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Szenen an der Supermarktkasse

Ich stehe an der Supermarktkasse und träume vor mich hin, wie ich es viel zu oft tue. Der neue Azubi an der Kasse ist noch nicht besonders geübt und entsprechend geht es gemütlich voran. Die Dame hinter mir möchte gerade damit beginnen, ihre Einkäufe aufs Band zu räumen, als ihr auffällt, dass etwas fehlt. Man sieht ihr an, dass diese Abweichung vom geplanten Ablauf Stress für sie bedeutet. Ihre Stimme rangiert irgendwo zwischen schüchtern, beschämt und gehetzt, als sie sich an mich wendet.

„Entschuldigung aber könnten Sie ganz kurz auf meinen Wagen aufpassen?“

Ich bin etwas überrascht denn es ist nicht viel los und hinter ihr steht niemand an. Aber selbstverständlich nicke ich zustimmend. „Klar!“ Es gibt keinen Grund, wieso nicht. Der ältere Herr vor mir dreht sich um, mustert mich schmunzelnd und muss kichern.

„Sie wirken trotz Bart offenbar vertrauenswürdig.“

Mir ist mein Bart nie als kontroverses Thema vorgekommen. Er ist seit vielen Jahren ein treuer Begleiter. Kein langer Hipsterbart oder aufwändig zurecht rasiert. Einfach nur ein kurzer unkomplizierter Vollbart, lang genug um nicht mehr stachelig zu sein. Frei von jeder politischen Aussagekraft und ohne Ähnlichkeiten zu berühmten Vorbildern in Märchen und Geschichten. Für den Räuberhauptmann hat es nie gereicht.

„Trotz oder gerade deswegen?“ wandert es mir durch den Kopf und zeitgleich über die Lippen. Im Kopf des Mannes scheint das etwas auszulösen, jedenfalls beginnt er zu erzählen, dass Bärte in seiner Jugend ausgesprochen verpönt waren aber das ja so lange her sei und jeder tun sollte, was ihn denn glücklich macht. Ich kann sein Alter schwer schätzen. Ist er noch im Bereich der 70 oder schon über die 80? Ich weiß nicht, wann seine Jugend war, aber spontan fällt mir keine Epoche ein, in der es nicht wenigstens in einzelnen Gesellschaftsschichten angesehen oder akzeptiert gewesen wäre, einen Bart zu tragen. Die Mode schwankt natürlich auch in diesem Bereich stark.

Erst im Nachhinein fällt mir auf, dass er mich trotz der immer breiter werdenden grauen Strähnen im Bart mit seiner Formulierung auch der Jugend zugerechnet haben könnte. Möglicherweise lässt der Bart mich also nicht nur vertrauenswürdiger, sondern auch noch jünger wirken. Ist nicht in der Regel das Gegenteil der Fall? Was auf mich zutrifft kann ich nicht sagen. Die letzten Fotos, auf denen ich ohne Bart zu sehen bin sind bereits alt und vermutlich hat sich auch mein Gesicht im Laufe der Zeit ein wenig gewandelt, genau wie so vieles anderes.

Inzwischen ist auch die Dame gefunden, was sie gesucht hat, und ist wieder zu ihrem Einkaufswagen zurückgekehrt. Mit einem dankbaren Blick stellt sie fest, dass noch alles ist, wie sie es zurückgelassen hat, und beginnt nun doch noch damit, das Band zu beladen. Der Azubi bekommt unterdessen Unterstützung von einer Kollegin, die bereits ein paar Jahre länger hier arbeitet. Auch wenn sie immer gut gelaunt und freundlich ist, sie ist gleichzeitig weltmeisterhaft schnell. Der alte Mann vor mir kennt sie offenbar auch, denn er seufzt etwas wehleidig, fügt sich dann aber seinem Schicksal.

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Männer sind vom Mars, Kinder vom Mond?

Ich streife durch die Hallen eines großen Einrichtungshauses und habe irgendwo auf dem Weg vergessen, wieso ich eigentlich hier bin und wonach ich suche. Mein Blick streift über moderne, gerade Konturen von Schränken und über verschnörkelte Sessel, die stiltechnisch nicht zu den Räumen passen wollen, in denen sie ausgestellt sind. Zahllose Gesichter schieben sich durch die Gänge, betrachten Möbel und Einrichtungsgegenstände. Jede kleine Lücke ist mit Dekoartikeln gefüllt, ein buntes Sammelsurium von Dingen, deren einziger Zweck es ist, zu existieren oder eine Funktion zu erfüllen, die in einem gewöhnlichen Alltag eigentlich keinen Platz hat.

Die Kundengruppe ist recht jung. Viele junge Erwachsene, die sich ihre ersten Wohnungen einrichten, Paare auf der Suche nach der richtigen Einrichtung für eine hoffentlich lange und glückliche gemeinsame Zeit und Familien mit frischem Nachwuchs, teils vor, teils noch im Bauch. Gedankenverloren biege ich um eine Ecke, streiche über ein angeblich echtes, aber spottbilliges Lammfell und wäre fast über ein kleines Kind gestolpert, welches selig zwischen den großen Gitterboxen sitzt und mit einem Bündel Kleiderbügel spielt.

Zugegeben, das war eine Übertreibung. Es lagen immer noch mehr als ein Meter zwischen dem kleinen Mädchen und mir, ich hätte sie kaum übersehen können und selbst wenn, dann hätte ich gleichzeitig ihren Vater umrennen müssen, der danebenstand. Dennoch fesselt es mich für einen Moment, mit wie viel Begeisterung sich dieses kleine Wesen ein paar einfarbigen Kleiderbügeln aus Plastik widmet. Sie blickt zu mir auf und grinst mich fröhlich an. Es dauert einen Moment, bis ich realisiere, dass sie damit mein Grinsen erwidert. Eine kleine Hand mit riesigem Kleiderbügel darin winkt mir zu und ich tue, was wohl jeder Mensch tun würde und winke zurück.

Rundherum bemerke ich Reaktionen, die ich eher fühlen kann, als dass ich sie bewusst sehen würde. Da ist der Vater, der mir skeptische Blicke zuwirft und sich kaum merklich anspannt, bereit, seine Tochter vor dem seltsamen Typen zu schützen. Zwischen den Weingläsern heben sich die Köpfe zweier Frauen hervor, die mich zwar neutral aber dennoch aufmerksam beobachten und eine junge Mutter, die ihre Zwillinge im Einkaufswagen bereits aus der Abteilung schieben will und durch einen Gehfehler auffällt, dreht sich noch einmal um und sieht mir irritiert nach.

Einzig ein Mädchen, vermutlich noch nicht einmal zwanzig Jahre alt und mit einer bunten Fußmatte in der Hand, guckt an mir vorbei auf das Kind. Auch sie wird von der guten Laune angesteckt und grinst fröhlich, aber bei ihr sieht deswegen niemand hin. Nur ihr Freund, der sie zwar mit einer Zärtlichkeit betrachtet, die jede Disney-Romanze grobschlächtig wirken lässt, aber dennoch etwas besorgt wirkt. Er kennt wohl den Kinderwunsch seiner Partnerin, weiß aber auch, dass es noch zu früh für sie beide ist.

Erst als ich von den Küchenmessern zu den Gardinenstangen komme, festigt sich das Bild von dem, was gerade passiert ist. Ich habe einem kleinen Kind gewunken und damit eine Menge Leute beunruhigt. Wie kommt das? Ich sehe recht durchschnittlich aus, meine Kleidung ist ordentlich und sauber, ebenso ich selbst. Wenn ich das Blut unschuldiger Seelen im Bart oder an den Händen kleben hätte, dann wüsste ich das mit Sicherheit. Aber die einzige Erklärung, die mir nach einigem Nachdenken kommen will, ist, dass Männer einfach keine kleinen Kinder mögen. Wenigstens, solange es nicht ihre eigenen sind. Wenn eine Frau, egal welchen Alters, ein Kind beobachtet, wird sie vielleicht dafür belächelt. Gelten für Männer da wirklich andere Regeln?

In Bus oder Bahn langweilen sich Kinder oft und suchen den Kontakt zu Mitreisenden. Wenn sie sich dafür andere Kinder oder Frauen aussuchen, die auf ihr Spiel eifrig einsteigen, werden sie vielleicht einmal ermahnt, schön ruhig zu bleiben. Wenn ich die neugierigen Blicke mit albernem Kopfwackeln erwidere, ernte ich regelmäßig argwöhnische Blicke. Nicht selten entschuldigen sich die Mütter hastig bei mir, dass ihr Kind mich belästigt hat, um dann schnell die Aufmerksamkeit des Sprösslings auf sich zu ziehen und ihn mit irgendetwas zu unterhalten, auf dass er den Rest des Busses nicht belästigen möge.

Und regelmäßig frage ich mich dann, wie ich in den Augen der Leute gewirkt haben muss. Was habe ich an mir, dass man mich vermeintlich vor dieser klaren und ehrlichen Neugier schützen muss, die aus so vielen Kinderaugen strahlt, ehe sie durch eifriges Ermahnen, stumpfe Monitore und vertröstende Süßigkeiten im Laufe der Jahre immer weiter abstumpfen. Was sehen sie in meinem Lächeln, mit dem ich versuche, ein wenig des ehrlichen Glücks der Zwerge zu spiegeln? Bin ich so gruselig, dass sie ihre Kinder schnell vor meinen Augen schützen wollen?

Und ist das ein Problem, das nur ich habe, oder reicht das weiter? Immerhin fällt es mir immer wieder auf, dass Kabinen mit Wickeltischen in öffentlichen Toiletten zwischen Damen- und Herrentoiletten angeordnet sind, statt in der Damentoilette. Auf den Piktogrammen sind dennoch immer Frauen mit Kindern abgebildet. Männer haben Papa-Zeit und babysitten, Frauen sind halt einfach Mütter. Das ist der Eindruck, den man bekommen kann, wenn man mit offenen Augen und Ohren durch die Stadt läuft, die Menschen am Spielplatz beobachtet oder den Gesprächen an der Supermarktkasse lauscht. Bin ich der Einzige, der sich daran stößt?

So aufgeklärt diese Gesellschaft gerne sein möchte, es erscheint einiges merkwürdig. Eine ganze Serie von Missbrauchsskandalen hat sie Menschen vorsichtig gemacht. So misstrauisch, dass sich Mütter dafür entschuldigen, wenn ihre Kinder ein wenig gute Laune und Farbe in die Welt hinaus tragen wollen und damit die „falschen“ Leute erreichen. Dabei können vielleicht gerade die das gut gebrauchen. Kinder sollen Kinder sein dürfen, aber ohne dass man ihnen den Platz dafür zugesteht.

Mir scheint, wir haben noch viel Arbeit vor uns…

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Momente XII

Kamele

Kreisförmig wandern die Kiefer, kauen auf einem unbekannten Stück Irgendwas herum, während die Augenlider gleichgültig und müde auf Halbmast hängen. Teilnahmslos wandern die Köpfe von links nach rechts, betrachten die Umgebung und scheinen doch nichts davon wahrzunehmen. Nichts scheint die kleine Karawane aus der Ruhe bringen zu können, die mit schwerer Last beladen auf ihre Abfertigung wartet. Es scheint nur das hypnotische, gleichmäßige kreisen der Kiefer. Gelegentlich zeigen sich die verfärbten und schief stehenden Kamelzähne und machen das genaue Gegenteil von in der Sonne glitzern. Vermutlich haben sie das nie getan.

Die Schlange rückt einen Schritt weiter auf und die Kamele folgen ihr mit langsamem Blinzeln und schaukelndem Gang, immer noch träge kauend. Ihr Blick bleibt an einem Päckchen Kaugummi hängen und hinter den halb geschlossenen Augen rattern metaphorische Zahnräder. Sie kommen zu keinem klaren Ergebnis aber inzwischen ist die Schlange weit genug aufgerückt, dass auch sie ihre Einkäufe auf das Kassenband legen können und sie tun es mit der gleichen fast schon ignoranten Gleichgültigkeit, mit der sie schon die ganze Zeit auf ihren Kaugummis kauen.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 84

Einkaufen

Der Grund für Flos miese Laune war eindeutig. Ein leerer Kühlschrank, eine generell leere Küche, kein Reis, keine Nudeln, kein Brot, kein Gemüse oder sonst irgendetwas. Alles, was noch da war, war ein Glas Senf, etwas Quark, eine Banane und ein paar keimende Kartoffeln und Zwiebeln. Die Banane war Kristinas Schuld. Sie bestand darauf, dass er sich gesünder ernähren müsse, er sah das etwas anders. Es hätte noch einige Konservendosen gegeben, aber die enthielten nichts, was man sinnvoll mit einem der eben genannten Dinge hätte kombinieren können. Vielleicht wäre es ihm halbwegs egal gewesen, wenn er nicht ziemlich immensen Hunger gehabt hätte. Sein Frühstück war dürftig ausgefallen und seitdem hatte er nichts mehr gegessen. Er sah auf die Uhr.

Wenn er heute noch etwas einkaufen wollte, dann musste er sich beeilen. Frisches Brot würde er jetzt, nach sechs Uhr, schon nicht mehr bekommen. Aber das war auch halbwegs das Letzte, wonach ihm der Sinn stand. Vielleicht sollte er einfach losgehen und sich inspirieren lassen. In einem vollen Supermarkt würde er garantiert etwas Essbares finden. Viel größer waren seine Ansprüche nicht einmal. Essen, weil es halt notwendig war, um nicht zu verhungern. Das waren nun einmal die Regeln der Biologie und aktuell verabscheute er sich dafür, ihnen zu unterliegen.

Wenn es um andere ging, gab er sich auch mal Mühe, etwas Gutes zuzubereiten. Für Kristina kochte er regelmäßig, suchte sich vorher ein Rezept heraus und besorgte alles Notwendige. Für sich selbst reichten auch Nudeln mit Ketchup oder Tiefkühlpizza völlig aus. Nicht auf Dauer, aber schon für eine Weile und Flo konnte sehr ausdauernd sein, was das betraf. Vielleicht würde er sich heute aber eher für einen frischen Salat entscheiden oder für Kartoffeln mit Buttergemüse. Das war zwar mehr Arbeit aber schmeckte auch besser.

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Die nächste Einkaufsmöglichkeit war ein Discounter, und zwar einer von der extra billigen Sorte. Flo war das gerade recht. Wenn er schon keine Wahl hatte und unbedingt essen musste, dann sollte es nicht auch noch überteuert sein. Und wieso sollte er einen teureren Supermarkt oder Spezialitätenhändler aufsuchen? Die letzten Lebensmittelskandale hatten auch vor denen nicht haltgemacht. Das billige Zeug war genau so verseucht wie alles andere auch. Dioxin in den Eiern, Pflanzenschutzmittel im Bier, Pferd in der Lasagne und Gammelfleisch mit Analogkäse auf der Pizza. Wenn das wirklich alles so schrecklich giftig war, dann müssten die Menschen doch sterben wie die Fliegen.

Wenigstens seine Prognose mit dem Brot war richtig. Es gab keins mehr. Flo war darüber kein Bisschen traurig. Er hätte es selbst heute wohl nicht gekauft, und wenn es keines mehr gab, dann konnte es auch nicht mehr liegen bleiben und schlecht werden. Er streifte durch die Regale auf der Suche nach etwas, worauf er Hunger haben könnte. Schokolade lachte ihn an, er überlegte kurz, wurde sich dann seines Hungers bewusst, schob den Heißhunger darauf und ließ sie liegen. Er brauchte etwas Handfesteres. Nudeln waren immerhin haltbar. Wenn er sie heute nicht aß, dann würden sie auch noch in einem halben Jahr gut sein. Er packte eine Tüte ein und lies ein Glas Soße dazu im Regal stehen.

Bevor er losgegangen war, hatte er eine kurze Inventur in der Küche gemacht und seine Vorräte zusammengezählt. Jetzt ging er die kurze Einkaufsliste ab, die er in seinem Kopf hatte. Er brauchte etwas, was als Frühstück morgen taugen würde. Vermutlich Joghurt oder Müsli. Er entschied sich für Pizza, ohne dem Gedankengang dahinter selbst folgen zu können. Die billigere Doppelpackung musste es werden, wenn er seiner Budgetrechnung glauben wollte. Andererseits tanzten am Rand seines Blickfelds schon die Regenbögen. Ein zuverlässiges Indiz dafür, dass seinem Körper der Strom ausging.

Die Nudeln in der Hand stand er vor dem Kühlregal. Kartoffelsalat im Eimer oder Krautsalat erschienen ihm unpassend, er entschied sich für Käse, mit dem er zur Not auch einen Auflauf machen konnte. Der Hunger wurde immer nagender und er beeilte sich, durch die Kassen und wieder nach Hause zu kommen. Dabei sah er sich nicht gerade aufmerksam um. Alle Welt sagte immer, wie gefährlich es doch war, mit Hunger einkaufen zu gehen. Dem würde er nicht anheimfallen.

In seiner Küche bemerkte er, dass er damit teilweise recht hatte. Er hatte nicht Unmengen an Lebensmitteln gekauft, die er nicht brauchte. Er hatte nicht einmal die Sachen gekauft, die er eigentlich hatte holen wollen. Zum Beispiel die Nudelsoße oder neuen Ketchup. So konnte er sich Nudeln mit Senf und Käse machen. Ihm fiel ein Buch ein, welches er als Kind in der Schule gelesen hatte. Erich Kästners 35. Mai. War es der Onkel gewesen, mit seiner Apotheke, bei dem der Junge immer gegessen hatte? Die Mahlzeiten dort standen immer unter dem Motto „Iss, damit dein Magen Hornhaut bekommt.“ Flo hätte nicht erwartet, dass er es sich selbst so schwer machen wollte. Statt Senf öffnete er eine Dose Mais, aber das machte es nur wenig besser.