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Momente XI

Ein Sonnenstrahl bricht durch die Blätter des Kirschbaumes, der bereits seit Monaten schon keine Früchte mehr trägt. Er bricht sich in den Staubkörnern, die in der stickigen Sommerluft schweben, und fällt schlussendlich genau in das Zentrum einer strahlenden Sonnenblumenblüte. Stumm und regungslos steht sie dort, wie auf Leinwand gebannt, und die einzige Bewegung rührt von der Hummel her, welche durch ihr Zentrum krabbelt. Ihr Gewicht reicht aus, um die große Blume ganz leicht in Schwingung zu versetzen, ihre Blütenblätter zum Zittern zu bringen. Die ganze Aufführung tanzt im Takt der Lieder, welche die Vögel in den Bäumen trällern. Eben noch schien es alles reglos zu sein, doch nimmt man sich etwas Zeit und Ruhe, regt sich das Stillleben. Die kleine Maus in der Bruchsteinmauer hat bis eben auch tatsächlich stillgehalten. Jetzt aber huscht sie nervös über den Rindenmulch Weg und verschwindet unter dem Schlehenbusch. Der Hase auf der großen Wiese oder die Bienen in ihrem Stock daneben zeigen sich davon unbeeindruckt. Besonders bei den Bienen fällt der Effekt des Stilllebens auf, denn es hat bis jetzt gedauert, um zu bemerken, dass viele der Staubkörner, welche so fidel in der stehenden Luft tanzen, eifrige Bienen sind, die ihre letzten Pollenernten des Jahres nach Hause bringen. Und bald werden die Sonnenstrahlen nicht mehr zwischen Blättern, sondern kahlen Zweigen tanzen. Nur die bauchigen Wolken bleiben bestehen und treiben gemächlich dahin.

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Gartenüberraschungen

Wenn die Sonne strahlt, ist es eine tolle Sache, sich ein paar Minuten Zeit zu nehmen, und einfach mal durch den Garten zu schlendern. Der Wind spielt mit Blüten und Blättern, die Sonne bringt die Wassertröpfchen auf frisch gegossenen Gemüsebeeten zum Glitzern und Bienen summen mit den Hummeln um die Wette. Überall gibt es etwas zu sehen und in so vielen Beeten auch etwas Interessantes zu entdecken.

Denn der Vorteil an einem Gemeinschaftsgarten ist nicht nur, dass man selbst nicht weiß, was andere Leute gepflanzt haben. Oft genug wissen sie es selbst nicht einmal, oder sind von etwas anderem ausgegangen. Und so sprießen ganz unerwartete Geschöpfe aus den Samen, die doch eigentlich so klar beschriftet waren.

Da sprießt eine Paprika, die zwar eigentlich herrlich süß und erfrischend sein sollte, beim Probieren aber eine feurige Überraschung bereithält. Das ordentliche Beet mit Kapuzinerkresse wird durch darin sprießende Erbsen geringfügig gestört und auch Schnittlauch und Dill sollten eigentlich nicht so einfach zu verwechseln sein. Schwieriger ist es da schon bei Kürbis, Gurke und Zucchini. Diese Drei sind so nah miteinander verwandt, dass teilweise erst die Frucht die Überraschung offenbart.

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Und dann gibt es noch die heimlichen Exoten. Da wächst in einem Beet eine Tomatenpflanze, von der niemand zu wissen behauptet, woher sie denn stammen könnte. Die Tomaten daran sind jedenfalls fast reif und es lässt sich nicht mehr verbergen, dass sie nicht zu gewöhnlich sind. Denn statt in kräftigem Rot erscheinen die Kügelchen im satten Schwarz. Ein Anblick, der vielleicht deswegen so faszinierend ist, weil er unerwartet kommt. Ähnlich wie der Blumenkohl, nur das bei ihm bekannt ist, woher er stammt. Dennoch, obwohl er sich auf dem mageren Boden recht schwer tut, hält auch er eine kleine Überraschung bereit. Er denkt nicht daran, die übliche weiße Farbe anzunehmen. Ihm gefällt die Welt in Lila viel besser. Ein Bild, was man im Supermarkt an der Ecke nicht ganz so oft sieht.

Fast schon langweilig wirkt daneben der Kürbis, der anstelle von grünen, gelb leuchtende Früchte trägt oder die angebliche Feuerbohne, die sich dann doch lieber zu weißen oder blassblauen Blüten, statt der typisch leuchtend roten entschieden hat. Aber noch ist der Sommer nicht vorbei und es bleibt abzuwarten, welche Überraschungen noch in den Beeten warten. Und ansonsten warten auch im nächsten Jahr wieder viele spannende Experimente und Gewächse auf den Sommer.

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Momente VIII

Sommerhitze rollt wie ein brennender Güterzug über die Stadt hinweg und lässt die windstille Luft flirren. Staubig wirkendes Sonnenlicht lässt stumpfe Fensterscheiben und dicke Schweißperlen glitzern. Die Thermometer in den zahlreichen Dachwohnungen klettern immer höher und höher und jedes noch so kleine Wasserloch erhält eine magische Aura aus unwiderstehlicher Anziehungskraft.

Im Hörsaal ist es erstaunlich leise. Das Semester ist bereits etwas fortgeschritten und hat einen inneren Zwang mitgebracht, sich endlich zu engagieren und regelmäßiger in den Vorlesungen aufzupassen. Trotz kompletter Verdunklung steht die Luft, gefühlt ohne ein einziges Sauerstoffmolekül, dafür aber mit jeder Menge stechendem Schweißgeruch und noch mehr Wärme, als selbst in der prallen Sonne zu finden wäre.

Die Zeiten der Grundvorlesungen sind vorbei und so kann der Professor endlich über die Themen referieren, die ihn selbst auch begeistern. Das mag ein gutes Mittel gegen die lähmende Hitze sein. Vielleicht liegt es auch an seiner Tätigkeit in den Wüsten dieser Welt, von denen er gerade berichtet, die ihn gegen Temperaturen weit jenseits der eigenen Körpertemperatur abgehärtet haben. Im Moment sieht er jedenfalls in interessierte, wenn auch erschöpfte Gesichter. Nicht nur ein Paar Augen hier sehnt sich gerade nach einer kalten Dusche, einer Siesta oder wenigstens einem großen Eis. Doch seine Begeisterung steckt an und so nehmen etliche den Kampf an und bemühen sich um Aufmerksamkeit.

Plötzlich kommt Leben auf, ein heiteres Gekicher wandert durch die Reihen. Der Einzige, der in seiner Reihe nicht kichert, ist der Stoner in seinem bunten Hawaiihemd, bei dem es nur niemand übers Herz gebracht hat, ihm mitzuteilen, dass es schrecklich aussieht. Er sitzt recht schief, das Kinn auf die Faust gestützt und schläft in aller Seelenruhe. Der Professor lächelt kurz und fährt dann unbeirrt fort. Er wird schon wieder irgendwann aufwachen. Lediglich die beiden Ägypter in der letzten Reihe schütteln ungläubig die Köpfe. Währenddessen zieht eine hohe, diffuse Wolkendecke über den Himmel, perfekt um die Wärme über Nacht zu halten.

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