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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 157.

Weihnachten fällt aus

Weicher Kerzenschein tauchte das Wohnzimmer in ein schummriges aber warmes Licht. Kristina hatte im Herbst einige Kerzenleuchter auf einem Flohmarkt entdeckt, die sie jetzt im Wohnzimmer aufgestellt und montiert hatte. Das Licht glitzerte auf den zarten Schneeflocken, die vor dem Fenster vorbei wirbelten, um sich auf dem Balkon oder dem Fensterbrett niederzulassen. Das dichte Treiben verschwand schon nach nur wenigen Metern in schwarzer Finsternis und selbst die Straßenlaternen auf der anderen Seite der Wohnung hätten kaum mehr hindurch leuchten können.

Die Stimmung hätte nur durch den Einsatz von leiser Musik oder einem knisternden Kaminfeuer noch kitschiger sein können. Umso mehr entsetzte es Flo, als er realisierte, dass es ihm eigentlich sogar gefiel. War er jetzt wirklich alt geworden? War er so sesshaft, dass er keinerlei Bedürfnis nach Rebellion oder Auflehnung gegen das System mehr verspürte? Es war ruhig, leise, entspannend, fehlte ihm an nichts und Kristina hielt ihm einen Keks vor die Nase. Gemeinsam in eine Kuscheldecke gewickelt standen sie am Fenster und beobachteten den filigranen Tanz der Flocken. So ließ es sich doch gut leben.

„Du, Schatz, sag doch mal. Ich habe dich noch überhaupt nicht gefragt, was du dir zu Weihnachten wünschst.“

Damit hatte sie recht, und es war ihm nicht einmal aufgefallen. Weihnachten könnte so schön sein, wenn da nicht dieser Stress wäre, immer etwas finden zu müssen, um die Wirtschaft zu befeuern. Er seufzte.

„Stimmt, das hast du nicht. Aber immerhin habe ich dich das auch nicht gefragt. Bei mir ist es ganz leicht. Ich habe alles, was ich brauche. Abgesehen von einer Zukunft vielleicht, aber das kommt sicherlich noch.“

„Du hast doch eine Zukunft. Mit mir gemeinsam sogar, oder etwa nicht? Und irgendwas muss es doch geben, womit ich dir eine Freude machen kann?“

„Das tust du doch eh schon. Wieso willst du das denn ändern?“

„Das will ich ja nicht, aber zu Weihnachten macht man sich doch immer eine Freude.“

Und da war sie dann doch noch, seine Rebellion gegen das Althergebrachte. Es war so ein gemütlicher Abend gewesen und auf einmal platzte dieses Thema herein und stellte sich breitschultrig und provokant in den Raum. Wieso sollte er zulassen, dass es ihm jetzt die Stimmung vermieste?

„Pass auf, wie würde es denn für dich klingen, wenn wir Weihnachten dieses Jahr einfach mal ausfallen lassen? Wir sparen uns den ganzen Zirkus, legen uns stattdessen einfach schön in die Badewanne, essen etwas Leckeres und machen uns einfach einmal keinen Stress.“

Kristina sah ihn mit großen Augen an und wusste erst einmal nichts zu erwidern. Kein Weihnachten? Beziehungsweise ein Weihnachten, bei dem es einfach einmal nur um sie beide ging? Ein solcher Gedanke war ihr bislang nie wirklich gekommen und er verunsicherte sie gründlich.

„Und dann habe ich überhaupt nichts für dich und du am Ende wohl etwas für mich?“

„Du hast doch dann Zeit und deine Gesellschaft für mich. Reicht das denn nicht? Einfach nur wir beide. Wir können auch dann gemeinsam etwas Lustiges backen, wenn dir das lieber ist. Aber mach dir bitte keinen Stress mit irgendwelchen Geschenken.“

„Nur, wenn du es wirklich so meinst und dir dann auch keinen Stress machst.“ Die Antwort kam zögerlich aber ernst gemeint. Er lächelte zufrieden, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und der Kerzenschein ließ den Schnee besonders golden und friedlich glitzern.

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Und einen kleinen „Bonus“ gibt es noch dazu.

Wer etwa 10 Minuten Zeit erübrigen kann, den möchte ich bitten einmal eben hier zu klicken und seinen Senf abzugeben. Ihr würdet mir damit auf jeden Fall sehr helfen. Es ist dabei auch völlig unerheblich, ob Ihr euch schon einmal mit dem Thema befasst habt oder nicht. (Und ich hoffe, dass es endlich alles funktioniert.)

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 142.

Das Klischee klopft an

Auch wenn die Bibliothek der Uni recht gut ausgestattet war, stieß auch dieses Sortiment einmal an seine Grenzen. Und genau diese Grenzen hatte Flo erreicht, indem er eine Vorlesung belegt hatte, die ein Buch benötigte, was in der Bibliothek nicht verfügbar war. Es blieb nur die Möglichkeit, es zu kaufen, und das glücklicherweise zu einem recht niedrigen Preis. Und um den lokalen Markt etwas zu unterstützen, entschloss er sich, von seiner gewohnten Route abzuweichen und das Buch im Buchhandel an der alten Uni zu besorgen.

Offenbar stand er allerdings vor dem falschen Regal, denn nichts, was er hier sah, war ungefähr das, was er suchte. Ähnliche Titel und andere Ausgaben des Buches, ungünstigerweise auch noch zum wenigstens fünffachen Preis. Das war es ihm beim besten Willen nicht wert. Aus dem Augenwinkel sah er einen unscheinbaren Stapel, der genau nach dem aussah, was er eventuell suchen könnte. Doch dann betrat das Klischee den Laden und er hielt sich lieber mit offenen Ohren im Hintergrund.

Die alte Uni war die Bastion der Paragrafenritter und Rechtsverdreher, der Hauptsitz der Juristen. Regelmäßig fand man einzelne Exemplare von ihnen auch auf dem Campus und an der Zentralbibliothek, die Meisten aber blieben hier versammelt, in ihrem ganz eigenen Mikrokosmos. Vielleicht würde dieses Exemplar hier sogar in der Masse untergehen, in Flos Wahrnehmung aber stach er wie ein bunter Hund heraus. Segelschuhe, Stoffhosen mit Bügelfalte, Poloshirt mit aufgestelltem Kragen, der perfekte Rahmen für die blonde Mähne. Und als er den Mund aufmachte, klangen seine Worte derart gestelzt, dass Flo sich tatsächlich zusammennehmen musste.

„Guten Abend. Ich würde gerne meine letzten Nachlieferungen bezahlen.“

Soviel hatte Flo bereits mitbekommen. Spätestens alle halbe Jahre gab es eine neue Ausgabe der Gesetzestexte und damit einhergehend eine Nachlieferung über die veränderten Passagen zum selbst auswechseln. Über ein praktisches Abomodell konnte man so automatisch die Nachlieferungen beziehen und immer die aktuellen Gesetze zur Hand haben. Er hätte allerdings nicht erwartet, dass man nachträglich in den Buchhandel gehen konnte, um vor Ort zu bezahlen. Doch hier stand der feine Herr und wollte die Rechnung begleichen. Nur, dass er keine dabei hatte. War das nicht im Register irgendwo vermerkt?

Natürlich war alles im Register vermerkt. Es brauchte nur einen Namen, um daran zu kommen. Und dieser Name passte so gut zum Auftreten und dem Studiengang, dass sich vermutlich das Klischee höchstselbst schämte.

„Von Schönwald, Maximilian.“

Natürlich reichte ein einfacher Max nicht aus, es musste die lange Version sein. Ob er sich auch mit diesem Namen von seinen Freunden ansprechen ließ? Flo konnte es sich fast vorstellen. Und dann dazu auch noch dieser erschrockene Ausruf, als er erfuhr, dass er noch ganze vier Nachlieferungen offen hatte. Der Preis dazu war für das bisschen Altpapier geradezu unverschämt, doch Maximilian von Schönwald zückte die Karte, mit der er das schon immer erledigt hatte, ohne sich von seinem entspannten Lächeln abbringen zu lassen. Wenn Flo es sich recht überlegte, dann konnte man dieses entspannte Lächeln auch als überheblich interpretieren. Dafür bräuchte es vielleicht etwas Fantasie, aber es würde noch besser ins Klischee passen. Ein solcher Overkill wäre allerdings einfach zu viel des Guten.

Der Stapel, den er noch aus dem Augenwinkel gesehen hatte, beinhaltete genau das Buch, nach dem er gesucht hatte. Und das auch noch in allen erdenklichen Abwandlungen und Ausgaben. Jetzt, wo der beste Teil der Sondervorstellung des werten Herrn von Schönwald aufgeführt worden war, brauchte er sich auch nicht mehr zurückzuhalten. Er griff das Objekt seiner Begierde und löste Maximilian von Schönwald an der Kasse ab.

Mit einem verhaltenen Grinsen im Gesicht bezahlte Flo das Buch, wegen dem er gekommen war, als das Kontrastprogramm den Laden betrat. Ein verschlafenes Mädchen in zerknittertem Jogginganzug und dicken Gesetzestexten unterm Arm schlurfte herein. Weswegen genau sie kam, hörte Flo schon nicht mehr. Er war bereits wieder auf dem Heimweg. So überspitzt und karikierend Klischees auch immer waren, sie hatten immer auch einen wahren Kern irgendwo, ähnlich wie Fabeln. Allerdings war er selten auf ein Exemplar gestoßen, wo es dermaßen ausgeprägt war. Das Erlebnis faszinierte ihn zutiefst.

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