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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 152.

Marlene

„Vielleicht war das wirklich ein wenig leichtsinnig. Aber halt einfach auch viel zu verlockend. Ich meine, du hast sie ja selbst gesehen, das ist niemand, wo man freiwillig nein sagen würde.“

Erik saß neben Flo an der Bar und starrte abwesend über sein inzwischen eins-zu-vielte Bier hinweg. Seine sonst immer so akkurate Frisur war reichlich in Unordnung geraten und die Jacke war zerknittert. Mit einem schweren Seufzen kippte er den Rest des Bieres hinunter und bestellte das inzwischen viel-zu-vielte Bier. Flo grübelte inzwischen, ob ihm irgendeine hilfreiche Antwort einfallen wollte, aber seine Kreativität wollte trotz Bier zu dieser späten Stunde nicht mehr aus dem Bett kommen. Und dabei hatte es alles so vielversprechend angefangen.

Marlene war offensiv auf Erik zugegangen, hatte sich bei ihm gemeldet und Kontakt nicht nur einfach aufgebaut, sondern auch gehalten. Das Herz auf der Zunge und keine versteckten Karten in der Hinterhand, jedenfalls keine offensichtlichen. Das hatte ausgereicht um Erik zunächst einmal völlig zu verunsichern. Aber eine Falle finden konnte er auch nicht und so hatte er doch begonnen, sich ihr zu öffnen. Ein Date im Park, ein gemeinsamer Spaziergang am Fluss, ein Abend im Kino oder ein Nachmittag mit Eis. Flo war überzeugt, die beiden waren ein Paar und trauten sich nur noch nicht, es zuzugeben. Sie hatten sich definitiv gemeinsam die Zeit verschönert.

Und doch saßen sie nun hier, wieder in der alten heruntergekommenen Bar, und starrten trübselig in ihre Biere. Flo verstand die Welt nicht mehr.

„Erklär es mir noch einmal. Du sagst, es war soweit alles perfekt. Sie hat offenbar Gefühle für dich, ist in jeder Hinsicht perfekt, sieht toll aus, ist hoch intelligent, hat ähnliche Interessen wie du und ist eigentlich alles, was du dir wünschen könntest. Du hast ebenfalls Gefühle für sie und sie rennt nicht gleich vor dir weg, obwohl sie inzwischen ziemlich gut wüsste, worauf sie sich einlässt. Wieso blockierst du dann?“

„In fast jeder Hinsicht perfekt. Sonst gäbe es ja kein Problem. Sie hatte noch nie einen Freund. Außer ab und zu knutschen ist bei ihr noch nie etwas gelaufen, sie ist völlig unerfahren.“

„Im ernst? Das ist dein Problem? Dann lernt ihr es halt gemeinsam! Wie sonst soll sie denn an die Erfahrungen kommen? Aus dem Internet runterladen vielleicht?“

„Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich der Richtige dafür bin.“

„Wieso nicht? Sie scheint keine Zweifel daran zu haben.“

„Wieso will sie mich dann verkuppeln?“

Das war jetzt neu und ein absolut legitimer Punkt. Flo starrte Erik eine Weile nur an. Marlene hatte es sich zur Aufgabe gemacht den Mann unter die Haube zu bringen, den sie offensichtlich liebte? Wäre es ihre eigene gewesen, hätte es mehr als nur Verständnis dafür gehabt, aber so … ?

„Wir waren letztens in der Stadt unterwegs und es war ein ziemlich toller Nachmittag. Am Markt sind wir dann Mia begegnet und haben uns kurz unterhalten. Aber wirklich nur kurz, und das war schon mehr als lang genug. Ihr geht es übrigens soweit ganz gut, aber das weißt du vermutlich selbst schon. Danach meinte Marlene jedenfalls, was denn mit uns wäre, da müsse doch was laufen. Und wenn nicht, dass wir das doch nicht aus den Augen lassen sollten. Immerhin hätten wir so eine gute Chemie. Da wäre einfach etwas zwischen uns, was perfekt passt. Also, zwischen Mia und mir jetzt, nicht zwischen Marlene und mir. Hast du eine Ahnung wie absurd das ist, wenn dein Date versucht dich mit deiner Ex zu verkuppeln? Sag Bescheid, wenn du einen besseren Stimmungskiller gefunden hast.“

Das war der Moment, an dem Flo feststellte, dass er offenbar auch bereits beim zuvielten Bier angekommen war. Wäre er noch halbwegs nüchtern, wäre ihm nun sicherlich eine schlagfertige Antwort eingefallen, und sei es für das Thema von vor zehn Minuten. Jetzt rechnete er nicht mehr vor morgen früh damit. Ein Bild wanderte durch seinen Kopf, wie Kristina versuchte ihm Jenny schmackhaft zu machen und alles in ihm sträubte sich. Vielleicht musste er mit Marlene reden, wobei es wohl besser wäre, wenn Erik das selber tat. Wieso nicht gleich jetzt?

Market Theater

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 146.

Der innere Schweinehund

„Erik, ich weiß, dass du nicht viel brauchst, aber du kannst nicht wochenlang im Bett liegen bleiben. Selbst deine Pflanze nimmt dir das schon übel und du musst wirklich einmal gründlich lüften.“

Flo stand gegen das spartanisch eingeräumte Regal gelehnt in einer kleinen Wohnung, die absolut typisch für Erik sein konnte. Wo nichts herumstand, konnte auch nichts einstauben. Aber hier hatte er es vielleicht ein wenig auf die Spitze getrieben. Erik hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, die meisten Kisten oder Koffer auszupacken. Er hatte sie ungeöffnet im Keller verschwinden lassen und hatte nur das Nötigste mit hinauf in die kleine Einzimmerwohnung genommen. Das Bett war ein durchgelegenes Schlafsofa, welches er vom Vormieter übernommen hatte, genau so wie die meisten Möbel.

Die wenigen Habseligkeiten, die er ausgepackt hatte, wirkten merkwürdig deplatziert und verstreut im Raum. Die einsame Pflanze auf dem Fensterbrett hatte das Stadium des Blätter Abwerfens übersprungen und war gleich so kross knusprig getrocknet. Als könne er jeden Moment wieder blühen, stand der mumifizierte Rest dort. Und wenn Flo Erik so ansah, war der Unterschied nicht zu groß.

Die ganze Woche schon hatten Flo und Kristina Vorwände gesucht, Erik aus dem Haus zu locken und zu Unternehmungen einzuladen. Vergeblich. Wenn überhaupt, dann war es zu bewerkstelligen, ihn aus dem Bett zu bekommen, um die Türe zu öffnen. Die Ernährung bestand aus Fertiggerichten, Nudeln oder Reis mit Ketchup oder irgendetwas, was sich gerade auftreiben ließ. Nichts war übrig geblieben, von den kulinarischen Glanzlichtern, die er so gerne gekocht hatte. Denn das war schließlich für andere gewesen und nicht nur für ihn selbst. Bisher war es nicht so deutlich aufgefallen, aber jetzt konnte er es nicht mehr verstecken. Was er tat, das tat er für andere. Sich selbst stellte er immer hinten an. Nur jetzt war da niemand mehr, für den er wirklich etwas tun konnte. Flo sah das anders und war verhältnismäßig beleidigt.

„Bring dich jetzt mal in Ordnung und dann gehen wir raus. Mit diesem Theater ist wenigstens für heute mal Schluss!“

Vielleicht konnte er mit etwas gut gemeinter Strenge und deutlichen Worten mehr Effekt erzielen. Auch wenn gut gemeint oft das Gegenteil von gut war, er musste es jetzt einfach versuchen. Ein schlaffer Erik wühlte sich unkoordiniert aus den Laken, ließ sich wie ein Walross von der Bettkante fallen, bis er schließlich doch danebenstand. Flo hatte immer daran geglaubt, dass Sprichwörter irgendwo auch einen Bezug zur Realität hatten und sich nur im Laufe der Zeit etwas verselbstständigt hatten. Hier aber stand die Personifikation des Sprichwortes vom nassen Sack. Schwarz unterlaufene Augen sahen ihn müde und verquollen an.

„Sie hat mich verlassen, wollte es noch mir in die Schuhe schieben und fängt gleichzeitig mit der Frau etwas an, die sich eigentlich an mich ran gemacht hat und die ich ihr zuliebe abgewiesen habe. Hast du eine Ahnung, wie verarscht man sich dabei fühlt?“

„Nein, das habe ich nicht. Aber es ist auch keine Lösung, sich hier einzugraben und zu verschimmeln. Wir gehen raus und mal sehen, mit etwas Glück läuft uns ja sogar jemand tolles für dich über den Weg.“

„Du hast es ja sehr eilig. Jemanden wie Mia finde ich ohnehin nicht noch einmal.“

„Genau das ist der Plan. Diesmal soll es jemand sein, die dich auch will und nicht nur der Bequemlichkeit halber behält. Seit Monaten sehe ich dich laufend zweifeln und jetzt hat sie den Schritt gemacht, den du dich nicht getraut hast.“

„Am Ende soll ich ihr auch noch dankbar dafür sein? Flo, du bist verrückt.“

„Damit hast du absolut recht. Was meinst du, wieso Kristina noch bei mir ist? Ernsthaft, ich habe doch ansonsten nichts anzubieten. Und jetzt genug davon. Ich hab Durst und seit über einer Woche kein Bier mehr getrunken. Kristina versucht im Moment etwas zu reduzieren.“

Erik musste einsehen, dass Widerspruch zwecklos war, und er hasste es. Er zwang sich unter die Dusche und in die Klamotten, die am wenigsten schmutzig und unansehnlich waren. Wenig später saßen sie bei den Klängen keltischer Volksmusik in der Bar, jeder ein Bier vor sich, und so sehr Erik sich auch dagegen sträubte, es ging ihm mit jedem Schluck und jeder Minute besser. Er genoss sogar die Anwesenheit anderer Menschen, auch wenn ihn das Paar leuchtend grüner Augen am Tisch des Junggesellinnenabschieds, welches ihn unverhohlen anfunkelte, etwas irritierte.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 89

Dejavu

Erik, früher Mittzwanziger, dunkelblond mit aktuell etwas ungepflegter, strubbeliger Frisur und einem unsauber rasierten Stoppelkinn, ließ sich auf dem Weg zur Vorlesung noch einmal die letzte Nacht durch den Kopf gehen. Wortwörtlich!

Angekündigt war die Party des Jahrhunderts, schon zum mindestens zwanzigsten Mal dieses Jahr und er war schon wie zu allen anderen davor nicht hingegangen. Was am Ende dabei herumkommen würde, war ein einziges Besäufnis mit billigem Bier, schlechter Musik und zu vielen Leuten, mit denen er nüchtern wohl nie reden würde. Wieso sich also die Mühe machen? Er hatte stattdessen Flo besucht, eine Weile mit ihm geredet, einige Biere getrunken und später in seiner Wohnung alleine mit Schnaps weiter gemacht, bis die Vögel wach wurden.

So kam es, dass Erik nach immerhin drei Stunden Schlaf aus den verschwitzten Laken kroch, um rechtzeitig um Viertel nach acht in der Vorlesung zu sitzen. Wer kam eigentlich auf die glorreiche Idee, schon so früh eine Vorlesung halten zu müssen? Das war absolut widernatürlich, selbst zum absehbaren Ende des Semesters. Aber er hatte die Vorsätze, das laufende Semester nicht völlig vor die Hunde gehen zu lassen. Da mussten schon einmal Opfer gebracht werden. Erik erbrach sich in den Mülleimer vor dem Supermarkt, besorgte sich ein Konterbier und eine fettige Salami, aß dann zuerst die Salami und leerte das Bier, nur um fünf Minuten später beides in den Mülleimer vor dem Hörsaal zu spucken. Während die stinkende Suppe aus dem Korb sickerte, wankte er in den Saal. Von Flo kannte er ein solches Verhalten aber er selbst? Beinahe schämte er sich etwas dafür.

Drinnen sah er sich mit kurzsichtigen Augen um. Fahle, müde Gesichter mit verquollenen Augen und immer wieder ein völlig überdrehtes Schnattermaul und übertrieben freundliche Morgenmenschen. Der Geruch von saurem, billigen Kaffee hätte ihn fast wieder hinausgetrieben. Links und rechts neben ihm tauchten zwei verschwommene Gestalten auf, griffen ihm unter die Arme und schleiften ihn mit in eine leere Reihe.

„Der Erik hat gestern den Absprung verpasst und ein schlechtes Bier erwischt. Ehrlich Junge, wieso kommst du überhaupt noch? Pennen kannst du doch besser zu Hause.“

Flo und Martin. Beide etwa einen halben Kopf kleiner als Erik und jeweils drei Jahre älter. Flo aufgrund eines ungünstigen Starts ins Studentenleben, Martin aufgrund seiner vorherigen Ausbildung zum Feinmechaniker. Beide waren auch nicht für die Party des Jahrhunderts zu begeistern gewesen. Flo, weil er den Abend gemütlich mit Erik in seiner Wohnung verbracht hatte und Martin, weil er seine Freizeit bei Frau und Kind zu Hause genießen wollte. Erik registrierte die beiden nur beiläufig. Für einen Moment hatte er das Gefühl, die Situation so ähnlich schon einmal erlebt zu haben. Ehe er darüber nachdenken konnte, war sein Kopf aber bereits auf den Tisch gesunken.

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„Ich darf Sie dann um Ruhe bitten, damit wir anfangen können. Zunächst einmal habe ich Ihnen einige Probeklausuren online zur Verfügung gestellt. Die können Sie sich einmal ansehen und dann Ihren Wissensstand überprüfen oder mir noch offene Fragen stellen. In der letzten Woche wollten wir ja hierzu eine Fragestunde abhalten. Passt der Termin bei Ihnen allen noch?“

Erik gab seinem inneren Zwang nach, gähnte herzhaft, rieb sich kurz die juckenden Augen und behielt sie nur einen Augenblick geschlossen. Vielleicht wäre er wirklich besser im Bett geblieben aber er hoffte immer noch auf das Wunder, den Stoff durch reines Zuhören aufnehmen zu können. Er atmete tief durch und richtete sich auf. Außerdem war sein Bett in letzter Zeit alles andere als ein Garant für Schlaf geworden. Es fehlte einfach etwas Entscheidendes.

„…was Sie ja auch alles bereits kennen. Das haben wir in den letzten beiden Wochen glaube ich ausführlich genug besprochen. Ich gucke gerade auf die Uhr. Wenn Sie jetzt noch Fragen haben, dann stellen Sie die bitte. Ansonsten würde ich nämlich dann auch für heute Schluss machen. In den letzten drei Minuten das neue Thema anzufangen ergibt wenig Sinn. Bis nächste Woche dann.“

Irritiert sah Erik sich um. Alle packten ihre Taschen zusammen und standen auf. Er wusste nicht, ob er um sein Timing glücklich oder verärgert sein sollte. Er bemerkte jetzt erst richtig, was Mia immer für ihn geleistet hatte, als sie ihn mit in die Veranstaltungen geschleift und ihn zur Aufmerksamkeit gezwungen hatte. Was war er doch ein Narr gewesen, wenn er sich zwischenzeitlich über sie geärgert hatte.

„Vielen Dank, dass ihr mich so ruhig schlafen gelassen habt.“ Der verärgerte Vorwurf ging an Flo und Martin, die bereits neben ihm standen und warteten.

„Bitteschön, gern geschehen. Du hast aber auch geschlafen wie ein Stein. Keine Sorge, es ist nicht aufgefallen. Martin hat dir Kulleraugen aufgeklebt.“

Auf einem Telefon kam ein Foto von seinem Gesicht mit albernen Klebeaugen in sein Sichtfeld. Der Anblick war irgendwie albern und verstörend zugleich und er war sich fast völlig sicher, eine solche Situation schon einmal erlebt zu haben. Er wollte lieber überhaupt nicht daran denken, wann und wo. Flo fixierte ihn mit seinem Blick, als sie in die Sonne hinaus gingen.

„Hast du mit ihr geredet? Du wolltest das noch gestern Abend machen.“

Damit hatte er recht, das war sein Plan gewesen. Aber er hatte sich nicht getraut. Immerhin hätte Mia bei ihrem Standpunkt bleiben können. Er schüttelte niedergeschlagen den Kopf, straffte aber dann dennoch die Schultern.

„Hab eine Kopie von ihrer Sicherung gemacht und die Arbeit etwas sortiert und die Formatierung gemacht. Keine Ahnung von dem Inhalt aber wenigstens sieht es jetzt besser aus.“ Er zuckte beiläufig die Schultern. Nüchtern hatte er noch keinen Blick darauf geworfen, aber wenn sein Gedächtnis nicht völlig totgesoffen war, dann sah es nicht einfach nur besser aus sondern regelrecht professionell.