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Momente VIII

Sommerhitze rollt wie ein brennender Güterzug über die Stadt hinweg und lässt die windstille Luft flirren. Staubig wirkendes Sonnenlicht lässt stumpfe Fensterscheiben und dicke Schweißperlen glitzern. Die Thermometer in den zahlreichen Dachwohnungen klettern immer höher und höher und jedes noch so kleine Wasserloch erhält eine magische Aura aus unwiderstehlicher Anziehungskraft.

Im Hörsaal ist es erstaunlich leise. Das Semester ist bereits etwas fortgeschritten und hat einen inneren Zwang mitgebracht, sich endlich zu engagieren und regelmäßiger in den Vorlesungen aufzupassen. Trotz kompletter Verdunklung steht die Luft, gefühlt ohne ein einziges Sauerstoffmolekül, dafür aber mit jeder Menge stechendem Schweißgeruch und noch mehr Wärme, als selbst in der prallen Sonne zu finden wäre.

Die Zeiten der Grundvorlesungen sind vorbei und so kann der Professor endlich über die Themen referieren, die ihn selbst auch begeistern. Das mag ein gutes Mittel gegen die lähmende Hitze sein. Vielleicht liegt es auch an seiner Tätigkeit in den Wüsten dieser Welt, von denen er gerade berichtet, die ihn gegen Temperaturen weit jenseits der eigenen Körpertemperatur abgehärtet haben. Im Moment sieht er jedenfalls in interessierte, wenn auch erschöpfte Gesichter. Nicht nur ein Paar Augen hier sehnt sich gerade nach einer kalten Dusche, einer Siesta oder wenigstens einem großen Eis. Doch seine Begeisterung steckt an und so nehmen etliche den Kampf an und bemühen sich um Aufmerksamkeit.

Plötzlich kommt Leben auf, ein heiteres Gekicher wandert durch die Reihen. Der Einzige, der in seiner Reihe nicht kichert, ist der Stoner in seinem bunten Hawaiihemd, bei dem es nur niemand übers Herz gebracht hat, ihm mitzuteilen, dass es schrecklich aussieht. Er sitzt recht schief, das Kinn auf die Faust gestützt und schläft in aller Seelenruhe. Der Professor lächelt kurz und fährt dann unbeirrt fort. Er wird schon wieder irgendwann aufwachen. Lediglich die beiden Ägypter in der letzten Reihe schütteln ungläubig die Köpfe. Währenddessen zieht eine hohe, diffuse Wolkendecke über den Himmel, perfekt um die Wärme über Nacht zu halten.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 126.

Andere Perspektiven

Das erste Seminar des neuen Semesters begann, wie immer, viel zu früh. Wenn es nach Tina ging, dann sollte Uni sich auf den Nachmittag beschränken, damit sie den Vormittag wenigstens nutzen konnte. Besonders jetzt, wo die Temperaturen wieder dauerhafter über zehn Grad stiegen, und sie endlich wieder mit einem frischen Kaffee auf der Dachterrasse sitzen konnte, um den Sonnenaufgang zu genießen. Nur ein kleines Frühstück, dann würde die Sonne ihren Schreibtisch beleuchten und sie würde für einige Stunden produktiv sein können. Vorausgesetzt, es gab kein Seminar oder Vorlesung, wie heute.

Erik Mia und Flo hatten bereits im Raum gesessen, als sie gekommen waren. Bei Flo machte es keinen Unterschied, wann die erste Veranstaltung war, er wirkte immer so, als wäre er noch dabei aufzuwachen. Nicht so wie Mia und Erik. Es mochte an Mia liegen, aber die beiden wirkten immer wach und vorbereitet. Mia war es jedenfalls auch, die sie misstrauisch anfunkelte, als sie sich einfach zu der Gruppe setzte. Aber sie schien sich allmählich mit der Situation abzufinden. Tina beschloss, sie nicht wissen zu lassen, dass sie Marco längst wieder in den Wind geschossen hatte. Würde sie das erfahren, hätte sie mit Sicherheit ein größeres Problem damit, dass sie sich in die Nähe ihres Freundes begab.

„Oh ich hab die Fotos gesehen, Süße. Sooo traumhaft. Wo war das jetzt? Panama oder doch Florida?“

„Das war noch in Panama. Eigentlich wollten wir ja zu zweit nach Florida, aber Rick hat nur zwei Wochen Urlaub bekommen. Die haben im Moment so viel zu tun in der Firma. Ich wollte ja nicht alleine, aber er meinte, so sehr, wie ich mich drauf gefreut hatte, sollte ich auch fahren. Er hatte sowieso wenig Zeit und es war dann auch echt toll! Du warst mit deinem Schatz in Tibet, richtig?“

„Ja, für drei Wochen Backpacking, Wandern durch den Himalaja. Wundervolle Landschaft, das sage ich dir, nur die Hotels, da muss man echt aufpassen. Teilweise haben die nicht einmal Duschen auf dem Zimmer. Aber dafür gibt es eine Aussicht, zum Wandern ist das herrlich.“

„Oh voll traumhaft. Du musst mir unbedingt mal mehr Fotos zeigen. Das klingt voll super, so richtig Selbstfindungstripp mäßig.“

Tina kannte die beiden Mädels noch aus dem Bachelor und hatte sich ihre Meinung über sie gebildet. Es war keine Hohe, wie denn auch? Auch wenn sie vielleicht für ihre Partner gute Freundinnen waren, machten sie nie einen Hehl daraus, dass sie kein Problem damit hatten, teure Geschenke und Reisen anzunehmen. Die Jungs waren beide deutlich älter und in guten Positionen in ihren Firmen und die Mädels nahmen die Unterstützung gerne an und ließen sich aushalten.

Tina hingegen stand jedes Wochenende im Hotel ihrer Eltern und erarbeitete sich ihre Finanzierung selbst. Sie wusste, woher das Geld kam, dass es ehrlich erarbeitet war und was es für sie an Wert besaß. Im Bachelor war sie auch anfänglich noch mit den beiden mehr oder weniger befreundet gewesen. Heute fragte sie sich, wieso. In diesem Vergleich kam sie sich unglaublich vernünftig und bodenständig vor. Dafür gab es für sie keine exotischen Reisen, teure Klamotten oder faule Wochenenden. Sie hätte gedacht, dass sie neidisch hätte sein müssen, war sie aber nicht.

Was sie viel mehr wunderte, war, dass sie immer noch Eriks Nähe suchte. Das konnte ihr doch nicht gut tun und auch ihre beste Freundin war der Überzeugung, Freundschaft zwischen Männern und Frauen konnte nicht klappen. Erst recht nicht, wenn einer von beidem etwas vom anderen wollte. Und dennoch konnte Tina es nicht lassen, wollte es unbedingt mit einer Freundschaft versuchen. Wenn es schon das Einzige war, was sie haben konnte, dann wollte sie es auch behalten. Wenigstens die Erinnerung an das herrliche Kribbeln wollte sie sich bewahren, und wenn es noch so bittersüß geschmeckt hatte.

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