dass sie ihn für eine seiner Freundinnen verlassen hatte und nicht einmal den Anstand besessen hatte, es ihm auch zu sagen? So oder so würde es weitere Fragen geben. Fragen, auf die er mehr als gerne verzichten würde. Wieso war er überhaupt hierher gekommen?

Die letzte Frage konnte er sich zwar beantworten, wollte aber nicht so wirklich. Es war reine Langeweile gewesen. Er war es leid gewesen, die Wochenenden alleine in seinem Zimmer zu verbringen, den Blick wahlweise auf die nackten Betonwände oder den Monitor voller Paper, oder auch einmal einem Film, gerichtet. Flo hätte ebenfalls keine Zeit gehabt, die Abende mit ihm in der Kneipe zu versacken und Tina gehörte aktuell auch nicht zu den Menschen, die er zu seiner bevorzugten Gesellschaft zählen wollte. Das hier war ihm sogar wie eine tatsächlich verlockende Alternative vorgenommen.

Wie er sich für diese Entscheidung verfluchte. Klar, seine Cousine hatte mit viel Verständnis und wenig Fragen reagiert, genau wie der Rest des harten Kerns. Nur seine Tante hatte es für nötig befunden, ihr Bedauern auszudrücken. Vermutlich aber auch das nur deswegen, weil sie nicht wissen konnte, auf welche Weise sie sich getrennt hatten. Sie wussten alle nur, dass diese Beziehung Geschichte war.

Für Tante Irma würde das nicht gelten. Die in irgendeinem entfernten Verwandtschaftsverhältnis angeheiratete Frau war laut, schrill, neugierig und niemals still. In diesem Moment wuchtete sie ihr „klein wenig Wohlstandsspeck“, welches mehr als genug für eine mittlere Großstadt in einer wirtschaftlich sehr gut aufgestellten Region war, über die Schwelle, und fiel sofort hemmungslos Küsschen und vom Schweiß klebrige Umarmungen verteilend, über jeden, der nicht schnell genug außer Reichweite war. Vermutlich war das Atmen selbst bereits anstrengend genug für sie, dass sie permanent schweißnass war.

Ein schwärmerisches Kompliment über das Kleid der Tante hier, ein unangemessener Kommentar, wie fesch der Cousin doch geworden war und wie gerne sie da noch einmal jung sein würde, eine offensichtlich viel zu herzliche Umarmung seiner Oma und ein verschwörerisches Zwinkern zu einem der Verwandten, dessen Namen sich Erik noch jedes Mal neu sagen lassen musste. Dann hatte sie auch schon ihn entdeckt und quetschte sich mit einem vergnügten Quietschen durch die Reihen, hinter denen er sich so gut versteckt hatte halten wollen. Ein schrilles „Jungchen“ von sich stoßend fiel sie ihm um den Hals, wenigstens soweit es ihr möglich war. Es war offensichtlich, dass sie nur verbergen wollte, dass sie seinen Namen vergessen hatte, sich aber an das Gesicht erinnerte.

„Wo hast du denn die schöne Frau an deiner Seite gelassen?“

Mit neugierigen Äuglein, die in ihm irgendwie immer die unbewusste Assoziation mit Schweineaugen auslösten. Heute hatte er nicht einmal ein schlechtes Gewissen deswegen. Es würde ein sehr langer Abend werden und er fühlte sich jetzt schon müde.

Vancouver ArtGalery

Momente XIII

Ein schüchterner Blick über den Rand der flauschigen Kuscheldecke, erst ins Gesicht, dann auf die dampfende Tasse Tee in den ihr entgegen gestreckten Händen. Ein offenes Lächeln, was direkt aus dem Herzen zu kommen scheint und jeden klaren Gedanken mit reichlich Brausepulver und Glitzer bestreut. Große Augen, Spiegel einer hellen und klaren Seele, strahlend wie reinstes Gletschereis aber mit der Wärme der Sommersonne. Zarte Hände, die sich nach der Tasse ausstrecken, und die Berührung von Haut auf Haut entzündet ein kleines Feuerwerk. Ein Gefühl von Wärme, Geborgenheit und Glück, vergessen geglaubt, verloren in den Untiefen ergrauter Vergangenheit. Doch nun ist es wieder da und stößt auf keine Gegenwehr. Im Gegenteil! Gemeinsam mit dem Tee wird es dankbar entgegen genommen und umarmt. Und wenn der Zweifel noch so sehr daran zerrt und nagt, so muss er sich doch erfolglos geschlagen geben.

Clematis

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 154.

Schönheitsideale

In all den Jahren, die Erik inzwischen an der Uni war, hatte er fast immer Gesellschaft beim Essen gehabt. Zunächst, weil er anfangs fast nie in der Mensa gewesen war und danach, weil er immer Gesellschaft gehabt hatte. Sei es durch Mia, Flo, Tina oder wen anders. Wenn es einen Ort gab, wo sich der ganze Studiengang, wenn nicht die ganze Uni traf, dann war es die Mensa. Und doch schlurfte Erik heute, wie schon die letzten Male, hungrig aber lustlos und vor allem alleine in Richtung der Fütterungseinrichtung. Mit müden Augen suchte er die Menge nach bekannten Gesichtern ab, fand aber nur solche, die hektisch in kleinen Grüppchen unterwegs waren oder nicht minder hektisch allein, aber in Richtung kleiner Grüppchen ihrer Freunde.
In der vagen Hoffnung, doch noch irgendwo Anschluss zu finden, bemühte er sich um eine Haltung, die nicht ganz so deutlich zeigte, wie erschöpft er sich eigentlich fühlte. Mit einer vollständig gespielten Offenheit versuchte er zwei Mädels zuzulächeln, die ihm gerade entgegen kamen. Es wäre gelogen zu behaupten, sie wären ihm schon von Weitem aufgefallen. Dafür war er aktuell viel zu kurzsichtig. Aber jetzt, wo sie schon näher herangekommen waren, fand er, die Wahl wäre definitiv auf die Richtigen gefallen. Leider sahen die beiden das etwas anders und blieben völlig in ihr Gespräch vertieft.
„…die dann erwarten, dass man immer perfekt hergerichtet ist und geschminkt und alles, aber sich selbst nicht vernünftig rasieren können.“
„Ja, das ist wirklich schrecklich. Vor allem scheuert das dann so. Ich mein, mal nicht geschminkt ist nicht so ein Drama. Dann macht man halt das Licht aus und schon passt es wieder. Aber nicht rasiert? Du würdest dich wundern, wie dünn deine Haut auf einmal ist.“
„Ja, aber ehrlich. Und dann auch noch Ansprüche stellen. Wie der Typ von letztens, der mit den dunklen Locken, der sich für den größten Stecher gehalten hat. Echt, ich hab nur kurz mit dem rum gemacht und hatte schon keinen Bock mehr, dafür aber das ganze Kinn zerkratzt. Stell dir vor, ich hätte den mitgenommen, dann könnte ich jetzt noch immer nicht mehr laufen.“
Erik strich sich geistesabwesend über sein eigenes stoppeliges Kinn. Er hatte sich die letzten Tage nicht unbedingt vorbildlich um sich selbst gekümmert aber beim Blick in den Spiegel war ihm heute Morgen aufgefallen, dass er sich eigentlich auch einmal einen Bart stehen lassen konnte. Das würde ihm jedenfalls das Rasieren ersparen. Nur den beiden Damen hier würde er damit dann keinen Gefallen mehr tun. Die Frage wäre sowieso gewesen, ob er das überhaupt gewollt hätte. Das Seltsame an Schönheitsidealen war doch, sie bezogen sich meistens auf das Äußere und vernachlässigten den Geist sträflichst. Dennoch war das Aussehen nun einmal die Visitenkarte, das Erste, was man in der Regel von seinem Gegenüber wahrnahm. Persönlichkeit war auf den ersten Blick hin unsichtbar, oft genug sogar im ersten Gespräch noch.
In einem Punkt aber musste er den beiden Mädels recht geben. Es war immer alles ein Geben und Nehmen. Besonders Beziehungen funktionierten immer nur als Duett. Ob es sich auf Arbeitsteilung im Haushalt bezog, auf das Erfüllen von zwischenmenschlichen Bedürfnissen oder offenbar wie hier auch auf die Körperpflege. Der Kompromiss war das Zauberwort.
Nur beim Essen wollte er heute keinen eingehen. Als er das Angebot der Mensa sah und die langen Schlangen an der Ausgabe, entschied er sich für ein einfaches Brötchen in der Cafeteria, und ging wieder. Das einzige Gericht, was ihn nicht schon vom Namen her abgestoßen hatte, sah so aus, als sei es schon einmal gegessen gewesen und das verdarb ihm einfach den Appetit.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 152.

Marlene

„Vielleicht war das wirklich ein wenig leichtsinnig. Aber halt einfach auch viel zu verlockend. Ich meine, du hast sie ja selbst gesehen, das ist niemand, wo man freiwillig nein sagen würde.“

Erik saß neben Flo an der Bar und starrte abwesend über sein inzwischen eins-zu-vielte Bier hinweg. Seine sonst immer so akkurate Frisur war reichlich in Unordnung geraten und die Jacke war zerknittert. Mit einem schweren Seufzen kippte er den Rest des Bieres hinunter und bestellte das inzwischen viel-zu-vielte Bier. Flo grübelte inzwischen, ob ihm irgendeine hilfreiche Antwort einfallen wollte, aber seine Kreativität wollte trotz Bier zu dieser späten Stunde nicht mehr aus dem Bett kommen. Und dabei hatte es alles so vielversprechend angefangen.

Marlene war offensiv auf Erik zugegangen, hatte sich bei ihm gemeldet und Kontakt nicht nur einfach aufgebaut, sondern auch gehalten. Das Herz auf der Zunge und keine versteckten Karten in der Hinterhand, jedenfalls keine offensichtlichen. Das hatte ausgereicht um Erik zunächst einmal völlig zu verunsichern. Aber eine Falle finden konnte er auch nicht und so hatte er doch begonnen, sich ihr zu öffnen. Ein Date im Park, ein gemeinsamer Spaziergang am Fluss, ein Abend im Kino oder ein Nachmittag mit Eis. Flo war überzeugt, die beiden waren ein Paar und trauten sich nur noch nicht, es zuzugeben. Sie hatten sich definitiv gemeinsam die Zeit verschönert.

Und doch saßen sie nun hier, wieder in der alten heruntergekommenen Bar, und starrten trübselig in ihre Biere. Flo verstand die Welt nicht mehr.

„Erklär es mir noch einmal. Du sagst, es war soweit alles perfekt. Sie hat offenbar Gefühle für dich, ist in jeder Hinsicht perfekt, sieht toll aus, ist hoch intelligent, hat ähnliche Interessen wie du und ist eigentlich alles, was du dir wünschen könntest. Du hast ebenfalls Gefühle für sie und sie rennt nicht gleich vor dir weg, obwohl sie inzwischen ziemlich gut wüsste, worauf sie sich einlässt. Wieso blockierst du dann?“

„In fast jeder Hinsicht perfekt. Sonst gäbe es ja kein Problem. Sie hatte noch nie einen Freund. Außer ab und zu knutschen ist bei ihr noch nie etwas gelaufen, sie ist völlig unerfahren.“

„Im ernst? Das ist dein Problem? Dann lernt ihr es halt gemeinsam! Wie sonst soll sie denn an die Erfahrungen kommen? Aus dem Internet runterladen vielleicht?“

„Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich der Richtige dafür bin.“

„Wieso nicht? Sie scheint keine Zweifel daran zu haben.“

„Wieso will sie mich dann verkuppeln?“

Das war jetzt neu und ein absolut legitimer Punkt. Flo starrte Erik eine Weile nur an. Marlene hatte es sich zur Aufgabe gemacht den Mann unter die Haube zu bringen, den sie offensichtlich liebte? Wäre es ihre eigene gewesen, hätte es mehr als nur Verständnis dafür gehabt, aber so … ?

„Wir waren letztens in der Stadt unterwegs und es war ein ziemlich toller Nachmittag. Am Markt sind wir dann Mia begegnet und haben uns kurz unterhalten. Aber wirklich nur kurz, und das war schon mehr als lang genug. Ihr geht es übrigens soweit ganz gut, aber das weißt du vermutlich selbst schon. Danach meinte Marlene jedenfalls, was denn mit uns wäre, da müsse doch was laufen. Und wenn nicht, dass wir das doch nicht aus den Augen lassen sollten. Immerhin hätten wir so eine gute Chemie. Da wäre einfach etwas zwischen uns, was perfekt passt. Also, zwischen Mia und mir jetzt, nicht zwischen Marlene und mir. Hast du eine Ahnung wie absurd das ist, wenn dein Date versucht dich mit deiner Ex zu verkuppeln? Sag Bescheid, wenn du einen besseren Stimmungskiller gefunden hast.“

Das war der Moment, an dem Flo feststellte, dass er offenbar auch bereits beim zuvielten Bier angekommen war. Wäre er noch halbwegs nüchtern, wäre ihm nun sicherlich eine schlagfertige Antwort eingefallen, und sei es für das Thema von vor zehn Minuten. Jetzt rechnete er nicht mehr vor morgen früh damit. Ein Bild wanderte durch seinen Kopf, wie Kristina versuchte ihm Jenny schmackhaft zu machen und alles in ihm sträubte sich. Vielleicht musste er mit Marlene reden, wobei es wohl besser wäre, wenn Erik das selber tat. Wieso nicht gleich jetzt?

Market Theater

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 150.

Des Pudels Wurzel

Es war noch früh am Abend, doch die herbstliche Nacht war bereits hereingebrochen. Der Mond lies die Schatten der letzten Balkonpflanzen an der Wohnzimmerwand tanzen, unbemerkt von Flo oder Kristina, die einen Oxytocin-geladenen Abend auf der Couch verbrachten. Im silbernen Schimmer von Mond und Fernseher lag Flo in Kristinas Schoß gekuschelt, selig vor sich hin dösend und die Streicheleinheiten genießend. Es war für beide eine lange Woche gewesen und für den heutigen Freitagabend hatten sie nichts Besseres mehr vor. Es war noch nicht sehr lange her, dass Flo erschrocken festgestellt hatte, dass er seine früheren Partyexzesse nicht im geringsten vermisste.

Gerade, als ihnen beiden, selig aneinander gekuschelt, die Augen zufallen wollten, klingelte es an der Tür. Das weiche Licht des Mondes und der harte Widerschein des Fernsehers ließen auf der Uhr an der Wand die Zeiger glitzern. Nicht einmal halb 9 war es, also keine unmögliche Uhrzeit. Dennoch war Flo zerknirscht, als er sich vom Sofa rollen ließ. Um diese Zeit war Besuch, besonders unangekündigter, sehr ungewöhnlich. Aus Kristinas Freundeskreis gab es immer wieder spontane Besuche, aber aus der Uni tat kaum jemand die kurze Reise mit der Bahn, wenn es nicht geplant war.

Vor der Türe stand ein großer, aufwendig dekorierter Kuchen, gut verstaut in einem Tortenbutler in den Händen Mias. Mit einem schüchternen Lächeln winkte sie ihm zu.

Ich wollte mich nur mal für den ganzen Kuchen revanchieren, den du mir im Bachelor immer gebacken hast. Und außerdem musste ich das hier mal üben.“ Sie hielt ihm den Tortenbutler hin. „Bin demnächst auf einer Hochzeit eingeladen und habe leichtsinnigerweise versprochen, einen Kuchen mitzubringen. Ich habe ihn noch nicht probiert, aber so oder so, wollte ich dann die Meinung eines Experten haben. Da kommst ja nur du infrage. Und ich hatte irgendwie den Eindruck, es wäre ein guter Zeitpunkt für einen Überraschungsbesuch.

Noch immer überrascht bat Flo sie hinein. Seit sie mit Erik Schluss gemacht hatte, war Funkstille zwischen ihnen gewesen. Sie hatte sich nicht mehr gemeldet und auch auf seine Nachrichten nur noch eher sporadisch reagiert. Dennoch, er sah sie weiterhin als eine alte Freundin und natürlich war sie auch willkommen. Sein Angebot einer Tasse Tee konterte sie mit einer Flasche Wein im Rucksack.

Kurz darauf saßen sie zu dritt um den Küchentisch und kauten genüsslich auf dem Kuchen. Sie hatte es etwas gut mit dem Backpulver gemeint, aber ansonsten war er tatsächlich sehr gut geworden. Doch auch wenn sie ehrlich dankbar für Flos Verbesserungsvorschläge war, und sich um ein ungezwungenes Gespräch bemühte, sowohl Flo als auch Kristina spürten deutlich, dass sie nicht nur für Rezepte und Small Talk gekommen war. Bis zur Antwort auf dieses Rätsel sollte es beinahe die ganze Flasche Wein dauern.

„Hast du eigentlich noch einmal etwas von Erik gehört?“

Die Frage kam zögerlich, zaghaft, mit einem deutlich zärtlichen Unterton, und selbst wenn sie sich nach Kräften bemühte, ihre Augen konnten nicht lügen. Mia vermisste Erik, ehrlich und aus vollem Herzen. Dennoch, dahinter steckte doch mehr. Flo wurde misstrauisch.

„Natürlich. Letzte Woche waren wir noch abends weg, aber diese Woche habe ich ihn nicht mehr gesehen. Wieso fragst du?

Ach, nur so. Ich wollte nur sichergehen, dass es ihm gut geht. Ich höre ja überhaupt nichts mehr von ihm. Er hat auch einiges in der Wohnung gelassen, was eigentlich ihm gehört. Ich dachte, er meldet sich vielleicht noch deswegen.“

Erik hatte seine Sachen zu einem Zeitpunkt aus der Wohnung geholt, von dem er wusste, dass Mia nicht da war. Das wusste sie auch, und dennoch erwartete sie, dass er sich meldete? Irgendwo passte das sogar ins Bild. Und dennoch glitzerte die Sehnsucht in ihren Augen. Natürlich waren auch an ihr die zwei Jahre nicht spurlos vorbei gegangen. Für sie war Erik immer noch jemand ganz Besonderes, und es verletzte sie, dass er sie so einfach vergessen zu haben schien. Nur zugeben würde sie das natürlich niemals, dafür war ihr Stolz viel zu starrsinnig. Beinahe jedenfalls.

„Er hätte mir ja wenigstens seine neue Adresse sagen können.“

„Wieso hätte er das tun sollen? Du hast nicht nur einfach mit ihm Schluss gemacht, du hast ihn gleich ersetzt. War es nicht absehbar, dass er nicht der Typ für eine solche dreier Konstellation ist? Mich wundert ehrlich gesagt, wie lange er das durchgehalten hat. Im Augenblick würde ich ihm etwas Ruhe und Abstand lassen. Später kannst du dich immer noch bei ihm melden, aber es ist die Frage, ob er auch antworten will.“

„Wir waren doch eigentlich das perfekte Paar und jetzt will er nicht mehr mit mir reden. Ich habe es wirklich ziemlich verbockt, oder?“

Mia starrte mit leerem Blick aus dem Fenster und hing einer Erinnerung nach, von der Flo nicht sagen konnte, wie sie überhaupt darauf gekommen war. Das perfekte Paar war in seinen Augen dann doch etwas anders gewesen. Alle paar Monate hatte einer der beiden bei ihm gesessen und Rat benötigt. Und woher kamen jetzt diese Gedanken?

„Läuft es gerade mit Tina nicht so gut?“ schaltete sich Kristina in das Gespräch mit ein, und erntete dafür einen irritierten aber vielsagenden Blick von Mia.

„Doch, natürlich ist da alles super. Sie ist eine absolut tolle Frau! Ich kann nicht nachvollziehen, wie Erik sie jemals hat abweisen können. So süß, liebevoll, zärtlich und intelligent. Okay, gelegentlich ein kleiner Dickkopf, aber das bin ich ja auch. Nein, sie ist schon echt fantastisch.“

„… aber?“

„Wieso aber? Es gibt kein aber. Mit ihr ist es wirklich sehr schön. Sie bringt so viel Wärme mit in die Wohnung. Es ist schon echt kein Vergleich zu einem Mann.“

Für einen winzigen Augenblick umspielte ein spitzbübisches Lächeln Kristinas Mund, zu dezent, um in der weinseligen Stimmung weiter aufzufallen.

„Achso, dann ist das des Pudels Wurzel? Der Mann fehlt! Du hast Glück, wir haben noch Möhren im Kübel draußen. Wenn du möchtest, kannst du eine Dicke davon haben.“

Und während Erik prustend vom Stuhl fallend die weiße Wand mit einem feinen roten Weinschleier überzog, Mia sie mit entsetztem Blick und weit aufgerissenem Mund anstarrte, steckte sich das unschuldigste und engelsgleichste Mädchen der Welt eine Gabel voll Torte in den Mund und kaute genüsslich, als habe sie keine Ahnung, was sie gerade gesagt hatte.

Fremont Rakete

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 149.

Interessenten

„Hallo schöner Mann. Du hast dich so lange nicht gemeldet und ich dachte, wir könnten uns gemeinsam etwas die Zeit verschönern.“

Die Worte, der Absender und der frivol grinsende Smiley in dieser Chatnachricht sprachen eine Sprache, die Erik fast schon eine Spur zu deutlich war. Aber sie trugen auch etwas in sich, was in ihm ein fast schon vergessenes und wohliges Gefühl auslöste. Das Gefühl, begehrt und gewollt zu sein. So sehr er sich auch sträuben mochte und um Rationalität bemüht war, er musste sich eingestehen, dass es ihm gefiel und irgendwie auch gut tat. Außerdem war Marlene viel zu gut darin, ihm dieses Gefühl zu geben und dabei glaubhaft zu bleiben. So sehr er auch nach Anzeichen dafür suchte, dass sie nur ein Spiel spielte, er konnte nichts finden. Zeitweise hatte er sogar den Eindruck, sie könnte überhaupt nicht lügen, selbst wenn sie es versuchte. Stattdessen funkelte sie ihn mit ihren leuchtend grünen Augen an, und er hatte den Eindruck, durch sie direkt bis in ihre Seele blicken zu können. Und alles, was er sehen konnte, war, dass sie ihn wollte. Nicht einfach nur stumpf körperlich, das natürlich auch, aber viel mehr mit Haut, Haaren und Herz. Daran arbeitete sie mit einer Beharrlichkeit, die ihn fast um den Verstand brachte und beängstigte.

Und das alles war auch noch Flos schuld. Er war es gewesen, der vor drei Wochen die Mädels auf ihrem Junggesellinnenabschied angesprochen hatte und mit der Braut geflirtet hatte. Er war es gewesen, der die interessierten Blicke der Trauzeugin wahrgenommen hatte und Eriks Nummer gegen einen Schnaps eingetauscht hatte. Er war es gewesen, der die Gruppen zusammen gewürfelt hatte und ganz zufällig Erik neben Marlene geschoben hatte, wofür sie ihn unendlich dankbar angesehen hatte. Und beinahe hätte er auch seinen letzten Zug fahren lassen, da Erik nicht alleine bei den Mädels geblieben wäre. Am Ende des Abends war es nicht der Alkohol gewesen, der Erik fertiggemacht hatte, sondern nur seine Nerven.

Dennoch, er ließ es nicht einfach im Sande verlaufen, sondern blieb dabei und spielte mit. Er selbst war darüber vielleicht noch am meisten überrascht. Aber er antwortete auf ihre Nachrichten, beantwortete ihre Fragen, stellte seinerseits selbst welche und entdeckte so ein Interesse und eine gewisse Faszination für sie. Und das, obwohl er gerade erst eine Beziehung hinter sich hatte, die er als ernsthaft bezeichnen würde, und auch immer noch gelegentlich an Mia dachte.

Die Gefühle für sie waren aber leider inzwischen eher von Bitterkeit und mit einem Geschmack von Verrat durchzogen. Aber eines war ihm auch deutlich geworden. Die Zeit, die Mia mit Tina ohne ihn verbracht hatte, ohne ihm zu sagen, dass es vorbei war, zählte für ihn dennoch schon als Trennungsphase. Er hatte viel Zeit gehabt, sich darauf vorzubereiten und an den Gedanken zu gewöhnen. Nichts war plötzlich und auf einmal da gewesen, sondern von langer Hand her angekündigt. Der gemeinsame Alltag hatte bereits weit im Vorfeld so viel gefressen, hatte so vieles selbstverständlich werden lassen und so vieles auf dem Weg zurück gelassen. Kleine Worte der Zärtlichkeit, warme Blicke oder nur mal ein unerwarteter Kuss nebenher.

Und auf einmal waren da diese leuchtenden grünen Augen, welche direkt in sein Innerstes zu blicken schienen und nach eben diesen warmen Blicken oder Zärtlichkeiten suchten. Volle, offensichtlich wunderbar weiche Lippen, die um gemeinsame Zeiten baten, und seien es nur Minuten. Erik wusste nicht, wie lange sie alleine gewesen war, aber er merkte, sie würde einiges daran setzen, ihn von seinem Plan abzubringen, jetzt eine Weile alleine zu verbringen. Und wenn er ehrlich war, gefiel ihm der Gedanke auch.

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Das Kartenspiel

Wir haben gespielt, uns gegenseitig die Karten zugeworfen, aber nach verschiedenen und doch so ähnlichen Regeln.

Am Anfang fiel es nicht einmal auf, doch plötzlich passten die Karten nicht mehr. Wir waren frustriert und verärgert. Doch manche Karten sind in jedem Spiel die höchsten und du hast sie meisterhaft ausgespielt. Du hast den Tisch sauber abgeräumt und dich dann bitterlich triumphierend einem anderen Spiel mit neuen Spielern zugewandt. Ich war zurückgelassen, irritiert und verprellt. Das Spiel war gelaufen und vergangen, keine Chance auf Revanche oder weitere Anläufe.

Und auch wenn es nicht schön war, es war okay. Menschen spielen und irgendjemand würde sicherlich auch mir wieder Karten zuschieben. Doch die Karten, die hier so unerwartet wieder vor mir liegen kommen von dir und ich habe dein Spiel noch weniger durchschaut, als ich es zunächst glaubte.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 147.

Grüne Daumen

„Schatz, ich habe eine Idee für nächstes Jahr.“

Kristina verbrachte den Abend, wie sie es am liebsten tat. Den Kopf in Flos Schoß gelegt, mit einem Buch in der Hand und dem Blick die meiste Zeit über auf einen Punkt irgendwo im Nirgendwo über dem Sofa auf dem sie lag gerichtet. Flo setzte die Tasse mit frischem Kräutertee ab und kehrte aus seiner Gedankenwelt zurück. Der Fernseher lief schon lange nur noch fürs Hintergrundrauschen. In seinem Kopf tanzte seine Hausarbeit gerade einen wilden Tango und organisierte sie laufend neu. Entsprechend hatte er keine Ahnung, was seine Traumfrau meinen konnte, als er zu ihr hinab blickte.

„Wir holen uns einen Garten. Was hältst du davon?“

Was sollte er davon halten? Sie hatten doch bereits die Blumentöpfe auf dem Balkon? Wie sollte das denn funktionieren?

„Und wo stellen wir den hin? Auf den Balkon? Wie stellst du dir das denn vor und wer soll den tragen?“

„Wovon redest du denn? Wir holen doch den Garten nicht auf den Balkon. Aber einen kleinen Schrebergarten oder irgendwo hier eine kleine Parzelle. Dann haben wir vielleicht ein klein wenig mehr Platz auf dem Balkon und eine Möglichkeit, etwas Leckeres anzupflanzen. Tomaten zum Beispiel oder vielleicht auch Kürbisse. Klingt das nicht gut?“

„Kürbisse … hmm, was wäre mit Kartoffeln? Oder Möhren? Tomaten haben wir doch bereits auf dem Balkon und es klappt gut.“

Er sah zum Fenster hinaus auf den Balkon, der noch im letzten Dämmerlicht lag. Tomaten drängten sich wie ein Wald an der Seite, Erdbeeren und einige Küchenkräuter besiedelten die Blumenkästen. Er hatte sich nie besonders für Pflanzen interessiert. Das zählte zu den Seiten, die Kristina an ihm heraus poliert hatte. Es würde ihn ja stören, dass sie ihn formen konnte wie feuchten Ton, wenn er nicht das Gefühl hätte, dass sie immer seine besten Seiten hervor holte. Ganz abgesehen davon bemerkte er es immer erst, wenn es bereits viel zu spät war. Inzwischen trank er sogar weniger Alkohol, auch wenn ihm das niemals als etwas Negatives aufgefallen war. Sie mussten nicht groß diskutieren, er war bereits mit dem Kürbis überzeugt gewesen. Nur anmerken lassen wollte er es sich nicht.

„Und wir könnten auch Knoblauch oder Zwiebeln ausprobieren. Das wollte ich schon immer einmal, wegen der schönen Blüten. Genau so wie Rosen. Oder Bohnen? Es gibt so vieles, was ich mal ausprobieren möchte. Deine Kartoffeln und Möhren sollen sich übrigens auch noch gut vertragen, und wenn ich mir ansehe, wie gut du dich um die Pflanzen auf dem Balkon kümmerst, muss das doch was werden.“

Kristina schwärmte noch eine ganze Weile vor sich hin und versuchte ihn zu überzeugen, dass ein kleiner Garten genau das war, was ihnen noch fehlte. Es war bedauerlich, dass hinterm Haus nur ein gepflasterter Hof war. Das, was man da am besten anpflanzen konnte, waren Moos und Löwenzahn. Und selbst wenn ein Kohl hier überleben würde, mit dem Aroma vom Teer des alten Asphalts würde er sicherlich nicht genießbar sein können. Aber wer würde sich um den Garten kümmern? Kristina war es gewesen, die auf dem Balkon angefangen hatte, Pflanzen aufzustellen. Es hatte nicht lange gedauert, bis Flo sich darum kümmern musste, weil sie nicht dazu kam. Würde das bei einem Garten denn so viel anders laufen? Und würde ihn das überhaupt stören? Immerhin musste er zugeben, dass es ihm Spaß machte. Und dann auch noch eigene Kürbisse … Der nächste Herbst würde schmackhaft werden können.

Schlossgarten Brühl