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Momente X

Dumpfes Donnern wandert über den Fluss unter der Brücke, breitet sich in einer beinahe sichtbaren Druckwelle aus und lässt nicht nur die Trommelfelle in den Ohren beben. Vom Ursprungspunkt des Donners aus, nur wenige Hundert Meter entfernt, steigt eine kleine, kaum sichtbare Kugel glimmend empor. Erst schnell, immer langsamer werdend, wird auch ihr Schein immer dünner.

Völlig absehbar und doch unerwartet verwandelt sich der eben noch kaum sichtbare Punkt in einen weißen Blitz, der den ganzen Himmel erleuchtet und die Menschenmassen rund herum sichtbar macht. In alle Richtungen schießen die weißen Strahlen, Tentakeln gleich, in den Nachthimmel. Nach einer kurzen Strecke ist ihre Reise aber wieder am Ende und sie explodieren in einen Regen aus Sternen. Nur einen kurzen Augenblick hat es gedauert, vom Abschuss der Ladung bis zum Verglühen ihrer letzten Fragmente. Der Wind trägt den Pulverdampf mit sich fort, kitzelt in der Nase und macht dann Platz für die nächste Donnerwelle, welche die Seele massiert.

Eine nach der anderen zünden die Röhren, katapultieren ihre brennenden Ladungen in den Himmel. Mal einfache Lichtblitze, knisternden Goldregen, funkelnde Sterne. Mal bunte Explosionen in allen Farben des Regenbogens, jede begleitet von einem volltönenden tiefen Donner. Inzwischen rollt er nicht mehr in einzelnen Wellen heran. Auf jeden Knall folgt gleich der nächste, der Blitz, jedes Leuchten, geht direkt in das nächste über. Selbst in den dunklen Momenten dazwischen glüht der Himmel immer noch so hell, dass es selbst der hellste Stern nicht hindurch schafft. Brennende Säulen steigen auf, zerplatzen zu kleinen Sonnen, die ihr Feuer wie eine weiche Decke über den Fluss legen. Mit lautem Heulen schrauben sich Spiralen aus Licht in dem Himmel und prägen sich in die Netzhaut.

Und dann ist es auf einmal vorbei. Keine weitere Ladung wird abgeschossen, kein neuer Stern erscheint und rieselt als prasselnder Funkenregen hinab. Statt knallenden Pulvers rauscht wieder nur der Hintergrundlärm der Stadt und zahlloser Menschen in den Ohren und der Wind trägt die nach verbranntem Schwarzpulver riechenden Wolken mit sich fort. Nur noch ein schwacher Nachschein glitzert im Auge, während die Sterne langsam wieder sichtbar werden. Und es fühlt sich an, als würde der Wind mitsamt dem Pulverdampf auch einige Traumsplitter davontragen. Auf zu neuen Ufern, in frische Köpfe, als Kondensationskeime für junge Geister und Hoffnungen.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 141.

Überraschungshausarbeit

Drei Uhr nachts war nicht die beste Zeit, um am Schreibtisch zu sitzen, wenn man am nächsten Morgen um zehn Uhr in der Vorlesung sitzen wollte. Vor dem offenen Fenster zog eine angetrunkene Gruppe Studenten vorbei, auf dem Heimweg nach einer wilden Nacht so kurz vor der Prüfungsphase. Für Flo war das keine Option.

Abgesehen davon, dass er der Clubphase weitestgehend entwachsen war, und einfach keine Freude mehr daran finden konnte, aber auch an der Hausarbeit. Eine Woche hatte er noch Zeit, aber auch das hehre Ziel, frühzeitig abzugeben. Es wäre sicherlich leichter gewesen, wenn er die Abgabefrist gemeinsam mit dem Thema zu Semesterbeginn bekommen hätte, und nicht erst vor einer Woche per Mail. Natürlich hatte er sich mit den anderen Kursteilnehmern unterhalten und sie waren alle davon ausgegangen, dass der Abgabetermin wie üblich das Semesterende war. Jetzt war bei ihnen allen die Zeitplanung gründlich durcheinander geraten.

Tina hatte den Kurs direkt aus ihrem Plan gestrichen. Diesen Aufwand würde sie sich schenken, zumal sie gerade wichtigere Probleme hatte. Auch Mia liebäugelte eifrig mit dem Gedanken, zumal sich diese Frist bei ihr mit noch zwei weiteren Fristen überschnitt. Sie hatte ihr Thema für die Hausarbeit spontan und eigenmächtig um das Thema Zeitmanagement erweitert und eine scharfe Kritik an der Organisation des Professors eingebaut. Eventuell würde sie am Ende dran denken, diesen Teil wieder zu löschen. Ihrer Note zuliebe wenigstens.

Flo blätterte durch die Literatur, die sein Thema behandelte, und die er nicht verstand. Er konnte unmöglich alles in der Zeit lesen, was er für eine Hausarbeit nach seinen Maßstäben benötigte. Besonders deswegen, weil er keinen rechten Einstieg in das Thema finden konnte. Die groben Mechaniken waren kein Problem, aber im Master wäre doch sicherlich ein tiefer gehendes Verständnis des Themas vorausgesetzt, und damit konnte er nicht aufwarten. Andererseits würde eine dermaßen tief reichende Behandlung des Themas auch noch den Umfang der Arbeit um einige Größenordnungen sprengen. Er musste sich auf das Wesentliche beschränken, nur dann würde er mit großen Lücken im Thema leben müssen, was ihn ausgesprochen ärgerte.

Sein Blick wanderte zur Uhr. Wenn er jetzt noch Feierabend machte, dann konnte er noch vor halb vier im Bett sein, sich an Kristina ankuscheln und wäre hoffentlich tief genug eingeschlafen, dass er nicht mehr aufwachte, wenn sie sich um kurz nach sechs fertig machte, um zur Arbeit zu fahren. Was die Vorlesung betraf, würde es sowieso wenig Sinn ergeben, dort zu sitzen, wenn er nicht wach bleiben konnte. Aber das konnte er auch morgen früh noch feststellen. Erik würde sicherlich hingehen, auch wenn er auch erst um kurz nach zwei Uhr nachts seinen Laptop zugeklappt hatte.

Aus den ein bis zwei Tagen auf dem Sofa schlafen war inzwischen eine gute Woche geworden. Eine Woche, in der ein sehr leiser und fast unsichtbarer Mitbewohner für eine immer aufgeräumte und saubere Küche gesorgt hatte. Eine Woche, in der Mia zwar irgendwann bemerkt hatte, dass er nicht mehr bei ihr im Bett schlief, aber dann doch immer wieder zu beschäftigt gewesen war, um ihn darauf anzusprechen. Oder sie hatte es schlicht und einfach vergessen, wenn sie ihn dann einmal sah. Sie begrüßte ihn mit einem routinierten Kuss, kuschelte sich gewohnheitsmäßig an und tat, was sie halt so tat. Besorgte Blicke kamen dabei dann weder von Mia oder Erik, welcher alles nur noch stoisch über sich ergehen ließ, sondern von Tina und Flo.

„Und jetzt sag mir noch einmal, dass die zwei einfach nicht ohne einander auskommen können.“

Tina hatte sich in einer ruhigen Minute an Flo gerichtet, und dabei nicht glücklich gewirkt. Natürlich, sie war eifersüchtig auf Mia gewesen, aber das hier war auch keine Alternative. Vor allem, weil sie sich auf diese Weise auch noch schuldig fühlte. Immerhin war sie der Grund, weswegen die tiefen Klüfte in der Beziehung des Traumpaares so drastisch sichtbar wurden. Sie mochte es sich nicht ausgesucht haben, aber das änderte wenig an der Tatsache. Und dann fiel dieses Chaos auch noch in einen so dicht gepackten Zeitraum, wo man ohnehin kaum den Kopf zum Denken freibekommen konnte. Wo sollte das denn bloß alles enden?

Flo musste ihr im Stillen recht geben. Mia und Erik schienen für den Moment wirklich gut zurechtzukommen. Ohneeinander! Der oberflächliche Eindruck mochte täuschen und vielleicht würde diese kleine Auszeit ihnen beiden gut tun, helfen, sich wieder auf was Wesentliche zu besinnen und der Beziehung auf lange Sicht gut tun. Im Augenblick hatte er aber eher den Eindruck, sie hatten sich getrennt, und nur vergessen, das dem jeweils anderen auch mitzuteilen.

Aber ob Pause oder nicht, Erik war ein guter Freund, nur auf Dauer konnte er nicht sein Wohnzimmer in Beschlag nehmen. Darüber waren sich alle Beteiligten sicherlich im Klaren. Tina war bereits drauf und dran gewesen, ihm ihr WG-Zimmer anzubieten, hatte dann aber wieder Abstand davon genommen, als sie realisierte, dass sie dann ja selbst bei Mia einziehen müsste. Der Gedanke war ihr zu sonderbar vorgekommen. Mia hätte vermutlich von allen noch das kleinste Problem damit, eher im Gegenteil. Und das machte die Angelegenheit nicht weniger verrückt. Nicht nur Flo hatte längst aufgegeben, verstehen zu wollen, wer in dieser Dreiecksbeziehung wen nun wie wahrnahm.

Die Uhr zeigte viertel nach drei. Das Licht der Straßenlaternen war das Einzige, was das kleine Arbeitszimmer erhellte, der Monitor war dunkel, genau wie die Lampe. Nur die Perspektive war seltsam. Es kostete ihn einen Moment, zu realisieren, dass er, statt aufzustehen, eingeschlafen und vom Stihl gerutscht sein musste. Eigentlich könnte er auch gleich hier auf dem Teppich liegen bleiben. Das wäre mit Abstand die einfachste Möglichkeit, aber dann griff doch noch sein Egoismus und er schleifte sich ins Bett, nicht für die Bequemlichkeit, aber um näher bei Kristina zu sein. Wenn sie einmal nicht da sein sollte, würde er das unter Garantie sofort bemerken.

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Momente IX

Strahlend weißer Nachthimmel, nur für den Bruchteil eines Wimpernschlags. Zwei Herzschläge schwarzer Ruhe und Finsternis, mit nichts weiter als dem leisen Prasseln von Regen. Ein scharfer Knall zerreißt die Stille der Nacht in abertausende Fetzen, jagt Spannung und Energie durch jede Zelle, angefangen bei den Haarspitzen, bis hinunter in die Zehen. Elektrisches Knistern in der Luft, das weiche Massieren der Druckwellen im Bauch.

Der Wind zerrt an den Wipfeln der Bäume vor dem Fenster, pfeift in den zugigen Ritzen im Rahmen. In immer neuen Böen wirft er Regen und Hagel wüst umher, lässt sie im trüben Licht der Straßenlaterne glitzern. Nach jedem Blitzeinschlag scheinen sie kurz zu verlöschen, nur um dann wieder eine einsame Fackel im schwarzen Unwetter zu sein. Eine einzelne kleine Lampe erleuchtet nur ein Fenster auf der anderen Straßenseite. Ansonsten könnte dort auch eine einfache schwarze Wand sein. Das einzige Lebenszeichen weit und breit.

Mit jedem Blitz wird der Donner leiser und leiser, lässt immer länger auf sich warten. Am Ende schafft es ihr Leuchten kaum noch durch den Regen. Die Aufregung lässt nach und alles, was zurückbleibt, ist das Prasseln der Hagelkörner auf den Autodächern auf dem Parkplatz und das Trommeln der Regentropfen, die der Wind gegen das Fenster wirft. Die Nacht holt sich ihre Finsternis zurück und selbst das letzte Licht gegenüber erlischt.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 124.

Abgabefristen

Es war einer dieser Tage, an denen Flo sich selbst verfluchte und für seine grenzenlose Faulheit hasste. Dabei war „Tage“ bereits seit acht Stunden gelogen, wie der Blick auf die Uhr unbarmherzig offenbarte. Drei Uhr nachts war bereits vergangen und er saß immer noch am Schreibtisch und versuchte irgendwie sein Semester zu retten. Die Abgabefristen rollten heran und er hatte andere Dinge für wichtiger befunden, als die Arbeiten für die Uni zu schreiben.
Wieso hätte er das auch tun sollen? Seine Wohnung schön wohnlich und gemütlich zu gestalten brachte wenigstens Fortschritte. Hausarbeiten wurden im Idealfall einmal flüchtig gelesen und landeten dann in irgendeiner Schublade, um nie wieder angesehen zu werden. Weniges war so sinnlos, wie Hausarbeiten zu schreiben und abzugeben. Er hatte das Konzept noch nie verstanden und das würde er wohl auch nie. Wenn er ehrlich war, dann wollte er das auch nicht einmal.
Aus der Ferne, irgendwo vor dem Fenster, hallte das Rumpeln eines Güterzuges hinüber. Seine Musik war schon lange aus, er hatte es sogar bemerkt, aber beschlossen, es dabei zu belassen. Es war schon schlimm genug, dass der Stuhl bei jeder Bewegung laut knarzte. Es war wohl sein Glück, dass Kristina so einen tiefen Schlaf hatte, sonst würde er wohl seines Lebens nicht mehr froh werden. Und sie auch nicht.
Gehetzt überflog er Paper und Abstracts, immer auf der Suche nach nur einigen Stichworten, die er, zu halbwegs stimmigen Sätzen verarbeitet, in seine Arbeit einfließen lassen konnte. Das Internet bot im Grunde das gesamte Wissen der Menschheit, lieferte es freihaus an den heimischen Schreibtisch. Nur in dieser Masse das Richtige zu finden war alles andere als leicht. Er erinnerte sich noch an eine Vorlesung vor zwei Semestern, in der das Thema seiner Arbeit in Teilen sogar besprochen wurde. Die spannenden Teile tauchten nur in der zugehörigen Literatur nicht mehr auf. Dafür hatte er eine Dissertation gefunden, welche in einem Nebensatz darauf einging. Ein fünffaches Hoch auf die Suchfunktion für digitale Texte. Die betreffende Arbeit hatte nur einen Schönheitsfehler. Sie war älter als er selbst und damit eine Quelle, die nur sehr ungern gesehen war.
Unter seiner Schädeldecke lief sein inneres Ich Amok. Aus voller Lunge brüllend rannte es von Ohr zu Ohr, sprang gegen die Augen und stampfte in den Nacken. Bilder von grellen Explosionen und spritzende Fetzen einer namenlosen organischen Masse breiteten sich aus. Das Verlangen machte sich breit, den Kopf mit aller Kraft gegen die Betonwand zu schlagen. Von außen war davon nichts zu erkennen und manches Mal fragte Flo sich, ob ihn das nicht dazu qualifizierte, ein sehr sehr gestörter Mensch zu sein. Gesund oder normal konnte das jedenfalls nicht sein.
Inzwischen war es kurz vor vier, ohne, dass er die Zeit bemerkt hätte. Selbst wenn die Erschöpfung seinen Geist verworren machte, er war regelrecht hysterisch aufgekratzt. In nicht einmal zwei Stunden würde Kristina aufwachen und zur Arbeit gehen müssen. Wenn er bis dahin eingeschlafen sein wollte, dann würde er wohl jetzt dringend ins Bett gehen müssen. Er speicherte und lies ansonsten einfach alles offen. Solange der Laptop am Strom hing, war es kein Problem, ihn einfach in den Ruhemodus zu schicken. Dann könnte er auch morgen gleich weiter machen in der Hoffnung, nicht doch noch seinen Kopf an der Wand zerschellen zu lassen.

Schwarzes Moor

Gutenachtgeschichten

Jeder Tag erreicht seinen Punkt, wo die Sonne längst die andere Seite der Erde bescheint und sich die Leute hier ins Bett begeben. Die einen sind so erschöpft, dass sie gleich einschlafen, die anderen zählen Schafe, lauschen angespannt ihrem Herzschlag oder dem Atem des Wesens neben einem oder sie öffnen ihren Geist und gehen auf Reisen.

Dann entstehen bunte Geschichten hinter den geschlossenen Augenlidern und Gehirne kommen erst so richtig in Schwung. Da finden sich Geschichten um den ersten Kuss von Beziehungen, die nie Realität werden, da fegt die Gischt über die Deckplanken von Segelschiffen vor exotischen Küsten, da sitzt ein Held über den höchsten Zinnen seiner Stadt und wacht über einen dicht gedrängten Ameisenhaufen von Menschen, die nichts von seiner Existenz wissen. Raumschiffe jagen über die bunten Himmel fremder Planeten voller Lebewesen, so fremd, dass man sie sich kaum vorstellen kann, oder durchkreuzen die ewige Schwärze des Universums auf der Suche nach ihren Missionszielen. Da werden Monumente gebaut und alternative Verläufe für Geschichten erdacht. Was wäre gewesen, wenn …

Musik entsteht und begleitet einen unscheinbaren Träumer in die Schlacht gegen seine größte Angst, episch und bildgewaltig, das selbst die Größen der Filmmusik voller Hochachtung innehalten. Da entstehen Meisterwerke der Literaturgeschichte, nur einen Federstreich, einen Tastendruck von der Unsterblichkeit entfernt. Auf den Schwingen von Adlern, Raben und Drachen fliegen Gedanken mit den Träumen um die Wette. Donnernde Explosionen konkurrieren mit leise geflüsterten Worten der Zuneigung. Ein Unterbewusstsein übernimmt das Steuer über das legendäre U-Boot, welches versunkene Kulturen in den tiefsten Meeren besucht. Der Traum übernimmt die Kontrolle, der Träumer ist eingeschlafen, ohne es zu merken, ohne es zu wollen, atmet die Luft des Basars von Samarkand, schwer von Gewürzen.

Und dann klingelt der Wecker. Eine heiße Dusche wärmt die steifen Glieder, noch ganz erschöpft vom nächtlichen Kampf gegen die höchsten Gipfel. Der dampfende Tee spült das Salz des Windes von den Lippen, die noch vor Kurzem auf die endlosen Salzseen in den Anden gesehen haben, und mit jedem Atemzug zerbricht das Schloss aus Träumen, bis alles im Schlund des Vergessens untergegangen ist, noch ehe man die Türe zur Wohnung hinter sich ins Schloss gezogen hat und auf dem Weg ins Büro ist. Für immer verloren sind all die brillanten Ideen, die Meisterwerke, die genialen Geschichten und mitreißenden Töne. Ertränkt in einem grauen Alltag, erdrosselt von einem unbarmherzigen Wecker, gescheitert an den Fingerkuppen, die nicht einmal eine Notiz retten konnten oder wollten.

Discovery Park

Mit Kinderaugen

Dieser Text gehört zu „Schreib mit Mir – Teil 22“ von Offenschreiben… und ich war mir noch nicht sicher, wie öffentlich zugänglich ich den machen wollte. Aber andererseits, wieso eigentlich nicht? Ihr seid alle hoffentlich alt genug, um das zu ertragen 😉 Es sollte jedenfalls eine Gruselgeschichte aus den Augen eines vierjährigen Kindes sein und da Kinderaugen ja so manches anders wahrnehmen…

Mit Kinderaugen

Ben konnte nicht schlafen. Eigentlich war er müde, von einem langen Tag im Kindergarten und auf dem Spielplatz, aber wie er sich auch drehte, es war alles unbequem. Er musste ganz dringend pinkeln und das hieß, er musste aufstehen. Immerhin war er jetzt schon groß und trug keine Windeln mehr. Große Kinder brauchten nämlich keine Windeln, sie gingen aufs Klo, wie die Erwachsenen. Aber das Klo war auf der anderen Seite des Flurs und außerdem war es gruselig. Nachts war alles dort dunkel und in den Schatten konnte sich wer weiß was verstecken.

Aber es half nichts, große Kinder machten schließlich nicht mehr ins Bett. Er öffnete das Törchen im Geländer von seinem Abenteuerhochbett und kletterte die Leiter hinunter. Das kleine Nachtlicht leuchtete in der Ecke neben der Türe, nicht stark, aber immerhin hell genug, als dass er alles in seinem Zimmer gut erkennen konnte. Außerdem leuchteten die Klebesterne an der Decke schön. Seine Mama hatte ihm die Sternbilder erklärt und sie hatten auch draußen schon nach ihnen gesucht. Aber da hatte er sie nicht finden können, so sehr Mama sich auch bemüht hatte, sie ihm zu zeigen. Mama war toll, sie wusste einfach alles.

Jetzt war das Licht der Sterne hell genug, dass er um die Bauklötze auf dem Boden herumlaufen konnte. Eigentlich hatte er sie noch wegräumen sollen, aber da hatte er lieber mit seinem Spielzeugauto gespielt. Das stand jetzt auf der Wickelkommode, die als großes Kind ja nicht mehr brauchte. Um an die Türklinke zu kommen, musste er sich trotzdem noch reichlich strecken. Für Kinderzimmer sollte es besondere Türen geben, mit einer kleinen Türklinke für die Kinder. Es wäre doch viel einfacher dann, wenn man nur die kleine Kindertüre aufmachen müsste. Und viel lustiger sowieso. Dann hätte er vielleicht auch nicht solche Angst vor dem großen, finsteren Flur, der vor ihm lag.

Papa hatte an der Kellertreppe eine Taschenlampe hängen. Damit konnte man, wenn der Strom oder die Lampen kaputt waren, trotzdem noch leuchten und etwas sehen. Auch in den dunklen Ecken im Keller, in denen es überhaupt keine Lampen gab und wo immer nur Gerümpel stand. So eine Taschenlampe könnte er jetzt sehr gut gebrauchen. Er sollte sich vielleicht eine wünschen. Aber jetzt müsste es auch so gehen. Er trat auf den Teppich im Flur, er fühlte sich weich und warm und dunkel an. Vielleicht wie Spinnenfell? Gruselig jedenfalls.

Ein schmaler Lichtstreifen fiel aus dem Elternschlafzimmer in den Flur. Mama und Papa waren also noch wach, und das, obwohl es sicher schon neun Uhr war! Erwachsen sein musste toll sein. Man konnte richtig lange wach bleiben. Jetzt kam ihm das gelegen, vielleicht würde er Hilfe brauchen. Und außerdem konnten sie ihn dann ja auch wieder ins Bett bringen und vielleicht sogar noch eine weitere kurze Gutenacht-Geschichte vorlesen. Dann würde er sicherlich besser schlafen können.

Mit frischem Mut stapfte er durch den Flur und ignorierte die bedrohlichen Schatten an den Wänden. Gleich würde er die angelehnte Türe aufmachen können. Was war das eigentlich für ein merkwürdiges Rascheln und Knarzen aus dem Elternschlafzimmer? Er spähte durch den schmalen Schlitz, ehe er die Türe öffnen wollte, und konnte Mama und Papa sehen. Aber da stimmte doch etwas nicht. War das wirklich Mama?

Das konnte nicht Mama sein! Das musste ein Monster sein, ein Vampir! Wie die, aus den Geschichten, die Tamara aus dem Nachbarhaus ihm immer heimlich erzählte, und die ihm immer so Angst machten. Jedenfalls saß Mama, oder besser, der Mama-Vampir, auf Papa, und saugte ihm am Hals. Genau so, wie die Vampire in den Geschichten, wenn sie Blut tranken. Das war etwas ganz Böses, hatte Tamara ihm erzählt. Nur waren in ihren Geschichten die Leute meistens nicht nackt.

Der Mama-Vampir und Papa aber waren nackt. Außerdem musste der Vampir sehr stark sein, denn er saß auf Papa und Papa konnte ihn nicht herunterwerfen. Dabei war Papa doch der stärkste Mann der Welt! Aber den Mama-Vampir schien es überhaupt nicht zu stören, dass Papa ihm gegen die Brüste drückte. Er saugte nur kräftig und schien dabei auch noch zu tanzen. Papa war sicher schon ganz leer getrunken. Er zitterte nur noch heftig, hatte die Augen zu und den Mund auf gerissen aber konnte nicht einmal mehr rufen. Was war da los? War der Mama-Vampir bald mit ihm fertig? Was war dann mit Papa?

Plötzlich musste Ben nicht mehr auf die Toilette. Stattdessen wollte er sich ganz eilig wieder in seinem Bett verstecken. Ganz tief unter der Decke, wo ihn kein Monster finden konnte. Er drehte sich um und huschte zurück in Richtung Kinderzimmer, sehr gut darauf achtend, nicht in die Pfütze auf dem Flurteppich zu treten und dabei am Ende noch ein Geräusch von sich zu geben. Es war nicht angenehm, mit der nassen Schlafanzughose im Bett zu liegen, aber alles war besser als der Flur.

Wieso hatte Papa denn nie etwas von dem Mama-Vampir bemerkt? Er wusste doch sonst immer auf alles die richtige Antwort? Oder hatte er es etwa gewusst und machte das freiwillig? Schließlich aß Mama auch beim Abendessen immer viel weniger als er. Waren am Ende alle Frauen Vampire und die Männer aßen immer mehr, damit sie ihre Frauen nachts füttern konnten? Plötzlich war Ben überhaupt nicht mehr wild darauf, eines Tages einmal erwachsen zu sein. Er würde auf morgen warten müssen, um eine Antwort zu bekommen. Wenn Papa ihn wie immer wecken würde, wäre wohl alles halbwegs in Ordnung. Aber wenn nicht, dann würde er sich ganz hinten im Kleiderschrank verstecken, wo kein Monster und kein Mama-Vampir ihn jemals finden konnte. Und ganz sicher würde er niemals heiraten wollen.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 86

Eisenbahnbrücke

Mit hellem Quietschen und lautem Rumpeln ratterte der Güterzug unter der Brücke am Bahnhof entlang. Die letzte Abenddämmerung und die Lichter der Stadt warfen einen dezentes Licht auf die Bahnanlagen. Zwei Gleise weiter links fuhr gerade eine Regionalbahn ein, hinter den hell erleuchteten Fenstern drängten sich die Schatten vieler Fahrgäste. Von der Brücke aus war kaum zu erkennen, wer welcher Tätigkeit nachging oder emsig seine Sachen zusammen räumte, um am Bahnhof diese Etappe seiner Reise zu beenden. Lediglich die Bewegung hinter den Fenstern war zu erkennen.

Auf der Brücke stand Flo, die Ellenbogen auf das Geländer gestützt, ein verträumtes Leuchten in den Augen, den Wind in den Haaren, Fernweh im Herzen. Er hatte den Abend nichts Besseres mehr vor, als hier zu stehen, die Kälte der hereinbrechenden Nacht zu ignorieren und den Zügen hinterher zu sehen. Ruhe kehrte in ihn ein, entspannte ihn und trug seinen Geist davon. Wie jedes Mal, sobald er sich etwas Leerlauf gönnte, begann sein Gehirn auch diesmal Geschichten und Bilder zu malen.

Eine junge Frau in der Regionalbahn. Sie hat die Haare bunt gefärbt, ihre Kleidung ist löchrig und alt, aber sauber, an den Händen hat sie Schwielen von der harten Arbeit im Handwerksbetrieb ihrer Eltern. Der Betrieb ist zu ihrem Leben geworden. Mit zwölf Jahren hat sie angefangen, dort auszuhelfen, bis zu ihrem Abschluss mit sechzehn hat sie immer mehr Aufgaben dort übernommen. Inzwischen ist das Geschäft ihre ganze Welt geworden und sie hasst es. Es raubt ihr die Luft zum Atmen, den Raum zum Denken und die Kraft zum Träumen. Heute Abend ist sie weggelaufen. Einfach weg von ihrer Heimat und dem gierigen Betrieb. Hinein in den Zug. Egal wohin er sie bringen wird. Überall kann es nur besser sein als daheim.

Die Nacht wird sie an einem Bahnhof verbringen, in einer Stadt, die sie nie vorher gesehen hat. Morgen wird ihre Reise weiter gehen. Ein fröhlicher Geschäftsmann wird sie auf seiner Fahrkarte mitnehmen und am Nachmittag wird sie das erste Mal in ihrem Leben das Meer sehen. Sie wird mit einem Brötchen in den Dünen sitzen, den Wellen lauschen und das Tanzen der Schaumkronen beobachten. Sie wird ihre Füße in die Brandung halten und das Salz auf ihren Lippen schmecken. Sie weiß nicht, ob sie wieder nach Hause fahren wird oder bei einem Betrieb in einer anderen Stadt neu anfängt. Sie wird keine Schwierigkeiten haben, etwas zu finden. Auch wenn sie es noch nicht weiß, sie ist in ihrem Bereich die Beste weit und breit.

Der Geschäftsmann, der sie mitgenommen hat, wird zu dieser Zeit bereits wieder in seiner Wohnung sein. Das Schicksal meint es zurzeit sehr gut mit ihm. Sein Vater hat eine schwere Krankheit überwunden, er selbst ist auf der Arbeit befördert worden ohne wirklich zu wissen wieso und zu allem Überfluss ist er frisch verliebt. Er hat seine absolute Traumfrau gefunden. Die, nach der er seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, gesucht hat. Außerdem ist er seit dieser Woche endlich schuldenfrei, das erste Mal in seinem Erwachsenenleben. Er kann sich nicht vorstellen, wie sein Leben im Moment noch perfekter werden könnte.

Im ICE, der gerade die Stadt Richtung Süden verlässt, sitzt ein alter Mann. Er ist aufgeregt wie ein Schuljunge vor seinem ersten ernsthaften Date. Durch Zufall hat er im Internet seine Jugendliebe wieder gefunden, nun fährt er sie besuchen. Beim Blick aus dem Fenster wird er wehleidig, ein Güterzug mit Kohlewagen fährt vorbei. Als sie noch jung waren, da ist er mit ihr, also seiner Jugendliebe, immer wieder auf Güterzüge aufgesprungen. Sie sind dann in die umliegenden Städte gefahren und haben tolle Sommertage genossen. Wenn er in seinem Leben eines wirklich bitterlich bereut, dann, dass er ihr seine Liebe nie gestanden hat. Sie war seine erste und auch einzige große Liebe, doch damals war er zu ängstlich, so wie jetzt auch wieder.

Im Abteil dem alten Mann gegenüber sitzt eine Richterin. Ihr schlichtes Kostüm und die straffe Frisur harmonieren mit dem finsteren Gesicht. Sie wirkt, als habe sie seit Jahren nicht mehr gelacht. Die Beziehung zu ihren beiden Kindern droht zu zerbrechen, ihre Ehe sowieso. Sie wird das Bedauern des alten Mannes noch gut nachempfinden können, wenn sie einmal realisiert, dass die Karriere nicht alles im Leben ist und es Wichtigeres gibt. Ihre Tochter und ihr Sohn werden dann keine Zeit mehr für sie haben, weil sie ihre Vision der perfekten Familie in ihren eigenen Leben realisieren werden. Und ihr Mann? Der wird in seiner Rolle als liebevoller Opa völlig neu aufgehen. Er wird ihr dadurch nur noch fremder erscheinen und sie sich selbst noch einsamer.

Bei dem Gedanken daran läuft Flo ein eisiger Schauer über den Rücken. Die perfekte Familie. So viele Leute streben sie an, jeder hat seine eigene Vorstellung davon und doch arbeiten so viele Menschen sehenden Auges weit daran vorbei. Sie verpassen die Momente, die wirklich zählen, die wirklich wichtig sind, während sie einen Kompromiss suchen, wo überhaupt keiner gefragt ist. Es ist doch nicht die Zeit, die man nicht hat. Es ist die Zeit, die man sich nicht nimmt. Melancholie keimt auf und der nächste Zug rollt heran. Die bunten Schatten darin sind unverkennbar. Dankbar greift er das Bild auf, in der Hoffnung, auf ein fröhlicheres Bild.

Es sind Fußballfans auf dem Heimweg. Am frühen Abend haben sie ihre Mannschaft in einer fremden Stadt angefeuert, mit viel Herzblut und Begeisterung. Viele kennen sich nicht einmal doch das Erlebnis, gemeinsam ihre Helden zu feiern schweißt zusammen. Besonders, da das Spiel mit einem spektakulären Sieg für die eigene Mannschaft endete. Ein tolles Spiel, fair, sauber gespielt und spannend bis zum Schluss. Was für einen besseren Grund zum ausgelassenen Feiern kann es denn geben? Nun muss Flo doch noch lächeln. Vielleicht sollte er einfach mal in einen Zug steigen und sehen, wohin er ihn bringen würde. Von dem Blickwinkel aus musste es doch noch ganz andere Geschichten geben.