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Der Blödsinn der Woche 7.

Es ist mal wieder Zeit für die Fragen, die die Welt bewegen, und heute begeben wir uns einmal in die Naturwissenschaften. Denn am Ende des Tages ist doch auch der Mensch nur eine besonders komplexe Maschine, möchte ich behaupten. Und so kam dann irgendwann die folgende Frage auf, zu der bisher noch keine Antwort gefunden wurde.

Zwillinge haben im Mutterbauch jeder seine eigene Nabelschnur aber sind sie in Parallel- oder Reihenschaltung?

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 139.

Verlust

Kannst du mir ein Handout einpacken? Schaffe es heute nicht mehr in die Uni. Musste noch einmal ins Krankenhaus.

Das war die Nachricht gewesen, die Mia von Tina bekommen hatte. Das passte nicht so ideal zu der perfekten Schwangerschaft, von der nach der letzten Untersuchung noch die Rede gewesen war. Dennoch reichte es aus, um Mia für die Stunde zu beruhigen. Wenn sie noch schreiben konnte, dann würde es schon nicht so schlimm sein, aber für den Nachmittag würde sie sich auf jeden Fall auf den Weg machen, um Tina im Krankenhaus zu besuchen. Flo und Erik brauchten nicht gefragt zu werden, ob sie mit kämen. Einerseits war es eine zu verlockende Möglichkeit, das tägliche Lernpensum etwas beiseitezuschieben, andererseits war es im Krankenhaus grundsätzlich so langweilig, dass man sich immer über den Besuch von Freunden freuen konnte.

Soweit stand der Plan also. Die Praxis unterschied sich dann leider doch etwas von der Theorie. Tina im Krankenhaus ausfindig zu machen war nicht so einfach wie gedacht und die Stationsschwester hatte ernsthafte Bedenken, sich gleich alle drei bis in das Krankenzimmer durchzulassen. Spätestens jetzt war Mia ausreichend beunruhigt, um sich alleine an der Schwester vorbei zu schieben und in Tinas Zimmer zu eilen. Flo und Erik warteten sicherheitshalber auf grünes Licht, wenn auch nicht weniger besorgt. Aber man konnte nie wissen, in welcher Situation sich Tina gerade befand, denn Auskunft gab es nur für direkte Angehörige.

Die zwei Minuten, bis Mia zurückkam, schienen sich über Stunden zu erstrecken. Doch als sie kam, war sie schneeweiß im Gesicht und wirkte unsicher auf ihren eigenen Beinen. Als sie sich an Erik ankuschelte, bemerkte er, dass sie zitterte. Ihre Stimme war so dünn und brüchig, wie Flo es noch nie von ihr erlebt hatte. Sie stand sichtlich unter Schock.

„Sie hat gesagt, ihr könnt mit rein kommen, aber es geht ihr ziemlich schlecht. Ein Krankenwagen hat sie letzte Nacht hier hingebracht, weil sie starke Schmerzen im Unterleib hatte. Es war leider trotzdem zu spät, das Kind ist gestorben.“

Flo konnte nicht sagen, was in diesem Moment alles in seinem Kopf umherschwirrte. Das musste der größte Horror aller werdenden Eltern sein. Das Kind zu verlieren, besonders, wo sie so lange darum gekämpft hatte, sich damit anzufreunden und es endlich geschafft hatte, sich darauf zu freuen. All die Arbeit, dennoch eine gute Mutter zu sein und ihrem Kind, allen Widrigkeiten zum Trotz, ein schönes und sicheres Nest zu bieten. All die Sorgen, Hoffnungen, Wünsche und Träume. Er konnte sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie es ihr jetzt gehen musste. Erst an der Türe bemerkte er, dass seine Beine ihn mechanisch durch den Flur getragen hatten.

Was er dahinter vorfand, erschreckte ihn dann aber doch, trotz seiner schlimmen Vorahnung. Dort lag Tina im Bett, die blonden Haare wie Sonnenstrahlen um ein Gesicht, dessen Farbe irgendwo zwischen weiß, grün und grau rangierte. Die eingefallenen Augen waren tiefrot und ihr Blick in der versteinerten Mimik irgendwo auf einem Punkt im Nichts festgefroren. Wortlos setzte er sich auf den Rand des Bettes und legte ihr die Hand auf die Schulter. Einzig und allein ihr schweres Schlucken verriet, dass sie ihn überhaupt wahrgenommen hatte. Mia kuschelte sich von der anderen Seite an sie heran, während Erik am Fußende stehen blieb und nicht so recht zu wissen schien, was er jetzt tun sollte. Er war sichtlich um Fassung bemüht aber in seinen Augen stand dennoch blankes Entsetzen.

Flo war sich sicher, wenn Tina noch eine einzelne Träne übrig gehabt hätte, sie wäre jetzt geflossen. Aber ihr Kissen und ihre Haare waren bereits völlig durchnässt und die kleine Frau lag entsetzlich ausgelaugt, eingefallen und erschöpft tief in den Kissen. Mehr ein Schatten denn Gestalt, ruhte sie hier von ihren Freunden eingerahmt und gehalten, und für wenigstens fünf Minuten herrschte eiserne Stille. Als dann eine dünne, heisere Stimme erklang, brauchte es einige Sekunden, bis alle realisiert hatten, woher sie kam.

„Vielen Dank euch, dass ihr gekommen seid.“

Tina schien nicht einmal Luft geholt zu haben, um diese Worte zu sprechen. Ihr Laken bedeckte sie mit einer Reglosigkeit, als wäre es ein Leichentuch. Als Flo dieser Gedanke durch den Kopf schoss, stellte er schockiert fest, dass es genau das im Grunde genommen auch war.

„Nicht dafür. Sag uns nur, wenn wir irgendetwas tun können, um dir zu helfen. Egal was.“

Mia war dazu übergegangen, Tinas Kopf zu streicheln, Tränen in den Augen und doch jede Regung im Blick. Sie würde hier liegen bleiben und sich um Tina kümmern, soviel war deutlich. Und wieder war Flo erstaunt, zu welcher Zärtlichkeit sie in der Lage war. Keine Spur war mehr von der sonst so charakteristischen Grobmotorigkeit und Tollpatschigkeit zu sehen. Es dauerte wieder eine Weile, bis Tina genug Kraft für die nächsten Worte gesammelt hatte. Doch sie kamen noch kraftloser und leiser als die Ersten.

„Die Ärzte sagen, sie wissen nicht genau, was passiert ist. Ich habe alles richtig gemacht und auch aus den bisherigen Untersuchungen deutet nichts darauf hin, dass etwas nicht stimmen würde. Es sah alles so gut aus.“

Ihr Äquivalent zum Seufzen war heute, dass zum ersten Mal eine Atembewegung das dünne Laken leicht anhob. Trotzdem waren ihre Worte kaum mehr als ein Windhauch.

„Aber wieso ist dann meine Kleine weg?“

Der unbestimmte Punkt, irgendwo in der Unendlichkeit über dem Horizont, den sie fixiert hatte, sprang um. Erik stand immer noch am Fußende des Bettes und betrachtete sie mit tiefen Sorgenfalten auf der Stirn. Vom einen Moment auf den nächsten sah er in ein Paar Augen, welche das Kunststück fertigbrachten, glasig und milchig trüb gleichzeitig zu sein, und ihm direkt in die Seele starrten. Keine Anklage, keine Wut oder Zorn lag darin. Lediglich absolutes Unverständnis und entsetzlich tiefer Gram. Und die Frage, auf die sie von niemandem hier eine Antwort bekommen konnte.

Flo atmete so leise wie er konnte tief durch. Tina mochte in der Vergangenheit ziemlich ausfallend gewesen sein und sie hatte Mias und Eriks Beziehung bei mehr als nur einer Gelegenheit auf eine harte Probe gestellt. Aber konnte das Schicksal sich wirklich dermaßen brutal rächen? Das stand in absolut keinem Verhältnis mehr. Besonders, zumal in letzter Zeit ihre Einmischung in fremde Beziehungen nicht einmal von ihr selbst, sondern von Mia ausgegangen war. Auch wenn er sich zeitweise über sie und ihre augenscheinliche Sorglosigkeit geärgert hatte, niemals hätte er ihr eine solche Situation gewünscht.

Aber ihre Anwesenheit schien zu helfen. Eine Stunde lang saßen sie einfach wortlos um Tina herum und waren für sie da, und mit jeder Minute davon schien sie wieder ein kleines bisschen mehr ins Leben zurückzufinden. Mit jeder Minute war sichtbarer, dass sie noch atmete und noch da war. Am Ende war sie sogar in der Lage, mit etwas Hilfe einen zaghaften Schluck Wasser zu sich zu nehmen. Es musste der Erste sein, den sie überhaupt an diesem Tag zu sich nahm.

Ein vorsichtiges Klopfen an der Türe kündigte Hannah und Marlene an, Tinas Mitbewohnerinnen. Letzte Nacht hatten sie den Krankenwagen gerufen, sich versichern lassen, dass alles gut werden würde, und versprochen, nach ihrem Laborpraktikum vorbei zu kommen. Sie hatten Wort gehalten, doch kaum waren sie im Raum und hatten Tina gefunden erstarrten sie kurzzeitig zur Salzsäule. Auch wenn sich inzwischen sogar Tinas Augen wieder bewegten, bot sie immer noch einen schlimmen Anblick. Ein gehauchtes „Oh nein …“ war alles, was zu hören war, ehe sie ihrer Mitbewohnerin um den Hals fielen. Ein stummer Blick zwischen den beiden Mädchen besiegelte das Versprechen, vorerst zu verschweigen, dass Tinas Eltern angerufen hatten. Für den Moment gab es sehr viel Wichtigeres.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 137.

Sommerlaunen

Nach einem regenreichen Frühling kam ein wechselhafter Sommer. Die letzten Jahre waren ungewöhnlich heiß gewesen und dieses hier schien dem Trend nur sehr widerwillig folgen zu wollen. Erst in den letzten Tagen hatte die Sonne ihre Kraft einmal so richtig zeigen wollen und alle nach draußen getrieben. Und mit einer angenehmen Wärme hatte sie auch eine allgemein positive Grundstimmung mit sich gebracht. Selbst Flo hatte eher erstaunt festgestellt, dass er weniger Zeit vor dem Fernseher oder seinem Rechner verbrachte, sondern sich tatsächlich mit einem Lehrbuch in die Sonne gesetzt hatte. Er hätte seinen Laptop gerne mit genommen, aber dank der etwas skurrilen Modeerscheinung von Hochglanzdisplays erkannte er im hellen Sonnenlicht auf dem Bildschirm genau überhaupt nichts.

Aber auch das sollte seine Laune nicht vermiesen. In der Mittagspause waren Tina und er ein wenig über den hinteren Bereich des Campus gewandert. Mia und Erik hatten den heutigen Freitag einmal ausfallen lassen und waren zu Mias Familie gefahren, die ihr alljährliches Sommerfest an diesem Wochenende hatte. Für Tina hieß das, sie durfte sich wieder selbst zurechtfinden, ohne Mia, die ihr ansonsten übereifrig zur Seite stand. Der Freiraum schien ihr sogar ziemlich gut zu tun, auch wenn sie sich selbst nicht scheute, die Hilfe anzunehmen oder auch selbst danach zu fragen. Flo hatte noch immer seine Schwierigkeiten, die ganze Situation zu erfassen und zu begreifen.

„Was ist denn jetzt eigentlich mit Erik? Bist du sicher, ob das so gut ist, wenn du ihm und Mia jetzt so nahe bist? Und besonders Mia, erst wart ihr noch drauf und dran, euch gegenseitig die Kehlen aufzureißen, und jetzt gibt es euch kaum noch getrennt?“

„Mia ist schon eigentlich echt nett, wenn man sie denn einmal kennenlernt. Das Problem war halt, dass sie mit Erik zusammen ist und ich sie deswegen überhaupt nicht kennenlernen wollte. Aber jetzt geht es eigentlich. Ich kann verstehen, dass er mit ihr zusammen ist, auch wenn ich immer noch etwas eifersüchtig bin.“

„Dafür ist Mia jetzt wohl eifersüchtig auf dein Kind.“

„Sie kann ja selbst auch eins haben. Immerhin hat sie ja Erik und was drei Jahre gehalten hat, das kann ja auch weiterhin gut bestehen.“

Flo musste sich eingestehen, dass er überrascht war. Er hatte nicht erwartet, dass sie so nüchtern und rational mit dem Thema umgehen konnte. Fast hätte er glauben können, ihr würde nichts mehr an Erik liegen. Aber er sah immer noch den verehrenden Blick, mit dem sie Erik betrachtete, wenn sie sich unbeobachtet fühlte. Die Sehnsucht in ihren Augen war kein antrainierter Reflex oder Gewohnheit, sondern echt. Flo machte sich Sorgen um sie. Es konnte nicht gesund sein, dermaßen festgefressen in einer Situation zu sein, dermaßen hartnäckig hoffnungslosen Gefühlen nachzuhängen. Aber wenigstens für den Moment schien Tina glücklich zu sein. Sie wirkte frei, zufrieden und offen, wie sie hier neben ihm stand und auf die bunte Blumenwiese hinter der Uni hinaus sah.

„Vielleicht werde ich dich ja irgendwann verstehen, aber im Moment kommt mir das Ganze noch etwas merkwürdig vor.“

Sie mussten beide über seine Worte grinsen, und erst nachdem er es ausgesprochen hatte, fiel ihm auf, wie merkwürdig es ihm überhaupt erschien.

„Drei Jahre, und jetzt bist du die dritte Person in der Beziehung? Hat Mia dich schon adoptiert? Immerhin hat sie einen ziemlichen Narren an dir gefressen.“

Und jetzt lachte nur noch er. Tina sah stumm und verträumt auf die von eifrigen Bienen umschwirrten Blumen. Es war eine merkwürdige Ruhe. So friedlich und entspannend, als würden sich die Bäume nur in Zeitlupe im Wind schaukeln und die Zeit selbst langsamer laufen. Flo konnte sich absolut nicht vorstellen, wie dieses zerbrechliche und filigrane Wesen hier einen kleinen Menschen tragen sollte. Wo war der Platz dafür in ihr? Und während er ganz versonnen dem Wind dabei zusah, wie er mit ihren blonden Strähnen tanzte, holte Tina das größte und schokoladigste Schokocroissant aus ihrem Rucksack, was er je gesehen hatte.

„Weißt du, wie gesagt, wenn man sie einmal näher kennenlernt, ist sie schon echt ein toller Mensch. Ich bin mir nicht ganz sicher, was genau sie in mir sieht, aber sie meint es ehrlich und das tut irgendwie gut. Außerdem habe ich sie auch ziemlich gern.“

Flo hörte nur noch halb den Worten zu, die dort zwischen den einzelnen Bissen hervor kamen. Er war viel zu sehr von dem gewaltigen Mittagessen fasziniert und starrte geradezu unanständig eifersüchtig darauf. So offensichtlich, dass selbst Tina in ihrer Gedankenwelt es bemerkte und ihm einen missmutigen Blick zu warf.

„Ich habe in letzter Zeit halt viel um die Ohren, und außerdem esse ich doch so selten so etwas.“

Und wieder war Flo der Einzige, der lachte.

„Das sollte ganz sicher kein Vorwurf sein. Es sieht nur echt sehr super aus. Und ganz abgesehen davon wird von dir erwartet, dass du dir auch einmal was Gutes tust. Also hau rein!“

Das schien sie überzeugen zu können, wenigstens hatte er den Eindruck, dass sie es wieder etwas genießen konnte. Flo rekapitulierte seine letzten Worte noch einmal still im Kopf und versuchte herauszubekommen, woher sie gekommen waren. Dabei fiel ihm auf, dass er sich nicht daran erinnern konnte, diese Formulierung schon einmal wo gehört zu haben. War er wirklich einmal handfest kreativ gewesen? Und dann auch noch mit einem Satz, der so kitschig war, dass man ihn locker auf eine alberne Postkarte drucken konnte. Und während der Wind den süßen Duft sommerlicher Blüten herüber trug, fühlte er einen dezenten Stolz in sich reifen. Es brauchte lediglich einen Freundeskreis, bei dem es einem nie langweilig wurde, und schon keimte die Fantasie.

Einen beliebigen Punkt irgendwo am Horizont fixierend, lächelte er vor sich hin. Unbestimmten Gedankenblitzen für einen Augenblick folgend, dann wieder einfach nur geistig driftend. Das Croissant neben ihm war inzwischen verschwunden und auch Tina hatte eine beliebige Blüte mitten auf dem Feld fokussiert. Und auch wenn sie sich miserabel dabei fühlte, sie konnte nicht umhin, ein klein wenig zu lächeln.

„Hast du bemerkt, dass Erik mit Mia nicht mehr besonders glücklich ist? Selbst wenn es drei Jahre gehalten hat, ich würde gerade auf kein Viertes wetten.“

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 135.

Herzschmerz

Tina zog ein Gesicht, bei dem selbst Flo erkennen musste, dass etwas nicht stimmte. Mit hängenden Schultern saß sie in der Mensa und stocherte lustlos auf ihrem noch vollen Teller herum. Das gemeinsame Mittagessen sah heute einmal etwas anders aus, da Mia noch arbeiten musste und Erik bei einem Projekt eingebunden war, worum er ein riesiges Geheimnis machte. So waren am Ende nur Flo und Tina übrig geblieben und genau so gut hätte Flo hier alleine sitzen können. Die Zeiten, dass Tina heimlich für Flo geschwärmt hatte, waren ebenfalls lange vorbei. Zu viel war in den letzten Monaten und Jahren passiert.

Flo beobachtete mit leicht nachdenklich schief gelegtem Kopf, wie Tina eine einzelne Erbse aufspießte, vorsichtig in den Mund nahm und die nächsten zwei Minuten behäbig darauf herum kaute. Dabei waren ihre Augen durchaus nicht so leer, wie in den letzten Wochen, wenn sie sich unbeobachtet fühlte. Jetzt spiegelte sich offene Traurigkeit darin wieder, und es schien ihr egal, ob sie beobachtet wurde, oder nicht. Flo grübelte kurz und entschloss sich dann, einen Schuss ins Blaue zu wagen.

„Wie geht es deinem Zwerg?“

Wie aus tiefen Gedanken schreckte Tina hoch, sah ihn kurz an und senkte dann wieder den Blick.

„Ganz gut soweit. Nichts Neues mehr seit der letzten Untersuchung und die nächste ist erst in drei Wochen. Aber im Augenblick wüsste ich nichts, was für Probleme sorgen könnte.“

„Wie wäre es damit, dass du nichts isst? Oder dein Gesichtsausdruck wie sieben Tage Regenwetter?“

Wenn er wirklich ganz ehrlich zu sich selber war, dann liebte er das Spiel mit dem Feuer ein ganz kleines Bisschen. Und ein Spiel mit dem Feuer war es im Moment wirklich. Noch behielt Tina aber die Kontrolle über sich selbst.

„Dem Würmchen geht es gut, das hat nichts damit zu tun. Du kannst das nicht verstehen. Ihr könnt das alle nicht verstehen. Erik hat Mia, du hast deine Kristina, sogar Marco hat eine neue Dumme gefunden. Jeder findet irgendwie wen, nur ich bleibe allein. Und wenn ich dann doch einmal jemanden finde, der wirklich was drauf hätte, dann will er natürlich nichts von mir.“

Zum Ende des Satzes hin war jede Wut aus ihrer Stimme gewichen und grenzenlose Enttäuschung hatte ihren Platz eingenommen. Sie blickte mit einem Gesicht auf ihren Teller, bei dem Flo sich wunderte, wieso er keine dicken Tränen laufen sah. Tina war nicht innerlich tot, aber sehr schwer verletzt. Und er hatte immer geglaubt, es sei für Frauen einfacher, einen Partner zu finden. Besonders wenn sie sehr gut aussahen und, so fair musste er sein, Tina hatte von Mutter Natur einen ausgesprochen schicken Körper geschenkt bekommen. Wie passte das zusammen?

„Du hast also wen kennengelernt? Wieso wollte er dich denn dann nicht? Ist ihm das mit dem Kind zu viel?“

„Davon weiß er noch nicht einmal. Es war nur ein Date, wir waren etwas Essen, er hat darauf bestanden, mich einladen zu dürfen und hat sich hinterher aufgespielt wie was-weiß-ich, weil ich ihn nicht gleich in mein Bett eingeladen habe. Dabei wirkte er eigentlich zuerst noch recht vernünftig, aber plötzlich bin ich eine billige Schlampe, weil ich mich nicht auf dem ersten Date flachlegen lasse.“

Da war es wieder, das wütende Funkeln in ihren Augen. Gekränkter Stolz, angeschlagenes Selbstbewusstsein und die erstickte und zertrampelte zaghafte Hoffnung, doch einmal Glück gehabt zu haben. Und gleichzeitig auch ein starrer Trotz, sich nicht dadurch definieren und beherrschen zu lassen. Sie würde wieder aufstehen und stärker sein als zuvor. Stärker und unbarmherziger, kalt und grausam wie das ewige Eis der Berge, welches jeden Wanderer einforderte, der es wagte, sie bezwingen zu wollen, ohne zu wissen, worauf er sich eingelassen hatte. Trotz des schönen Wetters kroch eine Gänsehaut über Flos Rücken und er wandte sich hastig wieder seinem Essen zu, ehe er sich in diesen Augen verlor.

Marco mochte noch nur Mittel zum Zweck gewesen sein, doch ihr nächster Freund würde schwer arbeiten müssen, um über den Status des bloßen Spielzeugs hinaus zu kommen. Irgendwo empfand Flo Mitleid mit dem unbekannten Kerl aber er konnte sie verstehen. Es war unmöglich zu sagen, wie er selbst sich in ihrer Situation benehmen würde. Vermutlich wäre er auch nicht gerade wohlwollend. Mit groben Bewegungen und lautem Klappern lies sich Mia auf den Platz neben Tina fallen. Gierig schaufelte sie sich einen großen Bissen in den Mund und sah sich dann zufrieden kauend in der kleinen Runde um.

„Alles okay bei euch? Sieht nicht gerade nach Partystimmung aus hier.“

„Tina ist etwas gefrustet.“

„Oh nein, war er doch ein Reinfall? Das tut mir so leid, Schatz.“

Und noch ehe Tina selbst überhaupt irgendetwas sagen konnte, hatte Mia ihr Besteck beiseitegelegt und sie mit einer unerwarteten Zärtlichkeit in den Arm genommen. Flo hatte zwar mitbekommen, dass Mia und Tina sich in letzter Zeit erstaunlich gut verstanden, aber er hatte immer noch die Furie Mia vor Augen, die in eifersüchtige Tiraden ausgebrochen war, weil dieses Mädchen ihren Freund auch nur falsch angesehen hatte. Ganz zu schweigen von der Tina, wie sie Erik in einem ruhigen Moment geküsst hatte, ohne seine Zustimmung abzuwarten. Wenigstens darin glichen sich die beiden Frauen. Sie fragten nicht lange, sie handelten lieber und nahmen sich, was sie wollten.

Und nun saßen diese beiden hier, die noch vor einem halben Jahr erbitterte Feinde gewesen waren, und kuschelten, als wären sie schon immer ein Herz und eine Seele gewesen. Flo hatte Fragen, die er sich im Moment nicht zu stellen wagte. In Mias Armen wirkte die kleine Tina noch einmal besonders zierlich und zerbrechlich und Flo hoffte inständig, dass Mia sich keinen perversen Spaß aus ihrem Leid machte, um irgendeine perfide Rachefantasie zu befriedigen.

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