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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 100

Geburtstag

Goldene Sonnenstrahlen tanzten zwischen den Blättern der Bäume und glitzerten in den flachen Wellen am Ufer. Der nahende Herbst war eifrig dabei, die ersten Blätter bunt zu färben aber noch summte alles vor Leben. Rauchschwaden hingen schwer in der lauen Abendluft.

„Wie schön, das ihr kommen konntet! Mia hatte keine Lust? Naja immerhin seid ihr ja da. Wenn ihr etwas grillen wollt, sucht euch einfach eine freie Stelle auf dem Rost. Bier ist im Bollerwagen. Greift zu, das muss heute noch weg.“

Tina zwinkerte Erik und Flo verwegen zu. Sie hatte sich offenbar selbst bereits fleißig mit dem Bier beschäftigt und war ausgesprochen gut gelaunt. Der Anblick von Flos Kuchen änderte das spontan. Von nun an war sie nicht mehr ausgesprochen gut gelaunt, sondern offen euphorisch begeistert. Kaum hatte er den Kuchen abgesetzt und die Hände frei, fiel sie ihm um den Hals und drückte ihm einen Kuss auf die Wange, um danach beschämt zurück zu weichen und sich zu entschuldigen. Erik quittierte das Ereignis mit einem dreckigen Lachen und drückte Erik nur wortlos ein offenes Bier in die Hand.

Sie waren bei Weitem nicht die Ersten gewesen. Der Grill war bereits warm und rund herum drängte sich eine respektable Gruppe von ihnen mehr oder weniger bekannten Gesichtern auf Handtüchern und Picknickdecken. Markus hatte ein Handtuch nur für sich alleine, war sturzbetrunken und klatschnass. Er hatte sich offenbar mal wieder nicht beherrschen können, und war in den Fluss gesprungen. Jetzt fror er offensichtlich gewaltig, obwohl er beinahe auf dem Grill hing. Nora versuchte sich gleich an drei Kerle gleichzeitig ranzumachen, die Flo nicht kannte oder zuordnen konnte und Selcan ertränkte gerade ihr Steak in einer Zigeunersoße, die sie vorher mit Schnaps etwas aufgewertet hatte. Jonny war nüchtern und verteidigte verbittert den Grill gegen den durchnässten Markus. Grillzange in der einen, Gabel in der anderen wendete er mit der einen das Fleisch, während er mit der anderen Richtung Markus stichelte. Von ihm hatte Mia auch die beiden Bratwürste, welche sie, jeweils in ein Brötchen gestopft, jetzt Flo und Erik in die Hand drückte.

„Hier, ehe ihr mir noch vom Fleisch fallt und ich ärger mit den Damen bekomme. Ich will doch niemanden eifersüchtig machen, nichtwahr?“ Dabei zwinkerte sie Erik besonders provokativ an. An Flo gerichtet fuhr sie fort. „Wie geht es denn Kristina? Läuft bei euch alles gut? Erik hat erzählt, ihr plant schon eine gemeinsame Familie?“

„Das habe ich überhaupt nicht gesagt!“ Erik protestierte mit dem Mund voller Bratwurst. „Ich habe lediglich gesagt, die beiden harmonieren so gut, dass es mich wundern würde, wenn sie nicht auch eines Tages eine Familie gründen. Gibs zu Flo, ihr hättet da alle beide nichts gegen.“

„Wie interessant, was ihr so alles über uns redet. Und bevor wir uns auf Kinder einlassen, mache ich erst einmal meinen Abschluss und ziehe mit Kristina zusammen. Eine gemeinsame Woche bei ihr oder mir ist das eine, ein gemeinsamer Alltag in einer gemeinsamen Wohnung schon wieder irgendwie etwas ganz anderes. Oder findest du nicht, Erik?“

Der angesprochene Erik zog einen kauenden Schmollmund und fühlte sich ungerecht behandelt. Er hatte auch schon früher einen gemeinsamen Alltag mit Mia gehabt und das Zusammenziehen hatte hier nichts dran geändert. Trotzdem sagte er lieber nichts. Flo wusste zu gut über seine Beziehung bescheid und wusste, dass längst nicht alles so rosig und romantisch war, wie er es sich insgeheim wünschte. Er hatte sich auf einen Kompromiss eingelassen, der große Zugeständnisse verlangte. Zeitweise hatte er seine Zweifel, ob es ihm das wirklich alles wert war, aber dann hatte Mia einmal ein paar gute Tage und alles war vergeben und vergessen. Ein Teufelskreis, aus dem er nicht ausbrechen konnte.

Flo aß sein Brötchen auf und legte Steaks auf den Grill, Erik trank Bier und leistete ihm Gesellschaft, Timon packte seine Gitarre aus und klimperte eine Lagerfeuer-Hintergrundmusik. Einige der Mädels hatten bunte Windlichter gebastelt, welche sie nun anzündeten, ehe die Dämmerung zu intensiv wurde. Tina schnitt den Kuchen an und verteilte begeistert Stücke an alle, die den Mund nicht mehr zu voll hatten. Angeregte Gespräche fanden unter der Rauchsäule des Grills statt und Flo war wahrscheinlich der Einzige, der das Logo auf Timons Gitarre erkannte und wusste, dass es eine handgefertigte spanische Gitarre war. Er hatte da mal eine Doku drüber gesehen, wie sie hergestellt wurden und wie begehrt diese Instrumente waren. Für Timon war es einfach nur seine Gitarre, mit der er umherzog und seine Musik machte. Erik hingegen bemerkte, dass die Gitarre leicht verstimmt war, was ihr aber genau den leiernden Effekt verlieh, der irgendwie verwegen und abenteuerlich klang. Er assoziierte es mit dem wilden Westen aber sowohl Flo als auch Erik behielten ihre Erkenntnisse für sich und mischten sich stattdessen lieber in andere Gespräche.

Tina stand inzwischen wieder bei Flo und Erik. Sie hatte eine offene Sektflasche in der Hand, aus der sie immer wieder einen Schluck nahm, ehe sie versuchte sie weiter zu reichen. Es war inzwischen schwerer geworden, gerade zu stehen. Sie schwankte ein wenig und hielt sich immer wieder an Eriks Schultern fest. Neben seiner langen Gestalt wirkte sie besonders klein und zierlich. Sie passte bequem unter den Arm, den er ihr um die Schulter legte und sie damit etwas vom Schwanken abhielt. Markus sprintete quer durch die Gruppe hindurch, verschwand im Schatten des Ufers, dicht gefolgt von Jonny, der ihn an einer weiteren Schwimmrunde hindern wollte. Vergeblich. Erik und Tina folgten ihm. Es war offensichtlich, dass er Hilfe brauchen würde, Markus wieder an Land zu ziehen. Er war zu betrunken, um von selbst den Weg aus dem Fluss zu finden.

„Der Kuchen kam von dir, oder?“

Ein Mädchen, das Flo noch nie zuvor gesehen hatte, hatte ihn angesprochen. Sie saß auf einem grasgrünen Handtuch, bot ihm einen Platz neben sich an und fragte nach dem Rezept. Er nahm das Angebot an und versuchte sich krampfhaft zu erinnern, welches Rezept er denn genau gemacht hatte.

„Ich glaube, ich habe mehrere Rezepte gemischt. Welchen Teil fandest du denn besonders gut? Dann kann ich dir eventuell wenigstens den geben?“

„Eigentlich finde ich die Kombi von der Creme mit den Kirschen und dem fluffigen Teig recht toll.“

Na super, das volle Programm also. Mit jeder Sekunde aber konnte er sich besser an das Rezept und seine eigenen Tricks erinnern. Sollte er ihr wirklich alle Geheimnisse verraten? Er zögerte ein wenig, aber entschied sich für die Fairness. Mit seiner Übung konnte sie vermutlich eh nicht mithalten aber Ahnung hatte sie auf jeden fall. Und sie zeigte sich ausgesprochen dankbar für seine Tipps. Es war wohl nur ein Vorwand gewesen, ein Gespräch mit ihm zu beginnen und nun begab sie sich zu Stufe zwei ihres Plans und wurde offensiver. Beinahe tat es ihm leid, ihre Offerten abweisen zu müssen, zu sehr genoss er es, einmal im Zentrum eines Interesses zu stehen. Doch mit jedem ihrer Worte sah er Kristina deutlicher vor sich, mit ihren sanften Augen, dem ansteckenden Lachen und Lippen, die auf ihn immer noch eine stärkere Anziehungskraft hatten als ein schwarzes Loch. Sie fehlte ihm und das Mädchen neben ihm hatte genau nur ihr Interesse an ihm, was ihn lockte.

Jonny trieb Markus vor sich her zum Grill. Die beiden hinterließen eine Spur aus Wasser und Schlamm, Markus hustete sich den Fluss und die Seele aus den Lungen, Jonny war einfach nur schrecklich schlecht gelaunt und hatte eine nasse Hose. Tina und Erik waren nicht bei ihnen. Flo sah sich irritiert um und fand einen Schatten, welcher immer noch am Fluss saß. Leise stand er auf und ging hinüber. Es dauerte einen Moment, bis er erkannte, was er dort sah.

Erik saß auf einer Stufe, die Hände auf Tinas Hüften. Tina war vor ihm in die Hocke gegangen, hatte seinen Kopf in die Hände genommen und küsste ihn innig. Es war deutlich, dass sie ihn damit völlig unvorbereitet getroffen hatte und er mit dieser Situation völlig überfordert war. Gefangen in einer Schockstarre saß er einfach da, die Augen weit aufgerissen, und ließ sie gewähren. Die Umrisse seines Schattens zitterten vor dem Mondlicht, welches sich im Wasser spiegelte. Flo hatte den Eindruck, der Moment würde ewig dauern aber endlich ließ Tina doch noch von Erik ab. Völlig verstört stand er auf, offensichtlich völlig betrunken, sah Flo direkt an, die Augen immer noch weit aufgerissen und taumelte dann an ihm vorbei, zielgenau auf den Bollerwagen mit den Flaschen zu. Flo blieb mit Tina alleine am Ufer zurück.

„Will ich fragen, was das war?“

„Was würde es dir bringen? Passiert ist passiert.“

Tinas Stimme war matt und brüchig, in ihren Augen glitzerten Tränen. Flo legte stumm den Kopf schief und sah sie weiterhin einfach nur abwartend an.

„Und ich dachte mit noch, das ist total dumm, was du da tust. Aber ich konnte nicht anders. Er wird Mia heiraten, weil sie das so will. Und er wird absolut unglücklich mit ihr bleiben. Sie tut ihm nicht gut und er weiß es aber er kann nicht anders. Es tut weh, zu sehen, wie hörig er ihr ist.“

„Und du meinst nicht, dass er alt genug ist, um das selbst zu entscheiden?“

„Natürlich ist er das. Aber ich liebe ihn. Wenn ich ihn jetzt küsse ist das nur eine große Dummheit und Mia wird mich wahrscheinlich dafür umbringen. Im schlimmsten Fall zerstöre ich eine labile und ungesunde Beziehung. Wenn sie einmal verheiratet sind, dann geht das überhaupt nicht mehr. Wahrscheinlich war das meine einzige Chance.“

„Wenn er es ihr überhaupt erzählt. Es sieht eher so aus, als säße ihm der Schock so tief in den Knochen, dass er kaum noch reden kann. Oh er leert gerade deinen Wodka. Ich sollte ihn wohl zum Schlafen ins Bad legen und morgen darf ich mir von Mia was anhören. Was soll ich ihr sagen?“

„Sag ihr was du willst, es ist mir egal. Sie wird Erik eh nie wieder gehen lassen. Sie hat sich längst mit ihm verlobt, er weiß es nur noch nicht.“

Sie seufzte schwer und insgeheim musste Flo ihr recht geben. Mia gab sich aktuell tatsächlich etwas vereinnahmend. Aber er wusste auch, dass Mia und Erik sich tatsächlich und ehrlich liebten, es allerdings nicht immer zum Ausdruck bringen konnten. Sie stritten häufig, aber konnten doch nicht ohneeinander. Er beschloss im Stillen, erst einmal abzuwarten und nichts zu sagen. Es würde an Erik liegen, falls er sich morgen überhaupt noch erinnern konnte.

„Ich weiß, es sollte mir entsetzlich leidtun, dass ich ihn geküsst habe. Aber obwohl es mir jetzt ein bisschen den Abend versaut hat, es war einer der besten Küsse, die ich je hatte.“

Mit diesen Worten zauberte Mia die Sektflasche aus der Nacht, leerte sie und ließ Flo alleine in der Nacht stehen.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 99

Staubig

Ein lauer Wind wehte durch das weit geöffnete Fenster von Flos Wohnung herein und ließ die Staubkörner in den Sonnenstrahlen des Nachmittags tanzen. Flo stand gerade in der Küche, die Hände tief in der Teigschüssel, als Mia klingelte. Er hatte sich an einem neuen Kuchenrezept mit Pflaumen versucht, die er an der Streuobstwiese am Fluss gesammelt hatte, nun folgte ein zweites Experiment, während das Blech noch auskühlte. Er überlegte kurz, ob er die Türklinke und den Türöffner mit Teig voll schmieren sollte, wusch sich dann aber die Hände, weil er viel zu faul wäre, diese Sauerei wieder zu beseitigen, ehe er am Wochenende zu Kristina fahren würde.

„Komm ich gerade ungelegen? Musstest du erst die Liebhaberin loswerden?“

Mia stapfte herein, nahm sich eine Tasse aus dem Schrank und Kaffee aus Flos Thermoskanne und ließ sich damit auf einen freien Stuhl sinken.

„Schoko-Kirsche. Wäre es für dein Mädchen, würde ich sagen, du musst echt einen großen Fehltritt wieder wett machen. Aber bis dahin ist der doch trocken. Heraus damit, wen willst du verführen?“

Flo hatte wieder die Hände im Teig. Vorsichtig bemüht, eine klebrige Sahne-Vanille-Creme unterzuheben, in der die Kirschen schon schwammen.

„Verführen ist hoffentlich nicht der richtige Ausdruck. Tina hat morgen Geburtstag und wollte unten am Fluss feiern. Hat Erik dir das nicht erzählt? Sie hat schließlich ausdrücklich euch beide eingeladen.“

„Hat er nicht. Na warte, der kann was erleben. Als würde ich zu dieser Ziege auf den Geburtstag gehen, aber trotzdem. Ich mein, vielleicht hat er es sogar erwähnt.“ Sie machte eine kurze Pause und fuhr etwas kleinlaut fort. „Okay, er hat es erwähnt. Ist schon eine Weile her und ich habe gesagt, wir gehen nicht hin. Er war ziemlich geknickt. Habe den Eindruck, eigentlich würde er gerne hingehen, so wie es klang kommen eh alle. Aber ich tu mir das auf keinen Fall an. Die blöde Kuh hat versucht mir meinen Freund auszuspannen!“

„Und er hat dir absolut bewiesen, dass du dich auf ihn verlassen kannst. Schade, dass du nicht kommen willst. Vielleicht sehe ich Erik morgen ja trotzdem da.“

Eine solche Formulierung hatte er einmal in einem Ratgeber zu Diplomatie gelesen. Diese Tatsache überraschte ihn zwar, aber nicht so sehr wie den Fakt, dass er sich noch daran erinnerte. Mia überging den Kommentar, sah sich nur stumm in der Küche um.

„Du sag mal, ich weiß ja, dass die Küche beim Kochen oder Backen mal dreckig werden kann, aber ist das da nicht etwas älter?“

Sie zeigte auf eine Wollmaus unter dem Fenster. Flo hob nicht einmal den Blick, blieb konzentriert bei seinem Teig, den er gerade in die Form füllte.

„Ja, ich weiß, es ist im Moment ein wenig dreckig. Mein Staubsauger ist leider kaputt gegangen und ich hatte noch keine Zeit, mir einen neuen zu besorgen.“ Er schob die Form in den Ofen.

„Soll ich ihn mir mal ansehen? Vielleicht bekomme ich ihn ja an.“

„Danke für das Angebot aber lieber nicht. Der Punkt ist, er läuft ja, aber etwas darin ist locker und schleift. Jedenfalls riecht er ziemlich streng nach Rauch, wenn er läuft und ich kann sehr gut darauf verzichten, hier die Bude ab zu brennen. Und sei es nur, um die Kaution wieder zu bekommen. Magst du mir mal den Messbecher aus dem Kühlschrank holen?“

„Gut, das sehe ich ein. Ist das Rotweincreme? Was hast du für einen Kuchen vor?“

„Die ist nicht für den Kuchen, das wäre zu viel des Guten. Die ist für gleich, wenn Erik vom Sport kommt. Für den Kuchen ist die Schokocreme, die noch im Kühlschrank steht.“

„Was sagt Kristina eigentlich dazu, dass du dir solch eine Mühe mit den Kuchen für andere Frauen gibst?“

„Sie würde gerne mitkommen, hat aber keine Zeit. Keine Sorge! Erstens bekommt sie selbst die besten Kuchen und zweitens ist sie nicht so eifersüchtig wie du. Sonst dürftest du ja nicht einmal hier in die Wohnung und würdest meinen Staub nicht sehen.“

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 98

Nachtschicht

Es war keine Eigenschaft, die Flo besonders an sich zu schätzen wusste. Genau genommen war sie sogar eine der Eigenschaften, für die er sich selbst nicht leiden konnte und am liebsten gemieden hätte. Blöderweise konnte auch er nicht aus seiner Haut und so musste er mit sich und seinen unerwünschten Talenten leben. Dieses spezielle hieß, dass er sich zu bestimmten Stunden ganz besonders gut konzentrieren konnte.

Mitternacht war lange vorbei und Flo wurde mit jedem Blick auf die Uhr etwas nervöser. Es lief gerade gut mit seiner Arbeit. Er hatte den Eindruck, gut voranzukommen, und war konzentriert. Er war außerdem irgendwo zwischen hellwach und bereits in der Trance des Tiefschlafs. Noch um elf Uhr war er müde gewesen, aber mit jeder Minute war er weiter wach geworden, bis er diesen Zustand eifriger Geschäftigkeit erreicht hatte. Wieso tat er sich das eigentlich an?

Noch vor sechs Wochen hätte er nun hinaus gehen und einen herrlichen Sonnenaufgang beobachten können. Inzwischen war er froh, dass die Sonne ihm noch etwas Ruhe ließ. Er wollte am liebsten immer noch vor dem Sonnenaufgang im Bett liegen und schlafen. So viel Gewohnheit wünschte er sich einfach, obwohl dies doch seine produktivsten Stunden waren. Wieso konnte er nicht tagsüber so arbeiten? Was hinderte ihn daran? Was lenkte ihn ab? Er wusste es nicht.

Eigentlich würde er nichts lieber tun, als ins Bett zu gehen. Er wusste nur aus bester Erfahrung, dass es nicht viel bringen würde. Er wäre trotzdem hellwach und würde nicht schlafen können. Es war sein Gewissen, welches Amok lief. Dabei sehnte er sich nach kaum etwas so sehr, wie nach Müdigkeit und der Ruhe, auch wirklich schlafen zu können. Sein Verstand rannte unterdessen vor dem Gewissen davon auf eine andere Route zu. Welche genau war nicht wichtig, nur, dass sie weit weg von allem führte. Er konnte förmlich spüren, wie alles in ihm wirr und unstrukturiert wurde.

Er überflog den Absatz, den er gerade geschrieben hatte. Ein dumpfes Gefühl sagte ihm, dass er an dieser Stelle eigentlich falsch war und weiter vorne stehen müsste. Das Thema hatte er schließlich bereits abgehakt. Oder hatte er es noch nicht angefangen und nur im Kopf schon einmal durchgeplant? Er wusste es nicht mehr genau und nahm sich vor, das Ganze morgen noch einmal durchzulesen. Der Gedanke kam ihm eigentlich albern vor, war aber ein gutes Indiz dafür, dass er wirklich müde war. Wenn er wirklich ehrlich mit sich war, dann wusste er ganz genau, dass er morgen auch nicht motivierter sein würde und alles Mögliche lieber gucken würde, als über seine geistigen und sonstigen Ergüsse von letzter Nacht.

Als Nächstes blickte er auf den Bildschirm und sah nicht viel außer seitenweise Kauderwelsch. Sein Gesicht tat weh, sein Rücken ebenfalls und irgendwie fühlte er sich verklebt. Auf der anderen Seite der Gardine brüllte die Sonne aus einem blauen Himmel herab. Er war auf der Tastatur eingeschlafen. Die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen. Jetzt daran weiter zu machen ergab weniger Sinn als ein Flugleitsystem in der U-Bahn, wahlweise auch dieser Vergleich. Ohne irgendetwas weiter zu ändern, speicherte und schloss er die Arbeit.

Das Haus erwachte zum Leben. Die Nachbarn polterten in die Küche, Kaffeetassen klapperten, Wasser rauschte durch die Leitungen zu irgendwelchen Duschen, Toilettenspülungen plätscherten die Fallrohre hinab, irgendwo weinte ein kleines Kind. Hupen vor dem Fenster, das laute scheppern von Garagentoren und Autotüren, die zu feste zugeschlagen wurden. Es war wirklich an der Zeit, ins Bett zu kommen.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 96

Auszeichnungen

Erik hatte sich einen Sessel ins Bett gebaut, indem er Kissen und Bettdecke zu einer bequemen Rückenlehne gerollt hatte. So bequem es auch aussah, war er erstaunt, wie sehr der Anblick täuschen konnte. Es war zu warm im Rücken, behinderte seine Ellenbogen und seine Beine lagen zu niedrig, als dass er wirklich bequem mit seinem Laptop darauf arbeiten konnte. Trotzdem saß er hier, mit stoischer Ruhe und summte unbewusst vor sich hin. Mia saß an ihrem Schreibtisch und war zu sehr in ihre eigenen Angelegenheiten vertieft, um sich von seinem Summen und beiläufigem Klicken ablenken zu lassen.

Es musste etwa einen Monat nach der Veröffentlichung von seinem Buch (Siehe Ausgabe 52) gewesen sein, als er seinen Blog eröffnet hatte. Ursprünglich war es der halbherzige Versuch, Werbung für sein Wekr zu machen. Das Buch dann aber tatsächlich offen und aggressiv zu bewerben war ihm dann aber doch schnell zu viel gewesen. Es hatte sich auch einfach nicht richtig angefühlt. Immerhin hatte er es für Mia geschrieben und so oder so, es war etwas, was er selbst geschaffen hatte. Naturgemäß war es also bestenfalls mittelmäßig und bedurfte absolut keiner Verbreitung. Auch wenn er sich durch positives Feedback durchaus sehr geschmeichelt gefühlt hätte, aber das würde er sich nie trauen, offen zuzugeben.

So war er dazu übergegangen, sich hauptsächlich als Leser und Kommentareschreiber zu versuchen. Ab und an veröffentlichte er auch Kurzgeschichten, die er nebenbei geschrieben hatte. Er hatte sogar eine Hand voll regelmäßiger Leser, die, völlig zu seinem Unverständnis, Freude an seinen Texten hatten. Dabei waren es nur völlig banale Abenteuergeschichten. Hirngespinste, wie er sie schon als kleiner Junge hatte, wenn er in die Welt zwischen den Zeilen abgetaucht war und für Stunden das Universum der realen Welt völlig vergessen und ausgetauscht war. Gelegentlich, wenn er sich daran erinnerte, sehnte er sich in diese Zeit zurück, als seine Fantasie noch frisch und kindlich war. Frei von Bitterkeit und Ängsten.

Als er sich heute durch seinen Blog klickte, war etwas anders. Er hatte einen Kommentar bekommen, von einem seiner Leser. Nicht irgendeinen Kommentar sondern eine „Nominierung“. Er hatte bereits davon gehört, es bei anderen Blogs gesehen. Im Grunde waren es Kettenbriefe mit Interaktionswunsch. Beantworte einige Fragen, denke dir selbst welche aus und verteile sie an andere Blogs. Er wäre verärgert gewesen, wenn das Ziel hinter dieser Aktion nicht gewesen wäre, kleineren, unbekannteren Blogs, eine Bühne zu bieten, sich selbst vorzustellen. Und nun war er selbst einer von denen, die sich vorstellen, im Rampenlicht stehen sollten. Da war es dann. Er fühlte sich geschmeichelt und am Selbstbewusstsein gekitzelt. Neugierig las er die Fragen und versuchte sie im Kopf zu beantworten, merkte aber schnell, dass er es besser gleich aufschreiben sollte.

Seine Lesering, Eva, studierte gerade in der Schweiz (ich bitte den Bruch in der Logik zu entschuldigen) und wollte von fünf Blogs folgendes wissen:

  1. Wie und wann bist du auf das Blogschreiben aufmerksam geworden?

Wie war er darauf aufmerksam geworden? Er wusste halt, dass es so etwas wie Blogs gab, wo Leute Texte und persönliche, virtuelle Tagebücher teilten. Und als sein Buch erschienen war, hatte er einfach keine bessere Möglichkeit gewusst, darüber zu schreiben, als auf einem Blog. Er kam sich bei dieser Erklärung seltsam vor. Andere Blogs schrieben bei solchen Fragen immer so poetische Antworten über Lebensträume und Ideale. Er selbst wollte einfach nur, dass sein Buch wenigstens von einigen wenigen wahrgenommen wurde.

  1. Warum hast du selber angefangen zu schreiben?

Das Erste, was ihm hierzu durch den Kopf ging, war: Weil es in der Grundschule die Hausaufgabe war, etwas zu schreiben. Damals hatte er es gehasst wie die Pest. Aber auf Dauer konnte er sich dann doch nicht davor retten. Er hatte zu viele Geschichten im Kopf, die dort einfach raus wollten. Erzählen konnte er sie niemandem, also schrieb er. Nur beiläufig und ohne Leserschaft, aber er schrieb. Irgendwann, so sein Ziel, würde er ein Buch schreiben. Ein gutes! Bis dahin hatte er noch viel zu lernen.

  1. Was motiviert dich am Schreiben?

Was motivierte ihn? Wieso schrieb er? Er konnte es nicht echt sagen. Er tat es einfach um seine Gedanken aus dem Kopf auszulagern, um sie besser strukturieren zu könne. War es das, was als intrinsische Motivation bezeichnet wurde? Er wusste es nicht genau.

  1. Schreibst du deine Beiträge vor und überlegst du dann, ob du sie veröffentlichst oder bist du spontan ohne zu überlegen?

Das konnte er dafür umso leichter beantworten. Er schrieb einfach. Wenn seine Gedanken einmal zu schnell liefen, dann notierte er die Stichpunkte und formulierte es im zweiten Durchgang aus, aber ansonsten schrieb er einfach aus dem Kopf und korrigierte später nur noch die Fehler.

  1. In wie weit kommst du auf deine Themen? Suchst du danach? Fallen sie dir einfach ein? Hebst du sie dir auf, wenn du sie nicht direkt schreiben kannst?

Er schrieb generell nur dann, wenn er eine Idee hatte. Was sollte er sich da also aufheben? Es war wie ein undichter Wasserhahn in seinem Gehirn. Manches mal fragte er sich, wieso die Gedanken nicht einfach durch die Nase ausliefen.

  1. Wissen andere Personen, dass du einen Blog schreibst? Lesen sie sogar mit?

Mia wusste von dem Blog. Anfangs hatte sie sogar noch die Ambitionen, ihn zu lesen. Es war ihr aber schnell langweilig geworden. Sie interessierte sich einfach für andere Sachen und investierte ihre Zeit lieber in die Uni oder den Sport. Für das Hobby ihres Freundes blieb da wenig Zeit übrig. Erik war bereits froh darüber, dass sie sein Buch wenigstens bis zum Ende gelesen hatte.

  1. Wie viele Blogs liest du und wie: RSS-Feed oder E-Mail-Abo oder Programm?

Hauptsächlich las er die Blogs, die im Gegenzug auch ihn abonniert hatten. Es waren nicht viele aber die Meisten davon gefielen ihm sehr gut. Abgesehen davon fand er es irgendwo nur fair. Er hatte lange nicht mehr nachgesehen, wie viele es eigentlich waren. Er schätzte die Zahl auf etwa zehn und lag damit weit daneben.

  1. Bei welchen bist du eher der stille Mitleser und bei welchen kommentierst du fleissig mit? Und warum?

Der stille Mitleser? Bei Allen. Außer, wenn er etwas sinnvolles beizutragen hatte und selbst das stellte sich im Nachhinein meistens als weniger sinnvoll heraus.

  1. Was veränderte sich – positiv oder negativ – über deine Einstellung oder dein Leben nachdem du angefangen hast zu schreiben?

  1. In wie weit hast du eine spezielle Tageszeit, in der du für deinen Blog schreibst?

Der Abend war es. Dann, wenn Mia eifrig am Schreibtisch zu Gange war und auch er eigentlich eher lernen sollte, sich aber nicht aufraffen konnte. Das war die Zeit, in denen er am Laptop saß und schrieb.

„Du hörst mir wieder nicht zu, oder? Was beschäftigt dich denn da schon wieder so? Murmelst die ganze Zeit vor dich hin und hämmerst auf die Tastatur.“

Mia war aufgestanden und auf dem Weg zu ihm. Offenbar hatte sie ihm eine Frage gestellt und er hatte nichts mitbekommen. Das war etwas, woran sie sich noch nie gewöhnen hatte wollen. Wenn er in Gedanken war, dann war er in Gedanken und sie erreichte ihn nur, wenn sie ihn an tippte. Eigentlich sollte sie das inzwischen wissen. Dennoch hielt sie ihm immer noch vor, er würde sie absichtlich ignorieren. Manches mal erlaubte er sich eine sture Trotzreaktion und riskierte einen kleinen Streit damit. Meistens ließ er sie aber einfach gewähren. Heute überging er ihre Kritik einfach und erklärte ihr die Aktion.

„Wer ist denn diese Eva? Woher kennt ihr euch? Mach mal Platz da, ich will das mal sehen.“

„Woher soll ich sie kennen? Ich kenne doch nur ihren Blog. Wieso bist du denn gleich so eifersüchtig?“

Mia antwortete nicht. Sie hatte ihm den Laptop abgenommen und klickte sich nun selbst durch die Blogwelt. Was auch immer sie zu finden gehofft hatte, sie fand stattdessen etwas anderes.

„Schau mal einer an, unser Autor hat ebenfalls Fragen gestellt bekommen. Ein „Blogstöckchen“ von einem offenschreiben-Blog? Was soll denn so etwas sein? Komm, die beantworte ich jetzt mal.“

„Einfach so? Denkst du nicht, dass unser Autor etwas dagegen haben könnte, wenn du ihm einfach so sein Stöckchen klaust? Und du hast das Konzept von Blogs echt nicht verstanden, oder? Leute schreiben hier halt und tauschen sich mit ihren Lesern aus. Ein Bisschen wie das Peer-Reviewen von den Aufsätzen in der Uni.“

„Was für ein Quatsch. Entweder man steht hinter dem, was man schreibt, oder eben nicht und dann veröffentlicht man es halt nicht. Und natürlich hat er nichts dagegen. Immerhin hat er auch uns geschrieben. Wir sind also ein Teil von ihm und wenn ihm das nicht passt, dann soll er sich halt beschweren.“ (Vielleicht sollte ich das wirklich einmal tun. Du bist ganz schön frech geworden.)

Mia las Offenschreibens Fragen laut vor und beantworte sie gleich in den Raum hinein:

  1. Was müssen wir als Gesellschaft am dringendsten anpacken und verändern?

„Wir müssen auf jeden Fall aufgeräumter werden und dürfen uns nicht immer mit Kompromissen zufrieden geben. Es kann immer alles noch etwas besser werden.“

  1. Glaubst du an Seelenverwandtschaft?

„Nein. So etwas wie eine Seele funktioniert nicht.“

  1. Was ist Freiheit für dich?

„Wenn ich die Mittel habe, alles, was ich will, auch tun zu können. Solange es natürlich dem kategorischen Imperativ genüge tut.“

  1. Glaubst du an so etwas wie eine Seele? Und wenn ja hat dann jeder deiner Meinung nach nur eine Seele?

„Wie gesagt, das Konzept funktioniert nicht. Wir sind bioelektrische Maschinen.“

  1. Glaubst du an das Schicksal?

„Was für ein esoterischer Blödsinn, diese Fragen. Seele, Schicksal. Mir hat das Schicksal bisher auch nix geschenkt. Ich habe das alles alleine geschafft.“

  1. Gibt es einen freien Willen?

„Okay das ist tatsächlich nicht so leicht jetzt. Frei ja, aber nur im Rahmen unserer Programmierung, sprich den Instinkten? Hmm…“

  1. Folgst du eher deinem Kopf oder deinem Gefühl?

„Dem Kopf natürlich“ und noch während sie es sagte verriet alles an ihr, dass sie log.

  1. Bist du abergläubisch?

„Nein, nicht wirklich, glaube ich.“

  1. Was ist deine früheste Erinnerung?

„Ich glaube, es ist, als mein Vater ein Seil um meinen Hochstuhl gebunden hat, und mich damit durchs Wohnzimmer gezogen hat. Unspektakulär aber viel weiter zurück komme ich glaub ich nicht.“

  1. Was magst du am meisten an dir?

„Meinen Verstand“ sagte sie, ohne zu überlegen. Dann sah sie kurz an sich herab, lächelte Erik auffordernd an und ergänzte „und meine Brüste. Oder was meinst du, Schatz?“ Erik zwinkerte ihr nur zu, und dachte sich seinen Teil.

  1. Was war deine verrückteste Begegnung?

Sie sah Erik tief in die Augen und sprach mit ernster, grabestiefer Stimme „Du,“ ehe sie in lautem Gelächter ausbrach.

„Das hat doch irgendwie Spaß gemacht. Hast du noch mehr davon?“

„Ich hatte doch nur den Einen. Das zweite hast du ja dem Autoren geklaut. Ich glaube, er hatte noch einen Neueren aber willst du den wirklich noch machen? Wir könnten ihn auch einfach an Flo schicken.“

„Du bist langweilig, aber okay. Frag ihn ruhig mal. Wenn er nein sagt, dann drück ichs ihm einfach aufs Auge. Und du hältst mich mit deinen albernen Fragen hier schon wieder nur von der Arbeit ab!“

Mit diesen Worten sprang sie aus dem Bett und stiefelte zurück an den Schreibtisch. Auch Erik klappte den Rechner zu und ging in die Küche. Das Abendessen würde etwas spartanisch ausfallen, wenn er sich den Kühlschrank so ansah, aber er würde trotzdem etwas Leckeres daraus zaubern können.

Ich hoffe mein etwas unkonventionellerer Ansatz hat niemanden vor den Kopf gestoßen. Ich gebe zu, ich habe die Nominierungen ein wenig schleifen lassen, weswegen hier gleich zwei auf einmal versammelt sind. Hui, wer hätte gedacht, dass so schnell so viele zusammen kommen. Und als sagenhafter Spaßverderber werde ich niemanden nötigen, weitere Fragen zu beantworten sondern Euch lediglich einladen, die Fragen auszusuchen, die Ihr selbst beantworten wollt, wenn Ihr es denn wollt. Teilnahme ist offen und für jeden freiwillig.

Liebster Award

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 95

Abend am See

Ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend brachte Flo dazu, von seinem Bildschirm aufzusehen und nach der Uhr zu gucken. Etwas verdutzt kratzte er sich am Bart. Er war so vertieft in seine Arbeit gewesen, dass er nicht mitbekommen hatte, dass es bereits Nachmittag geworden war. Kristina hatte längst da sein wollen, aber die Klingel war stumm geblieben. Sie verspätete sich, was ungewöhnlich aber nicht unmöglich war. Das seltsame Gefühl im Bauch aber blieb.

Zehn Minuten später fiel im dann doch noch ein, woher es kam. Sein Frühstück hatte aus zwei Brötchen bestanden und war inzwischen acht Stunden her. Das war die einzige Erklärung, die ihm einfiel. Er musste Hunger haben und gegen Hunger half Essen. Also speicherte er seine Arbeit und ging in die Küche, auf der Suche nach einem Snack. Wenn Kristina ihren Zug verpasst hatte, dann würde er sich eh noch wenigstens eine halbe Stunde gedulden müssen. Er schmierte sich ein Brot, biss hinein und wunderte sich, wer denn sonst noch vorbei kommen wollte, als die Klingel doch Lärm machte.

Zu seiner Überraschung sank ihm keine Minute später seine Freundin in die Arme und wirkte reichlich angespannt. Es dauerte zwei Kaffee, bis er verstanden hatte, wieso sie sich über verstopfte Straßen beklagte. Was die Tour zum Meer anging, musste er ihr Recht geben. Dieses Wochenende wäre das eine schlechte Idee, so verlockend es auch war. Der Schlossweiher hinter dem Wald im Norden war sehr viel näher, und auch recht hübsch. Für den Abend mochte das eine gute Alternative sein. Immerhin war der Verkehr dorthin auch sehr viel ruhiger.

Der Vorschlag brachte ihm verhaltene Dankbarkeit ein und während Kristina ihren dritten Kaffee trank, packt er einen Picknickbeutel. Nicht opulent oder ausgedehnt sondern eher improvisiert, bestehend aus dem, was er halt noch da hatte. Es würde eine spannende Mischung werden, vielleicht sogar mit Einigem, was zusammenpassen würde. Brote mit Nussnugatcreme, Kaffee, Tomaten und saure Gurken, zum Nachtisch Gummibärchen.

Die Abendsonne stand bereits tief über dem See. Golden angeleuchtete Baumwipfel und die Spitzen der Schlosstürme warfen lange Schatten über eine spiegelglatt daliegende Wasseroberfläche. Flo und Kristina lagen auf einer Picknickdecke und fingen die letzten Sonnenstrahlen ein. Alles, was zu hören war, war das Zwitschern der Vögel, ansonsten herrschte völlige Stille. Es gab gerade einfach nichts zu sagen oder zu tun, außer hier gemeinsam zu liegen und den Abend zu genießen. Es raschelte im Gras. Ein Igel verließ das Gebüsch und tapste zum Trinken ans Ufer. Er schenkte den beiden keinerlei Aufmerksamkeit. Wenig später stand die Sonne so tief, dass er im Schatten verschwunden war. Die Geräusche der hereinbrechenden Nacht machten sich im Wald bemerkbar, vorsichtiges Licht drang aus den Fenstern des Schlösschens. Von Kristinas Anspannung und mieser Laune war nichts mehr übrig.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 94

Stau

Willst du den Charakter eines Menschen kennen lernen, gib ihm Macht! Wahlweise auch ein Auto mit viel PS.

In Kristinas Fall war es das Auto geworden. Es war ein Angebot gewesen, was sie nicht hatte ablehnen können. Nun war ihr Konto ein gutes Stück leerer, sie aber dafür um ihr Traumauto reicher. Sie hatte schon lange mit dem Gedanken geliebäugelt, aber sich selbst dann nie wirklich von der Notwendigkeit eines eigenen Autos überzeugen können. Für ihre Arbeit brauchte sie keines. Hin kam sie mit dem Bus, und falls sie dort eines brauchte, bekam sie einen Firmenwagen. Ihre Wohnung lag sehr zentral, sodass sie alles Wichtige zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Bus erledigen konnte.

Und wenn sie Flo besuchen wollte, dann fuhr der Zug alle halbe Stunde auf ziemlich direktem Wege. Sie musste sich um keine Benzinpreise oder Parkplätze kümmern und erreichte alles. Die Pragmatikerin in ihr hatte daher die Oberhand behalten, bis jetzt. Ein Auto war schließlich schon sehr praktisch. Besonders, wenn man Ziele erreichen wollte, wo keine Bahn direkt hin fuhr, oder um diese Uhrzeit nichtmehr. Man war unabhängiger und flexibler, und wenn sie ein wenig sparsam fuhr, dann wahrscheinlich nicht einmal viel teurer.

Sie hatte sich eine Überraschung für Flo ausgedacht. Sie hatte ihre neue Errungenschaft konsequent vor ihm verheimlicht, hatte ihm nur gesagt, dass sie dieses Wochenende zu ihm kommen würde. Ihr Plan war, ihn nur abzuholen und dann mit ihm ans Meer zu fahren. Sie hatte es sich schön überlegt aber aktuell war sie reichlich ernüchtert. Der Routenplaner hatte ihr erzählt, dass sie eine halbe Stunde schneller sein sollte, als wenn sie die Öffentlichen nehmen würde. Inzwischen stand sie aber nun schon eine Dreiviertel Stunde mehr oder weniger auf der Autobahn still.

Blaulicht, Sirenen, Polizei, Notarzt, Feuerwehr und der Rettungshubschrauber. Es war viel los auf der Gegenfahrbahn, auf der ansonsten kein einziges Fahrzeug unterwegs war. Die Verkehrsnachrichten im Radio berichteten von einer Vollsperrung… der Gegenfahrbahn. Auf ihrer Strecke sollte eigentlich alles fahren können, doch das tat es nur im Schritttempo. Wenn sie nach vorne blickte, konnte sie die Unfallstelle schon sehen. Ein wütend dreinblickender Polizeibeamter stand zwischen den Leitplanken hinter einer Kamera, welche auf ihre Fahrbahn gerichtet war und versuchte, mit genervtem Winken die Autofahrer zum Durchfahren zu bewegen. Er schien wenig Erfolg zu haben, denn sie sah Bremslichter und Arme, die Smartphones und Kameras aus den Autos in Richtung Unfallstelle streckten. Die Fahrbahn davor bot nichts, was man als Grund zum Abbremsen hätte gebrauchen können.

Der Umstand, dass sie am Ende mit ihrem Auto für diese kurze Strecke eine halbe Stunde länger brauchen würde, als mit der Bahn, weil einige Leute ihren Voyeurismus nicht kontrollieren konnten, ärgerte sie ausgesprochen. Was hatten diese Leute davon, zwei Feuerwehrleute, die einen Sichtschutz hochhielten, zu filmen? Wer würde sich ein solches Video jemals wieder ansehen? Und selbst wenn dieser Sichtschutz nicht da wäre, war es doch mehr als geschmacklos, die persönliche Katastrophe anderer Menschen im Vorbeifahren mit zu filmen, um am Ende vielleicht sogar noch ins Internet zu stellen.

Die Lust aufs Meer war ihr jedenfalls gründlich vergangen. Vielleicht reichte ja auch ein Badesee oder ein schöner Wald in der Nähe. Noch einmal fünf Stunden Autobahn wollte sie heute auf keinen Fall sehen. Flo würde von ihren ursprünglichen Plänen auch eh nur erfahren, wenn sie sich verplappern sollte. Sie nahm sich vor, dass das nicht passieren würde, winkte dem Polizisten mit der Kamera freundlich zu und beschleunigte aus dem Stau heraus auf die gerade vor ihr frei werdende Autobahn. Wenigstens war sie nun für die nächsten Kilometer fast allein auf der Strecke.

Seattle Locks Bridge

Hörsaalgetuschel -Ausgabe 93

Lange Nacht

Die ausdauernde Sommersonne war schon vor langer Zeit untergegangen. Es konnte nicht mehr ewig dauern, bis auf der anderen Seite der dicken Gardinen die ersten Anzeichen der Morgendämmerung auftauchten und die hoch treibenden Federwölkchen sanft rot färbte. Mia lag auf dem Rücken, die Hände vor dem Bauch verschränkt und starrte an die dunkle Decke über ihr. Wenigstens war das der Ort, an den ihre Augen gucken würden, wenn das Gehirn ihre Informationen nicht aktuell ignorierte. Mia war mit sich selbst beschäftigt, der Blick nach innen gekehrt.

Sie hatte ihre Zeit genutzt, seit die Vorlesungen zu Ende waren. Die ganze Woche hatte sie am Schreibtisch verbracht und war wieder und wieder ihre Abschlussarbeit durchgegangen. Fast hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie noch daran arbeitete. Es fühlte sich ja kaum noch wie ihre eigene Arbeit an, nachdem Erik sie restauriert und in eine elegante Form gegossen hatte. Er hatte wirklich ganze Arbeit bei der Formatierung geleistet. Übersichtlich, sauber, einfach zu lesen, professionell und nicht zu sehr gestreckt. Sie war verblüfft gewesen und reichlich neidisch auf diese Fähigkeiten. So verblüfft, dass sie beinahe vergaß, sich zu wundern, wieso er ihr ihre Arbeit geben konnte. Warum hatte er sich diese Arbeit gemacht? Mit seinem eigenem Studium kam er nicht aus dem Quark aber ihre Abschlussarbeit erledigte er mal eben nebenher?

Sie hatte zügig wieder in das Thema gefunden und die restlichen Kapitel geschrieben. Dennoch war sie nicht glücklich damit. Sie konnte nicht sagen, welcher Teil ihrer eigenen Feder, und welcher aus Eriks entsprungen war. Eigentlich sollte sie das nicht stören, versuchte sie sich einzureden. Solange sie es niemandem auf die Nase band, würde es ihr Geheimnis bleiben. Selbst Erik konnte sie sagen, sie habe alles noch einmal umgeschrieben. Er konnte sich wahrscheinlich kaum noch daran erinnern, was der Inhalt, geschweige denn der Wortlaut der Arbeit war. So etwas war ihm nie wichtig gewesen. Er ging so leichtfertig mit dem Vergessen um.

Und sie selbst bemühte sich verzweifelt, so wenig wie möglich zu vergessen. Die Arbeit rannte in ihrem Kopf auf und ab, dass an Schlaf nicht zu denken war. Selbst die Augen schienen nicht müde zu sein, nach all den langen Stunden am Rechner. So sehr sie sich auch bemühte und so sehr die Arbeit doch wieder Produkt ihrer eigenen Anstrengungen war, sie war nicht zufrieden. Von morgens früh bis abends spät bemühte sie sich, nur unterbrochen von der obligatorischen Pause am Nachmittag, wenn „Alles nur aus Liebe“ lief. Erik versuchte sich um sie zu kümmern, wenn er denn da war.

Einen Teil des Tages verbrachte er selbst in der Bibliothek und lernte mit Flo für die anstehenden Klausuren. Vermutlich war auch Tina dabei, aber das war Mia inzwischen nicht mehr wichtig. Dieses blondierte Schmalspurweib würde ihr ihren Freund nicht streitig machen, wenn sie nicht restlos dumm war. Der eigentliche Grund hinter ihrer Ruhe hatte sie zunächst kräftig erschreckt und ihr sehr viel Selbstbeherrschung abverlangt, ihn sich selbst einzugestehen: Sie vertraute Erik.

Wenn sie jetzt so darüber nachdachte, klang es fast banal. Vertrauen, die notwendige Basis jeder Beziehung. Es hatte fast zwei Jahre Beziehung gebraucht, bis sie sah, dass sie ihm vertraute. Im Umkehrschluss hieß das, dass sie ihm vorher nicht vertraut hatte? Wie war da überhaupt eine Beziehung möglich gewesen? War überhaupt eine Beziehung möglich gewesen? Sie hatte begonnen, sich selbst und ihre Beziehung mit Erik zu reflektieren. Während am Horizont der erste helle Streifen mit dem dunklen Nachthimmel rang, fielen ihr immer mehr und mehr Details, kleine und große Gesten und Worte ein und auf. Wie sehr Erik sich immer wieder bemüht hatte. Die allgegenwärtige Abschlussarbeit drang in ihr Gedankengebäude ein und mischte sich unter die Erinnerungen.

Auf einmal fühlte sie sich wieder wie ein kleines Kind. Das kleine Mädchen, welches unter dem Baum im Garten stand und, so sehr sie sich auch bemühte, es nicht einmal schaffte, auf den unteren Ast zu kommen. Sie hatte aufgeben müssen, weil sie nicht groß und nicht stark genug war. Jetzt war sie groß und stark genug. Aber war sie auch gut genug? Sie hatte nicht das Gefühl. Nicht bei ihrer Arbeit, nicht in ihrer Beziehung. Sie gab sich so viel Mühe und hatte trotzdem immer nur das Gefühl, nutzlos zu sein, ein Taugenichts. Es verdarb ihr die Laune und machte sie reizbar und mürrisch und was noch viel schlimmer war, herrisch. Sie hatte bisher nicht einmal realisiert, wie sie mit ihrer Umwelt umgesprungen war und wie sie sich verändert hatte. Jetzt tat es ihr entsetzlich leid.

Noch vor zwei Wochen war sie der Überzeugung gewesen, ihr ganzes Leben umkrempeln zu müssen. Sie hatte alleine nach einer Wohnung gesucht, in einer fremden Stadt, einer fremden Umgebung für einen Job, von dem sie nicht überzeugt war, aber den sie hätte haben können. Jetzt lag sie wieder neben Erik in ihrem gemeinsamen Bett und es fühlte sich einfach so viel richtiger an. Er sah so friedlich aus, wie er schlief, strahlte so viel Ruhe aus. Er war ihr Anker in diesem turbulenten Leben und wusste nicht einmal etwas davon. Er war die Konstante, die Regelmäßigkeit und er stand immer hinter ihr, so schwer sie es ihm auch machte. Wieso hatte sie ihm das noch nie gesagt?

Für eine Weile beobachtete sie ihn einfach, wie er dort lag und schlief, streichelte ihm vorsichtig über den Kopf und die Schultern. Irgendwas veranlasste sie dazu, ihn wach zu rütteln. Er war darüber überhaupt nicht glücklich, öffnete nur ein Auge so weit wie eben nötig und brummte sie mürrisch an. Sie erwiderte es mit einem Lächeln, gab ihm einen Kuss und sagte es nun doch einmal.

„Danke, dass du immer für mich da bist. Für alles einfach.“

Dann war sie eingeschlafen und hinterließ einen reichlich verwirrten und irgendwie beunruhigten Erik.

Clematis