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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 151.

„Durch“

„Guck dir das an, der Verlag heißt Friedrich Pustet. Was pustet er denn? Hat er sich verbrannt? Oder hat er eine Pusteblume gefunden?“

Flos hysterisches Lachen schien seine tiefen und dunklen Augenringe fressen zu wollen und endete dabei eher in einem seltsamen Paarungstanz mit ihnen. Der Name seiner Quelle allein hatte ausgereicht, ihn völlig aus der Fassung zu bringen. Von Erik erntete er dafür nur einen irritierten Blick über den Rand der Lesebrille, die er seit Neuestem hatte. Aber Erik hatte gut reden. Sein Weg zur Bibliothek war sehr viel kürzer und außerdem war er heute wie auch die letzten Tage erst über eine Stunde später als Flo gekommen und zusätzlich noch früher wieder gegangen. Es half dennoch nichts, die Hausarbeit musste fertig werden.

Erik nahm seine Brille ab, massierte sich intensiv die Augen und platzierte das Gestell mit einer theatralischen Geste wieder auf der Nase. Eine schrecklich übertriebene Aktion, wie Flo fand. Insgeheim war er sowieso der Meinung, dass Erik die Brille nur hatte, um damit besser auszusehen und Leute vorwurfsvoll über den Rand hinweg ansehen zu können. Ebenso insgeheim musste Flo zugeben, dass ihm beides erschreckend gut gelang. Würde er die interessierten Blicke bemerken, die ihm immer wieder zugeworfen wurden, er würde vermutlich noch eingebildeter wirken, als sowieso aktuell. Seine sture, allgemeine Lustlosigkeit und Gleichgültigkeit, gepaart mit der trotzigen Haltung und kurz angebundenen Sprache ließen ihn ohnehin bereits sehr von sich eingenommen wirken. Dabei war es eher der Kampf mit sich selbst, nicht in ein tiefes emotionales Loch zu fallen. Es fehlte ihm einfach etwas.

Flo fehlte auch etwas, aber im Gegensatz zu Erik konnte er genau sagen, was das war. Schlaf, Zeit, Ruhe und etwas Vernünftiges zu essen. Seit inzwischen zwei Wochen saß er an der Hausarbeit, die inzwischen schon seit einer Woche fertig sein sollte. Eigentlich sogar schon viel länger, aber es war ihm so vieles dazwischen gekommen und die Arbeit, welche er mit Erik gemeinsam als Teamarbeit schrieb, war immer weiter nach hinten gerutscht und in Verzug geraten. Jetzt war der Zeitpunkt erreicht, wo nicht mehr geschoben werden konnte. Seit Tagen saßen sie in der Bibliothek, Stunde um Stunde, über Büchern, Artikeln und die Tastaturen gebeugt. Und wenn er dann einmal zuhause war, verbrachte er noch immer einige Stunden am Rechner, während Kristina schon in aller Seelenruhe schlief. Er beneidete sie um ihren Tag und ganz besonders um ihren Feierabend.

Langsam aber sicher forderte dieses Verhalten seinen Tribut. Zu wenig Schlaf, unregelmäßige Mahlzeiten, Stress und keine Möglichkeit, ihn für eine Weile beiseitezuschieben. So etwas nannte sich Semesterferien, auch wenn diese streng genommen inzwischen seit einer Woche vorbei waren. Die Klausurwoche zu Semesterbeginn lief inzwischen und entsprechend voll war es in den Lernräumen. Von den drei Klausuren, die er eigentlich hatte schreiben wollen, hatte er zwei bereits vor Wochen aus dem Lernplan streichen müssen. Alle erzählten ihm immer, wie schön doch das Studium sei, besonders die Alten, und dass er es ja genießen sollte. Die Handwerker auf der Straße sahen ihm missbilligend nach, wenn er um halb zehn aus dem Zug ausstieg und er beneidete sie im Stillen um ihren Feierabend, den sie hatten, wenn er sich eine Mittagspause erlaubte.

Jetzt löste sich das Problem von ganz alleine, indem sein Gehirn das Spiel nicht mehr mitspielen wollte. Wegen alberner Kleinigkeiten hysterisch kichernd saß er vor seinem Rechner, unfähig noch einen sinnvollen Satz zuwege zu bringen. Auch wenn er selbst den Großteil der Arbeit bisher geschrieben hatte, würde Erik ihm dennoch Vorhaltungen machen, wenn er ihn jetzt alleine ließ. Die Genugtuung konnte er ihm unmöglich gönnen. Er sammelte seine Kraftreserven, raffte Konzentration zusammen und bemerkte, dass Erik mit allem Möglichen beschäftigt war, nur nicht mit der Hausarbeit. Von der Hoffnung auf eine gute Note hatte er sich schon vor einer Weile verabschiedet. Nun aber zersplitterte seine Zuversicht gänzlich. Hauptsache irgendetwas abgeben, um sich wenigstens selbst einreden zu können, man habe es ja versucht.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 148.

Versagt

„Ich habe versagt.“

Diese Erkenntnis sickerte aus Flos Gehirn und troff den Rücken entlang wie kochendes Öl. Er wusste, dass er an seiner letzten Hausarbeit fast eine Woche an Zeit eingebüßt hatte, aber dass es so ernst war, sah er erst jetzt, beim Blick auf den Kalender. Er war bereits mindestens eine Woche weiter im Jahr, als er es in seinem Kopf geplant hatte und diese Woche würde sich bitterlich bemerkbar machen.

„Ich habe versagt. Ich kann das nicht realistisch schaffen.“

Hausarbeiten, Nachklausuren und eine Exkursion. Was konnte er davon streichen, ohne zu großen Schaden anzurichten? Er hatte gewusst, dass seine Planung ambitioniert gewesen war, aber er hatte sich unbedingt beweisen wollen, dass er dazu fähig war. Er wollte seine Defizite aufholen und in der Regelstudienzeit bleiben. Und jetzt das hier. Sein Körper reagierte mit einem kleinen Panikanfall. Herzrasen, Atemnot, kalter Schweiß, gelähmter Geist.

Das durfte nicht sein. Ihm würden Punkte fehlen. Er würde weitere Kurse belegen müssen. Er würde Zeit für seine Abschlussarbeiten verlieren und zurückfallen. Und auf einmal war alles wieder da, was er gehofft hatte, hinter sich zu haben. Die gleichen Gefühle wie vor etwas mehr als vier Jahren, als er in panischer Verzweiflung im Wohnungsflur gesessen hatte, unfähig sich koordiniert zu bewegen oder zu denken. Die Zeit, als er realisiert hatte, dass er sein altes Studium nicht beenden konnte und seine einzige Chance ein kompletter Neuanfang war. Die Momente, als sein gesamter Gedankenpalast ein lichterloh brennendes Holzboot zu sein schien, nachts auf einem Meer ohne sichtbare Küste. Würde er rechtzeitig abspringen können, oder würde es ihn mit in die Tiefe reißen?

Damals hatte er den Absprung geschafft. Er hatte den Neuanfang geschafft, als einer der ältesten bei Mia und Erik im Semester. Er hatte sich von seinem Rückschlag erholt, so hatte er geglaubt, und es war ihm überhaupt nicht schlimm vorgekommen. Er hatte sein Leben genossen und war zuversichtlich und entspannt gewesen. Wie genau hatte er das eigentlich gemacht? War ihm vielleicht einfach nur alles egal gewesen?

Jedenfalls war davon nicht viel übrig. Nicht jetzt und nicht hier. Stattdessen wünschte er sich entweder ein starkes Beruhigungsmittel, was vermutlich nicht legal frei erhältlich war, oder aber wenigstens eine Flasche Rum. Der Rum schied schon allein deswegen aus, weil er dann nicht mehr in der Lage sein würde, den morgigen Tag intensiv für die nächsten längst überfälligen Arbeitsschritte zu nutzen. Einen solchen Ausfall konnte er sich nicht wieder leisten. Aber er kannte sich gut genug. Der Ausfall war da und er würde nicht so einfach gehen. Die Zeiten, wo es ihm egal war, ob er ein oder zwei Semester länger brauchte, waren endgültig vorbei. Er durfte nicht mehr versagen, und doch …

Kristina würde ihn heute Abend auf dem Sofa sitzend vorfinden, die Kuscheldecke über den Kopf gezogen, manisch vor sich hin glotzend, mit blau unterlaufenen Augen ohne Ausdruck, dafür aber einem zusätzlichen Semester vor ihnen. Er traute sich kaum, die weitere Planung anzugehen. Zu groß war die Panik vor einem weiteren Schock oder Schlag ins Gesicht. So würde er vorerst nicht erfahren, dass er eigentlich nicht so weit zurück hing, wie er es befürchtete.

Schwarzes Moor