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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 161.

Kein Bock und keine Zeit

Flo war ganz grundsätzlich ein Freund von Ehrlichkeit. Bequeme Lügen mochten auf kurze Sicht manches leichter machen, aber auf lange Sicht kam es doch immer wieder zurück. Ehrlichkeit in einem Ausmaß, wie in diesem Gespräch mit Erik aber, irritierte ihn dann doch. Dabei hatte er eigentlich nur wissen wollen, ob er mit in den Pub kommen wollte.
„Nein, tut mir leid. Heute schaffe ich es nicht mehr, ich bin schon ausgebucht.“
„Alles klar. Liebe Grüße, falls du etwas mit Marlene geplant haben solltest. Ihr habt doch noch Kontakt, oder?“
„Ja, haben wir, aber heute werden wir uns nicht sehen. Ich wollte eigentlich etwas lernen, habe schließlich immer noch eine Klausur ausstehen. Die Letzte.“
Daran hätte er denken können. Erik hatte die Klausur schon oft genug erwähnt, nur in letzter Zeit hatte er nicht mehr besonders motiviert gewirkt. Abgesehen von Seminararbeiten würde dies seine Letzte Prüfung vor der Abschlussarbeit sein. Die Zeit raste regelrecht. Nur was war dieser Unterton?
„Eigentlich? Klingt nach etwas viel Konjunktiv für eifrige Begeisterung.“
„Stimmt. Eigentlich sitze ich die ganze Zeit am Rechner und prokrastiniere. Wahlweise gucke ich Dokus oder zocke etwas. Aber es ist schön ruhig und entspannt und niemand stört mich dabei.“
„Du willst also einfach etwas Ruhe haben im Moment.“
„Ja.“
„Hat sich Mia bei dir gemeldet?“
Bei dem Namen zuckte Erik kaum merklich zusammen. Flo konnte ihm ansehen, dass er sich nicht einig war, ob er über das Thema reden wollte oder nicht. In seinen Augen zeigte sich allerdings keine Regung, weder Leidenschaft noch Wut oder Liebe.
„Wieso hätte sie das denn tun sollen?“
„Sie fragt gelegentlich nach dir, will wissen, wie es dir geht und so. Bei dir direkt melden wollte sie dann aber auch nicht.“
„Gut. Ich hätte ihr auch sicherlich nichts zu sagen gehabt, also wäre es vergebene Liebesmüh.“
Das konnte Flo sogar gut nachvollziehen. Es war ihm immer etwas merkwürdig vorgekommen, mit welcher Beharrlichkeit Mia versuchte über Erik auf dem Laufenden zu bleiben. Irgendetwas hinderte sie daran, ihn wirklich hinter sich zu lassen. Es schmerzte ihn allerdings zu sehen, dass auch Erik sich offenbar nicht gut von dem Schlag erholt hatte. Es war nicht das erste mal in den letzten Tagen und Wochen, dass Erik sich als Beschäftigung für das Wochenende die Isolation des heimischen Zimmers ausgesucht hatte. Es war allerdings selbst für ihn nicht typisch, dermaßen deutlich zu sagen, dass er einfach keine Lust hatte. Er ließ sich für Flos Geschmack etwas zu sehr gehen.

Wasserkuppe

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 146.

Der innere Schweinehund

„Erik, ich weiß, dass du nicht viel brauchst, aber du kannst nicht wochenlang im Bett liegen bleiben. Selbst deine Pflanze nimmt dir das schon übel und du musst wirklich einmal gründlich lüften.“

Flo stand gegen das spartanisch eingeräumte Regal gelehnt in einer kleinen Wohnung, die absolut typisch für Erik sein konnte. Wo nichts herumstand, konnte auch nichts einstauben. Aber hier hatte er es vielleicht ein wenig auf die Spitze getrieben. Erik hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, die meisten Kisten oder Koffer auszupacken. Er hatte sie ungeöffnet im Keller verschwinden lassen und hatte nur das Nötigste mit hinauf in die kleine Einzimmerwohnung genommen. Das Bett war ein durchgelegenes Schlafsofa, welches er vom Vormieter übernommen hatte, genau so wie die meisten Möbel.

Die wenigen Habseligkeiten, die er ausgepackt hatte, wirkten merkwürdig deplatziert und verstreut im Raum. Die einsame Pflanze auf dem Fensterbrett hatte das Stadium des Blätter Abwerfens übersprungen und war gleich so kross knusprig getrocknet. Als könne er jeden Moment wieder blühen, stand der mumifizierte Rest dort. Und wenn Flo Erik so ansah, war der Unterschied nicht zu groß.

Die ganze Woche schon hatten Flo und Kristina Vorwände gesucht, Erik aus dem Haus zu locken und zu Unternehmungen einzuladen. Vergeblich. Wenn überhaupt, dann war es zu bewerkstelligen, ihn aus dem Bett zu bekommen, um die Türe zu öffnen. Die Ernährung bestand aus Fertiggerichten, Nudeln oder Reis mit Ketchup oder irgendetwas, was sich gerade auftreiben ließ. Nichts war übrig geblieben, von den kulinarischen Glanzlichtern, die er so gerne gekocht hatte. Denn das war schließlich für andere gewesen und nicht nur für ihn selbst. Bisher war es nicht so deutlich aufgefallen, aber jetzt konnte er es nicht mehr verstecken. Was er tat, das tat er für andere. Sich selbst stellte er immer hinten an. Nur jetzt war da niemand mehr, für den er wirklich etwas tun konnte. Flo sah das anders und war verhältnismäßig beleidigt.

„Bring dich jetzt mal in Ordnung und dann gehen wir raus. Mit diesem Theater ist wenigstens für heute mal Schluss!“

Vielleicht konnte er mit etwas gut gemeinter Strenge und deutlichen Worten mehr Effekt erzielen. Auch wenn gut gemeint oft das Gegenteil von gut war, er musste es jetzt einfach versuchen. Ein schlaffer Erik wühlte sich unkoordiniert aus den Laken, ließ sich wie ein Walross von der Bettkante fallen, bis er schließlich doch danebenstand. Flo hatte immer daran geglaubt, dass Sprichwörter irgendwo auch einen Bezug zur Realität hatten und sich nur im Laufe der Zeit etwas verselbstständigt hatten. Hier aber stand die Personifikation des Sprichwortes vom nassen Sack. Schwarz unterlaufene Augen sahen ihn müde und verquollen an.

„Sie hat mich verlassen, wollte es noch mir in die Schuhe schieben und fängt gleichzeitig mit der Frau etwas an, die sich eigentlich an mich ran gemacht hat und die ich ihr zuliebe abgewiesen habe. Hast du eine Ahnung, wie verarscht man sich dabei fühlt?“

„Nein, das habe ich nicht. Aber es ist auch keine Lösung, sich hier einzugraben und zu verschimmeln. Wir gehen raus und mal sehen, mit etwas Glück läuft uns ja sogar jemand tolles für dich über den Weg.“

„Du hast es ja sehr eilig. Jemanden wie Mia finde ich ohnehin nicht noch einmal.“

„Genau das ist der Plan. Diesmal soll es jemand sein, die dich auch will und nicht nur der Bequemlichkeit halber behält. Seit Monaten sehe ich dich laufend zweifeln und jetzt hat sie den Schritt gemacht, den du dich nicht getraut hast.“

„Am Ende soll ich ihr auch noch dankbar dafür sein? Flo, du bist verrückt.“

„Damit hast du absolut recht. Was meinst du, wieso Kristina noch bei mir ist? Ernsthaft, ich habe doch ansonsten nichts anzubieten. Und jetzt genug davon. Ich hab Durst und seit über einer Woche kein Bier mehr getrunken. Kristina versucht im Moment etwas zu reduzieren.“

Erik musste einsehen, dass Widerspruch zwecklos war, und er hasste es. Er zwang sich unter die Dusche und in die Klamotten, die am wenigsten schmutzig und unansehnlich waren. Wenig später saßen sie bei den Klängen keltischer Volksmusik in der Bar, jeder ein Bier vor sich, und so sehr Erik sich auch dagegen sträubte, es ging ihm mit jedem Schluck und jeder Minute besser. Er genoss sogar die Anwesenheit anderer Menschen, auch wenn ihn das Paar leuchtend grüner Augen am Tisch des Junggesellinnenabschieds, welches ihn unverhohlen anfunkelte, etwas irritierte.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 139.

Verlust

Kannst du mir ein Handout einpacken? Schaffe es heute nicht mehr in die Uni. Musste noch einmal ins Krankenhaus.

Das war die Nachricht gewesen, die Mia von Tina bekommen hatte. Das passte nicht so ideal zu der perfekten Schwangerschaft, von der nach der letzten Untersuchung noch die Rede gewesen war. Dennoch reichte es aus, um Mia für die Stunde zu beruhigen. Wenn sie noch schreiben konnte, dann würde es schon nicht so schlimm sein, aber für den Nachmittag würde sie sich auf jeden Fall auf den Weg machen, um Tina im Krankenhaus zu besuchen. Flo und Erik brauchten nicht gefragt zu werden, ob sie mit kämen. Einerseits war es eine zu verlockende Möglichkeit, das tägliche Lernpensum etwas beiseitezuschieben, andererseits war es im Krankenhaus grundsätzlich so langweilig, dass man sich immer über den Besuch von Freunden freuen konnte.

Soweit stand der Plan also. Die Praxis unterschied sich dann leider doch etwas von der Theorie. Tina im Krankenhaus ausfindig zu machen war nicht so einfach wie gedacht und die Stationsschwester hatte ernsthafte Bedenken, sich gleich alle drei bis in das Krankenzimmer durchzulassen. Spätestens jetzt war Mia ausreichend beunruhigt, um sich alleine an der Schwester vorbei zu schieben und in Tinas Zimmer zu eilen. Flo und Erik warteten sicherheitshalber auf grünes Licht, wenn auch nicht weniger besorgt. Aber man konnte nie wissen, in welcher Situation sich Tina gerade befand, denn Auskunft gab es nur für direkte Angehörige.

Die zwei Minuten, bis Mia zurückkam, schienen sich über Stunden zu erstrecken. Doch als sie kam, war sie schneeweiß im Gesicht und wirkte unsicher auf ihren eigenen Beinen. Als sie sich an Erik ankuschelte, bemerkte er, dass sie zitterte. Ihre Stimme war so dünn und brüchig, wie Flo es noch nie von ihr erlebt hatte. Sie stand sichtlich unter Schock.

„Sie hat gesagt, ihr könnt mit rein kommen, aber es geht ihr ziemlich schlecht. Ein Krankenwagen hat sie letzte Nacht hier hingebracht, weil sie starke Schmerzen im Unterleib hatte. Es war leider trotzdem zu spät, das Kind ist gestorben.“

Flo konnte nicht sagen, was in diesem Moment alles in seinem Kopf umherschwirrte. Das musste der größte Horror aller werdenden Eltern sein. Das Kind zu verlieren, besonders, wo sie so lange darum gekämpft hatte, sich damit anzufreunden und es endlich geschafft hatte, sich darauf zu freuen. All die Arbeit, dennoch eine gute Mutter zu sein und ihrem Kind, allen Widrigkeiten zum Trotz, ein schönes und sicheres Nest zu bieten. All die Sorgen, Hoffnungen, Wünsche und Träume. Er konnte sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie es ihr jetzt gehen musste. Erst an der Türe bemerkte er, dass seine Beine ihn mechanisch durch den Flur getragen hatten.

Was er dahinter vorfand, erschreckte ihn dann aber doch, trotz seiner schlimmen Vorahnung. Dort lag Tina im Bett, die blonden Haare wie Sonnenstrahlen um ein Gesicht, dessen Farbe irgendwo zwischen weiß, grün und grau rangierte. Die eingefallenen Augen waren tiefrot und ihr Blick in der versteinerten Mimik irgendwo auf einem Punkt im Nichts festgefroren. Wortlos setzte er sich auf den Rand des Bettes und legte ihr die Hand auf die Schulter. Einzig und allein ihr schweres Schlucken verriet, dass sie ihn überhaupt wahrgenommen hatte. Mia kuschelte sich von der anderen Seite an sie heran, während Erik am Fußende stehen blieb und nicht so recht zu wissen schien, was er jetzt tun sollte. Er war sichtlich um Fassung bemüht aber in seinen Augen stand dennoch blankes Entsetzen.

Flo war sich sicher, wenn Tina noch eine einzelne Träne übrig gehabt hätte, sie wäre jetzt geflossen. Aber ihr Kissen und ihre Haare waren bereits völlig durchnässt und die kleine Frau lag entsetzlich ausgelaugt, eingefallen und erschöpft tief in den Kissen. Mehr ein Schatten denn Gestalt, ruhte sie hier von ihren Freunden eingerahmt und gehalten, und für wenigstens fünf Minuten herrschte eiserne Stille. Als dann eine dünne, heisere Stimme erklang, brauchte es einige Sekunden, bis alle realisiert hatten, woher sie kam.

„Vielen Dank euch, dass ihr gekommen seid.“

Tina schien nicht einmal Luft geholt zu haben, um diese Worte zu sprechen. Ihr Laken bedeckte sie mit einer Reglosigkeit, als wäre es ein Leichentuch. Als Flo dieser Gedanke durch den Kopf schoss, stellte er schockiert fest, dass es genau das im Grunde genommen auch war.

„Nicht dafür. Sag uns nur, wenn wir irgendetwas tun können, um dir zu helfen. Egal was.“

Mia war dazu übergegangen, Tinas Kopf zu streicheln, Tränen in den Augen und doch jede Regung im Blick. Sie würde hier liegen bleiben und sich um Tina kümmern, soviel war deutlich. Und wieder war Flo erstaunt, zu welcher Zärtlichkeit sie in der Lage war. Keine Spur war mehr von der sonst so charakteristischen Grobmotorigkeit und Tollpatschigkeit zu sehen. Es dauerte wieder eine Weile, bis Tina genug Kraft für die nächsten Worte gesammelt hatte. Doch sie kamen noch kraftloser und leiser als die Ersten.

„Die Ärzte sagen, sie wissen nicht genau, was passiert ist. Ich habe alles richtig gemacht und auch aus den bisherigen Untersuchungen deutet nichts darauf hin, dass etwas nicht stimmen würde. Es sah alles so gut aus.“

Ihr Äquivalent zum Seufzen war heute, dass zum ersten Mal eine Atembewegung das dünne Laken leicht anhob. Trotzdem waren ihre Worte kaum mehr als ein Windhauch.

„Aber wieso ist dann meine Kleine weg?“

Der unbestimmte Punkt, irgendwo in der Unendlichkeit über dem Horizont, den sie fixiert hatte, sprang um. Erik stand immer noch am Fußende des Bettes und betrachtete sie mit tiefen Sorgenfalten auf der Stirn. Vom einen Moment auf den nächsten sah er in ein Paar Augen, welche das Kunststück fertigbrachten, glasig und milchig trüb gleichzeitig zu sein, und ihm direkt in die Seele starrten. Keine Anklage, keine Wut oder Zorn lag darin. Lediglich absolutes Unverständnis und entsetzlich tiefer Gram. Und die Frage, auf die sie von niemandem hier eine Antwort bekommen konnte.

Flo atmete so leise wie er konnte tief durch. Tina mochte in der Vergangenheit ziemlich ausfallend gewesen sein und sie hatte Mias und Eriks Beziehung bei mehr als nur einer Gelegenheit auf eine harte Probe gestellt. Aber konnte das Schicksal sich wirklich dermaßen brutal rächen? Das stand in absolut keinem Verhältnis mehr. Besonders, zumal in letzter Zeit ihre Einmischung in fremde Beziehungen nicht einmal von ihr selbst, sondern von Mia ausgegangen war. Auch wenn er sich zeitweise über sie und ihre augenscheinliche Sorglosigkeit geärgert hatte, niemals hätte er ihr eine solche Situation gewünscht.

Aber ihre Anwesenheit schien zu helfen. Eine Stunde lang saßen sie einfach wortlos um Tina herum und waren für sie da, und mit jeder Minute davon schien sie wieder ein kleines bisschen mehr ins Leben zurückzufinden. Mit jeder Minute war sichtbarer, dass sie noch atmete und noch da war. Am Ende war sie sogar in der Lage, mit etwas Hilfe einen zaghaften Schluck Wasser zu sich zu nehmen. Es musste der Erste sein, den sie überhaupt an diesem Tag zu sich nahm.

Ein vorsichtiges Klopfen an der Türe kündigte Hannah und Marlene an, Tinas Mitbewohnerinnen. Letzte Nacht hatten sie den Krankenwagen gerufen, sich versichern lassen, dass alles gut werden würde, und versprochen, nach ihrem Laborpraktikum vorbei zu kommen. Sie hatten Wort gehalten, doch kaum waren sie im Raum und hatten Tina gefunden erstarrten sie kurzzeitig zur Salzsäule. Auch wenn sich inzwischen sogar Tinas Augen wieder bewegten, bot sie immer noch einen schlimmen Anblick. Ein gehauchtes „Oh nein …“ war alles, was zu hören war, ehe sie ihrer Mitbewohnerin um den Hals fielen. Ein stummer Blick zwischen den beiden Mädchen besiegelte das Versprechen, vorerst zu verschweigen, dass Tinas Eltern angerufen hatten. Für den Moment gab es sehr viel Wichtigeres.

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