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Hinterm Horizont – Teil 7.

„Unterteilt ihr inzwischen auch in wir und die, wobei wir neben uns die Roboter einschließt und die sich auf die anderen Menschen bezieht? Ich fühle mich inzwischen eher den Maschinen zugehörig, immerhin arbeiten wir auf das gleiche Ziel hin. Wir sind es, die das Schiff am Laufen halten und die Systeme reparieren. Wir sind es, die eine Kolonie gründen werden und gemeinsam etwas erschaffen. Wir werden ein Erbe hinterlassen. Ist es verrückt, das als ein erstrebenswertes Ziel zu sehen?“

 

Das betretene Schweigen fand erst ein Ende, als es bereits Zeit war, das Essen zu beenden. Vielleicht war ich nicht der erste gewesen, der diesen Gedanken gehabt hatte, aber ich war der erste, der ihn aussprach. Auch wenn es den tiefsten Instinkten zu widersprechen schien, irgendwo mussten sie mir zustimmen. Teils missmutiges Murmeln, teilweise aber auch versteinerte Mienen umringten den Tisch. Ja, sie sahen es ebenfalls so. Selbst Katharina, die jeden Abend wieder zu ihrem Mann ins Bett kroch, den sie angeblich so liebte, stimmte mit leiser und bebender Stimme zu. Bald würde sie sich eingestehen müssen, dass ihre Liebe inzwischen zu Verachtung geworden war, und eine schwere Zeit würde für sie anbrechen. „Generation Taugenichts“ waren unsere Ahnen gerufen worden und ihre Kinder hatten es als einen stolzen Titel etabliert. Wieso wollte uns das einfach nicht mehr reichen?

Wie jeden Samstag war heute Abend Kinoabend und wie jeden Samstag würden wir auch diesmal wenigstens die Hälfte der Zuschauer sein. Die restliche Besatzung würde, statt vor der Leinwand, zu hunderten weiterhin vor dem Fenster kleben oder irgendwelche Streitereien suchen. Sie hatten nichts, wovon sie sich erholen mussten. Wir hingegen schon. Und noch etwas war da, was wir erst spät realisiert hatten.

Unsere Gruppe, welche im Kino immer einen Cluster zu bilden schien, hatte mehr Köpfe als schlagende Herzen. In unserer Mitte fanden sich immer auch einige Androiden, die sich unter dem Vorwand sozialer Studien mit in die Filme setzten und mit uns um die Wette fieberten, ob der Held es schaffen würde, den Tag zu retten, beziehungsweise auf welche Weise er es schaffen würde. Sie waren Bestandteil unserer Gruppe und gehörten zu uns, niemand stellte das infrage. Die Anzahl der stumpfen Augen, manischer Besatzungsmitglieder, welche hier nur ihre Zeit absaßen, war im Laufe der Zeit beständig gesunken. Wenn ich ehrlich mit mir selbst war, dann kam mir das nur gelegen. Ich wollte meine Zeit nicht mit ihnen verbringen. Die meisten von ihnen waren ungepflegt und stanken, wenn sie etwas zu sagen hatten, dann war es meistens nichts von Belang oder Interesse und ihre ewig gelangweilten und müden Blicke strengten mich an.

Viel faszinierender war es außerdem, die Androiden zu beobachten. Sie erschienen mir so viel menschlicher und wärmer, als die fleischlichen Begleiter. Sie folgten den Filmen mit Begeisterung und vor Neugier glühenden Augen. Sie diskutierten mit uns und verstanden nicht, wieso in den alten Zukunftsszenarien so oft ein böser Roboter vorkam, der die Menschheit versklaven wollte. Woher rührte diese Panik vor den eigenen Geschöpfen? Kam es daher, dass sie nach dem Vorbild ihrer Erschaffer entstanden waren und die menschlichen Eltern Angst davor hatten, ihre mechanischen Kinder könnten zu menschlich werden?

Ebenfalls wenig Verständnis gab es für die Geschichte einer lebendigen Holzpuppe, die unbedingt ein echter Junge sein wollte. Wieso wollte er nicht seine Situation analysieren und die Vorteile, die sich ihm daraus boten entsprechend nutzen? Wieso wollte er fehlerhaft, schwach und verletzlich sein, nur um einem Status zu entsprechen? Unseren robotischen Freunden erschloss sich das nicht und einige von uns gaben die Diskussion einzig und allein aus dem Grund auf, weil sie es genau so wenig verstehen konnten.

Ich konnte das Unverständnis ebenfalls gut nachvollziehen. Auch wenn meine Verletzung wieder gut heilte und der Arm bald wieder uneingeschränkt nutzbar war, er würde dennoch immer schwächer bleiben, als ein mechanischer Arm. In den meisten Fällen wäre das völlig unproblematisch, aber immer wieder auch ein nerviges Hindernis, welches mir meine eigene Unzulänglichkeit vor Augen hielt.

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Hinterm Horizont – Teil 6.

Das tat ich ganz sicher nicht. Ich wollte wissen, was passierte und wie es passierte. Dafür benötigte ich mein Gehirn unvernebelt. Mir kam die komplette Situation recht merkwürdig und absurd vor. Das Handbuch schrieb vor, dass die Roboter den Menschen dienbar zur Hand gehen sollten. Die Programmierung sah dabei höfliche Zurückhaltung vor. Halt so, wie mit mir umgegangen wurde. Aber andererseits scheuten die Maschinen inzwischen nicht mehr, mit roher Gewalt gegen die gelangweilte und psychotische Besatzung vorzugehen. Sie bemühten sich überhaupt nicht mehr um eine Behebung des Problems oder Behandlung der Störungen. Und das war ein ziemlicher Widerspruch zur Programmierung. Ein Verstoß gegen das Protokoll, an dem sich niemand zu stören schien. Es schien sogar notwendig zu sein, um das Getriebe in Bewegung zu halten.

Pflegebot und Arzthelfer ließen sich davon nicht beirren. Binnen weniger Minuten war mein Arm vorzüglich versorgt und benötigte nur noch etwas Zeit zum Heilen. Und wieder war da etwas, was ich bemerkte. Eine kleine Veränderung an mir selbst. Natürlich erwartete ich eine solche kompetente und unkomplizierte Behandlung durch die Maschinen, das war nicht, was mich überraschte. Viel mehr war es, dass ich es für mich als selbstverständlich erachtete und ebenso vollstes Verständnis für die konsequente Betäubung der anderen Besatzungsmitglieder hatte. Ihre Sedierung erschien mir völlig angemessen und richtig.

Immerhin leisteten sie auch nichts für ihren Aufenthalt. Sie waren nur da und verbrauchten Ressourcen, die man ansonsten besser hätte nutzen können. Schlimmer noch, in ihrer gelangweilten Zerstörungswut beschädigten sie das Schiff und seine Crew, was wiederum mehr Ressourcen und Rohstoffe beanspruchte. Sie waren abgestumpft, verroht, primitiv im Geist und dabei auch noch furchtbar überheblich, ohne etwas dafür bieten zu können. Sie waren einfach nicht wie wir.

Wie wir. Diese Worte hallten durch mein Gehirn wie ein Schuss, als ich die Krankenstation verließ. Vielleicht war es das leichte Schmerzmittel, was mir verabreicht worden war, aber mein Verstand schien heute wie durch Pudding zu laufen, und das auch noch auf obskuren, verschlungenen Wegen. Dennoch verbrachte ich die Zeit bis zum Abendessen nicht in meinem Quartier oder vor einem der Fenster, sondern mit einem Tablet in der Hand in den Eingeweiden des Schiffs.

Routinemäßige Kontrollarbeiten, die eigentlich von Beginn an durch Menschen hätten ausgeführt werden sollen, und die tatsächlich einen tieferen Sinn hatten, waren in vielen Bereichen sehr vernachlässigt worden. In der Konsequenz hatten sich Moose und andere Ablagerungen an Stellen breit gemacht, wo sie zu Schäden führen konnten. Die internen Systeme konnten die Beeinträchtigungen zwar erfassen und dann auch schnell beheben, aber von alleine verhindern nicht. Genau dafür war diese Aufgabe geschaffen worden. Nur war sich ein Großteil der Besatzung zu schade für diesen niederen Dienst. Sollten es doch die Androiden erledigen, genau dafür waren sie schließlich da. Ihre ganze Existenz war darauf ausgelegt, niedere Arbeiten für die Menschheit zu verrichten, damit diese sich um die wichtigen Probleme kümmern konnte. Wenigstens war das einmal die Intention gewesen. Nun aber gab es diese wichtigeren Probleme seit zwei Generationen nicht mehr, aber die alten Muster blieben bestehen. Wir existierten nur, atmeten, aßen, vertrieben uns die Zeit. Niemand wäre auf die Idee gekommen, aus reiner Langeweile den Maschinen ihre Arbeit wieder abzunehmen. Fast niemand. Da ich mich gerade keiner meiner üblichen Aufgaben widmen konnte, wollte ich mich wenigstens hiermit ablenken.

Beim Abendessen erregte der Verband direkt die Aufmerksamkeit der anderen am Tisch. Verletzungen waren selten, besonders solche, und es tauchten Fragen auf, die ich mir auch teilweise schon gestellt hatte. Wieso wurde ich gut behandelt, während andere verletzte Menschen einfach nur aus dem Verkehr genommen wurden? Wurden wir von den Maschinen eventuell als eine Art fleischliche Androiden wahrgenommen? Waren wir die einzigen Menschen, die im System des Schiffs noch als Besatzung galten, während alle anderen inzwischen als Fracht kategorisiert waren? Eine gewisse Ehrfurcht breitete sich aus und auch wenn es mir einerseits unangenehm war, ein Teil von mir genoss die Aufmerksamkeit durchaus. Es schien, dass diese Verletzung als Opfer für eine größere Sache gesehen wurde, als würde es meine Kompetenz in meinem Arbeitsfeld hervorheben und durch die gute Behandlung die Wichtigkeit meiner Position bestätigen. Und dann stellte ich die Frage, die das Tischgespräch für eine Weile verstummen ließ.

„Unterteilt ihr inzwischen auch in wir und die, wobei wir neben uns die Roboter einschließt und die sich auf die anderen Menschen bezieht? Ich fühle mich inzwischen eher den Maschinen zugehörig, immerhin arbeiten wir auf das gleiche Ziel hin. Wir sind es, die das Schiff am Laufen halten und die Systeme reparieren. Wir sind es, die eine Kolonie gründen werden und gemeinsam etwas erschaffen. Wir werden ein Erbe hinterlassen. Ist es verrückt, das als ein erstrebenswertes Ziel zu sehen?“

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Hinterm Horizont – Teil 5.

Wenn ich nun durch die Gänge ging, meinte ich zunächst, eine Veränderung bei den Leuten zu bemerken. Es dauerte etwas bis ich begriff, dass die Änderung bei mir stattgefunden hatte. Das teilnahmslose Herumstreifen, die leeren ausdruckslosen Augen, das lethargische Ausharren vor den Bullaugen. All das hatte ich bis vor kurzem genauso beherrscht. Die Filmvorführungen, das Essen, die Sporteinheiten. All das hatte auch bei mir kaum einen Effekt gegen die Depression und Antriebslosigkeit bezwecken können und bei den Anderen sah es nicht viel anders aus. Wie Mastvieh hingen sie herum, wartend auf ihr Ende.

Doch inzwischen hatte ich eine Aufgabe, wenn auch keine bedeutsame. Ich war bei leichten Beschädigungen die zweite Anlaufstelle für die Roboter geworden, wenn die automatische Reparatureinheit belegt war. Und ich begann zu begreifen, wie das Schiff funktionierte. Unter den mehr als tausend Kolonisten fand sich kaum mehr als ein Dutzend, welche, wie ich selbst, einer geregelten Tätigkeit nachgingen. Sie waren leicht zu erkennen, wenn man nur einmal hinsah. Ihr Gang war zielgerichtet, die Augen wacher und meistens waren sie sogar gewaschen und frisiert. Außerdem hatten wir inzwischen, einem ungeschriebenen Gesetz folgend, unseren eigenen Tisch in der Kantine. Es war der einzige Tisch, an dem sich tatsächlich unterhalten und ausgetauscht wurde. Immerhin waren wir auch die einzige Gruppierung, bei der tatsächlich etwas von Bedeutung passierte, bei der generell etwas passierte.

Eine Erkenntnis dieser Gespräche war, dass das Schiff inzwischen komplett von Robotern betrieben und kontrolliert wurde. Wir waren Angestellte der Maschinen und aus irgend einem Grund entsetzte oder überraschte uns diese Information nicht im Geringsten. Von den Menschen war niemand übrig, der wirklich Befehlsgewalt gehabt hätte und wenn doch, über wen hätte er verfügen sollen? Und über was? Im Grunde genommen war das Schiff ein sich selbst erhaltender mechanischer Organismus, genau daraufhin war es konstruiert und gebaut worden. Selbst die Planer des Schiffs, die obskuren „privaten Initiatoren“, mussten schon Androidennetzwerke gewesen sein. Wir Menschen waren nur an Bord, um den Bedingungen der Regierung gerecht zu werden. Für die Mission und die Kolonie waren wir obsolet, wenn nicht sogar direkt unerwünscht.

Es sei denn, wir suchten uns eine Aufgabe und machten uns nützlich. Vielleicht war das der einzige Grund, wieso wir nicht geschlossen aus der Luftschleuse geworfen worden waren, als die ersten Fälle von Depression und ausfallenden Verhaltens bemerkt worden waren. Aber das konnte eigentlich nicht sein. Möglicherweise waren die Maschinen einfach sehr viel toleranter als wir Menschen, oder aber sie sorgten sich um ihre Artgenossen auf der Erde, und was mit ihnen geschehe würde, wenn die ersten Kolonisationsbemühungen einer gemischten Besatzung plötzlich in einem Bürgerkrieg gescheitert wären. Das Echo könnte verheerend sein.

Dass uns Arbeitern auch von den Maschinen eine Sonderbehandlung zugeteilt wurde, fiel mir erst auf, als ich wegen einer Verletzung ins Hospital ging. Ich hatte die Spannung auf einer Feder unterschätzt und ihr loses Ende hatte mir tief in den Arm geschnitten, als ich ein gebrochenes Skelettteil austauschen wollte. Vor mir wurde eine untersetzte Frau behandelt, die sich bei einer Prügelei den Handrücken aufgeschnitten hatte. Der Pflegebot behandelte sie karg, indem er ihr eine Liege zuwies, sie sedierte und die Wunde abband. Mit dieser Art der Behandlung würde ich auf meinem Posten für mehrere Tage ausfallen. Das war keine Option für mich. Zu meiner Überraschung kam die Maschine meinem Einwand zuvor.

„Keine Sorge, heute sollten Sie ihre Schicht noch aussetzen aber morgen sind Sie wieder einsatzfähig. Der Einschnitt hat Muskelfasern beeinträchtigt. Ich werde dagegen ein Heilgel auftragen und einen Stimulator ansetzen. Der Prozess wird etwa eine Stunde dauern, danach steht es Ihnen frei, zu gehen. Bitte kommen Sie nur morgen vor Antritt ihrer Schicht zur Kontrolle noch einmal vorbei, um sicherzugehen, dass es zu keinen Komplikationen gekommen ist. Bestehen Sie auf einer kompletten Betäubung für den Eingriff?“

Das tat ich ganz sicher nicht. Ich wollte wissen, was passierte und wie es passierte. Dafür benötigte ich mein Gehirn unvernebelt. Mir kam die komplette Situation recht merkwürdig und absurd vor. Das Handbuch schrieb vor, dass die Roboter den Menschen dienbar zur Hand gehen sollten. Die Programmierung sah dabei höfliche Zurückhaltung vor. Halt so, wie mit mir umgegangen wurde. Aber andererseits scheuten die Maschinen inzwischen nicht mehr, mit roher Gewalt gegen die gelangweilte und psychotische Besatzung vorzugehen. Sie bemühten sich überhaupt nicht mehr um eine Behebung des Problems oder Behandlung der Störungen. Und das war ein ziemlicher Widerspruch zur Programmierung. Ein Verstoß gegen das Protokoll, an dem sich niemand zu stören schien. Es schien sogar notwendig zu sein, um das Getriebe in Bewegung zu halten.

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Hinterm Horizont – Teil 4.

Es gab kaum Arbeit, von der man sich hätte erholen müssen. Stattdessen saßen wir stundenlang vor den Fenstern und starrten in die Leere, die Glieder bis zur völligen Bewegungsunfähigkeit verkrampft vor Panik, angesichts der Leere rundherum. Wir hätten andere Orte aufsuchen können, aber dann hätten wir nicht den Stern finden können, der langsam größer wurde. Uns war bewusst, dass es noch Monate dauern würde, und doch suchten wir verzweifelt einen kleinen Punkt, der einmal unsere Heimat werden sollte. Ein rettendes Stück Treibgut, auf dem endlich wieder oben oben war und unten unten. Eine Insel, die von diesem hauchfeinem Schleier umgeben war, wie jenem, der auf der Erde alles Leben ermöglichte. Die Telemetrie hatte uns versprochen, dass es eine Atmosphäre dort geben müsse. Nur der Stern dazu blieb für uns unsichtbar, der Planet sowieso.

Und mit jedem weiteren Tag wurde die Stimmung angespannter und gereizter. Viele der Reisenden waren schlecht gelaunt und aggressiv. Die anhaltende Unsicherheit machte ihnen zu schaffen. Die Küche versuchte, dem mit besonders feinen und reichlichen Portionen entgegen zu wirken. In der Konsequenz mussten die Sporteinheiten aufgestockt werden. Ich war schon auf der Erde nie ein großer Freund von körperlicher Ertüchtigung gewesen. Den Teil, der notwendig war, um zum Kolonieprogramm zugelassen zu werden, brachte ich zwar hinter mich, aber mehr als nur sehr ungern. Auf die zusätzlichen Sporteinheiten reagierte ich entsprechend damit, dass ich nicht mehr aß. Ein solches Verhalten jedoch lässt der Körper nicht zu. Er sträubt sich und reagiert mit wahnwitzigen Vorstellungen und Bedürfnissen.

Die kommenden Tage konnte ich dabei beobachtet werden, wie ich den Rundkurs in der Sportanlage entlang sprintete wie ein besessener. Ich habe keine Erinnerung mehr daran, wieso ich auf diese Idee gekommen bin, aber plötzlich erschien mir sogar der Wunsch nach Arbeit logisch. Während meiner Überwachungsschicht fiel ein Roboter mit einem Defekt aus. Durch eine Fehlfunktion war ihm ein Frachtcontainer entglitten und hatte seinen Arm halb abgerissen. Andere Maschinen hatten seine Aufgaben mit übernommen und ich hatte, weil die automatische Reparatureinheit ausgelastet war und mir langweilig war, den Roboter untersucht.

Stück für Stück begann ich zu verstehen, wie die Maschine aufgebaut war und funktionierte. Es war ein einfacher aber robuster und zuverlässiger Entwurf. Was meine eigenen Sinne nicht erfassen konnten, das zeigten mir dann die Baupläne. Zu meinem Entsetzen war es eine befriedigende und einnehmende Beschäftigung. Sie lies die Zeit schneller verstreichen und kleine Erfolgserlebnisse, wenn man einen Vorgang verstand, lösten einen euphorischen Schub aus. Wie konnte das sein? Der Bordarzt konnte mir keine zufriedenstellende Antwort darauf geben aber fand, wenn es mir gefiel, könnte es keinen Schaden anrichten. Ich sollte nur darauf achten, nichts zu beschädigen.

So lernte ich während der nächsten Schichten in den folgenden Tagen und Wochen immer mehr über den Aufbau der Androiden an Bord. Ich fand die Fehler bei defekten Einheiten und konnte sie reparieren, falls die Reparatureinheit ausgelastet war. Anfangs stieß mein Interesse bei den Androiden noch auf großes Misstrauen. Interesse eines Menschen an ihrer Physiologie, ein solcher Fetisch war ihnen nicht geheuer. Sie mussten im Laufe der Zeit eine Art Selbsterhaltungstrieb entwickelt haben und der Mensch zählte darin nicht als Verbündeter. Seit kurzer Zeit griffen sie auch nicht mehr in die vermehrt zwischen den Kolonisten auftretenden Schlägereien ein. Das war eine der Hauptursachen dafür gewesen, dass die Maschinen die automatische Reparatureinheit aufgesucht hatten. Stattdessen ließen sie sie einfach gewähren und die Pflegebots waren nicht zurückhaltend, Verletzte am Ende einzusammeln und einfach zu sedieren.

Wenn ich nun durch die Gänge ging, meinte ich zunächst, eine Veränderung bei den Leuten zu bemerken. Es dauerte etwas bis ich begriff, dass die Änderung bei mir stattgefunden hatte. Das teilnahmslose Herumstreifen, die leeren ausdruckslosen Augen, das lethargische Ausharren vor den Bullaugen. All das hatte ich bis vor kurzem genauso beherrscht. Die Filmvorführungen, das Essen, die Sporteinheiten. All das hatte auch bei mir kaum einen Effekt gegen die Depression und Antriebslosigkeit bezwecken können und bei den Anderen sah es nicht viel anders aus. Wie Mastvieh hingen sie herum, wartend auf ihr Ende.

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Blogparade: Impro-Geschichten. In Echt jetzt!!

Hier dann jetzt der richtige Beitrag zu dieser Aktion. Betrachtet den Letzten einfach als eine Art Teaser, der euch hoffentlich auch gefallen hat aber nicht völlig satt gemacht hat sondern immer noch genug Hunger auf mehr gelassen hat.

Offenschreiben hat mich dazu angehalten, eine Impro Geschichte zu verfassen. Ich soll drei Begriffe zu einer Geschichte verarbeiten, ohne groß darüber nachzudenken oder zu editieren. Einfach nur vor sich hinschreiben und schauen was passiert. Wenn Ihr weitere Details wissen möchtet, klickt am besten den Link da oben an. Ich muss gestehen, ich war selbst ziemlich neugierig, was dabei herum kommt und habe einfach einmal los gelegt. Meine drei Begriffe waren: Das Meer, ein Kissen und ein Handschuh. Ich hoffe, es macht euch Spaß zu lesen. Ich hatte jedenfalls Spaß beim Schreiben (auch wenn das nicht überall durch scheint).

Neptuns Tribut

Der Kolonial konnte nicht mehr sagen, ob es Tage oder Wochen gewesen waren, die der Sturm das Schiff durch die Wellen geschleudert hatte. Es fühlte sich jedenfalls an, als seien es bereits Monate. Die Neptun war zwar nicht das größte, aber dennoch ein solides und ansehnliches Schiff in der Kolonialflotte des Kaiserreichs. Nur der Meeresgott selbst schien den Namen und das Schiff selbst als eine Beleidigung zu empfinden und machte die Reise zur Hölle auf Erden selbst. Welle für Welle spülte über das hohe Deck, als wäre es ein flacher Strand, und riss alles mit sich in die Tiefen der See, was nicht gründlich und gewissenhaft festgenagelt war.

Für den Laderaum kam jede Rettung zu spät. Die Besatzung hatte alle Luken mit Pech und Lumpen versiegelt, doch das hatte nur die ersten Stunden geholfen. Wellen, hoch wie das Schiff selbst, hatten die Neptun dermaßen brutal herumgeschleudert, dass selbst der Kapitän Angst zeigte, es würde ihm die Deckplanken unter den Füßen zerreißen. Die Schiffsjungen hatten die Lenzpumpen in der Bilge seit Tagen nicht mehr alleine lassen können. Unterstützt wurden sie von den Soldaten des Kolonials, aber auch ihre Hände verwandelten sich mit der Zeit in blutige Fetzen. Von überallher schoss die salzige See in den Segler und durchweichte alles.

Man hätte meinen wollen, dass die Wassermassen den Gestank nach Exkrementen, Erbrochenen und Blut verdünnen und hinauswaschen würde. Stattdessen verteilte sich die klebrige Brühe überall und setzte sich auf allen Oberflächen fest. Niemand wagte sich an Deck, um die vollen Eimer zu leeren. Es brauchte allein fünf Mann und schwere Leinen, nur um den Steuermann abzulösen, ohne jemanden zu verlieren. Kapitän und Kolonial hatten ihre Kabinen auf dem Oberdeck übereilt aufgeben müssen, nachdem bereits die ersten Ausläufer des Sturmes die kunstvollen Glasfenster zertrümmert hatten.

Nur einen schien diese Hölle nicht aus der Ruhe zu bringen. Der Segelmeister, ein alter Seebär, der bereits mehr Jahre auf Segelschiffen verbracht hatte als der Kolonial alt war, hatte beim Anblick der Wolkenfront am Horizont alle Segel sichern und verstauen lassen, hatte sich anschließend in seiner Hängematte festgebunden und zur Besinnungslosigkeit gesoffen. Alle paar Stunden kam er kurz zu sich, aß einen Kanten trockenes Brot und soff sich zurück ins Nirwana, sobald er registriert hatte, dass das Unwetter noch tobte und das Schiff noch nicht völlig zerfallen war.

„Ich lasse ihn auspeitschen. Sobald wir das überlebt haben, lasse ich ihn auspeitschen.“

Der Maat tobte und fluchte, dass selbst die Schiffskatze kurz davor war, sich zu bekreuzigen. Es frustrierte ihn zutiefst, dass es ihm selbst vergönnt war, sich dem Sturm zu entziehen, wie es der alte Segelmeister tat. Fast noch mehr aber ärgerte ihn, dass er seine Drohung nach dem Sturm nicht einmal wahr machen konnte. Wenn das Schiff überlebte, würden sie den Segelmeister brauchen. Und zwar gesund und unverletzt. Die Takelage würde ein einziges Durcheinander sein und in Fetzen hängen und er war nach dem Schiffszimmermann der Einzige, der sich wirklich damit auskannte. Der Zimmermann hingegen würde dafür sorgen müssen, dass die Neptun wieder dicht genug wurde, um es bis zum nächsten Hafen zu schaffen.

Möglicherweise war inzwischen der dritte Tag im Sturm angebrochen. Genauso gut konnte es auch bereits der Fünfte sein, niemand vermochte es zu sagen, denn die Sonne schaffte es mit keinem Lichtstrahl hinab. Lediglich die Unmengen von Blitzen erhellten den Horizont, welcher rundherum ein einheitliches Gebirge aus Wasser und Gischt zeigte. Die Mannschaft war hoffnungslos übermüdet und ausgemergelt. Zwieback und Wasser gaben ihr nicht mehr genug Kraft und ein Seemann nach dem anderen brach zusammen und musste in seine Hängematte gebunden werden. Die Götter der See forderten ihren Tribut in Blut.

„Wir werden das Wasser nicht mehr los. Es ist überall. So sehr wir auch Pumpen, wir sind zu schwer.“

Es war leicht, das Gefasel des Matrosen als Fiebertraum abzutun. Er war völlig ausgemergelt, die ledrige Haut blass wie ein Leichentuch, die Augen Blut unterlaufen, glasig und schwarz wie die aufgewühlte See. Die Männer verhungerten vor vollen Tellern. Niemand vermochte in dieser See sein Essen bei sich zu behalten und in den zertrümmerten Fässern war kaum noch genug Trinkwasser, um den staubigen Zwieback hinunter zu spülen.

„Die Ladung zieht uns alle in den Tod. Wir müssen uns retten und sie über Bord werfen.“

Der Kolonial hätte niemals ein Gesicht zu diesen Worten ausmachen können, die da aus der breiigen Masse der erschöpften Seeleute kam. Aber sie brachten wieder neues Leben in ihn und entfachten ungekannte Wut in ihm.

„Diese Fracht ist überhaupt erst der Grund für unsere Reise. Niemand legt auch nur einen Finger an sie oder Euer aller Heuer ist gestrichen. Für diese Fahrt und für alle, die da kommen mögen.“

„Es obliegt nicht Euch, hier irgendjemandes Heuer zu streichen, Kolonial. Ehe mir die See mein Schiff raubt, gebe ich lieber die Ladung auf. Aber falls es Euch beruhigt, bei diesem Sturm ist es uns unmöglich, die Luken zu öffnen und diese Tat zu überleben. Eure kostbare Ladung ist also fürs Erste sicher. Ich hoffe nur, sie ist es auch wert.“

Die leise gebrummten Worte des Kapitäns waren im Tosen des Unwetters kaum zu verstehen. Seine Laune war miserabel, nicht nur, weil er sich um Schiff und Mannschaft sorgte, sondern auch, weil das eindringende Wasser seinen Tabak durchnässt hatte und er es nicht zustande brachte, seine Pfeife zu entzünden. Dennoch blieb er weiterhin hart aber absolut gerecht und bot seiner Besatzung einen Ruhepol und Anker in dieser schweren Zeit. Wenn er sprach, breitete sich Ruhe aus und nur geflüsterte anonyme Stimmen folgten seinen Worten.

„Was ist überhaupt drin, in dieser kostbaren Ladung, die uns den Hals kosten wird?“

„Der Arzt meinte, die Ladelisten würden Kissen aufführen. Ich wollte es nicht für möglich halten aber einer der Schiffsjungen meinte, eine der Kisten sei geborsten und durch die Spalten konnte er ein Kissen erkennen. Durchnässt aber aus feinstem Brokat, vermutlich sogar aus Seide.“

„Das ist doch unmöglich. Wieso sollen wir Seidenkissen in die Barbarenländer fahren? Brauchen die Generäle und Statthalter etwas Abwechselung zu den exotischen Fellen und edlen Hölzern? Eine solche Ladung ist absurd.“

„Schweig, du Narr. Eine solche Ladung kann uns retten. Der Dünne Stoff kann nicht viel Wasser halten und die Kissen selbst wiegen auch kaum etwas. Mit Werkzeug oder Glas in den Frachtkisten wären wir so schwer, dass es das Schiff längst zerrissen hätte.“

Auch der Kolonial hatte den leisen Disput verfolgen können, entschied sich aber, nichts weiter dazu zu sagen. Niemand würde seine Ladung anrühren, da nahm er den Kapitän beim Wort. Aber auch er hatte das unheilvolle Bersten und Splittern aus den Frachträumen vernommen. Seine Sorge war, dass Treibgut ein Loch in die Bordwand gerissen haben könnte. Nicht, weil das Schiff deswegen sinken würde, sondern, weil wertvolle Frachtkisten durch die Öffnung gerissen werden würden und der Kolonial hatte Teile seines privaten Vermögens in diesen Handel investiert. Er erwartete einen entsprechenden Gewinn, um das Anwesen seiner Familie renovieren zu können.

Seine Ahnen hatten ihr Land damals direkt von der Krone bekommen, als das Reich noch unter einem König stand. Eigentlich hatten sie ihren Stand nur einem denkwürdigen Zufall und einer folgenschweren Verwechselung zu verdanken doch im Laufe der Zeit hatten sie sich zu einem bedeutenden Geschlecht entwickelt. In jüngerer Zeit hatten unbedachte Entscheidungen das altehrwürdige Anwesen und seine Herren schwer in Mitleidenschaft gezogen. Der Kolonial hatte seinen Posten angenommen, um diesen Missstand zu beheben und seinem Namen zu neuem Glanz und Ruhm zu verhelfen.

Er war sich bitterlich bewusst, dass Erfolg oder Scheitern seines Vorhabens in den Kolonien über Fortbestand oder endgültigen Untergang seines Hauses entscheiden konnte. Die Kissen mussten unter allen Umständen möglichst unversehrt ihr Ziel erreichen, oder er konnte sich genauso gut hinter ihnen her in die erbarmungslosen Fluten stürzen.

Ein eisiger Schwall Seewasser schoss durch die geöffnete Luke und ließ einen jungen Thunfisch panisch zappelnd auf den Bohlen des Zwischendecks zurück. Ein ausgemergelter Matrose beobachtete ihn kurz aus der Distanz, stürzte sich dann auf ihn und ermattete in der Hoffnung, den Fisch unter seinem verbleibenden Körpergewicht zu erdrücken. Wenn sie ihn verspeisen wollten, dann mussten sie es roh tun denn auf dem ganzen Schiff war kein Feuer mehr zu entfachen. Mit dem nächsten Schwall Wasser wurde die dicke Leine mit dem Steuermann hineingezogen. Blut troff aus seiner Kleidung, wo die Seile ihn davor bewahrt hatten, vom Salzwasser von Bord gespült zu werden. Er war unterkühlt, triefnass und kaum noch als lebender Mensch zu erkennen. Seine Lippen waren aufgerissen und dünner, als ein Blatt Papier.

„Nichts. Soweit das Auge reicht, nur Wasser.“ Die dünne Stimme war brüchig und zwischen jedem zweiten Wort hustete er sich den Ozean aus den Lungen. „Ich verstehe das nicht. Wir hätten längst eine Insel oder Küste sehen müssen. Auch von anderen Schiffen ist keine Spur zu sehen. Ich fahre diese Route jetzt zum mehr als zwanzigsten Mal, in dieser Gegend ist das Meer immer etwas stürmisch, aber hier sind wir auch immer dem Konvoi der Apollon begegnet. Keine Mastspitze ist zu sehen. Sieben Schiffe sollten es sein und keines ist aufgetaucht.“

„Vielleicht haben sie den Sturm frühzeitig bemerkt und sind ihm ausgewichen oder gleich im Hafen liegen geblieben.“

„Wir wollen es ihnen wünschen. Sie bringen Erze und Metalle aus den Kolonien. Schwer, wie sie sind, wären sie in diesem Sturm mit Mann und Maus verloren.“

„Dann müssen sie im Hafen geblieben sein. Sieben Schiffe, einen solchen Blutzoll kann kein Gott unbeachtet lassen.“

Ein Schuss hallte durch das Schiff und pflanzte sich in den hölzernen Balken fort, als ein Teil der Takelage zwischen den Masten zerriss. Stumm betete der Kapitän, die Masten mögen den Sturm wenigstens überleben. Die Neptun war eines der schnellsten Schiffe der kolonialen Flotte, doch auch sie brauchte ihre Masten, um ans Ziel zu gelangen. Alles andere konnte man auch auf hoher See reparieren, sobald das Wetter aufklarte.

Ein trockenes Würgen hob sich im allgemeinen Lärm ab. Es kam aus einer dunklen Ecke am Bug. Berstendes Glas und lautes Fluchen lenkten Neugier und Aufmerksamkeit in die Richtung der Gardine aus Segeltuch, die der alte Segelmeister vor seiner Hängematte befestigt hatte. Er war also wieder bei Bewusstsein und auf der Suche nach der nächsten Flasche. Seine schwielige und knochige Hand schob die Gardine beiseite und das schiefe Gesicht des knorrigen Mannes kam zum Vorschein. Winzige, tief im Schädel liegende Augen sahen sich um.

„Himmel und Hölle stinkt das hier. Wenigstens wird der Sturm schwächer, ehe es uns noch vollends in Stücke reißt.“

Die Worte des alten Segelmeisters lösten nur Verwirrung und Kopfschütteln aus. Er musste sich seinen letzten Rest Wahrnehmung weggesoffen haben, dass er vom Ende des Sturms sprach. Doch als der Maat innehielt und lauschte, musste er sich eingestehen, dass sich die Geräusche tatsächlich geändert hatten. Viel seltener hallte das reißende Geräusch von berstendem Holz durch die Balken und auch die von der Decke baumelnden Werkzeuge und Hängematten schlugen weniger oft und weniger fest gegen die Bordwände. Selbst die Fluten brandeten nicht mehr mit jeder Welle über das Deck und ergossen sich in den Bauch des Frachters. Es sah wirklich so aus, als hätten sie es so gut wie überstanden. Jetzt dürfte ihnen in den letzten Stunden bloß kein Fehler mehr unterlaufen, dann waren sie gerettet. Verstümmelt, entstellt, halb verhungert und verdurstet aber am Leben. Die Meisten von ihnen jedenfalls.

Als wäre dies noch nicht Motivation genug gewesen, hatten die Schiffsjungen das erste Mal den Eindruck, mehr Wasser aus der Bilge hinaus zu pumpen, als nachlaufen konnte. Mit frischem Mut griffen aufgeplatzte Hände nach den splitterigen, aufgequollenen Hebeln der Pumpen und entluden ihre letzten Kräfte in die Bemühung, das geschundene Schiff wieder über die Wellen zu heben. Bis aber tatsächlich Erfolge zu sehen waren, vergingen weitere lange Stunden. Und in all dieser Zeit wurde das Heulen und Tosen sanfter und leiser.

Inzwischen war selbst der alte Segelmeister wieder in der Verfassung, seine Hängematte verlassen zu können. Kopfschüttelnd sah er sich im Schiff um und ging sicheren Schrittes über die schwankenden Decks. Hier und da fing er eine Hand voll Seewasser von den Balken und warf sie sich ins Gesicht.

„Ihr seid doch alle verrückt. Hier hätten Euch die Handschuhe zwar wohl auch nicht mehr viel geholfen aber ich an Eurer Stelle hätte es trotzdem wenigstens versucht. Nun denn, des Menschen Wille ist sein Himmelreich, wie meine alte Mutter immer sagte. Dann fuhr sie zur See hinaus und kam nicht mehr wieder.“

Mit diesen Worten stieß er die Luken auf. Kalte, wohltuende Luft brach in den Bauch des Schiffes und brachte neues Leben mit sich. Er schickte sich an, die Leiter hinauf aufs Deck zu klettern, doch der Maat griff ihn am Knöchel.

„Von was für Handschuhen redest Du?“

„Die Handschuhe, die ich aus der alten Fock genäht habe. Ich habe sie Dir vor einem Monat gegeben, erinnerst Du Dich nicht mehr? Natürlich erinnerst du dich nicht mehr, sonst hätten die Jungs nicht so blutige Hände. Ein scheußlicher Anblick. Wascht die Wunden gut aus und tragt kräftig Fett auf, damit die Haut wieder etwas geschmeidiger wird. Mit diesen Händen könnt Ihr kaum die Taue zum Festmachen greifen.“

Mit diesen Worten war er in die schwarze Nacht verschwunden. Der Maat erinnerte sich tatsächlich jetzt erst an den Sack mit geölten Handschuhen, die er vor vier Wochen von dem Alten bekommen hatte. Robust und gut gearbeitet waren sie gewesen, wenn auch sehr fest. Er hatte sie ins Lager gehängt und nicht mehr weiter daran gedacht. Schließlich sollten die Leute ein Gefühl für das Material haben, das sie griffen. Als er hinter dem Segelmeister die Leiter hoch hastete, fand er nur noch ein leeres Deck vor. Hinter ihnen erhellten noch Blitze den Horizont, doch vor ihnen wartete nur endlose und abgrundtiefe Schwärze.

Als er sich suchend umblickte, fiel ihm das Loch auf, aus dem der Baum des Hauptmastes ragte. Das war also das splitternde Geräusch gewesen. Wäre da nicht das schwache Glimmen der Laterne gewesen, mit der ihm ein Matrose an Deck gefolgt war, er hätte es nicht gesehen und wäre am Ende noch hineingefallen. Er rief den Mann herüber und lies ihn in den Laderaum darunter leuchten. Der Baum hatte die Deckplatten, einige Kisten der Ladung und die Bordwand durchschlagen, ehe er sich verkeilt hatte und nun festsaß.

Wenigstens eine der festgenagelten Kisten hatte sich losgerissen und musste durch das Loch verschwunden sein. Viele Kisten waren geborsten und aus den meisten troff Wasser. Umherfliegende Splitter mussten einige der Kissen beschädigt haben. Verkrustete Daunenfedern klebten an den Wänden und schwammen in den Pfützen. Der Kolonial würde nicht glücklich sein aber nach dem, was er sehen konnte, hatte der deutlich größte Teil der Ladung die Fahrt nass aber unversehrt überstanden. Die Könige der See hatten sich dennoch nicht von ihrem Tribut fernhalten lassen.

Als später die Sonne ihr erstes zaghaftes Licht durch die Wolkendecke drücken konnte, fanden sie den Segelmeister wieder. Er saß auf dem Bugspriet und knotete die Seile der Takelage neu zusammen. Es würde nicht viel sein, aber ein wertvoller Anfang. Die Neptun hatte den Sturm überlebt, nun musste sie es nur noch in den Hafen schaffen. Die Nacht über waren keine Sterne zu sehen gewesen, genau so wenig wie nun Land oder der genaue Stand der Sonne. Niemand wusste, wo genau sie sich befanden. Die Richtung stimmte ungefähr, aber das war nicht viel wert, wenn sie sich am falschen Punkt befanden. Sie konnten nur hoffen, dass der Ausguck etwas erspähte.

Derweil schoss immer noch die See durch die Spalten in den Schiffsplatten. Gierig sogen die Männer das karge Tageslicht ein, wankten wie Untote über das Deck. Eimer um Eimer wurde das Wasser zurück ins Meer gegossen, ohne Pause und Unterlass. Der dumpfe Klang der Hämmer hallte durch jeden Hohlraum. Die laute Stimme des Zimmermanns rief Anweisungen, welches Leck wie geschlossen zu werden hatte. Er hatte es sehr eilig damit und wollte unbedingt mit einem seetauglichen Schiff in den Hafen einlaufen. Der Steuermann hielt dagegen und wollte so bald wie irgend möglich einlaufen. Im Hafen wäre es einfacher, Reparaturen vorzunehmen.

Die Sonne stand bereits tief über dem Horizont, als hysterische Schreie das ganze Schiff aufhorchen ließen. Sie kamen aus dem Krähennest an der Mastspitze, wo sich ein zitternder Schiffsjunge an das Holz des Mastes klammerte.

„Land! Da ist Land, backbord voraus! Ich sehe Berge und Bäume, da ist die Rauchfahne einer Siedlung! Land! Bei allen Göttern, seht Euch das an.“

Und tatsächlich war dort Land. Langsam kroch es über den Horizont auf die Neptun zu, kam näher und wurde in der letzten Abendsonne immer deutlicher. In der Ferne blinkte ein schwaches Licht regelmäßig vor sich hin. Ein Leuchtturm. Der Kapitän zählte leise vor sich hin und nickte dem Steuermann zu. Sie waren auf dem richtigen Kurs und an der richtigen Stelle. Angesichts des heftigen Sturmes war dies ein wahres Wunder. Wie Ameisen waren die Männer aus dem Bauch des Schiffes gekrochen und klammerten sich an die Reling. Das rettende Ufer, es schien so nah und war doch noch wenigstens eine Tagesreise entfernt.

Nur der Kolonial interessierte sich nicht für das Land. Er kletterte durch das Loch in den Laderaum hinab und begann, seine Fracht zu inspizieren. Mit tiefen Sorgenfalten hielt er die Fetzen eines seidenen Kissenbezuges in der Hand, doch je länger er zählte, um so mehr glätteten sich die Züge. Vielleicht würde er nicht reich werden, aber wenn von hier ab nun alles nach Plan lief, dann würde er sich keine Sorgen mehr um seine Gläubiger machen müssen. Er würde sie alle auszahlen können.

Es hatte drei weitere Tage gebraucht, bis der Hafen in Sicht gekommen war. Die Neptun hatte nur eine kleine Segelfläche setzen können, und kam nur mit schwacher Fahrt voran. Jetzt, wo er nichts weiter tun konnte, als warten, stand der Kolonial hauptsächlich am Bug, die Arme hinterm Rücken verschränkt, und starrte auf die nun ruhig daliegende See. Treibgut und dichte Büschel von Seegras waren die letzten Zeugen des verheerenden Sturms, und natürlich der Zustand des Schiffs. Kein einziger großer Mast war ihnen entgegen gekommen. Nur in direkter Nähe zur Küste konnte man einige Fischerbötchen sehen. Sie boten ein friedliches Bild, als wäre die Welt noch in Ordnung und als habe nie eine Gefahr für irgendwen bestanden.

Die Mannschaft kam langsam wieder zu Kräften. Sie schien sich gemeinsam mit ihrem Schiff zu erholen. Mit jedem geschlossenen Riss in der Bordwand wirkten die Männer weniger wie wandelnde Leichen, mit jedem Knoten in der Takelage kehrte die Kraft in Arme und Beine zurück. Dennoch verfehlte der Schiffszimmermann sein Ziel, die Neptun wieder voll seetauglich zu haben, bis sie in den Hafen einliefen. Sie war außer Gefahr aber immer noch reichlich geschunden.

Der Kran und ein Heer von Trägern standen am Kai bereit, als sie festmachten. Der Kolonial hatte seine Soldaten an Deck zur Inspektion antreten lassen. Sie sollten einen guten Anblick bieten, mit polierten Rüstungen und gesunden Gesichtern. Er war nicht zufrieden mit dem, was er präsentiert bekam. Seine Kompanie würde keinen beeindruckenden Eindruck hinterlassen, aber für die Wilden hier würde es hoffentlich genügen. Zerknirscht stand er an der Reling und blickte auf den Hafen hinab. Ein Anleger, einige Lagerhäuser, die Handelsstation und die Verwaltung. Nun, immerhin waren sie hier nicht in der Zivilisation. Der alte Segelmeister trat zu ihm.

„Ihr wolltet Euren Stoff über Bord gehen lassen. Den, von den kaputten Kissen. Ich habe mir erlaubt, ihn anderweitig zu verwenden.“

Mit diesen Worten reichte er ihm ein kleines Häufchen des fein bestickten Seidenstoffs. Als er ihn entfaltete, kam ein einzelner Handschuh zum Vorschein. Er blickte den Alten fragend an, aber dieser nickte nur. Als er den Handschuh über seine Rechte zog, passte er perfekt. Das Muster schmeichelte der Hand und er war ausgesprochen fein und sauber gearbeitet. Unwillkürlich spürte er eine seltsame Mischung aus Verwirrung, Freude, Tadel und Dankbarkeit in sich aufwallen.

„Der Stoff hat noch für zwei Paar Damenhandschuhe gereicht, aber dieser hier ist für Euch. Leider nur einer. Möge er Euch immer eine Mahnung sein und Euch an die Gnade der Götter mit unserem Schiff erinnern. Auf dass Ihr hoffentlich Wertschätzung entgegen bringt, woran auch immer Ihr hier Eure Hand legen mögt.“

Mit diesen Worten drehte sich der alte Mann um, verschwand in der zerstörten Kajüte und ließ den Kolonial sehr nachdenklich und in Gedanken zurück. Sein Blick wandere über die immer noch angetretene Kompanie, dann über das fremde Land mit seinen merkwürdigen und geheimnisvollen Bewohnern, welches hier vor ihnen lag.

Am Ende dieses kleinen Experiments bin ich doch erstaunt, wie lang der Text geworden ist und wie viel Spaß mir das Schreiben gemacht hat. Ich bedanke mich jedenfalls ausdrücklich bei der guten Offenschreiben für diesen „Auftrag“ und bei der ominösen Isabelle (ich kenne sie nicht direkt), für das Erschaffen dieses „Kettenbriefs“.

Die Regeln verlangen, dass ich selbst nun auch Begriffe und Nominierungen verteile. Von Nominierungen bin ich zwar nicht so der Freund, aber wenn Du möchtest, dann schreibe doch auch etwas dazu. Die Begriffe sind: Ein Raumschiff, Nebel, Licht.

Solltest Du mit machen, verlinke den Beitrag bitte hier und auf Isabelles (siehe oben) Beitrag. Viel Spaß!

Abendrot

Hunger – Teil 9. – Ende

In den unmittelbar folgenden Wochen hatte sich auf der Farm eine leichte Verbesserung der Situation eingestellt. Die Pflanzen erholten sich ein wenig, wurden wieder grüner, kräftiger und fruchtbarer. Das geerntete Gemüse reichte zwar noch immer bei weitem nicht, bestand aber immerhin aus mehr als Wasser und Ballaststoffen. Die Rationierung dagegen rief ungeahnt heftige Reaktionen hervor. Die Leute sahen nicht ein, wieso das Mittagessen eingestellt und das Frühstück nur noch in abgespeckter Form ausgegeben wurde. Das das Abendessen wie gehabt beibehalten wurde war kein Trost.

Zunächst war da nur der Hunger. Immer und überall gab es nichts als knurrende Mägen. Die Leute wurden zunehmend gereizter und die Laune verschlechterte sich. Am Ende musste die Sicherheit sogar eine Ausgangssperre verhängen. In der Allee patrouillierten verstärkt mies gelaunte Sicherheitsleute die jeden an fuhren, der ihnen in die Quere kam. Die Tage zogen sich zäh dahin, Wochen erschienen den Kolonisten wie Monate. Sie hatten noch einen langen Weg vor sich und das Bremsmanöver war noch nicht einmal gestartet worden. Trotzdem gingen die meisten tapfer weiter ihrer Arbeit nach. So gut sie eben noch dazu in der Lage waren. Die Zahl der Unfälle stieg merklich an.

Auf der Krankenstation wurde noch ein zweiter Aspekt deutlich mit dem in der Überflussgesellschaft niemand gerechnet hatte und an den niemand gedacht hatte. Mangelerscheinungen. Frau Doktor Verdun fand zwar in der medizinischen Bibliothek eine alte Anleitung, wie man Ersatzpräparate anfertigte doch dazu war es bereits zu spät. Die ersten Siedler verloren bereits ihre Zähne durch Skorbut. Die Ärztin dokumentierte alles peinlich genau und mit der Faszination des Abartigen. Fassungslos starrte sie auf die Bilder von den Geschwüren, die sich so schwer taten zu verheilen. Und immer fehlte es an irgend etwas. Nachfolgende Kolonieschiffe mussten unbedingt besser ausgestattet sein. Das vermerkte sie an jeder nur möglichen Stelle in ihrer Dokumentation.

Nach monatelangem Dröhnen war heute der große Tag. Das große Triebwerk war zum schweigen gekommen und nach einigen wohl berechneten Schüben fand sich das riesige Kolonieschiff im Orbit um seine neue Heimat wieder. Trotz der blauen, staubigen Kugel vor den Fenstern war die Stimmung an Bord eher angespannt. In den letzten Monaten standen die Siedler extrem unter Spannung. Sie waren gereizt, griesgrämig, streitlustig und vor allen dingen hungrig. Es gab Tage, an denen kam Marissa selbst kaum aus dem Bett. Aus dem Spiegel starrte ihr eine alt wirkende und doch junge Frau entgegen. Ihr eingefallenes Gesicht und die leeren Augen machten ihr Angst. Sie wollte sich selbst auf keinen Fall im Traum begegnen.

Marissa hatte ihr Bestes gegeben. Sie hatte die Lampen ausgetauscht, ersetzt, ergänzt und auf jede ihr mögliche Weise verändert. Die Pflanzen hatten es ihr nur dürftig gedankt aber immerhin ein wenig. Die Brücke hatte recht ungehalten auf die strenge Rationierung reagiert. Es war den Offizieren nicht zu verdeutlichen, dass man eine hydroponische Kultur nicht so einfach reparieren konnte wie einen Kühlschrank oder einen Reaktor. Für die Farmer war die Zeit besonders frustrierend. Egal was sie versuchten und wie viel sie arbeiteten, es wurde ihnen mit Verachtung gedankt. Mehr als einmal war der Mob drauf und dran, sie, oder wahlweise auch sich gegenseitig zu zerfleischen.

Die Ironie dabei war, das synthetische Fleisch wollte niemand anfassen. Es hatte Marissa und Doktorin Verdun einige Fehlschläge gekostet aber am Ende hatten sie doch noch diesen Rettungsanker aufbauen können. Fleisch aus dem Reagenzglas um die Hungersnot an Bord zu bekämpfen. Es war fast geschmacklos und von glibberiger Konsistenz, dafür aber ausreichend nahrhaft. An den Gedanken etwas zu essen, was von einem Tier oder Mensch hätte stammen können, konnte sich nur offensichtlich niemand gewöhnen. Sonst so kostbare Nahrung ließ man vergammeln. Dann sollten sie doch vor Hunger verrecken, dachte Marissa mehr als einmal in ihrer Verbitterung.

Die Verweigerung gegenüber dem Fleisch sorgte für eine erhöhte Nachfrage nach Notrationen. Vor zwei Wochen war der letzte Container davon an Bord geholt worden. Bisher waren sie um Todesopfer herum gekommen aber wenn dieser Container aufgebraucht war, dann konnte Marissa nicht sagen, woher sie noch Nahrung holen konnte. Wenigstens konnte der Mob ihnen bald nicht mehr gefährlich werden. Der Hunger verbrannte alle Kraftreserven, so dass die Besatzung bald eher wie wandelnde Leichen wirkte.

Mit Ellenbogen und mürrischen Gesichtern hatten die Siedler das Schiff zur Landung vorbereitet. In der allgemeinen Depression hatte niemand mehr ein besseres Leben auf dieser neuen Welt erwartet. Trotz allem arbeiteten sie gewissenhaft und präzise, nur eben etwas langsamer. Das vermeintliche Problem mit dem Triebwerksreaktor hatte sich als reine Vorsichtsmaßnahme entpuppt. Der Reaktor war in makellosem Zustand und bescherte dem Schiff eine glatte und problemlose Landung in einem weiten Tal. Die Gegend bot alles, was man sich Wünschen konnte. Fließendes Wasser, Bodenschätze und fruchtbare Erde. Sogar eine dünne Sauerstoffsättigung und ein hoher CO2 Anteil war vorhanden, genau wie die Sonden angekündigt hatten. Am Anfang würde den Meisten etwas schwindelig sein, aber sie würden sich gut daran gewöhnen können. Das Schiff war auf einem weitläufigen Hügel gelandet. Nah am See aber weit genug darüber, um auch bei einem starken Hochwasser trocken zu bleiben.

Eine der ersten Aktionen nach der Landung war es gewesen, die Farm zu öffnen und einige der Regale an die frische Luft zu holen. Es hatte einige Wochen gedauert aber trotz der fremden Bedingungen hatten sich die Pflanzen wieder erholt. Nach einem halben Jahr hatte Marissa ihre Farm komplett aus dem Schiff ausgelagert. Die Erträge genügten ihren Ansprüchen und sie war zuversichtlich, dass sie das nächste Jahr überstehen würden. Das mussten sie auch, denn mit der Landung hatten sie auch das letzte Paket der Notrationen vertilgt. Sie hoffte nur, es würden nicht zu viele Kinder geboren werden.

Marc und Jeb hatten ihren Handel mit den Tabakblättern nicht bereut. Am ersten Abend nach der Landung saßen sie selig wie die Kinder auf einem nahen Hügel und rauchten glücklich ihre selbst gedrehten Zigarren. Die einzigen, die es in der ganzen Kolonie geben sollte. Für die beiden war die Reise damit erfolgreich beendet.

Fortsetzung folgt nicht mehr. Das wars. Ich hoffe mein kleiner Ausflug zu den Sternen hat dir gefallen und du hattest viel Spaß beim Lesen. Falls du es noch nicht getan hast, lass mir doch gerne einen Kommentar mit deiner Meinung da. Ich freue mich über Reaktionen und Rückmeldungen. Bis zur nächsten Geschichte!

Planeten

Hunger – Teil 8.

Drei kleine Menschen standen vor einem großen Tiefraum-Container in Mitten eines großen, dunklen Hangars. Ein alter Mann mit Glatze studierte sorgfältig eine Ladeliste, ein kleiner Mann mit wirrem, grauweißen Haaren stand im Container und zerrte Kiste um Kiste hinaus und eine müde wirkende, schlanke, hoch gewachsene Frau nahm sie von außen entgegen und öffnete jede einzelne. Was sie vorfand, sorgte bei ihr nicht für überschwängliche Begeisterung.

Baumaterialien, Kleidung, kleine Maschinen, mit Öl zu betreibende Notstromaggregate und einige Brennstoffzellen. Solarpanele, und nur dann und wann mal eine Kiste voller Pappschachteln die mit ‚Gewächshausbeläuchtung Klasse 1 – EN 195421-42c‘ beschriftet waren. Das mussten sie sein, aber es waren so wenige. Sie schätzte die Menge ab, es würde vielleicht für die Hälfte der Farm reichen. Wenn in einem der weiteren Container noch einmal so viele drin waren, dann würden sie die große Farm wenigstens versorgen können.

Marissa hoffte inständig, es würde auch etwas bringen. Sie hatte keine Möglichkeit zu bestimmen, wie lange die Pflanzen nun schon unterversorgt waren. Vor einigen Wochen war der Fehler das erste mal aufgefallen, als die Routineuntersuchung des Quartals fällig war. Zunächst wurde dem Befund nicht einmal große Aufmerksamkeit beigemessen. Man hatte es für einen Messfehler gehalten und den Test wiederholt. Erst, als der fünfte Test das gleiche Ergebnis gab wurde das Labor nervös und weihte die Farm ein. Marissa hatte zu dem Zeitpunkt schon den Verdacht, dass die Pflanzen erkrankt waren. Sie konnte die Produktivität beobachten und hatte die verkümmerten Früchte bemerkt. Es passte ins Bild, schon seit Monaten warf die Farm nicht mehr genug ab, um Überschüsse in die Kühlkammern im Innern des Schiffs ein zu lagern.

Wenn es also so lange gedauert hatte den Negativtrend zu identifizieren, wie lange würde es in die andere Richtung dauern? Selbst wenn sie alle Leuchten austauschen konnten, wie würden die hydroponischen Kulturen die Veränderung aufgreifen? Inzwischen saß sie schon wieder in der Biene um den nächsten Container ein zu holen. Sie nahm sich die Zeit, die Inventarliste zu aktualisieren und die verlorenen Container zu verzeichnen. Nur von der Biene aus konnte man den Schaden kaum abschätzen. Erst auf der Karte wurde deutlich, dass fast ein Drittel der Fracht an der Außenhülle verloren war. Die ersten Jahre in der neuen Kolonie würden sehr hart werden. Sie konnte nicht sagen, ob es ohne zusätzliche Hilfe überhaupt möglich war.

Emsiges Treiben erfüllte die Farm. Fast eine ganze Woche brauchten sie um die neue Beleuchtung ein zu bauen. Die Container hatten sowohl Erleichterung als auch Ernüchterung gebracht. Zunächst sah es so aus, als könnte nur jede vierte Lampe neu bestückt werden aber bald stellte sich heraus, dass sie fast auf der gesamten Fläche jede zweite Leuchte ersetzen konnten. Für Marissa war das eine immense Erleichterung und das, obwohl die Pflanzen unter den Höhensonnen der Krankenstation bislang kaum eine Veränderung gezeigt hatten. Es kam Marissa zwar so vor, als würde ihr Grün wieder etwas satter werden aber das konnte genau so gut am anderen Licht liegen. Außerdem hatte sie Angst davor, die zarten Blätter mit dem starken Licht zu verbrennen. Wenigstens diese Befürchtung sollte unbegründet bleiben.

Trotzdem beschloss Sie am Ende der Woche der Krankenstation einen Besuch ab zu statten. Die neue Beleuchtung zeigte zwar noch keinen durchschlagenden Erfolg aber darauf wollte Marissa nicht länger spekulieren. Frau Doktor Verdun schien nur auf sie gewartet zu haben. Als Marissa die Station betrat sprang sie gleich aufgeregt von ihrem Stuhl auf und winkte sie hektisch ins medizinische Labor. Der Tisch, der die Mitte des Raums dominierte war mit einer Isolierdecke abgedeckt unter die verschiedene Leitungen führten.

„Ich nehme an, Sie haben die Ersatzlampen wie gehofft gefunden?“ begrüßte sie Marissa. Als der Antwort ein Zögern vorweg ging war sie schon nicht mehr daran interessiert und sprudelte einfach drauf los.

„Wie dem auch sei. So oder so sind wir nicht völlig aufgeschmissen. Sie erinnern sich an die Theorie, Fleisch künstlich und in einer Nährlösung zu züchten? Der Gedanke, damit gegen die Nahrungsknappheit an Bord helfen zu können hat mich so sehr fasziniert, dass ich schon einmal angefangen habe die Thematik zu untersuchen. Ich habe Versuche mit unterschiedlichen Lösungen und Nährstoffpräparaten gemacht. Das beste Ergebnis hat dabei bislang eine wässrige Lösung erzielt, die zusätzlich elektrisch geladen und stimuliert wird.“

Triumphierend zog sie die Decke vom Tisch und gab den Blick auf einige Behälter aus klarem Plastik frei. In ihnen schwammen unterschiedlich große, unappetitlich aussehende, weiße Klumpen einer glibberigen Substanz. Marissa fand, sie sahen eher aus als würden sie sich zersetzen statt wachsen. Sie hatten auf der Farm einmal ein Problem mit Schimmelklumpen in den Nährlösungstanks gehabt. Das hatte damals gar nicht so anders ausgesehen, mit dem Unterschied, dass dies hier gewollt war und zum Essen gezüchtet wurde. Ein eiskalter Schauer lief ihr den Rücken hinab und kitzelte ihren Würgereiz. Mühsam nahm sich sich zusammen. Wenn das hier tatsächlich essbar sein würde, wieso dann nicht? Und im Grunde genommen war es auch nicht unappetitlicher, als die Nahrungsergänzungskulturen aus der Wasseraufbereitung. Für einen Moment war Marissa besonders dankbar, dass das Geheimnis aus der Lebenserhaltung des Schiffs so gut gewahrt wurde.

Frau Doktor Verdun schob gerade vorsichtig einen etwas kleineren Behälter auf den Tisch, der hinter ihnen im Regal gestanden haben musste. Die Kultur in diesem war so weit gereift, dass sie das gesamte Gefäß ausfüllte und eine blass-rosa Farbe angenommen hatte. Es sah deutlich fester und nicht mehr so schwammig aus und verströmte einen Geruch, den Marissa nicht hätte benennen können. Das war also Fleisch. Fertig gewachsen aber noch roh. Soviel wusste Marissa, Fleisch konnte man essen aber vorher musste man es braten oder grillen. Sie selbst konnte sich nicht erinnern, jemals vorher schon einmal Fleisch auf einem Teller gesehen zu haben. In den großen Kolonien lebten Menschen, die tierische Nahrung aßen aber auch das nur sehr selten. Nutzvieh war sehr selten und nach seinem Tod nicht immer als Nahrung zu gebrauchen. Einige Kolonieschiffe der Flotte hatten wohl ein paar Tiere dabei, ihr eigenes Schiff aber nicht.

„Sagen Sie, Frau Doktor, woher haben sie denn die Spenderfaser? Sie meinten beim letzten Mal, es bräuchte eine Spenderfaser um den Vorgang zu initiieren.“

Frau Doktor Verdun sah betreten zu Boden und rieb sich ihren Arm. Auf einmal wollte Marissa die Antwort auf ihre Frage gar nicht mehr hören. Sie wünschte sogar, sie hätte sie sich nie gestellt. Wieder etwas, was es vor der Mannschaft zwingend geheim zu halten gab. Irgendwie erschien ihr das Ganz so falsch aber in ihrem Inneren wusste sie, sie würden darauf angewiesen sein.

Die Kapazität der Farmen war so angelegt, dass sie immer ein Zehntel Überschuss produzieren konnten. Im Augenblick erreichten sie gerade einmal die Hälfte dieses Werts. Selbst wenn sich die Pflanzen wieder erholen würden, es würde nicht genug sein, um die ganze Besatzung vollständig zu ernähren. Auf die Notrationen konnten sie sich eben so wenig verlassen und so blieb ihnen nur die Möglichkeit, den Ekel zu überwinden und ihr vegetarisches Dasein auf zu geben. Wenigstens würde wohl niemand verhungern.

„Ich muss zugeben, das hier sind immer noch nur Versuche. Es wird noch einige Zeit und einige Versuche in Anspruch nehmen. Sie haben einige Erfahrung im Umgang mit solcherlei Lösungen. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir dabei zur Hand gehen könnten.“

Sie zauderte kurz, gab dann aber der Bitte der Doktorin nach und nickte. Mit Hilfe der Doktorin schätze Marissa ihre Möglichkeiten ab. Sie hatte inzwischen einen recht genauen Überblick über alle Vorräte und Rücklagen. In ihrem persönlichen Kalender hatte sie bereits für den nächsten Tag den Beginn der Rationierung vermerkt. Die Farm würde ganz bewusst ab dann weniger als benötigt ausliefern. Es würde Klagen und Beschwerden geben aber im Laufe der Zeit, da war sie sich sicher, würden die Leute sich ihrem Schicksal ergeben.

Fortsetzung folgt…

Planeten

Hunger – Teil 7.

„Marc, mein Freund, wie oft habe ich dich schon um einen Gefallen gebeten?“

„Noch nie Liebes, noch nie. Aber das hier ist etwas anderes. Ich kann doch nicht einfach einen direkten Befehl ignorieren.“

„Du würdest ihn ja nicht ignorieren! Du würdest lediglich einem höheren Befehl den Vorrang geben. Es ist doch gar nicht so kompliziert.“

„Nicht so kompliziert sagt sie. Nicht so Kompliziert! Kind, hast du eine Ahnung … ? Natürlich hast du das nicht, du warst damals kaum geboren. Aber früher, bei der Flotte, hätten wir uns eine solche Interpretation von Befehlen nie erlaubt.“

„Ein Glück aber auch, dass wir hier nicht bei der Flotte sind. Ich bin sicher der Käptn würde uns in Stücke reißen, ehe wir husten könnten.“

„Du hast ja keine Ahnung, was der Käptn getan hätte. Ach, hols der Teufel! Aber wie soll ich armer, alter Mann im Alleingang den Hangar in betrieb nehmen und zeitgleich deinen Flug überwachen? Hast du dir darüber mal Gedanken gemacht?“

„Du könntest einen vertrauenswürdigen Kollegen um Hilfe bitten.“ Sie sah ihn mit großen, unschuldigen Augen an und klimperte wie zufällig mit den Wimpern. Er war drauf und dran, sich die Hände vor die Augen zu schlagen, drehte sich stattdessen nur zwei mal um sich selbst und knirschte hörbar mit den Zähnen. Am Ende riss er sich an den Haaren, holte tief Luft und sah sie so streng an, wie er konnte.

„Und es ist wirklich zwingend notwendig, diese Container rein zu holen? Du hast doch gestern schon einen hinein geholt.“

„Du kannst natürlich auch hoffen, dass die staubigen Rationen reichen aber ich für meinen Teil beiße lieber in was Frisches. Nur genau dafür brauche ich zwingend diese Lampen in diesen Containern.“

Marc überlegte angestrengt und rupfte sich wieder an den grauen Haaren. Man konnte sein Gehirn bald rasseln hören, so angestrengt schien er nach zu denken.

„Also gut. Aber im Gegenzug verlange ich auch einen kleinen Gefallen. Zwei eigentlich, einen für mich selbst und einen für den guten Jeb, der die Flugüberwachung übernehmen muss.“ Sie hob die Brauen, sah ihn misstrauisch an, nickte aber trotzdem langsam. „Ich weiß, dass ihr in der Industriefarm gewisse Pflanzen anbaut. Darunter eine spezielle, aus der die Seidenproteine gewonnen werden.“

Marissa konnte es nicht fassen. Dieser alte Zwerg war doch einfach unverbesserlich. Sie kämpfte nach Kräften um die Gewährleistung der Nahrungsversorgung, bemühte sich, dass niemand an Bord zum Hungertod verdammt war und dieser Witzbold fragte nach Tabak. Sie stöhnte auf und drehte sich weg.

„Ach komm schon!“ rief er ihr nach. „Ich bitte dich nicht gleich um die ganze Pflanze. Zwei reife Blätter reichen völlig. Eins für mich, eins für Jeb. Aber die guten, nicht die Spinnenmutation. Nikotin muss drin sein und Teer, damit es sich auch lohnt.“

„Irgendwann bringen dich deine Spielchen noch einmal ins Grab, Marc.“

„Das ist ein Ja? Ach was frag ich, natürlich ist das ein Ja. Komm in zehn Minuten zur Startrampe.“

„Ich warne dich! Sei dann auch pünktlich. Und keine faulen Tricks sonst wirst du nie erfahren, womit du dir deine Zigarre gerollt hast.“

„Neun Minuten. Husch husch! Ab mit dir, geh dich vorbereiten.“ Mit einer eindeutigen Geste jagte er sie davon und flitzte selber mit einem breiten Grinsen durch die Korridore. Ein Schiff, auf dem alles Brennbare verboten war, Kerzen eingeschlossen, und er hatte Tabak organisieren können. Er war stolz auf sich.

Die Biene verließ einen gespenstisch stillen Hangar. Drinnen war es kaum heller gewesen als außerhalb des Schiffs, so musste Marissa voll auf die Instrumente vertrauen. Sie konnte nicht von sich behaupten, die Instrumente besonders zu mögen. Wenn sie fliegen konnte, dann am liebsten auf Sicht. Damit musste sie sich nun etwas gedulden, denn sie wollte gerne den Frachtausleger ohne Licht erreichen. Das Risiko, durch eines der Fenster zufällig beobachtet zu werden erschien ihr zu groß. Die nervöse Stimmung an Bord würde garantiert dafür sorgen, dass der ein oder andere die Sterne beobachten wollte und immerhin herrschte offiziell Flugverbot. Marissa fühlte sich, als müsse sie schleichen und den Atem an halten um keinen Lärm zu verursachen.

Über dem Armaturenbrett klemmte die Inventarliste, auf der die betreffenden Container markiert waren. Sie nahm sich vor, den zerstörten Bereich dort ein zu tragen, würde aber wahrscheinlich am Ende eh nicht mehr daran denken. Die Schemen der Container kamen in Sicht und sie passte ihre Flugrichtung vorsichtig an. Irgendwo da vorne ragten die Splitter des Auslegers hinaus. Sie konnte sie noch nicht erkennen, schaltete den Scheinwerfer ein und erschrak. Direkt vor der Biene lag ein Träger quer im Raum. Um ein Haar wäre sie genau hinein geflogen und hätte nicht einmal gewusst, was sie getroffen hatte. Sie hatte das Trümmerfeld also schon erreicht. Mit viel Glück wäre sie hindurch, ehe die Karte ihr die Container meldete.

Als die Karte sich schließlich meldete und verkündete, der erste Container befinde sich direkt unter ihr, wäre sie am liebsten wieder umgedreht. Anstelle der Fracht war dort nur der verbogene Träger. Marissa seufzte laut und schloss die Augen. Zum Aufgeben war es aber zu früh, das hatten die Notrationen ihr schon gezeigt. Sie strich den verlorenen Container aus der Liste und flog den nächsten an. Dort zeigte sich das gleiche Bild, sie strich weiter Container aus. Am Ende hatte sie nur noch drei Positionen auf der Liste aber dafür ein Lichtblick vor sich. Nach gefühlt endloser Suche hatte sie einen intakten Container vor sich. Glücklich markierte sie ihn auf der Liste und sah sich nach den letzten beiden um.

Sie fand beide Container am angegebenen Ort, lediglich leicht verbeult. Sie markierte wieder beide, entschied sich dann aber dazu, den letzten gleich mit zu nehmen. Mit etwas Glück würde die Technik gleich damit beginnen können, die Leuchten aus zu wechseln. Mit etwas mehr Glück würde auch der eine Rationscontainer ausreichen, der bereits im Hanger stand. Sie würde nur sehr ungern die restlichen Container hinein holen denn jeder Container, der bis zur Landung durch hielt erhöhte die Chancen, Probleme mit dem Anbau vor Ort zu überstehen. Dafür waren sie schließlich ursprünglich verladen worden. Mit Problemen schon während der Reise hatte niemand gerechnet. Sie sollte daran denken, eine Nachricht ab zu setzen und andere Kolonieschiffe zu warnen. Die Werften sollten ebenfalls informiert werden denn bisher hatte sie von einem solchen Fall nicht gehört.

Fortsetzung folgt…

Planeten

Hunger – Teil 6.

Diese Nacht konnte Marissa trotz völliger Erschöpfung nicht schlafen. Sie wälzte sich Stunde um Stunde hin und her, versuchte ihre Gedanken zu ordnen und zur Ruhe zu kommen. Ihr Magen knurrte und verlangte nach einem ordentlichen Mahl. Um drei Uhr nachts gab sie entnervt auf. Sie schwang sich aus dem Bett, um sich wenigstens mit einem Pudding mit Früchten ab zu lenken. Sie hatte schon überlegt, die Früchte zu trocknen und haltbarer zu machen aber das erschien ihr dann als Verschwendung. Sie sollte sie genießen, solange sie noch frisch waren.

Die Augen halb geschlossen saß sie im Schneidersitz an ihrem Schreibtisch, die Schüssel Pudding im Schoß. Sie beruhigte sich allmählich ein wenig und mit jedem Löffel wurden ihre Arme schwerer. Den letzten Löffel noch im Mund, rollte sie sich schon wieder auf ihre Matratze. Am Rande bemerkte sie noch, dass sie soeben ein weiteres Memo bekommen hatte. Diese Information schaffte es aber nicht mehr in ihr Bewusstsein. Sie hatte die Augen bereits geschlossen und wusste genau, sie würde den Wecker am nächsten Morgen ganz besonders verfluchen.

Das schrille Kreischen des Weckers riss sie erneut viel zu früh aus einem traumlosen Schlaf. Ihre Kabine war abgekühlt und sie fror neben der dünnen Bettdecke. Sie hatte es nicht mehr geschafft sich zu zu decken, aber bei dieser Decke hätte es wohl keinen Unterschied gemacht. Sie zwang sich aus dem Bett und unter die heiße Dusche. Bändigte ihre Haare in einen strengen Zopf und wusch die alte Schminke ab. Heute würde es auch ohne gehen müssen. Bei ihrem Frühstück, bestehend aus einem heißen Tee und einem Butterbrot, schaffte es die Information über das Memo in ihr Bewusstsein. Ohne es zu lesen rief sie es auf ihrem Pad auf, deaktivierte den Bildschirm und ging in Richtung der Farm.

Ihr verschlafener Zustand an diesem Morgen entging den wenigen Menschen auf den Fluren nicht. So freundlich die gegrüßt wurde, so besorgt wurde ihr nach gesehen. Sie musste sich nicht umdrehen. Jeden einzelnen Blick konnte sie so deutlich im Rücken spüren, als würden die Leute durch sie hindurch stechen. Das Getuschel erschien ihr, als würden ihr die Leute ins Ohr schreien. Sie war heilfroh, endlich die Türe der Farm hinter sich schließen zu hören.

Marissas erste Amtshandlung an diesem Tag bestand darin, ein großes Glas kalten Wassers zu trinken. Sie legte ihr Pad beiseite und griff sich die erste Lampe. Es galt nicht noch mehr Zeit zu verschenken, also warf sie Verlängerungskabel und brachte die Lampen in Position. Mit Blumendraht und Klebeband improvisierte sie vorläufige Aufhängungen und hob die Höhensonnen unter die Decke. Nach wenigen Stunden erschien ihr die Farm regelrecht überstrahlt hell. Die zugequollenen Augen brannten. Irgendwo gab es bestimmt eine Schweißermaske auf dem Schiff. Sonnenbrillen gab es kaum. Wofür auch? Es war eh immer gleich hell und der Tag-Nacht-Rhytmus an Bord hatte sich auch noch nie verändert. Im gleißenden Licht blickte sie über die extra versorgten Regale. Die zusätzlichen Lampen hatten für mehr gereicht, als sie geglaubt hatte, trotzdem lag nun der größte Teil der Farm im Schatten.

Sie gönnte sich eine kurze Pause. Zeit genug, den alltäglichen Papierkram zu erledigen, ganz ohne Papier. Auf ihrem Pad fand Marissa auch gleich das Memo wieder. Zerknirscht erinnerte sie sich an die nächtliche Störung. Das Memo selbst was halbwegs allgemein gehalten. Es war eine Information an die Abteilungsleiter. Eine Information darüber, dass der Triebwerksreaktor aufgrund eines technischen Defekts nicht ordnungsgemäß hochgefahren werden konnte. Man habe das Problem bereits identifizieren können.

Solange die Reparaturarbeiten andauern, wird der Energiebedarf durch die Hauptreaktoren kompensiert werden. Sämtliche verfügbaren Reaktoren sind bereits auf ihre volle Leistung hoch gefahren. Um das Energienetz nicht unnötig zu strapazieren, werden alle nicht notwendigen Verbraucher vom Netz genommen. Das beinhaltet unter anderem ein Aussetzen der Notfallübungen im besagten Zeitraum. Des weiteren werden für die Dauer der Verknappung keine Flüge genehmigt. Der Hangar bleibt geschlossen.

Es fanden sich noch einige kleinere Beeinträchtigungen auf der Liste. Die Reduzierung der Beleuchtung, herabsetzen der Temperatur an Bord und so weiter. Marissa schielte in die große Farmhalle. Sie hatte von keiner Verknappung etwas mitbekommen und was ihr noch absurder erschien, es gab keinen Grund für die Umleitung. Das Triebwerk würde noch für einige Wochen kalt bleiben, der Triebwerksreaktor also noch überhaupt nicht benötigt. Natürlich war es sinnvoll ihn zu testen und gegebenenfalls zu reparieren. Nur wofür brauchte es dafür so viel Energie, dass die Bienen im Hangar eingesperrt werden mussten? Sie verstand die Welt nicht mehr.

Sie hatte gerade eine weitere Nachricht von der Brücke das erste mal überflogen, da stand der Techniker vom Vortag mit hochrotem Kopf vor ihr.

„Ich war im Hangar, es ist ein Skandal! Mir wurde gestern ganz selbstverständlich eine Biene zugesichert und das für den ganzen Tag. Jetzt komme ich in den Hangar und was ist los? Nichts! Er ist verschlossen! Sämtliche Flüge sind gestrichen um Energie zu sparen. Das ist ein Skandal! Man sollte sich auf der Brücke beschweren, wenn es nicht von da kommen würde.“

Sie versuchte ihn zu beruhigen aber er hatte sich in Rage geredet. Es war wohl besser, die letzte Nachricht vorerst zu vergessen. Wenn er erfuhr, dass die Brücke angeordnet hatte, trotz des Energiemangels die Nahrungsproduktion wieder dem Bedarf an zu passen, er wäre vollends explodiert. Für Marissa aber war das Problem damit gelöst. Sie hatte einen vorrangigen Befehl von ‚ganz oben‘ bekommen und den würde sie nun ausführen. Sie bat den verdatterten Techniker alles vor zu bereiten, strich sich die Haare glatt, richtete sich auf und schritt in Richtung des Hangars davon.

Fortsetzung folgt…

Planeten

Hunger – Teil 5.

„Ich habe keine Idee, wo wir noch suchen könnten. Andererseits, die Notrationen waren auch eher in der Inventur versteckt. Vielleicht gibt es da noch mehr im Lager, was wir nicht erwartet hätten. Die Container sind allerdings in keinem guten Zustand.“

„Darauf können wir wohl keine Rücksicht nehmen. Wir haben nicht mehr all zu viele Optionen und diese erscheint mir am verlockendsten. Ich werde mal die Listen durchsehen. Viel mehr bleibt uns gerade eh nicht übrig.“

Marissa konnte ihm nicht widersprechen. Sie hatte ein schreckliches Gefühl bei der Sache aber es stimmte schon, ihnen gingen die Optionen aus. Stattdessen meldete sich das Nachrichtenzentrum und wünschte eine Stellungnahme. Sie gab nur an, dass sie zum aktuellen Zeitraum keinen Kommentar abgeben könne. Bevor sie weiter ausholen konnte, stand auch schon der nächste Besucher in der Tür. Frau Doktor Verdun. Immer im Dienst, immer übermüdet, immer nervös und immer voller Koffein. Sie drückte sich an den Rand des Türrahmens und knetete ihre Hände. Marissas Aufforderung hinein zu kommen wimmelte sie ab. Sie wolle gar nicht so lange stören, habe aber diverse Gerüchte gehört und könne vielleicht helfen. Marissa wurde neugierig, hauptsächlich wegen der Gerüchte. Die Frau Doktor aber druckste zunächst etwas unbeholfen herum.

„Nun, die Leute reden, es gäbe nicht mehr genug zu Essen. Die Pflanzen wären krank, sagen die Leute. Ich habe eine große Auswahl an Mitteln gegen Pilzbefall und bakterielle Erkrankungen. Damit sollte man natürlich sehr vorsichtig sein um den Konsumenten nicht zu gefährden. Andere Leute sagen, das Saatgut wäre verkümmert. Da bin ich leider weitgehend machtlos. Ich habe versucht Pflanzenzellen zu klonen und teilweise ist es mir auch gelungen. Es reicht nur nicht für einen kompletten, gesunden Samen.

Heute Mittag habe ich durch einige Patienten erfahren, es könne das Licht sein. Die Lampen könnten kaputt sein oder zu schwach, keine Ahnung, ich bin kein Techniker. Aber dabei fiel mir ein, wir haben auf der Krankenstation noch immer zwei oder drei alte Höhensonnen. Sie sind zwar auch nicht jünger als die Lampen in der Farm, aber sie wurden so gut wie nie benutzt. Wie gesagt, ich habe keine Ahnung, wo genau ihr Problem liegt aber das sind die Gerüchte, die ich bisher am häufigsten gehört habe. Ansonsten weiß ich auch nicht, was ich ihnen ansonsten für Hilfe anbieten kann.

Außer vielleicht einem noch. Ich erinnere mich an ein Projekt, damals, auf der Erde noch. Eine kleine Gruppe von Biotechnikern kultivierte Fleisch in Kanistern voller Nährlösung. Eine einzelne Faser eines Spendertieres wurde in der Lösung zum Wachstum angeregt, bis sich der Kanister damit gefüllt hatte. Da keine Nervenfasern darin vorhanden waren, konnte man das Fleisch verkaufen, trotz der Konvention von Monschau. Zu dem Zeitpunkt war der Markt für Fleischprodukte aber bereits verschwunden. Jedenfalls glaube ich, verstanden zu haben, was diese Leute damals getan haben. Im Notfall könnte ich das ganze replizieren, hoffe ich.“

Die Doktorin starrte etwas beschämt zu Boden und knetete ihre Hände fester. Fleisch stand nicht mal ansatzweise auf dem Speiseplan der Besatzung. Es mochte einmal als Zeichen von Luxus und Wohlstand gegolten haben aber das war lange her. Sie würde sich vorkommen wie ein Höhlenmensch, wie die Barbaren aus grauer Vorzeit. Marissa starrte sie mit offenem Mund an. Sie war bei einem anderen Punkt hellhörig geworden und der könnte vielleicht wirklich helfen. Höhensonnen, die ursprünglichsten Tageslichtlampen von denen sie wusste. Als sie sich bewusst wurde, dass ihr Mund offen stand biss sie sich beschämt auf die Lippe und hoffte nur, die Doktorin hätte es nicht bemerkt. Zwei, vielleicht drei Lampen. Das war nicht viel aber es war ein Ansatz und sie brauchten alles was sie kriegen konnten. In ihrem Kopf arrangierte sie die Lampen bereits so auf einem imaginären Grundriss, dass sie möglichst viel abdeckten. Es gab also Hoffnung.

„Versuchen wir es doch mit den Höhensonnen. So unfassbar es klingt, damit könnten wir wirklich an etwas dran sein. Ich wäre ihnen wirklich sehr dankbar, wenn Sie sie zur Verfügung stellen würden. Ich versichere Ihnen, wir werden gut darauf acht geben. Mit etwas Glück kommen wir um die Fleischproduktion herum. Aber so unappetitlich der Gedanke sein mag, es ist beruhigend, wenigstens die Option zu haben. Behalten wir sie mal im Auge.“

Die Doktorin Verdun freute sich regelrecht kindlich, hilfreich sein zu können. Sich ausschweifend bedankend verschwand sie, mit dem Versprechen umgehend alle Höhensonnen vorbei zu bringen, die sie finden konnte.

Sie hielt Wort. Zum Feierabend standen zwei Höhensonnen und zwei Ersatzbirnen dafür in der Farm. Vier frische Lichtquellen würden mehr als willkommene Dienste leisten können. Wenn es nach Marissa ging, waren alle vier morgen noch vor der Mittagspause im Einsatz.

Pünktlich zum Schichtende stand der Techniker wieder in der Tür. Diesmal weniger verwirrt, dafür um so aufgeregter. Er hämmerte mit dem Finger auf die Inventarlisten in seiner Hand.

„Ich habe etwas gefunden! Hier sind einige Container aufgelistet, in denen unter anderem Quecksilberdampflampen verstaut sein sollen. Das könnte die Brücke doch gemeint haben. Sie liegen hier, am Frachtausleger.“ Er deutete vage auf eine Stelle auf einem Schiffsquerschnitt. „Ich habe schon im Hangar Bescheid gegeben und für morgen eine Biene reserviert. Mit etwas Glück, können wir dann direkt morgen Mittag mit den Reparaturen beginnen.“

Marissa sah sich die Stelle auf dem Querschnitt genauer an. Ungefähr da hätten auch die Rationen liegen sollen. Genau an der Stelle war der Einschlag. Sie hatte keine Hoffnung, dass die Lampen noch dort waren, traute sich aber nicht, den Techniker zu entmutigen. Er wirkte gerade so aufgeregt und zuversichtlich. Sie entschloss sich stattdessen, ihn etwas zu bremsen und drauf aufmerksam zu machen, dass er nicht wissen konnte, ob die Liste korrekt war und selbst wenn, ob die Lampen noch brauchbar waren. Er ignorierte sie zwar nicht, zeigte sich aber zunächst wenig beeindruckt. Sein Blick wanderte über die Leihgabe der Krankenstation. Fragend zog er die Augenbrauen hoch. Marissa erklärte ihm flüchtig die Situation und er kündigte ohne Umschweif seine Hilfe an.

Fortsetzung folgt…

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