Archiv für den Monat August 2015

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 48

Urlaubszeit

Flo war gelangweilt. Die Tage wurden länger, überall schoss das junge Grün hervor und er saß alleine in seiner Wohnung. Das beschrieb die Situation der letzten Tage eigentlich sehr allumfassend. Es drängte ihn hinaus, aber so ganz alleine kam er sich dabei albern vor.

Die ersten Tage hatte er die Ruhe noch genossen, hatte faul im Bett gelegen, Filme geguckt oder mit neuen Kuchenrezepten experimentiert. Nun war sein Gefrierfach voll mit halb gegessenen Kuchen, die er alleine nicht schaffte, und sein Salat faul. Um die Langeweile zu vertreiben hatte er sogar ein Computerspiel ausprobiert, was Erik ihm empfohlen hatte, aber er war einfach nicht der Typ für diese Art von Unterhaltung. Es war ihm zu anstrengend und zu zeitintensiv. Er wollte unterhalten werden, nicht selbst nachdenken.

Letzte Woche hatte er noch Kristina für ein paar Tage besucht. Sie musste allerdings arbeiten und er wollte sich nicht daran gewöhnen, zu Hause zu sitzen, auf sie zu warten, um dann festzustellen, dass sie von ihrem langen Arbeitstag erschöpft war. In ihrem Bücherregal hatte er nichts finden können, was ihn ablenkte und mit dem Kuchen konnte sie ihm auch nur bedingt helfen. Für ihre Diät war er pures Gift.

DSC02367Mia und Erik hatten ihre Koffer gepackt und waren für zwei Wochen dem nahenden Frühling entflohen. Rotes Meer, Sonnenschein, Wärme und Faulheit. Vielleicht würden sie auch ihr Hotelzimmer kaum verlassen und sich nur miteinander befassen. Vielleicht wollte er es auch eigentlich nicht so genau wissen. Die beiden hatte in letzter Zeit eine schwere Zeit gehabt. Die gemeinsame Zeit, abseits von Alltag und Stress, würden ihnen sicher gut tun.

Flo hätte auch nicht wirklich etwas gegen Urlaub einzuwenden. Eine weite Reise konnte er sich allerdings nicht leisten. Vielleicht würde er sein Fahrrad reparieren oder seine Familie besuchen, wo auch niemand Zeit für ihn hatte, denn er war der Einzige, der frei hatte. Er saß also entweder in seiner Wohnung alleine, bei Kristina alleine oder bei seinen Eltern alleine.

Erik hatte ihm erzählt, dass er ein Buch schreiben wollte und er machte Ernst. In letzter Zeit war er jedenfalls sehr auf seinen Laptop fixiert. Vielleicht sollte er auch versuchen, etwas zu schreiben. Immerhin schien Erik daran recht viel Freude zu haben. Andererseits war Erik auch Erik und nicht Flo. Er hatte generell einige andere Interessen und Vorlieben. Außerdem konnte Erik sehr viel besser mit Worten umgehen als er selbst. Schlechte Wortspiele war alles, was er zustande brachte.

Vielleicht sollte er sich einfach einen Ruck geben und hinaus gehen. Was konnte schon groß passieren? In der Stadt musste ja irgendetwas los sein. Es gab doch genug Leute, die nicht in Urlaub gefahren waren. Irgendwo mussten doch gute Freunde herumlaufen, die er nur noch nicht kennengelernt hatte. Apropos herum, vielleicht würde es mit etwas Rum leichter gehen. Eigentlich ja mit Bier aber davon hatte er keins mehr.

Die Erkenntnis traf ihn hart, als er es realisierte. Sein Bier war leer! Wie hatte das passieren können? Er war felsenfest davon überzeugt gewesen, noch mindestens einen halben Kasten zu haben, aber die Flaschen waren leer. Soviel konnte er unmöglich getrunken haben. Er musste also auf jeden Fall raus, und sei es nur zum Einkaufen. Es konnte nicht angehen, dass er keines hatte. Nur wo war es denn hin verschwunden? Getrunken hatte er es jedenfalls nicht. Vielleicht hatte Kristina ja ihren Durst gelöscht. Möglich war es. Sie wusste gutes Bier genau so zu schätzen wie er selbst.

Er hatte nie so sehr darauf geachtet, wie viel sie gemeinsam tranken. Vielleicht sollte er für etwas Abwechslung sorgen. Das sorgte für Frische, nicht nur im Bett und auf dem Esstisch. Am Fluss, etwas unterhalb der Stadt, hatte vor einiger Zeit ein Getränkehandel eröffnet, den er bisher noch nie von innen gesehen hatte. Dabei war es ziemlich in der Nähe für ihn. Vielleicht sollte er einmal etwas Neues wagen.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 47

Ehekrach

Das letzte Kapitel war geschrieben, die letzte Seite vollendet. Erik hatte seine Korrektur abgeschlossen und saß jetzt stolz vor seinem Werk. Noch hatte er es nur in digitaler Form auf seinem Rechner liegen, aber das sollte sich ändern. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr aber dennoch genug. Die Druckerei hatte ihm versichert, dass er nicht länger als vier Tage auf seinen Auftrag warten müsse. Vorausgesetzt natürlich, er wartete nicht noch zwei Monate. Dann wären nämlich die Abschlussarbeiten fällig und es war absehbar, dass sie dann auf Überstunden kommen würden.

Bis dahin musste er eh durch sein. Eigentlich hatte er geplant, das Buch nicht einfach nur drucken zu lassen, sondern durch einen Verlag richtig verlegen zu lassen. Dafür reichte aber die Zeit beim besten Willen nicht mehr, wenn es denn überhaupt einen Verlag gab, der es annahm. Erik würde es sich natürlich wünschen, aber er war nicht überzeugt genug von seinem Werk, dass er davon ausgehen wollte.

Es war ein schöner Tag. Zwar noch immer sehr kalt, aber die ersten Blumen streckten neugierig ihre Köpfe in Richtung der immer höher stehenden Sonne. Mit jedem Tag stieg die Zahl der Sonnenstunden und er freute sich sehr auf den Frühling. Außerdem freute er sich auf Mias Reaktion, wenn er ihr das Buch überreichte. Sie wusste zwar, dass er schrieb. Wusste aber nicht was oder wieso und er konnte es kaum erwarten, es für sie aufzuklären. Nur für den Augenblick war sie das Thema, was diesen schönen, sonnigen Frühlingstag für ihn trübte.

Eigentlich hatte er sie gestern nur anrufen wollen, um ihr eine gute Nacht zu wünschen. Doch dann war das allabendliche Ritual anders als gewöhnlich verlaufen. In der Regel bestanden diese Telefonate, wenn sie sich nicht gerade erst gesehen hatten, aus allerlei philosophischem Gefachsimpel über Gott, die Welt und die Nachrichten des Tages. Für ihn war es immer ein schönes Ausklingenlassen des Tages, nachdem er sich entspannt in die Kissen sinken lassen konnte.

Doch in den letzten Tagen war es immer schwerer geworden, ein Gespräch mit Mia zu führen. Sie war immer wortkarger geworden und zeigte im Allgemeinen kein Interesse an einem Gespräch. Zunächst hatte er noch gedacht, sie sei einfach müde oder mal einen Abend schlecht gelaunt. Es war ja nicht unmöglich. Er hatte auch Tage, an denen er sich nach etwas mehr Ruhe sehnte oder auch einfach mal den halben Tag lieber schlafen wollte. Jeder brauchte wohl dann und wann einmal eine kleine Pause.

Doch Mias Situation besserte sich nicht und Erik begann, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Es war nicht Mias Art ihn zu ignorieren oder mit der Wand reden zu lassen. Wenn sie Ruhe brauchte, dann sagte sie das für gewöhnlich einfach und schwieg ihn nicht minutenlang am Telefon an, nur um dann mit einem knappen „hmm“ zu signalisieren, dass sie überhaupt noch da war. Nur genau das war es, was sie nun tat.

Das Schlimme war für Erik nur, so sehr er seine Freundin liebte und so sehr er ihr auch helfen wollte, im Augenblick war er einfach nur extrem gereizt. Sie erwartete offensichtlich von ihm, dass er ihre Gedanken lesen konnte und ihr auf wundersame Weise helfen konnte. Sie lies ihn lieber raten und gab nicht den leisesten Hinweis darauf, was sie störte. Er versuchte es mit Geduld, er versuchte es mit Ausdauer, mit Verständnis und mit Hartnäckigkeit. Das Ergebnis war jedes mal das Gleiche und mit jedem „hmm“ schwand seine Geduld.

Er hätte so viel mit der Zeit anstellen können. Er hätte schreiben können, oder ein Spiel spielen oder etwas kochen. Stattdessen lag er auf dem Bett und versuchte verzweifelt, eine verhaltene Reaktion zu provozieren. Und provozieren war genau der richtige Ausdruck, denn inzwischen wusste er sich nicht besser zu helfen, als an den stellen zu kitzeln, von denen er wusste, dass sie es nicht leiden konnte.

„Doch, doch. Alles okay.“

Das war der Satz gewesen, bei dem er innerlich aufgegeben hatte. Dieser legendäre Satz, der das Synonym für „du hast es total versaut“ war. Und er wusste nicht einmal, auf was sie sich denn bezog. ‚Jetzt beeile dich bloß, heraus zu bekommen, was du falsch gemacht hast. Sonst ist hier gleich die Hölle los‘ schien die unausgesprochene Botschaft. Für solche blödsinnigen Psychospielchen hatte er kein Verständnis.

Wie verlockend es doch war, einfach wortlos aufzulegen und zu tun, als wäre alles in bester Ordnung. Mia würde toben und ihm den Hals umdrehen aber vielleicht würde sie dann endlich damit herausrücken, was sie denn nun eigentlich störte. Erik empfand es jedenfalls als schwere Beleidigung, ohne den leisesten Hinweis so abgewiesen zu werden. Oh, er hatte alles Recht, sauer zu sein und einfach aufzulegen. Würde er diese Frau nicht so lieben, er hätte es auch sicher getan.

Wieso war es eigentlich so, dass Frauen über ihre Probleme nicht reden konnten? Mia war nicht die Erste, bei der er dieses Verhalten beobachtet hatte. Es war eines der großen Klischees, gegen das sie so gerne wetterten. Und hier saß er nun seit einer gefühlten Ewigkeit und sah dieses Klischee auf grausame Weise bestätigt. Das Leben hätte doch so einfach sein können, wenn Männer und Frauen in der gleichen Sprache sprächen.

Nach allem, was er nun herausbekommen hatte, und das war nicht viel, gab sich Mia nicht einmal die geringste Mühe, in seiner Sprache zu reden. Er hatte das nagende Gefühl, das ihr absolut nicht daran gelegen war, das Problem zu beheben. Es schien ihr zu gelegen zu kommen. Ein Vorwand, um sauer auf ihn zu sein. Schluss machen konnte sie nicht. Nicht einfach so, nicht nach fast einem gemeinsamen Jahr. Da würde sie ihm eine bessere Begründung liefern müssen als ‚hmm‘ und so unfair konnte sie nicht sein. Selbst in ihrer aktuellen Situation. Was auch immer das für eine war.

Vielleicht hatte sie auch einfach ein paar schlechte Tage. Oder die Tage, und übermorgen war alles wieder okay. Er konnte es nicht sagen und seine Motivation, sich damit zu befassen war in der letzten halben Stunde „Telefonat“ auf deutlich unter Null gefallen. Er hatte getan, was er konnte, nun war seine Freundin am Zug. Und er hatte verdammt noch mal ein Recht darauf, dass auch sie sich einmal ein klein wenig um ihre Beziehung bemühte. Auch wenn das nun einfach nur noch eine Trotzreaktion war. Mürrisch stopfte er sich ein Bonbon in den Mund. Eines von der Sorte, von dem er wusste, dass Mia den Geruch hasste, nur um es mit seiner Trotzreaktion zu übertreiben. War er ihr denn wirklich so wenig wichtig, dass sie ihn so behandeln konnte? Das Bonbon war köstlich, trotzdem blieb ein unangenehm fahler Beigeschmack.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 46

Büroarbeit

Es war zu früh für Flo. Deutlich zu früh aber so war nun einmal der Lauf der Dinge. Im Arbeitsleben musste man sich an gewisse Regeln halten und eine davon war nun einmal, dass man zu einer gewissen Zeit an bestimmten Orten sein musste. Für Flo hieß das aktuell, pünktlich um acht Uhr morgens im Büro zu sitzen und darauf zu warten, dass ihm eine Aufgabe zugewiesen wurde.

Heute musste er nicht warten. Er war gestern mit seiner Arbeit nicht fertig geworden und der nächste Schritt war so zeitaufwendig, dass er ihn kurz vor Feierabend nicht mehr beginnen wollte. Er hatte sich vorgenommen, nicht übermäßig viele Arbeitsstunden zu sammeln. Er hatte sich allerdings auch vorgenommen, seine Pausen einzuhalten und dazu von seinem Arbeitsplatz zu verschwinden. Die letzten Tage hatte er dann aber doch wieder nebenbei gegessen und die Pause hindurch gearbeitet.

Es war nicht so sehr, dass er seine Arbeit liebte. Sie ging ihm regelmäßig ziemlich auf die Nerven, aber es war eine bequeme Möglichkeit um Geld zu verdienen. Das wiederum brauchte er für Bier, denn auf Dauer war auch das ganz schön teuer und das Bier benötigte er dringend, wo ihm der Job schon nervte. Er machte sich deswegen keine großen Sorgen. Es war nur ein Ferienjob um etwas Geld und Arbeitserfahrung zu sammeln. Praktika und Arbeitszeugnisse waren wichtig und wurden immer bedeutsamer. Das Einzige, was wohl noch wichtiger war, war Vitamin B.

Auf dem Monitor flimmerte der Entwurf eines Anschreibens. Flo blickte etwas ratlos auf die ausgedruckte Version vor sich. Die Chefin hatte es ihm zurückgegeben und gut die Hälfte des Textes mit roten Anmerkungen versehen oder gleich gestrichen. Er hätte es nicht für möglich gehalten, dass an so wenig Text so viel auszusetzen sein konnte. Mit bürokratischer Wortklauberei wollte er sich nicht anfreunden, obwohl er einsah, dass es nötig werden würde. ‚Hatte viel Verständnis für seine Aufgaben‚ geisterte es ihm durch den Kopf. Eine Formulierung, die er so auf keinen Fall in seinem Arbeitszeugnis lesen wollte.

Wieso war er eigentlich so schrecklich darauf fixiert, was in dem Zeugnis stehen würde? Er war kaum für einen Monat hier. Was für ein Bild konnten sich die Kollegen und Vorgesetzten in der Zeit schon bilden? Wie aussagekräftig konnte das schon sein? Er wollte natürlich gute Arbeit abliefern aber eben im Rahmen seiner Möglichkeiten. Er war nicht hier, um die Firma im Alleingang zu betreiben. Er war Praktikant, eine Aushilfe, mehr nicht. Und ganz offensichtlich war ein simples Anschreiben schon eine Herausforderung für ihn. Er knirschte mit den Zähnen.

Zaghaft glitten seine Finger über die Tastatur, dessen Leertaste nur dann funktionierte, wenn man sie in einem ganz bestimmten Winkel und an einer bestimmten Stelle drückte. Es fühlte sich falsch an, mit diesem Rechner zu arbeiten statt mit seinem eigenen. Andererseits wäre das auch sehr unangemessen gewesen. Er hatte die kritisierten Stellen im Anschreiben markiert und arbeitete sie nun einzeln ab. Am Ende hatte er den Eindruck, ein kleines literarisches Meisterwerk geschaffen zu haben. Er überflog den Text erneut und revidierte seinen Eindruck wieder. Es würde ihm reichen, wenn er dem kritischen Blick der Chefin standhalten würde.

Statt der Chefin stand allerdings die Sekretärin als Nächstes vor seinem Tisch und begutachtete ihn leicht tadelnd.

„Herr Naseweis, es fehlen noch immer Unterlagen von Ihnen. Meine Güte, ich kann mich einfach nicht an Ihren Namen gewöhnen. Es fühlt sich so seltsam an. Ich nenne meinen Sohn immer so, wenn er mit wieder Löcher über Gott und die Welt in den Bauch fragt. Er ist so schrecklich neugierig, wissen Sie. Wie dem auch sei, ich benötige immer noch eine Bescheinigung von Ihrer Universität, wenigstens aber die Immatrikulationsbescheinigung.“

Flo war nicht mehr nur ratlos, sondern auch noch irritiert. Späße über seinen Namen war er gewohnt, da konnte er nichts dran ändern. Was die Unordnung anging, gab er sich aber alle Mühe, sich neue, bessere Eigenschaften anzueignen.

„Aber die Sachen habe ich Ihnen doch bereits gestern auf den Schreibtisch gelegt. Linke Seite, wie von Ihnen gewünscht.“

„Sind Sie sicher? Ich meine, dort nichts liegen gesehen zu haben, nur die Unterschriftenmappe. Sie haben es aber nicht dort hinein gelegt, oder?“

Wieso hätte er denn so etwas tun sollen? Die Sekretärin mochte die gute Seele des Hauses sein, an manchen Tagen war sie allerdings recht verstreut. Dann suchte sie den Stift, den sie gerade in der Hand hatte oder ärgerte sich, dass der Computer ihr Dokument nicht drucken wollte, wenn sie auf ‚Speichern‘ klickte. Solange sie sich kein Salz statt Zucker in den Kaffee goss, musste sie aber wenigstens noch als zurechnungsfähig gelten. Er war jedenfalls überzeugt, die Unterlagen auf ein freies Stück Schreibtisch gelegt zu haben und sicherlich nirgendwo hinein. Er ging mit der Sekretärin im Schlepptau an ihren Schreibtisch und fand die Papiere genau dort, wo er sie abgelegt hatte.

Als er wieder an seinem Arbeitsplatz ankam, fand er ihn besetzt vor. Die Chefin persönlich scrollte über seine Korrektur. Sie schien ihn für den Augenblick nicht einmal zu bemerken, sondern las nur aufmerksam das Dokument auf dem Bildschirm. Im letzten Absatz schrieb sie einen Satz um, las ihn noch einmal und machte die Änderung rückgängig. Etliche Klicks später surrte der Drucker und sie sah auf.

„Tut mir leid, Sie sind wohl gerade nicht der einzige Naseweis hier im Büro. Ich hatte es nur offen auf dem Monitor gesehen, aber es liest sich doch sehr ordentlich. Sie scheinen ja bereits recht gut eingearbeitet zu sein. Ich würde Ihnen gerne noch das ein oder andere zu dem Thema geben, was Sie bitte für mich fertig machen können.“

Flo lächelte etwas gequält über das schlechte Wortspiel mit seinem Namen, erklärte sich aber einverstanden. Er würde doch etwas mehr Geduld brauchen aber das Bier reichte noch bis Ende der Woche. Dann würde Kristina ihn besuchen kommen und er brauchte es nicht mehr. Manches mal war die Welt herrlich schwarz-weiß. Für ihn war Kristina ganz klar jede Menge Weiß.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 45

Leere

Erik hatte sich extra den Wecker gestellt, obwohl er hätte ausschlafen können. Sein Laptop lag in der Nähe seines Bettes und er hatte ihn einfach nur noch greifen und den Text öffnen müssen. Er hatte den Plan gehabt, an seiner Geschichte weiter zu schreiben. Viel Zeit hatte er dafür nicht mehr und es gab noch große Pläne. Der Wecker hatte vor inzwischen drei Stunden geklingelt. Seit dem lag er wach, den Rechner auf dem Schoß und starrte auf den Bildschirm.

Natürlich, der erste Impuls war gewesen, die Mails abzurufen. Aber das dauerte ja nicht besonders lange. Wenn man das Postfach schon einmal offen, und die Ruhe hatte, konnte man ja auch kurz Antworten schreiben. Die halbe Stunde sollte man sich gelegentlich nehmen. Und wenn man schon einmal im Internet war, die Nachrichten des Tages konnte man ja auch einmal überfliegen.

Auf die Weise hatte er zwar seine Geschichte geöffnet, aber im Verlaufe des Morgens noch keinen einzigen Satz geschrieben. Zwischenzeitlich hatte er natürlich mal darauf gesehen und sich überlegt, was er schreiben konnte. Eingefallen war ihm aber nichts, was wirklich Substanz gehabt hätte. Es wäre sinnvoller, zunächst einmal duschen zu gehen und sich anzuziehen. Am Schreibtisch arbeitete es sich schließlich bequemer als im Bett. Außerdem war es doch bereits spät, da wollte er nicht mehr im Schlafanzug herumlaufen.

Die Dusche hatte den Vorteil, dass sie seinen Kreislauf anregte und gleichzeitig so wenig Ablenkung bot, dass sein Geist zwangsläufig anfing zu rennen. Bilder und Gedanken sprangen vor seinem inneren Auge umher. Hirngespinste flochten sich zu Geschichten. Er hatte sich eigens für solche Situationen einen Folienschreiber in die Dusche gelegt. Um die Ideen zu bewahren, bis er sie abtippen konnte, wollte er sie auf die Fliesen schreiben. Im ersten Anlauf erschien ihm die Idee genial. Im Zweiten merkte er schon, dass sein Stift wasserlöslich und damit unter der Dusche wertlos war. Er hätte einen Wasserfesten besorgen können, doch damit wären die Fliesen schnell voll gewesen und er hatte Angst, dass ein Lösungsmittel seine Duschwanne gleich mit auflösen würde.

So blieb ihm nur sein Gedächtnis und er verließ sich voll und ganz darauf. Wie schwer konnte es denn sein, sich eine kleine Geschichte zu merken? Sein Gehirn jedenfalls enttäuschte ihn regelmäßig. Teilweise wusste er nicht einmal mehr, dass er sich an etwas hatte erinnern wollen. Teilweise konnte er sich lediglich nicht mehr an das erinnern, was ihm durch den Kopf gegangen war. Dann saß er oft lange Zeit einfach nur da und starrte ins Leere. Dann und wann bekam er den Gedanken auch tatsächlich zu fassen, in den meisten Fällen aber schrieb er dann halbherzig eine neue Idee auf. Mehr als die Hälfte davon war eh für seine Geschichte absolut unbrauchbar. Er hatte nur das Gefühl, sich selbst und im Endeffekt seine Freundin zu enttäuschen.

Eine Zeit lang hatte er seinen Laptop genommen und war in die Uni gefahren. Die eifrige Ruhe in der Bibliothek hatte er als inspirierend empfunden. Irgendwann war ihm aber aufgefallen, dass beinahe jeder, der auf der Suche nach einem freien Platz bei ihm lang kam, auch auf seinen Bildschirm sah, war ihm die Motivation vergangen. Er konnte es ja irgendwo auch nachvollziehen. Er selbst ließ auch seinen Blick schweifen, sah die Bildschirme und nahm keinen Einzigen davon bewusst wahr. Es waren helle Punkte in seinem Kurzzeitgedächtnis. Vielleicht erging es den Anderen ja genau so. Trotzdem fühlte er sich nicht mehr wohl damit.

Bei Mia war die Ablenkung beinahe so groß wie auch zu Hause. Er bemühte sich und Mia wollte ihn auch unterstützen, nur war das genau das, was er nicht wollte. Mia konnte ihm nicht helfen, weil sie keine Ahnung hatte, was er trieb. Allerdings wurde sie immer neugieriger, sodass er auch bei ihr nicht mehr in Ruhe schreiben konnte. Er konnte jedenfalls nicht immer eine alte Hausarbeit als Alibi zurate ziehen. Den Trick hatte sie viel zu schnell durchschaut. Es hätte ihn gewundert, wenn es anders gewesen wäre, aber er hatte den Eindruck gehabt, es versuchen zu müssen.

Nur heute hatte er eigentlich nicht einmal Ablenkung. Eigentlich gab es nichts, was ihn hätte abhalten können. Gut, das Internet war groß und voller Abenteuer, der Kühlschrank voll mit leckerer Beute und das Leben vor dem Fenster manches Mal besser als Kino. Trotzdem, er ignorierte alles das, genau wie auch seine Tastatur.

Ein Düsenjäger flog viel zu tief über das Hausdach, hinter dem Drachen her, der keine Minute früher darüber geschossen war und die Dächer der Nachbarschaft abgedeckt hatte. Aus dem Licht der Mittagssonne löste sich ein Ufo, um dem Drachen zur Hilfe zu kommen. Alles das war es nicht wert, seinen Kopf zu verlassen. Mürrisch kaute er auf einem Gummiwurm herum. Seine Schwester hatte ihm die Tüte geschickt. Bio, vegan und selbstverständlich fair-trade. Darauf legte sie großen Wert.

Er starrte auf die letzten Zeilen, die er geschrieben hatte. Er wusste noch, wo er in seiner Geschichte war und was bisher passiert war. Er hatte nur absolut keine Ahnung, wie es weiter gehen sollte. Aber irgendwas musste doch passieren, irgendwas musste immer passieren. Eine Idee kam auf, kristallisierte aus und fühlte sich dann doch nicht richtig an. Erik stand auf und machte sich einen Kaffee.

Der säuerliche Geruch des billigen Instantkaffees füllte sein kleines Zimmer aus und mischte sich mit dem zwiebeligen Geruch der Tütensuppe von gestern Abend. Auf seiner Fensterbank stand eine kleine Zimmerpflanze. Was für eine konnte er nicht sagen. Mia hatte sie ihm geschenkt, um sein Zimmer mit etwas mehr Leben zu füllen. Seit die Pflanze dort stand, wunderte er sich, wie sie überhaupt hier überleben konnte. Kein Insekt überlebte in dieser Wohnung länger als einen Tag, Mia hatte es zu einem Ritual werden lassen, dass ihre erste Aktion nach dem Hereinkommen, das Öffnen des Fensters war. Völlig ungeachtet des Wetters und der Temperaturen.

Er selbst störte sich nicht so sehr daran. Er hatte sich an sein Zimmer gewöhnt und kam gut damit zurecht. Inzwischen gefiel ihm der spartanische Stil sogar recht gut. Das Zimmer war eh so klein, da tat es durchaus gut, dass es nicht genug Einrichtung gab, um unaufgeräumt sein zu können.

Wäre es doch nur unaufgeräumt. Dann könnte er jetzt in aller Ruhe aufräumen und putzen und alles das tun, was ihn irgendwie davon entschuldigte, nicht weiter zu schreiben. Nur lief ihm die Zeit davon. Er musste fertig werden.

Das brachte ihn dann doch noch auf eine Idee. Obwohl es eigentlich noch längst nicht fällig war und wenigstens zwei Kapitel bis dahin fehlten, setzte er sich hin und schrieb das letzte Kapitel. Es war nicht besonders lang und noch nicht besonders ausgefeilt aber da würde er am Schluss eh noch einmal drüber gehen müssen. Bis hier hin hatte er sein Werk jedenfalls schon korrigiert und abgehakt. Nun musste er nur noch die Lücke zwischen dem aktuellen Stand und dem Schluss schließen. Etwas, was zu bewältigen erschien.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 44

Klausurfrust

Vermutlich kennt jeder Student dieses Gefühl. Wochenlang hat man darauf hingearbeitet. Wochenlang hat man sich ein schlechtes Gewissen gemacht, sich mit allem Möglichen abgelenkt und gelegentlich sogar aktiv für die nahenden Klausuren gelernt. Man hat die Unterlagen des Semesters geordnet, fehlende Blätter bei Freunden abfotografiert oder kopiert und sich vorgenommen, dieses Mal auch wirklich Karteikarten zu schreiben. Dieses Mal hatte man sich vorgenommen, die Karteikarten sogar rechtzeitig anzugehen.

Dann, in der letzten Woche vor den Klausuren, war es ernst geworden. Es war keine Zeit mehr, sich abzulenken. Man stellte fest, wie viel Stoff eigentlich in so einem Semester pro Fach bearbeitet wird. In den höheren Semestern fällt einem auf, wie viel von den Grundlagen nicht mehr da ist. So vieles, was vergessen wurde, weil man damals in den Einführungsveranstaltungen nicht daran gedacht hat, es jemals noch einmal zu brauchen. Man war doch viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, auf Partys zu gehen und die Freundschaften zu schließen, von denen die Alten immer erzählt hatten. Die Freundschaften, die einem durch die Uni halfen und die einen ein Leben lang begleiten sollten.

Gemeinsam mit dem Grundstudium waren dann auch diese Illusionen irgendwann nicht mehr zu retten gewesen und man nahm sich fest vor, mit den Vertiefervorlesungen alles wieder wettzumachen. Daher nahm man sich jedes Semester aufs Neue vor, schon vorlesungsbegleitend den Stoff immer brav vor- und nachzuarbeiten. Man nahm sich vor, zeitig mit dem Lernen zu beginnen, um das Wissen nicht nur für die Klausur, sondern noch für die kommenden Veranstaltungen zu speichern. Eventuell wollte der ein oder andere sogar etwas für seinen späteren Beruf oder das Leben lernen. Immerhin offenbarte einem der Kontoauszug jeden Monat aufs Neue, dass das Studium recht teuer sein konnte.

Genau, wie in den Semestern davor, war man dann aber auch dieses Semester wieder viel zu spät dran. Hausarbeiten waren bis zum letzten Moment aufgeschoben worden, Klausurvorbereitungen hoffnungslos vernachlässigt und Schlaf durch massenhaft Koffein von der Liste des täglichen Luxus gestrichen worden. Der Höhepunkt ist noch lange nicht erreicht, wenn der größte Triumph in der Küche darin besteht, eine Tasse zu finden, aus der man freiwillig noch einen Schluck Kaffee trinkt.

Dann irgendwann ist er aber da, der Moment, für den man dies alles durchmacht. Der Moment, von dem man sich einredet, er würde sein späteres Leben maßgeblich beeinflussen. Wenn man seine Klausur geschrieben und abgegeben hat und es zu spät für jeden Nachtrag ist. Die Note, die man auf diese Leistung bekommt, wird für alle Zeiten auf ein Blatt Papier gebannt, welches zwischen Karriere und Arbeitslosigkeit entscheiden soll. Wie das Ergebnis wohl ausfallen wird? Wie ist die Klausur für einen gelaufen? Traut man sich, eine Prognose zu wagen oder will man sich keine Hoffnungen machen, die am Ende enttäuscht werden?

Die letzten Minuten der Klausur sind besonders angespannt. Jeder versucht noch die letzten Lücken zu füllen, die auf den Bögen voller Hieroglyphen übrig geblieben sind. Gleichzeitig gilt es Fehler zu korrigieren, seien sie echt oder nur vermeintlich. Dann werden die Fragebögen eingesammelt, gnadenlos, und ein Strom ächzender, schwitzender und aufgekratzt plappernder Studenten ergießt sich aus dem Hörsaal. Auf den Fluren spielen sich Szenen von Triumph und Verzweiflung ab.

„Was hast du bei Aufgabe 4.?“

„Das Modell hatten wir doch überhaupt nicht in der Vorlesung! Wieso fragt die denn so etwas?“

„Oh nein! Ich hatte die Fünf doch richtig, aber dann dachte ich, es sei genau anders herum und habe es noch einmal verbessert. Jetzt ist es falsch!“

„Siehst du, hier steht es doch genau so. Ich wusste doch, dass ich es richtig habe!“

Während die Einen noch lautstark ihre Antworten diskutieren, sich rechtfertigen oder prahlen, geben Andere sich stumm ihrem Schicksal hin. Jeder hier hat in irgendeiner Form Zweifel. Eine Antwort, den Teil einer Antwort oder gleich die ganze Klausur. Diejenigen, die restlos alles gewusst haben, sind längst weg. Sie haben die Klausur vermutlich schon mehrere Male nicht bestanden, dies war ihre letzte Chance und sie haben alle Antworten in der Hälfte der Zeit abgearbeitet. Sie sind aus dem Saal geflohen, bevor sich Zweifel bilden können und nun befinden sie sich in einem Delirium, aus dem sie nicht erwachen wollen, ehe das positive Ergebnis dieser Klausur vorliegt.

Flo dachte beiläufig an einen solchen Rausch. Er war nüchtern, was inzwischen niemanden mehr so wirklich überraschte. Es wurde zwar immer noch des Öfteren registriert aber dieser Zustand war inzwischen allgemein akzeptiert. Irgendwo in seinem tiefsten Inneren freute es ihn. Auch wenn er das Gegenteil erfolgreich zur Schau trug, es war ihm nicht egal, was seine Umwelt von ihm dachte. Wäre es ihm wirklich egal gewesen, hätte er seine Wohnung auch einmal ungeduscht verlassen, den Bart nicht immer sauber gestutzt und die Haare sorgfältig schräg nach hinten gelegt. Es wäre ihm egal gewesen, ob seine Jacken und Hemden zu seinen Schuhen passten.

Bei Mia sah die Sache heute wohl etwas anders aus. Sie stand in etwas vor ihm, was man als eine Kreuzung aus Schlafanzug und Sportkleidung bezeichnen konnte. Wenig praktisch, vielleicht halbwegs bequem aber ganz sicher alles andere als elegant oder stilsicher. Sie hatte ihr Kinn auf Eriks Schulter abgelegt. Dieser schwadronierte bereits geschlagene zehn Minuten darüber, was er alles falsch gemacht habe und dass er sich ja kaum noch an die Fragen erinnern könne. Seine Antworten schien er aber noch alle zu wissen.

Mit tiefen, dunklen Ringen unter den Augen und krächzender Stimme ließ er sich gerade zum dritten Mal darüber aus, wie unfair er die Klausur doch fand.

Mia hingegen fand die Klausur eigentlich ganz fair. Sehr schwer, aber dennoch halt fair. Man hätte alles wissen können, aber was sie besonders ärgerte, war, dass sie Gruppe 1 und nicht Gruppe 2 hatte schreiben müssen. Sie hatte natürlich einen Blick auf die anderen Fragebögen geworfen und die Aufgaben dort hatten ihr um Welten besser gefallen, als die Eigenen.

„Ich habe wirklich überlegt, ob ich nicht einfach die Klausur neben mir nehmen sollte. Ich mein, da hat eh niemand gesessen und es kann denen doch egal sein, welche Klausur ich am Ende abgebe. Ich hätte auch beide abgeben können, das wäre mir ja auch noch egal gewesen. Aber die Frage 6. c), das war halt genau das, worüber ich noch eine Hausarbeit geschrieben habe.“

„War die nicht über was ganz anderes? Wie passt denn das da rein, oder habe ich was verpasst?“

„Nein, du meinst die Hausübung für Quanti. Die muss ich aber noch machen. Das weißt du aber doch eh, hab ich dir doch gesagt, oder hörst du mir nicht zu?“

„Natürlich hör ich dir zu. Wenn ich dir mal nicht zuhöre, dann merkst du das doch. Es sei denn, du ignorierst mich wieder. Aber was hast du denn bei der Sechs jetzt geschrieben?“

Flo stand teilnahmslos dabei, während die beiden sich darüber austauschten, wer wo welchen vermeintlichen Fehler gemacht hatte. Er erkannte die Fragen wieder und erinnerte sich auch an seine Antworten. Sie stimmten in etwa mit Mias Antworten überein. Von einer Antwort konnte er sagen, dass Mia falsch lag, bei zwei Anderen hatte er Lücken, wo die Beiden sich noch um die richtige Formulierung stritten.

Eine geöffnete Sektflasche trat der kleinen Gruppe bei, dicht gefolgt von Tina, deren Hand die Falsche umklammerte. Die blondierten Haare leicht zerzaust und von einer Wolke sauren Kaffeegeruchs umgeben, wandte sie sich grußlos an Mia.

„Sag mal, ihr habt doch aus mitgeschrieben. Bei der ersten Aufgabe, da war doch eigentlich nur das Diagramm aus der ersten Vorlesung gefragt, oder? Das war im Skript gleich auf Seite zehn.“

„Nein. Du hättest das Diagramm zeichnen sollen, natürlich alles beschriften, aber dann auch noch eine kleine Erläuterung dazu schreiben sollen. Haben wir im Tutorium aber auch mehrere Male geübt. Bei wem warst du denn in der Gruppe?“

„Hä? Welche Erklärung denn? Ich war nicht im Tutorium, da konnte ich nicht. Die Termine waren immer überschneidend mit meinem Circuittraining. Aber in der Vorlesung hat die das doch auch nicht erzählt.“

„Doch. Sie hat es in der zweiten Vorlesung noch einmal nachgereicht, weil sie die Folien dazu noch nicht fertig hatte. Da warst du nicht mehr da, oder? Jedenfalls habe ich dich nach der ersten Veranstaltung nicht mehr da gesehen. Dachte schon, du hättest abgebrochen.“

„Nein aber zu den Vorlesungen gehe ich ja nicht. Die kann ich besser zu Hause machen. Da kann ich mir die Zeit besser einteilen und es bringt mehr, als in dem dunklen Hörsaal zu sitzen.“

„Stimmt. Vorlesungen hören bringt echt nichts. Mit der Ausnahme vielleicht, dass man dann den Stoff kennt, der in der Klausur geprüft wird. Andererseits steht das auch alles in den Büchern, die sie am Anfang empfohlen hat.“

Erik konnte sich den sarkastischen Einwand nicht verkneifen und selbst Flo, der sich zur Hälfte aller Vorlesungen selbst hatte zwingen müssen, unterdrückte ein Kichern.

„Ja aber das waren voll viele Bücher! Die kann man doch überhaupt nicht alle lesen. Das ist schon irgendwie echt unfair.“

Tina hatte den Sarkasmus meisterhaft übersehen. Erik rollte mit den Augen. Er hätte erwartet, dass sie sauer auf ihn wäre und ihm die kalte Schulter zeigte aber selbst er hätte einen solchen Kommentar zu deuten gewusst. Tina aber nahm die Aussage wörtlich und ernst. Sie zupfte sich ihren Ausschnitt zurecht, zuckte mit den Schultern und sah in die Runde.

„Wie lief denn die Klausur überhaupt bei euch? Fandet ihr die auch so unfair?“

„Wirklich unfair war sie nicht, nur halt echt schwer. Ich denke schon, dass ich bestanden habe aber für eine besonders gute Note wird es wohl nicht reichen. Vielleicht eine 2,7, vielleicht auch etwas schlechter.“

Erik winkte ab. Jetzt also doch? Eben noch war es doch so unfair gewesen und er hatte angeblich alles falsch. Nach dem kurzen Austausch war es schon alles besser und er traute sich eine gute Note zu? Flo wusste genau, dass Erik seine Noten immer mindestens zwei Stufen schlechter prognostizierte, als er eigentlich erwartete. Erik hoffte also auf eine 2,0 und dafür musste er doch einiges richtig haben. Dafür wirkte Mia noch immer weniger begeistert.

„Es war schon eine faire Klausur, aber die Fragen waren nicht alle sehr schön gestellt. Bei manchen war einfach undeutlich, was sie dort von uns sehen will. Man kann zu viel dazu schreiben. Außerdem hätte ich besser die Gruppe 1 geschrieben, deren Fragen waren besser. Die hatten zum Beispiel diese hier.“

Sie wedelte mit einem Blatt, welches sie aus ihrem Hefter gezogen hatte, vor Tinas Nase herum. Tina, die fast zwei Köpfe kleiner war als Mia, pflückte das Blatt aus der Luft, sah darauf und blickte Mia fassungslos an.

„Seh ich das jetzt richtig? Du regst dich hier auf wie ein Rohrspast, weil du nicht deine Lieblingsfrage hattest?“

„Das heißt Rohrspatz und nicht Spast. Und ja, das ärgert mich jetzt halt!“

„Oh mein Gott!“ Tina verzog ärgerlich das Gesicht und drehte sich demonstrativ Flo zu. Dabei zog sie kaum merklich ihr Top ein Stückchen weiter nach unten, beugte sich einen Hauch vor und legte den Kopf schräg. Ihre Stimme war plötzlich frei von jedem Ärger und einen deutlichen Schlag höher. „Und bei dir? Ist es gut gelaufen?“

Flo zuckte unbestimmt mit den Schultern. „Och naja, es war wohl nicht so ganz mein Tag. Ich kann es eigentlich besser und wollte jetzt auch nicht zwingend eine schlechtere Note, als es sein muss. Aber wenn du sie sehen willst, ich hab sie dabei.“

Er reichte ihr einige zusammengerollte Blätter, die er in der Hand hielt. Drei Augenpaare starrten völlig entgeistert auf die weiße Rolle. Tina nahm sie ihm ab und blätterte den dünnen Stapel durch. Titelblatt, Aufgabenstellungen, Fragen und Antworten. Die komplette Klausur, an denen sie alle die letzten zwei Stunden gearbeitet hatten. Von den vierundzwanzig Fragen waren ganze vier ausgelassen worden. Tina überflog die Antworten.

„Ja aber, du hast doch fast alles beantwortet und wie es aussieht auch noch richtig. Du hättest doch locker bestanden!“

Mia hatte ihr die Blätter entrissen und eilig überflogen. Nun massierte sie sich mit geschlossenen Augen die Stirn.

„Flo, bist du eigentlich bescheuert? Du kannst das doch nicht einfach einstecken. Wieso hast du die Klausur nicht abgegeben? So kannst du die voll knicken, du musst die neu schreiben!“

„Ja, ich weiß. Aber wie gesagt, ich hätte es besser gekonnt. Mein Schnitt ist schlecht genug, als dass ich die guten Noten brauche. Wenn ich die schon haben kann, dann will ich sie auch.“

„Und was hast du jetzt vor?“ Tina leerte einen guten Teil ihrer Sektflasche in ihren Mund.

„Kristina kommt zu mir, dann gehen wir Pizza essen und später noch ins Kino.“

„Ich nehme an, das bezog sich auf die Klausur.“ Mia rang sichtlich mit sich selbst, um Flo nicht eine schallende Ohrfeige zu verpassen. Tina starrte nur Flo an, die Flasche noch immer an den Lippen.

„Was soll ich da schon groß vorhaben? Die Nachklausur schreiben natürlich! Die ist in drei Monaten, das werde ich ja wohl auf die Reihe bekommen.“

Tina nickte, nahm noch einen großen Schluck und ging zu ihrer Clique zurück. Auch die drei Freunde nahmen ihre Sachen und bewegten sich in Richtung Ausgang.

„Wenn ich gewusst hätte, dass so etwas möglich ist. Vielleicht hätte ich das auch tun sollen.“ murmelte Mia, als sie Erik in den Regen vor der Türe schob.