Archiv der Kategorie: Gratis Gedanke

Szenen an der Supermarktkasse

Ich stehe an der Supermarktkasse und träume vor mich hin, wie ich es viel zu oft tue. Der neue Azubi an der Kasse ist noch nicht besonders geübt und entsprechend geht es gemütlich voran. Die Dame hinter mir möchte gerade damit beginnen, ihre Einkäufe aufs Band zu räumen, als ihr auffällt, dass etwas fehlt. Man sieht ihr an, dass diese Abweichung vom geplanten Ablauf Stress für sie bedeutet. Ihre Stimme rangiert irgendwo zwischen schüchtern, beschämt und gehetzt, als sie sich an mich wendet.

„Entschuldigung aber könnten Sie ganz kurz auf meinen Wagen aufpassen?“

Ich bin etwas überrascht denn es ist nicht viel los und hinter ihr steht niemand an. Aber selbstverständlich nicke ich zustimmend. „Klar!“ Es gibt keinen Grund, wieso nicht. Der ältere Herr vor mir dreht sich um, mustert mich schmunzelnd und muss kichern.

„Sie wirken trotz Bart offenbar vertrauenswürdig.“

Mir ist mein Bart nie als kontroverses Thema vorgekommen. Er ist seit vielen Jahren ein treuer Begleiter. Kein langer Hipsterbart oder aufwändig zurecht rasiert. Einfach nur ein kurzer unkomplizierter Vollbart, lang genug um nicht mehr stachelig zu sein. Frei von jeder politischen Aussagekraft und ohne Ähnlichkeiten zu berühmten Vorbildern in Märchen und Geschichten. Für den Räuberhauptmann hat es nie gereicht.

„Trotz oder gerade deswegen?“ wandert es mir durch den Kopf und zeitgleich über die Lippen. Im Kopf des Mannes scheint das etwas auszulösen, jedenfalls beginnt er zu erzählen, dass Bärte in seiner Jugend ausgesprochen verpönt waren aber das ja so lange her sei und jeder tun sollte, was ihn denn glücklich macht. Ich kann sein Alter schwer schätzen. Ist er noch im Bereich der 70 oder schon über die 80? Ich weiß nicht, wann seine Jugend war, aber spontan fällt mir keine Epoche ein, in der es nicht wenigstens in einzelnen Gesellschaftsschichten angesehen oder akzeptiert gewesen wäre, einen Bart zu tragen. Die Mode schwankt natürlich auch in diesem Bereich stark.

Erst im Nachhinein fällt mir auf, dass er mich trotz der immer breiter werdenden grauen Strähnen im Bart mit seiner Formulierung auch der Jugend zugerechnet haben könnte. Möglicherweise lässt der Bart mich also nicht nur vertrauenswürdiger, sondern auch noch jünger wirken. Ist nicht in der Regel das Gegenteil der Fall? Was auf mich zutrifft kann ich nicht sagen. Die letzten Fotos, auf denen ich ohne Bart zu sehen bin sind bereits alt und vermutlich hat sich auch mein Gesicht im Laufe der Zeit ein wenig gewandelt, genau wie so vieles anderes.

Inzwischen ist auch die Dame gefunden, was sie gesucht hat, und ist wieder zu ihrem Einkaufswagen zurückgekehrt. Mit einem dankbaren Blick stellt sie fest, dass noch alles ist, wie sie es zurückgelassen hat, und beginnt nun doch noch damit, das Band zu beladen. Der Azubi bekommt unterdessen Unterstützung von einer Kollegin, die bereits ein paar Jahre länger hier arbeitet. Auch wenn sie immer gut gelaunt und freundlich ist, sie ist gleichzeitig weltmeisterhaft schnell. Der alte Mann vor mir kennt sie offenbar auch, denn er seufzt etwas wehleidig, fügt sich dann aber seinem Schicksal.

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Geoengineering – Moin Senf

Nachdem es hier in letzter Zeit eigentlich nur noch um den Garten ging wird es allerhöchste Zeit für eine kleine Abwechselung. Mir begegnen in letzter Zeit vermehrt wieder Artikel zum Thema Geoengineering, und ich frage mich wieso? Warum ich bei diesen Berichten immer etwas skeptisch bin möchte ich euch in einem kleinen Beitrag gerne erläutern.

Habt ihr euch schon einmal mit dem Thema befasst? Wie ist eure Meinung dazu? Diskutiert gerne mit und vielleicht kann mich ja sogar jemand umstimmen.

Riesige Spiegelflächen im Orbit, die einfallendes Sonnenlicht in den Weltraum reflektieren, künstlich angelegte Wälder in den Wüsten dieser Welt, in der oberen Atmosphäre verstreute Aerosole, welche künstlich Wolken und damit Regen entstehen lassen sollen oder Ozeane voller Algenplantagen, in denen CO2 gebunden werden sollen. Alle diese Maßnahmen zählen zum Themenkomplex des Geoengineerings. Darunter versteht man die Beeinflussung des Weltklimas durch groß angelegte technische Maßnahmen. Der Mensch hat den Klimawandel maßgeblich verursacht, also soll er ihn auch wieder beseitigen, ist dabei die Devise. Die meisten Entwürfe setzen dabei beim Entfernen großer Mengen CO2 aus der Atmosphäre an.

Der Gedanke ist naheliegend. Immerhin ist es auch aus Sicht des Weltklimarates (IPCC) nicht mehr möglich, das 2-Grad-Ziel nur durch Klimaschutzmaßnahmen einzuhalten. Emissionen einsparen allein reicht also nicht mehr aus, um unser Wohlfühlklima zu retten. Aktiv werden müssen wir so oder so, es stellt sich nur die Frage, wie wirkungsvoll wir sein können.

Aber genau wie das vor einigen Jahren sehr emotional diskutierte Verfahren des Abscheidens und Untertageverbringen von CO2 bergen diese Methoden nicht kalkulierbare Risiken. Auch wenn die Klimaforschung weiterhin große Fortschritte erzielt, verstehen wir immer noch viel zu wenig über die Prozesse unseres Klimasystems, um die Folgen solcher Eingriffe zuverlässig abschätzen zu können.

Ganz abgesehen davon ist die wirtschaftliche Komponente nicht zu verachten, denn ob es nun um die Bewässerung und Düngung von Bäumen in der Wüste, die Bewirtschaftung von schwimmenden Farmen im Ozean, die Installation von Spiegeln im Weltall, CO2-Abscheidern oder das Ausbringen von Aerosolen in der Stratosphäre geht, in jedem Fall kostet es Geld. Wer will das bezahlen? Wer KANN das bezahlen? Die Kosten für solche Eingriffe liegen wenigstens im Milliardenbereich.

Und selbst wenn die Finanzierung stimmt, geht es um eingriffe, die das Klima und unsere gesamte Umwelt auf Generationen hin bestimmen werden. Wie stellt man sicher, dass man nicht langfristig einen größeren Schaden als einen Nutzen erzeugt?

Das Verbrennen fossiler Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas war auch einmal nicht nur das „kleinere Übel“, sondern der große Wurf, der alles besser machen sollte. Auch wenn es bereits Veröffentlichungen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gibt, die eine Klimawirksamkeit der Verbrennung von Kohle auf globalem Maßstab festgestellt haben, dauerte es seine Zeit, bis die Erkenntnis allgemein etabliert war. Wobei es selbst heute noch Menschen gibt, in deren Augen die Naturgesetze offenbar keine Gültigkeit besitzen.

Kritiker befürchten, dass eine Einführung von Geoengineeringmaßnahmen zur Folge haben wird, dass dies von der Industrie als Freifahrtschein gesehen werden könnte, Emissionen ungehindert in die Atmosphäre einzubringen. Schließlich könnten sie ja jederzeit wieder herausgefiltert und anderweitig entsorgt werden können.

Ein weiteres Argument gegen beispielsweise die Verpressung von CO2 in geologische Speicher ist der „überragende Erfolg“ von vermeintlich sicheren Atommüllendlagern. Bislang konnte auf der Erde keine einzige geologisch zuverlässig stabile Situation ausgemacht werden, die als Endlager brauchbar wäre. Für das flüchtige CO2 werden noch größere Probleme erwartet. Eine Verkippung von mühsam produziertem Holz oder sonstiger Biomasse untertage ist schon allein aus wirtschaftlichen Gründen nicht vorstellbar.

Dabei wäre genau das notwendig, denn die Rechnung ist eigentlich einfach. Material wurde aus einem stabilen fossilen Zustand in den atmosphärischen Kreislauf eingetragen und ist hier nun aktiv. Um den Effekt dauerhaft zu bekämpfen muss dieses Material wieder aus dem Stoffkreislauf entfernt und gebunden werden. Die Alternative ist ein verändertes System mit einem neuen Gleichgewicht, und auch wenn die Erde selbst damit kein Problem haben wird, es zeichnet sich doch ab, dass wenigstens der Übergang in dieses neue Gleichgewicht für uns Menschen nicht angenehm wird.

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Regelt das schon: Die Natur. Hier bei der Arbeit in einem alten Steinbruch und schwer beschäftigt, sich um sich selbst zu kümmern. Macht ja schließlich sonst keiner.

Männer sind vom Mars, Kinder vom Mond?

Ich streife durch die Hallen eines großen Einrichtungshauses und habe irgendwo auf dem Weg vergessen, wieso ich eigentlich hier bin und wonach ich suche. Mein Blick streift über moderne, gerade Konturen von Schränken und über verschnörkelte Sessel, die stiltechnisch nicht zu den Räumen passen wollen, in denen sie ausgestellt sind. Zahllose Gesichter schieben sich durch die Gänge, betrachten Möbel und Einrichtungsgegenstände. Jede kleine Lücke ist mit Dekoartikeln gefüllt, ein buntes Sammelsurium von Dingen, deren einziger Zweck es ist, zu existieren oder eine Funktion zu erfüllen, die in einem gewöhnlichen Alltag eigentlich keinen Platz hat.

Die Kundengruppe ist recht jung. Viele junge Erwachsene, die sich ihre ersten Wohnungen einrichten, Paare auf der Suche nach der richtigen Einrichtung für eine hoffentlich lange und glückliche gemeinsame Zeit und Familien mit frischem Nachwuchs, teils vor, teils noch im Bauch. Gedankenverloren biege ich um eine Ecke, streiche über ein angeblich echtes, aber spottbilliges Lammfell und wäre fast über ein kleines Kind gestolpert, welches selig zwischen den großen Gitterboxen sitzt und mit einem Bündel Kleiderbügel spielt.

Zugegeben, das war eine Übertreibung. Es lagen immer noch mehr als ein Meter zwischen dem kleinen Mädchen und mir, ich hätte sie kaum übersehen können und selbst wenn, dann hätte ich gleichzeitig ihren Vater umrennen müssen, der danebenstand. Dennoch fesselt es mich für einen Moment, mit wie viel Begeisterung sich dieses kleine Wesen ein paar einfarbigen Kleiderbügeln aus Plastik widmet. Sie blickt zu mir auf und grinst mich fröhlich an. Es dauert einen Moment, bis ich realisiere, dass sie damit mein Grinsen erwidert. Eine kleine Hand mit riesigem Kleiderbügel darin winkt mir zu und ich tue, was wohl jeder Mensch tun würde und winke zurück.

Rundherum bemerke ich Reaktionen, die ich eher fühlen kann, als dass ich sie bewusst sehen würde. Da ist der Vater, der mir skeptische Blicke zuwirft und sich kaum merklich anspannt, bereit, seine Tochter vor dem seltsamen Typen zu schützen. Zwischen den Weingläsern heben sich die Köpfe zweier Frauen hervor, die mich zwar neutral aber dennoch aufmerksam beobachten und eine junge Mutter, die ihre Zwillinge im Einkaufswagen bereits aus der Abteilung schieben will und durch einen Gehfehler auffällt, dreht sich noch einmal um und sieht mir irritiert nach.

Einzig ein Mädchen, vermutlich noch nicht einmal zwanzig Jahre alt und mit einer bunten Fußmatte in der Hand, guckt an mir vorbei auf das Kind. Auch sie wird von der guten Laune angesteckt und grinst fröhlich, aber bei ihr sieht deswegen niemand hin. Nur ihr Freund, der sie zwar mit einer Zärtlichkeit betrachtet, die jede Disney-Romanze grobschlächtig wirken lässt, aber dennoch etwas besorgt wirkt. Er kennt wohl den Kinderwunsch seiner Partnerin, weiß aber auch, dass es noch zu früh für sie beide ist.

Erst als ich von den Küchenmessern zu den Gardinenstangen komme, festigt sich das Bild von dem, was gerade passiert ist. Ich habe einem kleinen Kind gewunken und damit eine Menge Leute beunruhigt. Wie kommt das? Ich sehe recht durchschnittlich aus, meine Kleidung ist ordentlich und sauber, ebenso ich selbst. Wenn ich das Blut unschuldiger Seelen im Bart oder an den Händen kleben hätte, dann wüsste ich das mit Sicherheit. Aber die einzige Erklärung, die mir nach einigem Nachdenken kommen will, ist, dass Männer einfach keine kleinen Kinder mögen. Wenigstens, solange es nicht ihre eigenen sind. Wenn eine Frau, egal welchen Alters, ein Kind beobachtet, wird sie vielleicht dafür belächelt. Gelten für Männer da wirklich andere Regeln?

In Bus oder Bahn langweilen sich Kinder oft und suchen den Kontakt zu Mitreisenden. Wenn sie sich dafür andere Kinder oder Frauen aussuchen, die auf ihr Spiel eifrig einsteigen, werden sie vielleicht einmal ermahnt, schön ruhig zu bleiben. Wenn ich die neugierigen Blicke mit albernem Kopfwackeln erwidere, ernte ich regelmäßig argwöhnische Blicke. Nicht selten entschuldigen sich die Mütter hastig bei mir, dass ihr Kind mich belästigt hat, um dann schnell die Aufmerksamkeit des Sprösslings auf sich zu ziehen und ihn mit irgendetwas zu unterhalten, auf dass er den Rest des Busses nicht belästigen möge.

Und regelmäßig frage ich mich dann, wie ich in den Augen der Leute gewirkt haben muss. Was habe ich an mir, dass man mich vermeintlich vor dieser klaren und ehrlichen Neugier schützen muss, die aus so vielen Kinderaugen strahlt, ehe sie durch eifriges Ermahnen, stumpfe Monitore und vertröstende Süßigkeiten im Laufe der Jahre immer weiter abstumpfen. Was sehen sie in meinem Lächeln, mit dem ich versuche, ein wenig des ehrlichen Glücks der Zwerge zu spiegeln? Bin ich so gruselig, dass sie ihre Kinder schnell vor meinen Augen schützen wollen?

Und ist das ein Problem, das nur ich habe, oder reicht das weiter? Immerhin fällt es mir immer wieder auf, dass Kabinen mit Wickeltischen in öffentlichen Toiletten zwischen Damen- und Herrentoiletten angeordnet sind, statt in der Damentoilette. Auf den Piktogrammen sind dennoch immer Frauen mit Kindern abgebildet. Männer haben Papa-Zeit und babysitten, Frauen sind halt einfach Mütter. Das ist der Eindruck, den man bekommen kann, wenn man mit offenen Augen und Ohren durch die Stadt läuft, die Menschen am Spielplatz beobachtet oder den Gesprächen an der Supermarktkasse lauscht. Bin ich der Einzige, der sich daran stößt?

So aufgeklärt diese Gesellschaft gerne sein möchte, es erscheint einiges merkwürdig. Eine ganze Serie von Missbrauchsskandalen hat sie Menschen vorsichtig gemacht. So misstrauisch, dass sich Mütter dafür entschuldigen, wenn ihre Kinder ein wenig gute Laune und Farbe in die Welt hinaus tragen wollen und damit die „falschen“ Leute erreichen. Dabei können vielleicht gerade die das gut gebrauchen. Kinder sollen Kinder sein dürfen, aber ohne dass man ihnen den Platz dafür zugesteht.

Mir scheint, wir haben noch viel Arbeit vor uns…

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Das Jena-Experiment

Die Natur ist geduldig. Manch einer behauptet, sie würde sich nicht gerne in die Karten gucken lassen, aber das stimmt nicht. Man braucht nur etwas Zeit und muss auch zuhören, nur das tut man nicht, wenn man eigentlich keine Antwort haben will.

Gerade in den aktuellen Tagen schwappen immer wieder ökologische Themen aus den Informationsteichen der „Ökos“ und „Weltverbesserer“ in die Nachrichten des „Durchschnittsbürgers“. Da gibt es Meldungen zum Thema Vogel- und Insektensterben, die gut dokumentierte Problematik um das Verschwinden der Bienen und nicht zuletzt natürlich Glyphosat, welches (kurzfristig agierenden) Landwirten augenscheinlich das Leben so sehr erleichtert. Alle diese Themen sind aber jeweils nur kleine Facetten des großen Themenkomplexes Biodiversität, und genau hierzu wurden jüngst die ersten Ergebnisse des Jena-Experiments veröffentlicht. Selbst CSU Minister dürften Veröffentlichungen der TU München als glaubwürdige Quelle akzeptieren müssen. Entsprechend werden sie es also niemals zu Gesicht bekommen.

15 Jahre lang wurde im Rahmen des Jena-Experiments Biodiversitätsforschung betrieben, in einem Verbund aus Forschungszentren und Universitäten in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. 15 Jahre mit rund 80.000 Messungen auf über 500 Versuchsparzellen und dem Ergebnis, dass der Mensch die Natur nicht ersetzen kann.

Gerade in Zeiten, wo der Klimawandel uns immer mehr Extremereignisse beschert, sind die Flächen am widerstandsfähigsten und am ertragreichsten, die über die höchste Artenvielfalt in, auf und unter dem Boden aufweisen. Selbst intensive Bewirtschaftung wie häufige Mahd oder intensive Düngung erreichen diese Produktivität bestenfalls. Letzten Endes kommt nichts um ein stabiles und artenreiches Ökosystem herum. Die Nahrungsmittelproduktion ist im hohen Maße auf leistungsstarke Ackerböden in widerstandsfähigen und gesunden Ökosystemen angewiesen. Zu dem Ergebnis kommt auch ein von den europäischen Grünen in Auftrag gegebener und veröffentlichter Bericht (Beste, A. 2015: Down to Earth – Der Boden, von dem wir leben […]).

Der Mensch kann also die Natur nicht ersetzen oder vertreten, auch wenn er sich Mühe gibt. Auch hier gilt, je bunter, umso gesünder und stärker. Natürlich macht immer noch die Mischung die Musik, aber dennoch kann ein vielfältiges Ökosystem sich besser verteidigen, bietet Fressfeinden weniger Nahrung und mehr Gegenwehr und kann sich gegenseitig stärken und schützen. Jetzt müssen wir also nur noch sehen, was wir aus dieser Information machen …

Link zur zugehörigen Pressemeldung der TUM

Shoppingwahn

Eigentlich hatte ich für heute einen etwas anderen Beitrag geplant, aber stattdessen wird es wohl mal seit längerem wieder eine Meinung… weil es davon im Internet noch nicht genug gibt. Wie immer und wie gewohnt, unreflektiert und voller Halbwissen, weil anders wäre es ja nicht authentisch.

Zur Zeit quillt mein Spamfach gnadenlos über. Alles ist voll mit Werbung. „Jetzt rechtzeitig an Weihnachten denken und unseren Black Friday Sale mitnehmen!“ Black Friday hier, Sale da, und dann noch Cyber Monday, am besten die ganze Woche. Alle sind sich einig: Kauf unseren Scheiß! Am besten gestern, am besten alles, am besten zu viel!

Und ich sitze hier, guck mich in meinem Zimmer um, und wunder mich. Ich bin kein Minimalist, der beinahe nichts besitzt. Ich bin auch nicht so arm, dass ich mir nicht leisten könnte, was ich haben möchte. Aber ich frage mich dennoch, wohin mit dem ganzen Zeug?! Und brauche ich das überhaupt? Wenn ich es hätte, was würde ich damit anstellen?

Das sind so Fragen, bei denen ich den Eindruck habe, viele Leute stellen sie sich überhaupt nicht. Da wird alles mögliche an Zeug gekauft, einfach nur um es zu haben. Wer weiß, wofür man es mal gebrauchen kann? Und es ist doch so praktisch! Nur am Ende liegt es nach zwei mal benutzen unbeachtet im Regal oder, weil da ist doch sowieso immer genug Platz und stört nicht das Bild, im Keller.

Wem nützt das?! Will man das als Konjunkturprogramm rechtfertigen? Wenn ja, was macht denn dann die Wirtschaft, wenn einmal alle Keller und Dachböden mit Gerümpel voll sind? Wird dann einfach alles weggeschmissen?

Wer dies für eine gute Idee hält, dem empfehle ich einmal einen Besuch in der nächsten Müllverbrennungsanlage. Wirf einmal einen Blick in den Müllbunker, beobachte den Kran, der mal eben eine Tonnenschwere Last greift und in den Trichter stopft. Und dann rufe Dir ins Bewusstsein, dass diese Rohstoffe dann nicht mehr im Kreislauf zur Verfügung stehen. Dieses Material ist dann verloren und kann (zum größten Teil) nicht mehr wiederverwendet werden. Und es geht ja nicht nur um das Material, was da vor Dir auf dem Tisch liegt, sondern auch noch um das, was man benötigt, um es anzufertigen.

Wir haben nicht unbegrenzt Ressourcen und Rohstoffe zur Verfügung. Irgendwann ist Ende. Und dann?

Perlen

Die Welt ist rund, dreht sich im Kreis, immer um ihre eigene Achse. Es wird voll auf dieser kleinen blauen Perle im Nichts. Dicht gedrängt in goldenen Käfigen aus Stahl und Beton kriecht und krabbelt es. Ein Ameisenhaufen aus Blech und dazwischen die Menschen. Sie müssen miteinander leben, einander aushalten. Für alles andere ist kein Platz mehr. Kleine Häufchen von Menschen bilden sich, einzelne Gruppen, verbunden durch irgendetwas, was sie vereint. Ideen, Träume, Ideologien, und was vereint, das kann genau so trennen.

Zwischen den Clustern und Gruppen schwimmen einzelne lose Elemente. Sie passen nicht ins Bild, nicht so wirklich zum Rest, und gehören dennoch zweifelsfrei dazu, dann aber auch wieder genau nicht. Niemand kann sie ganz zuordnen, etwas mit ihnen anfangen. Es sind Fremdkörper im System, obwohl sie Teil eben dessen sind. Nicht so sehr wie ein Sandkorn im Getriebe der Maschine. Eher wie ein paralleler Prozess, verbunden aber gleichzeitig doch auch abgeschieden.

Die Gesellschaft ist nicht begeistert von diesen Elementen. Sie versteht sie nicht, kann sie nicht durchschauen und will sich nicht wirklich mit ihnen befassen. Sie sind ausgegrenzt, weil sie ausgegrenzt werden und auch, weil sie sich selbst ausgrenzen, sich von der Menge abheben und isolieren.

Von beiden Seiten aus wird eine Mauer gebaut, Stein um Stein, Lage um Lage, Schicht um Schicht. Unterschiedliche Ideen, Ideologien und Vorstellungen, die unvereinbar aufeinanderprallen. Fremdkörper, wie Sandkörner in einer Muschel. Bunt schillerndes Perlmutt wird aufgetragen, um die Kanten zu runden, um den Fremdkörper nicht mehr sehen zu müssen. Mit jeder Lage wird das einstige Sandkorn größer, stärker, und runder. Mit jeder Lage wird dir Schicht dicker, die Abgrenzung deutlicher und unüberwindbarer. Eventuell verkleben zwei Perlen miteinander und werden zu einer, aber es ist selten, dass diese Mauer wieder angenagt wird, um das eigentlich schon vergessene Sandkorn darin zu suchen.

Wenn es doch einmal passiert, dann müssen dicke Lagen einer soliden Wand abgetragen werden, Löcher hinein gepickt werden, aber verschwinden wird sie nie wieder ganz. Das ist der Schutzpanzer, in den sich der Fremdkörper des Systems zurückzieht, denn wenn er eines gelernt hat, dann ist es, dass er anders ist. Er braucht die Anderen nicht. Er war schon immer auf sich gestellt und wird es auch weiterhin sein können. Das Perlmutt schimmert in allen Farben des Regenbogens und wenn man ganz genau hinsieht, vielleicht sogar etwas mehr. Man muss sich vielleicht etwas drehen, um es zu sehen. Im Kreis und um die eigene Achse. Wie die kleine blaue Perle im Nichts.

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Das Volk hat gesprochen!

Volksentscheide bieten eine herrliche Angriffsfläche für Ironie und unfreiwillige Komik. Da soll abgestimmt werden, ob aus einem alten Parkplatz mitten in der Innenstadt ein begrünter Platz mit Tiefgarage darunter, oder ein Park mit größeren Bäumen wird. Die Entscheidung könnte kaum deutlicher sein. Es fehlt nicht mehr viel bis zur Dreiviertelmehrheit, mit der das Volk sich gegen eine Tiefgarage und für einen grünen Park entscheidet. Mitten in der Stau-geplagten Innenstadt irgendwo sogar ein naheliegender Gedanke. Der Verkehr soll aus der Stadt heraus, damit die Luftqualität sich verbessert und die Anwohner weniger Stress haben. Der Park ist billiger und kann sofort umgesetzt werden und bietet ohnehin eigentlich nur Vorteile. Immerhin hat die Initiative für den Park auch im Vorfeld eine musterhafte Werbekampagne gestartet. Da ist ein solches Wahlergebnis doch ein süßer und verdienter Lohn.

Besonders, da die Stadt derart dankbar mit zieht und den alten Parkplatz, ganz dem Wunsche der Bürger entsprechend, für den Verkehr sperrt, einige provisorische Bänke und Kübel mit Bäumen aufstellt, sowie eine Werbetafel mit Bildern, wie es denn einmal aussehen soll. Direkt in der auf den Bürgerentscheid folgende Woche. Der tatsächliche Umbau ist also beschlossen und soll in Kürze dann folgen. Konsequent und ohne langes Hantier, so direkt war Demokratie selten. Was wünscht sich der Bürger denn mehr?

Wer hat es erraten? Richtig! Natürlich Parkplätze! Auf einmal war es völlig unnötig, den Parkplatz so überhastet räumen und sperren zu lassen. Wo soll man schließlich jetzt parken? Und was sollen überhaupt die Bänke hier? Direkt an der Kreuzung hier will sich doch ohnehin niemand niederlassen. Die Empörung ist groß und die Verwunderung noch größer. Wer hätte auch ahnen können, dass ein Volksentscheid tatsächlich umgesetzt wird? Zugegeben, es war so angekündigt, aber seit wann wird umgesetzt, was die Politik beschließt?

Und so rächt sich ein demokratisches Element auf die gemeinste und hinterhältigste mögliche Weise: Es tut, was es soll! Denn ab und an wird der Wähler mit seiner Stimme durchaus gehört und welcher Volksvertreter möchte sich schon gegen das Volk stellen, welches er vertritt? Man kann allerdings etwas den Eindruck bekommen, dieses Volk weiß nicht immer so ganz, was es eigentlich möchte! Demokratie kann eine tolle Sache sein, das sollte niemand bestreiten. Aber damit sie funktioniert, muss der Wähler auch ein gewisses Interesse und Initiative zeigen. Wer gegen seine Interessen wählt, ist nämlich am Ende einfach nur selber schuld und macht das System schlecht.

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