Archiv für den Monat Januar 2015

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 17

Ablenkung

Das Semester neigte sich dem Ende zu und immer mehr Klausuren lagen hinter Flo, Mia und Erik. Für Flo waren die letzten Tage sehr hart und lang geworden. Nicht genug damit, die sonnigen Tage in der schummrigen Bibliothek zu verbringen, nein! Das Allerschlimmste war, dass sein Konto leer war. Es reichte für Nudeln mit Tomatensoße oder Brot mit Butter, vielleicht auch mal einer Scheibe Käse aber sein Lebenselixier fehlte. Vor vier Tagen war ihm tatsächlich das Bier ausgegangen.

Zuerst war es nur ein Ärgernis für ihn gewesen. Am Wochenende war der Erste, dann würde es schließlich wieder Geld geben. Bis dahin konnte er durchhalten, so dachte er am Anfang. Inzwischen kam ihm diese Prognose reichlich übermütig vor. In seiner ganzen Wohnung war kein Tropfen Bier mehr zu finden. Es war so schlimm, dass er sogar die Flasche billigen Rum geöffnet hatte, die er einmal geschenkt bekommen hatte. Eine Entscheidung, die er schnell bereut hatte.

Mia sah mit verächtlichem Blick, wie der Bleistift in seiner Hand bebte. Ihr Großvater war Alkoholiker gewesen. Sie hatte nie wirklich begriffen, worum es dabei eigentlich ging aber das war ihr egal. Sie hatte jedes Verständnis für diese Situation verloren und Flo war im Augenblick für sie nichts anderes, als ein weiterer Alkoholiker.

Erik konnte da schon mehr Mitgefühl erübrigen. Sie hatten die ersten Noten bekommen und Flo hatte entgegen allen Erwartungen sogar recht gut bestanden. Für ihn selbst war das ein kleiner Schock gewesen, und obwohl Erik auch recht gut abgeschnitten hatte, beneidete er seinen Freund ein wenig. Immerhin hatte er es geschafft, die ersten Wochen komplett zu versaufen und trotzdem zu bestehen. Mias Noten spotteten wie üblich jeder Beschreibung.

„Wenn du mit dem Stift nicht aufpasst, dann zerfällt er dir bald zu Sägemehl. So nervös wegen der Prüfung?“

„Japp, bin ich.“

„Prüfungsangst oder Entzug? Sei ehrlich, wenigstens zu dir selbst.“

„Stress. Und Kapitel sieben.“ Damit hatte er nicht einmal gelogen. Er fühlte sich verspannt und müde. Er brauchte eine Auszeit, eine Pause oder am liebsten gleich Ferien.

„Ernsthaft? Kapitel sieben? Da warst du sogar da und hast es mir nachher noch erklärt.“ Während Mia ihn anfuhr, sank Erik in seinem Stuhl nach unten und kicherte albern in sich hinein. In letzter Zeit war Mia ziemlich gereizt und ließ ihre Stimmung nur all zu oft an ihrem Freund aus. Er gab sich keine Mühe, die Dankbarkeit darüber zu verbergen.

„Ach komm, die Sieben schaffst du auch noch. Wenn wir das in einer Stunde durchhaben, dann gebe ich heute Abend ein Bier aus.“

Flo konnte oder wollte darüber nicht lachen. Bier war schön und gut aber nicht die Antwort auf alle Fragen. Und auch wenn ihm diese Art der Entspannung gerade recht kommen würde, er hatte noch eine Klausur zu bestehen und keine Ahnung, was gefragt werden könnte.

„Soll ich stattdessen auf gut Glück lernen? Ich kann das Kapitel auch einfach weglassen.“

„Kannst du nicht. Der ganze letzte Monat baut darauf auf, erinnerst du dich?“

„Nein, ich erinnere mich nicht. Und das hat doch auch immer recht gut so geklappt.“

„Du kannst es ja ohne versuchen aber wie gesagt, du hast es mir damals erklärt und weißt es eigentlich.“ Mia zuckte nur mit den Schultern, ohne von ihrem Block aufzusehen. „Und lass das mit dem Alkohol sein. Wenigstens bis zur Klausur.“

Da war sie wieder, die übliche Ermahnung. Er hatte sie nicht vermisst, auch wenn sie in den letzten Wochen etwas seltener geworden war. Inzwischen wurde es wieder schlimmer damit, obwohl er das Gefühl hatte, sich etwas daran zu gewöhnen. Er dachte darüber nach, Eriks Angebot mit dem Bier anzunehmen. Er konnte gerade wirklich gut eins brauchen. Nur noch dieses Kapitel, dieses eine. Er konzentrierte sich krampfhaft auf die Seiten und versuchte zu erkennen, was dort stand. Verschwommenes Grau vor gleichsam verschwommenen Weiß. Eigentlich sollte es doch eine klare weiße Seite mit deutlicher, schwarzer Schrift sein. Das hier war einfach falsch. Völlig entnervt ließ er den Kopf auf den Tisch fallen, dass es krachte.

Ein scharfes Piksen in der Seite ließ ihn erschrocken aufspringen. Sein Stuhl fiel laut polternd um und er schlug sich sein Knie unangenehm an der Tischkante.

„Nicht schlafen. So wird das nichts mit Bier heute Abend.“ Erik hatte heute offensichtlich einen sehr lustigen Tag. Er saß auf dem Stuhl neben Flo und lachte sich kaputt über seinen Scherz. Mia konnte genau so wenig darüber lachen wie Flo. Mit einem scharfen Seufzer setzte sie sich auf und spießte sowohl ihren Freund als auch Flo, der gerade seinen Stuhl wieder aufstellte, mit ihrem Blick auf.

„Ich weiß, wir haben alle keine Lust mehr und brauchen eine Pause und so aber wir haben noch drei Tage, dann sind wir fertig und können erst einmal tun, was wir wollen. Könntet ihr beiden euch also bitte so lange noch zusammenreißen und euch benehmen? Danke! Und nun lasst diese albernen Ablenkungsspielchen bleiben. Ich werde nicht wegen euch durchfallen.“

Sie fielen nicht durch, keiner von ihnen. Selbst Flo nicht der noch am Morgen der Prüfung jede Wette darauf abgeschlossen hätte. Am Ende war er von den Aufgaben überrascht gewesen und es musste schon einiges passieren, damit er diese Prüfung nicht bestehen würde. Inzwischen hatte er sogar wieder Geld und saß nun selig mit seinem zweiten Bier des Tages in der Sonne auf der Wiese. Mia und Erik neben ihm hatten sich in letzter Zeit oft gestritten, davon war nun nichts mehr zu spüren. Als hätten sie sonst nichts auf dieser Welt waren sie miteinander beschäftigt und Flo wagte die Prognose, dass ihnen spätestens in einer halben Stunde die Sonne egal sein und sie verschwunden sein würden.

Flos eigene Abendplanung bestand lediglich aus dem dritten Bier und etwas mehr Sonne. Bis zu dem Moment, in dem Mia und Erik verschwanden und sein Smartphone vibrierte.

„Halb 9 bei mir, Film gucken. Bring Bier und Pizza mit. Und Chips. Jenny … nur wir beide ;)“

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 16

Klausuren

Das waren sie also gewesen, seine großen Pläne für das Semester. Ab der ersten Woche fleißig sein, alles gleich aufarbeiten und gründlich dabei sein. Das Ergebnis hätte ihn in die Situation versetzen sollen, den Klausuren entspannt und gelassen entgegen zu sehen. Er wäre gut vorbereitet gewesen und hätte in der Vorbereitung nur noch seine Zusammenfassungen vertiefen müssen.

Die Realität hatte deutlich mehr Ablenkung und Alkohol beinhaltet, dafür aber um so weniger Lerneffekt. Trotz der großen Pläne war doch alles wieder wie immer. Er verbrachte die Wochen vor den Prüfungen in den Lernräumen und bemühte sich Stunde um Stunde, den Rückstand wieder wettzumachen. Mit jedem abgearbeiteten Kapitel sank seine Zuversicht und mit jeder überstandenen Prüfung sein Mut. Dass er noch viel schlimmer dran wäre, wenn er nicht auf Halbzeit des Semesters gezwungen gewesen wäre, selbst aktiv zu werden und zu lernen, war ein schwacher Trost.

Je nach Fach hatte er Gesellschaft von Mia und Erik. Auch die beiden zitterten angesichts der Zeit und des Fragenspektrums aber Flo verstand nicht, wieso. Mia musste sich kaum bemühen, dass vor ihrem Schnitt eine 1 stehen blieb und Erik ärgerte sich lediglich, dass er seinen Schnitt nicht über die 2.0 heben konnte. Flos Situation sah da ganz anders aus. Es war egal, was er versuchte, sein Schnitt fiel und fiel unaufhaltsam. Die Hoffnungen, die mit dem Beginn jedes neuen Semesters einhergingen verflüchtigten sich all zu schnell. Er mochte das Studium überleben aber sein Abschluss würde nicht viel Wert sein. Ein Gedanke, der sich fest in sein Unterbewusstsein gefressen hatte.

Hätte es sich wenigstens gelohnt, hier zu sitzen. Die ersten Klausurnoten hatte er bereits bekommen, eine davon sogar noch am Prüfungstag und das Ergebnis war niederschmetternd. Er hatte keine gute Note erwartet aber auch keine schlechte. Im Endeffekt hatte er sich gewünscht, lieber durchgefallen zu sein. Dann hätte er wenigstens die Chance gehabt, seine Note zu verbessern. Doch das Ergebnis stand fest und nun musste er sich doppelt bemühen, um das Semester noch halbwegs zu retten. Von seiner Motivation allerdings war nichts geblieben.

Und nun saß er wieder einmal hier, in einem großen Saal voller Menschen die alle auf die ein oder andere Art miteinander kommunizierten. Heimlich natürlich, denn es musste leise vor sich gehen. Nur für ihn hätte niemand die Antworten.

Die erste Seite bestätigte direkt schlimme Befürchtungen. Gleich die erste Frage konnte er nur raten, die Zweite hatte er noch nie gehört. Er hatte die letzten Wochen viel Zeit in dieses Fach gesteckt und Mia und Erik lange Vorträge gehalten. Mia lernte gut dabei, einfach nur zu zu hören. Gelegentlich korrigierte sie ihn aber ansonsten hatte er ein gutes Gefühl gehabt. Mutlos blätterte er auf Seite zwei.

Plötzlich sah die Welt viel bunter aus. Genau dieses gefragte Schaubild hatte er unzählige Male aufgezeichnet. Rasend schnell tanzte sein Stift über die Seite und belud das Antwortfeld mit allen Informationen. Die Aufgabe brachte viele Punkte daher war es besser, nichts aus zu lassen. Pfeilverläufe, Beschriftungen und ein vorsichtiger Farbcode mit Buntstift. Mit seiner Antwort war er sehr zufrieden. Diese Punkte musste er einfach alle bekommen.

In der nächsten Aufgabe war gefordert, das Schaubild zu erläutern. Für einen Moment machte er ein langes Gesicht. Das war doch bereits Teil der Aufgabe davor gewesen, abgesehen davon, dass das Schaubild selbsterklärend war. Aber ab und zu war die Wissenschaft nicht in der Lage weit zu denken. Er entschloss sich, einige schnelle Sätze zu formulieren, nur Wiederholung des bereits Geschriebenen. Diesmal war er sich nicht mehr so sicher.

Dafür hatte er bei der nächsten Aufgabe wieder Glück. „Erläutern sie die These…“, eine Aufgabe ohne übermäßige Vorgaben. Stichpunktartig zu bearbeiten, schnell und übersichtlich bepunktet. Er zählte im Kopf auf, was ihm einfiel und verglich die Liste mit den Punkten. Sie stimmten überein. Sekunden später war die Aufgabe für ihn erledigt.

Am Ende war er erstaunt, wie viele Aufgaben er doch problemlos hatte bearbeiten können. Klar, bei einigen Aufgaben hatte er raten müssen und bei weiteren überhaupt nichts gewusst, doch im Großen war er zufrieden. Er blickte auf die Uhr, die Zeit war noch nicht einmal halb abgelaufen. War das eine Falle? Hatte er etwas vergessen? Gab es noch Blätter, die er übersehen hatte, oder waren Antworten zu kurz gehalten? Nervös ging er noch einmal durch die Aufgabenblätter. Neben ihm hatte Mia offensichtlich das gleiche Problem.

Nach drei Kontrolldurchgängen beschloss Flo, dass er sein Bestes getan hatte und es immerhin zum Bestehen gereicht haben musste. Er sah auf die Uhr, die Halbzeit war gerade überschritten. Die ersten waren wie immer schon kurz nach Ausgabe der Klausuren gegangen aber nun kam zusehends Unruhe auf. Offensichtlich war er nicht der Einzige, dem die kurze Klausur seltsam erschien. Er konnte es aber auch nicht ausschließen.

So leise, wie er konnte, räumte er seine Sachen zusammen, legte die Klausur zusammen und wartete auf die Abgabe. Vielleicht hätte er sich doch sein Buch mitnehmen sollen. Alles wäre besser gewesen, als jetzt hier völlig tatenlos zu sitzen. Aber es war seit den Flüchtlingen zur Austeilung niemand mehr gegangen und er wollte nicht der Erste sein. Wieso eigentlich nicht? Wenn er doch fertig war, er musste sich nicht schämen. Die Klausur war komplett bearbeitet und vielleicht reichte es sogar für eine gute Note. Wieso dann warten?

Kurz darauf saß er vor dem Hörsaal und knabberte nachdenklich an seinem Brötchen. Mia und Erik hatten beide noch nicht abgegeben. Sie schrieben zwar auch seit über zehn Minuten kein Wort mehr aber überprüften wieder und wieder alle Seiten. Erik war gerade dabei, oben auf jede Seite seinen Namen und seine Matrikelnummer zu schreiben, das hatte Flo noch aus dem Augenwinkel mit bekommen. Nur registriert hatte er es nicht. Bis jetzt.

Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinab. Hatte er überhaupt seinen Namen irgendwo außer auf dem Deckblatt stehen? Er konnte sich nicht mehr erinnern. Wenn er ehrlich war, er konnte sich an überhaupt nichts mehr erinnern, nicht einmal an die Fragen. Doch, bestimmt hatte er wenigstens die Matrikelnummer auf die Blätter geschrieben. Verzweifelt versuchte er sich in Erinnerung zu rufen, wie die Blätter ausgesehen hatten. Während die Kommilitonen aus dem Saal strömten, steckte er ein halb aufgegessenes Brötchen in die Tasche. Der Appetit war ihm gerade gründlich vergangen.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 15

Kino

Flo hatte es geschafft. Nachdem er monatelang regelmäßig zum Volleyballtraining gegangen war, hatte es sich endlich ausgezahlt. Jenny, die in seinen Augen absolute Frau hatte ihn bemerkt und nicht nur das. Sie hatte ihn sogar akzeptiert. Nach dem letzten Training hatten sie sich spontan zu einem Eis verabredet. Unglückliche, oder vielmehr glückliche Zufälle hatten dieses erste Date in Jennys Wohnung verlegt, wo sie gemeinsam die Vorräte des Gefrierfachs geplündert hatten.

Es war ein sehr schöner Abend gewesen. Sie hatten beide sehr viel zu lachen und bald einen gemeinsamen Filmgeschmack entdeckt. Aus dem einen Eis waren schnell mehrere geworden und statt Filme zu tauschen, hatten die beiden sie sich einfach gemeinsam angesehen. Sie waren sich näher gekommen, vertrauter geworden. Seit dem Date vor zwei Wochen hatten sie sich spätestens jeden zweiten Tag gesehen. Flo mochte die Situation. Er fühlte sich sehr wohl dabei und offensichtlich ging es ihr genau so.

„Hast du den Trailer echt noch nicht gesehen? Der Film muss doch einfach nur toll werden.“ Sie hatte etwas gefunden, was er noch nicht kannte und kostete diesen Moment voll aus.

„Nein, habe ich wirklich nicht. Kommt er diesen Donnerstag raus?“

„Genau. Das Kino macht extra eine Sondervorführung zur Premiere. Um Mitternacht.“

„Gut. Dann haben wir zwei ja einen Plan für den Abend. Wir gehen ins Kino.“

„Ist das eine Einladung zum Date?“ Sie zwinkerte ihm frech zu und er wurde unwillkürlich rot. Ein offizielles Date, was auch noch so hieß, das war etwas Neues für ihn. Er trat die Flucht nach vorn an.

„Einladung trifft es nicht, ich nehme dich so oder so mit. Aber wenn du es gerne als Date hättest, dann machen wir doch eines daraus.“ Er versuchte ihr verschmitzt zu zu zwinkern aber vor Aufregung wurde etwas anderes, Undefinierbares daraus. Vor Scham wäre er am liebsten im Boden versunken. Jenny bemerkte sein Unbehagen, lachte ihr helles, offenes Lachen und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Also gut, dann haben wir ein Date. Ich besorge das Popcorn.“

Mittwochabend klingelte es an Flos Türe. Mia und Erik warteten auf keine Einladung, sondern stolperten direkt hinein. Mit fachkundigem Blick musterten sie ihn und bildeten ihr Urteil.

„Also die Haare, das geht so gar nicht!“

Mia hatte den stechenden Blick des Modekritikers aufgesetzt.

„Und der Bart, nun ja, ohne ihn wärst du wahrscheinlich zu ungewohnt. Setz dich da hin, wir fangen mit den Haaren an.“

Sie zerrte ihn auf einen Stuhl und griff nach Bürste und Gel.

„Hast du kein anderes Oberteil? Eines, was nicht an den Ärmeln auseinanderfällt?“

Erik wollte offensichtlich auch nicht untätig herumstehen und öffnete Flos Kleiderschrank.

„Was wollt ihr beiden denn nun hier?“ Verdattert und überfallen drehte Flo sich auf seinem Stuhl und versuchte zu begreifen, was um ihn herum passierte.

„Du hast ein Date und wir gehen sicher, dass du es nicht vergeigst. Du kannst uns später danken. Was bringst du ihr mit? Schokolade, Rosen, Sonstiges?“

„Mitbringen?“

„Flo, was soll das? Du hast ein Date, da macht man so etwas. Erik, guck mal in die Kiste, da muss doch was drin sein.“

Erik gehorchte und leerte die Kiste mit Notfallsüßigkeiten auf das Bett.

„Da ist nichts Brauchbares bei. Die Pralinen sind alle ohne Verpackung. Werksverkauf.“

„Ein Glück, dass du uns hast. Du nimmst die Rosen aus meiner Tasche mit. Guck mal bitte, ob die noch genug Wasser haben, Erik.“

Eine Stunde später war Flo frisiert, neu eingekleidet und mit einem kleinen Strauß roter Rosen in der Hand auf dem Weg zum Kino. Begleitet wurde er von seiner persönlichen Eskorte, die ihm laufend Tipps und Hinweise vor plapperte. Wenn das so weiter ging, würden die beiden den ganzen Abend nicht von seiner Seite weichen und ihn scharf beobachten, dachte er.

Eine Querstraße vom Kino entfernt waren die beiden dann plötzlich verschwunden. Er hatte nur kurz auf seine Uhr gesehen, seinen nervösen Herzschlag und die Ruhe bemerkt, ehe ihm das Fehlen der beiden aufgefallen war. Die vorbestellten Tickets in der Tasche betrat er das Foyer, ohne sich weiter den Kopf darüber zu zerbrechen.

Und da stand sie. Die Haare offen, in weichen Wellen über ihre Schultern fallend, ein legeres aber dennoch sehr elegantes, schwarzes Kleid an und den Blick auf ihr Telefon gerichtet.

„Ich hoffe, es ist nichts Ernstes?“ Er versuchte weder ihren Gesichtsausdruck zu deuten, noch all zu hölzern zu klingen. Kaum hatte sie ihn bemerkt, öffnete sich ihre Miene und das Smartphone verschwand in der Tasche. Freudig umarmte sie ihn. Angespannt versuchte er in Erinnerung zu behalten, was Mia und Erik ihm versucht hatten anzutrainieren. Er fand keinen geeigneten Tipp. Jenny löste sich zaghaft aus seiner Umarmung, griff den Eimer Popcorn, der neben ihr auf der Bank gestanden hatte, lächelte und zog ihn in Richtung des Kinosaals. Er musste nicht wissen, was zu tun war, das merkte er schnell. Sie wusste genau, was sie wollte und wie sie es erreichen konnte.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 14

Fragestunde

Die Klausuren standen in der Tür, die Veranstaltungen liefen eine nach der anderen aus. Flo kam gerade aus der Fragestunde zur Klausurvorbereitung. Mia hatte die Hälfte der Fragen selbst gestellt und dafür alle anderen beantworten können. Der Professor selbst schien von der Fragestunde nichts mit zu bekommen und erzählte unbeirrt von seinem Thema, nahm die gelegentlichen Fragen nur als Anstoß, seine Ausführungen in die eine oder andere Richtung zu lenken. Gelegentlich streifte er damit sogar das Thema, mit dem sich die gestellte Frage befasste.

Flo war nicht überrascht deswegen. Er hatte es bereits so erwartet und sich nicht mehr die Mühe gemacht, Fragen raus zu suchen. Es würde reichen müssen, alte Klausuren auswendig zu lernen. Sein Ziel war es, zu bestehen. Alles weitere zählte er unter Bonus aber er wusste genau, wie er auf seine Noten reagieren würde.

Er hoffte natürlich auf eine gute Note, betrachtete es aber eher nüchtern. Er hatte schon öfter ein gutes Gefühl nach einer Klausur gehabt und war am Ende enttäuscht vom Ergebnis. Seinen Erfahrungen zufolge waren die Prüfungen ein reines Glücksspiel. Lernen hatte keinen großartigen Einfluss auf das Ergebnis. Für ihn war das schrecklich frustrierend und innerlich hatte er schon aufgegeben. Das galt nur nicht für die Hoffnung auf gute Noten. Da diese nur nicht kommen wollten, war es im gewissen Maße ein Teufelskreis.

Die Fragestunde war am Ende zu einer kleinen Diskussion ausgeartet. Der Professor war neugierig geworden, wieso seine Zuhörerschaft denn keine Fragen stellen wollte.

„Wir haben den Eindruck, dass es meistens nicht gewünscht ist.“

„Man will sich ja auch nicht vor dem ganzen Hörsaal blamieren. Wir sitzen ja nun meistens mit mehreren Hundert Leuten in einer Veranstaltung.“

„Ich bemühe mich ja immer wieder, Fragen zu stellen aber häufig sind einfach keine Fragen offen.“

Die Antworten hatten irgendwie alle gleich geklungen und in Flos Ohren waren es alles Ausflüchte. Wer Fragen stellen wollte, der tat das auch. Wen kratzte es denn, was die Kommilitonen von ihm dachten? Sie waren alle hier um etwas zu lernen, dafür hatten sie bezahlt. Wer toll da stehen wollte, sollte sich auf eine Bühne stellen und hoffen, nicht ausgepfiffen zu werden.

Aber er verstand, was den Professor bewegte. Die Studenten, die tatsächlich Fragen stellten, waren dünn gesät. „Wieso stellen Sie keine Fragen?“, ein durchaus berechtigter Einwand. Wieso eigentlich? Vielen dürfte es tatsächlich unangenehm sein, aus der Anonymität der Masse heraus zu stechen. In den Vertiefervorlesungen der späteren Semester aber saß keine große Masse mehr, sondern weniger als fünfzig Studenten. Sie antworteten zwar auf Fragen von vorne aber niemand stellte von sich aus eine Frage.

Was ist los im Staate? Wohin ist die Fragekultur?

Vielleicht, dachte er, begann es schon in der Schule. Es wurde von den Schülern erwartet, dass sie lernten und wussten und nicht, dass sie fragten. Fragen bremsten den Unterricht nur aus, behinderten das Vorankommen im Schulstoff. Besonders seit der Verkürzung um ein Schuljahr war es eng geworden, im Lehrplan.

Am besten wäre es doch, wenn die Kinder nach der ersten Klasse bereits das komplette Wörterbuch beherrschten und mit Zahlen etwa so sicher umgehen konnten wie der durchschnittliche Mathematiker. Ach, eigentlich sollten die Kinder doch am besten direkt aus dem Kindergarten in die Uni gehen können. Und dann, mit spätestens zehn Jahren, sollten sie reif für das Arbeitsleben sein. Jedenfalls erweckte die Politik den Eindruck.

Was sie damit bezweckte, das wusste wahrscheinlich auch dort niemand. Für Berufseinsteiger gab es doch jetzt bereits keine Perspektiven. Flo rechnete nicht damit, nach seinem Abschluss gleich Arbeit zu finden und selbst wenn, dann würde es hoffentlich für eine gute Wohnung und einen vollen Kühlschrank reichen. Große Pläne waren jedenfalls nichts, womit er sich die Zeit vertreiben brauchte. Wofür denn auch?

„Lesen Sie Zeitung! Behalten Sie im Auge, was in der Welt passiert!“ Worte, die er von den Professoren und Dozenten so oft schon gehört hatte. Aber was sollte er da denn Großartiges lesen? Dass in der kompletten südlichen Hälfte der EU ein junger Mensch keine Hoffnung auf Arbeit hat, egal wie gut ausgebildet er ist? Dass im Rest der Union sich Banker und Nationalisten die Klinge in die Hand drückten und stritten, wer vor welcher Nation oder Organisation zu kriechen hatte?

Im kleineren Maßstab kursierten auch nur die Nachrichten von Preiserhöhungen bei den Lebenshaltungskosten und gleichzeitiger Blockade der Mindestlöhne. Das Renteneintrittsalter sollte hinaufgesetzt werden, ironischerweise um Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Energiekrise jagte Naturkatastrophe. Bekannte Gesichter aus Funk, Fernsehen und dem öffentlichen Leben wurden der Steuerhinterziehung in Millionenhöhe überführt und zu kümmerlichen Gefängnisstrafen verurteilt. Kindergärten strichen ihre Weihnachtsfeiern, um Lizenzstreitigkeiten wegen der Weihnachtslieder zu vermeiden.

In die andere Richtung gesehen, auf globaler Ebene, sah es nicht besser aus. Religiöse Organisationen trieben wilde Spiele um Krieg, Macht und Gewalt. Korruptions- und Spionageaffären lieferten sich mit Seuchen in der Dritten Welt ein Wettrennen um Sensationsmeldungen. Gelegentlich schaffte es sogar ein Amoklauf ins Rampenlicht und vernichtete zuverlässig Fachkenntnis und gesunden Menschenverstand bei jedem, dem ein Mikrofon vor das vor selbstgerechtem Zorn gerötete Gesicht gehalten wurde.

Und in diese Welt hinein sollte eine Generation aufwachsen, von der erwartet wurde, dass sie alles wusste. Flo ekelte sich vor der Luft, die er atmete. Jedes Mal, wenn er über diese Themen nachdachte, wusste er, wieso er sie nach Möglichkeit ignorierte.

Das Problem war nicht, dass die jungen Menschen keine Fragen hatten oder sich nur nicht trauten sie zu stellen. Das Problem war, dass viele von ihnen bereits zu viel wussten und bemerkt hatten, wie sie behandelt wurden. Wenn sie eine Frage stellten, wurde sie nur ungern beantwortet. Kinder brauchte ein erwachsener Mensch doch nicht ernst zu nehmen. Was wussten die schon? Das Blag hat dankbar zu sein für das tolle Leben, was wir ihm bieten.

„Wir wissen, wie die Welt sich dreht“, dachte er für sich. „Jeder bescheißt jeden, so gut er halt kann. Es werden menschgemachte Strukturen zu Göttern aufgeblasen nur die Menschen werden vergessen. Es hat keinen Zweck für uns, mit der Uni fertig zu werden. Wir können danach auch keine Familien gründen, selbst wenn wir wollen. Niemand würde uns bezahlen wollen und selbst wenn, in einem halben Jahr sitze ich vielleicht wieder auf der Straße. Frauen werden vorgehalten bekommen, sie hätten ihre Stelle nur dank einer Frauenquote und Kinder bekommen ihre Eltern nur zum Gutenacht-sagen zu Gesicht. Warum tun wir uns das eigentlich an?“

Er hob die Flasche in seiner Hand zum Mund und nahm einen tiefen Schluck. Heiß floss der Whisky seine Kehle hinab und brannte unangenehm im Bauch.

„Vielleicht stellen wir einfach den falschen Leuten die falschen Fragen. Trotzdem, vielen Dank … für Nichts!“