Hörsaalgetuschel – Ausgabe 91

Damals…

Ein Hoch auf den ÖPNV und seine Freuden. Wie sehr es Flo doch liebte auf den Bus zu warten. Er hatte nicht mitgezählt aber inzwischen musste jeder einzelne Bus der gesamten Stadt an der Haltestelle vorbei gekommen sein, außer dem, der zur Uni hoch fahren sollte. Ein kurzer Blick auf die Uhr und ein langer Blick auf den Fahrplan. Vor zwanzig Minuten hätte er da sein sollen aber das war ja nur der Bus, der auf dem Plan stand und Fahrpläne waren entweder vorsichtige Vorschläge oder dekorative Elemente, die einem das Auffinden einer Bushaltestelle erleichtern sollten. Wahrscheinlich wäre er schneller gewesen, wenn er gelaufen wäre. Später ist man immer schlauer aber das war nun schon das vierte mal in zwei Wochen, dass Flo darauf herein gefallen war. Jetzt noch los zu laufen würde ihm auch nichts mehr bringen und der andere Bus zwei Blocks weiter war um diese Zeit auch längst durch. Für einen Augenblick erwog er, einfach nach hause zu gehen und sich einen schönen Tag zu machen aber dann würde er seine fällige Hausübung nicht abgeben können und das konnte und wollte er sich nicht leisten.

Er atmete tief durch, zwang sich zur Ruhe und trat nervös von einem aufs andere Bein. Um ihn herum bot sich das einheitliche Bild von Menschen, die mit stoischem Gesichtsausdruck, jeder für sich auf den Bus warteten und dabei den Blick auf Smartphones gefesselt. Auf Flo wirkten sie immer etwas wie Wachsfiguren oder Schaufensterpuppen. Die meisten hatten sich mit Kopfhörern abgeschottet und bekamen von der Umwelt nur noch das Nötigste mit. Er selbst hatte sich genau so gern mit Musik abgeschottet und sein Blick reichte entweder bis zur Nasenspitze oder bis zur Kreuzung, von wo aus der Bus kommen sollte. Die Wachsfiguren schienen geduldiger als er selbst zu sein. Offensichtlich wussten sie etwas, was er nicht wusste. Den genauen Zeitpunkt zum Beispiel, an dem der Bus kommen würde.

Wäre Flo gelaufen, er wäre jetzt ungefähr an der Uni angekommen. Stattdessen kam jetzt erst der Bus, überfüllt und mit einem offensichtlich übermüdeten Busfahrer, der überlegte, ob er nicht einfach vorbei fahren sollte. Glücklicherweise entschied er sich nicht nur zum Halten sondern auch noch dazu, die Türen auch zu öffnen. Wieder etwas nicht so selbstverständliches in dieser Stadt, so verrückt es auch klang. Flo seufzte und quetschte sich in das Getümmel. Verbrauchte Luft schlug ihm entgegen und er machte seine Musik lauter, um wenigstens nicht viel hören zu müssen. Er bemühte sich, möglichst wenig von den Menschen um ihn herum mitzubekommen. Es war ihm nicht nach Zoo zumute.

Je nach Laune würde er eine solche Situation nutzen, um seine Mitmenschen zu beobachten und zu beurteilen. Er war realistisch genug, zu sehen, dass auch er sich immer wieder nicht musterhaft verhielt. Mal war er angetrunken unterwegs, mal waren seine Haare nicht ordentlich frisiert oder der Bart nicht ganz sauber gestutzt. Vielleicht hatte er auch einmal einen Fleck auf dem Hemd. Doch wenn er sich im Bus umsah, dann hatte er den Eindruck, vielen Leuten wäre einfach alles egal. War es Ignoranz oder Überheblichkeit? So oder so war es ihm heute egal. Er war unterwegs, seine Mission zu erfüllen und das wars.

Vor dem Fenster herrschte strahlender Sonnenschein und ein traumhaftes Wetter. Es war eigentlich viel zu gut, um Bus zu fahren. Bislang war es überhaupt das Beste am ganzen Tag. Dicht gefolgt von der Endhaltestelle, an der der Bus nun klappernd zum Stehen kam. Die Türen öffneten sich und die lebende Ladung purzelte und taumelte auf den Bürgersteig davor, ehe sie sich verteilte. Auch Flo hangelte sich aus dem Bus und versuchte dabei, mit so wenigen seiner Mitreisenden, wie möglich, zu kollidieren. Eine Herde Yetis stapfte vorbei. Vielleicht waren es auch nur Hirngespinste.

Flo überprüfte seinen Rucksack. Er war noch da und der Inhalt genau so. Diesmal hatte er rechtzeitig an alles Wichtige gedacht, im Gegensatz zu diversen anderen Malen. Inzwischen konnte er es sich einfach nicht mehr leisten, schludrig zu sein. Bei dem Gedanken an frühere Semester wurde er beinahe etwas wehleidig. Damals war alles noch etwas leichter gewesen. Damals…

Bodensee 2

Backtracking zum Vergleichen: Hörsaalgetuschel – Ausgabe 2

Falls Du es noch nicht gelesen hast und neugierig bist 😉 Alles hat irgendwo einmal angefangen.

Advertisements

2 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 91

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s