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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 158.

Liebe Leser,

ich wünsche euch allen ein ruhiges und entspanntes Fest und hoffe, dass ihr die Tage gut genießen könnt. Und zu den Feiertagen gibt es dann auch noch einmal eine frische Ausgabe, diesmal über ein Thema, von dem ich kaum glauben konnte, dass es wirklich existiert. Die Welt dreht dennoch unbeeindruckt weiter ihre Kreise.

Smootiepartys

„Noch einmal eben zum Mitschreiben, damit ich sicher sein kann, dass ich mich nicht verhört habe. Ihr wollt wo hingehen?“

„Eine Smoothieparty. Ja, das heißt wirklich so. Nora hat das irgendwo ausgegraben und hat Elly und mich gefragt, ob wir mit kommen wollen.“

Flo und Kristina sahen Mia etwas fassungslos an. Kristina hatte sich auf Anraten einer Freundin einmal an Smoothies probiert, die darauf schwor, dass es den perfekten Hintern machen würde. Nach dem Ersten aber hatte Kristina sich als geheilt betrachtet und war auf einmal überhaupt nicht mehr so unglücklich mit ihrem Körper gewesen. Und nun wollte Mia auf eine Party, bei der sich alles nur um dieses fiese Zeug drehte?

„Das ist da in dem einen Laden in der Altstadt. Die veranstalten wohl einmal im Monat dieses Jahr eine Detox Party, und es gibt nur Smoothies. Aber dafür alle Arten und Sorten. Es soll echt immer ziemlich super sein und gut besucht.“

Das konnte doch unmöglich ernst gemeint sein. Nur Smoothies und das dann auch noch bei guter Stimmung? Es gab Kombinationen, die passten einfach nicht. Kristina kratzte sich auf eine Weise an der Stirn, von der Flo wusste, dass sie ein Indiz für eine geistige Entgleisung war.

„Gut, dann nehme ich bitte einen fermentierten Getreide-Hopfensmootie.“

„Du meinst Bier? Tut mir leid, aber Detox heißt, kein Alkohol. Es gibt echt nur Smoothies, auch keine Cola oder so. Aber der Mixer hat wohl ziemlich gute Rezepte mir Reismilch und der Kurkuma Smoothie soll richtig super sein.“

„Man kann wohl einige verrückte Sachen machen, aber offenbar bin ich nicht hip genug für diese Art der Abendgestaltung.“

Kristina zog die Beine an und schlang die Arme um die Knie. Es gab nicht viel, was ihr gerade weniger verlockend erschien und sie konnte Flos Dankbarkeit für diese Meinung in ihrem Rücken regelrecht fühlen. Es war das richtige Wetter für einen heißen Kakao, einen echten, mit echter Sahne. Oder wahlweise auch einen saftigen Burger. Reisdrinks mit Chiasamen und Bananen waren sicherlich das Letzte, was ihr in den Sinn kam. Mia hingegen zog eine Schnute.

„Muss man hip sein, um eine Party ohne Alkohol zu machen? Das wäre echt traurig.“

„Es geht nicht um den Alkohol. Es geht darum, dass ich noch nie einen leckeren Smootie gefunden habe. Da erscheint mir eine Party, wo es einfach keine brauchbare Alternative gibt, einfach nicht verlockend. Aber ich will dir auf keinen Fall den Spaß daran vermiesen. Tina und du könnt gerne dahin gehen und uns hinterher erzählen, ob es sich lohnt. Oder möchtest du das einmal testen und gleich mit hin, Schatz?“

Sie drehte sich kurz zu Flo um, brauchte ihm nicht einmal in die Augen zu sehen, um die Antwort zu kennen, und stupste ihn stattdessen kichernd an. Eine Party, bei der es kein Bier gab, war für ihn Zeitverschwendung. Auch wenn er sich in letzter Zeit erstaunlich milde gezeigt hatte, weniger trank und sich auch einmal mit Wein zufrieden gegeben hatte. Einiges blieb doch immer noch eine Konstante, die nicht verändert wurde. Alles andere hätte sie auch sehr überrascht.

Damit hat es sich für dieses Jahr dann auch ausgetuschelt. Zu Silvester werde ich vermutlich keine Ausgabe schaffen, da ich die kommenden Tage wohl kein Internet zur Verfügung haben werde.

Wenn ihr es noch nicht längst erledigt habt, dann könnt ihr mir aber vielleicht die Freude machen und euch noch an meiner Umfrage beteiligen 😉 Das ist zwar wenig Freude zum Fest, aber bietet vielleicht noch etwas Diskussionsstoff mit den Lieben Verwandten, falls es mal etwas „unverfänglicheres“ braucht.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 150.

Des Pudels Wurzel

Es war noch früh am Abend, doch die herbstliche Nacht war bereits hereingebrochen. Der Mond lies die Schatten der letzten Balkonpflanzen an der Wohnzimmerwand tanzen, unbemerkt von Flo oder Kristina, die einen Oxytocin-geladenen Abend auf der Couch verbrachten. Im silbernen Schimmer von Mond und Fernseher lag Flo in Kristinas Schoß gekuschelt, selig vor sich hin dösend und die Streicheleinheiten genießend. Es war für beide eine lange Woche gewesen und für den heutigen Freitagabend hatten sie nichts Besseres mehr vor. Es war noch nicht sehr lange her, dass Flo erschrocken festgestellt hatte, dass er seine früheren Partyexzesse nicht im geringsten vermisste.

Gerade, als ihnen beiden, selig aneinander gekuschelt, die Augen zufallen wollten, klingelte es an der Tür. Das weiche Licht des Mondes und der harte Widerschein des Fernsehers ließen auf der Uhr an der Wand die Zeiger glitzern. Nicht einmal halb 9 war es, also keine unmögliche Uhrzeit. Dennoch war Flo zerknirscht, als er sich vom Sofa rollen ließ. Um diese Zeit war Besuch, besonders unangekündigter, sehr ungewöhnlich. Aus Kristinas Freundeskreis gab es immer wieder spontane Besuche, aber aus der Uni tat kaum jemand die kurze Reise mit der Bahn, wenn es nicht geplant war.

Vor der Türe stand ein großer, aufwendig dekorierter Kuchen, gut verstaut in einem Tortenbutler in den Händen Mias. Mit einem schüchternen Lächeln winkte sie ihm zu.

Ich wollte mich nur mal für den ganzen Kuchen revanchieren, den du mir im Bachelor immer gebacken hast. Und außerdem musste ich das hier mal üben.“ Sie hielt ihm den Tortenbutler hin. „Bin demnächst auf einer Hochzeit eingeladen und habe leichtsinnigerweise versprochen, einen Kuchen mitzubringen. Ich habe ihn noch nicht probiert, aber so oder so, wollte ich dann die Meinung eines Experten haben. Da kommst ja nur du infrage. Und ich hatte irgendwie den Eindruck, es wäre ein guter Zeitpunkt für einen Überraschungsbesuch.

Noch immer überrascht bat Flo sie hinein. Seit sie mit Erik Schluss gemacht hatte, war Funkstille zwischen ihnen gewesen. Sie hatte sich nicht mehr gemeldet und auch auf seine Nachrichten nur noch eher sporadisch reagiert. Dennoch, er sah sie weiterhin als eine alte Freundin und natürlich war sie auch willkommen. Sein Angebot einer Tasse Tee konterte sie mit einer Flasche Wein im Rucksack.

Kurz darauf saßen sie zu dritt um den Küchentisch und kauten genüsslich auf dem Kuchen. Sie hatte es etwas gut mit dem Backpulver gemeint, aber ansonsten war er tatsächlich sehr gut geworden. Doch auch wenn sie ehrlich dankbar für Flos Verbesserungsvorschläge war, und sich um ein ungezwungenes Gespräch bemühte, sowohl Flo als auch Kristina spürten deutlich, dass sie nicht nur für Rezepte und Small Talk gekommen war. Bis zur Antwort auf dieses Rätsel sollte es beinahe die ganze Flasche Wein dauern.

„Hast du eigentlich noch einmal etwas von Erik gehört?“

Die Frage kam zögerlich, zaghaft, mit einem deutlich zärtlichen Unterton, und selbst wenn sie sich nach Kräften bemühte, ihre Augen konnten nicht lügen. Mia vermisste Erik, ehrlich und aus vollem Herzen. Dennoch, dahinter steckte doch mehr. Flo wurde misstrauisch.

„Natürlich. Letzte Woche waren wir noch abends weg, aber diese Woche habe ich ihn nicht mehr gesehen. Wieso fragst du?

Ach, nur so. Ich wollte nur sichergehen, dass es ihm gut geht. Ich höre ja überhaupt nichts mehr von ihm. Er hat auch einiges in der Wohnung gelassen, was eigentlich ihm gehört. Ich dachte, er meldet sich vielleicht noch deswegen.“

Erik hatte seine Sachen zu einem Zeitpunkt aus der Wohnung geholt, von dem er wusste, dass Mia nicht da war. Das wusste sie auch, und dennoch erwartete sie, dass er sich meldete? Irgendwo passte das sogar ins Bild. Und dennoch glitzerte die Sehnsucht in ihren Augen. Natürlich waren auch an ihr die zwei Jahre nicht spurlos vorbei gegangen. Für sie war Erik immer noch jemand ganz Besonderes, und es verletzte sie, dass er sie so einfach vergessen zu haben schien. Nur zugeben würde sie das natürlich niemals, dafür war ihr Stolz viel zu starrsinnig. Beinahe jedenfalls.

„Er hätte mir ja wenigstens seine neue Adresse sagen können.“

„Wieso hätte er das tun sollen? Du hast nicht nur einfach mit ihm Schluss gemacht, du hast ihn gleich ersetzt. War es nicht absehbar, dass er nicht der Typ für eine solche dreier Konstellation ist? Mich wundert ehrlich gesagt, wie lange er das durchgehalten hat. Im Augenblick würde ich ihm etwas Ruhe und Abstand lassen. Später kannst du dich immer noch bei ihm melden, aber es ist die Frage, ob er auch antworten will.“

„Wir waren doch eigentlich das perfekte Paar und jetzt will er nicht mehr mit mir reden. Ich habe es wirklich ziemlich verbockt, oder?“

Mia starrte mit leerem Blick aus dem Fenster und hing einer Erinnerung nach, von der Flo nicht sagen konnte, wie sie überhaupt darauf gekommen war. Das perfekte Paar war in seinen Augen dann doch etwas anders gewesen. Alle paar Monate hatte einer der beiden bei ihm gesessen und Rat benötigt. Und woher kamen jetzt diese Gedanken?

„Läuft es gerade mit Tina nicht so gut?“ schaltete sich Kristina in das Gespräch mit ein, und erntete dafür einen irritierten aber vielsagenden Blick von Mia.

„Doch, natürlich ist da alles super. Sie ist eine absolut tolle Frau! Ich kann nicht nachvollziehen, wie Erik sie jemals hat abweisen können. So süß, liebevoll, zärtlich und intelligent. Okay, gelegentlich ein kleiner Dickkopf, aber das bin ich ja auch. Nein, sie ist schon echt fantastisch.“

„… aber?“

„Wieso aber? Es gibt kein aber. Mit ihr ist es wirklich sehr schön. Sie bringt so viel Wärme mit in die Wohnung. Es ist schon echt kein Vergleich zu einem Mann.“

Für einen winzigen Augenblick umspielte ein spitzbübisches Lächeln Kristinas Mund, zu dezent, um in der weinseligen Stimmung weiter aufzufallen.

„Achso, dann ist das des Pudels Wurzel? Der Mann fehlt! Du hast Glück, wir haben noch Möhren im Kübel draußen. Wenn du möchtest, kannst du eine Dicke davon haben.“

Und während Erik prustend vom Stuhl fallend die weiße Wand mit einem feinen roten Weinschleier überzog, Mia sie mit entsetztem Blick und weit aufgerissenem Mund anstarrte, steckte sich das unschuldigste und engelsgleichste Mädchen der Welt eine Gabel voll Torte in den Mund und kaute genüsslich, als habe sie keine Ahnung, was sie gerade gesagt hatte.

Fremont Rakete

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 148.

Versagt

„Ich habe versagt.“

Diese Erkenntnis sickerte aus Flos Gehirn und troff den Rücken entlang wie kochendes Öl. Er wusste, dass er an seiner letzten Hausarbeit fast eine Woche an Zeit eingebüßt hatte, aber dass es so ernst war, sah er erst jetzt, beim Blick auf den Kalender. Er war bereits mindestens eine Woche weiter im Jahr, als er es in seinem Kopf geplant hatte und diese Woche würde sich bitterlich bemerkbar machen.

„Ich habe versagt. Ich kann das nicht realistisch schaffen.“

Hausarbeiten, Nachklausuren und eine Exkursion. Was konnte er davon streichen, ohne zu großen Schaden anzurichten? Er hatte gewusst, dass seine Planung ambitioniert gewesen war, aber er hatte sich unbedingt beweisen wollen, dass er dazu fähig war. Er wollte seine Defizite aufholen und in der Regelstudienzeit bleiben. Und jetzt das hier. Sein Körper reagierte mit einem kleinen Panikanfall. Herzrasen, Atemnot, kalter Schweiß, gelähmter Geist.

Das durfte nicht sein. Ihm würden Punkte fehlen. Er würde weitere Kurse belegen müssen. Er würde Zeit für seine Abschlussarbeiten verlieren und zurückfallen. Und auf einmal war alles wieder da, was er gehofft hatte, hinter sich zu haben. Die gleichen Gefühle wie vor etwas mehr als vier Jahren, als er in panischer Verzweiflung im Wohnungsflur gesessen hatte, unfähig sich koordiniert zu bewegen oder zu denken. Die Zeit, als er realisiert hatte, dass er sein altes Studium nicht beenden konnte und seine einzige Chance ein kompletter Neuanfang war. Die Momente, als sein gesamter Gedankenpalast ein lichterloh brennendes Holzboot zu sein schien, nachts auf einem Meer ohne sichtbare Küste. Würde er rechtzeitig abspringen können, oder würde es ihn mit in die Tiefe reißen?

Damals hatte er den Absprung geschafft. Er hatte den Neuanfang geschafft, als einer der ältesten bei Mia und Erik im Semester. Er hatte sich von seinem Rückschlag erholt, so hatte er geglaubt, und es war ihm überhaupt nicht schlimm vorgekommen. Er hatte sein Leben genossen und war zuversichtlich und entspannt gewesen. Wie genau hatte er das eigentlich gemacht? War ihm vielleicht einfach nur alles egal gewesen?

Jedenfalls war davon nicht viel übrig. Nicht jetzt und nicht hier. Stattdessen wünschte er sich entweder ein starkes Beruhigungsmittel, was vermutlich nicht legal frei erhältlich war, oder aber wenigstens eine Flasche Rum. Der Rum schied schon allein deswegen aus, weil er dann nicht mehr in der Lage sein würde, den morgigen Tag intensiv für die nächsten längst überfälligen Arbeitsschritte zu nutzen. Einen solchen Ausfall konnte er sich nicht wieder leisten. Aber er kannte sich gut genug. Der Ausfall war da und er würde nicht so einfach gehen. Die Zeiten, wo es ihm egal war, ob er ein oder zwei Semester länger brauchte, waren endgültig vorbei. Er durfte nicht mehr versagen, und doch …

Kristina würde ihn heute Abend auf dem Sofa sitzend vorfinden, die Kuscheldecke über den Kopf gezogen, manisch vor sich hin glotzend, mit blau unterlaufenen Augen ohne Ausdruck, dafür aber einem zusätzlichen Semester vor ihnen. Er traute sich kaum, die weitere Planung anzugehen. Zu groß war die Panik vor einem weiteren Schock oder Schlag ins Gesicht. So würde er vorerst nicht erfahren, dass er eigentlich nicht so weit zurück hing, wie er es befürchtete.

Schwarzes Moor

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 145.

Mia und Tina

„Was ist denn hier passiert?“

Mia war regelrecht schockiert, als sie sich in ihrer Wohnung umsah. Es war nicht sehr offensichtlich, eher ein Gefühl, dass etwas anders war, als sie zur Tür hinein gekommen war, aber etwas war los. Das Wohnzimmer und das Schlafzimmer wirkten beide deutlich aufgeräumter, als sie es vom Morgen in Erinnerung hatte. Es war heller, offener und fühlte sich leichter an. Die Räume und der Flur wirkten größer und weitläufiger. Das konnte nur eines bedeuten: es war aufgeräumt worden. Und das wiederum konnte auch nur eines bedeuten: Erik war wieder da!

Freudig lächelnd drehte Mia sich um und hüpfte in die Küche. Wenn Erik da war, dann war es nicht nur aufgeräumter, es gab auch immer etwas Leckeres zu essen. Bis zum Abendessen konnte es also nicht mehr lange hin sein. Wie wäre es zum Beispiel mit Rotkohl, Bratwürstchen und Kartoffeln? Das war sogar eines der wenigen Gerichte, die sie selbst kochen konnte. Es war ihr nur meistens zu viel Arbeit und zum Spülen war sie so oder so zu faul. Der Duft von würzigem Kohl und den herzhaften Würstchen hing ihr bereits in der Nase. Es fehlte nicht mehr viel, und sie hätte die Töpfe und Pfannen klappern hören können.

Umso ernüchternder war es, dass sie weder dampfendes Abendessen noch Erik in der Küche vorfand. Stattdessen traf sie hier die Erkenntnis, wieso die Wohnung so aufgeräumt und lichtdurchflutet wirkte. Die Pfannen konnten nicht klappern, denn sie waren nicht da. Und das war bei Weitem nicht das Einzige. Geschirr, Besteck, Gewürze, Vorräte, die Mikrowelle, Wasserkocher und noch etliches mehr waren nicht mehr da. Weg. Verschwunden! Was war hier los?

Das Klappern der Wohnungstür unterbrach ihren Gedanken. Tina kam in die Küche, die Stirn in Grübelfalten gelegt, verträumt auf einen Punkt, irgendwo im Nichts blickend. Mia holte sie zurück, indem sie ihr einen Kuss auf die Lippen drückte und dann verdutzt auf den Schlüssel in Tinas Hand sah. Den Schlüsselanhänger hatte Mia vor einem Jahr aus einem Stück Holz geschnitzt, welches sie am Fluss gefunden hatte. Erik hatte es damals als abstrakte Kunst bezeichnet und an seinen Schlüsselbund gehängt. Er war jemand, der gewisse Dinge lieber heimlich liebte, statt überschwänglich zu loben.

„Ich habe heute Flo getroffen,“ eröffnete Tina das Gespräch. „Wir waren gemeinsam in der Mensa und da hat er mir Eriks Schlüssel gegeben. Erik hat ihm wohl gesagt, ich würde ihn besser brauchen können als er, also soll ich ihn jetzt haben.“

Mia hatte in den ruhigen Minuten der letzten Tage und Wochen immer wieder ein schlechtes Gewissen gehabt. Erik hatte ein paar Male das Gespräch mit ihr gesucht, aber immer sehr schlechte Zeitpunkte abgepasst. Sie hatte ihn jedes Mal vertröstet und versprochen, drauf zurückzukommen und sich gemeldet, aber dann die Zeit nicht mehr gefunden. Gut, wenn sie ehrlich war, dann hatte sie es auch ab und an einfach vergessen, oder es erschien ihr unpassend, ihn anzurufen, während sie gerade mit Tina im Arm auf dem Sofa saß oder im Bett lag. Jetzt war ihre Wohnung leer geräumt und Tina hatte seinen Schlüssel. War Erik wirklich so weit gegangen, aus ihrer gemeinsamen Wohnung auszuziehen, ohne ihr vorher etwas davon zu sagen? Tina suchte ihren Blick mit einem sehr seltsamen Ausdruck in den Augen. Ihre Worte waren unsicher, als würde sie sich absolut unwohl in ihrer eigenen Haut fühlen und am liebsten ganz weit weg laufen.

„Mia, bin ich hier an seiner Stelle eingezogen? Ist eure Beziehung jetzt wegen mir kaputt gegangen?“

„Natürlich bist du nicht an seiner Stelle eingezogen. Du bist viel zu toll, um einfach nur der Ersatz für jemanden zu sein! Und du kannst auch nichts dafür, dass er jetzt ausgezogen ist. Da war bereits vorher ganz anderes im Argen. Wir haben schon immer Phasen gehabt, wo es mal nicht so glatt lief. Also mach du dir da keine Sorgen.“

Aber natürlich machte Tina sich wohl sorgen und sie sich selbst auch. Wie konnte er sie einfach so verlassen? Ohne Vorwarnung, ohne ein weiteres Wort? Wieso hatte er mit ihr Schluss gemacht? Überhaupt realisierte sie bei diesem Gedanken zum ersten Mal, dass sie offenbar getrennt waren. Mia und Erik, das war Geschichte. Jetzt gab es nur noch Erik oder nur noch Mia. Das konnte doch unmöglich sein! Das hier war immer noch ihre gemeinsame Wohnung, in der sie ihre gemeinsame kleine Familie hatten gründen wollen, mit Katze und später einmal Kindern.

„Nur wieso hat er einfach Schluss gemacht?“ Sie murmelte die Worte nur in ihren nicht vorhandenen Bart, und aus dem dünnen Klang ihrer Stimme sprachen Unverständnis und Verwirrung. Sie hatte es einfach nur in den Raum hinein gesprochen, ohne mit einer Antwort zu rechnen. Umso unerwarteter war es, als tatsächlich eine kam.

„Also Flo meinte, dass Erik wohl nicht einmal Schluss gemacht hat. Erik sieht es wohl so, dass er noch versucht hat, mit dir zu reden, und es irgendwie zu retten, aber du hättest ihn verlassen und wohl nur vergessen, es ihm auch zu sagen.“

Das Schlimmste an Tinas Worten war vermutlich, dass ihr absolut nichts einfallen wollte, womit sie diese Aussage widerlegen konnte. Es war weder Tina noch Erik gewesen, es war nur sie selbst gewesen. Sie war so überzeugt gewesen, dass er wieder zurückkommen würde. Jetzt stand sie in einer halb leer geräumten Wohnung, sah in die leuchtenden Augen dieser kleinen zähen Frau vor ihr, und wusste, dass sie wenigstens nicht alleine war.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 144.

Neue Bleibe

„Ich schäme mich ja etwas, danach zu fragen, aber Kristina, kannst du mir etwas Zeit und dein Auto leihen?“

Flo hatte sich schon gefragt, was an diesem Tag besonders war. Es musste offensichtlich etwas los sein, denn Erik hatte sich mit dem Abendessen nicht nur besondere Mühe gegeben, er hatte ein regelrechtes Festmahl geschaffen. Ein herrlich duftender Auflauf mit buntem Salat und zum Nachtisch Pudding. Zu aufwendig und viel zu gut, um es einfach so zu machen. Kristina sah Erik nur fragend an. Der Art nach zu urteilen, wie er gefragt hatte, musste er geplant haben das Auto auf einen kleinen Urlaub zu entführen. Sie nickte unbestimmt und sah zu, wie sich Eriks Haltung entspannte. Nach kurzem Zögern lieferte er die Erklärung ab.

„Es sollte nicht zu lange dauern. Ich habe eine neue Bleibe gefunden. Eine kleine ein Zimmer Wohnung zwischen Uni und Altstadt. Es wäre schön, wenn ich das Auto leihen könnte, um meine Sachen dort hinzubringen. Ich möchte nicht öfter als nötig durch Mias Wohnung laufen. Mit dem Auto wäre das eine Fahrt, mit dem Bus ein paar mehr.“

„Mias Wohnung? Bist du nun also wirklich ausgezogen? Wollte sie sich nicht noch melden?“

„Ja, sie wollte sich vor zwei Wochen gemeldet haben, aber ich schätze, andere Dinge waren wichtiger. Wenn von ihr nichts kommt, dann kann ich auch nichts machen. Eines steht jedenfalls fest, ich blockiere euer Sofa schon viel zu lange. Morgen schaffe ich mir eine Luftmatratze und einen Schlafsack hinüber. Dann kann wenigstens bei euch endlich wieder etwas Normalität einziehen. Es ist höchste Zeit dafür.“

Flo und Kristina sahen einander stumm an. Sie hatten sich darüber unterhalten und waren zu dem Schluss gekommen, dass die Situation zwar merkwürdig aber keine Belastung war. Sie wollten Erik gerne helfen. Dass er jetzt selbst Schritte gegangen war, kam in dieser Form aber überraschend. Und auch wenn Flo es sich nicht eingestehen wollte, hätte er vielleicht sogar bereits seit einer ganzen Weile ahnen können, dass sein Traumpaar vor einigen dicken Problemen gestanden hatte. Tina war noch das Kleinere davon gewesen.

Wie sich die Zeit doch gewandelt hatte. Erst waren sie das perfekte Paar gewesen, vielleicht nicht immer ganz unkompliziert aber sie hatten es auch nie ohneeinander ausgehalten. Und als Tina versucht hatte, einen Keil zwischen sie zu treiben um mit Erik durchzubrennen, waren sie dennoch ein Herz und eine Seele gewesen. Und auf einmal war es nicht mehr Tina, die mit Erik durchgebrannt wäre, sondern Mia, die mit Tina das Bett teilte. Sie hatte sich von Erik getrennt und war so beschäftigt gewesen, dass sie es ihm nicht einmal mehr gesagt hatte. So etwas musste doch einfach wehtun.

Was allerdings niemand der Anwesenden wissen konnte, war, dass Mia zwar glaubte, alles im Griff zu haben, aber ihr Herz mit dieser Entscheidung in dieser Form nicht einverstanden war. Es wusste, was es wollte, und war keinen Kompromiss gewohnt.

Market Theater

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 143.

Laborkurse

Zwei Wochen war es her, dass Flo überraschend eine Mail in seinem Postfach entdeckte, mit der er nicht gerechnet hatte. Offenbar hatte er sich vor etwas mehr als einem halben Jahr für einen Laborkurs angemeldet, aber versäumt, diesen in seinen Kalender einzutragen. In der Konsequenz war er zunächst einmal sehr verwirrt und unsicher, was er tun sollte. Am Kurs teilnehmen oder doch lieber davon zurücktreten? Passte er in seine Zeitplanung oder sprengte das alle Fristen und Termine für ihn? So oder so hatte er ihn völlig vergessen.

„Ich bin durchaus sehr spontan, wenn man mir nur rechtzeitig Bescheid gibt“, hatte er immer gesagt, wenn es um Spontanität ging. Das hier fiel definitiv nicht unter seine Ansicht von rechtzeitig. Aber so oder so war es dann wieder ein Fach mehr, was ihn näher an den Abschluss brachte. Langsam aber sicher füllte sich die Liste und irgendwann würde der Tag kommen, an dem er seinen letzten Kurs tatsächlich abschließen würde. Wenn er ehrlich mit sich selbst war, dann gruselte er sich gehörig vor diesem Moment, denn er konnte immer noch nicht abschätzen, was danach folgen würde.

Aber jetzt stand erst einmal das Labor an. Passenderweise in genau der Woche, in der die Temperaturen wieder kräftig steigen sollten. Die Vorstellung, in einem Raum ohne Klimaanlage, dafür aber mit Brennern und Trockenschränken sowie großer Fensterfront zu stehen, während die Laborordnung neben festem Schuhwerk auch lange Hosen und Kittel vorschrieb, war wenig verlockend.

So wenig verlockend, dass Erik am Montag früh auf dem Sofa lag und überlegte, einfach liegen zu bleiben. Auch wenn es schon eine ganze Weile so lief, erschien es Flo immer noch wie Ironie, dass ausgerechnet er jemand anderen überreden musste, zur Uni zu gehen. Für ihn war immer noch die Zeit präsent, in der er selbst eher nachlässig mit den Veranstaltungen und seiner Anwesenheit dort gewesen war. Generell schien Erik aktuell etwas nachzulassen. Immer wieder saß er da, starrte regungslos auf seinen Bildschirm, und wenn in seinem Kopf etwas vor sich ging, dann blieb es darin verborgen. Immer wieder schien er völlig in seiner eigenen Welt gefangen, abgeschottet von seiner Umwelt. Vielleicht lag es mit daran, dass Mia zwar zur Kenntnis genommen hatte, dass er aktuell bei Flo auf dem Sofa wohnte, aber wohl beschlossen hatte, sich später damit auseinanderzusetzen.

Letztendlich schaffte Flo es, Erik zum Aufstehen zu bewegen und mit ins Labor zu schleifen. Immerhin wäre es auch unfair den anderen Anmeldungen gegenüber gewesen. Die Anzahl der Kursplätze war mit gerade einmal sechs Stück sehr knapp ausgelegt aber in den vergangenen Jahren hatte das immer vollends ausgereicht. In diesem Jahr hatte allerdings ein bestimmter Doktorand den Lehrstuhl verlassen, was zur Folge hatte, dass die Nachfrage deutlich anstieg, ebenso wie der Ruf des Instituts. Flo und Erik hatten immerhin beide einen der begehrten Plätze bekommen und hatten es beide wieder vergessen, bis sie von der Erinnerungsmail darauf aufmerksam gemacht worden waren.

Eine Bahn- und eine Busfahrt später standen sie dann pünktlich vor dem Labor und wurden vom Laborleiter und seinen HiWis begrüßt. Drei Betreuer für sechs Studenten, und alle hatten eines gemeinsam. Sie trugen zwar geschlossene Schuhe, aber kurze Hosen, T-Shirts und keine Laborkittel. „Heute werden wir sowieso noch nicht mit aggressiven Chemikalien arbeiten. Ihr werdet bestenfalls etwas staubig.“ Aber auch an den folgenden Tagen konnte der Umgang mit Säuren sie nicht von ihrer Uniform abhalten.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 141.

Überraschungshausarbeit

Drei Uhr nachts war nicht die beste Zeit, um am Schreibtisch zu sitzen, wenn man am nächsten Morgen um zehn Uhr in der Vorlesung sitzen wollte. Vor dem offenen Fenster zog eine angetrunkene Gruppe Studenten vorbei, auf dem Heimweg nach einer wilden Nacht so kurz vor der Prüfungsphase. Für Flo war das keine Option.

Abgesehen davon, dass er der Clubphase weitestgehend entwachsen war, und einfach keine Freude mehr daran finden konnte, aber auch an der Hausarbeit. Eine Woche hatte er noch Zeit, aber auch das hehre Ziel, frühzeitig abzugeben. Es wäre sicherlich leichter gewesen, wenn er die Abgabefrist gemeinsam mit dem Thema zu Semesterbeginn bekommen hätte, und nicht erst vor einer Woche per Mail. Natürlich hatte er sich mit den anderen Kursteilnehmern unterhalten und sie waren alle davon ausgegangen, dass der Abgabetermin wie üblich das Semesterende war. Jetzt war bei ihnen allen die Zeitplanung gründlich durcheinander geraten.

Tina hatte den Kurs direkt aus ihrem Plan gestrichen. Diesen Aufwand würde sie sich schenken, zumal sie gerade wichtigere Probleme hatte. Auch Mia liebäugelte eifrig mit dem Gedanken, zumal sich diese Frist bei ihr mit noch zwei weiteren Fristen überschnitt. Sie hatte ihr Thema für die Hausarbeit spontan und eigenmächtig um das Thema Zeitmanagement erweitert und eine scharfe Kritik an der Organisation des Professors eingebaut. Eventuell würde sie am Ende dran denken, diesen Teil wieder zu löschen. Ihrer Note zuliebe wenigstens.

Flo blätterte durch die Literatur, die sein Thema behandelte, und die er nicht verstand. Er konnte unmöglich alles in der Zeit lesen, was er für eine Hausarbeit nach seinen Maßstäben benötigte. Besonders deswegen, weil er keinen rechten Einstieg in das Thema finden konnte. Die groben Mechaniken waren kein Problem, aber im Master wäre doch sicherlich ein tiefer gehendes Verständnis des Themas vorausgesetzt, und damit konnte er nicht aufwarten. Andererseits würde eine dermaßen tief reichende Behandlung des Themas auch noch den Umfang der Arbeit um einige Größenordnungen sprengen. Er musste sich auf das Wesentliche beschränken, nur dann würde er mit großen Lücken im Thema leben müssen, was ihn ausgesprochen ärgerte.

Sein Blick wanderte zur Uhr. Wenn er jetzt noch Feierabend machte, dann konnte er noch vor halb vier im Bett sein, sich an Kristina ankuscheln und wäre hoffentlich tief genug eingeschlafen, dass er nicht mehr aufwachte, wenn sie sich um kurz nach sechs fertig machte, um zur Arbeit zu fahren. Was die Vorlesung betraf, würde es sowieso wenig Sinn ergeben, dort zu sitzen, wenn er nicht wach bleiben konnte. Aber das konnte er auch morgen früh noch feststellen. Erik würde sicherlich hingehen, auch wenn er auch erst um kurz nach zwei Uhr nachts seinen Laptop zugeklappt hatte.

Aus den ein bis zwei Tagen auf dem Sofa schlafen war inzwischen eine gute Woche geworden. Eine Woche, in der ein sehr leiser und fast unsichtbarer Mitbewohner für eine immer aufgeräumte und saubere Küche gesorgt hatte. Eine Woche, in der Mia zwar irgendwann bemerkt hatte, dass er nicht mehr bei ihr im Bett schlief, aber dann doch immer wieder zu beschäftigt gewesen war, um ihn darauf anzusprechen. Oder sie hatte es schlicht und einfach vergessen, wenn sie ihn dann einmal sah. Sie begrüßte ihn mit einem routinierten Kuss, kuschelte sich gewohnheitsmäßig an und tat, was sie halt so tat. Besorgte Blicke kamen dabei dann weder von Mia oder Erik, welcher alles nur noch stoisch über sich ergehen ließ, sondern von Tina und Flo.

„Und jetzt sag mir noch einmal, dass die zwei einfach nicht ohne einander auskommen können.“

Tina hatte sich in einer ruhigen Minute an Flo gerichtet, und dabei nicht glücklich gewirkt. Natürlich, sie war eifersüchtig auf Mia gewesen, aber das hier war auch keine Alternative. Vor allem, weil sie sich auf diese Weise auch noch schuldig fühlte. Immerhin war sie der Grund, weswegen die tiefen Klüfte in der Beziehung des Traumpaares so drastisch sichtbar wurden. Sie mochte es sich nicht ausgesucht haben, aber das änderte wenig an der Tatsache. Und dann fiel dieses Chaos auch noch in einen so dicht gepackten Zeitraum, wo man ohnehin kaum den Kopf zum Denken freibekommen konnte. Wo sollte das denn bloß alles enden?

Flo musste ihr im Stillen recht geben. Mia und Erik schienen für den Moment wirklich gut zurechtzukommen. Ohneeinander! Der oberflächliche Eindruck mochte täuschen und vielleicht würde diese kleine Auszeit ihnen beiden gut tun, helfen, sich wieder auf was Wesentliche zu besinnen und der Beziehung auf lange Sicht gut tun. Im Augenblick hatte er aber eher den Eindruck, sie hatten sich getrennt, und nur vergessen, das dem jeweils anderen auch mitzuteilen.

Aber ob Pause oder nicht, Erik war ein guter Freund, nur auf Dauer konnte er nicht sein Wohnzimmer in Beschlag nehmen. Darüber waren sich alle Beteiligten sicherlich im Klaren. Tina war bereits drauf und dran gewesen, ihm ihr WG-Zimmer anzubieten, hatte dann aber wieder Abstand davon genommen, als sie realisierte, dass sie dann ja selbst bei Mia einziehen müsste. Der Gedanke war ihr zu sonderbar vorgekommen. Mia hätte vermutlich von allen noch das kleinste Problem damit, eher im Gegenteil. Und das machte die Angelegenheit nicht weniger verrückt. Nicht nur Flo hatte längst aufgegeben, verstehen zu wollen, wer in dieser Dreiecksbeziehung wen nun wie wahrnahm.

Die Uhr zeigte viertel nach drei. Das Licht der Straßenlaternen war das Einzige, was das kleine Arbeitszimmer erhellte, der Monitor war dunkel, genau wie die Lampe. Nur die Perspektive war seltsam. Es kostete ihn einen Moment, zu realisieren, dass er, statt aufzustehen, eingeschlafen und vom Stihl gerutscht sein musste. Eigentlich könnte er auch gleich hier auf dem Teppich liegen bleiben. Das wäre mit Abstand die einfachste Möglichkeit, aber dann griff doch noch sein Egoismus und er schleifte sich ins Bett, nicht für die Bequemlichkeit, aber um näher bei Kristina zu sein. Wenn sie einmal nicht da sein sollte, würde er das unter Garantie sofort bemerken.

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