Exitus XVI

„Die Hälfte aller Radiosender liest das hier alles schön vor und wenigstens jeder zehnte Netzwerkdrucker spuckt diesen Dreck in Großserie aus. Das ist also der Weg, wie die Polizei unserer schönen Stadt mit Terroristen umgeht? Sie hilft ihnen bei der Verbreitung ihrer Propaganda? Sechs Zimmer und die Helfer, wo sind also die Anderen?“

Lena gähnte demonstrativ und herzhaft, ein ansteckendes und ansonsten völlig gelangweiltes Gähnen. Gunter Wyzim starrte sie ungläubig an und Tom kicherte bei dem Anblick so sehr los, dass er sich auf die Kante der Ladefläche setzen musste. Das brachte Wyzim nur noch mehr aus der Fassung.

„Wisst ihr überhaupt, wo ihr hier seid? Habt ihr eine Ahnung, in was für einer Situation ihr sitzt? Nehmt das gefälligst ernst!“

Tom kratzte sich immer noch kichernd über die Stirn. Er rang sichtlich mit sich, nicht gleich wieder loszuprusten. Während ich mich entsetzlich erschöpft fühlte und auch Marten und Marja nicht mehr sonderlich klar wirkten, war bei Tom davon nichts zu spüren. Er schien hellwach und bei kristallklarem Verstand zu sein.

„Natürlich wissen wir das, wie sollte uns das auch entgehen? Nun spiel dich halt nicht so auf. Dein Gesicht war halt einfach ein Geschenk.“

Dein? So alt und keine Manieren? Seit wann duzen wir uns?“

„Damit hast du doch angefangen, worüber beklagst du dich also? Hättest du übrigens etwas dagegen, ein Radio anzumachen? Du hast mich ganz neugierig gemacht, was dort nun verlesen wird.“

Ich musste mir schwer auf die Zunge beißen und auch Lena hatte vorsichtig die Brauen gehoben. Vielleicht war Tom doch nicht so ganz bei der Sache. Es konnte sich als Fehler erweisen, Doktor Wyzim dermaßen zu reizen. Für den Moment mochte er sich auf einen hochroten Kopf beschränken, doch musste es dabei bleiben? Niemand von uns wusste, wie lang der Hebel wirklich war, an dem Wyzim saß. Wäre sein Kopf ein Ballon gewesen, Toms Worte hätten ihn soeben spektakulär zum Platzen gebracht.

„Und ob ich was dagegen habe!“ Er bemühte sich sichtlich, eine Eindruck heischende volle Stimme zu erzeugen. Doch alles, was in der Garage umher hallte, war nur das Keifen eines garstigen und erschöpften alten Mannes. „Ich dulde keine solchen Respektlosigkeiten in meiner Abteilung! Ihr kooperiert besser freiwillig und sagt mir jetzt, wo ich die Anderen finden kann.“

Tom sah ihn aus müden Augen und genervt an, unterdrückte seinerseits nun ein herzhaftes Gähnen und wandte sich dann auffordernd den beiden Orakelwachen zu. Der ältere von beiden wägte kurz ab, betrachtete die Runde, und gab dann doch eine Antwort.

„Die Verdächtigen haben getrennt voneinander im Verhör zu Protokoll gegeben, die letzte Verdächtige wäre gemeinsam mit dem Barmann in einem Lieferwagen nach Trantor gefahren, um Verwandtschaft zu besuchen.“

„Nach Trantor, in einem Lieferwagen? Und natürlich ist nirgendwo ein Kontrollposten, der feststellt, dass hier gesuchte Terroristen transportiert werden? Wann bitte soll das gewesen sein?“

„Vor etwas über drei Wochen. Die Rückfahrt war für den Tag nach der Razzia vorgesehen. Wir müssen davon ausgehen, dass sie diese Fahrt nie angetreten haben. Es gab noch keine Möglichkeit, sich mit den örtlichen Behörden in Verbindung zu setzen, um eine Suchmeldung weiter zu leiten.“

Wyzim presste die Zähne aufeinander, dass es förmlich krachte. Würde er weiter rot anlaufen, musste er zwangsläufig umfallen.

„Und Sie sehen sich außerstande, den Polizeichef von Trantor aus dem Bett zu klingeln?“

„Selbstverständlich. Wie Sie wissen, sind die politischen Beziehungen zur Zeit etwas angespannt. Außerdem besteht kein Auslieferungsabkommen, also, selbst wenn unsere Verdächtigen dort festgenommen werden sollten, bedeutet das für uns hier rein gar nichts. In dieser Angelegenheit ist etwas mehr Feingefühl von Nöten.“

Für einige Augenblicke war Doktor Wyzim sprachlos. Stumm stand er dort, mit herabgefallener Kinnlade, und starrte den alten Wächter einfach nur an. Das Zucken um seine Augen und die weißen Knöchel, die den Knauf des Stocks kneteten, ließen vermuten, was als Nächstes kommen würde. Ich hätte wetten können, dass er es nicht gewohnt war, dass jemand seine Fragen mit solcher Ehrlichkeit beantwortete und ihm auf diese Weise die Stirn bot. Er hatte erwartet, dass augenblicklich jemand losstürmte, um Kontakt mit Trantor aufzunehmen, statt ihm dermaßen dreist den Gehorsam zu verweigern. Die Polizisten im Hintergrund zogen geschlossen die Köpfe ein, als er Luft holte, doch es war nicht seine Stimme, die erklang.

„Ja ja ja, Gehorsam, Disziplin und du duldest keine Respektlosigkeit in deiner Abteilung. Langweilig, kennen wir schon alles.“ Alle Köpfe flogen herum und starrten Tom an, der genervt auf der Heckklappe saß, die Beine im Schneidersitz untergeschlagen und das Kinn auf die Fäuste gestützt. „Hab hier eine kleine Überraschung für dich. Wenn ich das richtig habe, dann ist das hier das Polizeipräsidium. Und das heißt, es ist nicht Abteilung 42, also nicht deine Abteilung. Solange wir also hier sind, bist du technisch gesehen überhaupt nicht weisungsbefugt, Orakel hin oder her. Wieso also die Mühe, hierher zu kommen und Dinge zu fordern, die großen Schaden anrichten können? Zum Beispiel andere Regierungen aus dem Schlaf zu klingeln. Weiß ja, dass wir toll sind, aber so toll? Hätte das nicht auch bis morgen früh warten können? Wie spät ist es überhaupt?“

Wyzim war dazu übergegangen, nur noch fassungslos nach Luft zu schnappen und vor Zorn zu zittern. Es machte ihn völlig fertig, mit welcher Respektlosigkeit ihm hier begegnet wurde. Nicht genug damit, dass dieser Unhold ihn konsequent weiter mit seinem Duzen verhöhnte. Er wagte es auch noch, ihn hier öffentlich und vor Zeugen zu maßregeln. Ihn, die rechte Hand des Orakels, Doktor Gunter Wyzim. Ihn, der sich von ganz unten hatte hinaufarbeiten müssen. Ihn, der sich seinen Erfolg so hart hatte erkämpfen müssen und mit dem Verlust seines Sohnes und seiner Frau so teuer hatte bezahlen müssen. Und da saß dieses Monster, als wäre es ein langweiliger Vortrag, und spottete ungestraft. Er hatte mit Widerstand gerechnet, mit Anfeindung und wahrscheinlich auch handfesten Angriffen. Auf das hier aber war er nicht vorbereitet und das musste aufhören.

„Ich bin der Arm des Orakels. Ich bin überall weisungsbefugt. Euer Leben gehört mir, das der ganzen Stadt gehört mir. Und jede Minute, die ihr und eure Art frei herumlauft, ist eine Bedrohung, die es auszuschalten gilt. Wir dürfen nicht zulassen, dass ihr den anständigen Bürgern dieser Stadt weiter schadet. Ihr Schutz ist unsere heilige Pflicht, also wo sind die Anderen?“

Es war nicht mehr eine Drohkulisse, mit der Wyzim uns anstarrte, keine Einschüchterung. In seinen Augen loderte blanker, fanatischer Wahnsinn. Das fleckige Gesicht zu einer von Hass verzerrten Fratze verzerrt, deutete er mit seinem Stock auf mich. Nein, nicht mit dem Stock, nur mit dem Knauf davon. Erst jetzt bemerkte ich, dass es eine Pistole war. Gut getarnt und reich verziert, aber dadurch nicht weniger tödlich, und ihre Mündung zeigte mal auf mich, mal auf Tom. Ich war noch nie in der Situation gewesen, dass eine Waffe auf mich gerichtet wurde.

Exitus.jpg

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8 Gedanken zu „Exitus XVI

    1. dergrafvonborg Autor

      Hmm ja, das mit dem Zeit lassen… irgendwie kommt das Ende dann doch immer schneller, als man es eigentlich gerne hätte 😦 Aber hätte er echt einen Herzkasper verdient? Vielleicht glaubt er ja auch einfach, das Richtige zu tun?

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      Antwort
      1. Stella, oh, Stella

        Ich weiss nicht, Menschen töten, und das hat er ja wohl getan bei seinen Forschungen, kann doch nicht richtig sein. So in dem Sinne, einige wenige für das Allgemeinwohl opfern. Das finde ich nur in Ordnung, wenn die sich freiwillig opfern.
        Ich sag‘ ja, dass ich boshaft bin, wenn ich das mit dem Herzinfarkt schreibe … 😉

        Gefällt 1 Person

      2. dergrafvonborg Autor

        Dabei sind Menschen doch ein nachwachsender Rohstoff, wenn man es so nennen will 😉 Und da stellt sich dann die Frage, wie er Menschen definiert. Er geht ja vielleicht davon aus, hier mit den Feinden der Gesellschaft zu reden oder einfach mit etwas anderem, als Menschen. Mutanten vielleicht. Es gibt viele Möglichkeiten, auch wenn sie alle eine etwas… flexible Moral benötigen würden. Aber ich finde es super, dass dir die Geschichte so gut gefällt, dass du dir so weit Gedanken darum machst 🙂

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