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Momente XIV

Lautlos fallen dicke Flocken vom Himmel, tanzen im dämmrigen Licht der Straßenlaternen, die mitten am Tag versuchen, ein wenig Helligkeit unter die dunklen Wolken zu tragen. Der Blick zum Fenster hinaus fällt gegen eine fluffige Wand aus schaumigen Wasserkristallen. Die Kälte des nahen Fensters zieht die Wärme aus dem Gesicht und trägt einen Geschmack von Kälte auf Lippen und Zunge. Es stellt einen angenehmen Kontrast zur wohligen Wärme im Zimmer dar, die von der Heizung unter dem Fenster die Beine empor gekrochen kommt und sich an den Rücken schmiegt. Im Raum herrscht eine angenehme Stille, fast schon ein wenig beängstigend. Irgendwo zwei oder drei Etagen weiter oben brummt eine Spülmaschine. Sie ist lauter als der Lieferwagen, der sich unten den Weg über die zugeschneite Straße kämpft. Der Schnee schluckt den meisten Motorenlärm und fällt dicht genug, um die hässlich dunkle Spur aus Schneematsch hinter ihm direkt wieder zu bedecken. Selbst hier, mitten in der Stadt, mitten am Tag, ist es leise. Der Schnee hat etwas Friedliches, Beruhigendes. Er frisst alle Störlaute auf, verbirgt Dreck und die vielfach stümperhaft geflickte Straße, setzt eine gleichmäßige und sanft geschwungene weiße Fläche an ihre Stelle. Es ist, als würde die Welt einmal tief seufzen und Pause machen, zur Ruhe kommen, für einen Moment einfach anhalten. Und gerade, als es fast schon zu ruhig wird, springt ein junger Hund voller Begeisterung durch den Schnee, hüpft hoch, um Schneeflocken aus der Luft zu fangen und rollt sich durch das kalte Pulver. Wenn er sich hinlegt, erkennt man nur noch das rot leuchtende Halsband. Dann springt er wieder los, rennt auf und ab und steckt jeden heimlichen Beobachter mit seiner kindlichen Freude an. Er müsste eigentlich die friedliche Stille stören, doch harmoniert er so gut mit dem Tanz der Schneeflocken, dass es nur noch idyllischer wirkt.

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Momente II

Der Verkehr auf der Straße brüllt. Autos, Busse und LKW rattern und rumpeln über den kaputten Asphalt, dass der Schotter spritzt. Die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 70 km/h darf hier eher als Herausforderung statt als ernsthafte Warnung gesehen werden. Genügend Leute nehmen diese Herausforderung an. Der Wind ist kalt und kräftig. Es interessiert ihn nicht, dass eigentlich Sommer sein sollte und die Temperaturen gut und gerne zehn Grad zu niedrig sind. Schwere Quellwolken hängen am Himmel.

Noch vor einer Minute hat hier die Sonne geschienen und war der Grund, weswegen der Heimweg nicht im viel zu vollen Bus, sondern zu Fuß gelaufen werden sollte. Jetzt ist davon nicht mehr viel übrig. Die wärmenden Strahlen sind hinter den grauen, fliegenden Wassermassen versteckt. Das Gras am Wegesrand ist trocken und gelb, dabei hat es die letzten Tage ausgiebig geregnet. Irgendwo in der Ferne mischen sich die Sirenen von Krankenwagen oder Polizei in die feierabendliche Kakaphonie.

Es dauert eine Weile, aber dann wagt sich die Sonne doch noch einmal hervor. Sie lässt ihre Strahlen durch die Wolken brechen, auf den Blättern im Wind tanzen und auf den Autodächern glitzern. Darunter sitzen Menschen mit müden, genervten Gesichtern, die stoisch auf die roten Ampeln oder die vor ihnen stehenden Autos starren. Niemand genießt die Wärme, welche die Sonne mitbringt. Stattdessen brüllen die Hupen, wenn der Vordermann nicht schnell genug anfährt.

Einige Minuten später fällt die Wohnungstür ins Schloss. Der Sessel wartet und mit ihm, was noch viel wichtiger ist, Ruhe. Die Sonne bleibt zwar draußen, da das Zimmer nur morgens in der prallen Sonne liegt, aber das ist gerade einmal egal. Was zählt, ist die Ruhe. Einfach nur mal für ein paar Minuten hier sitzen, tief durchatmen, die Augen schließen und der Stille lauschen. Wenigstens so lange, wie die Nachbarn noch nicht da sind und ihre Waschmaschine beladen, wie jeden Abend um acht Uhr.

Hof