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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 167.

Tiny Homes

„Hier, sieht dir das mal an. Die sind doch völlig verrückt. Ein ausgemusterter Container für mehr als zehntausend Euro. Aber offenbar gibt es Leute, die das dafür bezahlen wollen. Wie bei den Europaletten, die kann man auch inzwischen für viel Geld im Baumarkt kaufen, um sich da seine Möbel daraus zu basteln.“

Kristina sah Flo über die Schulter und verstand nicht so recht, was er ihr damit sagen wollte. Der Container auf dem Bild war reichlich verbeult und alt, nicht besonders ansehnlich und mit vielen rostigen Stellen.

„Wieso guckst du dir vierzig Fuß Seecontainer an? Was willst du damit? Ich würde den ja nicht einmal geschenkt haben wollen, wie der aussieht. Und was heißt das vierzig Fuß?“

„Das ist die Größe, es gibt auch noch halbe Größen und anscheinend auch noch Übergrößen. Ich war nur neugierig, nachdem ich gesehen habe, dass man damit Häuser bauen kann.“

„Häuser? Aus Containern? Bist du sicher, dass die Wohncontainer daraus gebaut werden und nicht aus speziellen Containern?“

„Nein, ich meine keine Wohncontainer, wie auf den Baustellen. Ich meine Containerhäuser. Warte, ich such dir ein Bild raus.“

Flo hämmerte für ein paar Momente auf den Tasten herum und zauberte eine Bildergalerie aus den Untiefen des Internets, die eine Serie von Konstruktionen zeigte, die offensichtlich aus verschiedenen gestapelten und bearbeiteten Containern bestanden. Es waren Momente wie dieser, wo Kristina daran zweifeln wollte, dass bei ihrem Freund alles in ordentlichen Bahnen lief. Die Bilder mochten ja als Häuser beschriftet sein, aber wenn sie an eine Wohnung oder ein Haus dachte, dann kam ihr alles Mögliche in den Sinn, was überhaupt nichts hiermit zu tun hatte.

„Die sind doch völlig verrückt. Daran kann man doch nicht wohnen. Das Raumklima muss schrecklich sein, die Wände können nicht atmen, die Dämmung ist ein Albtraum und so wie das aussieht, ist es extrem laut.“

„Außerdem kannst du nicht mal eben einen Nagel in die Wand hauen. Aber wenn man einmal umziehen will, dann braucht man nur den Container aufladen.“

Das mochte ja stimmen, aber Kristina war nicht fürs Nomadenleben gemacht. Genau so wenig wie Flo, nur dass er es sich gerade offenbar nicht eingestehen wollte. Stattdessen sah er sie nun erwartungsvoll an, wartete auf ihre Zustimmung in irgendeiner Form.

„Nein. Egal was du vor hast, nein! Du schlägst dir das jetzt mal schön aus dem Kopf.“

Mochte er sie mit großen Hundeaugen ansehen, bis er vertrocknete, aber in dieser Sache würde sie ihm nicht entgegen kommen. Es gab einfach keinen Grund dafür.

„Und außerdem sind wir hier quasi gerade eben erst eingezogen. Es ist eine gute Wohnung, wieso sollten wir gleich wieder umziehen?“

Schmollend starrte Flo auf seinen Laptop. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Kristina von der Idee begeistert sein würde, aber er war dennoch überrascht von der heftigen Reaktion. Dabei hatte er nicht einmal vorgehabt umzuziehen. Er war wirklich einfach nur neugierig gewesen.

„Du würdest mich am Ende noch hier raus werfen. Ich habe nicht einmal vorgehabt, so etwas zu bauen. Ich fand es nur faszinierend, was manche Leute so machen. Ich würde doch auch nicht in einen Container oder ein Silo ziehen.“

Und auch wenn er sich ehrlich nicht vorstellen konnte, tatsächlich in ein Tiny Home zu ziehen, auf engstem Raum zu leben, die Faszination darüber blieb bestehen.

Lindau

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 145.

Mia und Tina

„Was ist denn hier passiert?“

Mia war regelrecht schockiert, als sie sich in ihrer Wohnung umsah. Es war nicht sehr offensichtlich, eher ein Gefühl, dass etwas anders war, als sie zur Tür hinein gekommen war, aber etwas war los. Das Wohnzimmer und das Schlafzimmer wirkten beide deutlich aufgeräumter, als sie es vom Morgen in Erinnerung hatte. Es war heller, offener und fühlte sich leichter an. Die Räume und der Flur wirkten größer und weitläufiger. Das konnte nur eines bedeuten: es war aufgeräumt worden. Und das wiederum konnte auch nur eines bedeuten: Erik war wieder da!

Freudig lächelnd drehte Mia sich um und hüpfte in die Küche. Wenn Erik da war, dann war es nicht nur aufgeräumter, es gab auch immer etwas Leckeres zu essen. Bis zum Abendessen konnte es also nicht mehr lange hin sein. Wie wäre es zum Beispiel mit Rotkohl, Bratwürstchen und Kartoffeln? Das war sogar eines der wenigen Gerichte, die sie selbst kochen konnte. Es war ihr nur meistens zu viel Arbeit und zum Spülen war sie so oder so zu faul. Der Duft von würzigem Kohl und den herzhaften Würstchen hing ihr bereits in der Nase. Es fehlte nicht mehr viel, und sie hätte die Töpfe und Pfannen klappern hören können.

Umso ernüchternder war es, dass sie weder dampfendes Abendessen noch Erik in der Küche vorfand. Stattdessen traf sie hier die Erkenntnis, wieso die Wohnung so aufgeräumt und lichtdurchflutet wirkte. Die Pfannen konnten nicht klappern, denn sie waren nicht da. Und das war bei Weitem nicht das Einzige. Geschirr, Besteck, Gewürze, Vorräte, die Mikrowelle, Wasserkocher und noch etliches mehr waren nicht mehr da. Weg. Verschwunden! Was war hier los?

Das Klappern der Wohnungstür unterbrach ihren Gedanken. Tina kam in die Küche, die Stirn in Grübelfalten gelegt, verträumt auf einen Punkt, irgendwo im Nichts blickend. Mia holte sie zurück, indem sie ihr einen Kuss auf die Lippen drückte und dann verdutzt auf den Schlüssel in Tinas Hand sah. Den Schlüsselanhänger hatte Mia vor einem Jahr aus einem Stück Holz geschnitzt, welches sie am Fluss gefunden hatte. Erik hatte es damals als abstrakte Kunst bezeichnet und an seinen Schlüsselbund gehängt. Er war jemand, der gewisse Dinge lieber heimlich liebte, statt überschwänglich zu loben.

„Ich habe heute Flo getroffen,“ eröffnete Tina das Gespräch. „Wir waren gemeinsam in der Mensa und da hat er mir Eriks Schlüssel gegeben. Erik hat ihm wohl gesagt, ich würde ihn besser brauchen können als er, also soll ich ihn jetzt haben.“

Mia hatte in den ruhigen Minuten der letzten Tage und Wochen immer wieder ein schlechtes Gewissen gehabt. Erik hatte ein paar Male das Gespräch mit ihr gesucht, aber immer sehr schlechte Zeitpunkte abgepasst. Sie hatte ihn jedes Mal vertröstet und versprochen, drauf zurückzukommen und sich gemeldet, aber dann die Zeit nicht mehr gefunden. Gut, wenn sie ehrlich war, dann hatte sie es auch ab und an einfach vergessen, oder es erschien ihr unpassend, ihn anzurufen, während sie gerade mit Tina im Arm auf dem Sofa saß oder im Bett lag. Jetzt war ihre Wohnung leer geräumt und Tina hatte seinen Schlüssel. War Erik wirklich so weit gegangen, aus ihrer gemeinsamen Wohnung auszuziehen, ohne ihr vorher etwas davon zu sagen? Tina suchte ihren Blick mit einem sehr seltsamen Ausdruck in den Augen. Ihre Worte waren unsicher, als würde sie sich absolut unwohl in ihrer eigenen Haut fühlen und am liebsten ganz weit weg laufen.

„Mia, bin ich hier an seiner Stelle eingezogen? Ist eure Beziehung jetzt wegen mir kaputt gegangen?“

„Natürlich bist du nicht an seiner Stelle eingezogen. Du bist viel zu toll, um einfach nur der Ersatz für jemanden zu sein! Und du kannst auch nichts dafür, dass er jetzt ausgezogen ist. Da war bereits vorher ganz anderes im Argen. Wir haben schon immer Phasen gehabt, wo es mal nicht so glatt lief. Also mach du dir da keine Sorgen.“

Aber natürlich machte Tina sich wohl sorgen und sie sich selbst auch. Wie konnte er sie einfach so verlassen? Ohne Vorwarnung, ohne ein weiteres Wort? Wieso hatte er mit ihr Schluss gemacht? Überhaupt realisierte sie bei diesem Gedanken zum ersten Mal, dass sie offenbar getrennt waren. Mia und Erik, das war Geschichte. Jetzt gab es nur noch Erik oder nur noch Mia. Das konnte doch unmöglich sein! Das hier war immer noch ihre gemeinsame Wohnung, in der sie ihre gemeinsame kleine Familie hatten gründen wollen, mit Katze und später einmal Kindern.

„Nur wieso hat er einfach Schluss gemacht?“ Sie murmelte die Worte nur in ihren nicht vorhandenen Bart, und aus dem dünnen Klang ihrer Stimme sprachen Unverständnis und Verwirrung. Sie hatte es einfach nur in den Raum hinein gesprochen, ohne mit einer Antwort zu rechnen. Umso unerwarteter war es, als tatsächlich eine kam.

„Also Flo meinte, dass Erik wohl nicht einmal Schluss gemacht hat. Erik sieht es wohl so, dass er noch versucht hat, mit dir zu reden, und es irgendwie zu retten, aber du hättest ihn verlassen und wohl nur vergessen, es ihm auch zu sagen.“

Das Schlimmste an Tinas Worten war vermutlich, dass ihr absolut nichts einfallen wollte, womit sie diese Aussage widerlegen konnte. Es war weder Tina noch Erik gewesen, es war nur sie selbst gewesen. Sie war so überzeugt gewesen, dass er wieder zurückkommen würde. Jetzt stand sie in einer halb leer geräumten Wohnung, sah in die leuchtenden Augen dieser kleinen zähen Frau vor ihr, und wusste, dass sie wenigstens nicht alleine war.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 144.

Neue Bleibe

„Ich schäme mich ja etwas, danach zu fragen, aber Kristina, kannst du mir etwas Zeit und dein Auto leihen?“

Flo hatte sich schon gefragt, was an diesem Tag besonders war. Es musste offensichtlich etwas los sein, denn Erik hatte sich mit dem Abendessen nicht nur besondere Mühe gegeben, er hatte ein regelrechtes Festmahl geschaffen. Ein herrlich duftender Auflauf mit buntem Salat und zum Nachtisch Pudding. Zu aufwendig und viel zu gut, um es einfach so zu machen. Kristina sah Erik nur fragend an. Der Art nach zu urteilen, wie er gefragt hatte, musste er geplant haben das Auto auf einen kleinen Urlaub zu entführen. Sie nickte unbestimmt und sah zu, wie sich Eriks Haltung entspannte. Nach kurzem Zögern lieferte er die Erklärung ab.

„Es sollte nicht zu lange dauern. Ich habe eine neue Bleibe gefunden. Eine kleine ein Zimmer Wohnung zwischen Uni und Altstadt. Es wäre schön, wenn ich das Auto leihen könnte, um meine Sachen dort hinzubringen. Ich möchte nicht öfter als nötig durch Mias Wohnung laufen. Mit dem Auto wäre das eine Fahrt, mit dem Bus ein paar mehr.“

„Mias Wohnung? Bist du nun also wirklich ausgezogen? Wollte sie sich nicht noch melden?“

„Ja, sie wollte sich vor zwei Wochen gemeldet haben, aber ich schätze, andere Dinge waren wichtiger. Wenn von ihr nichts kommt, dann kann ich auch nichts machen. Eines steht jedenfalls fest, ich blockiere euer Sofa schon viel zu lange. Morgen schaffe ich mir eine Luftmatratze und einen Schlafsack hinüber. Dann kann wenigstens bei euch endlich wieder etwas Normalität einziehen. Es ist höchste Zeit dafür.“

Flo und Kristina sahen einander stumm an. Sie hatten sich darüber unterhalten und waren zu dem Schluss gekommen, dass die Situation zwar merkwürdig aber keine Belastung war. Sie wollten Erik gerne helfen. Dass er jetzt selbst Schritte gegangen war, kam in dieser Form aber überraschend. Und auch wenn Flo es sich nicht eingestehen wollte, hätte er vielleicht sogar bereits seit einer ganzen Weile ahnen können, dass sein Traumpaar vor einigen dicken Problemen gestanden hatte. Tina war noch das Kleinere davon gewesen.

Wie sich die Zeit doch gewandelt hatte. Erst waren sie das perfekte Paar gewesen, vielleicht nicht immer ganz unkompliziert aber sie hatten es auch nie ohneeinander ausgehalten. Und als Tina versucht hatte, einen Keil zwischen sie zu treiben um mit Erik durchzubrennen, waren sie dennoch ein Herz und eine Seele gewesen. Und auf einmal war es nicht mehr Tina, die mit Erik durchgebrannt wäre, sondern Mia, die mit Tina das Bett teilte. Sie hatte sich von Erik getrennt und war so beschäftigt gewesen, dass sie es ihm nicht einmal mehr gesagt hatte. So etwas musste doch einfach wehtun.

Was allerdings niemand der Anwesenden wissen konnte, war, dass Mia zwar glaubte, alles im Griff zu haben, aber ihr Herz mit dieser Entscheidung in dieser Form nicht einverstanden war. Es wusste, was es wollte, und war keinen Kompromiss gewohnt.

Market Theater

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 140.

Erik zieht aus

„Hast du bemerkt, dass Erik mit Mia nicht mehr besonders glücklich ist? Selbst wenn es drei Jahre gehalten hat, ich würde gerade auf kein Viertes wetten.“

Das hatte Tina noch vor etwas mehr als zwei Wochen zu Flo gesagt, und dieser hatte es nicht besonders ernst genommen. Bei Mia und Erik ging es immer auf und ab. Mal stritten sie, dann vertrugen sie sich wieder. Sie hassten und liebten sich und konnten doch unmöglich ohne einander. Und regelmäßig kam es vor, dass einer von beiden bei Flo saß und sich hemmungslos über den anderen aufregte. Aber das hier war dann doch etwas Anderes, etwas Neues.

„Kann ich vielleicht ein zwei Nächte bei euch unterkommen? Ich brauche dringend etwas Abstand.“

Erik war zerknittert, genau, wie seine Kleidung. Tiefe Augenringe und ein bei ihm sehr ungewohnter Bartansatz zierten ein ausgemergeltes und eingefallenes Gesicht mit tiefen Falten. Flo konnte sich sogar denken, woran es lag. Tina war vor zwei Tagen aus dem Krankenhaus entlassen worden und bei Mia eingezogen. Mehr oder weniger heimlich war es abgelaufen und ihre Mitbewohnerinnen wussten offiziell nicht, wo sie steckte. Nur für den Fall, dass ihre Familie sich wieder melden würde. Die Ereignisse der letzten Woche hatten das Verhältnis zwischen ihnen deutlich belastet.

Zwei Tage hatte es gedauert, bis ihre Eltern sich die Zeit genommen hatten, sie im Krankenhaus zu besuchen, und es war kein schönes Ereignis gewesen. Voller Vorwürfe und böser Worte, frei von jeder Empathie und Mitgefühl. Waren sie anfangs noch erschüttert gewesen, dass ihre Tochter im Krankenhaus lag, schlug dieses Gefühl in Wut um, als sie von dem Grund erfuhren.

„Ein Kind? Woher um alles in der Welt bekommst du ein Kind? Wie konnte denn so etwas passieren? Wir schicken dich an die Uni, damit du etwas lernst, nicht, damit du dich prostituierst. Kind, wieso machst du uns solch eine Schande? Was sollen denn die Leute über unser Haus denken? Auf diese Weise können wir die ganze Affäre wenigstens unter den Tisch kehren.“

In diesem Stil war der ganze Besuch abgelaufen, bis Mia drauf und dran gewesen war, ihnen den Kopf abzureißen. Sie hatte beschlossen, dass Tina etwas Abstand zu ihrer Familie brauchte und Tina, erschöpft und entkräftet, wie sie war, konnte es zwar nicht zugeben, aber sie war dankbar darum. Hannah und Marlene zogen sofort mit und organisierten mit Mia das Exil. Tina sollte eine Weile bei Mia unterkommen. Nur Erik wurde nicht gefragt. Wieso auch? Natürlich würde er damit einverstanden sein. Wie konnte er auch nicht? Bei einer solchen Situation als Ausgangslage.

Und am Anfang sah es auch gut aus. Das Leben in der gemeinsamen Wohnung ging fast genau so weiter, wie es bisher gewesen war. Erik kümmerte sich um den Haushalt und kochte, Mia kümmerte sich um die Uni und speziell um Tina. Immerhin hatte Tina auch im Hinblick auf das Studium einiges nachzuholen. Und was Erik schon früher bemerkt hatte, fühlte er jetzt deutlicher und immer deutlicher. Er gehörte hier nicht mehr wirklich hin. Es war nicht seine Wohnung, es war Mias und er war hier nur Gast. Er war in gewisser Weise ein Fremdkörper.

Wenn er länger in der Uni gewesen war, wurde er zwar begrüßt, wenn er in die Wohnung kam, aber niemand fragte mehr nach seinem Tag oder wo er gewesen war. Er konnte kommentarlos hinausgehen, ohne vermisst zu werden. Seine Freundin war voll und ganz mit Tina beschäftigt, einer Frau, von der sie wusste, dass sie es einmal auf ihren eigenen Freund abgesehen hatte. Sein Rückzugsort war von einem Tag auf den nächsten nicht mehr vorhanden. Klar, Tina war auch vorher schon öfter hier Gast gewesen, aber immer nur Gast und nie Mitbewohnerin.

Jetzt waren seine Akkus leer und er brauchte dringend Abstand. Jetzt, zum Ende des Semesters, mit der Prüfungsphase vor der Türe, konnte er unmöglich zu seinen Eltern fahren. Flo und Kristina waren eine sehr viel nähere und auch inzwischen vertrautere Umgebung. Um dort nicht zu dem Störfaktor zu werden, vor dem er selbst flüchtete, hatte er sich vorgenommen, möglichst wenig zu stören. Lange Tage in der Bibliothek und eifrige Hilfe im Haushalt konnte er als Ausgleich anbieten. Und es sollten ja auch wirklich nur einige wenige Tage werden. So lange, bis er wieder die Kraft hatte, es in seiner eigenen Wohnung auszuhalten … oder aber eine andere Möglichkeit gefunden hatte.

Nein, den letzten Gedanken verwarf er ganz schnell wieder. An so etwas wollte er überhaupt nicht denken. Natürlich würde er in zwei drei Tagen wieder zu sich nach Hause können. Mia würde ihn bis dahin sicherlich auch vermisst haben. Er wollte sich extra nicht bei ihr abmelden und ihr sagen, was er vorhatte. Sie sollte von alleine darauf kommen. Nur Flo zweifelte an dem Plan, als Erik ihm die Situation beschrieb, sagte aber nichts. Diese Erfahrung musste Erik leider selbst machen.

Es gab generell einiges, was Flo nicht aussprach. Beispielsweise, dass er bereits auf diesen Tag gewartet hatte und vorbereitet war. Alles war für einen solchen Besuch vorbereitet, und als sie abends in die Wohnung kamen, warfen sich Flo und Kristina nur vielsagende Blicke zu.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 87

Entscheidungen

„So eine verdammte Scheiße! Das klappt alles vorne und hinten nicht! Wieso tu ich mir das eigentlich noch an?“
Mia war restlos frustriert, schmiss ihre Bücher durch den Raum und zerriss die Blätter. In einem Regen aus Konfetti und Tränen warf sie sich auf das Bett. Erik kam aus der Küche herüber, die Schürze um den Bauch gebunden und einen Pfannenwender in der Hand. Er neigte den Kopf von einer auf die andere Seite, lehnte kurz unschlüssig im Türrahmen, legte dann den fettigen Pfannenwender auf eine freie Stelle des Nachttischs und setzte sich zu Mia ins Bett. Er überlegte kurz, ob er sie in den Arm nehmen oder streicheln sollte, zog dann aber sicherheitshalber den Arm wieder zurück. Es war besser, zunächst einmal einen Überblick über die Situation zu bekommen.
„Was ist denn los? Läuft deine Arbeit so schlecht oder macht der Rechner Ärger?“
Sie grub sich tief in Decken und Kissen ein, brummte irgendetwas in die Matratze, was Erik nicht verstehen konnte, und wurde von bitterlichen Weinkrämpfen geschüttelt. Es dauerte eine Weile, bis er aus den Lauten schlau wurde, welche aus dem Kissen drangen.
„Alles ist los. Nichts funktioniert. Das Programm macht nur Mist, meine Quellen widersprechen sich gegenseitig, die Grafiken werden nicht sauber in das Dokument geladen. Alles ist scheiße! Ich lass es bleiben. Es hat doch alles keinen Sinn, ich werde das nie schaffen. Ich habe zu wenig Zeit, als dass ich es auch noch in dieser Zeit schaffen könnte. Und selbst wenn es klappt, dann kommt eine miese Note raus und ich kann das ganze Studium vergessen. Ich brauch doch eine gute Note.“
Erik wusste, was Mia unter guten und schlechten Noten verstand. Schlecht war das, was in seiner Liste die beste Note war. Gut war entsprechend die beste mögliche Note, welche ihr gerade gut genug war. Sein Bedürfnis, sie zu trösten, war schlagartig geschrumpft. Er fühlte sich schlecht, hatte miese Laune bekommen und war entmutigt. Wenn Mia sich schon Sorgen um ihre Jobchancen machte, was sollte dann erst auf einen eher schlechten Studenten wie ihn warten? Glanz und Glorie jedenfalls nicht, soviel war sicher. Dennoch, er konnte sie nicht einfach liegen lassen, auch wenn sie inzwischen so tief im Bett vergraben war, dass sie den Lattenrost von unten sehen musste.
„So schlimm kann es doch gar nicht sein. Gestern Abend warst du doch schon halb fertig und du hast die Arbeit vor gerade einmal einer Woche angemeldet. Du hast noch mehr als sechs Wochen. Kannst du es nicht irgendwie nutzen, dass die Autoren sich widersprechen?“
„Halb fertig mit den Nerven und einem großen Haufen Scheiße. Ich kann es genau so gut alles wieder löschen, es macht keinen Unterschied. Die Arbeit ist schlecht und daran kann ich auch nichts mehr ändern.“
Es folgte eine längere Pause in dem dumpfen Brummen aus der Matratze. Erik suchte fieberhaft nach einem Strohhalm, irgendetwas, womit er seine Freundin aufbauen konnte und sie wieder aus der Decke zu locken. Er hatte seine Hand tröstend auf den bebenden Haufen aus Decken und Kissen gelegt. Er hob und senkte sich inzwischen ruhiger, es half also wenigstens ein wenig. Tiefes Durchatmen und ein ausgedehnter Seufzer drang aus dem Kissen, dann erschien ein aufgequollenes, rotes Gesicht.
„Es hilft nichts. Ich lass es bleiben. Ich habe eine Stelle gefunden, an der ich auch ohne den Abschluss arbeiten kann. Die haben mir beim Vorstellungsgespräch über Skype schon zugesagt, ich muss nur noch unterschreiben.“
„Was für eine Stelle? Welches Vorstellungsgespräch? Wieso willst du denn jetzt plötzlich alles hinschmeißen? Du hast dir solche Mühe gegeben bis hierhin zu kommen und willst jetzt so kurz vor Schluss nicht wirklich hinschmeißen.“
„Doch, Erik. Ich lass es bleiben. Es ergibt keinen Sinn, hier weiter zu machen. Der Abschluss würde nichts wert sein.“
„Dein Abschluss ist besser als meiner, selbst wenn ich meine Punkte mit Flo zusammen schmeißen würde.“
„Ihr habt aber beide auch andere Qualifikationen. Da müsst ihr euch weniger Sorgen drum machen als ich.“
Mia war aufgestanden und druckte ein Dokument aus. Drei Seiten spuckte der Drucker aus, Erik erkannte das Logo darauf nicht, Mia unterschrieb auf der letzten. Er hatte ein seltsam mulmiges Gefühl bei der Sache. Mia aber war unbeirrbar.
„Was ist das überhaupt für eine Firma? Und wo sitzen die? Ich hab den Ortsnamen noch nie gehört.“
„Vor fünf Jahren waren die noch ein kleines StartUp, inzwischen sind sie relativ etabliert im Bau und der Wartung von Hausbooten. Die sitzen in Brandenburg, an den Seen dort.“
„Nicht gerade um die Ecke. Ich dachte eigentlich, wir wohnen hier jetzt eine Weile zusammen aber offenbar willst du nach dem Abschluss gerne wieder ausziehen? Hausboote also. Wenn ich mit einigem gerechnet habe, damit nicht.“
Mia kaute eine Weile verlegen auf ihrer Lippe und zeigte dann mit dem Finger nur zaghaft auf ein Datum im frisch unterschriebenen Vertrag. Ihre Augen waren nicht länger verzweifelt oder aufgequollen. Sie strahlten Zuversicht und Entschlossenheit aus. Dafür fühlte sich Erik, als wäre er geradewegs von einem Güterzug in voller Fahrt getroffen worden.
„Verstehst du nicht? Ich kann diesen Abschluss nicht machen. Ich fange in drei Wochen da oben an. Ich werd mir wohl da eine kleine Wohnung suchen.“
„Du hast Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit wir beide zusammen ziehen können und nach nicht einmal einem Monat lässt du mich alleine hier sitzen und verschwindest in den Osten? Du brichst dein Studium ab, welches du als Jahrgangsbeste abschließen würdest, selbst wenn deine Abschlussarbeit total daneben gehen würde…“

Laterne

Ihm fehlten einfach die Worte. Er hätte noch eine Frage auf dem Herzen gehabt. Aber was ist mit uns? Er traute sich nicht einmal, sie auszusprechen, wollte die Antwort nicht hören. Der Mund war ausgedorrt und trocken, ihm war schwindelig, die Augen tränten und die Nase biss ihm. Ein feiner Nebel waberte aus der Küche heran und er erinnerte sich. Die Pfanne hatte er noch vom Herd geschoben, ehe er rüber gekommen war. Der Reis aber stand seit sicher einer viertel Stunde unbeaufsichtigt auf dem Herd und brannte bei voller Hitze an.