Schlagwort-Archive: Gefühle

Worte

So viele Worte gingen ihm durch den Kopf in diesem Moment. Worte von Freunden, von Familie, von Menschen, die er noch nie vorher gesehen hatte. Wie sie ihm sagten, dass er so geschickt mit Worten sei, so kreativ. Wie sie einfache kleine Texte lobten und als bunte Wortgemälde beschrieben. Wie sie Rückschlüsse aus seinen Geschichten auf ihn selbst trafen, ihn als humorvoll und offenherzig beschrieben, teilweise ohne ihn je auch nur einmal persönlich gesprochen zu haben. In Kommentaren im Internet, in Nachrichten in Foren oder auch bei den ersten persönlichen Begegnungen. Worte voller ehrlicher Anerkennung.

Das alles ging ihm durch den Kopf, vermischt mit so vielen anderen Gedanken und Gefühlen, während er hier stand und schaute. Schaute auf die schöne Gestalt, welche mit schlenderndem Schritt um die Tische herum ging, auf der Suche nach einem freien Platz. Das Licht der Sonne, welches sich durch die staubigen Dachfenster kämpfte, ließ ihr Haar leuchten wie Feuer und fasste das weiche Gesicht in einen strahlenden kupfernen Rahmen ein. Beinahe schüchtern tanzten die Sonnenstrahlen auf ihren blassen Sommersprossen, welche sich um die feine Stupsnase schmiegten. Mit nichts als Bewunderung beobachtete er, wie ihre warmen Augen den Raum absuchten und doch nie den Weg bis zu ihm fanden. Und selbst wenn sie hinüber blickten, dann nahmen sie ihn doch niemals wahr, sondern wanderten einfach weiter.

Dabei hoffte er doch so sehr, dass ihr permanent so strahlender Blick nur einmal für kurze Zeit bei ihm hängen bleiben würde. Vielleicht würde ihm das endlich den Mut geben, zu ihr hinüber zu gehen und sie dazu zu bringen, die Kopfhörer abzunehmen. Doch was sollte er ihr sagen? Wie sollten ihm denn Worte über die Lippen kommen, wenn er bereits so von ihren zarten rosanen Selbigen gefangen genommen war? Wie sollte er die Luft dafür erübrigen, wenn ihm bereits jedes Mal der Atem stockte, wenn sie nur fröhlich in sich selbst hinein lächelte? Wenn er nur ihre Silhouette sah, begann alles in ihm zu kribbeln und von all den so sorgsam zurechtgelegten Worten in seinem Kopf blieb nur der Schwindel und weißes Rauschen.

Dann saß er wieder da, schwärmte heimlich vor sich hin, begutachtete sie aus der Ferne, verlor sich in ihren Augen und träumte. Träumte davon, durch ihr seidiges Haar zu streicheln, die weiche Haut unter seinen Händen zu spüren, ihre vollen Lippen zu küssen und den süßlichen Duft zu riechen, der sie immer umgab. Träumte davon, dass ihr liebevolles und offenes Lächeln ihm gelten würde und wie ihre Berührung wie ein Feuerwerk durch seinen ganzen Körper strahlten. Sehnsüchtig seufzte er jedes Mal wieder in sich hinein.

Wie man es auch drehte, es half alles nichts. Er musste sie ansprechen, und wenn er ihr nur sagte, dass er ihre Haare schön fand. Es würde der Sache nicht im Ansatz gerecht werden, aber verschrecken wollte er sie auch nicht, durfte er nicht, auf gar keinen Fall! Er nahm all seinen Mut zusammen, verfluchte sich selbst, dass er diesen Wahnsinn zugelassen hatte, und stand mit zitternden Knien auf um sich nach ihr umzusehen. Doch sie war bereits wieder fort. Wieder einmal hatte er die Chance verpasst und wieder einmal ärgerte er sich maßlos über sich selbst. Nächstes Mal, das versprach er sich, wie schon die letzten Male immer, nächstes Mal würde er sie wirklich ansprechen und fragen, ob sie sich nicht mal kennenlernen könnten. Oder er würde einen Zettel schreiben, damit sie ihre Kopfhörer nicht abnehmen musste … Irgendwann würde er sich trauen.

Clematis

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 160.

Murmeltiertag

Es wäre gelogen, zu behaupten, Erik hätte sich gefreut, als Marlenes Nummer auf dem Display seines Telefons erschien. Er wusste sogar bereits, worauf sie aus war, was sie wollte, und er wusste, dass es ihm heute nicht gelegen kam. Im Dämmerlicht wickelte er einen Arm aus der dicken Bettdecke, sodass er wenigstens nach dem Telefon greifen konnte. Vielleicht war es besser, sie einfach zu ignorieren. Nicht, dass das irgendeinen Zweck gehabt hätte. Sie würde einfach später noch einmal anrufen. Es gab also keinen Grund, es nicht jetzt hinter sich zu bringen.

Sein Blick glitt zur Uhr, und wenn es ihm nicht eigentlich egal gewesen wäre, dann hätte es ihn vielleicht erstaunt, dass sie bereits drei Uhr nachmittags anzeigte. Gestern hatte er es wenigstens geschafft, bis zwei Uhr das Bett zu verlassen. Auch wenn er auch danach nichts mit dem Tag hatte anfangen können. Er hatte in seinem Schreibtischstuhl gesessen und sich einem traumlosen Halbschlaf hingegeben, während beliebige Streamingvideos auf dem Monitor vor sich hin brabbelten. Er hätte nicht ein Einziges davon noch mit Namen benennen können.

Was Marlene betraf, hatte er sich nicht geirrt. Seine Gesellschaft hatte sie gewollt, zum Abendessen oder Kino. Seine Anwesenheit bei gesellschaftlichen Aktivitäten, für die er das Haus verlassen musste. Noch schlimmer, er würde dafür sein Bett verlassen müssen. Und allein die Höflichkeit gebot es, sich dann auch die Zähne zu putzen und zu duschen. Immerhin bot ihm die aktuelle Mode die Option, seinen fleckigen und absolut kümmerlichen Bartwuchs dennoch als Versuch gelten zu lassen, einen Vollbart zu züchten. Das würde ihm zwar mitleidige Blicke einbringen, aber die würde er so oder so bekommen. Davon war er überzeugt.

Es tat ihm ehrlich leid, ihr abzusagen. Das war vielleicht die intensivste Gefühlsregung der ganzen Woche gewesen. Erik wusste, dass sie es nur gut meinte, und vermutlich wäre es sogar genau das, was er zurzeit benötigte. Es würde ihm gut tun und vielleicht sogar gefallen. Aber war es ihm das wirklich wert? Dann müsste er sich ebenfalls eingestehen, dass er vielleicht ein kleines Problem mit sich selbst hatte. Eines, das er nicht so ohne Weiteres alleine lösen konnte. Eines, von dem auch Marlene lieber nichts wissen sollte, obwohl sie es sicherlich bereits lange vor ihm gewusst hatte.

Mürrisch drehte er sich im Bett um, leerte seine Wasserflasche und ärgerte sich, keine weitere da zu haben. So oder so würde er wohl heute noch aufstehen müssen. Er schlug die Decke zur Seite und der beißende Geruch viel zu lange nicht mehr gewaschener Bettwäsche und darin vegetierender Menschmasse kroch ihm in die Nase. Er ekelte sich vor sich selbst und konnte nicht verstehen, wie Marlene so hartnäckig seine Aufmerksamkeit suchte.

Und dann überraschte er sich doch noch selbst, als er sich mit einem dumpfen Platschen auf den kalten Boden vor dem Bett fallen ließ. Es war zwar nicht sein Plan gewesen, aber er hätte diesen und die folgenden Tage gerne einfach im Bett verbracht, ohne irgendetwas zu tun oder zu denken. Stattdessen kroch er jetzt in Richtung Badezimmer, um sich dennoch herzurichten. Nicht für sich selbst, sondern für Marlene. Er würde sie anrufen, sich entschuldigen und fragen, ob sie noch Interesse an einem kurzen Spaziergang oder Kino hätte. Wer weiß, vielleicht würde sie ihm ja sogar eine weitere Gefühlsregung bescheren.

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Bildquelle: Pixabay

Momente XI

Ein Sonnenstrahl bricht durch die Blätter des Kirschbaumes, der bereits seit Monaten schon keine Früchte mehr trägt. Er bricht sich in den Staubkörnern, die in der stickigen Sommerluft schweben, und fällt schlussendlich genau in das Zentrum einer strahlenden Sonnenblumenblüte. Stumm und regungslos steht sie dort, wie auf Leinwand gebannt, und die einzige Bewegung rührt von der Hummel her, welche durch ihr Zentrum krabbelt. Ihr Gewicht reicht aus, um die große Blume ganz leicht in Schwingung zu versetzen, ihre Blütenblätter zum Zittern zu bringen. Die ganze Aufführung tanzt im Takt der Lieder, welche die Vögel in den Bäumen trällern. Eben noch schien es alles reglos zu sein, doch nimmt man sich etwas Zeit und Ruhe, regt sich das Stillleben. Die kleine Maus in der Bruchsteinmauer hat bis eben auch tatsächlich stillgehalten. Jetzt aber huscht sie nervös über den Rindenmulch Weg und verschwindet unter dem Schlehenbusch. Der Hase auf der großen Wiese oder die Bienen in ihrem Stock daneben zeigen sich davon unbeeindruckt. Besonders bei den Bienen fällt der Effekt des Stilllebens auf, denn es hat bis jetzt gedauert, um zu bemerken, dass viele der Staubkörner, welche so fidel in der stehenden Luft tanzen, eifrige Bienen sind, die ihre letzten Pollenernten des Jahres nach Hause bringen. Und bald werden die Sonnenstrahlen nicht mehr zwischen Blättern, sondern kahlen Zweigen tanzen. Nur die bauchigen Wolken bleiben bestehen und treiben gemächlich dahin.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 136.

Die Sache mit den Gefühlen

„Weißt du, ich kann irgendwie verstehen, dass du für Tina schwärmst.“

„Aber das tu ich doch überhaupt nicht? …“

„Nein, ich mein es ernst. Sie ist wirklich eine beeindruckende Frau. Ich weiß nicht, wie ich an ihrer Stelle handeln würde. Das Kind zu behalten, obwohl ihre Familie ihr deswegen wohl die Hölle heißmachen wird und der Vater über alle Berge ist. Hast du mitbekommen, dass nicht einmal seine Eltern etwas wissen?“

„Es war schwer, das nicht mit zu bekommen. Trotzdem will ich nichts von …“

„Und sich dann trotzdem dafür zu entscheiden, alles für das Kind zu tun. Findest du nicht auch, dass das unglaublich viel Kraft und Mut erfordert?“

„Natürlich braucht es das. Aber sie hat sich das so ausgesucht jetzt, also wird sie es wohl auch schaffen. Du kennst sie ja auch. Sie denkt sehr rational, da entscheidet man sich nicht blindlings für Sachen, die man nicht bewältigen kann.“

Erik saß auf dem Sofa und hatte sich eigentlich nur von einer Serie berieseln lassen wollen. Ein Team von Ermittlern war gerade dabei, einen generischen und völlig schnöden Mordfall auf möglichst actionreiche Art zu lösen. Mia hatte sich neben ihn gelegt, den Kopf auf seinem Schoß abgelegt und in einem Buch geblättert, bis sie irgendwann nur noch nachdenklich auf einen Punkt irgendwo hinter der aktuellen Seite gestarrt hatte, und dieses Gespräch begonnen hatte. Jetzt sah sie mit einem ebenso vielsagenden wie nichtssagenden Blick zu ihm auf und startete einen neuen Versuch, ihm eine verfängliche Reaktion zu entlocken.

„Darum passt ihr also so gut zusammen. Beides Kopfmenschen, die lieber alles rational durchdenken, statt emotional zu handeln.“

„Du bist doch auch ein absoluter Kopfmensch. Nur das mit dem rational sein musst du noch etwas üben. Und würdest du mir nun bitte einmal erklären, wieso du mir jetzt etwas anhängen willst?“

„Will ich doch überhaupt nicht, wieso fauchst du mich hier denn so an? Es ist halt nur offensichtlich, dass du sie sehr gerne hast. Also wieso traust du dich nicht, dazu zu stehen? Was stimmt nicht mit ihr? Ich finde, sie ist doch eigentlich eine echt tolle Frau.“

„Ja, das ist sie wohl. Schließlich ist sie ja auch eine gute Freundin, aber halt nicht mehr. Abgesehen davon liebe ich doch schon dich.“

Mit diesen Worten beugte er sich runter und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Es stimmte, er liebte sie, dennoch fühlte es sich im Augenblick einfach falsch an. Da war etwas, was an ihm nagte und ihm die ganze Situation verlogen und heuchlerisch erscheinen ließ. Wieso war das auf einmal so? Er hatte nie erwartet, dass es bleiben würde, wie damals, als sie sich kennengelernt hatten. Oder als sie später dann zusammengekommen waren. Er erinnerte sich noch sehr gerne an das Gefühl damals, an das flattrige Kribbeln bei jedem Blick und das knallbunte Nervenfeuerwerk bei jeder noch so kleinen Berührung. Er erinnerte sich noch an das Strahlen in ihren Augen, dieses helle Leuchten bei jedem sanften Wort. Dieses Glimmen, welches er bereits so lange vermisste. Er hatte es immer für ein Opfer des Alltags gehalten. Und das nach gerade einmal zweieinhalb Jahren.

„Danke, das hast du sehr schön gesagt.“

Sie lächelte zu ihm hinauf und machte es damit nur noch schlimmer. Jetzt fühlte er sich auch noch schuldig und konnte nicht einmal sagen, weswegen genau.

„Ich glaube dir trotzdem irgendwie nicht, dass du nicht auch ein bisschen scharf auf sie bist. Immerhin musst du zugeben, dass sie echt schöne Kurven hat.“

Sie zwinkerte ihm keck zu und wandte sich kichern wieder ihrem Buch zu, als er nur den Kopf schüttelte.

Zweieinhalb Jahre. Irgendwie fühlte es sich gerade so viel länger an. Vor seinem inneren Auge sah er eine zerbrechliche filigrane Vase, die in einem Museum auf einem Sockel stand, hell ausgeleuchtet und kunstvoll bemalt. Dunkle Ränder markierten die Stellen, an denen das weiße Porzellan geklebt worden war, und es waren viele Stellen. Gefüllt war die Vase einmal mit reiner Liebe gewesen, doch durch verletzende Risse und Vertrauensbrüche sickerte sie hinaus. Vielleicht müsste man die Vase reparieren oder die Liebe nachfüllen. Aber wenn diese Vase wirklich ihre Beziehung darstellen sollte, dann müssten sie das gemeinsam tun.

Früher hatte Mia sich nie besonders darum gekümmert, an ihrem Verhältnis zu arbeiten. Am Anfang war es noch anders gewesen, da hatte sie ihm häufig gezeigt, wie wichtig er ihr war. Doch irgendwann hatte das nachgelassen. Sie hatte erkannt, dass er sie nicht verlassen konnte, selbst wenn er gewollt hätte. Sie hatte ihn sauber auf ihre Person geprägt und er war selbstverständlich geworden. Erst spät hatte sie erkannt, dass es ein Fehler gewesen war, und hatte sich mehr um ihn bemüht. Vielleicht hatte er ja deswegen ein so schlechtes Gewissen, nicht die Kraft zu haben, mit ihr gemeinsam an der Vase zu arbeiten. Klar, er hatte lange Zeit alleine an der Beziehung gearbeitet und viel Kraft darin versenkt. Vielleicht wäre es nur fair, wenn jetzt auch sie einmal eine solche Situation erfuhr. Aber war das wirklich fair ihr gegenüber?

Selbst wenn, er war sich nicht sicher, ob das aufregende Feuerwerk wieder kommen konnte. Abende wie dieser, wo sie einfach zu zweit auf dem Sofa sitzen konnten, waren selten geworden. Mia hatte Tina gewissermaßen adoptiert und brachte sie regelmäßig zum Abendessen mit. Anfangs hatte Erik sich noch darüber gefreut, dass die zwei Mädels sich nun doch so gut verstanden, aber er hatte auch feststellen müssen, dass er selbst sich seitdem immer mehr wie ein Haustier als wie ein Partner fühlte. Lohnte es sich da überhaupt noch, an der Beziehung zu arbeiten, oder tat sie ihm nur noch schlecht? Mia bekam von all diesen Gedanken nichts mit. Sie starrte nur auf ihr Buch und hing eigenen Gedanken und Träumen nach. Erik spielte darin zwar eine Rolle, aber sie bemerkte selbst nicht, dass sie ihn dort nicht mehr als ihren Partner sah.

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