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Herz voller Geschichten

Es gibt Tage, da quillt das Herz über vor Geschichten. Es will sich frei brüllen, ausschütten, allen Frust von der Seele tanzen und in freudigen, goldenen Erinnerungen baden. Es will von leuchtend roten Sonnenuntergängen träumen, während der leichte Wind der Nacht die Baumwipfel streichelt, will den Sand unter seinen Füßen spüren, der von weichen Wellen durchnässt wurde. Es will in den Augen geliebter Personen versinken können und das Salz auf ihrer Haut schmecken. Wie ein Sturmwind würde es auf dem Rücken von wahren Bestien reiten, oder im Bauch höllischer Maschinen, hinweg fegend über weite Ebenen oder durch enge Schluchten. Scharfe Klippen oder monumentale Prachtbauten würden vorüberschießen, viel zu schnell, als dass man sie wirklich erfassen könnte. Dann wieder würde es am Tisch einer Bauernfamilie im Mittelalter sitzen, während die schwarze Nacht draußen nur von scharfen Blitzen erhellt wird und ein Unwetter an den Fensterläden reißt, als würde es den ganzen Hof von der Erdkarte pusten wollen. Im Ofen prasselt ein warmes Feuer und im schummrigen Schein der Kerzen sitzt das Herz auf einem Holzschemel und erzählt eifrig lauschenden und weit aufgerissenen Augen und Ohren von fernen Ländern voller abenteuerlicher Tiere, fremder Düfte, atemberaubender Naturwunder, feiner Gewürze und Öle und unfassbarer Maschinen.

Das alles würde das Herz gerne machen, aber es ist niemals alleine in einem Körper. Eine Etage weiter wohnt der Geist, und wenn er Amok läuft, dann droht er das arme Herz mit all seinen Geschichten zu ersticken. Dann breitet sich sein grauer Nebel von Stumpfsinn und Müdigkeit bis in jede Finger-, Zehen- und Haarspitze aus. Dann reißt jeder zierliche Faden eines Gedankens und eines Traumes ab, wird durchschlagen von endlosen Zahlenkolonnen, dringlichen Aufgaben, lästigen Pflichten, unangenehmer Fristen oder erschlagender Verantwortung. Gnadenlos, wie ein Feuer, frisst sich der Geist in jede Faser seines Wirtes, denn er duldet keine Götter neben sich, ohne Pause, ohne Luft zu holen. Erst, wenn er sich schlafen legen möchte und zur Ruhe gezwungen wird, wagt sich das verkümmerte Herz hervor, nimmt den Geist vorsichtig an der Hand und sie begeben sich auf eine Reise voller ungeahnter Wunder. Denn auch wenn sich der Geist kaum traut es zuzugeben, ohne das Herz würde er die Nächte allein und unter erstickenden Tränen verbringen.

Blockade

Ein wirrer Kopf voller Gedanken, Bildern, Geschichten und ein leerer Bildschirm und ein weißes Blatt Papier, die nur darauf warten, dass man sie füllt. Geschichten, die Formen und Konturen annehmen. Ecken, an denen man sie greifen kann, drehen und ordnen, bist sie nicht nur Sinn ergeben, sondern auch Eleganz und eine gewisse Ästhetik bekommen. Doch etwas ist da im Weg.

Ein Gefühl von Anspannung, Verzweiflung, Langeweile und gleichzeitig Stress und Blockade. Der Drang, etwas zu schreiben, etwas zu erschaffen. Ein Drang, der alles andere überdeckt, ablenkt und Aufmerksamkeit fordert. Draußen tobt das Leben. Leute begegnen sich, treffen sich, verlieben sich, genießen die Sonne, das Leben, die Gesellschaft. Drinnen warten immer noch geduldig das weiße Blatt Papier und der leere Bildschirm. Langsam wächst die Verzweiflung, Selbstkritik, Scham, Panik. Die Geschichten verlieren ihre Kontur, die Kanten beginnen auszufransen, wie Wolken bei steigendem Luftdruck.

Immer mehr Details fliegen davon. Je fester man versucht, an ihnen festzuhalten, so schneller sind sie weg. Wie die dunklen Punkte, welche auf den weißen Streifen flimmern, die eine schwarze Fläche in Karos unterteilen. Das Leben ist inzwischen von den Straßen und aus den Parks verschwunden. Vereinzelte Autos rauschen durch die Straßen, aber immer noch bemächtigt diese lähmende Unruhe mein Innerstes, umklammert diese Panik mein Herz.

Versagt, ich habe versagt. Verloren sind die Bilder, die Geschichten, die tanzenden Buchstaben. Verloren sind Geschichten über verlaufene Kinder, über wagemutige Helden, fremde Welten und Zeiten. Nie wieder wird das strahlende Lächeln der Amazone ihre Feinde zum Zittern und Erschaudern bringen. Zum letzten Mal stürzt der Pilot mit seinem Doppeldecker wild trudelnd aus den Wolken, um sich im letzten Moment wieder fangen zu können.

Niemals wird die feine Dame aus altem Adel wissen, wie es sein wird, ihren Stolz zu vergessen und gemeinsam mit den Eingeborenen an diesen fremden Küsten das Lager zu verlassen und im tiefsten und undurchdringbarsten Wald nach den Spuren vergangener Kulturen zu forschen. Niemals wird sie gezwungen sein, das Vertrauen in ihre eigenen Kräfte zu gewinnen und ihr Wissen über Kräuter und Heilpflanzen wird wertlos bleiben. Genau so, wie das Versprechen ihres Verlobten, ihr Herz immer in Ehren, und ihr ewige Treue zu halten. Er benötigt nicht einmal ihre Reise, um anderen Röcken nach zu jagen und es gibt nichts, was ihn vor wütenden Ehemännern und ihrem Rachedurst retten kann.

Zu Staub zerfallen die Träume und Geschichten. Wie dem klebrigen, pulverigen Staub, der unter den Stiefeln des einsamen Astronauten knirscht. Das Mutterschiff wurde beim Abkoppeln der Landefähre beschädigt. Hauch feine Risse in der Hülle, nicht sichtbar und dennoch groß genug für die Gasmoleküle. Es dauerte nur Sekunden, bis das Blut der Bordbesatzung zu kochen begann und bereits eine Minute später war er tot. Noch bevor die Landefähre auf dem Mond aufsetzen konnte, waren die beiden Leichen bis zum Kern durchgefroren. Und nachdem sein Kollege die Nerven verloren hatte, und beim Anblick der Erde, wie sie sich zaghaft über einen grauen Horizont erhob, den Helm abgenommen hatte, war von der einst so ruhmreichen Mission nur noch eine einsame, verlorene Seele übrig. Irgendwann würden ihm Wasser, Sauerstoff, Nahrung und Energie ausgehen. Vielleicht heute, vielleicht auch erst in einer Woche. Dann war auch diese Geschichte Vergangenheit.

Was von ihnen bleibt ist nur die Anspannung. Und leere Seiten.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 135.

Herzschmerz

Tina zog ein Gesicht, bei dem selbst Flo erkennen musste, dass etwas nicht stimmte. Mit hängenden Schultern saß sie in der Mensa und stocherte lustlos auf ihrem noch vollen Teller herum. Das gemeinsame Mittagessen sah heute einmal etwas anders aus, da Mia noch arbeiten musste und Erik bei einem Projekt eingebunden war, worum er ein riesiges Geheimnis machte. So waren am Ende nur Flo und Tina übrig geblieben und genau so gut hätte Flo hier alleine sitzen können. Die Zeiten, dass Tina heimlich für Flo geschwärmt hatte, waren ebenfalls lange vorbei. Zu viel war in den letzten Monaten und Jahren passiert.

Flo beobachtete mit leicht nachdenklich schief gelegtem Kopf, wie Tina eine einzelne Erbse aufspießte, vorsichtig in den Mund nahm und die nächsten zwei Minuten behäbig darauf herum kaute. Dabei waren ihre Augen durchaus nicht so leer, wie in den letzten Wochen, wenn sie sich unbeobachtet fühlte. Jetzt spiegelte sich offene Traurigkeit darin wieder, und es schien ihr egal, ob sie beobachtet wurde, oder nicht. Flo grübelte kurz und entschloss sich dann, einen Schuss ins Blaue zu wagen.

„Wie geht es deinem Zwerg?“

Wie aus tiefen Gedanken schreckte Tina hoch, sah ihn kurz an und senkte dann wieder den Blick.

„Ganz gut soweit. Nichts Neues mehr seit der letzten Untersuchung und die nächste ist erst in drei Wochen. Aber im Augenblick wüsste ich nichts, was für Probleme sorgen könnte.“

„Wie wäre es damit, dass du nichts isst? Oder dein Gesichtsausdruck wie sieben Tage Regenwetter?“

Wenn er wirklich ganz ehrlich zu sich selber war, dann liebte er das Spiel mit dem Feuer ein ganz kleines Bisschen. Und ein Spiel mit dem Feuer war es im Moment wirklich. Noch behielt Tina aber die Kontrolle über sich selbst.

„Dem Würmchen geht es gut, das hat nichts damit zu tun. Du kannst das nicht verstehen. Ihr könnt das alle nicht verstehen. Erik hat Mia, du hast deine Kristina, sogar Marco hat eine neue Dumme gefunden. Jeder findet irgendwie wen, nur ich bleibe allein. Und wenn ich dann doch einmal jemanden finde, der wirklich was drauf hätte, dann will er natürlich nichts von mir.“

Zum Ende des Satzes hin war jede Wut aus ihrer Stimme gewichen und grenzenlose Enttäuschung hatte ihren Platz eingenommen. Sie blickte mit einem Gesicht auf ihren Teller, bei dem Flo sich wunderte, wieso er keine dicken Tränen laufen sah. Tina war nicht innerlich tot, aber sehr schwer verletzt. Und er hatte immer geglaubt, es sei für Frauen einfacher, einen Partner zu finden. Besonders wenn sie sehr gut aussahen und, so fair musste er sein, Tina hatte von Mutter Natur einen ausgesprochen schicken Körper geschenkt bekommen. Wie passte das zusammen?

„Du hast also wen kennengelernt? Wieso wollte er dich denn dann nicht? Ist ihm das mit dem Kind zu viel?“

„Davon weiß er noch nicht einmal. Es war nur ein Date, wir waren etwas Essen, er hat darauf bestanden, mich einladen zu dürfen und hat sich hinterher aufgespielt wie was-weiß-ich, weil ich ihn nicht gleich in mein Bett eingeladen habe. Dabei wirkte er eigentlich zuerst noch recht vernünftig, aber plötzlich bin ich eine billige Schlampe, weil ich mich nicht auf dem ersten Date flachlegen lasse.“

Da war es wieder, das wütende Funkeln in ihren Augen. Gekränkter Stolz, angeschlagenes Selbstbewusstsein und die erstickte und zertrampelte zaghafte Hoffnung, doch einmal Glück gehabt zu haben. Und gleichzeitig auch ein starrer Trotz, sich nicht dadurch definieren und beherrschen zu lassen. Sie würde wieder aufstehen und stärker sein als zuvor. Stärker und unbarmherziger, kalt und grausam wie das ewige Eis der Berge, welches jeden Wanderer einforderte, der es wagte, sie bezwingen zu wollen, ohne zu wissen, worauf er sich eingelassen hatte. Trotz des schönen Wetters kroch eine Gänsehaut über Flos Rücken und er wandte sich hastig wieder seinem Essen zu, ehe er sich in diesen Augen verlor.

Marco mochte noch nur Mittel zum Zweck gewesen sein, doch ihr nächster Freund würde schwer arbeiten müssen, um über den Status des bloßen Spielzeugs hinaus zu kommen. Irgendwo empfand Flo Mitleid mit dem unbekannten Kerl aber er konnte sie verstehen. Es war unmöglich zu sagen, wie er selbst sich in ihrer Situation benehmen würde. Vermutlich wäre er auch nicht gerade wohlwollend. Mit groben Bewegungen und lautem Klappern lies sich Mia auf den Platz neben Tina fallen. Gierig schaufelte sie sich einen großen Bissen in den Mund und sah sich dann zufrieden kauend in der kleinen Runde um.

„Alles okay bei euch? Sieht nicht gerade nach Partystimmung aus hier.“

„Tina ist etwas gefrustet.“

„Oh nein, war er doch ein Reinfall? Das tut mir so leid, Schatz.“

Und noch ehe Tina selbst überhaupt irgendetwas sagen konnte, hatte Mia ihr Besteck beiseitegelegt und sie mit einer unerwarteten Zärtlichkeit in den Arm genommen. Flo hatte zwar mitbekommen, dass Mia und Tina sich in letzter Zeit erstaunlich gut verstanden, aber er hatte immer noch die Furie Mia vor Augen, die in eifersüchtige Tiraden ausgebrochen war, weil dieses Mädchen ihren Freund auch nur falsch angesehen hatte. Ganz zu schweigen von der Tina, wie sie Erik in einem ruhigen Moment geküsst hatte, ohne seine Zustimmung abzuwarten. Wenigstens darin glichen sich die beiden Frauen. Sie fragten nicht lange, sie handelten lieber und nahmen sich, was sie wollten.

Und nun saßen diese beiden hier, die noch vor einem halben Jahr erbitterte Feinde gewesen waren, und kuschelten, als wären sie schon immer ein Herz und eine Seele gewesen. Flo hatte Fragen, die er sich im Moment nicht zu stellen wagte. In Mias Armen wirkte die kleine Tina noch einmal besonders zierlich und zerbrechlich und Flo hoffte inständig, dass Mia sich keinen perversen Spaß aus ihrem Leid machte, um irgendeine perfide Rachefantasie zu befriedigen.

Wasserkuppe