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Selaya III. – Ende

Vorsichtig strich seine Hand über den Schubregler. Er zitterte als er den Motor mit mehr und mehr Energie versorgte. Er konnte es von innen nicht sehen aber Selayas Konturen verschwammen. Sie wurde eingehüllt von einer schwarzen Aura. Einem Schatten, welcher es unmöglich machen sie klar zu erfassen. Das waren ihre Flügel.

Er zwang sich ruhig zu bleiben und atmete tief durch, schloss die Augen und sammelte sich bevor er nach dem Joystick griff. Er gab dem Motor eine Richtung und ganz langsam und behutsam verlor Selaya die Bodenhaftung, bis sie regungslos zehn Zentimeter unter der Decke und keine dreißig Zentimeter über dem Boden schwebte.

So weit, so gut!

Er ließ sie wieder zu Boden und kontrollierte die Sensoren im Drachenbauch. Sie hatte sich absolut so verhalten wie er es erwartet hatte.

Bist du bereit für einen Feldtest?“ fragte er in sein Cockpit hinein.

Die Antwort kam nicht von Selaya sondern von seinem Handy. Fröhlich plärrend kündigte es eine Nachricht von seiner Schwester an, welche ihren Zorn darüber entlud, das er ihren Kuchen nicht aus dem Backofen geholt hatte. Ja, es war wohl an der Zeit für einen Feldtest. Die Küche wollte er jedenfalls heute nicht mehr betreten.

Über seinen Laptop suchte er Selayas Diodenmodule. Noch bevor er sie gefunden hatte hob er sie wieder einige Zentimeter über den Boden an und setzte ein kleines Stück vom Tor zurück. Ein kurzer Impuls sprach den Kettenzug des Garagentors an und es fuhr hoch und ließ das Tageslicht herein.

Sollte ich nicht noch das Licht ausmachen?“

Ist es nicht seltsam was für banale Gedanken einem in unpassenden Momenten durch den Kopf gehen können? Zischend schloss sich die Haube über ihm und eine Hand voll Anzeigen projizierten sich auf ihre Innenseite.

Ein leichter Druck auf einen Regler und Selaya bewegte sich langsam heraus. Der Drache war erwacht und kam verschlafen aus seiner Höhle gekrochen. Genoss kurz den frischen Wind und streckte sich dann der Sonne entgegen, ein ungeduldiges kribbeln in den Knochen.

Ein paar Blocks entfernt quietschten Reifen und verärgertes Hupen hallte hinüber während er eine Startrichtung festlegte. Er seufzte, atmete erneut tief durch und zwang sich ruhig zu bleiben doch innerlich kochte er vor Nervosität und Aufregung.

Finger für Finger schloss sich seine rechte Hand um den Joystick. Mit der Linken regelte er die Vorwärtsbeschleunigung und während er vom Garagenvorplatz abhob sah er unter sich drei schwarz glänzende Limousinen halten und aus jeder sprangen drei in Anzüge gekleidete Personen welche ungläubig hinter ihm her starrten, eine Hand unterm Sacko verborgen.

Bei ihrem Anblick kam sich der Junge beinahe schäbig vor in seinen schmutzigen Jeans und seinem verwaschenen Kaputzenpullover. Seinen Stolz über den Erfolg konnte es jedoch nicht schmälern. Er hatte den Drachen geschaffen und er flog. Er war über eine Hand voll Häuserreihen hinweg geschossen und raste nun über Felder und hier und da ein kleines Dorf. Die Beschleunigung presste ihn in seinen Sessel während er immer schneller und schneller wurde.

Es war perfekt!

Alles war genau so wie er es sich immer erträumt hatte. Selaya flog sich butterweich. Auf jede Bewegung des Joystick folgte sofort die Reaktion, es war ihm als müsse er die gewünschten Bewegungen lediglich denken um sie aus zu führen.

Er fasste den Joystick nach und zog sie mit angehaltenem Atem senkrecht in den Himmel während er die Beschleunigung erhöhte. Der Überschallknall ließ ihn erbeben und als er den blauen Himmel hinter sich zurück ließ hatte er die zehnfache Schallgeschwindigkeit überschritten. Ihm schwindelte. War überhaupt einmal ein Mensch zuvor so schnell gewesen?

Bestimmt! Wie schnell mussten denn die Astronauten der Mondmissionen unterwegs gewesen sein? Er wusste keine Zahl aber er wusste das er diesen Geschwindigkeitsrekord um ein Vielfaches übertreffen konnte und genau das hatte er als nächstes vor.

ER flog und hier konnte ihn absolut niemand aufhalten. Niemand konnte ihm in die Quere kommen, ihm sagen was er tun sollte und was nicht.

Er war FREI!

Das war ein kleiner Ausflug in meine frühen ernsthafteren Schreibversuche. Etwas kürzer diesmal aber ich hoffe, es hat Dir dennoch gefallen. Habe ich mich seitdem etwas weiter entwickeln können? Hat sich mein Stil vielleicht auch geändert? Ich kann es nicht einmal beurteilen. Was mir vermutlich an der Geschichte mit am besten gefällt, ist die Erinnerung an das Gefühl damals, sie geschrieben zu haben…

Meinungen, Anregungen und Kritik sind wie immer in den Kommentaren gerne gesehen 😉

Shuttle

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Selaya II.

Höchste Zeit für den Testlauf“ sagte er zu sich selbst. Der Motor funktionierte, das musste er nicht mehr testen. Jede einzelne Platine hatte er getestet, jeden Schaltkreis zig mal gemessen. Es konnte gar nichts schief gehen, sein Genie konnte nichts übersehen haben und doch…

Er war unruhig, nervös und angespannter als Spannstahl. Hastig suchte er alle Plätze ab wo er die Feuerlöscher wusste. Eigentlich lächerlich. Es war unwahrscheinlich das er es überleben würde wenn etwas schief ging.

Ein Raketentest ist ein sonntags Spaziergang hiergegen“ schoss es ihm durch den Kopf.

Er schob die Haube zum Cockpit auf und hob seinen Rucksack hinein. Er war erstaunt wie schwer fällig es ging, nun wo die Hydraulikanlage noch schlief. Wenn sie einmal erwacht war würde sie die Haube zurück ziehen können als würde sie nicht aus Zentimeter dickem entspiegeltem Plexiglas bestehen sondern nur aus einer dünnen Folie.

Genau so würde sie Sie nach vorne in die Abdichtung drücken können und kein noch so kleines bisschen Gas hindurch lassen. So hoffte er wenigstens denn das konnte er noch nicht unter den Bedingungen testen die er sich wünschte.

Schnaubend zog er sich zu seinem Rucksack ins Cockpit. Er begann sich schon zu ärgern die ganze Angelegenheit so weit in die Höhe gezogen zu haben, ohne Trittleiter würde es schwer werden ein zu steigen. Er schrieb den Gedanken auf seine Mängel liste.

Er klappte den Instrumentenpils herab. Eigentlich sollte sich nun die Haube schließen aber da das System noch nicht unter Druck stand war nur ein leises Klicken, gefolgt von einem Gluckern zu hören. Sein Blick schweifte flüchtig über die Instrumente. Die Bildschirme waren allesamt dunkel, nur die Uhr tickte leise und Gleichmäßig vor sich hin. Er lauschte dem Geräusch bis es den ganzen Raum mit einem Dröhnen zu erfüllen schien, es beruhigte ihn irgendwie.

Zu seinen Füßen spürte er seinen Rucksack. Er enthielt neben seinem Laptop, einer tafel Schokolade, einer Flasche Orangensaft seiner Federmappe und einem Block Papier auch noch eine Ladung Pflaster, einen Druckverband, eine bunte Mischung aus Schmerz- und Kopfschmerztabletten, ein Handtuch und je einen Ersatzakku für sein Handy und seinen Laptop. Er erwartete das er von all dem nur seinen Laptop benötigen würde aber man kann ja nie wissen.

Er schob seinen Laptop in das speziell dafür entworfene Dock zu seiner linken, klappte ihn auf und fuhr ihn hoch. Den Rucksack verstaute er hinter seinem Sitz. Der Joystick klapperte leise gegen die Instrumenten tafel und der Bildschirm des Laptop zitterte als vor dem Garagentor ein Bus entlang fuhr und in dem Bestreben seine Verspätung von unverschämten zwei Minuten und fünfzehn Sekunden auf zu holen die Geschwindigkeitsbegrenzung für innerörtlichen Straßenverkehr maßlos überschritt.

Der Laptop war hochgefahren. Die Startroutinen erweckten gleichzeitig auch Selayas Generator zum Leben. Ein leises Zittern durchlief das ganze Gefährt und überall um den Piloten erwachten die Lichter zum Leben und spiegelten in seinem Gesicht ein buntes Farbenspiel. Erschrocken fuhr er herum als mit einem scharfen Zischen die Haube zu fuhr und klackend ein rastete.

Es war Unsinn das Cockpit beim ersten Test geschlossen zu halten beschloss er und öffnete es wieder. Er testete das Belüftungssystem und die Heizung, bis ihm auffiel das es mehr Sinn machen würde hierfür die Kabine zu schließen. Da er dazu aber zu faul war blieb sein Blick am Steuerknüppel hängen.

Zu seiner Linken befand sich ein fast Ellenbogen langer Schubregler, an seiner spitze war eine kleine Reihe Kippschalter unter Sicherheitsklappen verborgen. Er legte bis auf zwei alle um.

Hinter ihm begann ein tiefes Brummen lauter zu werden. Der Motor lief und summte glücklich. Wieso musste dieser Motor summen? Er hatte nirgendwo auch nur ein einziges bewegliches Teil, alles war komplett statisch wie aus einem Guss. Die Tatsache das er wohl brummte beunruhigte den Piloten wenig. Das Modell welches er zuerst gebaut hatte, hatte auch gesummt und auch wenn er keine Ahnung hatte wieso dieser Motor funktionierte, schien er ihn zu beherrschen und konnte ihn wiederholt auseinander nehmen und zusammen bauen. Eine merkwürdige Schöpfung.

Behutsam löste der junge den Joystick aus seiner Fixierung und zog ihn zu sich heran. Er hoffte er würde genau so gut funktionieren wie der ganze Rest es bisher tat. Ein Spielzeug war eigentlich nicht zum Einsatz in einem Fahrzeug gedacht und so blickte er auf ihn herab und fragte sich was er mit so vielen Sondertasten anfangen sollte.

Was interessierte es ihn überhaupt? Das wichtigste war doch das es funktionierte und er war sich sicher das es funktionieren würde. Er überprüfte Selayas Einstellungen.

Shuttle

Selaya I.

Weil ich noch keine Zeit hatte, mir genauer zu überlegen, was ich denn als nächstes schreiben möchte (und auch nicht viel Zeit zum Schreiben hatte), gibt es hier und heute jetzt nur eine kleine Geschichte von früher als Trost. Es ist tatsächlich eine der ersten Kurzgeschichten, die ich überhaupt geschrieben habe. Ich hoffe, das merkt man nicht all zu deutlich. Viel Spaß!

Grell weiß begannen die Leuchtstoffröhren an der Decke zu flackern. Ein kaltes, wenig einladendes Licht breitete sich in der kleinen Garage aus, drängte sich in jede noch vorhandene Ritze und Fülle letztendlich den ganzen Raum aus. Das war nicht schwer, es gab kaum noch freien Raum. Die Wände bogen sich unter Meter langen Regalen, von der Decke baumelten die Lampen und eine ganze Reihe von Haken an denen Massenweise Werkzeuge aufgehängt waren. All jenes, welches nicht mehr auf die Werkbank passte, welche sich in eine Ecke drängte und völlig verloren und verkümmert unter ihrem Berg aus Allerlei aussah. Dieses ganze große Chaos wurde von einem einzelnen Objekt beherrscht, welches ruhig und gewaltig in der Mitte der Garage thronte, sie beinahe vollständig für sich einnahm.

Der Junge blickte sich ruhig um, er war das Chaos gewöhnt, kannte es zur genüge. Wie sollte es auch anders sein? Er hatte es schließlich selber angerichtet. Er legte seinen Kopf schräg und betrachtete das Monster. Ein riesiger Klumpen aus Metall wie es schien. Ein Drache welcher seinen Schatz bewachte. Etwas mehr als ein Jahr lag er nun schon dort und wuchs Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Der Junge arbeitete jede freie Minute an ihm, oft bis spät in die Nacht hinein. Außer ihm wusste wohl niemand was er hier tat dachte er sich.

Ein zerknüllter Kontoauszug fiel aus seiner Hand und landete auf einem der Müllhaufen welche sich über dem angesammelt hatte, was einst durchaus als Mülleimer hätte gelten können. Auf dem Papier stand keine einzige Zahl mehr welche kein dezentes „-“ vor seinem Betrag stehen hatte. Es landete in einer leeren Farbdose wo es von einigen der wenigen Lebewesen im Raum freudig empfangen wurde, eine kleine Bakterienkultur welche in den Löse mitteln der Lackfarben ein neues Zu hause gefunden hatte. Warum das Gift sie nicht tötete interessierte sie nicht.

Er griff in seine Tasche und holte eine Papierschablone heraus, griff eine hellrote Sprühlackdose von der Werkbank und stiefelte auf den Koloss zu. Es war nicht viel anders als die hunderte Male zuvor doch aus einem Grund den er sich nicht erklären konnte klopfte sein Herz einen unruhigen Heavymetal-Takt und er hatte das Gefühl er müsse dem Moment etwas feierliches verpassen. So entschloss er sich, die Musik, welche sonst immer lief, zur Feier des Tages einmal schweigen zu lassen und sich ganz auf die Arbeit zu konzentrieren. Die Letzten Handgriffe, die letzten Arbeiten. Was danach kam, soweit hatte er noch nicht oft gedacht.

Eigentlich hatte er schon viel zu oft daran gedacht. Der Gedanke, dieser eine alles beseelende Wunsch bestimmte sein ganzes Handeln. Er hatte ihn dazu gebracht Ewigkeiten in dieser kleinen staubigen Garage zu verbringen und zu schrauben und zu hämmern bis er vor Erschöpfung kaum noch den Weg zurück ins Haus schaffte.

Alle diese langen Stunden der Erschöpfung, der aufopferungsvollen Arbeit. All dies neigte sich nun dem Ende entgegen. Alles lief auf das Ziel hin und es gab kein Zurück mehr, egal was kam. Er legte die Schablone an die spitze Nase des Koloss und hob die Dose.

Selaya“

Die Schrift leuchtete auf dem mattschwarzen Lack, welcher das gesamte teil überzog, als würde sie brennen, leben. Der Junge war von dem Ergebnis überrascht die Wirkung übertraf seine Hoffnungen. Er musste einige Schritte zurück treten um die gesamt Wirkung besser zu erfassen, dabei stieß er hart mit dem Kopf gegen den Akkuschrauber welcher laut polternd aus dem Regal fiel und zu surren anfing.

Selaya! Das war ihr Name, von diesem Moment an. Ein Schatten, ein finsterer Drache. Er wollte nicht gesehen werden und wer ihn wohl sah, sollte sich verwundert die Augen reiben und ihn danach nicht wieder finden.

Er sprach den Namen laut aus.

Selaya!“

Der Klang gefiel ihm. Er fand es würde irgendwie erhaben, majestätisch klingen. Eine Königin. Ein magisches Wesen, ein Drache, welcher Felsen fraß und Feuer spie.

Das erste Mal seit er das Herz des Drachen getestet hatte sollte es nun wieder schlagen. Das erste Mal seit er die Maschine in das Große und Ganze eingefügt hatte zum leben erwachen und sein Leben durch die Leitungen drücken, bis in die letzte Ecke.

Er klappte einen Schacht an der Seite hinten auf. Hinter ihm lagerten graue Zylinder im Regal. Sie sahen sehr schwer aus und er wusste sie waren es auch aber seine Selaya brauchte sie. Das war ihre Lebensenergie, ihr Treibstoff mit dem sie ihn an sein Ziel bringen sollte. Er hob einen an und verfrachtete ihn ächzend in die Luke. Mit einem leisen metallischen knirschen rutschte er hinein und ein dumpfes Klacken sagte aus, er war fixiert.

Shuttle