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Exitus IX

Es dauerte zwei Tage, bis Jay sich traute, in die Stadt zurückzufahren, um sich einen Überblick zu verschaffen. Seine Bar war, wie zu erwarten gewesen war, von der Polizei versiegelt und unter Beobachtung gestellt, ebenso das Restaurant. Was aber weniger offensichtlich war, als Flatterband und Polizeidrohnen an jeder Straßenecke, war die Stimmung.
Die zwei Tage hatten ausgereicht, um die ganze Geräuschkulisse zu verändern. Man hörte kein Lachen mehr, keine lauten, sorglosen Unterhaltungen. Selbst die Spielplätze waren wie leer gefegt, kaum jemand traute sich in die Parks. Obwohl blendendes Wetter herrschte, huschten die Menschen nur eilig von einem Ziel zum nächsten. Niemand nahm sich die Zeit, sich umzusehen oder gar das Wetter zu genießen. Die meisten wirkten missmutig und grimmig, beäugten sich gegenseitig voller Misstrauen und permanent lauernd. Besonders alte Leute wurden ganz offen gemieden.
Die Praxis von Martens Arzt war inzwischen ebenfalls komplett geschlossen und versiegelt. Es mochten getrennte Operationen gewesen sein, aber sie spielten sich gegenseitig perfekt in die Hände. Getuschel hinter vorgehaltenen Händen, ängstliche Blicke über die Schulter, hastiges Weiterlaufen, bloß nicht auffallen. Das waren die Unterhaltungen, die er beobachten konnte. Und über allem kreisten die Luftüberwacher der Polizei, versuchten in jedes Gesicht zu sehen.
Wir hatten die Tage fast ununterbrochen die Nachrichten verfolgt, wer gesucht wurde, wer gefasst war, wer mit wem in Verbindung gebracht werden konnte. Mimir hatte prophezeit, dass Jay nicht auf den Fahndungsbildern auftauchen würde, und er hatte recht behalten. Offenbar hatte er die ganze Zeit gelebt, ohne dass irgendjemand eine Akte über ihn angelegt hätte. Er lebte, aber existierte nicht. Das hatte den Vorteil, dass die Polizei ihn nicht identifizieren konnte. Gleichzeitig war das der Nachteil. Im Falle einer Kontrolle musste er auf eine gefälschte Identität zurückgreifen und hoffen, dass die Drohnen zu ungenau arbeiteten.
Wir anderen hingegen taten sehr gut daran, uns versteckt zu halten. Mimir war zwar nicht unter den Verdächtigen aufgetaucht, aber Jay berichtete, dass alte Leute mit einer gewissen Systematik überprüft wurden und wenn Mimir eines war, dann (für jedermann klar sichtbar) alt. Das Risiko konnten sie nicht eingehen.
Marten und Marja hatten die zwei Tage ebenfalls genutzt. Voller Zorn hatte Marten ein Flugblatt entworfen und mit Marjas Hilfe abgerundet. Es sollte darüber aufklären, was passiert war, was die Regierung offenbar inszeniert hatte. Sie hatten die Idee, Jay könne den Entwurf in der Stadt an eine Druckerei geben. In ihrer Wut hatten beide nicht bedacht, dass er sich damit offen zu den „Verrätern“ bekennen würde und damit so viel Aufmerksamkeit, wie nur eben möglich, auf sich ziehen würde.
Stattdessen entschieden sie sich am Ende für die digitale Variante, und verschickten das Flugblatt an alle Maillisten, derer sie habhaft werden konnten, und verbreiteten es in allen Netzwerken, zu denen sie Zugang hatten. Wurde es gelöscht, versuchten sie es einfach ein weiteres mal, unnachgiebig und mit viel Geduld. Es musste nicht für immer da sein, es sollte nur die Saat des Zweifels an der offiziellen Berichterstattung in den Köpfen ausbringen.
Als Jay noch am gleichen Abend wieder zurückkam, saßen wir lange beisammen, und diskutierten unsere nächsten Schritte. So sehr es uns auch schmerzte, wir waren uns einig, dass wir nicht mehr zurück konnten. Nach allem, was passiert war, war diese Stadt für uns verbrannte Erde. Wenn wir nicht dauerhaft in diesem mehr als einfachen Unterschlupf ausharren wollten, dann blieb uns nur noch auszuwandern, die Flucht.
Was lediglich die Frage nach dem Ziel aufwarf. Der Norden war komplett vom Orakel dominiert, dort würden wir nicht sicher sein. Die Siedlungen im Süden waren klein, ärmlich und verstreut. Dort würden wir uns nicht gut verstecken können, zumal in den kleinen Gemeinschaften jeder jeden kannte und wir uns ihnen nicht zu sehr anvertrauen wollten. Selime hatte Verwandte im Osten, in den weiten Ebenen. Eine riesige Metropole erstreckte sich dort in ein Umland, dessen höchste Erhebungen ansonsten die Ackerfurchen waren. Die Beziehungen zwischen der Metropole und dem Orakel waren kompliziert, um es harmlos auszudrücken. Es war nie verlässlich, was an Informationen von dort zu uns durchdrang. Möglicherweise würden sie sich dort verstecken können, möglicherweise aber auch ausgeliefert werden. Niemand konnte mit Gewissheit sagen, was wirklich hinter den schillernden Fassaden der hellen Türme vor sich ging.
So blieb eigentlich nur noch die neutrale Insel im Südwesten. Niemand von ihnen hatte Kontakte dorthin. Jay war in seiner Zeit als Seemann etliche Male dort vor Anker gegangen, aber das war dann auch schon alles. Viel mehr als die Hafenviertel kannte er nicht. Sie sahen sich allerdings auch nicht in einer Position, wo sie viel Auswahl hatten. Es ging ums Überleben oder nicht überleben. Ein Leben in Freiheit, außerhalb Dr. Wyzims Reichweite oder aber eine kärgliche Existenz in den Laboren von Sektor 42.
Auch wenn Mimir darauf beharrte, dass wir hier sicher waren, wollten wir trotzdem nicht lange warten. Die Lage in der Stadt hatte sich keinesfalls beruhigt. Immer noch zeigte die Polizei Präsenz an jeder Ecke und überwachte alles. Jay hatte sich noch einige Male bis in die Stadt getraut, seine Erledigungen dort allerdings auch auf das Nötigste beschränkt. Selbst er fühlte sich dort nicht mehr sicher.
Marten war sogar noch mürrischer geworden. Inzwischen hatte er fünf verschiedene Flugblätter mit einem ordentlichen Informationsgehalt und glaubhaften Beweisen zusammengestellt und kein Einziges davon würde in Druck gehen. Jay weigerte sich, so viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und für Marten, obwohl selbst kein Untoter, wäre es ebenfalls ein hohes Risiko gewesen, nach so langer Zeit einfach wieder aus dem Nichts aufzutauchen und Flugblätter gegen die Regierung zu verteilen. Er wäre sofort bereit gewesen, dieses Risiko einzugehen und hatte auch einen Versuch in dieser Richtung unternommen. Doch dann hatte Marja ihm gründlich den Kopf gewaschen und er hatte die Idee vorerst aufgeschoben.

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Exitus VIII

„Ihr seid spät dran. Beeilung, einsteigen, ehe jemandem etwas auffallen kann.“
Mit diesen Worten wurden wir gegriffen und in den linken, tiefer im Schatten stehenden Wagen gezogen. Nur einen Atemzug später waren die Türen auch wieder geschlossen und wir saßen in der fensterlosen Kabine auf unbequemen Bänken an den Wänden. Es war eng hier drinnen und außer einer kleinen, rötlichen Deckenleuchte, gab es keine Lichtquelle. Es reichte für das Nötigste. Mit einem selbstzufriedenen Grinsen sah sich der alte Mann kurz um und nickte dann dem einzigen Maskierten zu, der bei uns saß. Dieser hatte nur auf sein Signal gewartet.
„Extraktion erfolgreich. Wir sind hier fertig!“
Er sprach leise in sein Funkgerät, woraufhin sich der Wagen in Bewegung setzte und rasant eine Route durch die Stadt fuhr, die keinem Ziel oder System zu folgen schien. Ich hatte längst aufgegeben, mich zurechtfinden zu wollen. Selbst Tom, der immer genau zu wissen schien, wann er wo war, sah nur noch frustriert aus. Niemand wagte es, auch nur laut zu atmen. Zahllose Kurven, Sirenen, heulende Motoren, quietschende Reifen und immer wieder aufgeregte Stimmen aus den Funkgeräten. Sirenen, welche nur Zentimeter von der Außenwand unseres Containers entfernt an uns vorbei schossen, aber doch nie anhielten, sondern leiser wurden.
Nach einer Weile kamen wir dennoch zum Stillstand und die Türen öffneten sich. Sie gaben den Blick frei auf das Innere einer größeren Halle ohne Fenster. Das große Tor war bereits wieder hinter uns geschlossen, vom zweiten Wagen weit und breit keine Spur zu sehen. Irgendwas sagte mir außerdem, dass wir uns nicht mehr in der Stadt befanden. Vielleicht waren es die Geräusche, vielleicht der Geruch oder die Spuren von schweren Reifen und der Dreck auf dem Boden. Wie spät war es? War es schon Mitternacht oder hatte sich die Zeit nur so lang angefühlt und es war erst zehn Uhr?
„Ich bin gespannt, was die Nachrichten inzwischen zu berichten haben.“ Mit einem albernen Kichern kletterte der Greis aus dem Transporter. „Kommt mit, wenn ihr neugierig seid. Oh, und danach kann ich vielleicht die ein oder andere Frage beantworten. Aber keine großen Hoffnungen, bitte. Das Meiste ist Geheimsache.“ Er zwinkerte ihnen keck zu, ignorierte Lenas ungehaltene Mine, und stapfte mit seinem leicht watschelnden Gang in Richtung einer unauffälligen Türe. Für ihn schien das alles ein einziges Spiel zu sein.
Wir folgten ihm und ich stellte fest, dass sich mein erster Verdacht bestätigte. Wir waren nicht mehr in der Stadt. Vor den Fenstern des Gebäudes herrschte eine einzige schwarze Nacht, lediglich am Horizont brachten die Lichter der Türme und Straßen den Horizont zum Glühen. Wir waren auf einem Bauernhof, hier würde uns wirklich niemand suchen. Es musste eine sehr alte Anlage sein, denn der Raum, den wir betraten, war kein Wartungsbüro, sondern tatsächlich ein Aufenthaltsraum für Menschen. Zu einer Zeit, als die Feldarbeit noch nicht rein robotisch erledigt worden war, hatten hier von Zeit zu Zeit Menschen gelebt, um die Maschinen zu überwachen und zu warten.
Der Greis hatte sich hier wohl gut eingerichtet. Ich konnte ausreichend Vorräte ausmachen, Feldbetten, eine kleine Küche, Waschmöglichkeiten und natürlich einen Bildschirm mit blechernem Ton. Letzterer stand in einer Schrankwand voller Bücher. Es war eine richtige Bibliothek, die hier zusammengetragen worden war.
„ … konnte die Möglichkeit nicht ausgeräumt werden, dass die Flüchtigen Hilfe aus Polizeikreisen erhalten haben.“ Die Uhrzeit in der Ecke zeigte kurz vor zwei Uhr nachts. Meine Zeitschätzung hatte gründlich daneben gelegen. „Unterdessen stellen die Ermittler noch immer Beweismaterial sicher. Das Personal des Restaurants über dem Versteck wurde unter dem Verdacht der Beihilfe ebenfalls in Gewahrsam genommen. Unser Reporter berichtet, die Terrorzelle habe möglicherweise eine illegale Bar betrieben.“
Die Polizeitransporter waren also wirklich auf dem Weg zu uns gewesen, als wir verschwunden waren. Sie hatten viel mehr gewusst, als wir hätten ahnen können. Auf dem Bildschirm war für einen Moment unser Wohnzimmer zu sehen gewesen, nun waren es unsere Schlafzimmer, Bad und Küche. Mit einer Mischung aus Faszination und Ekel berichtete der Moderator, wie geschickt wir uns inmitten unserer Opfer versteckt hatten und unsere perfiden Pläne ausgearbeitet haben mussten. Die Bilder von engen Freunden und Verwandten in unseren Zimmern wurden unzensiert abgefilmt und gesendet.
„Ja, wir hatten wirklich Glück. Das war sogar noch knapper, als ich erwartet hatte. Ihr habt die falschen Leute reichlich wütend gemacht, das allein verdient schon Anerkennung.“
„Womit haben wir sie denn wütend gemacht?“ Lena war anzusehen, dass sie eigentlich andere Fragen hatte. Solche, die unflätige Ausdrücke und kreative Beleidigungen beinhalteten, aber sie hatte sich für den diplomatischen Weg entschieden. Auch wenn es sie viel Energie kostete.
„Damit, dass ihr das Orakel vorgeführt habt. Eure reine Existenz ist der Punkt. Ich würde ja sagen, unsere reine Existenz, aber das trifft es nicht. Ihr seid registriert, ich nicht.“
„Faszinierend, damit wärst du der mit Abstand älteste hier. Seit über zweihundertfünfzig Jahren wird jeder vom Orakel erfasst. Oder bist du ein Wildling?“
„Vielleicht komme ich bald auf meine Dreihundert. Und Wildling? Welch eine grobe Bezeichnung, nicht wahr, Jay? Ich dachte bisher, ihr würdet ihn eher einen Freund nennen.“
Alle Augen richteten sich auf den Barkeeper, der peinlich berührt von einem Bein auf das andere trat und zerknirscht zu Boden sah. Offenbar hatte außer mir auch sonst niemand mit ihm über seine Herkunft geredet. Wir hatten ihn einfach als das akzeptiert, was er sein wollte, und umgekehrt genau so. In einem Punkt hatte der alte Mann aber falsch gelegen. Jay war nicht einfach ein Freund, er war Teil der Familie.
„Ihr guckt alle so erstaunt. Hat wirklich nie jemand von euch bemerkt, dass er kein Datum trägt? Was sagt man dazu. Unser guter Jay ist auf See geboren worden, zu einer Zeit, als das Orakel zwar schon alle Geburten erfassen wollte, aber noch vereinzelte blinde Flecken hatte. So konnte er sich der Kontrolle noch etwas entziehen, wofür ich seiner Mutter recht dankbar bin. Es hat vieles sehr vereinfacht.“
„Einer der mutmaßlichen Terroristen konnte inzwischen festgenommen werden, meldet die Polizei. Er war bei Verwandten versteckt gewesen, ein aufmerksamer Bürger lieferte den Behörden den entscheidenden Hinweis über den Aufenthaltsort. Der Verdächtige wird zur Stunde von den Ermittlern befragt. Er bestreite jeglichen Kontakt zu den anderen Verdächtigen, teilte ein Polizeisprecher mit.“
Betretenes Schweigen und unendlich viele stumme, unausgesprochene Fragen, verteilten sich im Raum, wie ein unangenehmer Geruch. Das laute Ticken einer antiken Uhr mischte sich in den leisen Monolog des Moderators, der sich wieder voll und ganz dem Fahndungserfolg widmete, den Unterschlupf der „Verräter und Terroristen“ ausfindig gemacht zu haben. Es war Lena, die als Erstes ihre Stimme wieder fand.
„Ich glaube, jeder von uns hat Phasen in seiner Vergangenheit, über die er nie gesprochen hat. Er hat es nie für nötig befunden, uns von seinem Datum zu erzählen, also haben wir nicht gefragt. Bei mir persönlich erübrigt sich die Frage sowieso. Nur, was ist mit dir? Deine Stimme habe ich schon einmal gehört, aber wenn ich mich richtig erinnere, dann vermisse ich noch eine weitere Stimme hier.“
„Welche Stimme vermisst du denn?“
Für die blinde Lena unsichtbar, trat ein alarmiertes Erstaunen in sein Gesicht, begleitet von sichtbarer Verwirrung. Ganz offensichtlich konnte er sich nicht mehr an Lena erinnern, und das brachte ihn ziemlich aus der Fassung.
„Du weißt genau, von wem ich spreche, Mimir. Und es ergibt irgendwo Sinn. Von ihm hätte ich das erwartet, aber von dir? Ich muss gestehen, ich bin etwas enttäuscht, dass du ihm bei einer solchen Aktion zur Hand gehst.“
Der Klang seines Namens hatte wie eine Ohrfeige gewirkt. Der Greis, Mimir, war schlagartig im Gesicht so weiß wie sein Haar, der Glanz war aus seinen Augen verschwunden, wie das Grinsen von seinen Lippen. Mit Entsetzen und Erkennen blickte er auf die winzige Gestalt der alten Frau vor ihm. Ich war mir nicht sicher, was eher eintreten würde. Dass er sich auf Lena stürzte, oder dass er einfach zusammenbrach. Seine Lippen bebten, als er zu einer kraftlosen Antwort ansetzte.
„Gunter. Du sprichst von Gunter Wyzim, meinem ehemaligen Schüler. Nun, ich habe keine Erinnerung mehr an dich, oder wieso du uns kennst, aber ich kann dich vielleicht etwas beruhigen. Hier draußen sollte er uns nicht finden. Und im Gegensatz zu dir habe ich ihn wohl unterschätzt. Das er so weit gehen würde, Menschen zu gefährden, nur um Überlebende zu fangen, hätte ich nicht erwartet.“
„Nun, was hättest du denn erwartet? Was will er von uns, dass er einen solchen Aufwand betreibt? Wieso?“
„Er will den Fehler finden, um ihn zu kopieren. Er will selbst unsterblich werden. Darum sucht er fanatisch nach jedem Überlebenden, den er finden kann, und nimmt ihn Stück für Stück auseinander. Es hat angefangen, als seine Frau vor ihrem Datum gestorben ist. Das war für ihn der Beweis, dass sich das Orakel irren kann. Damals hat er angefangen, alle möglichen Legenden und Geschichten über Überlebende zu sammeln und auszuwerten. Als er darüber eine Arbeit verfasste, hat das Orakel ihn inhaftiert. Es stellte sich aber wohl heraus, dass er bereits viel wusste und dem Orakel selbst daran gelegen war, die Schwachstelle zu erforschen. Das war alles schon, nachdem er mein Schüler war, darum weiß ich wenig Genaues. Aber offenbar hatten sie Erfolg dabei, ihn schweigsam aber effektiv zu machen. Seine Abteilung entpuppte sich als Karrieresprungbrett, aber ich wüsste von niemandem, der gerne dort gearbeitet hätte. Und jetzt sucht er nach uns.“
„Er hatte viele Jahre Zeit dazu, wieso jetzt? Was hat ihn aufgeschreckt?“
„Auch er wird alt. Es bleibt ihm nicht mehr viel Zeit. Und er hatte vorher keine Spur. Es war wohl nur ein Zufall, dass eine seiner Assistentinnen mit einem Entsorger verheiratet ist. Als dieser erstaunt über einen Todesfall ohne Leiche redete, wurde sie hellhörig und hat sich Bonuspunkte für eine Beförderung sichern wollen. Du bist am Morgen nach deinem Tod auf Überwachungskameras aufgetaucht. Niemand hätte wohl in einer solchen Situation daran gedacht, aber das war wohl der Stein, der die Sache ins Rollen brachte.“
Die letzten Worte waren direkt an mich gerichtet, und sollten wohl so etwas wie Trost spenden. Was mich betraf, verfehlten sie ihre Wirkung grandios. Das war die Gewissheit, dass es meine Schuld war. Ich hatte unwissentlich nicht nur das Leben meiner kleinen Gruppe zerstört, sondern offenbar noch weiterer Untoter, von denen wir nicht einmal gewusst hatten. Nur Lena schien noch zu zweifeln.
„Für jemanden, der seit wenigstens hundert Jahren tot sein sollte, wie ich höre, bist du ganz schön gut informiert, was die aktuellen Geschehnisse angeht. Erzähl mir, wie kommt es dazu?“
Ein trockenes, humorloses Lachen entsprang der Kehle des alten Mannes, ohne dass seine Augen sich daran beteiligt hätten.
„Meine Liebe, wer so lange überlebt wie wir, der hat dies zahlreichen Freunden und Informanten zu verdanken. Möglicherweise haben wir noch vor Kurzem mit den gleichen Leuten gesprochen, ohne es zu ahnen. Außerdem ist es einfacher, ein Leben zu fälschen, wenn man nirgendwo als verstorben registriert ist. So lange, wie mein Ruhestand schon andauert, ist er nicht nur sehr langweilig, sondern auch teuer. Auch ein Überlebender muss essen. Gunter hatte keine Ahnung, dass ich damals unter falschem Namen gelehrt habe. Wüsste er es, wäre ich vermutlich lange tot. Es ist sehr wichtig, immer seine Ohren an den wichtigen Stellen zu haben. Stimmst du mir da nicht zu?“
Und wie sie das tat. Wir konnten zwar nicht erklären, wieso Doktor Wyzim derart verzweifelt die Unsterblichkeit erlangen wollte, aber es erschien uns auch nebensächlich. Tatsache war, er wollte uns finden und sehr wahrscheinlich sezieren. Wir waren Untote, Überlebende, Mutanten, wenn man so will, aber wir waren sicherlich nicht unsterblich. Wenn er uns fand, dann war es beinahe garantiert, dass wir sterben würden.

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Exitus VII

Im Fernsehen wechselten sich Bilder der kollabierenden Brücke mit Fahndungsfotos ab. Noch immer waren wir nur Verdächtige, aber niemand ließ einen Zweifel daran, dass es niemand außer uns gewesen sein konnte. Hohe Minister ließen sich an der Unglücksstelle filmen und versicherten den Angehörigen ihre Anteilnahme. Sie gaben sich nicht einmal die Mühe, so überzeugend zu schauspielern, dass man ihre Betroffenheit glauben konnte. Stattdessen ergossen sie sich in Versprechen, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, koste es, was es wolle. Im Hintergrund wurden Kräne aufgebaut, um die Trümmer zu bergen.
Der ganze See war hell erleuchtet und vermutlich von Kameras umringt. Die Behörden hatten die Möglichkeit, einmal alle ihre Spielzeuge im Einsatz zu testen. Sie wirkten dabei zwar nicht routiniert aber immerhin vorbereitet. Tom war der Ansicht, sie waren etwas zu gut vorbereitet, gerade so, als hätten sie damit gerechnet, was passiert war.
Marten war indessen völlig fassungslos, mit welcher Ruhe wir diese Nachrichten verfolgen konnten. Was blieb uns auch anderes übrig? Das, was dort lief, war offensichtlich von langer Hand her geplant gewesen. Wir alle waren entsetzt, wie weit man ging, nur um ein paar Fehler im System aus ihrem Versteck zu treiben. Es kostete mich viel Kraft mir nicht anmerken zu lassen, was in meinem Innersten vor sich ging. Für Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, hatten diese Leute hier friedlich gelebt. Erst, seit ich dazu gestoßen war, hatte sich das geändert.
Erst seit dem Tag, als plötzlich Drohnen mit Fahndungsaufträgen für mich unterwegs gewesen waren, war die Aufmerksamkeit auf uns gefallen. Ich war der Auslöser gewesen. Irgendwo musste ich einen fatalen Fehler gemacht haben und all die Leben um mich herum mit in den Abgrund gerissen haben. Der Verdacht war mir schon früher immer wieder gekommen, hatte an mir genagt, wie Ratten an ihrer Beute. Aber spätestens jetzt brannten die Schuldgefühle heißer als das Kaminfeuer jemals gekonnt hätte. Das schlechte Gewissen stieg mir in die Kehle und verklumpte, dass ich um jeden Atemzug ringen musste. Unruhe machte sich breit, ich wollte nur noch weg. Hinaus, aus diesem Keller, hinaus, aus meiner Haut. Es fehlte nicht viel, und ich hätte mir das Fleisch von den Knochen gerissen, aber ich wagte nicht, mir etwas anmerken zu lassen.
Inzwischen waren selbst der Innenminister und der Präsident in den Nachrichten zu Wort gekommen. Natürlich verurteilten sie den feigen Anschlag aufs Schärfste, versprachen eine schnelle und schonungslose Aufklärung des Verbrechens und finanzielle Hilfe für die Opfer. Im Hintergrund liefen Bilder von der Unglücksstelle, immer noch im hellen Scheinwerferlicht. Es wurden gerade zwei Leichen aus dem See geborgen. Die Lockführer, wie es hieß. Wieder war es Lukas, der schnaubte. Er hatte genügend medizinisches Fachwissen, um behaupten zu können, dass die gezeigten Leichen bereits seit gut einer Woche tot sein mussten. Für ihn entwickelte sich das Theaterstück dort zu einer besonderen Farce.
Wir waren noch immer so vom Bildschirm gefesselt, dass niemand Jay bemerkt hatte, der plötzlich hinter uns im Raum stand und Besuch mitgebracht hatte. Als er sich laut räusperte, machten alle Anwesenden einen regelrechten Satz, Hattie griff sich schockiert an ihr Herz.
„Musst du mich denn so erschrecken, Jungchen? Das kannst du mit einer alten Frau wie mir doch nicht machen.“
„Bemüh dich nicht, Hattie, ich bin älter als du. Aber ich habe einen alten Freund mitgebracht. Wir kennen uns noch von früher, haben gemeinsam an Projekten gearbeitet. Ihr solltet ihm zuhören.“
Erst jetzt fiel die kleine Gestalt an seiner Seite erst richtig auf. Der alte Mann kam nicht einmal auf eine Höhe von einem Meter sechzig und auch der buschige Bart konnte nicht verbergen, dass sein ganzes Gesicht eigentlich nur noch aus tiefen Falten bestand. Irgendwo in diesen Falten glitzerten zwei kleine aber wache, schwarz glitzernde Augen. Die altmodische Melone auf seinem Kopf war genau so abgewetzt wie der dennoch elegante Anzug. Er strahlte eine gewisse Ruhe und Autorität aus.
„Ich schlage vor, jeder greift sich jetzt eilig das, worauf er am wenigsten verzichten kann, und dann folgt ihr mir.“ Seine Stimme war zwar dünn, aber dennoch klar zu verstehen und laut genug. „In spätestens fünf Minuten sollten wir hier hinaus sein. Dann kommt Besuch, von dem ich wetten möchte, dass ihr ihn nur im äußersten Notfall willkommen heißen wollt. Ich bringe euch an einen Ort, wo ihr für eine Weile bleiben könnt, bis sich die Wogen etwas geglättet haben. Jay wird sich dann um alles Weitere kümmern, er kann sich unauffälliger in der Öffentlichkeit bewegen als wir alle. Hier können wir jedenfalls nicht bleiben.“
Es war erstaunlich, wie bereitwillig man sein Leben in fremde Hände legt, wenn man erst einmal realisiert hat, dass man alleine eh nicht weiter kommt. Erschrockene Augenpaare wandten sich an Jay, der nur mit ernster Mine nickte. Er hätte seinen Freund nicht zu uns gebracht, wenn er ihm nicht voll vertrauen würde. Trotzdem brauchte es noch Lena, die den ersten Schritt tat. Als sie sich aus ihrem Sessel erhob, drehten auch wir anderen uns um, und holten eilig Hut, Mantel und den stets für den Notfall bereitstehenden Rucksack mit Grundausstattung aus unseren Zimmern.
Drei Minuten später stiegen wir die Treppe zur Laderampe des Restaurants hinauf. Kühle, frische Abendluft wehte uns entgegen und machte mir erst bewusst, wie alt ich doch geworden war. Der eilige Aufbruch und die Aufregung machten sich deutlich in den Knochen bemerkbar. Für einen Abend wie diesen, war die Straße ungewöhnlich ruhig. Das hieß zwar, dass weniger Leute uns erkennen konnten, aber es gab auch keine Menge, in der man sich hätte verstecken können. Unseren Führer aber interessierte das ohnehin nicht. Er bog in die erste Gasse ein, die möglich war, und führte uns in die Hinterhöfe.
Von der Straße aus hallte das Quietschen von Reifen herüber und Tom, der als Letzter ging, konnte gerade noch beobachten, wie mehrere Einsatzwagen der Polizeispezialkräfte vor dem Restaurant zum Stehen kamen. Der alte Mann schien amüsiert zu sein, kicherte leise vor sich hin und murmelte etwas in seinen Bart, was ein „das war wirklich knapp“ sein konnte.
Mit zügigen Schritten ging es kreuz und quer durch die Gassen und Hinterhöfe, hier und da auch einmal über eine niedrige Mauer. Wir waren etwa zehn Minuten unterwegs gewesen, da waren die Sirenen aufgetaucht und hatten sich in der ganzen Stadt verteilt. Blaulichter flackerten auf allen Straßen, selbst die Luftüberwachung hatte alles herausgeholt, was sie zu bieten hatte. Neben den Drohnen flogen selbst die alten Hubschrauber wieder und legten mit ihren Scheinwerfern ein gespenstisches Bild über die Dächer der Stadt.
Es hatte eine halbe Stunde gedauert, den Stadtkern zu verlassen und langsam wurde ich unruhiger. Die Lücken zwischen den Häusern wurden immer größer. Auch wenn die Plattenbauten lange Schatten warfen, es gab immer weniger Möglichkeiten, sich zu verstecken. Hinterhöfe wurden rarer, finstere Gassen sowieso. Dafür wurden die Sirenen der Polizei immer lauter und die Suchscheinwerfer kamen immer näher. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, an unserem Führer zu zweifeln, statt ihm blindlings zu folgen. Zielstrebig trat er auf einen dunklen Parkplatz.
Die wilde Jagd schien ihm nicht im geringsten etwas auszumachen. Wir hingegen waren inzwischen alle reichlich außer Atem mit Ausnahme von Tom. Vielleicht waren wir deshalb etwas unachtsam geworden. Ich kann es im Nachhinein nicht mehr sagen. Ich weiß nur noch, dass wir von einer Sekunde auf die nächste von schwarzen Einsatzwagen der Polizei umstellt waren. Auch wenn es nur einer links und einer rechts von uns war, sie erschienen uns in dem Moment wie eine Armee. Maskierte Gestalten stürmten durch die Türen, welche sich erstaunlich leise geöffnet hatten.

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Exitus VI

Der heutige Teil ist glaube ich etwas länger, aber wenn Du bis hierhin durchgehalten hast, dann schreckt Dich das hoffentlich auch nicht mehr ab. Ich habe versucht, etwas mehr Schwung und Spannung in die Geschichte zu bringen und vielleicht merkt man es auch, aber wir nähern uns dem Finale. Missy, ist das in etwa, was du dir unter Countdown vorgestellt hast? 🙂 Ich habe es nicht vergessen, auch wenn es schon etwas her ist.

„Aber das ist unmöglich. Du bist tot. Ich bin tot! Das Datum lügt doch nicht, wieso sind wir also noch hier? Wieso sind wir alle hier? Marten, Schatz, was geht hier vor? Was ist das für ein Trick? Das Orakel hat es doch genau bestimmt.“

Marjas Stimme war schwach und brüchig. Sie rang mit aller Macht, die sie aufbringen konnte, um Fassung. Hatte ich gestern noch Marten bemitleidet, war es nun Marja, für die ich Mitgefühl empfand. Ihre Welt war zerbrochen, ihr Glaube schwerst angeschlagen. Eine Konstante, die für sie verlässlicher war als die Zeit selbst, hatte sich einfach brutal und unbarmherzig vor ihr aufgelöst.

Marten hingegen wirkte sehr gefasst, als wäre ein langer, erbitterter Kampf endlich zu einem Ende gekommen und er könne sich endlich einmal ausruhen. Müde und erschöpft saß er im Sessel, starrte leer ins Nichts und nippte an seinem Tee.

Auch wenn er zunächst selbst schockiert war, dass Marja diesen Morgen noch erlebt hatte, obwohl ihr Datum abgelaufen war, hatte er doch damit gerechnet. Oder besser gesagt, er hatte darauf gehofft. Am Tag vorher war er noch beim Arzt gewesen und dieser hatte ihm eröffnet, dass sich in der Blutprobe, die er seiner Frau heimlich abgenommen hatte, eine Anomalie gefunden hatte, die er nicht erklären konnte. Er war sich aber sicher gewesen, dass es genau das gewesen war, wonach sie suchten. Sie würden abwarten müssen.

Dass Tom dann bereits in den frühen Morgenstunden an der Türe klopfte, um den Entsorgern zuvor zu kommen, bestätigte dankbarerweise Martens frisch entfachte Paranoia, wenn auch nicht ganz auf die Weise, wie erwartet. Da er eh bereits genug wusste, um als eingeweiht zu gelten, hatte Tom kein Problem damit, dass Marten sich weigerte, die Seite seiner Frau zu verlassen. Und deswegen waren sie jetzt hier, das war der ganze Trick, um Marjas Frage zu beantworten.

Nach dem Frühstück wiederholte sich, was auch schon bei mir damals passiert war. Lena schickte Marja und Marten ins Bett, um sich von der anstrengenden Nacht zu erholen und den Schreck etwas zu verarbeiten. Wir anderen gingen derweil unserer Tagesaufgaben nach, soweit es die aktuelle angespannte Situation gestattete.

Ich stand in der Küche, als Lena hinein kam und sich einen großzügigen Drink genehmigte. Es war noch nicht einmal zwölf Uhr mittags, aber sie wirkte erschöpft und angespannt wie nach einem langen Tag.

„Ich habe ein wenig mit unseren Freunden in den Behörden telefoniert. Polizei, Sicherheitsbehörden, Einwohnermeldeamt … Alle haben sie nur darauf gewartet, dass ich mich melde. Alle haben mich direkt auf eine sichere Leitung umgehängt und mich gewarnt, dass etwas Großes auf dem Weg ist. Die Regierung plant etwas und es sieht so aus, als hätte es mit uns zu tun. Jeder Einzelne hat mich versucht auszufragen, wo wir sind, was wir treiben und wieso auf einmal hohe Tiere auf uns aufmerksam werden. Die haben selbst keine Ahnung, was ihre eigenen Behörden treiben.“

„Es ist doch üblich, dass die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut. Aber du hast recht, es ist ungewöhnlich, dass gleich mehrere Behörden auf einmal Warnungen herausgeben. Tom ist oben, unterwegs, oder? Vielleicht kann er etwas herausbekommen.“

„Umso mehr Sorgen sollte es uns machen, wenn plötzlich alle das Gleiche wissen. Tom ist oben aber er sucht Martens Arzt auf. Es wäre hilfreich, wenn er uns einige Fragen beantworten würde. Vielleicht macht er ja auch Hausbesuche.“

„Also bleibt uns mal wieder nur versteckt halten und abwarten? Das macht mich langsam wirklich fertig. Ich weiß, ich war nie ein großer Held, aber ich sitze seit Wochen hier unten. Würden wir endlich herausbekommen, was überhaupt los ist, könnte ich das ganze vielleicht klären und endlich wieder raus.“

„Hab Geduld. Ich habe so eine Ahnung, dass es sich bald alles erklärt.“

Mit diesen Worten drehte sich Lena um und ich war wieder alleine in der Küche. Alleine, verwirrt und völlig ratlos. Für eine Weile starrte ich einfach nur stumm und regungslos vor mich hin. Es war, als wäre ich einfach eingefroren und nicht in der Lage, einen einzelnen klaren Gedanken festzuhalten. Weißes Rauschen, wie ein warmes, weiches Kissen, dehnte sich in meinem Kopf aus und nahm alles in Beschlag. So fand mich Marten, mit dem Rücken an die Kühlschranktür gelehnt, den Spülschwamm noch in der Hand.

„Und ich habe schon gedacht, ich sehe Gespenster. Weißt du, ich war drauf und dran, meinen eigenen Verstand für vorzeitig abgelaufen zu erklären. Aber auch das wäre ein Zweifeln am Orakel gewesen, für das meine Frau mich in einen Schuhkarton gesteckt hätte.“

„Ich habe dich nur einmal gesehen, damals bist du an mir vorbei gegangen, ohne mich zu bemerken. Danach habe ich mir geschworen, besser aufzupassen, und einen Spießrutenlauf begonnen. Offenbar war ich regelrecht stümperhaft darin.“

„Offenbar. Wieso hast du dich bei niemandem gemeldet?“

Ich sah ihn fassungslos an. Die Frage war so logisch, dass es absurd war, und dann auch wieder das genaue Gegenteil. Es brauchte einen Moment, bis ich mich so weit gefasst hatte, antworten zu können.

„Ich habe darüber nachgedacht. Aber wie stellst du dir das vor? Die ersten Tage wusste ich ja nicht einmal, was überhaupt los ist. Und dann soll ich einfach bei dir vor der Türe stehen? Nach meiner Trauerfeier und meinem offensichtlichen Tod? Selbst wenn ich das getan hätte, was wäre dann gewesen? Hättest du gewusst, was dann zu tun gewesen wäre und wie hättest du überhaupt reagiert?“

Viele Fragen und auf keine davon wusste er eine Antwort. Wahrscheinlich wäre er mit der Situation genau so überfordert wie ich gewesen. Es war ja selbst jetzt noch ein Schock, obwohl er bereits einen starken Verdacht und intensive Recherche hinter sich hatte.

Tom brachte keine guten Neuigkeiten. Als er zurückkam wirkte er abgehetzt, verspannt und extrem gereizt und kaum hatte er zu erzählen begonnen, wünschten sich alle, er hätte lieber keine Neuigkeiten als diese.

„Mein Besuch in der Praxis von Doktor Dach war leider sehr unbefriedigend. Er war nicht da und das ist ein größeres Problem, als es scheint. Seine Sprechstundenhilfe, verstört, wie sie war, teilte mir mit, dass er nur eine halbe Stunde vorher wegen Ketzerei und Blasphemie verhaftet worden ist. Es ist nicht absehbar, wann er wieder zurück ist. Und was unsere Hoffnungen angeht, dass sich die Lage entspannt … in der ganzen Stadt wimmelt es von Polizei. Es ist ein Spießrutenlauf, an den Gesichtsscannern vorbei zu kommen.“

„Wir haben Warnungen von den Behörden bekommen, dass etwas vor sich geht. Meinst du, dass es das war? Dass sie so intensiv nach uns suchen?“

„Nein, ich glaube es nicht. Abgesehen davon wissen die Behörden doch überhaupt nicht, nach wem sie suchen sollen. Oder meinst du, sie haben unsere Gesichter? Immerhin ist von uns allen lediglich Marten noch nicht offiziell verstorben.“

„Aber zu keinem von uns haben die Entsorger eine Leiche abtransportiert.“

Mit dem Punkt hatte Selime recht. Es konnte nicht schwer sein, unsere Gesichter im Archiv zu finden. Meines war ja eh bereits auf Suchplakaten vertreten. Ich begann. mir ernsthafte Sorgen um meine Gefährten zu machen. Der Vorschlag, die Wand zur Bar zu schließen und uns für eine Weile zu isolieren linderte die Angst nur geringfügig, wurde aber trotzdem gleich umgesetzt. Jay hatte für diesen Fall schon vor langer Zeit alle Vorkehrungen getroffen. Von nun an würde die Türe hinter einem solide erscheinenden Stück Wand verschwinden, als wäre der hintere Bereich überhaupt nicht existent.

Radio und Fernseher liefen permanent, um uns mit den aktuellen Nachrichten versorgen zu können und eventuell einen Hinweis zu liefern. Tom lief ebenfalls, aber lediglich auf und ab. Für ihn war es ein großes Problem, eingesperrt zu sein. Er würde sich wohl wohler dabei fühlen, über die Dächer der Stadt zu klettern und zu frieren, als im Keller herumzusitzen. Die Straßen aber wären selbst ihm jetzt zu riskant.

Das Radio war am schnellsten, mit seiner Berichterstattung. Eine Explosion im Triebwagen eines Güterzuges in Stadtrichtung hatte den voll beladenen Zug aus der Spur gehoben und von der Brücke in den See im Norden stürzen lassen. Dabei hatte die Brücke schweren Schaden genommen, nach den beiden Lockführern wurde noch gesucht. Und natürlich wurde direkt die Frage gestellt, ob die gleiche Terroristengruppe dafür verantwortlich sein könne, die auch das Wohnhaus letztens gesprengt hatte. Auch wenn das nicht bestätigt wurde, fiel doch mehrfach die Bemerkung, dass man uns ja bislang noch nicht hatte fassen können.

Das Fernsehen folgte eine halbe Stunde später mit Bildern von der Schnellzugstrecke. Die alte Brücke war schon lange sanierungsbedürftig gewesen und hatte jetzt schweren Schaden genommen. Der Polizeipräsident wirkte dann auch die Frage nach den Verantwortlichen gleich besser vorbereitet. Man müsse von einem terroristischen Akt ausgehen, ein technischer Defekt wäre wenig wahrscheinlich und bei diesem Typ von Triebfahrzeug noch nie vorgekommen. Die Handschrift stimme mit dem letzten Anschlag überein, da in beiden Fällen Sprengstoff zum Einsatz gekommen war.

Noch am gleichen Abend grinste mein Foto im Minutentakt vom Bildschirm und ich war nicht mehr alleine. Neben mir waren zunächst Fotos von Tom und Selime aufgetaucht, später auch von Hattie und Lukas, sowie zwei anderen, die ich nicht kannte. Lena, Marten und Marja waren bislang nicht aufgetaucht, ebenso wenig wie Jay.

Es war mir erst vor Kurzem aufgefallen, aber auch der alte Barkeeper hatte eine kleine Besonderheit. Gelegentlich trug er ein Armband, häufig ein langärmeliges Oberteil, für gewöhnlich einfach ein Spültuch lässig über den Arm geworfen, aber irgendwann war es mir dann doch aufgefallen. Jay hatte kein Tattoo. Er besaß kein Todesdatum! Er musste der einzige Mensch überhaupt sein, der keines hatte. Wie war das möglich? Wie alt war er? Ich hatte mich nie getraut, ihn darauf anzusprechen, weil es mir zu ungehörig erschienen war. Jetzt aber bereute ich es. Wenn jemand wie er mit uns in Verbindung gebracht werden konnte, dann musste das sehr gefährlich für ihn werden können.

Lena hatte das Telefon in der Hand, kaum dass das erste Fahndungsfoto auf dem Bildschirm erschienen war. Personen von besonderer Vertrauenswürdigkeit sollten ihre Ohren und Augen offen halten. Alle waren sich einig, Lena, und wer auch immer sich in ihrer Gesellschaft befand, sollte sich schleunigst aus der Stadt zurückziehen, am besten sogar das Land verlassen, wenn das möglich wäre. Der Arzt, nach dem sie suchte, war in die „Abteilung 42“ eingeliefert worden. Orakelangelegenheiten und eine Einbahnstraße. Kaum jemand kam jemals von da zurück, und die, die es taten, waren nicht mehr die gleichen. Wir sollten ihn als verloren betrachten. Er war dort auf persönlichen Wunsch eines Doktor Wyzim. Bei dem Namen verschluckte sich Lukas und verfiel in einen halbstündigen Hustenanfall. Was aber noch zu verstehen war, Doktor Wyzim war derjenige, welcher die Veröffentlichung über Untote verfasst hatte. Plötzlich kamen Ereignisse zusammen, die nur Ärger bedeuteten. Lenas Vertraute gaben ihr Anweisungen durch, wie und wann sie in Zukunft zu kontaktieren seien, der bisherige Weg barg zu viele Risiken.

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Exitus V

Das nächste Häppchen Exitus ist fällig und wir werfen einen genaueren Blick auf eine weitere Person. Habt ihr noch den Überblick, wer wer ist? Viel Spaß beim Lesen.

Wieder waren Wochen vergangen. Der Winter kündigte sich an und erlaubte es den Anderen, mit dicken Schals und Mützen als Verkleidung wieder auf die Straße zu gehen. Für mich kam das nicht infrage. Noch immer war die Polizei auf der Suche nach mir und besonders die Verkehrsknoten wurden stark von Polizeirobotern überwacht. Mein persönliches Tor zur Welt waren hauptsächlich die Geschichten, welche die Anderen mir erzählten.

Es war ein sonniger Mittag, an dem ich mich wenigstens einmal bis in den Hinterhof des Restaurants traute. Das Verlangen nach frischer Luft und Sonne war einfach irgendwann zu groß geworden, und der Hinterhof war gut zur Straße hin abgeschirmt. Jay hatte offenbar nach mir gesucht, als er sich dazu gesellte. Der Becher, den er mir in die Hand drückte, dampfte und duftete herrlich nach frischem Kaffee mit einem Schuss Rum.

„Marja war gestern bei mir in der Bar.“

Mit diesem Satz ließ er sich neben mir auf die Bank an der Hauswand sinken. Hätte er mir einen dicken Hammer an den Kopf geworfen, es hätte sich vielleicht nicht viel anders angefühlt. Martens Frau war nie besonders abenteuerlustig gewesen, ebenso kein großer Freund von Bars oder Kneipen. Je schattiger und verborgener, umso suspekter erschienen sie ihr. Jays Bar, fensterlos und im Keller eines Restaurants in einer Seitenstraße im Stadtzentrum, war so ziemlich der letzte Ort, an dem man eine Dame wie sie erwarten würde. Und wieso kannte er ihren Namen? Ich traute mich nicht, nachzufragen und ich brauchte auch nur ein paar Augenblicke Geduld.

„Im Moment sind offenbar viele Leute auf der Suche nach anderen Leuten. Sie hat mir ein Foto von Marten unter die Nase gehalten und gefragt, ob ich ihn schon einmal gesehen habe. Solche Gesichter vergesse ich nicht so schnell. Besonders dann nicht, wenn es um die Sicherheit meines Rudels geht, und das seid ihr.“

Der Kaffee dampfte friedlich und unbeeindruckt von dem Chaos in meinem Kopf und Bauch.

„Ich hatte wohl das Glück, dass ich eine der späteren Stationen auf ihrer Tour war. Sie war schon recht entmutigt, weil niemand etwas gesehen haben wollte. Das macht die Leute in der Regel etwas redseliger. Was sie erzählt hat, deckt sich im Groben mit dem, was Tom euch letztens schon sagte. Marten ist stiller geworden, hat sich zurückgezogen und ist ausgesprochen skeptisch und misstrauisch geworden, selbst ihr gegenüber. Sie hatte schon den Verdacht, dass er krank sei, weil er laufend einen Arzt besucht. Aber irgendwie hatte sie wohl Zweifel und hat doch noch etwas herausgefunden. Sie wollte nicht sagen, was es ist, aber es war etwas mit „Ketzerei“ und Dokumenten im Archiv der Bibliothek, was sie sehr entsetzt hat. In letzter Zeit kommt er an einigen Abenden wohl nicht mehr nach Hause, und sie macht sich Sorgen.“

Das passte ins Bild. Marja war nicht nur eine zurückhaltende, elegante Dame, die viel Wert auf Manieren legte, sondern auch religiös. Das Wort des Orakels galt für sie ausnahmslos und Zweifel waren nicht zugestanden. Ihr eigener Ehemann war also auf Fehler eben dieses Orakels gestoßen und hatte sich daraufhin verändert. Das herauszufinden muss ein immenser Schock für sie gewesen sein. Ausreichend intensiv, als dass sie sich dazu herabließ, durch die Spelunken und Rattenlöcher der Stadt zu ziehen auf der Suche nach Hinweisen, was Marten gefunden haben könnte. Und noch etwas war da.

„Vielleicht sollte Tom die beiden wieder etwas ins Auge fassen. Marja hat nicht mehr viel Zeit. Wir haben irgendwann einmal festgestellt, dass sie genau ein halbes Jahr nach mir dran ist. Und das dürfte in etwa einer Woche sein.“

„Möglicherweise ist es das, was deinem Freund so zusetzt. Seine Frau wird sterben und er sucht nach Informationen zu Irrtümern des Orakels, was die Todesdaten betrifft. Sind das Zufälle?“

Es war keine Situation, die zu wilden Spekulationen einlud. Der Kaffee war bereits so weit abgekühlt, dass er nicht mehr dampfte und nur noch schwach duftete. Angesichts der jüngsten Ereignisse und Neuigkeiten hinterließ er einen etwas faden Geschmack im Mund. Selbst die frische Luft schmeckte abgestanden und faulig.

Als ich Tom am späteren Abend von Jays Begegnung mit Marja erzählte, griff er nach seinem Mantel, noch ehe ich ihn fragen konnte, ob er zu einer erneuten Überwachung bereit war. Er beschloss bereits von sich aus, dass es eine Situation war, die ein genaueres Hinsehen erforderte. Von Martens Arztbesuchen wusste er bereits, hatte auch den Arzt überprüft und für halbwegs vertrauenswürdig befunden. Es war ein Genetiker und als solcher naturgemäß nicht auf Regierungslinie, und hatte an interessanten Stellen Lücken im Portfolio. Es war gut möglich, dass er selbst Kontakte in den Untergrund pflegte. Vielleicht konnten wir davon ja sogar profitieren.

So eifrig Lena auch darin war, Netze aufzuspannen, besonders die medizinische Versorgung der Gruppe war verbesserungswürdig. Die Medikamente zu bekommen war dabei das kleinere Problem. Allein deswegen hatte Selime unzählige Stunden in der Bibliothek verbracht, den Kopf über medizinische Fachbücher gesenkt. Es war viel wert, aber Bücher allein können keine Ausbildung ersetzen. Tom jedenfalls konnte seine Aufregung nicht verbergen, möglicherweise auf einen eingeweihten Arzt gestoßen zu sein.

Die ganze Woche über war Tom nur für das Nötigste im Unterschlupf aufgetaucht. Schlafen, waschen, dann und wann etwas essen und seine Verkleidung wechseln. Er war wortkarg wie immer, aber wirkte nicht unzufrieden. Ja, Marten besuchte regelmäßig den Arzt. Dabei ging es, wenn er es richtig beobachtet hatte, um Untersuchungen von Blutproben. Von verschiedenen Blutproben. Marten war eifrig gewesen und hatte von einer breiten Vielzahl von Menschen Proben gesammelt. Die Untersuchungen der Proben verliefen meistens routiniert und gingen schnell.

Bis zu dem Tag, als etwas anders war. Der Arzt untersuchte die Probe, war plötzlich heller Aufregung verfallen und schrieb im Anschluss lange an einer Akte aus Papier, welche er sorgsam in einem Schließfach in seinem Büro wegschloss. Ein hervorragendes Druckmittel, von einer solchen Akte zu wissen.

Am Tag von Marjas Tod war Tom dann überhaupt nicht mehr bei uns gewesen. Wir wussten, dass er die beiden beobachtete. Marja würde nur eine kleine Trauerfeier haben. Sie war nicht der Typ für laute Großereignisse. Nur die engsten Freunde und nächsten Verwandten. Ich wäre auch eingeladen gewesen, wenn ich noch am Leben gewesen wäre. Schon allein als Trost für Marten. Er hatte den Großteil seines Lebens mit ihr verbracht, sie bereits in der Schule kennengelernt und nie wirklich gelernt, ohne sie zu sein. Ihr Tod, so lange er auch angekündigt war, würde ein schwerer Schlag für ihn sein. Mir blieb nicht viel mehr, als ihm in Gedanken Kraft zu wünschen und abzuwarten.

Als ich am nächsten Morgen den Tisch für das Frühstück deckte, fühlte ich mich merkwürdig unvollständig. Es war ein Gefühl, was ich so nicht kannte und was ich nicht genau bestimmen konnte. Eine allgemeine Unzufriedenheit, ein Nagen hinter den Augen, ein Kribbeln in den Füßen und den Schultern. Als ich mich im Raum umsah, entdeckte ich Lena. Sie saß stumm in einem Sessel und sah mich direkt an. Es ist eine seltsame Eigenschaft von ihr. Sie sieht mit ihren blinden Augen Leute an, und es ist, als würde sie direkt in sie hinein sehen und alles lesen können. Und immer wenn sie das tut, kann derjenige auch etwas über sich selbst lernen.

Heute half sie mir dabei, das Gefühl zu identifizieren. Es war nicht ich selbst, was mir Unbehagen bereitete, sondern der Tisch vor mir. Ohne groß darüber nachzudenken, setzte ich zwei zusätzliche Gedecke auf und es fühlte sich gleich besser an. Zusätzlich zum Kaffee würde es heute auch Tee geben. Jetzt fühlte es sich schon fast richtig an und langsam, ganz langsam, begann ich Lena zu verstehen.

Das Klappern von Jays Aufräumarbeiten hallte gedämpft durch die Türe zur Bar, das Radio neben den Sofas spielte leise Musik, die frischen Blumen auf dem Tisch verbreiteten einen weichen Duft. Im letzten halben Jahr hatte ich begonnen, mich hier richtig heimisch zu fühlen. Es war, als habe ich hier einfach hingehört. Diese Ruhe, dieser innere Frieden, den es alles erzeugte, es war wie Urlaub zu Hause. Meine Familie und meine Freunde fehlten mir immer noch, aber ich hatte begonnen, unsere kleine Gruppe hier als Familie zu akzeptieren.

„Ouha, es wird wieder voller. Willkomm‘ willkomm‘ hier. Geht mal durch, ich glaube, ihr kommt gerade recht zum Frühstück. Vielleicht komm‘ ich gleich auch noch kurz rein.“

Jays Stimme war durch die schwere Türe stark gedämpft. Die Wände waren so massiv, dass selbst bei Hochbetrieb in der Bar, man hier im Wohnzimmer noch gut sitzen konnte, aber in der allgemeinen Stille des Morgens verstand man ihn trotzdem. Hattie und Selime kamen gerade rechtzeitig, um dabei zu sein, als die Türe sich öffnete und Tom, Marja und Marten hindurch kamen. Die beiden wirkten irgendwas zwischen verstört, irritiert und eingeschüchtert, Tom war still und gleichgültig wie immer. Ich wollte ihnen schon eine Tasse Tee reichen, wartete dann aber doch lieber, bis sie saßen.

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Exitus IV

Exitus Teil I, II und III

„Wusstet ihr, dass es jemanden gibt, der uns einmal untersucht hat?“
Nur Lena wirkte nicht heillos überrascht, als er von einem Dokument berichtete, dass ein Arzt über „Die genetische Anomalie der Irrtümer des Orakels“ verfasst hatte. Es war nicht regulär im Katalog der Bibliothek gelistet gewesen, sondern nur als Quelle in einem Artikel über Verschwörungstheorien angegeben gewesen. Es hatte ihn volle drei Sitzungen gekostet, das Original ausfindig zu machen. Der Titel allein hätte wohl ausgereicht, um bei den falschen Stellen gleich wegen Blasphemie angeklagt zu werden. Verleumdung des Orakels, darauf standen empfindliche Strafen. Und dann noch der Inhalt dieser Arbeit, die unterstellte, das Orakel könne sich irren … Im Unterschlupf wusste das jeder, doch es war eines der großen Geheimnisse ihrer Zeit.
„Ich habe den Arzt extra überprüft, gründlich. Er ist immer noch tätig, aber genießt den Ruf, sehr regierungsfreundlich zu sein. Vermutlich lebt er nur deswegen noch. Seine Argumentation ist dennoch sehr stimmig und er hat einige Untote direkt untersuchen können. Es gab mehr, als ich vermutet habe. Offenbar hat er wenigstens zehn Leute untersucht, von denen aber niemand mehr auffindbar ist.“
„Weiß ja, dass wir nicht alle gefunden haben. Guck mich ja immer um, aber wir haben ja kein verlässliches Suchraster oder Daten. Nur den Zufall. Will nicht wissen, was die da oben mit den armen Teufeln anstellen.“ Tom brummelte missmutig in seinen Bart. Er gefiel sich in seiner Rolle als Beobachter und der Umstand, dass jemand auch ihn beobachten könnte und etwas über ihn wusste, missfiel ihm massivst. Selime hingegen sah einen anderen Punkt.
„Also jemand in Regierungsnähe, und damit sicherlich auch die Regierung, weiß, dass wir existieren können. Was hält sie davon ab, nach uns zu suchen? Und was werden sie tun, wenn sie uns einmal gefunden haben?“
Plötzlich fühlte ich viele Augen auf mir ruhen. Die Frage, was sie davon abhielt, war bereits beantwortet: Nichts! Sie suchten ja bereits nach mir. Das war doch überhaupt der Grund, wieso ich die Straße seit Tagen nicht mehr betreten hatte und die meiste Zeit über hier unten verbrachte. Ich war es den anderen schuldig, keiner Polizeidrohne vor die Linse zu laufen und am besten auch keinem Spitzel. Inzwischen dürften genügend Leute mein Bild gesehen haben, als dass auch eine einfache Verkleidung nicht mehr sicher war.
Wir überlegten lange, was wir nun tun wollten. Einig waren wir uns nur darin, dass wir uns besser versteckt halten wollten. Der Unterschlupf war unsere Heimat, hier wohnten und lebten wir und niemand hatte einen besseren Ort für uns. Das durften wir nicht leichtfertig riskieren. Lena war es am Ende, die etwas beschloss, mehr für sich selbst, als für die Gruppe. Sie würde ihre Kontakte in den Behörden ausfragen, wer etwas wissen konnte und was. Diskret, wie immer, und so, dass nicht einmal die Befragten etwas davon mitbekommen würden. Bis dahin würden sie einfach ausharren müssen und das beste hoffen.
Und noch bevor wir alle vom Tisch aufgestanden waren, wurden die Karten erneut gemischt. Wer auch immer es war, der nach mir suchte, er hatte die Geduld verloren.

Jay hatte uns darauf aufmerksam gemacht, dass wir die Abendnachrichten gucken sollten, bevor er seine Bar aufgemacht hatte. Als ein Mann, der immer wenigstens ein Ohr am aktuellen Zeitgeschehen hatte, wusste er genau, dass etwas Spannendes für uns dabei war. Als ich die rauchenden Ruinen meines ehemaligen Arbeitsplatzes auf dem Bildschirm sah, wusste ich, dass es nur eine weitere Katastrophe sein konnte. Ein Bombenanschlag hatte den gesamten Komplex zum Einsturz gebracht und Dutzende unter sich begraben. Seit Jahrzehnten konnte es keinen solchen Terrorakt mehr gegeben haben. Selbst einen dringend Tatverdächtigen gab es bereits. Sein Fahndungsfoto kam zwar aus dem Archiv, aber er war von mehreren Zeugen am Tatort beobachtet worden. Die Bevölkerung war dazu angehalten, achtsam zu sein und verdächtige Personen direkt der Polizei zu melden.
Voller Unglauben starrten wir auf mein Foto, was vom Bildschirm aus frech in die Sofaecke grinste. Was für eine dreiste und offenkundige Lüge! Ich hatte keine Geschwister, die mir besonders ähnlich sahen. Niemand außer mir hatte in dieser Stadt dieses Gesicht, das wusste ich sicher. Genau so sicher wie die Tatsache, dass ich seit Tagen nicht mehr unter freiem Himmel war und ganz sicher auch nicht in einem Viertel, wo mich zwangsläufig Leute erkennen mussten. Zu allem Überfluss musste die Explosion stattgefunden haben, als wir alle gemeinsam gestern Abend am Tisch gesessen hatten. Also, ich, und all jene, die dort gerade als mögliche Komplizen aufgeführt wurden.
Niemand konnte diese Nacht schlafen. Der Unterschlupf fühlte sich an wie ein Ameisenhaufen oder ein Wespennest. Und das, obwohl alle in ihren Betten lagen und sich umher wälzten. Nur Lenas trippelnde Schritte hallten dann und wann durch den Flur. Sie schien nie zu schlafen und immer etwas zu tun zu haben. Selbst Tom würde wohl nicht sagen können, was es eigentlich war, zumal er auch die Nacht wieder im Freien verbrachte. Er war auf der Suche nach etwas, hatte aber niemandem Bescheid gegeben, nach was. Er würde erst am nächsten Morgen wieder auftauchen, missmutig und zerknirscht, aber mit frischen Brötchen und einer Visitenkarte.
Wirklich genießen konnten wir die Brötchen nicht, was echt schade war, denn sie waren sehr gut. Das Gleiche galt für den duftenden Kaffee, aber die Katerstimmung saß einfach zu tief. Sie alle fühlten den Griff einer Obrigkeit, der sie nicht länger vertrauen konnten und wollten. Das Schlimmste daran war nicht einmal, dass sie sich jetzt besser verstecken mussten. Es war eher, dass sie keine Ahnung hatten, weswegen ein solcher Aufwand betrieben wurde und selbst vor Toten nicht zurückgeschreckt wurde, nur um sie hier ausfindig zu machen.
So oder so hatte es den Effekt, dass wir uns alle bedeckter hielten, nur noch wenig hinaufgingen und Jay oder die Leute aus dem Restaurant die meisten Besorgungen für uns erledigen ließen. Ich war davon ausgegangen, dass ich mich die letzten Wochen gut versteckt gehalten hatte, aber es war erst jetzt, dass ich begriff, was „Schattendasein“ wirklich bedeutete.

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Exitus III

Es ist jetzt schon wieder eine ganze Weile her. Am 12. Dezember hat Offenschreiben ihr Schreib mit mir 21 veröffentlicht. Damals hatte ich mitgemacht und Mit Exitus I den Anfang dazu veröffentlicht. In der Woche darauf folgte Exitus II und damit mein Problem, dass ich nicht wirklich wusste, wie es weiter gehen soll. Ich hatte den Eindruck, mich in eine Sackgasse geschrieben zu haben. Seitdem habe ich einige Kommentare bekommen, die mich motiviert haben, weiter zu schreiben und neue Ideen mit sich gebracht haben. Vielen lieben Dank dafür! Ich hoffe, die Fortsetzung entwickelt sich in eine Richtung, die Euch gefällt. Viel Spaß!

So vergingen Tage, Woche und Monate. Ich verbrachte die Nachmittage und Abende in der Küche und vormittags las ich meistens etwas. In der Zwischenzeit hatte ich einen stolzen Bart bekommen, der mir eine gute Tarnung verschaffte, sodass ich mich zwar nur mit Bedacht, aber dennoch vergleichsweise frei bewegen konnte. Tom der Streuner hatte immer wieder beobachtet, wie einzelne Polizeidrohnen nach mir gesucht hatten. Und er hatte die Reaktion der Leute beobachtet, denn wenn Tom eines konnte, dann war es beobachten.

Eines Tages hatte er Glück und stieß auf einen Kollegen, mit dem ich viele Jahre lang zusammengearbeitet hatte. Wenigstens so verwirrt wie mein Kollege war wohl der Roboter, als er die Antwort bekam, ich wäre bereits ein halbes Jahr verstorben. Er schien diese Basisinformation überhaupt nicht übermittelt bekommen zu haben. Als Reaktion fragte er meinen Kollegen gar, ob er ihn zu mir bringen könne, ich müsse noch leben, schließlich gäbe es die Suchmeldung.

Zeitweise fühlte ich mich sicher genug, als dass ich beim gemeinsamen Essen über die Ausführungen der Anderen über die Suche nach mir herzlich lachen konnte. Die meiste Zeit über aber erzeugte es einfach nur ein entsetzlich beklemmendes und unangenehmes Gefühl in mir und erinnerte mich daran, mich gut im Schatten verborgen zu halten. Lena bekam wöchentlich Anfragen aus der Polizeibehörde, ob sie einen Hinweis auf meine Existenz bekommen habe. Sie blieb bei ihrer Geschichte und würde es auch bleiben. Solange sie keine genauen Informationen zu dem Fall bekam, würde sie mich nie gesehen haben. Ich war hier in Sicherheit und gut aufgehoben. Trotzdem fühlte es sich an, als würde sich eine Schlinge um meinen Hals immer weiter zuziehen. Bald traute ich mich überhaupt nicht mehr auf die Straße.

Als ich eines Nachts aus der Küche hinunter kam und durch die Bar in Richtung Wohnzimmer ging, winkte mich Jay zu sich an die Bar. Er hatte offenbar nicht nur seinen Gästen aus-, sondern auch sich selbst einiges eingeschenkt, aber er wirkte absolut klar und sehr ernst.

„Da war jemand hier, der dich kennt. Ein Marten, oder so ähnlich. Ziemlich trocken gefallener Seebär, armer Kerl. War ziemlich aufgebracht und nervös und hat Dinge ausgeplaudert, die man besser für sich hält, wenn du verstehst. Er zweifelt an seinem Verstand und meint, er sieht Gespenster. Hat dich offenbar auf der Straße gesehen, zwei drei Mal schon. Und er ist von der Polizei befragt worden. Die sind wohl gleich aufmerksam geworden, weil er bei dem Bild von dir nervös wurde. Tom hat sich jetzt erst einmal an ihn dran gehängt und passt auf, aber du solltest vielleicht den Ball vorerst was flach halten.“

Man möchte meinen, ich würde mich allmählich an seltsame Nachrichten gewöhnen, aber das war nicht der Fall. Es war nicht so, als würde ich von der Information einfach auf dem falschen Fuß erwischt werden oder mich fühlen, wie vom Bus überrollt. Es war eher so, als hätte jemand einen großen Frachter oder ein Kreuzfahrtschiff genommen und aus heiterem Himmel auf mich geworfen, ein fröhliches „hier, fang!“ auf den Lippen.

Marten war hier gewesen, direkt in meinem Hausflur. Er hatte mich gesehen und offenbar sogar erkannt. Niemand konnte wissen, was er der Polizei wirklich alles erzählt hatte und was er überhaupt wusste, mit wem er geredet hatte und über was. Aber so oder so hatte es gereicht, als dass er sich in der Bar beim alten Jay gründlich abgeschossen hatte. Tom hatte ihn nach Hause begleitet und versucht, noch einiges in Erfahrung zu bringen aber vergeblich. Selbst sturzbetrunken und unter Schock hielt Marten gut dicht. Es war ein schwacher Trost aber immerhin ein kleiner Lichtblick in diesem Chaos. Nur um die kommende Woche ruhig zu schlafen, dafür reichte es nicht aus. Die nächste Zeit versuchte ich Arbeiten im Unterschlupf zu verrichten, und nicht mehr hinauf zu gehen.

Tom hatte Marten inzwischen drei Wochen lang beschattet und er schien großen Spaß dabei zu haben. Niemand von den Untoten wusste, was er vor seinem Tod für einen Beruf ausgeübt hatte, aber es würde mich nicht wundern, wenn es etwas in dieser Richtung war. Er war zu professionell und geschickt, um nicht etliche Jahrzehnte Erfahrung in dem Tätigkeitsfeld zu haben. Dennoch bekam er keine neuen Informationen heraus. Marten war still und sehr vorsichtig geworden, hatte sich in sich selbst zurückgezogen und sprach kaum noch mit jemandem. Irgendwann beschloss Lena dann, dass er kein primäres Ziel mehr war.

Am Tag darauf kam Lukas aus der Bibliothek zurück, in der er sich zwei mal die Woche den Tag vertrieb. Es war gerade wieder so etwas wie ein Alltag in unserer kleinen Gemeinschaft eingekehrt. Lena hatte sogar begonnen, alles für einen Neuankömmling vorzubereiten, obwohl niemand eine Ahnung haben konnte, wie sie zu dieser Ahnung kam. Und in diese beruhigte, ausgeglichene und etwas vorfreudige Stimmung trat ein etwas blasser und deutlich ernster Lukas.

„Wusstet ihr, dass es jemanden gibt, der uns einmal untersucht hat?“

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Exitus II

Den ersten Teil von Offenschreibens Schreib mit mir findest du hier.

Ich wurde in einem kleinen Kellerraum wach. Es gab keine Fenster aber ein kleines und doch gemütliches Bett, eine Schreibnische und einen Stuhl. Auf dem Stuhl lag, zusammengefaltet, ein Anzug für mich bereit. Er passte erstaunlich gut und beim Blick in den Spiegel an der Türe musste ich zugeben, dass er mir ausgesprochen gut stand. Ich musste mich nur erst wieder etwas in Form bringen. Tom hatte mir noch vor dem Schlafengehen das Bad gezeigt, wo ich mich frisch machen konnte.

„Du bist also endlich wieder wach.“

Beim Frühstück hatte ich noch in Erfahrung bringen können, dass die alte Frau, welche mich auch jetzt wieder kichernd begrüßte, als ich das Wohnzimmer betrat, Lena hieß. Sie saß in einem Sessel, der Platz für drei von ihrer Sorte geboten hätte und strickte. Jedenfalls glaube ich, dass es stricken war. Sie war der erste Mensch, den ich jemals wirklich handfest hatte stricken sehen, aber ich kannte die Abbildungen aus alten Kinderbüchern. Ich hatte sie selbst als Kind gelesen, später von meinen Eltern übernommen und meinen eigenen Kindern und Enkeln vorgelesen. Das Papier war alt und abgegriffen und vieles darin kannte ich selbst nur noch vom Hörensagen. Ausgestorbene Wörter und Tätigkeiten, es war wie ein Ausflug in eine fremde Welt, dabei war es nur eine andere Zeit gewesen. Eine Zeit, aus der Lena vielleicht sogar noch selbst kam.

„Komm, ich möchte mir etwas die Beine vertreten. Inzwischen sollte es etwas abgekühlt sein draußen, du hast immerhin den ganzen Tag verschlafen. Etwas Bewegung wird dir auch gut tun und immerhin musst du dich im neuen Viertel zurechtfinden lernen.“

Sie führte mich durch die Straßen, zeigte mir, wo ich welche Geschäfte finden konnte, erzählte mir, welches Lokal schon seit wann an welche Familie vergeben war, wo der Park war und was das Zentrum des gesellschaftlichen Lebens des Zentrums war. Ich kannte die Gegend sogar, erkannte einige Sachen wieder. Früher war ich ab und an mal hindurch gefahren, aber hatte nie einen Bezug dazu gehabt.

Wir schlenderten die Hauptstraße eines Viertels entlang, von dem ich niemals gedacht hätte, dass es einmal meine Heimat werden könnte. Vor allem nicht auf diese Weise. Gesichter kamen uns entgegen, gingen an uns vorbei, ohne uns zu bemerken. Die Masse bot Schutz, denn niemand interessierte sich für Individuen. Was ist eine einzelne Welle für den Ozean? Nur wir beobachteten die Gesichter und dachten uns Geschichten dazu aus. Der Spaß alter Leute, welche die Ruhe und die Zeit haben, sich ihre Umwelt anzusehen. Müde Augen von Menschen, die nach einem langen Arbeitstag auf dem Heimweg waren. Konzentrierte Gesichter auf der Suche nach Dingen, die sie noch zu besorgen hatten. Fröhliche Münder, in denen sich die Vorfreude auf das Treffen mit einem lieben Menschen widerspiegelte.

Und dann kam der nächste Schreck auf mich zu, diesmal in der Gestalt von Marten. Er war erst vor zwei Tagen auf meinem Abschied gewesen, wir hatten gemeinsam Kuchen gegessen und uns an ein halbes Jahrhundert guter Freundschaft erinnert. Jetzt war sein Blick nach innen gerichtet und er wirkte besorgt. Liebend gerne hätte ich ihn angesprochen und gefragt, was los sei, doch ich konnte mich nicht rühren. Steif vor Schock stand ich da, unfähig auch nur den Arm zu heben. Er kam direkt auf mich zu, ich hätte wetten können, dass er mich direkt angesehen hat, aber er ging vorbei. Erst an der nächsten Ecke hielt er inne und drehte sich mit erstauntem und zweifelndem Blick um. Doch da waren wir bereits um die nächste Ecke verschwunden und versteckt. Zu gerne hätte ich seine Gedanken erfahren.

Im Anschluss an dieses Ereignis erklärte Lena unseren Ausflug für beendet. Ich bräuchte Ruhe, sagte sie, und müsse mich erst noch an die neue Situation gewöhnen. Vielleicht hatte sie recht, vielleicht auch nicht. Ich vertraute ihr in dieser Sache aber einfach mal, denn sie hatte wesentlich mehr Erfahrung mit Leuten, die gestorben waren und doch weiter lebten, als ich.

Diesmal betraten wir das Restaurant über dem Unterschlupf nicht durch die Verladeluke, sondern durch den Haupteingang. Lena wurde offenbar schon erwartet, denn der Eigentümer hatte einige Tüten mit warmen Dosen und Schachteln bepackt, die er uns gleich in die Hand drückte. Lena bezahlte das Abendessen und verabschiedete sich freundlich. Ich hatte noch nicht herausgefunden, wie genau sich unsere Gruppe eigentlich finanzierte. Niemand von uns hatte eine offizielle Arbeitsgenehmigung oder konnte Rente beziehen. All dies erlosch mit dem Tod.

Die nächsten zwei Tage verbrachte ich hauptsächlich damit den Unterschlupf zu erkunden, aufzuräumen, im Haushalt zu helfen und zu lesen. Ich gewöhnte mich an den Gedanken, wohl noch eine Weile zu leben und lernte meine Mitbewohner kennen. Lena war tatsächlich die Älteste hier, mit inzwischen über zweihundert Jahren. Sie erinnerte sich sogar noch an die Zeit vor dem Orakel. An die Zeit, als das Sterbedatum noch rein genetisch ermittelt worden war. Damals war es noch möglich gewesen, dass sich das Datum irrte und man durch Unfälle oder Krankheiten früher starb. Nur Lena war einfach nie gestorben.

Die meisten der Untoten hier waren nie gestorben. Es kam nur selten vor, dass doch noch jemand später verstarb. Für solche Fälle waren einige Kontakte in die Behörden geknüpft worden, zu Stellen, wo Leute saßen, denen es möglich war, unauffällig nicht mehr registrierte Körper verschwinden zu lassen. Ein solcher Fall aber war ausgesprochen selten. Waren wir insgeheim unsterblich und wussten selbst nichts davon? Lena war alt, aber zeigte keine Anzeichen von Schwäche. Hattie hätte bereits vor dreißig Jahren sterben sollen, und hatte sich seitdem kaum mehr verändert. Lukas war gerade vierzig, als seine Zeit ablief. Jetzt war er knapp über hundert und niemand würde ihn älter als sechzig schätzen. In dieser Runde fühlte ich mich regelrecht jugendlich.

Und dann kam der Tag, an dem ich herausfand, was an mir anders war. Es war Donnerstag und wie jeden Donnerstag hatte Selime den Tag mit ihrer Tochter verbracht und sie dann zum Bahnhof gebracht. Sie sehnte sich danach, sie einmal in ihrer Stadt besuchen zu können aber der Zug war dafür Tabu. Ohne ihren Ausweis konnte sie keine Bahn betreten und weg fahren. Das war eine Grenze unserer Freiheit.

Aber was ihr aufgefallen war, war ein Polizist, der am Bahnhof Leute befragte. Der Roboter zog scheinbar ziellos durch die Menge der Reisenden und fragte hier und da nach, ob jemand diese Person gesehen habe. Dabei hielt er ihnen eine kleine Abbildung von mir vor. Ich sei vermisst gemeldet, hieß es, und man hoffe, auf diese Weise einen Hinweis auf meinen Aufenthaltsort zu bekommen. Kein Wort darüber, dass ich verstorben war.

Die Information, dass nach mir gesucht wurde, sorgte für einiges an Verwirrung und Wirbel. Eine solche Situation war irgendwie noch ungewöhnlicher, als jemand, der nicht an seinem Todesdatum starb. Selbst meine Gastgeber waren mit solchen Ereignissen überfordert.

Um der Frage auf den Grund zu gehen, unternahmen wir einen kleinen Ausflug in die Bibliothek. Die Terminals dort sind öffentlich und frei zugänglich, was es ein wenig einfacher macht, anonym zu bleiben. Zwar war das nicht die ideale Situation für uns, aber das Beste, was wir bekommen konnten. Die Suchen nach meiner Person ergaben sämtlich das erwartete Ergebnis: Ich war tot, nicht länger aktiv. Es war nicht, wie bei der mythischen Unperson, welche gänzlich aus der Geschichte getilgt worden war. Ich hatte existiert, wurde von Arbeitgebern und meinen Vereinen lobend erwähnt, es gab Veröffentlichungen von mir und Nachrufe auf mich. Ganz genau so, wie es zu erwarten gewesen war. Auch auf den Portalen der Behörden gab es keine Hinweise, keinen Eintrag bei Vermisstenanzeigen oder Gesuchen.

Und doch war es keine Einbildung gewesen, dass die Polizeidrohnen nach mir gesucht hatten. Selbst ein Kontakt bei den Behörden hatte inzwischen die Verbindung zu uns aufgenommen und uns darüber informiert, dass eine Order von ziemlich weit oben an die Polizeiroboter ausgegeben worden war. Er selbst konnte keinen Einblick darin erhalten, aber es schien einen Zusammenhang zwischen dieser Order und der Suche nach einer vermissten Person zu geben, welche nicht im Register aufgeführt wurde.

Lena sorgte dafür, dass er nur das Nötigste erfuhr und nichts auf meine Existenz und einen Zusammenhang zur Gruppe der Überlebenden hinwies. Es war mir nicht deutlich, woher sie so viel Übung in solcherlei Dingen hatte. Sie versprach aber, dass sie und die ganze Gruppe die Augen offen halten wollten. Ihr lag ein enger Kontakt zu ihren Informanten sehr am Herzen, wollte immer wissen, was wann und wo geschah und die Anderen unterstützten sie dabei. Es war wohl meiner besonderen Situation geschuldet, dass mir bei dem Gedanken aktuell etwas mulmig war.

Ich entschied mich, fürs Erste ein Versteckspiel zu wagen. Ich hatte nie Beziehungen zu Personen in höheren Verwaltungsebenen gehabt, konnte mir also auch nicht vorstellen, dass es dort jemanden gab, der mir gegenüber einen Grund hatte, wohlwollend zu sein. Ich nahm eine Arbeit in der Küche des Restaurants oben an, bewegte mich nur mit Bedacht in der Öffentlichkeit und verbrachte ansonsten viel Zeit im Unterschlupf. Mein Leben im Untergrund begann und würde so lange anhalten, wie es eben brauchte, um an weitere Informationen zu kommen. Auch wenn ich meine Familie vermisste, es ging mir gut und ich konnte gut leben. Ich hatte keinen Grund, daran etwas zu ändern.

Dieses „Ende“ kam auch für mich hier halbwegs überraschend. Es ist mir eigentlich zu offen, aber ich bin nicht ganz sicher, 1. ob es überhaupt spannend ist und Spaß macht, zu lesen und 2. wie es denn weiter gehen soll. Verschwinde ich aus der Stadt? Gehe ich doch zur Polizei? Versuche ich mich im Untergrund durch zu schlagen? Suche ich mir einen Arzt meines Vertrauens, der mich untersuchen soll? Stoße ich in der Bücherei auf vergessene Hinweise darauf, was uns Überlebende erschaffen hat? Und wie bekomme ich wieder etwas Schwung in meine Erzählung?

Wenn du eine Idee hast, dann bist du, wie immer, herzlich dazu eingeladen, mir einen Kommentar zu hinterlassen. Ich freue mich über Kommentare und Anregungen.

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Exitus I.

In dieser Woche geht es gleich weiter mit dem nächsten Experiment und der nächsten Premiere. Am 12. Dezember hat Offenschreiben ein neues Schreib mit mir veröffentlicht. Ich habe schon beim ein oder anderen „Schreib mit mir“ Ideen gehabt, diese aber nie wirklich festhalten können oder in eine Form bringen können, dass sie vorzeigbar geworden wären. Diesmal habe ich mich einfach hingesetzt und geschrieben. Auch wenn ich mich nicht ganz genau an die Vorgaben gehalten habe und das Gefühl habe, am Ende etwas in eine Sackgasse gerannt zu sein, gibt es hier und jetzt für Euch den ersten Teil von…

Exitus

Am achtzehnten Juni bin ich gestorben. Mein Ausweis ist abgelaufen, meine Konten wurden geleert und auf die zugewiesenen Erben verteilt, Mietvertrag und alles damit zusammenhängende wurden beendet. Einen Tag später kamen die Entsorger, um meine Überreste zu beseitigen und die Möbelpacker, um meine verbliebenen Besitztümer zu beseitigen, meistens nur noch das Bett. Der Nachmieter stand schon seit über einem Jahr fest und wartete nur darauf, endlich einziehen zu können. Das ist die übliche Vorgehensweise und geschieht auf diese Wiese jeden Tag mehrmals in meiner Stadt. Es gibt nur ein Problem.
Der achtzehnte Juni ist zwei Tage her und ich atme immer noch, genau so, wie mein Herz immer noch schlägt. Die Entsorger standen vor einem leeren Bett und mussten unverrichteter Dinge weiter ziehen. Es ist gegen die Norm, seinen letzten Tag nicht in der eigenen Wohnung zu verbringen. Meistens wird dieser Tag mit engen Freunden und der Familie verlebt, man nimmt abschied voneinander und alle guten Taten im Leben des Sterbenden werden noch einmal aufgezählt und gewürdigt.
Dieser Tag ist etwas ganz Besonderes für uns, wie der Tag der Geburt. An diesem Tag steht auch bereits fest, wie lange unser Leben denn anhalten wird. Ein Blick in die DNA und das Wort des Orakels, dann steht das Todesdatum fest und wird uns auf den Arm tätowiert. Auf diese Weise sollen wir jeden Tag besonders würdigen und versuchen, bis dahin möglichst viel Wertvolles zu hinterlassen. Jeder Mensch weiß, bis wann er seine Projekte abgeschlossen haben muss und bis wann er eventuelle Nachfolger instruiert haben sollte. Und dieses Datum trifft zu. Immer!
Zugegeben, die Stunde kann variieren. So war es dann auch nicht verwunderlich, dass sich meine Freunde und Familie abends verabschiedeten, um in ihre eigenen Wohnungen zurückzukehren. Mir könnte höchstens noch eine Stunde bleiben und sie haben mir wahrlich einen würdigen Abschied beschert. Ich könnte für Nichts dankbarer sein, als für einen solchen Abschluss eines erfüllten Lebens. Doch Mitternacht verstrich und ich atmete immer noch. Nun nicht mehr ruhig und entspannt sondern hektisch, ja panisch. Ich hielt es nicht mehr aus und lief fort. Etwas stimmte nicht.
In diesen Sommernächten wird es nie wirklich dunkel. Ich versuchte mich trotzdem abseits der Straßenlaternen zu halten, wieso, kann ich nicht sagen. Irgendwann hockte ich zitternd gegen eine Wand gelehnt, irgendwo in einer Seitenstraße. Ich hatte keine Ahnung mehr, wo ich war, aber der Horizont begann bereits zu glühen und noch immer stimmte etwas nicht. Ich sollte seit mindestens vier oder fünf Stunden tot sein. Wieso atmete ich noch? Für das System war ich tot, daran bestand kein Zweifel. Es gab keinen Grund, wieso ich es nicht sein sollte. Der Tod war planbarer als die Geburt.
Grenzenlose Verwirrung riss mir jeden Gedankenfaden aus der Hand und wirbelte ihn wie ein Sturm umher. Die wenigen Menschen, denen ich begegnete, beachteten mich nicht. Ein weiterer Spinner, dem die Nerven durchgegangen waren. Die Polizei würde sich schon um das Problem kümmern und die Straßen sauber und sicher halten. Für verwirrte Geister und Ausreißer gab es besondere Einrichtungen, wo ihnen geholfen werden konnte. Niemand achtete auf das Tattoo. Die Jahreszahl alleine reichte aus. Alles andere wäre ein unhöfliches Eindringen in die Privatsphäre gewesen.

Ich spürte die neugierigen Augen eher, als dass ich sie finden konnte. Sie waren in der dunkelsten Ecke der Gasse versteckt und gehörten zu einem Mann, der noch nicht einmal besonders alt aussah. Als ich mich irritiert nach dem merkwürdigen Gefühl im Nacken umsah, kam er hervor und hielt mir stumm etwas Brot hin. Misstrauisch griff ich danach und prüfte es zunächst. Es schien in Ordnung zu sein, wenn nicht sogar ziemlich gut.
„Hab dich beobachtet, du hast schon gestern nichts gegessen. Ist auf Dauer ungesund, nichts zu essen. Bin übrigens Tom.“
Ich wusste nicht, ob ich auf meine Alarmglocken lauschen und weglaufen sollte, oder gerade einen Freund gefunden hatte, wenigstens aber jemanden, der eine Richtung zeigen konnte. Ich bedankte mich und stellte mich knapp vor, während ich auf dem Brot kaute. Es schmeckte köstlich wie lange nichts mehr. Ich hatte in meinem Schock nicht einmal bemerkt, dass ich Hunger und Durst bekommen hatte. Als hätte er es gerochen, reichte Tom mir eine Flasche mit Wasser. Und ein Armband. Als ich ihn fragend ansah, nickte er nur und guckte auf seinen eigenen Arm. Sein Todesdatum war zur Hälfte unter einem vergleichbaren Armband versteckt.
Ich verstand es als Aufforderung und streifte das Armband über. Es schmiegte sich weich an meine Haut an und saß passgenau, als wäre es für mich gemacht. Tom nickte zufrieden.
„Damit die Leute nicht unruhig werden.“
Als er sein Armband kurz hochschob, verschluckte ich mich am Wasser. Das war doch unmöglich. Nach seinem Datum hätte er nicht nur vor einem Monat gestorben sein müssen, sondern vor einem Monat und zwei Jahren! Ich saß hier mit einem Gespenst. Noch viel unfassbarer wäre es wohl gewesen, wenn ich nicht selbst erst vor zwei Tagen gestorben wäre, und doch weiter lebte. Tom, wenn auch kein großer Redner, beobachtete scharf und bemerkte meinen Schrecken mit Leichtigkeit.
„Ruhig Blut. Sind nicht so allein, wie es scheint. Gibt‘n Paar solche. Bring dich wo hin, wo du bleiben kannst. Hier jedenfalls nicht.“
Damit erhob er sich aus der Hocke und wandte sich dem dunklen Ausgang der Gasse zu, mich erwartungsvoll ansehend. Ein Paar solche? Ein Paar was für welche? Nicht Gestorbene? Was für einen Ort? Und was hieß eigentlich wie es scheint? Gab es sie jetzt oder nicht? Ich feuerte eine ganze Serie von Fragen auf Tom ab, aber er blieb stumm und deutete nur mit dem Kopf an, ihm zu folgen. Die Hände hatte er tief in den Taschen eines weiten Mantels vergraben. Die frühe Morgensonne war kaum über den Horizont und es war immer noch recht frisch. Die Kühle war mir in die Knochen gekrochen und es knirschte bei jedem Schritt.
Es ist erstaunlich, wie sehr man sich an den Anblick einer Stadt gewöhnt, und mit welchen Augen man sie plötzlich wahrnimmt, wenn man in eine außergewöhnliche Situation rutscht. Wir zogen durch Straßen und Wege, die ich schon unzählige Male gegangen war und dennoch nie wirklich bewusst gesehen hatte. Ein Fremder in meiner eigenen Stadt, die ich mitgeholfen hatte aufzubauen, in der ich beinahe mein gesamtes Leben verbracht hatte. Da waren Wege, Türen, Geschäfte, ja ganze Häuser, die mir noch nie aufgefallen waren. Als wollten sie versteckt bleiben.
Dann verschwand Tom im Lieferanteneingang eines Restaurants. Als ich ihm in die Garage folgte, war sie leer. Eine Hand griff nach meiner Schulter und zog mich durch eine Türe direkt hinter dem Tor, die ich völlig übersehen hatte. Wir standen in einem schummrigen Treppenabgang, der wenigstens zwei Etagen in die Tiefe führte. Die rohen Backsteinwände waren feucht und alt, aber von unten kam warme Luft herauf.
Der gemütliche Schein am Ende der Treppe entpuppte sich als eine Art Bar. Der Wirt wischte gerade den Boden, in der Ecke saß in einer Nische ein letzter Gast und schlief friedlich, das letzte Bier noch halb voll. Als wir den Raum betraten, nickte uns der Wirt freundlich zu. Er war ein Hüne und, seinen Tattoos nach zu urteilen, ein alter Seemann. Auch er trug ein solches Armband, wenngleich sein Datum unter den restlichen Tattoos sowieso unsichtbar gewesen wäre. Auch seine Sprache war die, eines Seefahrers.
„Moin moin, ein Neuling? Des hattn wa auch schon länger nich mehr. Willkomm bei uns. Fühl dich wie zuhause un wenn du was brauchs, sach einfach Bescheid.“
Damit winkte er uns durch, auf einen Vorhang hinter der Bar zu. Wir erreichten einen kleinen Flur und an dessen Ende ein Wohnzimmer mit Kamin. Der Raum war holzgetäfelt und mit klassisch designten Polstersesseln ausgestattet. Am Tisch im hinteren Bereich saßen einige Leute gerade beim Frühstück.
„Sieh an, sieh an. Tom der Streuner ist zurück, und hat einen Gast dabei, oder einen Neuzugang?“
Diese Worte kamen von einer winzigen Frau, die mit dem Rücken zu uns saß und keine Sekunde von Kaffee und Brötchen aufgesehen hatte. Das heitere Tischgespräch lies sich von ihrem Einwurf jedoch nicht unterbrechen. Man wies uns einfach die beiden freien Stühle und noch sauberen Gedecke zu. Es war, als würde ich bereits erwartet werden. Das erste Mal kam mir der Gedanke, dass ich vielleicht wirklich gestorben war und dies jetzt das Leben nach dem Tod war. Ich hatte niemals in meinem Leben an solcherlei Geschichten geglaubt, doch jetzt erschien es mir nicht mehr ganz so unmöglich. Von vorne betrachtet fiel auf, dass die winzige Frau nicht nur dünne weiße Haare hatte, sondern auch blind und offenbar uralt war. Tiefe Falten zogen sich durch dunkle, ledrige Haut und rahmten weiße aber wache Augen ein. Es war, als würde sie mich direkt ansehen.
„Du hast viele Fragen, das haben alle, die hier herkommen. Für den Anfang nur erst einmal so viel. Das Orakel ist nicht so unfehlbar, wie man uns glauben lassen will. In vielleicht einem von zehntausend Fällen irrt es sich, und die Person stirbt nicht. Wir glauben, es liegt an einer Mutation in unserem Erbgut, rein zufällig. Jedenfalls haben wir noch keine externe Quelle dafür ausmachen können. Für die Meisten ist das ein großer Schreck aber wir finden sie eigentlich immer, und dann bringen wir sie hierher. Hier können wir leben und arbeiten und haben alles, was wir brauchen. Außerdem ist die Gegend belebt genug, als dass wir nicht weiter auffallen, wenn wir hinausgehen. Tom wird dir nachher dein Zimmer zeigen und dir etwas zum Anziehen geben. Jetzt aber, genieß erst einmal dein Frühstück. Und willkommen im Leben nach dem Tod.“
Sie zwinkerte mir zu und kicherte leise. Das Leben nach dem Tod. Streng genommen hatte sie damit sogar recht. Für alle Ämter und öffentliche Einrichtungen waren wir verstorben. Selbst unsere Todesurkunden waren bereits im Vorfeld ausgefüllt. Der einzige Unterschied war nur, dass wir alle noch atmeten und schlagende Herzen hatten. Und ihre Freunde und Familie wussten in vielen Fällen nicht einmal etwas davon.
Also war dies eine Chance für einen Neuanfang. Etwas, wonach ich mich nie gesehnt habe, im Gegensatz zu so vielen Anderen, die ich kenne. Aber hier wurde ich nun ins kalte Wasser geschmissen und muss neu anfangen, ob ich nun möchte, oder nicht. Was also sollte ich mit dieser Chance anfangen? Erst einmal machte sich Erschöpfung breit. Die Anspannung der letzten Stunden ebbte etwas ab und der Bauch war wieder voll.

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