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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 145.

Mia und Tina

„Was ist denn hier passiert?“

Mia war regelrecht schockiert, als sie sich in ihrer Wohnung umsah. Es war nicht sehr offensichtlich, eher ein Gefühl, dass etwas anders war, als sie zur Tür hinein gekommen war, aber etwas war los. Das Wohnzimmer und das Schlafzimmer wirkten beide deutlich aufgeräumter, als sie es vom Morgen in Erinnerung hatte. Es war heller, offener und fühlte sich leichter an. Die Räume und der Flur wirkten größer und weitläufiger. Das konnte nur eines bedeuten: es war aufgeräumt worden. Und das wiederum konnte auch nur eines bedeuten: Erik war wieder da!

Freudig lächelnd drehte Mia sich um und hüpfte in die Küche. Wenn Erik da war, dann war es nicht nur aufgeräumter, es gab auch immer etwas Leckeres zu essen. Bis zum Abendessen konnte es also nicht mehr lange hin sein. Wie wäre es zum Beispiel mit Rotkohl, Bratwürstchen und Kartoffeln? Das war sogar eines der wenigen Gerichte, die sie selbst kochen konnte. Es war ihr nur meistens zu viel Arbeit und zum Spülen war sie so oder so zu faul. Der Duft von würzigem Kohl und den herzhaften Würstchen hing ihr bereits in der Nase. Es fehlte nicht mehr viel, und sie hätte die Töpfe und Pfannen klappern hören können.

Umso ernüchternder war es, dass sie weder dampfendes Abendessen noch Erik in der Küche vorfand. Stattdessen traf sie hier die Erkenntnis, wieso die Wohnung so aufgeräumt und lichtdurchflutet wirkte. Die Pfannen konnten nicht klappern, denn sie waren nicht da. Und das war bei Weitem nicht das Einzige. Geschirr, Besteck, Gewürze, Vorräte, die Mikrowelle, Wasserkocher und noch etliches mehr waren nicht mehr da. Weg. Verschwunden! Was war hier los?

Das Klappern der Wohnungstür unterbrach ihren Gedanken. Tina kam in die Küche, die Stirn in Grübelfalten gelegt, verträumt auf einen Punkt, irgendwo im Nichts blickend. Mia holte sie zurück, indem sie ihr einen Kuss auf die Lippen drückte und dann verdutzt auf den Schlüssel in Tinas Hand sah. Den Schlüsselanhänger hatte Mia vor einem Jahr aus einem Stück Holz geschnitzt, welches sie am Fluss gefunden hatte. Erik hatte es damals als abstrakte Kunst bezeichnet und an seinen Schlüsselbund gehängt. Er war jemand, der gewisse Dinge lieber heimlich liebte, statt überschwänglich zu loben.

„Ich habe heute Flo getroffen,“ eröffnete Tina das Gespräch. „Wir waren gemeinsam in der Mensa und da hat er mir Eriks Schlüssel gegeben. Erik hat ihm wohl gesagt, ich würde ihn besser brauchen können als er, also soll ich ihn jetzt haben.“

Mia hatte in den ruhigen Minuten der letzten Tage und Wochen immer wieder ein schlechtes Gewissen gehabt. Erik hatte ein paar Male das Gespräch mit ihr gesucht, aber immer sehr schlechte Zeitpunkte abgepasst. Sie hatte ihn jedes Mal vertröstet und versprochen, drauf zurückzukommen und sich gemeldet, aber dann die Zeit nicht mehr gefunden. Gut, wenn sie ehrlich war, dann hatte sie es auch ab und an einfach vergessen, oder es erschien ihr unpassend, ihn anzurufen, während sie gerade mit Tina im Arm auf dem Sofa saß oder im Bett lag. Jetzt war ihre Wohnung leer geräumt und Tina hatte seinen Schlüssel. War Erik wirklich so weit gegangen, aus ihrer gemeinsamen Wohnung auszuziehen, ohne ihr vorher etwas davon zu sagen? Tina suchte ihren Blick mit einem sehr seltsamen Ausdruck in den Augen. Ihre Worte waren unsicher, als würde sie sich absolut unwohl in ihrer eigenen Haut fühlen und am liebsten ganz weit weg laufen.

„Mia, bin ich hier an seiner Stelle eingezogen? Ist eure Beziehung jetzt wegen mir kaputt gegangen?“

„Natürlich bist du nicht an seiner Stelle eingezogen. Du bist viel zu toll, um einfach nur der Ersatz für jemanden zu sein! Und du kannst auch nichts dafür, dass er jetzt ausgezogen ist. Da war bereits vorher ganz anderes im Argen. Wir haben schon immer Phasen gehabt, wo es mal nicht so glatt lief. Also mach du dir da keine Sorgen.“

Aber natürlich machte Tina sich wohl sorgen und sie sich selbst auch. Wie konnte er sie einfach so verlassen? Ohne Vorwarnung, ohne ein weiteres Wort? Wieso hatte er mit ihr Schluss gemacht? Überhaupt realisierte sie bei diesem Gedanken zum ersten Mal, dass sie offenbar getrennt waren. Mia und Erik, das war Geschichte. Jetzt gab es nur noch Erik oder nur noch Mia. Das konnte doch unmöglich sein! Das hier war immer noch ihre gemeinsame Wohnung, in der sie ihre gemeinsame kleine Familie hatten gründen wollen, mit Katze und später einmal Kindern.

„Nur wieso hat er einfach Schluss gemacht?“ Sie murmelte die Worte nur in ihren nicht vorhandenen Bart, und aus dem dünnen Klang ihrer Stimme sprachen Unverständnis und Verwirrung. Sie hatte es einfach nur in den Raum hinein gesprochen, ohne mit einer Antwort zu rechnen. Umso unerwarteter war es, als tatsächlich eine kam.

„Also Flo meinte, dass Erik wohl nicht einmal Schluss gemacht hat. Erik sieht es wohl so, dass er noch versucht hat, mit dir zu reden, und es irgendwie zu retten, aber du hättest ihn verlassen und wohl nur vergessen, es ihm auch zu sagen.“

Das Schlimmste an Tinas Worten war vermutlich, dass ihr absolut nichts einfallen wollte, womit sie diese Aussage widerlegen konnte. Es war weder Tina noch Erik gewesen, es war nur sie selbst gewesen. Sie war so überzeugt gewesen, dass er wieder zurückkommen würde. Jetzt stand sie in einer halb leer geräumten Wohnung, sah in die leuchtenden Augen dieser kleinen zähen Frau vor ihr, und wusste, dass sie wenigstens nicht alleine war.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 144.

Neue Bleibe

„Ich schäme mich ja etwas, danach zu fragen, aber Kristina, kannst du mir etwas Zeit und dein Auto leihen?“

Flo hatte sich schon gefragt, was an diesem Tag besonders war. Es musste offensichtlich etwas los sein, denn Erik hatte sich mit dem Abendessen nicht nur besondere Mühe gegeben, er hatte ein regelrechtes Festmahl geschaffen. Ein herrlich duftender Auflauf mit buntem Salat und zum Nachtisch Pudding. Zu aufwendig und viel zu gut, um es einfach so zu machen. Kristina sah Erik nur fragend an. Der Art nach zu urteilen, wie er gefragt hatte, musste er geplant haben das Auto auf einen kleinen Urlaub zu entführen. Sie nickte unbestimmt und sah zu, wie sich Eriks Haltung entspannte. Nach kurzem Zögern lieferte er die Erklärung ab.

„Es sollte nicht zu lange dauern. Ich habe eine neue Bleibe gefunden. Eine kleine ein Zimmer Wohnung zwischen Uni und Altstadt. Es wäre schön, wenn ich das Auto leihen könnte, um meine Sachen dort hinzubringen. Ich möchte nicht öfter als nötig durch Mias Wohnung laufen. Mit dem Auto wäre das eine Fahrt, mit dem Bus ein paar mehr.“

„Mias Wohnung? Bist du nun also wirklich ausgezogen? Wollte sie sich nicht noch melden?“

„Ja, sie wollte sich vor zwei Wochen gemeldet haben, aber ich schätze, andere Dinge waren wichtiger. Wenn von ihr nichts kommt, dann kann ich auch nichts machen. Eines steht jedenfalls fest, ich blockiere euer Sofa schon viel zu lange. Morgen schaffe ich mir eine Luftmatratze und einen Schlafsack hinüber. Dann kann wenigstens bei euch endlich wieder etwas Normalität einziehen. Es ist höchste Zeit dafür.“

Flo und Kristina sahen einander stumm an. Sie hatten sich darüber unterhalten und waren zu dem Schluss gekommen, dass die Situation zwar merkwürdig aber keine Belastung war. Sie wollten Erik gerne helfen. Dass er jetzt selbst Schritte gegangen war, kam in dieser Form aber überraschend. Und auch wenn Flo es sich nicht eingestehen wollte, hätte er vielleicht sogar bereits seit einer ganzen Weile ahnen können, dass sein Traumpaar vor einigen dicken Problemen gestanden hatte. Tina war noch das Kleinere davon gewesen.

Wie sich die Zeit doch gewandelt hatte. Erst waren sie das perfekte Paar gewesen, vielleicht nicht immer ganz unkompliziert aber sie hatten es auch nie ohneeinander ausgehalten. Und als Tina versucht hatte, einen Keil zwischen sie zu treiben um mit Erik durchzubrennen, waren sie dennoch ein Herz und eine Seele gewesen. Und auf einmal war es nicht mehr Tina, die mit Erik durchgebrannt wäre, sondern Mia, die mit Tina das Bett teilte. Sie hatte sich von Erik getrennt und war so beschäftigt gewesen, dass sie es ihm nicht einmal mehr gesagt hatte. So etwas musste doch einfach wehtun.

Was allerdings niemand der Anwesenden wissen konnte, war, dass Mia zwar glaubte, alles im Griff zu haben, aber ihr Herz mit dieser Entscheidung in dieser Form nicht einverstanden war. Es wusste, was es wollte, und war keinen Kompromiss gewohnt.

Market Theater

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 141.

Überraschungshausarbeit

Drei Uhr nachts war nicht die beste Zeit, um am Schreibtisch zu sitzen, wenn man am nächsten Morgen um zehn Uhr in der Vorlesung sitzen wollte. Vor dem offenen Fenster zog eine angetrunkene Gruppe Studenten vorbei, auf dem Heimweg nach einer wilden Nacht so kurz vor der Prüfungsphase. Für Flo war das keine Option.

Abgesehen davon, dass er der Clubphase weitestgehend entwachsen war, und einfach keine Freude mehr daran finden konnte, aber auch an der Hausarbeit. Eine Woche hatte er noch Zeit, aber auch das hehre Ziel, frühzeitig abzugeben. Es wäre sicherlich leichter gewesen, wenn er die Abgabefrist gemeinsam mit dem Thema zu Semesterbeginn bekommen hätte, und nicht erst vor einer Woche per Mail. Natürlich hatte er sich mit den anderen Kursteilnehmern unterhalten und sie waren alle davon ausgegangen, dass der Abgabetermin wie üblich das Semesterende war. Jetzt war bei ihnen allen die Zeitplanung gründlich durcheinander geraten.

Tina hatte den Kurs direkt aus ihrem Plan gestrichen. Diesen Aufwand würde sie sich schenken, zumal sie gerade wichtigere Probleme hatte. Auch Mia liebäugelte eifrig mit dem Gedanken, zumal sich diese Frist bei ihr mit noch zwei weiteren Fristen überschnitt. Sie hatte ihr Thema für die Hausarbeit spontan und eigenmächtig um das Thema Zeitmanagement erweitert und eine scharfe Kritik an der Organisation des Professors eingebaut. Eventuell würde sie am Ende dran denken, diesen Teil wieder zu löschen. Ihrer Note zuliebe wenigstens.

Flo blätterte durch die Literatur, die sein Thema behandelte, und die er nicht verstand. Er konnte unmöglich alles in der Zeit lesen, was er für eine Hausarbeit nach seinen Maßstäben benötigte. Besonders deswegen, weil er keinen rechten Einstieg in das Thema finden konnte. Die groben Mechaniken waren kein Problem, aber im Master wäre doch sicherlich ein tiefer gehendes Verständnis des Themas vorausgesetzt, und damit konnte er nicht aufwarten. Andererseits würde eine dermaßen tief reichende Behandlung des Themas auch noch den Umfang der Arbeit um einige Größenordnungen sprengen. Er musste sich auf das Wesentliche beschränken, nur dann würde er mit großen Lücken im Thema leben müssen, was ihn ausgesprochen ärgerte.

Sein Blick wanderte zur Uhr. Wenn er jetzt noch Feierabend machte, dann konnte er noch vor halb vier im Bett sein, sich an Kristina ankuscheln und wäre hoffentlich tief genug eingeschlafen, dass er nicht mehr aufwachte, wenn sie sich um kurz nach sechs fertig machte, um zur Arbeit zu fahren. Was die Vorlesung betraf, würde es sowieso wenig Sinn ergeben, dort zu sitzen, wenn er nicht wach bleiben konnte. Aber das konnte er auch morgen früh noch feststellen. Erik würde sicherlich hingehen, auch wenn er auch erst um kurz nach zwei Uhr nachts seinen Laptop zugeklappt hatte.

Aus den ein bis zwei Tagen auf dem Sofa schlafen war inzwischen eine gute Woche geworden. Eine Woche, in der ein sehr leiser und fast unsichtbarer Mitbewohner für eine immer aufgeräumte und saubere Küche gesorgt hatte. Eine Woche, in der Mia zwar irgendwann bemerkt hatte, dass er nicht mehr bei ihr im Bett schlief, aber dann doch immer wieder zu beschäftigt gewesen war, um ihn darauf anzusprechen. Oder sie hatte es schlicht und einfach vergessen, wenn sie ihn dann einmal sah. Sie begrüßte ihn mit einem routinierten Kuss, kuschelte sich gewohnheitsmäßig an und tat, was sie halt so tat. Besorgte Blicke kamen dabei dann weder von Mia oder Erik, welcher alles nur noch stoisch über sich ergehen ließ, sondern von Tina und Flo.

„Und jetzt sag mir noch einmal, dass die zwei einfach nicht ohne einander auskommen können.“

Tina hatte sich in einer ruhigen Minute an Flo gerichtet, und dabei nicht glücklich gewirkt. Natürlich, sie war eifersüchtig auf Mia gewesen, aber das hier war auch keine Alternative. Vor allem, weil sie sich auf diese Weise auch noch schuldig fühlte. Immerhin war sie der Grund, weswegen die tiefen Klüfte in der Beziehung des Traumpaares so drastisch sichtbar wurden. Sie mochte es sich nicht ausgesucht haben, aber das änderte wenig an der Tatsache. Und dann fiel dieses Chaos auch noch in einen so dicht gepackten Zeitraum, wo man ohnehin kaum den Kopf zum Denken freibekommen konnte. Wo sollte das denn bloß alles enden?

Flo musste ihr im Stillen recht geben. Mia und Erik schienen für den Moment wirklich gut zurechtzukommen. Ohneeinander! Der oberflächliche Eindruck mochte täuschen und vielleicht würde diese kleine Auszeit ihnen beiden gut tun, helfen, sich wieder auf was Wesentliche zu besinnen und der Beziehung auf lange Sicht gut tun. Im Augenblick hatte er aber eher den Eindruck, sie hatten sich getrennt, und nur vergessen, das dem jeweils anderen auch mitzuteilen.

Aber ob Pause oder nicht, Erik war ein guter Freund, nur auf Dauer konnte er nicht sein Wohnzimmer in Beschlag nehmen. Darüber waren sich alle Beteiligten sicherlich im Klaren. Tina war bereits drauf und dran gewesen, ihm ihr WG-Zimmer anzubieten, hatte dann aber wieder Abstand davon genommen, als sie realisierte, dass sie dann ja selbst bei Mia einziehen müsste. Der Gedanke war ihr zu sonderbar vorgekommen. Mia hätte vermutlich von allen noch das kleinste Problem damit, eher im Gegenteil. Und das machte die Angelegenheit nicht weniger verrückt. Nicht nur Flo hatte längst aufgegeben, verstehen zu wollen, wer in dieser Dreiecksbeziehung wen nun wie wahrnahm.

Die Uhr zeigte viertel nach drei. Das Licht der Straßenlaternen war das Einzige, was das kleine Arbeitszimmer erhellte, der Monitor war dunkel, genau wie die Lampe. Nur die Perspektive war seltsam. Es kostete ihn einen Moment, zu realisieren, dass er, statt aufzustehen, eingeschlafen und vom Stihl gerutscht sein musste. Eigentlich könnte er auch gleich hier auf dem Teppich liegen bleiben. Das wäre mit Abstand die einfachste Möglichkeit, aber dann griff doch noch sein Egoismus und er schleifte sich ins Bett, nicht für die Bequemlichkeit, aber um näher bei Kristina zu sein. Wenn sie einmal nicht da sein sollte, würde er das unter Garantie sofort bemerken.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 140.

Erik zieht aus

„Hast du bemerkt, dass Erik mit Mia nicht mehr besonders glücklich ist? Selbst wenn es drei Jahre gehalten hat, ich würde gerade auf kein Viertes wetten.“

Das hatte Tina noch vor etwas mehr als zwei Wochen zu Flo gesagt, und dieser hatte es nicht besonders ernst genommen. Bei Mia und Erik ging es immer auf und ab. Mal stritten sie, dann vertrugen sie sich wieder. Sie hassten und liebten sich und konnten doch unmöglich ohne einander. Und regelmäßig kam es vor, dass einer von beiden bei Flo saß und sich hemmungslos über den anderen aufregte. Aber das hier war dann doch etwas Anderes, etwas Neues.

„Kann ich vielleicht ein zwei Nächte bei euch unterkommen? Ich brauche dringend etwas Abstand.“

Erik war zerknittert, genau, wie seine Kleidung. Tiefe Augenringe und ein bei ihm sehr ungewohnter Bartansatz zierten ein ausgemergeltes und eingefallenes Gesicht mit tiefen Falten. Flo konnte sich sogar denken, woran es lag. Tina war vor zwei Tagen aus dem Krankenhaus entlassen worden und bei Mia eingezogen. Mehr oder weniger heimlich war es abgelaufen und ihre Mitbewohnerinnen wussten offiziell nicht, wo sie steckte. Nur für den Fall, dass ihre Familie sich wieder melden würde. Die Ereignisse der letzten Woche hatten das Verhältnis zwischen ihnen deutlich belastet.

Zwei Tage hatte es gedauert, bis ihre Eltern sich die Zeit genommen hatten, sie im Krankenhaus zu besuchen, und es war kein schönes Ereignis gewesen. Voller Vorwürfe und böser Worte, frei von jeder Empathie und Mitgefühl. Waren sie anfangs noch erschüttert gewesen, dass ihre Tochter im Krankenhaus lag, schlug dieses Gefühl in Wut um, als sie von dem Grund erfuhren.

„Ein Kind? Woher um alles in der Welt bekommst du ein Kind? Wie konnte denn so etwas passieren? Wir schicken dich an die Uni, damit du etwas lernst, nicht, damit du dich prostituierst. Kind, wieso machst du uns solch eine Schande? Was sollen denn die Leute über unser Haus denken? Auf diese Weise können wir die ganze Affäre wenigstens unter den Tisch kehren.“

In diesem Stil war der ganze Besuch abgelaufen, bis Mia drauf und dran gewesen war, ihnen den Kopf abzureißen. Sie hatte beschlossen, dass Tina etwas Abstand zu ihrer Familie brauchte und Tina, erschöpft und entkräftet, wie sie war, konnte es zwar nicht zugeben, aber sie war dankbar darum. Hannah und Marlene zogen sofort mit und organisierten mit Mia das Exil. Tina sollte eine Weile bei Mia unterkommen. Nur Erik wurde nicht gefragt. Wieso auch? Natürlich würde er damit einverstanden sein. Wie konnte er auch nicht? Bei einer solchen Situation als Ausgangslage.

Und am Anfang sah es auch gut aus. Das Leben in der gemeinsamen Wohnung ging fast genau so weiter, wie es bisher gewesen war. Erik kümmerte sich um den Haushalt und kochte, Mia kümmerte sich um die Uni und speziell um Tina. Immerhin hatte Tina auch im Hinblick auf das Studium einiges nachzuholen. Und was Erik schon früher bemerkt hatte, fühlte er jetzt deutlicher und immer deutlicher. Er gehörte hier nicht mehr wirklich hin. Es war nicht seine Wohnung, es war Mias und er war hier nur Gast. Er war in gewisser Weise ein Fremdkörper.

Wenn er länger in der Uni gewesen war, wurde er zwar begrüßt, wenn er in die Wohnung kam, aber niemand fragte mehr nach seinem Tag oder wo er gewesen war. Er konnte kommentarlos hinausgehen, ohne vermisst zu werden. Seine Freundin war voll und ganz mit Tina beschäftigt, einer Frau, von der sie wusste, dass sie es einmal auf ihren eigenen Freund abgesehen hatte. Sein Rückzugsort war von einem Tag auf den nächsten nicht mehr vorhanden. Klar, Tina war auch vorher schon öfter hier Gast gewesen, aber immer nur Gast und nie Mitbewohnerin.

Jetzt waren seine Akkus leer und er brauchte dringend Abstand. Jetzt, zum Ende des Semesters, mit der Prüfungsphase vor der Türe, konnte er unmöglich zu seinen Eltern fahren. Flo und Kristina waren eine sehr viel nähere und auch inzwischen vertrautere Umgebung. Um dort nicht zu dem Störfaktor zu werden, vor dem er selbst flüchtete, hatte er sich vorgenommen, möglichst wenig zu stören. Lange Tage in der Bibliothek und eifrige Hilfe im Haushalt konnte er als Ausgleich anbieten. Und es sollten ja auch wirklich nur einige wenige Tage werden. So lange, bis er wieder die Kraft hatte, es in seiner eigenen Wohnung auszuhalten … oder aber eine andere Möglichkeit gefunden hatte.

Nein, den letzten Gedanken verwarf er ganz schnell wieder. An so etwas wollte er überhaupt nicht denken. Natürlich würde er in zwei drei Tagen wieder zu sich nach Hause können. Mia würde ihn bis dahin sicherlich auch vermisst haben. Er wollte sich extra nicht bei ihr abmelden und ihr sagen, was er vorhatte. Sie sollte von alleine darauf kommen. Nur Flo zweifelte an dem Plan, als Erik ihm die Situation beschrieb, sagte aber nichts. Diese Erfahrung musste Erik leider selbst machen.

Es gab generell einiges, was Flo nicht aussprach. Beispielsweise, dass er bereits auf diesen Tag gewartet hatte und vorbereitet war. Alles war für einen solchen Besuch vorbereitet, und als sie abends in die Wohnung kamen, warfen sich Flo und Kristina nur vielsagende Blicke zu.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 139.

Verlust

Kannst du mir ein Handout einpacken? Schaffe es heute nicht mehr in die Uni. Musste noch einmal ins Krankenhaus.

Das war die Nachricht gewesen, die Mia von Tina bekommen hatte. Das passte nicht so ideal zu der perfekten Schwangerschaft, von der nach der letzten Untersuchung noch die Rede gewesen war. Dennoch reichte es aus, um Mia für die Stunde zu beruhigen. Wenn sie noch schreiben konnte, dann würde es schon nicht so schlimm sein, aber für den Nachmittag würde sie sich auf jeden Fall auf den Weg machen, um Tina im Krankenhaus zu besuchen. Flo und Erik brauchten nicht gefragt zu werden, ob sie mit kämen. Einerseits war es eine zu verlockende Möglichkeit, das tägliche Lernpensum etwas beiseitezuschieben, andererseits war es im Krankenhaus grundsätzlich so langweilig, dass man sich immer über den Besuch von Freunden freuen konnte.

Soweit stand der Plan also. Die Praxis unterschied sich dann leider doch etwas von der Theorie. Tina im Krankenhaus ausfindig zu machen war nicht so einfach wie gedacht und die Stationsschwester hatte ernsthafte Bedenken, sich gleich alle drei bis in das Krankenzimmer durchzulassen. Spätestens jetzt war Mia ausreichend beunruhigt, um sich alleine an der Schwester vorbei zu schieben und in Tinas Zimmer zu eilen. Flo und Erik warteten sicherheitshalber auf grünes Licht, wenn auch nicht weniger besorgt. Aber man konnte nie wissen, in welcher Situation sich Tina gerade befand, denn Auskunft gab es nur für direkte Angehörige.

Die zwei Minuten, bis Mia zurückkam, schienen sich über Stunden zu erstrecken. Doch als sie kam, war sie schneeweiß im Gesicht und wirkte unsicher auf ihren eigenen Beinen. Als sie sich an Erik ankuschelte, bemerkte er, dass sie zitterte. Ihre Stimme war so dünn und brüchig, wie Flo es noch nie von ihr erlebt hatte. Sie stand sichtlich unter Schock.

„Sie hat gesagt, ihr könnt mit rein kommen, aber es geht ihr ziemlich schlecht. Ein Krankenwagen hat sie letzte Nacht hier hingebracht, weil sie starke Schmerzen im Unterleib hatte. Es war leider trotzdem zu spät, das Kind ist gestorben.“

Flo konnte nicht sagen, was in diesem Moment alles in seinem Kopf umherschwirrte. Das musste der größte Horror aller werdenden Eltern sein. Das Kind zu verlieren, besonders, wo sie so lange darum gekämpft hatte, sich damit anzufreunden und es endlich geschafft hatte, sich darauf zu freuen. All die Arbeit, dennoch eine gute Mutter zu sein und ihrem Kind, allen Widrigkeiten zum Trotz, ein schönes und sicheres Nest zu bieten. All die Sorgen, Hoffnungen, Wünsche und Träume. Er konnte sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie es ihr jetzt gehen musste. Erst an der Türe bemerkte er, dass seine Beine ihn mechanisch durch den Flur getragen hatten.

Was er dahinter vorfand, erschreckte ihn dann aber doch, trotz seiner schlimmen Vorahnung. Dort lag Tina im Bett, die blonden Haare wie Sonnenstrahlen um ein Gesicht, dessen Farbe irgendwo zwischen weiß, grün und grau rangierte. Die eingefallenen Augen waren tiefrot und ihr Blick in der versteinerten Mimik irgendwo auf einem Punkt im Nichts festgefroren. Wortlos setzte er sich auf den Rand des Bettes und legte ihr die Hand auf die Schulter. Einzig und allein ihr schweres Schlucken verriet, dass sie ihn überhaupt wahrgenommen hatte. Mia kuschelte sich von der anderen Seite an sie heran, während Erik am Fußende stehen blieb und nicht so recht zu wissen schien, was er jetzt tun sollte. Er war sichtlich um Fassung bemüht aber in seinen Augen stand dennoch blankes Entsetzen.

Flo war sich sicher, wenn Tina noch eine einzelne Träne übrig gehabt hätte, sie wäre jetzt geflossen. Aber ihr Kissen und ihre Haare waren bereits völlig durchnässt und die kleine Frau lag entsetzlich ausgelaugt, eingefallen und erschöpft tief in den Kissen. Mehr ein Schatten denn Gestalt, ruhte sie hier von ihren Freunden eingerahmt und gehalten, und für wenigstens fünf Minuten herrschte eiserne Stille. Als dann eine dünne, heisere Stimme erklang, brauchte es einige Sekunden, bis alle realisiert hatten, woher sie kam.

„Vielen Dank euch, dass ihr gekommen seid.“

Tina schien nicht einmal Luft geholt zu haben, um diese Worte zu sprechen. Ihr Laken bedeckte sie mit einer Reglosigkeit, als wäre es ein Leichentuch. Als Flo dieser Gedanke durch den Kopf schoss, stellte er schockiert fest, dass es genau das im Grunde genommen auch war.

„Nicht dafür. Sag uns nur, wenn wir irgendetwas tun können, um dir zu helfen. Egal was.“

Mia war dazu übergegangen, Tinas Kopf zu streicheln, Tränen in den Augen und doch jede Regung im Blick. Sie würde hier liegen bleiben und sich um Tina kümmern, soviel war deutlich. Und wieder war Flo erstaunt, zu welcher Zärtlichkeit sie in der Lage war. Keine Spur war mehr von der sonst so charakteristischen Grobmotorigkeit und Tollpatschigkeit zu sehen. Es dauerte wieder eine Weile, bis Tina genug Kraft für die nächsten Worte gesammelt hatte. Doch sie kamen noch kraftloser und leiser als die Ersten.

„Die Ärzte sagen, sie wissen nicht genau, was passiert ist. Ich habe alles richtig gemacht und auch aus den bisherigen Untersuchungen deutet nichts darauf hin, dass etwas nicht stimmen würde. Es sah alles so gut aus.“

Ihr Äquivalent zum Seufzen war heute, dass zum ersten Mal eine Atembewegung das dünne Laken leicht anhob. Trotzdem waren ihre Worte kaum mehr als ein Windhauch.

„Aber wieso ist dann meine Kleine weg?“

Der unbestimmte Punkt, irgendwo in der Unendlichkeit über dem Horizont, den sie fixiert hatte, sprang um. Erik stand immer noch am Fußende des Bettes und betrachtete sie mit tiefen Sorgenfalten auf der Stirn. Vom einen Moment auf den nächsten sah er in ein Paar Augen, welche das Kunststück fertigbrachten, glasig und milchig trüb gleichzeitig zu sein, und ihm direkt in die Seele starrten. Keine Anklage, keine Wut oder Zorn lag darin. Lediglich absolutes Unverständnis und entsetzlich tiefer Gram. Und die Frage, auf die sie von niemandem hier eine Antwort bekommen konnte.

Flo atmete so leise wie er konnte tief durch. Tina mochte in der Vergangenheit ziemlich ausfallend gewesen sein und sie hatte Mias und Eriks Beziehung bei mehr als nur einer Gelegenheit auf eine harte Probe gestellt. Aber konnte das Schicksal sich wirklich dermaßen brutal rächen? Das stand in absolut keinem Verhältnis mehr. Besonders, zumal in letzter Zeit ihre Einmischung in fremde Beziehungen nicht einmal von ihr selbst, sondern von Mia ausgegangen war. Auch wenn er sich zeitweise über sie und ihre augenscheinliche Sorglosigkeit geärgert hatte, niemals hätte er ihr eine solche Situation gewünscht.

Aber ihre Anwesenheit schien zu helfen. Eine Stunde lang saßen sie einfach wortlos um Tina herum und waren für sie da, und mit jeder Minute davon schien sie wieder ein kleines bisschen mehr ins Leben zurückzufinden. Mit jeder Minute war sichtbarer, dass sie noch atmete und noch da war. Am Ende war sie sogar in der Lage, mit etwas Hilfe einen zaghaften Schluck Wasser zu sich zu nehmen. Es musste der Erste sein, den sie überhaupt an diesem Tag zu sich nahm.

Ein vorsichtiges Klopfen an der Türe kündigte Hannah und Marlene an, Tinas Mitbewohnerinnen. Letzte Nacht hatten sie den Krankenwagen gerufen, sich versichern lassen, dass alles gut werden würde, und versprochen, nach ihrem Laborpraktikum vorbei zu kommen. Sie hatten Wort gehalten, doch kaum waren sie im Raum und hatten Tina gefunden erstarrten sie kurzzeitig zur Salzsäule. Auch wenn sich inzwischen sogar Tinas Augen wieder bewegten, bot sie immer noch einen schlimmen Anblick. Ein gehauchtes „Oh nein …“ war alles, was zu hören war, ehe sie ihrer Mitbewohnerin um den Hals fielen. Ein stummer Blick zwischen den beiden Mädchen besiegelte das Versprechen, vorerst zu verschweigen, dass Tinas Eltern angerufen hatten. Für den Moment gab es sehr viel Wichtigeres.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 138.

Es war der Punkt im Sommer erreicht, wo er für die Ersten anstrengend wurde, die nicht bereits bei zwanzig Grad über die Hitze zu ächzen begannen. Mit Tiefstwerten von fünfundzwanzig Grad hatten die ersten Tropennächte Einzug in die Stadt erhalten und tagsüber kletterten selbst die Schatten auf über dreißig Grad. Für Flo war das in etwa die Grenze, bei der er nicht mehr von Frühling reden wollte. Mia hingegen jammerte bereits seit über einem Monat, dass es ihr zu warm war und er würde nie verstehen können, wie sie zu diesem Gedanken kommen konnte.

Gut gelaunt von der Sonne schlenderte er zu seinem Seminar, nicht mehr ganz so früh am Morgen. Der ehemalige Langschläfer hatte sich einen neuen Rhythmus angewöhnt, seit er morgens mit Kristina gemeinsam aufstand und frühstückte. Anfangs war es noch eine Tortur für ihn gewesen, die er dennoch dankbar auf sich genommen hatte. Auf einmal hatte der Tag sogar genug Stunden, um einiges zu erledigen, was bislang auf der Strecke geblieben war. Es war ihm nur ein absolutes Rätsel, wie das möglich war. Immerhin wurde der Tag ja nicht länger, er verschob sich nur etwas nach vorne. Vielleicht war es die Bahnfahrt, auf der er es schaffte, Dinge zu erledigen.

Unter einem strahlend blauen Himmel lag ein sonnendurchfluteter Campus. Darüber wälzte sich der übliche Mix aus völlig überdrehten Morgenmenschen, den extra frühen Vögeln, deren Energie jetzt um zehn Uhr mit dem dritten Kaffee erst einmal völlig einbrach, dem wahlweise entspannten oder angespannten Durchschnittswesen und den Zombies. Letztere waren entweder noch ausreichend stark alkoholisiert von der letzten Party, dass ihre Fahne allein für eine satte Party gereicht hätte (aber diverse Kurse hatten einfach Anwesenheitspflicht), oder aber sie gehörten zu der Sorte Mensch, der selbst um vier Uhr nachmittags noch im Halbschlaf umherwanderte.

Flo zählte sich zum Durchschnitt. Kaffee benötigte er nicht, er war halbwegs ausgeschlafen, gut gelaunt und ansonsten absolut unauffällig. Mia und Erik warteten vor dem Seminargebäude auf ihn und beide waren, was halbwegs untypisch für sie war, heute eher die Kategorie Zombie. Unausgeschlafen mit tiefen Ringen unter den Augen, die Haare nicht besonders sorgsam gekämmt aber immerhin notdürftig organisiert und sehr schweigsam. Beide nickten ihm nur mürrisch zu, als er sie begrüßte. Es war offensichtlich, dass sie sich gestern Abend gestritten hatten und dann beide die Nacht durch nicht geschlafen hatten, es aber auch nicht über ihren Stolz brachten, endlich die Entschuldigungen auszusprechen, die sie sich gegenseitig schuldig waren.

Schweigend schlichen sie in den Seminarraum und setzten sich so, dass Flo schlichtend zwischen ihnen positioniert war. Unerbittlich tickte der Zeiger der Uhr und mit jeder Sekunde schien Mia etwas nervöser zu werden. Flo sah sie fragend an, wurde von ihr ignoriert und zuckte dann mit den Schultern. Die Antwort kam von der anderen Seite, so leise geraunt, dass Mia wohl nur noch ein unbestimmtes Brummen vernehmen sollte.

„Schätze, sie wundert sich, wo Tina bleibt. Eigentlich wollte sie uns heute schon im Bus treffen, hat ihn aber wohl verpasst.“

Das dürfte wohl auch der Grund für den Streit am Abend gewesen sein. Flo wusste, dass Erik sich wünschte, seine Freundin würde ihm auch etwas Aufmerksamkeit zukommen lassen. Um das zu provozieren, hatte er letztens nach dem Abendessen den Abwasch sogar stehen lassen und das immerhin zwei Tage durchgehalten, bis er die komplette Küche einer Tiefenreinigung unterzogen hatte. Und Mia ihrerseits war von Eriks negativer Ausstrahlung in letzter Zeit genervt. Dass es einen Zusammenhang zwischen den beiden Punkten geben könnte, wollten beide nicht gerne sehen.

Tina hingegen hatte wieder gelernt zu lächeln. Sie hatte Anfang der Woche einen Termin zur Voruntersuchung gehabt und die Ergebnisse sahen sehr gut aus. Sowohl Kind als auch Mutter erfreuten sich bester Gesundheit, die Entwicklung lief prächtig, um nicht zu sagen geradezu vorbildlich. So sehr sie sich auch sorgen mochte, wie das denn alles zu bewältigen werden würde, musste sich Tina inzwischen eingestehen, dass sie sich tatsächlich auf das Kind freute. Sie hatte sich nicht einfach nur damit abgefunden und es akzeptiert, sie hatte es sogar lieb gewonnen. Was konnte der Zwerg schon für seinen Taugenichts von Vater? Sie würde das auch alleine schaffen. Dafür war sie dickköpfig genug und stark genug. Aber irgendwann würde der Punkt kommen, an dem sie ihre Eltern einweihen musste. Sie würden es ihr nicht verzeihen können, nichts davon zu erfahren.

Und trotz diesen Damokles Schwertes strahlte sie inzwischen eine Ruhe und Positivität aus, die alle um sie herum anstecken sollte. Es hatte immerhin ausgereicht, als dass Mia aus ihrer eifersüchtigen Phase hervor gekommen war, und nicht mehr länger von einer Katze redete. Flo konnte nicht sagen, ob sie den Gedanken tatsächlich begraben, oder nur erst einmal zurück gestellt hatte. Er wusste allerdings, dass Erik darum immens dankbar war.

„Wo bleibt sie denn?“

Mia rutschte unruhig auf ihrem Platz herum. Sie würde sich vermutlich die ganze Stunde nicht konzentrieren können, wenn sie nicht wusste, was los was. Flo sah auf sein Telefon, fand aber keine Nachricht. Er wandte sich Mia zu.

„Hat sie dir nicht bescheid gegeben? Keine Nachricht?“

„Nein!“ Sie war gereizt, sah genervt auf ihr Telefon und stutzte. „Doch. Vor einer halben Stunde schon.“

Kannst du mir ein Handout einpacken? Schaffe es heute nicht mehr in die Uni. Musste noch einmal ins Krankenhaus.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 137.

Sommerlaunen

Nach einem regenreichen Frühling kam ein wechselhafter Sommer. Die letzten Jahre waren ungewöhnlich heiß gewesen und dieses hier schien dem Trend nur sehr widerwillig folgen zu wollen. Erst in den letzten Tagen hatte die Sonne ihre Kraft einmal so richtig zeigen wollen und alle nach draußen getrieben. Und mit einer angenehmen Wärme hatte sie auch eine allgemein positive Grundstimmung mit sich gebracht. Selbst Flo hatte eher erstaunt festgestellt, dass er weniger Zeit vor dem Fernseher oder seinem Rechner verbrachte, sondern sich tatsächlich mit einem Lehrbuch in die Sonne gesetzt hatte. Er hätte seinen Laptop gerne mit genommen, aber dank der etwas skurrilen Modeerscheinung von Hochglanzdisplays erkannte er im hellen Sonnenlicht auf dem Bildschirm genau überhaupt nichts.

Aber auch das sollte seine Laune nicht vermiesen. In der Mittagspause waren Tina und er ein wenig über den hinteren Bereich des Campus gewandert. Mia und Erik hatten den heutigen Freitag einmal ausfallen lassen und waren zu Mias Familie gefahren, die ihr alljährliches Sommerfest an diesem Wochenende hatte. Für Tina hieß das, sie durfte sich wieder selbst zurechtfinden, ohne Mia, die ihr ansonsten übereifrig zur Seite stand. Der Freiraum schien ihr sogar ziemlich gut zu tun, auch wenn sie sich selbst nicht scheute, die Hilfe anzunehmen oder auch selbst danach zu fragen. Flo hatte noch immer seine Schwierigkeiten, die ganze Situation zu erfassen und zu begreifen.

„Was ist denn jetzt eigentlich mit Erik? Bist du sicher, ob das so gut ist, wenn du ihm und Mia jetzt so nahe bist? Und besonders Mia, erst wart ihr noch drauf und dran, euch gegenseitig die Kehlen aufzureißen, und jetzt gibt es euch kaum noch getrennt?“

„Mia ist schon eigentlich echt nett, wenn man sie denn einmal kennenlernt. Das Problem war halt, dass sie mit Erik zusammen ist und ich sie deswegen überhaupt nicht kennenlernen wollte. Aber jetzt geht es eigentlich. Ich kann verstehen, dass er mit ihr zusammen ist, auch wenn ich immer noch etwas eifersüchtig bin.“

„Dafür ist Mia jetzt wohl eifersüchtig auf dein Kind.“

„Sie kann ja selbst auch eins haben. Immerhin hat sie ja Erik und was drei Jahre gehalten hat, das kann ja auch weiterhin gut bestehen.“

Flo musste sich eingestehen, dass er überrascht war. Er hatte nicht erwartet, dass sie so nüchtern und rational mit dem Thema umgehen konnte. Fast hätte er glauben können, ihr würde nichts mehr an Erik liegen. Aber er sah immer noch den verehrenden Blick, mit dem sie Erik betrachtete, wenn sie sich unbeobachtet fühlte. Die Sehnsucht in ihren Augen war kein antrainierter Reflex oder Gewohnheit, sondern echt. Flo machte sich Sorgen um sie. Es konnte nicht gesund sein, dermaßen festgefressen in einer Situation zu sein, dermaßen hartnäckig hoffnungslosen Gefühlen nachzuhängen. Aber wenigstens für den Moment schien Tina glücklich zu sein. Sie wirkte frei, zufrieden und offen, wie sie hier neben ihm stand und auf die bunte Blumenwiese hinter der Uni hinaus sah.

„Vielleicht werde ich dich ja irgendwann verstehen, aber im Moment kommt mir das Ganze noch etwas merkwürdig vor.“

Sie mussten beide über seine Worte grinsen, und erst nachdem er es ausgesprochen hatte, fiel ihm auf, wie merkwürdig es ihm überhaupt erschien.

„Drei Jahre, und jetzt bist du die dritte Person in der Beziehung? Hat Mia dich schon adoptiert? Immerhin hat sie einen ziemlichen Narren an dir gefressen.“

Und jetzt lachte nur noch er. Tina sah stumm und verträumt auf die von eifrigen Bienen umschwirrten Blumen. Es war eine merkwürdige Ruhe. So friedlich und entspannend, als würden sich die Bäume nur in Zeitlupe im Wind schaukeln und die Zeit selbst langsamer laufen. Flo konnte sich absolut nicht vorstellen, wie dieses zerbrechliche und filigrane Wesen hier einen kleinen Menschen tragen sollte. Wo war der Platz dafür in ihr? Und während er ganz versonnen dem Wind dabei zusah, wie er mit ihren blonden Strähnen tanzte, holte Tina das größte und schokoladigste Schokocroissant aus ihrem Rucksack, was er je gesehen hatte.

„Weißt du, wie gesagt, wenn man sie einmal näher kennenlernt, ist sie schon echt ein toller Mensch. Ich bin mir nicht ganz sicher, was genau sie in mir sieht, aber sie meint es ehrlich und das tut irgendwie gut. Außerdem habe ich sie auch ziemlich gern.“

Flo hörte nur noch halb den Worten zu, die dort zwischen den einzelnen Bissen hervor kamen. Er war viel zu sehr von dem gewaltigen Mittagessen fasziniert und starrte geradezu unanständig eifersüchtig darauf. So offensichtlich, dass selbst Tina in ihrer Gedankenwelt es bemerkte und ihm einen missmutigen Blick zu warf.

„Ich habe in letzter Zeit halt viel um die Ohren, und außerdem esse ich doch so selten so etwas.“

Und wieder war Flo der Einzige, der lachte.

„Das sollte ganz sicher kein Vorwurf sein. Es sieht nur echt sehr super aus. Und ganz abgesehen davon wird von dir erwartet, dass du dir auch einmal was Gutes tust. Also hau rein!“

Das schien sie überzeugen zu können, wenigstens hatte er den Eindruck, dass sie es wieder etwas genießen konnte. Flo rekapitulierte seine letzten Worte noch einmal still im Kopf und versuchte herauszubekommen, woher sie gekommen waren. Dabei fiel ihm auf, dass er sich nicht daran erinnern konnte, diese Formulierung schon einmal wo gehört zu haben. War er wirklich einmal handfest kreativ gewesen? Und dann auch noch mit einem Satz, der so kitschig war, dass man ihn locker auf eine alberne Postkarte drucken konnte. Und während der Wind den süßen Duft sommerlicher Blüten herüber trug, fühlte er einen dezenten Stolz in sich reifen. Es brauchte lediglich einen Freundeskreis, bei dem es einem nie langweilig wurde, und schon keimte die Fantasie.

Einen beliebigen Punkt irgendwo am Horizont fixierend, lächelte er vor sich hin. Unbestimmten Gedankenblitzen für einen Augenblick folgend, dann wieder einfach nur geistig driftend. Das Croissant neben ihm war inzwischen verschwunden und auch Tina hatte eine beliebige Blüte mitten auf dem Feld fokussiert. Und auch wenn sie sich miserabel dabei fühlte, sie konnte nicht umhin, ein klein wenig zu lächeln.

„Hast du bemerkt, dass Erik mit Mia nicht mehr besonders glücklich ist? Selbst wenn es drei Jahre gehalten hat, ich würde gerade auf kein Viertes wetten.“

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