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Szenen an der Supermarktkasse

Ich stehe an der Supermarktkasse und träume vor mich hin, wie ich es viel zu oft tue. Der neue Azubi an der Kasse ist noch nicht besonders geübt und entsprechend geht es gemütlich voran. Die Dame hinter mir möchte gerade damit beginnen, ihre Einkäufe aufs Band zu räumen, als ihr auffällt, dass etwas fehlt. Man sieht ihr an, dass diese Abweichung vom geplanten Ablauf Stress für sie bedeutet. Ihre Stimme rangiert irgendwo zwischen schüchtern, beschämt und gehetzt, als sie sich an mich wendet.

„Entschuldigung aber könnten Sie ganz kurz auf meinen Wagen aufpassen?“

Ich bin etwas überrascht denn es ist nicht viel los und hinter ihr steht niemand an. Aber selbstverständlich nicke ich zustimmend. „Klar!“ Es gibt keinen Grund, wieso nicht. Der ältere Herr vor mir dreht sich um, mustert mich schmunzelnd und muss kichern.

„Sie wirken trotz Bart offenbar vertrauenswürdig.“

Mir ist mein Bart nie als kontroverses Thema vorgekommen. Er ist seit vielen Jahren ein treuer Begleiter. Kein langer Hipsterbart oder aufwändig zurecht rasiert. Einfach nur ein kurzer unkomplizierter Vollbart, lang genug um nicht mehr stachelig zu sein. Frei von jeder politischen Aussagekraft und ohne Ähnlichkeiten zu berühmten Vorbildern in Märchen und Geschichten. Für den Räuberhauptmann hat es nie gereicht.

„Trotz oder gerade deswegen?“ wandert es mir durch den Kopf und zeitgleich über die Lippen. Im Kopf des Mannes scheint das etwas auszulösen, jedenfalls beginnt er zu erzählen, dass Bärte in seiner Jugend ausgesprochen verpönt waren aber das ja so lange her sei und jeder tun sollte, was ihn denn glücklich macht. Ich kann sein Alter schwer schätzen. Ist er noch im Bereich der 70 oder schon über die 80? Ich weiß nicht, wann seine Jugend war, aber spontan fällt mir keine Epoche ein, in der es nicht wenigstens in einzelnen Gesellschaftsschichten angesehen oder akzeptiert gewesen wäre, einen Bart zu tragen. Die Mode schwankt natürlich auch in diesem Bereich stark.

Erst im Nachhinein fällt mir auf, dass er mich trotz der immer breiter werdenden grauen Strähnen im Bart mit seiner Formulierung auch der Jugend zugerechnet haben könnte. Möglicherweise lässt der Bart mich also nicht nur vertrauenswürdiger, sondern auch noch jünger wirken. Ist nicht in der Regel das Gegenteil der Fall? Was auf mich zutrifft kann ich nicht sagen. Die letzten Fotos, auf denen ich ohne Bart zu sehen bin sind bereits alt und vermutlich hat sich auch mein Gesicht im Laufe der Zeit ein wenig gewandelt, genau wie so vieles anderes.

Inzwischen ist auch die Dame gefunden, was sie gesucht hat, und ist wieder zu ihrem Einkaufswagen zurückgekehrt. Mit einem dankbaren Blick stellt sie fest, dass noch alles ist, wie sie es zurückgelassen hat, und beginnt nun doch noch damit, das Band zu beladen. Der Azubi bekommt unterdessen Unterstützung von einer Kollegin, die bereits ein paar Jahre länger hier arbeitet. Auch wenn sie immer gut gelaunt und freundlich ist, sie ist gleichzeitig weltmeisterhaft schnell. Der alte Mann vor mir kennt sie offenbar auch, denn er seufzt etwas wehleidig, fügt sich dann aber seinem Schicksal.

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Geoengineering – Moin Senf

Nachdem es hier in letzter Zeit eigentlich nur noch um den Garten ging wird es allerhöchste Zeit für eine kleine Abwechselung. Mir begegnen in letzter Zeit vermehrt wieder Artikel zum Thema Geoengineering, und ich frage mich wieso? Warum ich bei diesen Berichten immer etwas skeptisch bin möchte ich euch in einem kleinen Beitrag gerne erläutern.

Habt ihr euch schon einmal mit dem Thema befasst? Wie ist eure Meinung dazu? Diskutiert gerne mit und vielleicht kann mich ja sogar jemand umstimmen.

Riesige Spiegelflächen im Orbit, die einfallendes Sonnenlicht in den Weltraum reflektieren, künstlich angelegte Wälder in den Wüsten dieser Welt, in der oberen Atmosphäre verstreute Aerosole, welche künstlich Wolken und damit Regen entstehen lassen sollen oder Ozeane voller Algenplantagen, in denen CO2 gebunden werden sollen. Alle diese Maßnahmen zählen zum Themenkomplex des Geoengineerings. Darunter versteht man die Beeinflussung des Weltklimas durch groß angelegte technische Maßnahmen. Der Mensch hat den Klimawandel maßgeblich verursacht, also soll er ihn auch wieder beseitigen, ist dabei die Devise. Die meisten Entwürfe setzen dabei beim Entfernen großer Mengen CO2 aus der Atmosphäre an.

Der Gedanke ist naheliegend. Immerhin ist es auch aus Sicht des Weltklimarates (IPCC) nicht mehr möglich, das 2-Grad-Ziel nur durch Klimaschutzmaßnahmen einzuhalten. Emissionen einsparen allein reicht also nicht mehr aus, um unser Wohlfühlklima zu retten. Aktiv werden müssen wir so oder so, es stellt sich nur die Frage, wie wirkungsvoll wir sein können.

Aber genau wie das vor einigen Jahren sehr emotional diskutierte Verfahren des Abscheidens und Untertageverbringen von CO2 bergen diese Methoden nicht kalkulierbare Risiken. Auch wenn die Klimaforschung weiterhin große Fortschritte erzielt, verstehen wir immer noch viel zu wenig über die Prozesse unseres Klimasystems, um die Folgen solcher Eingriffe zuverlässig abschätzen zu können.

Ganz abgesehen davon ist die wirtschaftliche Komponente nicht zu verachten, denn ob es nun um die Bewässerung und Düngung von Bäumen in der Wüste, die Bewirtschaftung von schwimmenden Farmen im Ozean, die Installation von Spiegeln im Weltall, CO2-Abscheidern oder das Ausbringen von Aerosolen in der Stratosphäre geht, in jedem Fall kostet es Geld. Wer will das bezahlen? Wer KANN das bezahlen? Die Kosten für solche Eingriffe liegen wenigstens im Milliardenbereich.

Und selbst wenn die Finanzierung stimmt, geht es um eingriffe, die das Klima und unsere gesamte Umwelt auf Generationen hin bestimmen werden. Wie stellt man sicher, dass man nicht langfristig einen größeren Schaden als einen Nutzen erzeugt?

Das Verbrennen fossiler Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas war auch einmal nicht nur das „kleinere Übel“, sondern der große Wurf, der alles besser machen sollte. Auch wenn es bereits Veröffentlichungen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gibt, die eine Klimawirksamkeit der Verbrennung von Kohle auf globalem Maßstab festgestellt haben, dauerte es seine Zeit, bis die Erkenntnis allgemein etabliert war. Wobei es selbst heute noch Menschen gibt, in deren Augen die Naturgesetze offenbar keine Gültigkeit besitzen.

Kritiker befürchten, dass eine Einführung von Geoengineeringmaßnahmen zur Folge haben wird, dass dies von der Industrie als Freifahrtschein gesehen werden könnte, Emissionen ungehindert in die Atmosphäre einzubringen. Schließlich könnten sie ja jederzeit wieder herausgefiltert und anderweitig entsorgt werden können.

Ein weiteres Argument gegen beispielsweise die Verpressung von CO2 in geologische Speicher ist der „überragende Erfolg“ von vermeintlich sicheren Atommüllendlagern. Bislang konnte auf der Erde keine einzige geologisch zuverlässig stabile Situation ausgemacht werden, die als Endlager brauchbar wäre. Für das flüchtige CO2 werden noch größere Probleme erwartet. Eine Verkippung von mühsam produziertem Holz oder sonstiger Biomasse untertage ist schon allein aus wirtschaftlichen Gründen nicht vorstellbar.

Dabei wäre genau das notwendig, denn die Rechnung ist eigentlich einfach. Material wurde aus einem stabilen fossilen Zustand in den atmosphärischen Kreislauf eingetragen und ist hier nun aktiv. Um den Effekt dauerhaft zu bekämpfen muss dieses Material wieder aus dem Stoffkreislauf entfernt und gebunden werden. Die Alternative ist ein verändertes System mit einem neuen Gleichgewicht, und auch wenn die Erde selbst damit kein Problem haben wird, es zeichnet sich doch ab, dass wenigstens der Übergang in dieses neue Gleichgewicht für uns Menschen nicht angenehm wird.

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Regelt das schon: Die Natur. Hier bei der Arbeit in einem alten Steinbruch und schwer beschäftigt, sich um sich selbst zu kümmern. Macht ja schließlich sonst keiner.

Männer sind vom Mars, Kinder vom Mond?

Ich streife durch die Hallen eines großen Einrichtungshauses und habe irgendwo auf dem Weg vergessen, wieso ich eigentlich hier bin und wonach ich suche. Mein Blick streift über moderne, gerade Konturen von Schränken und über verschnörkelte Sessel, die stiltechnisch nicht zu den Räumen passen wollen, in denen sie ausgestellt sind. Zahllose Gesichter schieben sich durch die Gänge, betrachten Möbel und Einrichtungsgegenstände. Jede kleine Lücke ist mit Dekoartikeln gefüllt, ein buntes Sammelsurium von Dingen, deren einziger Zweck es ist, zu existieren oder eine Funktion zu erfüllen, die in einem gewöhnlichen Alltag eigentlich keinen Platz hat.

Die Kundengruppe ist recht jung. Viele junge Erwachsene, die sich ihre ersten Wohnungen einrichten, Paare auf der Suche nach der richtigen Einrichtung für eine hoffentlich lange und glückliche gemeinsame Zeit und Familien mit frischem Nachwuchs, teils vor, teils noch im Bauch. Gedankenverloren biege ich um eine Ecke, streiche über ein angeblich echtes, aber spottbilliges Lammfell und wäre fast über ein kleines Kind gestolpert, welches selig zwischen den großen Gitterboxen sitzt und mit einem Bündel Kleiderbügel spielt.

Zugegeben, das war eine Übertreibung. Es lagen immer noch mehr als ein Meter zwischen dem kleinen Mädchen und mir, ich hätte sie kaum übersehen können und selbst wenn, dann hätte ich gleichzeitig ihren Vater umrennen müssen, der danebenstand. Dennoch fesselt es mich für einen Moment, mit wie viel Begeisterung sich dieses kleine Wesen ein paar einfarbigen Kleiderbügeln aus Plastik widmet. Sie blickt zu mir auf und grinst mich fröhlich an. Es dauert einen Moment, bis ich realisiere, dass sie damit mein Grinsen erwidert. Eine kleine Hand mit riesigem Kleiderbügel darin winkt mir zu und ich tue, was wohl jeder Mensch tun würde und winke zurück.

Rundherum bemerke ich Reaktionen, die ich eher fühlen kann, als dass ich sie bewusst sehen würde. Da ist der Vater, der mir skeptische Blicke zuwirft und sich kaum merklich anspannt, bereit, seine Tochter vor dem seltsamen Typen zu schützen. Zwischen den Weingläsern heben sich die Köpfe zweier Frauen hervor, die mich zwar neutral aber dennoch aufmerksam beobachten und eine junge Mutter, die ihre Zwillinge im Einkaufswagen bereits aus der Abteilung schieben will und durch einen Gehfehler auffällt, dreht sich noch einmal um und sieht mir irritiert nach.

Einzig ein Mädchen, vermutlich noch nicht einmal zwanzig Jahre alt und mit einer bunten Fußmatte in der Hand, guckt an mir vorbei auf das Kind. Auch sie wird von der guten Laune angesteckt und grinst fröhlich, aber bei ihr sieht deswegen niemand hin. Nur ihr Freund, der sie zwar mit einer Zärtlichkeit betrachtet, die jede Disney-Romanze grobschlächtig wirken lässt, aber dennoch etwas besorgt wirkt. Er kennt wohl den Kinderwunsch seiner Partnerin, weiß aber auch, dass es noch zu früh für sie beide ist.

Erst als ich von den Küchenmessern zu den Gardinenstangen komme, festigt sich das Bild von dem, was gerade passiert ist. Ich habe einem kleinen Kind gewunken und damit eine Menge Leute beunruhigt. Wie kommt das? Ich sehe recht durchschnittlich aus, meine Kleidung ist ordentlich und sauber, ebenso ich selbst. Wenn ich das Blut unschuldiger Seelen im Bart oder an den Händen kleben hätte, dann wüsste ich das mit Sicherheit. Aber die einzige Erklärung, die mir nach einigem Nachdenken kommen will, ist, dass Männer einfach keine kleinen Kinder mögen. Wenigstens, solange es nicht ihre eigenen sind. Wenn eine Frau, egal welchen Alters, ein Kind beobachtet, wird sie vielleicht dafür belächelt. Gelten für Männer da wirklich andere Regeln?

In Bus oder Bahn langweilen sich Kinder oft und suchen den Kontakt zu Mitreisenden. Wenn sie sich dafür andere Kinder oder Frauen aussuchen, die auf ihr Spiel eifrig einsteigen, werden sie vielleicht einmal ermahnt, schön ruhig zu bleiben. Wenn ich die neugierigen Blicke mit albernem Kopfwackeln erwidere, ernte ich regelmäßig argwöhnische Blicke. Nicht selten entschuldigen sich die Mütter hastig bei mir, dass ihr Kind mich belästigt hat, um dann schnell die Aufmerksamkeit des Sprösslings auf sich zu ziehen und ihn mit irgendetwas zu unterhalten, auf dass er den Rest des Busses nicht belästigen möge.

Und regelmäßig frage ich mich dann, wie ich in den Augen der Leute gewirkt haben muss. Was habe ich an mir, dass man mich vermeintlich vor dieser klaren und ehrlichen Neugier schützen muss, die aus so vielen Kinderaugen strahlt, ehe sie durch eifriges Ermahnen, stumpfe Monitore und vertröstende Süßigkeiten im Laufe der Jahre immer weiter abstumpfen. Was sehen sie in meinem Lächeln, mit dem ich versuche, ein wenig des ehrlichen Glücks der Zwerge zu spiegeln? Bin ich so gruselig, dass sie ihre Kinder schnell vor meinen Augen schützen wollen?

Und ist das ein Problem, das nur ich habe, oder reicht das weiter? Immerhin fällt es mir immer wieder auf, dass Kabinen mit Wickeltischen in öffentlichen Toiletten zwischen Damen- und Herrentoiletten angeordnet sind, statt in der Damentoilette. Auf den Piktogrammen sind dennoch immer Frauen mit Kindern abgebildet. Männer haben Papa-Zeit und babysitten, Frauen sind halt einfach Mütter. Das ist der Eindruck, den man bekommen kann, wenn man mit offenen Augen und Ohren durch die Stadt läuft, die Menschen am Spielplatz beobachtet oder den Gesprächen an der Supermarktkasse lauscht. Bin ich der Einzige, der sich daran stößt?

So aufgeklärt diese Gesellschaft gerne sein möchte, es erscheint einiges merkwürdig. Eine ganze Serie von Missbrauchsskandalen hat sie Menschen vorsichtig gemacht. So misstrauisch, dass sich Mütter dafür entschuldigen, wenn ihre Kinder ein wenig gute Laune und Farbe in die Welt hinaus tragen wollen und damit die „falschen“ Leute erreichen. Dabei können vielleicht gerade die das gut gebrauchen. Kinder sollen Kinder sein dürfen, aber ohne dass man ihnen den Platz dafür zugesteht.

Mir scheint, wir haben noch viel Arbeit vor uns…

Seattle Fremont Troll

Hinterm Horizont – Teil 11.

Nachdem es letzte Woche leider ausfallen musste geht es heute weiter mit der Reise zu den Sternen und sich selbst. Die Spannungen an Bord waren von Beginn an recht hoch aber haben sich nie wirklich im ganz großen Stil entladen. Dennoch, der Körper passt sich an vieles an, auch an Stresssituationen. Aber welchen Weg wählt man am Ende, um sich in der neuen Situation zurecht zu finden? Will man sich selbst oder die Situation verändern?

 

In unserem Ansehen stürzten sie damit nur noch weiter ab. Es waren die Roboter, die immer wieder bemüht waren, die Wogen zu glätten und uns zu trösten. Sie suchten immer wieder nach Erklärungen und verheimlichten uns, dass die Angriffe auf Roboter und uns Arbeiter in Ansätzen geplant und organisiert worden waren. Sie wussten, dass dadurch die Fronten undurchdringbar verhärtet worden wären. Unsere Angreifer hätten uns als Verräter an dem gesehen, was sie für überlegen hielten, als Kollaborateure mit einem Feind, der an ihrem Sturz arbeitete. Wir hingegen hätten sie als Verräter an der Kolonie gesehen, als Saboteure unseres Schiffs.

Sie verheimlichten uns auch, dass es tatsächlich Sabotageaktionen gegen die Systeme unserer Quartiere gegeben hatte. Sie verheimlichten uns die Sprengsätze, die unter unserem Tisch in der Kantine angebracht worden waren oder die Waffen, die uns in den Korridoren nachgeworfen werden sollten. Sie verheimlichten uns, dass die Rädelsführer dieser Aktionen geschickt in Konflikte verwickelt wurden, um sie auf der Krankenstation sedieren zu können oder im Arrest zu isolieren.

Die Rechtfertigung in der Programmierung hierfür war längst gegeben. Das Schiff und seine Besatzung waren zu schützen. Selbst auf der Erde wären diese Individuen aus dem Verkehr gezogen worden. Dort hätten sie dann Besserungsprogramme durchlaufen und wären wieder in die Gesellschaft eingegliedert worden. Extreme Fälle wären vielleicht für eine Zeit in einer der Strafkolonien beschäftigt worden. So genau konnten wir das nicht einmal sagen. Es gab einfach kaum Präzedenzfälle, wo jemand so ausfällig wurde, dass die Gesetzgebung aufmerksam wurde.

Hier aber waren die Möglichkeiten begrenzt. Personen, die sich als eine Gefahr für Schiff und Besatzung erwiesen hatten, konnte man unmöglich zum Arbeitseinsatz rekrutieren und die Kapazitäten von Krankenstation und Arrestzellen waren begrenzt. Bei der Planung war weder mit vielen Unfällen oder Erkrankungen noch mit sonstigen Zwischenfällen gerechnet worden. Auch nicht von seitens der KI.

Es dauerte nicht lange, bis die Zellen gefüllt waren und es immer schwieriger für die Roboter wurde, die alte Besatzung im Zaum zu halten. Langeweile lässt Menschen kreativ werden und wer sich hier aus seinem apathischen Zustand befreien und sich von den Fenstern lösen konnte, der hatte viel Langeweile, falls er keine Arbeit fand. Nur den Weg der Arbeit wählten nur wenige. Unser Start würde bald zwei Jahre zurückliegen und selbst die hartnäckigsten Geister gewöhnten sich irgendwann an ihren Schock.

Gerade einmal drei neue Gesichter fanden in diesen Tagen den Weg in unsere Gruppe. Der Schock über einen Maschinenmenschen mochte sie aus der Starre gerissen haben, doch die Neugier überwog am Ende den Ekel. Sie mochten uns nicht einmal unähnlich sein, dennoch wurden sie mit großem Misstrauen, Zurückhaltung und Vorsicht aufgenommen. Aber sie blieben, und während sie es langsam schafften, in unseren Augen von den wertlosen Faulpelzen vor den Fenstern und den Raufbolden in der Bar zu wertvollen Kollegen aufzusteigen, lernten sie mit Beharrlichkeit die Roboter als Freunde und Partner zu schätzen. Auch sie erfuhren die Ablehnung der Besatzung und auch sie taten sich schwer damit, diese Ablehnung nachzuvollziehen.

Und dann holte uns die Kreativität doch noch ein. Verborgen im Abfall waren Kanister mit Flüssigkeiten und Pulvern gewesen. Jede für sich harmlos, doch in der Kombination leicht entzündlich. Die Explosion zerstörte den Reißwolf der Wiederaufbereitungsanlage und Enyas linke Körperhälfte. Mit viel Ausdauer hatten die Roboter versucht uns vor genau diesen Situationen zu schützen und sie vor uns zu verheimlichen doch vom einen Moment auf den anderen war nichts mehr, wie es einmal war. Unsere eigene Art hatte uns verraten und den Krieg erklärt. Nicht die Roboter waren es gewesen, obwohl die Geschichten der letzten zweihundert Jahre immer davor gewarnt hatten. Nicht sie waren die Bösen gewesen, sondern Menschen, die es nicht verkraften konnten, dass sich ihr Horizont geändert hatte.

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Der Blödsinn der Woche 16.

Der heutige Blödsinn wanderte gestern über meine Timeline, mit dem Hinweis, er wäre geklaut, und eine Quelle dazu nicht mehr aufzufinden. Aber er stellt die aktuell moderne Diskussionskultur im Internet so schön dar, da wollte ich Euch dennoch teilhaben lassen. Ich hatte spontan das ein oder andere Gesicht dazu vor Augen. Wie war denn das noch mit Gesundheit, Essen, Bauchgefühl und co?

WhatsApp Gruppe „Gesundes Essen- leicht gemacht“

-Winnie wurde der Gruppe hinzugefügt-

Winnie: Hallo in die Gruppe, vielen Dank für die Aufnahme! Ich glaube, ich könnte ein wenig Nachhilfe beim gesunden Essen gebrauchen. Momentan esse ich, was mir schmeckt und soviel, bis ich satt bin.

Jenny: Ach du lieber Gott ….

Thorsten: Hallo Winnie! Schön, dass du da bist! Das hört sich so an, als ob du wirklich ein paar Tipps gebrauchen könntest!

Verena: Salzt du dein Essen?

Winnie: Wie meinst du das?

Verena: Na, ob du Salz verwendest!

Winnie: Ja klar!

Jenny: Ach du lieber Gott….

Verena: Du weißt aber schon, dass Salz Gift für unseren Körper ist? Als erstes würde ich dir empfehlen, sofort auf jegliches Salz in deiner Nahrung zu verzichten.

Winnie: Ja, aber das schmeckt doch dann grauenhaft!

Verena: Nein, der Körper gewöhnt sich daran. Du musst nur durchhalten und konsequent sein, dann wandelt sich dein Geschmacksempfinden in gut einem Jahr um. Ich bin ein neuer Mensch, seit ich auf Salz verzichte.

Winnie: Ah ok… und wie machst du das, wenn du auswärts isst?

Verena: Wie meinst du das?

Winnie: Na, im Restaurant oder Pommesbude!

Carmen: Pommesbude??????

Thorsten: Ich hoffe, das war ein Scherz !!!!!

Kec-Man: Du willst doch nicht sagen, du gehst an die Pommesbude?

Jenny: Ach du lieber Gott….

Winnie: Ähm, ja ab und zu gehe ich ganz gerne Pommes und so essen. Nicht so häufig, aber wenn ich mal Heißhunger drauf habe!

Jack the Crack: Also Heißhunger ist eine reine Willensschwäche. Du musst dich mental so stark machen, dass du deinen Körper in jeder Situation dominierst! Treibst du Sport?

Winnie: Ja, sehr gerne sogar. Ich gehe laufen, spiele Tennis und fahre immer mit dem Fahrrad zur Arbeit.

Jack the Crack: Das ist alles kein Sport! Ich schicke dir mal einen Link zu unserem Boot Camp. Da machen wir aus Memmen Männer. Und du wirst sehen, je dicker deine Muskeln werden, umso stärker wird auch dein Wille!

Winnie: Ja, danke für den Tipp, Jack! Werde ich gerne einmal ausprobieren.

Kec- Man: Wieviel Gramm Eiweiß isst du am Tag?

Winnie: Das weiß ich nicht.

Kec-Man: Wie bitte? Wiegst du dein Essen denn nicht ab?

Winnie: Nein, warum?

Jenny: Ach, du lieber Gott….

Kec- Man: Wie behältst du denn dann den Überblick über dein Nährstoffverhältnis und deinen Grundumsatz?

Winnie: Was ist denn mein Grundumsatz?

Thorsten: Ich glaube, wir müssen bei Winnie ganz von vorne anfangen, Leute!

Carmen: Also Eiweiß ist ja nun auch nicht so ganz unbedenklich!

Kec-Man: Was sollte denn an Eiweiß ungesund sein?

Carmen: Zuviel davon zum Beispiel!

Kec-Man: Quatsch !!!

Carmen: Kein Quatsch!

Carsten: Auf jeden Fall keine Kohlehydrate! Also kein Brot, keine Nudeln, Kartoffeln, kein Mehl und kein süßes Obst!

Winnie: Das darf ich alles nicht essen?

Carsten: Auf keinen Fall. Weißt du was Kohlehydrate mit deinem Körper anstellen?

Winnie: Und was darf ich essen?

Kec-Man: Fleisch auf jeden Fall, weil da viel gesundes Eiweiß drin ist.

Veganella: Ich fasse es ja nicht! Das ist ja die größte Lüge überhaupt. Typisch für diese beschissene Gesellschaft!

Kec-Man: Was hast du denn für ein Problem???? Und was ist eine Lüge?

Veganella: Also, ich habe ein großes Problem mit solchen Mördern wie dir und dass du auch noch zum Tiermord aufrufst. Und die größte Lüge überhaupt ist, Fleisch und gesund in einem Satz zu nennen!

Carmen: Rotes Fleisch ist wirklich ungesund. Ich esse nur Pute!

Carsten: Geflüge ist dioxinbelastet, genau wie Eier. Sehr bedenklich! Da ist Rindfleisch vom Metzger deines Vertrauens schon die bessere Wahl!

Carmen: Nein, rotes Fleisch ist krebserregend!

Verena: Nur, wenn du es salzt!

Carmen: Quatsch, immer! Ich schicke dir mal einen Link!

Verena: Am besten isst du Fisch, Winnie. Natürlich ungesalzen.

Carsten: Fisch ist hochgradig
schadstoffbelastet!!! Fische nehmen die hohen Giftstoffe im Meer auf und geben sie an den Menschen weiter.

Veganella: Ja klar, fischt doch die Meere weiter leer! Gut, dass dann eure Kinder später gar nicht mehr wissen, wie Fische aussehen!

Carsten: Ich habe doch gesagt, dass man keine Fische essen soll.

Veganella: Dich habe ich doch auch gar nicht gemeint!

Winnie: Und was ist jetzt erlaubt?

Tolli: Wasser!

Winnie: Nur Wasser???

Tolli: Wasser ist unglaublich wichtig für deinen Körper. Ich trinke jeden Tag vier Liter Wasser.

Winnie: Und was isst du?

Carmen: Beim Wasser darauf achten, dass es ohne Kohlensäure ist.

Winnie: Ihhhhh….

Jack the Crack: Denke an deine Willensstärke. Ihhhh gibt es nicht, Ihhh ist schwach!!! Du hast dich übrigens noch gar nicht angemeldet zum Camp.

Winnie: Ja, äh, ich habe es mir noch nicht durchgelesen. Mache ich noch….

Mandy: Ich bin ja der Meinung, dass es nicht darauf ankommt, WAS du isst, sondern WANN! Ich esse nur morgens um 5.30 Uhr und dann nochmal um viertel nach drei am Nachmittag. Ansonsten nehme ich nichts zu mir. Und seitdem bin ich ein völlig neuer Mensch.

Winnie: So früh morgens schlafe ich noch, und am Nachmittag muss ich arbeiten. Ich habe um 10 Uhr Frühstückspause und um 13 Uhr Mittagspause. Und dann esse ich abends so gegen 19-20 Uhr, wenn ich wieder daheim bin.

Jenny: Ach du lieber Gott…

Mandy: Das ist ja unverantwortlich!!! Du musst unbedingt deine Essenszeiten ändern.

Winnie: Ja, wie gesagt, das geht ja aufgrund meines Jobs nicht!

Mandy: Ja, dann musst du dir einen anderen Job suchen. Gesundheit geht IMMER vor!

Winnie: Aber ich mag meinen Job!

Mandy: Deine Entscheidung…tzzzz!

Kec-Man: Du hast aber auch nicht wirklich Ahnung, Mandy! So wie du dich ernährst ist es total ungesund. Du brauchst 5 kleine Mahlzeiten am Tag.

Mandy: Ich weiß nicht, wo du dein Halbwissen her hast, aber das ist ja mal total falsch.

Kec-Man: Glaub ich aber nicht…

Mandy: Glaube ich für dich mit, denn ich habe schließlich eine zweiwöchige Ausbildung zur Ernährungsheilpraktikerin gemacht. Ich weiß sehr wohl, wovon ich spreche.

Kec-Man: Ernährungsheilpraktikerin, ich lach mich tot…

Mandy: Iss du nur 5mal am Tag, dann bist du eh bald tot.

Thorsten: Freunde, das bringt doch den Winnie jetzt nicht weiter. Also, iss viel Eiweiß und noch mehr Gemüse.

Verena: Aber nur ungesalzen!!!

Carsten: Also Gemüse…ich weiß ja nicht! Das sind ja pure Pestizide !!!

Veganella: Ich habe mal ein tolles Rezept für einen Kichererbsenauflauf verlinkt, Winnie. Darin ist alles enthalten, was dein Körper braucht und es schmeckt auch noch.

Kec- Man: Wenn das schmeckt, nenn mich Horst !!!

Veganella: Horst !!!!

Winnie: Also wie jetzt…kein Fleisch, kein Fisch, kein Gemüse, keine Kohlehydrate, keine Eier…

Verena: Kein Salz !!!!

Winnie: Ok, kein Salz! Aber was bleibt denn dann noch?

Tolli: Wasser! Habe ich doch schon gesagt. Wasser ist das Lebenselixier für deinen Körper!

Carsten: Mineralwasser ist mit mehr Kolibakterien belastet als eine öffentliche Toilette. Tolles Lebenselixier!

Tolli: Ich verwende ja auch ausschließlich selbstgefiltertes Regenwasser.

Carsten: Und du denkst bei den Schadstoffen in der Luft ist das dann besser???

Veganella: Ja sooooo typisch. Wenn es um EURE Luft geht, dann habt ihr Angst und tut was. Aber wenn es um arme Tiere geht, das ist euch scheißegal.

Kec-Man: Boah, kann einer diese Körnertante mal entfernen, die nervt …

Tolli: Mein Wasser ist nicht schadstoffbelastet. Ich lege Bergkristalle in die Regentonne!

Verena: Hab mir das Rezept mal durchgelesen. Da ist ja viel zu viel Salz drin.

Veganella: Ja wenn du mal auf Schlachttiere so achten würdest, wie auf dein scheiß Salz….

Verena: Es ist nicht MEIN Salz, ich hasse Salz, du dusselige Kuh!

-Winnie hat die Gruppe verlassen-

Walderdbeeren

Hinterm Horizont – Teil 10.

Selbst hier, in dem kleinen Ökosystem im Schiff, jenseits jedes Horizonts, hatte es eine ganze Weile gebraucht, bis wir akzeptieren konnten, dass unsere ganze Weltanschauung ein Trugbild war. Wir waren nicht die Krone der Schöpfung, sondern ihre Schöpfer. Wir waren nicht unverzichtbar, sondern Ballast. Wir waren nicht einmal mehr die Dirigenten unseres eigenen Lebens, selbst das war längst von uns aus der Hand gegeben worden. Aber kein Roboter hatte damit gerechnet, dass wir psychisch komplett kollabieren würden, kaum dass die letzten Strahlen der Sonne uns verlassen hatten.

Und doch hatte es auch positive Auswirkungen. Denn unsere kleine Gruppe von erwachten Menschen stand nicht direkt unter dem Einfluss eines künstlichen Gehirns. Wir hatten es geschafft, uns von unserer selbstverschuldeten und gewählte Unmündigkeit zu emanzipieren und das künstliche Gehirn hatte sich uns nicht in den Weg gestellt. Wir hatten vielmehr alte, längst vergessene Instinkte neu entdeckt. Den Drang nach Bewegung und einem Sinn im Leben, Faszination und Neugier, die Fähigkeit, sich für etwas zu begeistern. Teilweise sogar die Fähigkeit zu lieben. Wir gliederten uns aber in die Rangordnung ein und leisteten unseren Beitrag zum großen Ganzen, zum gemeinsamen Ziel.

Für Bob aber war diese Fähigkeit sich zu begeistern gefährlich geworden. Die verlorene Mannschaft war bereits so damit ausgelastet, sich der Panik vor dem Nichts hinzugeben, dass der Anblick eines Maschinenmenschen sie gänzlich überforderte. Aus ihrer Lethargie gerissen taten sie das einzige, was sie noch konnten, und griffen ihn in den ersten Tagen immer wieder an oder warfen Gegenstände nach ihm. So beschloss er sich, in den Korridoren einen Mantel über den Arm zu legen oder einen langen Handschuh zu tragen. Es erstaunte uns alle, dass überhaupt jemand noch so aufmerksam war, den Arm zu bemerken.

Dennoch reagierte der Mensch, wie immer, wenn er etwas nicht begreifen konnte. Einigen Leuten reichte es nicht, dass Bob seinen Arm verbarg. Sie lehnten ihn grundsätzlich ab und empfanden seine Abkehr von der reinen Fleischlichkeit als Verrat an, als Angriff auf ihre eigene Integrität. Was teilweise noch größere Auswirkungen hatte, war, dass sie ihn nicht mehr als Mensch, sondern als Maschine wahrnahmen. Damit war er in ihren Augen zu einer niederen Existenz geworden, wie die Roboter es waren.

Zu einer Existenz, die aber dennoch ihre Aufmerksamkeit wert war. Wenn er in ihrem Sichtfeld erschien, erwachten sie kurz aus ihrer Lethargie, um ihn ihre Ablehnung spüren zu lassen. Teilweise richtete sich ihr Zorn auch gegen uns, die seine Gesellschaft nicht nur duldeten, sondern sogar schätzten.

In unserem Ansehen stürzten sie damit nur noch weiter ab. Es waren die Roboter, die immer wieder bemüht waren, die Wogen zu glätten und uns zu trösten. Sie suchten immer wieder nach Erklärungen und verheimlichten uns, dass die Angriffe auf Roboter und uns Arbeiter in Ansätzen geplant und organisiert worden waren. Sie wussten, dass dadurch die Fronten undurchdringbar verhärtet worden wären. Sie hätten uns als Verräter an dem gesehen, was sie für überlegen hielten, als Kollaborateure mit einem Feind, der an ihrem Sturz arbeitete. Wir hingegen hätten sie als Verräter an der Kolonie gesehen, als Saboteure unseres Schiffs.

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Hinterm Horizont – Teil 7.

„Unterteilt ihr inzwischen auch in wir und die, wobei wir neben uns die Roboter einschließt und die sich auf die anderen Menschen bezieht? Ich fühle mich inzwischen eher den Maschinen zugehörig, immerhin arbeiten wir auf das gleiche Ziel hin. Wir sind es, die das Schiff am Laufen halten und die Systeme reparieren. Wir sind es, die eine Kolonie gründen werden und gemeinsam etwas erschaffen. Wir werden ein Erbe hinterlassen. Ist es verrückt, das als ein erstrebenswertes Ziel zu sehen?“

 

Das betretene Schweigen fand erst ein Ende, als es bereits Zeit war, das Essen zu beenden. Vielleicht war ich nicht der erste gewesen, der diesen Gedanken gehabt hatte, aber ich war der erste, der ihn aussprach. Auch wenn es den tiefsten Instinkten zu widersprechen schien, irgendwo mussten sie mir zustimmen. Teils missmutiges Murmeln, teilweise aber auch versteinerte Mienen umringten den Tisch. Ja, sie sahen es ebenfalls so. Selbst Katharina, die jeden Abend wieder zu ihrem Mann ins Bett kroch, den sie angeblich so liebte, stimmte mit leiser und bebender Stimme zu. Bald würde sie sich eingestehen müssen, dass ihre Liebe inzwischen zu Verachtung geworden war, und eine schwere Zeit würde für sie anbrechen. „Generation Taugenichts“ waren unsere Ahnen gerufen worden und ihre Kinder hatten es als einen stolzen Titel etabliert. Wieso wollte uns das einfach nicht mehr reichen?

Wie jeden Samstag war heute Abend Kinoabend und wie jeden Samstag würden wir auch diesmal wenigstens die Hälfte der Zuschauer sein. Die restliche Besatzung würde, statt vor der Leinwand, zu hunderten weiterhin vor dem Fenster kleben oder irgendwelche Streitereien suchen. Sie hatten nichts, wovon sie sich erholen mussten. Wir hingegen schon. Und noch etwas war da, was wir erst spät realisiert hatten.

Unsere Gruppe, welche im Kino immer einen Cluster zu bilden schien, hatte mehr Köpfe als schlagende Herzen. In unserer Mitte fanden sich immer auch einige Androiden, die sich unter dem Vorwand sozialer Studien mit in die Filme setzten und mit uns um die Wette fieberten, ob der Held es schaffen würde, den Tag zu retten, beziehungsweise auf welche Weise er es schaffen würde. Sie waren Bestandteil unserer Gruppe und gehörten zu uns, niemand stellte das infrage. Die Anzahl der stumpfen Augen, manischer Besatzungsmitglieder, welche hier nur ihre Zeit absaßen, war im Laufe der Zeit beständig gesunken. Wenn ich ehrlich mit mir selbst war, dann kam mir das nur gelegen. Ich wollte meine Zeit nicht mit ihnen verbringen. Die meisten von ihnen waren ungepflegt und stanken, wenn sie etwas zu sagen hatten, dann war es meistens nichts von Belang oder Interesse und ihre ewig gelangweilten und müden Blicke strengten mich an.

Viel faszinierender war es außerdem, die Androiden zu beobachten. Sie erschienen mir so viel menschlicher und wärmer, als die fleischlichen Begleiter. Sie folgten den Filmen mit Begeisterung und vor Neugier glühenden Augen. Sie diskutierten mit uns und verstanden nicht, wieso in den alten Zukunftsszenarien so oft ein böser Roboter vorkam, der die Menschheit versklaven wollte. Woher rührte diese Panik vor den eigenen Geschöpfen? Kam es daher, dass sie nach dem Vorbild ihrer Erschaffer entstanden waren und die menschlichen Eltern Angst davor hatten, ihre mechanischen Kinder könnten zu menschlich werden?

Ebenfalls wenig Verständnis gab es für die Geschichte einer lebendigen Holzpuppe, die unbedingt ein echter Junge sein wollte. Wieso wollte er nicht seine Situation analysieren und die Vorteile, die sich ihm daraus boten entsprechend nutzen? Wieso wollte er fehlerhaft, schwach und verletzlich sein, nur um einem Status zu entsprechen? Unseren robotischen Freunden erschloss sich das nicht und einige von uns gaben die Diskussion einzig und allein aus dem Grund auf, weil sie es genau so wenig verstehen konnten.

Ich konnte das Unverständnis ebenfalls gut nachvollziehen. Auch wenn meine Verletzung wieder gut heilte und der Arm bald wieder uneingeschränkt nutzbar war, er würde dennoch immer schwächer bleiben, als ein mechanischer Arm. In den meisten Fällen wäre das völlig unproblematisch, aber immer wieder auch ein nerviges Hindernis, welches mir meine eigene Unzulänglichkeit vor Augen hielt.

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