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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 169.

Ausschlafen am Wochenende

Eines der großen Vorteile von Wochenenden ist, dass nicht zwangsläufig der Wecker die Nacht beendet, sondern der Tag selbst eine Chance dazu bekommt. Wenn die Sonne durch die Vorhänge linst und man nicht wacht wird, weil die Zeit vorbei ist, sondern weil man tatsächlich ausgeschlafen ist.

Die Theorie könnte so schön sein, wenn sie sich denn auch daran halten würde. Aber der Körper gewöhnt sich an gewisse Rhythmen und wacht dann auch zu den Zeiten auf, die er gewohnt ist. Ob die Zeit dazu schon reif ist oder nicht, spielt erst einmal eine untergeordnete Rolle. Und so kam es dann, dass Flo nach immerhin sechs Stunden Schlaf, was wenigstens zwei zu wenig für ihn waren, entnervt auf die Uhr sah.

Sonnenaufgang war für ihn nie ein Kriterium zu Wachwerden gewesen. Er hatte auch gerne einmal bis mittags durchschlafen können, nur um dann weitere Stunden einfach nur faul da zu liegen. Aber das war einmal. Inzwischen hatte er sich daran gewöhnt, an den Wochenenden bei Kristinas innerem Zeitplan mitzuspielen. Das hieß, gegen zehn Uhr aus dem Bett zu krabbeln und zu frühstücken. Nur waren es selbst bis dahin noch zwei Stunden Zeit, und trotz neu in die Bettdecke wickeln und umdrehen schaffte er es nicht, noch einmal einzuschlafen. Und das trotz bleierner Müdigkeit.

Welchen Wert hatte denn ein Wochenende, wenn der Wecker zwar nicht um sechs Uhr klingelte, er aber doch keinen erholsamen Schlaf nachholen konnte? Kurz spielte er mit dem Gedanken, einfach schon einmal aufzustehen und das Frühstück vorzubereiten, aber dabei würde er vermutlich Lärm machen und seine Freundin wecken. Sollte er sich stattdessen an den Schreibtisch setzen und liegen gebliebene Arbeit aufholen? Es wäre notwendig aber ungefähr so verlockend, wie von einer kalten Dusche geweckt zu werden.

Während er grübelte, angelte er Kristinas Kuscheltier zwischen den Kissen hervor. Das rosane Plüschschwein begleitete sie schon seit ihrer Kindheit und war ganz selbstverständlich auch in ihrem Bett eingezogen, selbst wenn ihr einziger Kontakt dazu noch war, es gelegentlich von hier nach da zu räumen, wenn es ihr im Weg war. Stattdessen belächelte sie Flo, wenn er es hervorzog und damit spielte oder mit ihm redete. Von seinen Kindheitserinnerungen hatte keines das Haus seiner Eltern verlassen. Wozu auch? Er hatte ja jetzt das Schwein.

Als Kristina eine Stunde später aufwachte, fand sie Flo, fest schlafend mit ihrem Kuscheltier auf dem Brustkorb liegend. Es schien ihr fast, er würde dort ein Baby halten. Sie konnte nicht sagen, was dieser Gedanke mit ihr machte, aber er beunruhigte sie und erfüllte sie gleichzeitig mit Glück. Heute würde sie nicht direkt aufstehen, stattdessen kuschelte sie sich noch etwas zu Flo und dem Schwein und gab sich ihren Grübeleien hin.

Golden Gardens Seattle

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 168.

Terminmanagement

Die Klausur hat erst einmal Vorrang, danach habe ich ja dann immer noch eine Woche in der ich die eine Hausarbeit schreiben kann, die andere ist ja fast fertig, das dauert doch sicherlich nur noch einen Tag und die dritte kann ich ja dann immer abends nach dem Praktikum machen und an den Wochenenden. Also Samstag abends und sonntags dann. Das ist dann eine effektive Zeitnutzung.

So hatte Flo es sich ausgemalt und seine Zeit durchgeplant, obwohl er bereits von Anfang an genau wusste, dass es nicht aufgehen würde. Er kannte sich gut genug und wusste, dass er dafür zu faul sein würde. Abgesehen davon, würde Kristina es ihm übel nehmen, wenn er sie zu sehr vernachlässigte. Wenn er sich dazu überhaupt selbst hätte überreden können. Er hätte also jetzt seine Zeit am Schreibtisch verbringen und eifrig die Tastatur müssen. Es wunderte niemanden, dass er das nicht tat.

Stattdessen füllte er seine Oxytocinvorräte wieder auf und verbrachte den Abend mit Kristina auf dem Sofa. Worüber sie sich unterhielten könnte er in ein paar Minuten nicht mehr sagen, sein Gehirn lief bereits auf Sparflamme und ohne Filter. Er reagierte darauf, was sie ihm erzählte, erzählte selbst, was ihm gerade durch den Kopf wanderte, aber nichts davon schaffte es bis in sein Langzeitgedächtnis. Selbst das Kurzzeitgedächtnis hatte bereits Feierabend und sammelte nur noch das Nötigste ein.

Und so verpasste er dann auch, dass sie ihm mitteilte, an welchem Tag sie denn auf dem Geburtstag ihres Vaters bei ihren Eltern sein würden. Er verpasste, dass sie nächste Woche erst später zuhause sein würde, weil sie das Firmenjubiläum vorbereiten mussten und er verpasste auch, dass sie ihn bat, mit ihrem Rezept auf dem Heimweg am Montag in der Apotheke vorbei zu gehen.

In den kommenden Wochen würden einige Überraschungen auf ihn warten, mit Terminen, von denen er vorher noch nie etwas gehört hatte, obwohl Kristina ihm jeden einzelnen davon aufgezählt hatte. Wäre sie selbst etwas aufmerksamer gewesen, dann hätte sie bemerkt, dass ihr Freund bereits zur Hälfte im Traumland weilte, und hätte lieber Notizzettel geschrieben. So aber würden die Überraschungen genau so auf sie selbst warten..

Discovery Park

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 167.

Tiny Homes

„Hier, sieht dir das mal an. Die sind doch völlig verrückt. Ein ausgemusterter Container für mehr als zehntausend Euro. Aber offenbar gibt es Leute, die das dafür bezahlen wollen. Wie bei den Europaletten, die kann man auch inzwischen für viel Geld im Baumarkt kaufen, um sich da seine Möbel daraus zu basteln.“

Kristina sah Flo über die Schulter und verstand nicht so recht, was er ihr damit sagen wollte. Der Container auf dem Bild war reichlich verbeult und alt, nicht besonders ansehnlich und mit vielen rostigen Stellen.

„Wieso guckst du dir vierzig Fuß Seecontainer an? Was willst du damit? Ich würde den ja nicht einmal geschenkt haben wollen, wie der aussieht. Und was heißt das vierzig Fuß?“

„Das ist die Größe, es gibt auch noch halbe Größen und anscheinend auch noch Übergrößen. Ich war nur neugierig, nachdem ich gesehen habe, dass man damit Häuser bauen kann.“

„Häuser? Aus Containern? Bist du sicher, dass die Wohncontainer daraus gebaut werden und nicht aus speziellen Containern?“

„Nein, ich meine keine Wohncontainer, wie auf den Baustellen. Ich meine Containerhäuser. Warte, ich such dir ein Bild raus.“

Flo hämmerte für ein paar Momente auf den Tasten herum und zauberte eine Bildergalerie aus den Untiefen des Internets, die eine Serie von Konstruktionen zeigte, die offensichtlich aus verschiedenen gestapelten und bearbeiteten Containern bestanden. Es waren Momente wie dieser, wo Kristina daran zweifeln wollte, dass bei ihrem Freund alles in ordentlichen Bahnen lief. Die Bilder mochten ja als Häuser beschriftet sein, aber wenn sie an eine Wohnung oder ein Haus dachte, dann kam ihr alles Mögliche in den Sinn, was überhaupt nichts hiermit zu tun hatte.

„Die sind doch völlig verrückt. Daran kann man doch nicht wohnen. Das Raumklima muss schrecklich sein, die Wände können nicht atmen, die Dämmung ist ein Albtraum und so wie das aussieht, ist es extrem laut.“

„Außerdem kannst du nicht mal eben einen Nagel in die Wand hauen. Aber wenn man einmal umziehen will, dann braucht man nur den Container aufladen.“

Das mochte ja stimmen, aber Kristina war nicht fürs Nomadenleben gemacht. Genau so wenig wie Flo, nur dass er es sich gerade offenbar nicht eingestehen wollte. Stattdessen sah er sie nun erwartungsvoll an, wartete auf ihre Zustimmung in irgendeiner Form.

„Nein. Egal was du vor hast, nein! Du schlägst dir das jetzt mal schön aus dem Kopf.“

Mochte er sie mit großen Hundeaugen ansehen, bis er vertrocknete, aber in dieser Sache würde sie ihm nicht entgegen kommen. Es gab einfach keinen Grund dafür.

„Und außerdem sind wir hier quasi gerade eben erst eingezogen. Es ist eine gute Wohnung, wieso sollten wir gleich wieder umziehen?“

Schmollend starrte Flo auf seinen Laptop. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Kristina von der Idee begeistert sein würde, aber er war dennoch überrascht von der heftigen Reaktion. Dabei hatte er nicht einmal vorgehabt umzuziehen. Er war wirklich einfach nur neugierig gewesen.

„Du würdest mich am Ende noch hier raus werfen. Ich habe nicht einmal vorgehabt, so etwas zu bauen. Ich fand es nur faszinierend, was manche Leute so machen. Ich würde doch auch nicht in einen Container oder ein Silo ziehen.“

Und auch wenn er sich ehrlich nicht vorstellen konnte, tatsächlich in ein Tiny Home zu ziehen, auf engstem Raum zu leben, die Faszination darüber blieb bestehen.

Lindau

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 162.

Filterblasen

Flo hatte eigentlich nur etwas Neues ausprobieren wollen. Einen Weg an Nachrichten zu kommen, abseits der Tagesschau oder der großen Zeitungen. Erfolgreich war er darin gewesen, wenn auch nicht ganz auf die Art, die ihm vorgeschwebt hatte. Bei näherer Betrachtung war das Internet voller Nachrichten. Die wenigsten davon waren allerdings neu und so oder so, die meisten hatten eine Färbung, die ihn sehr stark nicht nur an der Echtheit der Meldungen zweifeln ließ, sondern auch am gesunden Menschenverstand.

„Sollte ich nicht eigentlich in einer Filterblase leben? Ich dachte immer, die Suchmaschine erstellt Persönlichkeitsprofile und gibt mir nur entsprechend gefärbte Ergebnisse aus. Offenbar hab ich dann immer ein extrem verzerrtes Bild von mir gehabt.“

Kristina antwortete ihm nicht mehr auf seine Frage. Sie war über ihrem Laptop eingeschlafen, auf dem noch die aktuelle Folge ihrer Lieblingsserie lief. Mutter und Tochter tanzten mitten in der Nacht durch einen festlich geschmückten Park voller bunter Lichter. Eine heile kleine Welt, voller Drama, was sich immer durch Gespräche auch wieder lösen ließ. Und was tat sich auf seinem Tablet?

„Schon wieder hat ein Syrer eine Deutsche mit einem Messer angegriffen.“

„Sofortige Abschiebung von Straftätern ist ein Muss, auch in unsichere Herkunftsländer!“

„Kann die CSU die Regierungsbildung noch retten?“

„Wieso eine schärfere Obergrenze unausweichlich ist.“

„Gegen die feindliche ISLAM-Invasion, haltet Deutschland sauber!“

Ja war denn diese Welt völlig bescheuert geworden? Und vor allem: Was musste er angerichtet haben, plötzlich in dieser fremden Filterblase gelandet zu sein? Keine einzige dieser Schlagzeilen klang für ihn nach mehr, als nach erbärmlichem Populismus. Hieß es nicht immer, dass die Algorithmen einem nur die Artikel anzeigen sollten, die einen persönlich mit höherer Wahrscheinlichkeit auch ansprachen? Schließlich sollte man sie anklicken und den entsprechenden Portalbetreibern dadurch Werbeeinnahmen bescheren.

Eines musste er zugeben, die CSU-Meldung hatte ihn immerhin zum Lachen gebracht. Es bedurfte schon einer gehörigen Portion Sarkasmus, zu behaupten, diese Partei könne irgendetwas retten. Besonders, wenn sie bislang mit nichts anderem als Sabotageakten in der betreffenden Angelegenheit von sich hatte reden machen. Dass sie sich nicht schämten, überhaupt ihren eigenen Parteinamen auszusprechen. Aber wieso sollte er sich überhaupt damit befassen?

Viel mehr wunderte er sich sowieso über die letzte Meldung. Nach was musste er gesucht haben, um plötzlich Rechtsaußen gelandet zu sein, bei der Meldung eines „christlichen Heimatschutzvereins“? Flo musste zugeben, dass er sich auch nicht für den Islam begeistern konnte. Aber das galt im gleichen Maße für das Christentum, genau wie alle anderen theistischen Religionen. Sie alle litten an der gleichen epidemischen Geltungssucht und kurzsichtigen Ignoranz. Keine von ihnen war fähig, nachhaltig zu denken und zu agieren. Die Menschheit wäre sicherlich besser dran ohne sie. Aber ein großer Vernichtungskrieg war hier sicherlich der falsche Weg.

Er war sich darüber im Klaren, dass es naiv war. Dennoch genoss er die Illusion, die Menschen würden sich von ihren Krücken befreien, wenn sie nur einmal eine vernünftige Grundbildung erhielten. Besonders im naturwissenschaftlichen Bereich. Das musste doch möglich sein. Und wenn man dann noch eine gemeinsame Sprache beherrschte und miteinander redete … in einer solchen Welt konnte doch kein Platz für Kleingeister sein.

Aber die Realität sah immer noch anders aus und das widerte ihn an. Er schloss die Nachrichtenseiten und startete stattdessen eine Dokumentation über kleine Pandas. Es musste doch unverfänglicher sein, den kleinen roten Fellkugeln beim Toben zuzusehen. Dennoch, seine gute Laune war verflogen. Es waren Tage wie dieser, an denen er an sich selbst zu zweifeln begann.

Er wollte doch eigentlich ein guter Mensch sein, immer den kategorischen Imperativ im Hinterkopf. Seinem Streben nach Selbstverbesserung stand seine eigene Faulheit schon zur Genüge im Weg. Aber wenn er jetzt über die Welt nachdachte, dann fiel ihm auf, dass ihm die Menschen im Krieg eigentlich egal waren. Er kannte keinen Einzigen davon und so oder so gab es viel zu viele. Klar, das war der natürliche Instinkt, der Drang zur Fortpflanzung. Er selbst würde sich auch über Nachwuchs freuen, keine Frage! Aber würde er ihn wirklich in diese Welt setzen wollen?

Zärtlich streichelte er über Kristinas Bauch, während auf dem Bildschirm gerade zwei kleine Pandas zu alberner Musik mit einem Futterspender rangen. Vielleicht würde es ihm ja eines Tages egal werden, aber aktuell noch nicht.

Schwarzes Moor Rhön

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 158.

Liebe Leser,

ich wünsche euch allen ein ruhiges und entspanntes Fest und hoffe, dass ihr die Tage gut genießen könnt. Und zu den Feiertagen gibt es dann auch noch einmal eine frische Ausgabe, diesmal über ein Thema, von dem ich kaum glauben konnte, dass es wirklich existiert. Die Welt dreht dennoch unbeeindruckt weiter ihre Kreise.

Smootiepartys

„Noch einmal eben zum Mitschreiben, damit ich sicher sein kann, dass ich mich nicht verhört habe. Ihr wollt wo hingehen?“

„Eine Smoothieparty. Ja, das heißt wirklich so. Nora hat das irgendwo ausgegraben und hat Elly und mich gefragt, ob wir mit kommen wollen.“

Flo und Kristina sahen Mia etwas fassungslos an. Kristina hatte sich auf Anraten einer Freundin einmal an Smoothies probiert, die darauf schwor, dass es den perfekten Hintern machen würde. Nach dem Ersten aber hatte Kristina sich als geheilt betrachtet und war auf einmal überhaupt nicht mehr so unglücklich mit ihrem Körper gewesen. Und nun wollte Mia auf eine Party, bei der sich alles nur um dieses fiese Zeug drehte?

„Das ist da in dem einen Laden in der Altstadt. Die veranstalten wohl einmal im Monat dieses Jahr eine Detox Party, und es gibt nur Smoothies. Aber dafür alle Arten und Sorten. Es soll echt immer ziemlich super sein und gut besucht.“

Das konnte doch unmöglich ernst gemeint sein. Nur Smoothies und das dann auch noch bei guter Stimmung? Es gab Kombinationen, die passten einfach nicht. Kristina kratzte sich auf eine Weise an der Stirn, von der Flo wusste, dass sie ein Indiz für eine geistige Entgleisung war.

„Gut, dann nehme ich bitte einen fermentierten Getreide-Hopfensmootie.“

„Du meinst Bier? Tut mir leid, aber Detox heißt, kein Alkohol. Es gibt echt nur Smoothies, auch keine Cola oder so. Aber der Mixer hat wohl ziemlich gute Rezepte mir Reismilch und der Kurkuma Smoothie soll richtig super sein.“

„Man kann wohl einige verrückte Sachen machen, aber offenbar bin ich nicht hip genug für diese Art der Abendgestaltung.“

Kristina zog die Beine an und schlang die Arme um die Knie. Es gab nicht viel, was ihr gerade weniger verlockend erschien und sie konnte Flos Dankbarkeit für diese Meinung in ihrem Rücken regelrecht fühlen. Es war das richtige Wetter für einen heißen Kakao, einen echten, mit echter Sahne. Oder wahlweise auch einen saftigen Burger. Reisdrinks mit Chiasamen und Bananen waren sicherlich das Letzte, was ihr in den Sinn kam. Mia hingegen zog eine Schnute.

„Muss man hip sein, um eine Party ohne Alkohol zu machen? Das wäre echt traurig.“

„Es geht nicht um den Alkohol. Es geht darum, dass ich noch nie einen leckeren Smootie gefunden habe. Da erscheint mir eine Party, wo es einfach keine brauchbare Alternative gibt, einfach nicht verlockend. Aber ich will dir auf keinen Fall den Spaß daran vermiesen. Tina und du könnt gerne dahin gehen und uns hinterher erzählen, ob es sich lohnt. Oder möchtest du das einmal testen und gleich mit hin, Schatz?“

Sie drehte sich kurz zu Flo um, brauchte ihm nicht einmal in die Augen zu sehen, um die Antwort zu kennen, und stupste ihn stattdessen kichernd an. Eine Party, bei der es kein Bier gab, war für ihn Zeitverschwendung. Auch wenn er sich in letzter Zeit erstaunlich milde gezeigt hatte, weniger trank und sich auch einmal mit Wein zufrieden gegeben hatte. Einiges blieb doch immer noch eine Konstante, die nicht verändert wurde. Alles andere hätte sie auch sehr überrascht.

Damit hat es sich für dieses Jahr dann auch ausgetuschelt. Zu Silvester werde ich vermutlich keine Ausgabe schaffen, da ich die kommenden Tage wohl kein Internet zur Verfügung haben werde.

Wenn ihr es noch nicht längst erledigt habt, dann könnt ihr mir aber vielleicht die Freude machen und euch noch an meiner Umfrage beteiligen 😉 Das ist zwar wenig Freude zum Fest, aber bietet vielleicht noch etwas Diskussionsstoff mit den Lieben Verwandten, falls es mal etwas „unverfänglicheres“ braucht.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 157.

Weihnachten fällt aus

Weicher Kerzenschein tauchte das Wohnzimmer in ein schummriges aber warmes Licht. Kristina hatte im Herbst einige Kerzenleuchter auf einem Flohmarkt entdeckt, die sie jetzt im Wohnzimmer aufgestellt und montiert hatte. Das Licht glitzerte auf den zarten Schneeflocken, die vor dem Fenster vorbei wirbelten, um sich auf dem Balkon oder dem Fensterbrett niederzulassen. Das dichte Treiben verschwand schon nach nur wenigen Metern in schwarzer Finsternis und selbst die Straßenlaternen auf der anderen Seite der Wohnung hätten kaum mehr hindurch leuchten können.

Die Stimmung hätte nur durch den Einsatz von leiser Musik oder einem knisternden Kaminfeuer noch kitschiger sein können. Umso mehr entsetzte es Flo, als er realisierte, dass es ihm eigentlich sogar gefiel. War er jetzt wirklich alt geworden? War er so sesshaft, dass er keinerlei Bedürfnis nach Rebellion oder Auflehnung gegen das System mehr verspürte? Es war ruhig, leise, entspannend, fehlte ihm an nichts und Kristina hielt ihm einen Keks vor die Nase. Gemeinsam in eine Kuscheldecke gewickelt standen sie am Fenster und beobachteten den filigranen Tanz der Flocken. So ließ es sich doch gut leben.

„Du, Schatz, sag doch mal. Ich habe dich noch überhaupt nicht gefragt, was du dir zu Weihnachten wünschst.“

Damit hatte sie recht, und es war ihm nicht einmal aufgefallen. Weihnachten könnte so schön sein, wenn da nicht dieser Stress wäre, immer etwas finden zu müssen, um die Wirtschaft zu befeuern. Er seufzte.

„Stimmt, das hast du nicht. Aber immerhin habe ich dich das auch nicht gefragt. Bei mir ist es ganz leicht. Ich habe alles, was ich brauche. Abgesehen von einer Zukunft vielleicht, aber das kommt sicherlich noch.“

„Du hast doch eine Zukunft. Mit mir gemeinsam sogar, oder etwa nicht? Und irgendwas muss es doch geben, womit ich dir eine Freude machen kann?“

„Das tust du doch eh schon. Wieso willst du das denn ändern?“

„Das will ich ja nicht, aber zu Weihnachten macht man sich doch immer eine Freude.“

Und da war sie dann doch noch, seine Rebellion gegen das Althergebrachte. Es war so ein gemütlicher Abend gewesen und auf einmal platzte dieses Thema herein und stellte sich breitschultrig und provokant in den Raum. Wieso sollte er zulassen, dass es ihm jetzt die Stimmung vermieste?

„Pass auf, wie würde es denn für dich klingen, wenn wir Weihnachten dieses Jahr einfach mal ausfallen lassen? Wir sparen uns den ganzen Zirkus, legen uns stattdessen einfach schön in die Badewanne, essen etwas Leckeres und machen uns einfach einmal keinen Stress.“

Kristina sah ihn mit großen Augen an und wusste erst einmal nichts zu erwidern. Kein Weihnachten? Beziehungsweise ein Weihnachten, bei dem es einfach einmal nur um sie beide ging? Ein solcher Gedanke war ihr bislang nie wirklich gekommen und er verunsicherte sie gründlich.

„Und dann habe ich überhaupt nichts für dich und du am Ende wohl etwas für mich?“

„Du hast doch dann Zeit und deine Gesellschaft für mich. Reicht das denn nicht? Einfach nur wir beide. Wir können auch dann gemeinsam etwas Lustiges backen, wenn dir das lieber ist. Aber mach dir bitte keinen Stress mit irgendwelchen Geschenken.“

„Nur, wenn du es wirklich so meinst und dir dann auch keinen Stress machst.“ Die Antwort kam zögerlich aber ernst gemeint. Er lächelte zufrieden, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und der Kerzenschein ließ den Schnee besonders golden und friedlich glitzern.

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Und einen kleinen „Bonus“ gibt es noch dazu.

Wer etwa 10 Minuten Zeit erübrigen kann, den möchte ich bitten einmal eben hier zu klicken und seinen Senf abzugeben. Ihr würdet mir damit auf jeden Fall sehr helfen. Es ist dabei auch völlig unerheblich, ob Ihr euch schon einmal mit dem Thema befasst habt oder nicht. (Und ich hoffe, dass es endlich alles funktioniert.)

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 150.

Des Pudels Wurzel

Es war noch früh am Abend, doch die herbstliche Nacht war bereits hereingebrochen. Der Mond lies die Schatten der letzten Balkonpflanzen an der Wohnzimmerwand tanzen, unbemerkt von Flo oder Kristina, die einen Oxytocin-geladenen Abend auf der Couch verbrachten. Im silbernen Schimmer von Mond und Fernseher lag Flo in Kristinas Schoß gekuschelt, selig vor sich hin dösend und die Streicheleinheiten genießend. Es war für beide eine lange Woche gewesen und für den heutigen Freitagabend hatten sie nichts Besseres mehr vor. Es war noch nicht sehr lange her, dass Flo erschrocken festgestellt hatte, dass er seine früheren Partyexzesse nicht im geringsten vermisste.

Gerade, als ihnen beiden, selig aneinander gekuschelt, die Augen zufallen wollten, klingelte es an der Tür. Das weiche Licht des Mondes und der harte Widerschein des Fernsehers ließen auf der Uhr an der Wand die Zeiger glitzern. Nicht einmal halb 9 war es, also keine unmögliche Uhrzeit. Dennoch war Flo zerknirscht, als er sich vom Sofa rollen ließ. Um diese Zeit war Besuch, besonders unangekündigter, sehr ungewöhnlich. Aus Kristinas Freundeskreis gab es immer wieder spontane Besuche, aber aus der Uni tat kaum jemand die kurze Reise mit der Bahn, wenn es nicht geplant war.

Vor der Türe stand ein großer, aufwendig dekorierter Kuchen, gut verstaut in einem Tortenbutler in den Händen Mias. Mit einem schüchternen Lächeln winkte sie ihm zu.

Ich wollte mich nur mal für den ganzen Kuchen revanchieren, den du mir im Bachelor immer gebacken hast. Und außerdem musste ich das hier mal üben.“ Sie hielt ihm den Tortenbutler hin. „Bin demnächst auf einer Hochzeit eingeladen und habe leichtsinnigerweise versprochen, einen Kuchen mitzubringen. Ich habe ihn noch nicht probiert, aber so oder so, wollte ich dann die Meinung eines Experten haben. Da kommst ja nur du infrage. Und ich hatte irgendwie den Eindruck, es wäre ein guter Zeitpunkt für einen Überraschungsbesuch.

Noch immer überrascht bat Flo sie hinein. Seit sie mit Erik Schluss gemacht hatte, war Funkstille zwischen ihnen gewesen. Sie hatte sich nicht mehr gemeldet und auch auf seine Nachrichten nur noch eher sporadisch reagiert. Dennoch, er sah sie weiterhin als eine alte Freundin und natürlich war sie auch willkommen. Sein Angebot einer Tasse Tee konterte sie mit einer Flasche Wein im Rucksack.

Kurz darauf saßen sie zu dritt um den Küchentisch und kauten genüsslich auf dem Kuchen. Sie hatte es etwas gut mit dem Backpulver gemeint, aber ansonsten war er tatsächlich sehr gut geworden. Doch auch wenn sie ehrlich dankbar für Flos Verbesserungsvorschläge war, und sich um ein ungezwungenes Gespräch bemühte, sowohl Flo als auch Kristina spürten deutlich, dass sie nicht nur für Rezepte und Small Talk gekommen war. Bis zur Antwort auf dieses Rätsel sollte es beinahe die ganze Flasche Wein dauern.

„Hast du eigentlich noch einmal etwas von Erik gehört?“

Die Frage kam zögerlich, zaghaft, mit einem deutlich zärtlichen Unterton, und selbst wenn sie sich nach Kräften bemühte, ihre Augen konnten nicht lügen. Mia vermisste Erik, ehrlich und aus vollem Herzen. Dennoch, dahinter steckte doch mehr. Flo wurde misstrauisch.

„Natürlich. Letzte Woche waren wir noch abends weg, aber diese Woche habe ich ihn nicht mehr gesehen. Wieso fragst du?

Ach, nur so. Ich wollte nur sichergehen, dass es ihm gut geht. Ich höre ja überhaupt nichts mehr von ihm. Er hat auch einiges in der Wohnung gelassen, was eigentlich ihm gehört. Ich dachte, er meldet sich vielleicht noch deswegen.“

Erik hatte seine Sachen zu einem Zeitpunkt aus der Wohnung geholt, von dem er wusste, dass Mia nicht da war. Das wusste sie auch, und dennoch erwartete sie, dass er sich meldete? Irgendwo passte das sogar ins Bild. Und dennoch glitzerte die Sehnsucht in ihren Augen. Natürlich waren auch an ihr die zwei Jahre nicht spurlos vorbei gegangen. Für sie war Erik immer noch jemand ganz Besonderes, und es verletzte sie, dass er sie so einfach vergessen zu haben schien. Nur zugeben würde sie das natürlich niemals, dafür war ihr Stolz viel zu starrsinnig. Beinahe jedenfalls.

„Er hätte mir ja wenigstens seine neue Adresse sagen können.“

„Wieso hätte er das tun sollen? Du hast nicht nur einfach mit ihm Schluss gemacht, du hast ihn gleich ersetzt. War es nicht absehbar, dass er nicht der Typ für eine solche dreier Konstellation ist? Mich wundert ehrlich gesagt, wie lange er das durchgehalten hat. Im Augenblick würde ich ihm etwas Ruhe und Abstand lassen. Später kannst du dich immer noch bei ihm melden, aber es ist die Frage, ob er auch antworten will.“

„Wir waren doch eigentlich das perfekte Paar und jetzt will er nicht mehr mit mir reden. Ich habe es wirklich ziemlich verbockt, oder?“

Mia starrte mit leerem Blick aus dem Fenster und hing einer Erinnerung nach, von der Flo nicht sagen konnte, wie sie überhaupt darauf gekommen war. Das perfekte Paar war in seinen Augen dann doch etwas anders gewesen. Alle paar Monate hatte einer der beiden bei ihm gesessen und Rat benötigt. Und woher kamen jetzt diese Gedanken?

„Läuft es gerade mit Tina nicht so gut?“ schaltete sich Kristina in das Gespräch mit ein, und erntete dafür einen irritierten aber vielsagenden Blick von Mia.

„Doch, natürlich ist da alles super. Sie ist eine absolut tolle Frau! Ich kann nicht nachvollziehen, wie Erik sie jemals hat abweisen können. So süß, liebevoll, zärtlich und intelligent. Okay, gelegentlich ein kleiner Dickkopf, aber das bin ich ja auch. Nein, sie ist schon echt fantastisch.“

„… aber?“

„Wieso aber? Es gibt kein aber. Mit ihr ist es wirklich sehr schön. Sie bringt so viel Wärme mit in die Wohnung. Es ist schon echt kein Vergleich zu einem Mann.“

Für einen winzigen Augenblick umspielte ein spitzbübisches Lächeln Kristinas Mund, zu dezent, um in der weinseligen Stimmung weiter aufzufallen.

„Achso, dann ist das des Pudels Wurzel? Der Mann fehlt! Du hast Glück, wir haben noch Möhren im Kübel draußen. Wenn du möchtest, kannst du eine Dicke davon haben.“

Und während Erik prustend vom Stuhl fallend die weiße Wand mit einem feinen roten Weinschleier überzog, Mia sie mit entsetztem Blick und weit aufgerissenem Mund anstarrte, steckte sich das unschuldigste und engelsgleichste Mädchen der Welt eine Gabel voll Torte in den Mund und kaute genüsslich, als habe sie keine Ahnung, was sie gerade gesagt hatte.

Fremont Rakete

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 148.

Versagt

„Ich habe versagt.“

Diese Erkenntnis sickerte aus Flos Gehirn und troff den Rücken entlang wie kochendes Öl. Er wusste, dass er an seiner letzten Hausarbeit fast eine Woche an Zeit eingebüßt hatte, aber dass es so ernst war, sah er erst jetzt, beim Blick auf den Kalender. Er war bereits mindestens eine Woche weiter im Jahr, als er es in seinem Kopf geplant hatte und diese Woche würde sich bitterlich bemerkbar machen.

„Ich habe versagt. Ich kann das nicht realistisch schaffen.“

Hausarbeiten, Nachklausuren und eine Exkursion. Was konnte er davon streichen, ohne zu großen Schaden anzurichten? Er hatte gewusst, dass seine Planung ambitioniert gewesen war, aber er hatte sich unbedingt beweisen wollen, dass er dazu fähig war. Er wollte seine Defizite aufholen und in der Regelstudienzeit bleiben. Und jetzt das hier. Sein Körper reagierte mit einem kleinen Panikanfall. Herzrasen, Atemnot, kalter Schweiß, gelähmter Geist.

Das durfte nicht sein. Ihm würden Punkte fehlen. Er würde weitere Kurse belegen müssen. Er würde Zeit für seine Abschlussarbeiten verlieren und zurückfallen. Und auf einmal war alles wieder da, was er gehofft hatte, hinter sich zu haben. Die gleichen Gefühle wie vor etwas mehr als vier Jahren, als er in panischer Verzweiflung im Wohnungsflur gesessen hatte, unfähig sich koordiniert zu bewegen oder zu denken. Die Zeit, als er realisiert hatte, dass er sein altes Studium nicht beenden konnte und seine einzige Chance ein kompletter Neuanfang war. Die Momente, als sein gesamter Gedankenpalast ein lichterloh brennendes Holzboot zu sein schien, nachts auf einem Meer ohne sichtbare Küste. Würde er rechtzeitig abspringen können, oder würde es ihn mit in die Tiefe reißen?

Damals hatte er den Absprung geschafft. Er hatte den Neuanfang geschafft, als einer der ältesten bei Mia und Erik im Semester. Er hatte sich von seinem Rückschlag erholt, so hatte er geglaubt, und es war ihm überhaupt nicht schlimm vorgekommen. Er hatte sein Leben genossen und war zuversichtlich und entspannt gewesen. Wie genau hatte er das eigentlich gemacht? War ihm vielleicht einfach nur alles egal gewesen?

Jedenfalls war davon nicht viel übrig. Nicht jetzt und nicht hier. Stattdessen wünschte er sich entweder ein starkes Beruhigungsmittel, was vermutlich nicht legal frei erhältlich war, oder aber wenigstens eine Flasche Rum. Der Rum schied schon allein deswegen aus, weil er dann nicht mehr in der Lage sein würde, den morgigen Tag intensiv für die nächsten längst überfälligen Arbeitsschritte zu nutzen. Einen solchen Ausfall konnte er sich nicht wieder leisten. Aber er kannte sich gut genug. Der Ausfall war da und er würde nicht so einfach gehen. Die Zeiten, wo es ihm egal war, ob er ein oder zwei Semester länger brauchte, waren endgültig vorbei. Er durfte nicht mehr versagen, und doch …

Kristina würde ihn heute Abend auf dem Sofa sitzend vorfinden, die Kuscheldecke über den Kopf gezogen, manisch vor sich hin glotzend, mit blau unterlaufenen Augen ohne Ausdruck, dafür aber einem zusätzlichen Semester vor ihnen. Er traute sich kaum, die weitere Planung anzugehen. Zu groß war die Panik vor einem weiteren Schock oder Schlag ins Gesicht. So würde er vorerst nicht erfahren, dass er eigentlich nicht so weit zurück hing, wie er es befürchtete.

Schwarzes Moor

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 147.

Grüne Daumen

„Schatz, ich habe eine Idee für nächstes Jahr.“

Kristina verbrachte den Abend, wie sie es am liebsten tat. Den Kopf in Flos Schoß gelegt, mit einem Buch in der Hand und dem Blick die meiste Zeit über auf einen Punkt irgendwo im Nirgendwo über dem Sofa auf dem sie lag gerichtet. Flo setzte die Tasse mit frischem Kräutertee ab und kehrte aus seiner Gedankenwelt zurück. Der Fernseher lief schon lange nur noch fürs Hintergrundrauschen. In seinem Kopf tanzte seine Hausarbeit gerade einen wilden Tango und organisierte sie laufend neu. Entsprechend hatte er keine Ahnung, was seine Traumfrau meinen konnte, als er zu ihr hinab blickte.

„Wir holen uns einen Garten. Was hältst du davon?“

Was sollte er davon halten? Sie hatten doch bereits die Blumentöpfe auf dem Balkon? Wie sollte das denn funktionieren?

„Und wo stellen wir den hin? Auf den Balkon? Wie stellst du dir das denn vor und wer soll den tragen?“

„Wovon redest du denn? Wir holen doch den Garten nicht auf den Balkon. Aber einen kleinen Schrebergarten oder irgendwo hier eine kleine Parzelle. Dann haben wir vielleicht ein klein wenig mehr Platz auf dem Balkon und eine Möglichkeit, etwas Leckeres anzupflanzen. Tomaten zum Beispiel oder vielleicht auch Kürbisse. Klingt das nicht gut?“

„Kürbisse … hmm, was wäre mit Kartoffeln? Oder Möhren? Tomaten haben wir doch bereits auf dem Balkon und es klappt gut.“

Er sah zum Fenster hinaus auf den Balkon, der noch im letzten Dämmerlicht lag. Tomaten drängten sich wie ein Wald an der Seite, Erdbeeren und einige Küchenkräuter besiedelten die Blumenkästen. Er hatte sich nie besonders für Pflanzen interessiert. Das zählte zu den Seiten, die Kristina an ihm heraus poliert hatte. Es würde ihn ja stören, dass sie ihn formen konnte wie feuchten Ton, wenn er nicht das Gefühl hätte, dass sie immer seine besten Seiten hervor holte. Ganz abgesehen davon bemerkte er es immer erst, wenn es bereits viel zu spät war. Inzwischen trank er sogar weniger Alkohol, auch wenn ihm das niemals als etwas Negatives aufgefallen war. Sie mussten nicht groß diskutieren, er war bereits mit dem Kürbis überzeugt gewesen. Nur anmerken lassen wollte er es sich nicht.

„Und wir könnten auch Knoblauch oder Zwiebeln ausprobieren. Das wollte ich schon immer einmal, wegen der schönen Blüten. Genau so wie Rosen. Oder Bohnen? Es gibt so vieles, was ich mal ausprobieren möchte. Deine Kartoffeln und Möhren sollen sich übrigens auch noch gut vertragen, und wenn ich mir ansehe, wie gut du dich um die Pflanzen auf dem Balkon kümmerst, muss das doch was werden.“

Kristina schwärmte noch eine ganze Weile vor sich hin und versuchte ihn zu überzeugen, dass ein kleiner Garten genau das war, was ihnen noch fehlte. Es war bedauerlich, dass hinterm Haus nur ein gepflasterter Hof war. Das, was man da am besten anpflanzen konnte, waren Moos und Löwenzahn. Und selbst wenn ein Kohl hier überleben würde, mit dem Aroma vom Teer des alten Asphalts würde er sicherlich nicht genießbar sein können. Aber wer würde sich um den Garten kümmern? Kristina war es gewesen, die auf dem Balkon angefangen hatte, Pflanzen aufzustellen. Es hatte nicht lange gedauert, bis Flo sich darum kümmern musste, weil sie nicht dazu kam. Würde das bei einem Garten denn so viel anders laufen? Und würde ihn das überhaupt stören? Immerhin musste er zugeben, dass es ihm Spaß machte. Und dann auch noch eigene Kürbisse … Der nächste Herbst würde schmackhaft werden können.

Schlossgarten Brühl

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 144.

Neue Bleibe

„Ich schäme mich ja etwas, danach zu fragen, aber Kristina, kannst du mir etwas Zeit und dein Auto leihen?“

Flo hatte sich schon gefragt, was an diesem Tag besonders war. Es musste offensichtlich etwas los sein, denn Erik hatte sich mit dem Abendessen nicht nur besondere Mühe gegeben, er hatte ein regelrechtes Festmahl geschaffen. Ein herrlich duftender Auflauf mit buntem Salat und zum Nachtisch Pudding. Zu aufwendig und viel zu gut, um es einfach so zu machen. Kristina sah Erik nur fragend an. Der Art nach zu urteilen, wie er gefragt hatte, musste er geplant haben das Auto auf einen kleinen Urlaub zu entführen. Sie nickte unbestimmt und sah zu, wie sich Eriks Haltung entspannte. Nach kurzem Zögern lieferte er die Erklärung ab.

„Es sollte nicht zu lange dauern. Ich habe eine neue Bleibe gefunden. Eine kleine ein Zimmer Wohnung zwischen Uni und Altstadt. Es wäre schön, wenn ich das Auto leihen könnte, um meine Sachen dort hinzubringen. Ich möchte nicht öfter als nötig durch Mias Wohnung laufen. Mit dem Auto wäre das eine Fahrt, mit dem Bus ein paar mehr.“

„Mias Wohnung? Bist du nun also wirklich ausgezogen? Wollte sie sich nicht noch melden?“

„Ja, sie wollte sich vor zwei Wochen gemeldet haben, aber ich schätze, andere Dinge waren wichtiger. Wenn von ihr nichts kommt, dann kann ich auch nichts machen. Eines steht jedenfalls fest, ich blockiere euer Sofa schon viel zu lange. Morgen schaffe ich mir eine Luftmatratze und einen Schlafsack hinüber. Dann kann wenigstens bei euch endlich wieder etwas Normalität einziehen. Es ist höchste Zeit dafür.“

Flo und Kristina sahen einander stumm an. Sie hatten sich darüber unterhalten und waren zu dem Schluss gekommen, dass die Situation zwar merkwürdig aber keine Belastung war. Sie wollten Erik gerne helfen. Dass er jetzt selbst Schritte gegangen war, kam in dieser Form aber überraschend. Und auch wenn Flo es sich nicht eingestehen wollte, hätte er vielleicht sogar bereits seit einer ganzen Weile ahnen können, dass sein Traumpaar vor einigen dicken Problemen gestanden hatte. Tina war noch das Kleinere davon gewesen.

Wie sich die Zeit doch gewandelt hatte. Erst waren sie das perfekte Paar gewesen, vielleicht nicht immer ganz unkompliziert aber sie hatten es auch nie ohneeinander ausgehalten. Und als Tina versucht hatte, einen Keil zwischen sie zu treiben um mit Erik durchzubrennen, waren sie dennoch ein Herz und eine Seele gewesen. Und auf einmal war es nicht mehr Tina, die mit Erik durchgebrannt wäre, sondern Mia, die mit Tina das Bett teilte. Sie hatte sich von Erik getrennt und war so beschäftigt gewesen, dass sie es ihm nicht einmal mehr gesagt hatte. So etwas musste doch einfach wehtun.

Was allerdings niemand der Anwesenden wissen konnte, war, dass Mia zwar glaubte, alles im Griff zu haben, aber ihr Herz mit dieser Entscheidung in dieser Form nicht einverstanden war. Es wusste, was es wollte, und war keinen Kompromiss gewohnt.

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