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Wie war denn nun eigentlich Moskau?

Ich bin euch da noch eine Kleinigkeit schuldig… diese hier, um genau zu sein. Immerhin war das der Abschluss der glorreichen Exkursion.

„Wie war denn nun eigentlich Moskau?“ werde ich immer wieder gefragt. Nun, mein Eindruck von der Stadt ist recht unausgereift, denn so vieles habe ich überhaupt nicht gesehen. Wir haben uns den Rat der Gastgeber zu Herzen genommen und uns hauptsächlich mit der Metro bewegt.

Auch wenn die Moskauer Metro – ähnlich übrigens wie die Sankt Petersburger Metro – sehr sehenswert ist, man sieht naturgemäß eher weniger von der Stadt. Dafür wurde an den Stationen nicht mit Naturstein, Mosaiken und Bronzestatuen gespart. Sie sollten Paläste für das Volk sein und sind gleichzeitig so angelegt, dass sie für die Bevölkerung im Notfall als Atomschutzbunker herhalten können. Dabei liegen die Stationen deutlich flacher als beispielsweise die Metro in Sankt Petersburg mit ihren teilweise über 100 m tiefen Stationen.

Aber die Stadt? Vermutlich hätte man mit dem Bus oder Taxi nicht viel mehr gesehen, denn auf den Straßen herrscht im Allgemeinen ein ziemliches Chaos. Das mag auch dem Fahrstil einiger Individuen geschuldet sein. Wie die Leute hier ohne Metro an ihr Ziel kommen, ist mir etwas schleierhaft. Dafür ist die Metro umso attraktiver. Für eine Fahrt, egal wohin, haben wir etwa 30 Cent gezahlt und die Züge fahren in einer sehr dichten Taktung. Man wartet selten mehr als eine Minute.

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Das Hauptgebäude der Universität in Moskau. Es sieht sehr viel kleiner aus, als es tatsächlich ist.

Was ich gesehen habe, hat auf mich irgendwie den Eindruck von Strukturlosigkeit hinterlassen. Es gibt Gebäude, soweit man gucken kann. Aber ob jetzt vom Zug aus, als wir in die Stadt eingefahren sind, aus dem Hotelzimmer oder vom Balkon der Universität aus, ich könnte ein Viertel nicht vom nächsten unterscheiden. Auch was die Skyline angeht. Es gibt nicht wirklich eine Bestimmte! Klar, da gibt es die sieben Schwestern, die gelegentlich auch Stalin-Hochhäuser genannt werden und schöne Beispiele der Zuckerbäcker-Architektur sind. Es gibt den Fernsehturm, der sich durch seine Höhe auszeichnet, den ich persönlich ansonsten aber eher wenig elegant finde. Er ist halt funktional und soll weit gucken können. Es gibt mit Moskau City sogar einen CBD (Central Business District) mit modernen Hochhäusern, glitzernden Glasfassaden und etwas mehr Etagen, als die umliegenden Plattenbauwohntürme. In der Masse der Stadt gehen sie aber schlicht und ergreifend unter und sind nur hier und da kleine Flecken. Daran können auch die Waldstücke nichts mehr ändern, die jeder für sich schon die Ausmaße einer mittleren Stadt erreichen, hier aber einfach nur Parks sind. Wohin man auch guckt, im Großen und Ganzen sieht der Horizont überall gleich aus.

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Ausblick vom Balkon der Universität auf der 25 Etage. Die Etagen in diesem Teil messen übrigens gute 8 m. Man gönnt sich ja sonst nix. Gesamthöhe von diesem Palast: 235 (für 36 Etagen).

Plattenbau, der in der Ferne im Dunst verschwindet. Das ist auch ein Punkt, bei dem die Stadt für mich eher einen bitteren Geschmack hinterlassen hat. Es gibt keinen Horizont. Irgendwo verschwinden die Silhouetten der Betonklötzchen einfach im allgemeinen Grau des Hintergrunds, der irgendwo in Richtung Zenit zum schmuddeligen Blau des Himmels wird. Besonders deutlich ist das morgens, wenn die Luft noch kühl ist und die Dunstglocke niedrig über der Stadt hängt. Man kann es riechen, schmecken und sehen. Es riecht nach Abgasen von Diesel, Benzin und Kohle, schmeckt säuerlich ungesund und – wie bereits erwähnt – ist deutlich zu jeder Tageszeit am Horizont sichtbar.

Natürlich ist es eine Metropole, eine Weltstadt, die Hauptstadt Russlands, eine Stadt mit über 11 Mio. Einwohnern. Es gibt Wahrzeichen wie den Kreml, den Roten Platz, der eigentlich immer wegen irgendwelcher Events gesperrt ist, das Bolschoi Theater und neben der Basilius Kathedrale noch einen ganzen Blumenstrauß an Kirchen und Kathedralen. Mit dem GUM findet sich direkt am roten Platz ganz nebenbei noch das erste und älteste „Kaufhaus“ der Welt. Direkt um die Ecke wurde ein großer Park mit Konzerthaus und Ausleger über die Moskwa neu angelegt und ist durchaus sehenswert. Das alles konzentriert sich aber in einem recht kleinen Bereich im Zentrum.

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Ein Fernsehturm im Dunst. Was das Foto natürlich nicht einfangen kann, sind Geruch und Geschmack der Luft. Von beidem hat sie reichlich.

Es ist nicht so, dass die Stadt nichts zu bieten hätte. Es gibt sicherlich viele schöne Ecken und Orte, die einen näheren Blick wert sind. Ich habe halt einfach nicht so viele davon sehen können und der Schreck über die miserable Luftqualität hat vieles überlagert. Dabei sind die Moskauer so stolz auf die rot-weiß geringelten Schornsteine, die überall in der Stadt stehen. Sie gehören zu den zahlreichen Blockheizkraftwerken die „extrem umweltfreundlich und schadstofffrei“ aus Erdgas Strom und Wärme erzeugen. Der hohe Wirkungsgrad ist unbestritten, auch wenn bei den 30 Grad, die bei unserem Besuch herrschten, die Wärme kaum Absatz finden dürfte. Aber immerhin ein Anfang, denn Treibstoffe für den Verkehr unterliegen keinerlei Kontrollen oder Beschränkungen.

Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, waren sich alle einig. Wenn es um Umweltfragen geht, dann hat Russland noch extremen Aufholbedarf. Müllentsorgung gibt es nur auf der Deponie, Recycling ist nicht existent, Energie ist billig und entsprechend sorglos kann man damit umgehen. Effizienz ist hier einfach nicht so sehr gefragt. Aber besonders bei der jüngeren Generation wächst das Bewusstsein dafür und Kritik an der Regierung wird lauter, wenn wieder einmal Nachhaltigkeitsprojekte sabotiert werden. Mit Kritik hält man sich im Allgemeinen nicht zurück. Es gibt also Hoffnung, dass auch hier die Sache noch nicht verloren ist.

Die Stadt mit dem Puppengesicht

Sie wird das „Venedig des Nordens“ genannt oder die „Perle der Ostsee“. Sankt Petersburg liegt an der Mündung der Newa und war unser erster Kontakt mit russischem Boden. Die Stadt hat vermutlich im Rahmen der hier mit ausgetragenen Fußball WM und ihres Gründungsjubiläums eine gründliche Überarbeitung erhalten. So wurde ein neues System von Stadtautobahnen angelegt und viele Gebäude im Stadtzentrum wurden generalüberholt und frisch saniert.

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Eremitage, gesehen von der Klappbrücke aus. Man sieht den ein oder anderen Reisebus davor aber mir wurde versichert, aktuell sei quasi niemand da. Für einen Besuch darin war leider dennoch keine Zeit.

Man sieht der Stadt an, dass sie den Spagat zwischen alt und neu versucht. Das Leben soll auf die Straßen kommen, die Kanäle rufen nach Leben und doch wirkt die Stadt wie eine Puppe. Nichts hier scheint wirklich alt oder echt zu sein. Wenig verwunderlich, immerhin entstand die Planstadt erst 1703 auf Geheiß von Peter dem Großen. Sie ist übrigens nicht nach ihm selbst benannt, sondern nach seinem Namenspatron. Das muss man schon wissen, denn ansonsten ist es angesichts vieler Denkmäler sehr leicht zu verwechseln.

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Festung Peter-und-Paul von der Newa aus gesehen. Es braucht schon sehr schlechtes Wetter, damit das goldene Dach nicht kräftig glitzert.

Besonders in der Altstadt konzentrieren sich mit beispielsweise der Admiralität, dem Winterpalast, der Eremitage und der Peter-und-Paul-Festung prunkvolle Gebäude, welche erst in den letzten Jahren aufwendig saniert wurden, teilweise auch noch saniert werden und absolut poliert aussehen. Wikipedia führt übrigens etwa 2.300 Paläste, Prunkbauten und Schlösser für die Stadt. Aber so sehr sich die Stadt auch bemühen mag, sie hat das Problem, was so viel Planstädte haben. Es wirkt einfach alles ziemlich konstruiert (was es ja eigentlich auch ist). Man geht an Gebäuden von Hunderten Metern Länge entlang, und ihre Fassaden verändern sich kaum. Es fehlt einfach das Organische, was einer Stadt den Eindruck verleiht, dass Menschen in ihr leben. Die überdimensionierten Zentralgebäude im Bereich der Sowjetstadt helfen hier nicht besonders.

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Der Platz vor dem Winterpalast, eigentlich immer voller Leute. Abends sammelt sich regelmäßig eine Traube von jungen Menschen unter der Säule links und irgendeine Band macht Musik. Am Parkplatz am Rande ist derweil das Schaulaufen der Prolls mit ihren getunten Autos.

An den großen Alleen wie dem Nevsky Prospekt oder auch entlang vieler Kanäle wird das zugegebenermaßen etwas besser. Städtisch wirkt es hier auch dank des Verkehrschaos. Dabei herrscht nicht einmal viel Stillstand. Der Verkehr fließt durchaus, ob auf dem Bürgersteig oder davor. Eines gilt aber so oder so: Jeder will gesehen werden und das erreicht man am besten darüber, der Lauteste zu sein. Vielleicht verstehe ich das aber einfach falsch und es geht eigentlich darum, der Schnellste zu sein. Offiziell gilt die Höchstgeschwindigkeit 60 km/h. Umgesetzt wird etwas anderes.

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Einer von zwei alten Leuchttürmen am ehemaligen Kai der Stadt. Heute werden sie nur noch zu Feiertagen entzündet… aber dies dann nachwievor mit Ölfeuern.

Ich würde übrigens grundsätzlich empfehlen, Strecken wenn möglich zu Fuß zurückzulegen. Das Metro Netz ist gut geeignet, um die einzelnen Stadtteile zu erreichen, aber für die Fläche dann vielleicht doch etwas dünn gesät. Außerdem muss man schon einiges an Geduld mitbringen, um überhaupt bis zum Zug zu kommen. Einige Stationen sind über 100 m tief, da verbringt man schon etliche Minuten nur auf der Rolltreppe hinunter. Dafür sind die Stationen aufwendig dekoriert und verziert. Barrierefreiheit ist hier übrigens kein Fokus. Rollstühle habe ich kaum gesehen und angesichts der vielen hohen Stufen und Treppen ist das kein Stück verwunderlich. Offenbar gibt es in Russland keine körperlich eingeschränkten Personen 😉

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Ich habe vergessen welche Metrostation das hier ist, möglicherweise die Admiralität. An anderer Stelle sind eher Mosaike oder pompöse Kronleuchter vertreten.

Gegen Abend zeigt die Stadt dann eine andere Seite. Ob Wochenende oder nicht, an jeder Ecke steht jemand und macht Musik, wahlweise gibt es auch Tanzschulen, die ihr Angebot einfach auf einen der öffentlichen Plätze verlagert haben oder die Möglichkeit, in der Märchenkutsche durch die Stadt zu fahren. Als ihr Wahrzeichen versteht die Stadt aber wohl ihre Brücken.

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Wem es gefällt, für den stehen verschiedenste Modelle an Kutschen für Stadtrundfahrten bereit. Ein Angebot, was offensichtlich sehr gut angenommen wird.

Jede Nacht werden die Klappbrücken geöffnet um die Schiffe hindurch zu lassen, die ansonsten nicht durch passen würden. Hell erleuchtet und zu pompöser Musik aus dem Lautsprecher klappen die Straßen hoch, Reisebus um Reisebus quetscht sich an die Uferpromenade und tausende Menschen sehen dabei zu, wie die Boote, welche auch tagsüber fleißig Touristenfahrten anbieten, durch die Lücken fahren. Diesmal halt nur nicht einzeln, sondern alle auf einmal.

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Samstagabend am alten Hafenkai. Am Fuß der alten Leuchttürme finden öffentliche Veranstaltungen lokaler Tanzschulen statt. Falls jemand mitmachen möchte…

Sankt Petersburg ist eine Stadt mit Gesicht, aber man muss sich schon an den Anblick gewöhnen. Man hat den Eindruck, eine Puppe vor sich sitzen zu haben. Alt, lange Jahre schwer vernachlässigt worden, und jetzt in mühseliger Kleinarbeit wieder gewaschen, geflickt und überarbeitet. Dabei ist man vielleicht an der ein oder anderen Stelle über das Ziel hinaus geschossen, denn ihr Gesicht ist vielleicht etwas zu sauber. Klar, Augen, Nase und Mund sind vorhanden, aber es fehlen die Akzente, die sie wirklich lebendig machen. Die Sehenswürdigkeiten und „Traditionen“ wirken etwas infantil und unreif. Man hat eher den Eindruck durch einen Freizeitpark zu schlendern, als durch eine Stadt. Dennoch lassen sich die Menschen nicht davon abhalten, sie in ihre ganz eigenen Spiele einzubinden und sticken ihre eigenen kleinen Muster in das Puppenkleid. Es ist ein merkwürdiger Kontrast, der dabei entsteht, aber wenn man sich auf das Bild einlässt, kann es durchaus gefallen.

 

Erste Eindrücke aus Karelien

Es ist bereits eine Weile Funkstille und das liegt nicht nur an vieler Arbeit, wenig Inspiration und rasend schnell verfliegender Zeit, sondern auch daran, dass ich auch einmal dazu gekommen bin, aus meiner Komfortzone gerissen zu werden und in einen mir unbekannten Ort zu reisen. Von alleine wäre ich vermutlich jedenfalls nicht auf die Idee gekommen, nach Russland zu fahren.

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Eine der besseren Straßen, abseits der neuen und frischen Hauptstraße. Dennoch muss man sich schon etwas von den Städten entfernen, um sie derart ruhig vorzufinden.

Karelien ist das Land der zehntausend Seen und weiten Wälder. Zehntausend stimmt dabei nicht so ganz, aber bei dermaßen vielen Seen ist es auch nicht mehr wirklich wichtig, ob es jetzt 60.000 oder 65.000 sind. Fakt ist: Es sind echt sehr sehr viele und mit dem Onegasee und dem Ladogasee finden sich hier auch noch die größten Süßwasserseen des europäischen Kontinents. Was für ein Erbe, welches die letzten Eiszeiten hier zurückgelassen haben!

Zwischen diesen Seen findet sich viel Wald. Sehr viel Wald, denn etwas anderes wird hier üben in der Taiga mit dem Land auch nicht gemacht. Landwirtschaft ist hier zwar möglich, der Boden ist durchaus fruchtbar, aber Spitznamen wie „das Land der immergrünen Tomaten“ lassen schon vermuten, dass die Sommer hier nicht die ergiebigsten sind. Hausgärten werden bewirtschaftet, aber landwirtschaftliche Fläche macht nur etwa 1% der Gesamtfläche Kareliens aus. Und diese ist etwa vergleichbar mit der Fläche Deutschlands.

Was wir hauptsächlich gesehen haben, sind Landschaften, die durch die Gletscher der letzten Eiszeiten gut eingeebnet wurden. In der Region um Sankt Petersburg herum ist das Relief dermaßen flach und stabil, dass Gräben und Krater aus dem Krieg nur unter Moos und niedrigen Büschen verborgen liegen. Obwohl es in der Region viel regnet, sind sie nie verschüttet worden.

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Ich bin übrigens amtierender Europameister im unscharfe Fotos schießen. Nicht offiziell natürlich, aber dafür mit vielen Beweisbildern. Meine Kamera mag mich nicht.

An dieser Stelle möchte ich euch nur einen ersten Eindruck über die Gegend bieten, denn was mich am meisten beeindruckt hat, ist tatsächlich die Gegend. Der Wald hat sich in den letzten 12.000 Jahren nicht verändert und sieht doch noch so jung und hell aus. Flüsse fließen, wie sie nun einmal fließen, und niemand macht sich die Mühe, ihnen ein neues Bett geben zu wollen. Straßen führen Kilometer um Kilometer nur durchs Nichts. Wenn es hier eines im Überfluss gibt, dann ist es Platz, und das alles nur wenige Kilometer von der Grenze der EU entfernt.

PS: WordPress informiert mich gerade darüber, dass heute mein Jahrestag ist. Dieser Blog existiert seit inzwischen vier Jahren. Zur Feier des Tages gibt es wenig Text und viele Bilder 🙂 Ich hoffe, sie gefallen Euch! (Das mit den Kacheln ist ein Experiment. Ich hoffe, es klappt mit dem vergrößern und den Beschriftungen)