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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 25

Raubkater

„Was macht meine Freundin eigentlich die ganze Zeit bei dir? Und wieso will sie mir nicht erzählen, dass sie bei dir ist?“

Erik stand angriffslustig vor Flo, der mit einem fiesen Kater in seinem Schreibtischsessel saß und apathisch vor sich hin schaukelte. Den Kater hatte er besagter Freundin zu verdanken. Mia war am vorigen Abend mit zwei Flaschen Rum bei ihm aufgeschlagen um sich, mal wieder, über ihren Freund aufzuregen. So sehr er ihren Besuch auch schätzte, es tat seiner Gesundheit nicht gut. Jenny hatte sich die letzten Wochen nicht mehr bei ihm gemeldet und das machte es nicht besser. Er vermisste sie und hasste sich genau dafür.

„Was denn? Keine Antwort? Was läuft da zwischen euch beiden? Und du stinkst schlimmer als ne Hafenkneipe. Was zum Teufel habt ihr gesoffen?“

„Rum. Hat Mia angeschleppt. Nimm dir ein Bier und setz dich aber hör auf so herumzuschreien.“

Flo brummelte in seinen Stoppelbart. Er war heute nicht fähig, laut zu reden. Dass Erik heute bei ihm vorbei gekommen war, passte ihm überhaupt nicht. Schon allein deswegen, weil er sein Bett hatte verlassen müssen, um die Türe zu öffnen. Er fühlte sich abgebrannt, schlapp und verbraucht. Einen widerwärtigen Geschmack auf der Zunge und ein dumpfes Gefühl im Kopf umklammerte er seine Beine, um nicht aus dem Sessel zu fallen, während er vor und zurück wippte.

Erik hatte sich kein Bier genommen und sich auch nicht gesetzt. Er stand mit verschränkten Armen im Türrahmen und wartete immer noch auf eine Antwort. Flo hatte bemerkt wie er mit den Augen möglichst unauffällig versucht hatte den Mülleimer, den Nachttisch und die Bettkante zu untersuchen. Dass er nicht gefunden hatte, wonach er gesucht hatte, würde ihn kaum beruhigen. Flo gähnte ausgiebig und wandte sich seinem Besucher zu.

„Kein Bier? Auch gut. Dann erklär du mir mal bitte, was da im Moment bei Mia und dir falsch läuft. Irgendwas muss da ja kaputt sein, wenn sie plötzlich anfängt, mich abzufüllen, statt dafür zur Schnecke zu machen. Es ist zwar schön, sich mal endlich wieder gepflegt die Kante zu geben aber das ist nur noch übertrieben.“

Erik funkelte ihn finster an. Er war gekommen um Antworten zu bekommen, nicht zu geben. Er wartete ab. Vielleicht sollte er sich doch ein Bier nehmen, einfach nur, damit Flo es nicht mehr trinken konnte. Andererseits sah er im Augenblick so aus, als könne er ihm damit sogar noch einen Gefallen tun und danach stand ihm gerade überhaupt nicht der Sinn. Er fühlte sich verraten und verletzt. Einer seiner besten Freunde und seine Freundin trafen sich hinter seinem Rücken, spät abends, zum Trinken, in einem Raum, dessen beste Sitzmöglichkeit, von einem Schreibtischsessel abgesehen, das Bett war. Er brauchte nicht viel Fantasie, um sich da etwas auszumalen.

Flo wartete auch auf eine Antwort. Eigentlich kämpfte er mehr damit wach zu bleiben und, nicht vorwärts aus dem Stuhl zu fallen. Seine Kopfschmerzen pochten so laut, dass er sich selbst nicht denken hören konnte, und wünschte sich gerade nichts mehr, als eine Tüte fettiger, salziger Chips. Selbst wenn er noch eine gehabt hätte, er hätte wahrscheinlich eh nichts hinunter bekommen. Und Erik hatte nichts Besseres zu tun, als dort zu sitzen und ihn anzuglotzen, als habe er gerade das letzte Stück Kuchen genommen. Hatte er ihm nicht eine Frage gestellt? Dann müsste doch eigentlich auch eine Antwort kommen. Mit etwas Glück könnte er daraus die Frage selbst rekonstruieren, denn er hatte sie wieder völlig vergessen. Es hatte etwas mit dem Kater zu tun, womit auch sonst, aber in welchem Zusammenhang?

Mia war da gewesen, mal wieder. Sie hatte Streit mit Erik gehabt, mal wieder. Die halbe Nacht war sie da gewesen und hatte mit ihm getrunken, mal wieder. Flo hatte nicht verstanden, was genau das Problem mit Erik war, aber die beiden redeten offensichtlich nicht miteinander. Mal wieder.

Es war nicht einmal so sehr das Problem, dass die beiden wohl beschlossen hatten, ihren Streit über ihn auszutragen. Was ihn mehr störte, war die Art, und das überraschte ihn selbst wahrscheinlich am allermeisten. Er, der an keiner Flasche Bier vorbei gehen konnte, störte sich an einem kleinen Kater. Er musste sich eingestehen, dass er alt wurde, und wo er schon dabei war, es war auch schließlich kein normaler Kater. Keine dieser Ausreden wollte so recht zünden und er fühlte sich in seiner Ehre beschmutzt und auf eine merkwürdige Art wie ein Betrüger. Er musste des Pudels Kern finden.

„Also, was ist nun mit Mia und dir?“

Er hatte nicht einmal bemerkt, wie Erik in den Minuten, die er mit seinem Kater gekämpft hatte, in sich zusammengesunken war. Wenn er ihn nun so ansah, hatte er einen beinahe kümmerlichen Haufen Mensch vor sich sitzen. Der eigentlich Größere und Kräftigere der Beiden sah fast so schlimm aus wie Flo sich fühlte, und nur halb so groß.

„Ich weiß es doch auch nicht. Im Augenblick habe ich den Eindruck, sie liebt dich mehr als mich. Jedenfalls verbringt sie mehr Zeit mit dir. Was auch immer ihr beiden da immer anstellt.“

„Du scheinst da ja viel hineinzuinterpretieren. Was traust du ihr eigentlich alles zu? Sie ist immerhin deine Freundin.“

„Ist sie das noch? Ich bin mir nicht so sicher.“

„Bemühst du dich denn um sie oder lässt du sie nur spüren, dass du unglücklich mit ihr bist?“

Flo war über seine Frage genau so überrascht wie Erik. Er hatte nicht erwartet, eine Frage zu stellen, die keinen Schaden anrichten musste und Erik hatte sich über solche Themen bisher keine Gedanken gemacht. Und wieso hätte er das auch tun sollen? Sie verhielt sich doch schließlich nicht anders. Nachdenklich schweigend saß er im Schneidersitz auf Flos Bett. Am Ende hatte er sich doch ein Bier genommen und der Geruch alleine reichte aus, um Flo ins Bad eilen zu lassen. Völlig in Gedanken versunken ließ er sich davon nicht stören.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 24

Praktikumsbewerbung

Flo war es leid gewesen. Die letzten Semesterferien hätten so schön sein können, wenn nicht spätestens alle zwei Tage jemand gekommen wäre, und ihn gefragt hätte, wieso er denn die freie Zeit nicht für ein Praktikum nutzte. Es war offensichtlich nicht akzeptiert, dass ein Student die vorlesungsfreie Zeit dafür nutzte, Hausarbeiten zu schreiben, für die Nachschreibklausuren zu lernen und auch ab und an einfach ein wenig Urlaub zu machen. Stattdessen sollte er arbeiten gehen oder aber wenigstens ein Praktikum machen.

„Informiere dich wenigstens einmal! Ehrlich, Praktika sind das, worauf die Personaler gucken. Deine Noten sind da nicht mal so wichtig.“

„Ehrlich, du sitzt seit zwei Wochen zu Hause und hast Zeit abends Trinken zu gehen. Da kannst du die Zeit mit einem Praktikum besser nutzen.“

„Ihr Studenten habt auch echt zu viel Zeit. Ich hab letztens in der Bahn mit einem geredet, der spielt in gleich zwei Bands und ist dann noch Vizekreisvorstand bei den Grünen. Keine Ahnung mehr was er studiert aber so entspannt würde ich auch mal leben wollen.“

Die Diskussion um die geräumig bemessene Freizeit der Studenten konnte er nicht gewinnen, das wusste er. Und ein Personaler konnte doch mit einem Praktikum auch nicht viel mehr anfangen, als mit der Modulliste im Abschlusszeugnis. Was für eine Ahnung hatte so jemand denn? Krawatten schnüren doch nur den Blutfluss zum Gehirn ab, und solche Leute sollten dann darüber entscheiden, was sein Kopf konnte. Ein ewiges Trauerspiel aber so drehte sich die Welt nun einmal.

Gebt mir einen Hebelpunkt, und ich hebe Euch die Welt aus den Angeln.‘

Das war ein Zitat, das ihm gefiel. Er hatte etwas von Revolution an sich, etwas Brachiales, einen gnadenlosen Neubeginn. Aber Flo hatte weder Hebel noch Hebelpunkt. Er würde die Welt aus keinen Angeln heben können und eine Revolution starten genau so wenig. Nicht in diesem Teil der Welt, wo die Menschen satt, faul und zufrieden damit waren, über alles zu schimpfen, was sich nicht wehrte. Mitten in einer solchen Welt lebte er, und wenn er darüber nachdachte, ekelte er sich ein wenig vor sich selbst, denn wo war er selbst denn besser?

Schließlich hatte er aufgegeben und seinen Lebenslauf erstellt. Für eventuelle Bewerbungen war das schließlich wichtig, wenn auch schrecklich frustrierend. Was konnte er dort hineinschreiben? Seine Schullaufbahn? Die war wenig ruhmreich und länger, als sie hätte sein sollen. Ähnlich sah es jetzt schon mit der Hochschule aus und besondere Fähigkeiten konnte er auch keine aufführen. Er konnte eine Flasche Bier in 4,5 Sekunden leeren, war letztens für ein Turnier seines Lieblingsstrategiespiels in die Vorauswahl gekommen und hatte in der sechsten Klasse einmal eine Medaille bei den Bundesjugendspielen gewonnen. Nichts davon war auf einem Lebenslauf angemessen aufgehoben.

Flo wusste, dass Erik einen Lebenslauf von sich hatte, mit dem er bereits mehrere Antworten von unterschiedlichen Stellen erhalten hatte. Für die Semesterferien hatte er sich häufiger um Nebenjobs beworben, um sein Konto etwas aufzubessern. Er hatte Flo den Lebenslauf geschickt, als kleine Unterstützung. Laut diesem Dokument sprach Erik vier Fremdsprachen, beherrschte Word und Exel und war Pfadfinderleiter.

Manches davon war glatt gelogen. Eriks Englisch war bestenfalls mäßig, sein Französisch kaum besser und die Kenntnisse in Spanisch und Latein reichten kaum aus, um sich vorzustellen und ein Mittagessen zu bestellen. Auch wenn er mit dem Computer gut umgehen konnte, Pfadfinder war er sicherlich nie gewesen. Mia hatte ihm die Bescheinigung darüber ausgestellt, um den Lebenslauf etwas aufzuwerten. Im Gegensatz zu ihrem Freund war sie nämlich bei den Pfadfindern, als Leiter und seit drei Jahren auch als Stammesvorstand.

Für Flo stand so etwas nicht zur Debatte. Sein Lebenslauf würde eher übersichtlich bleiben und bei dem Gedanken daran wollte er sich aus Selbstmitleid betrinken. Das musste nur leider warten, denn ein Lebenslauf allein macht keine Bewerbung. Es fehlten noch die Bewerbung selbst und die Adresse. Um was davon wollte er sich zuerst kümmern? Im Grunde war es doch egal, das Anschreiben würde eh nur eine Standardversion werden, in der er beliebige Sätze austauschen konnte, um sie auf den jeweiligen Betrieb anzupassen.

Eine Stunde später stand das Anschreiben. Er wusste nicht, an wen er es richten sollte und auch die Jobbeschreibung war ein Platzhalter. Aber immerhin konnte ihm nun niemand mehr vorwerfen, er hätte sich nicht darum gekümmert. Definitiv Zeit, sich mit dem ersten Bier des Tages zu belohnen. Immerhin war es schon bald achtzehn Uhr. Er wusste, dass er es eigentlich lassen sollte. Der letzte Kasten hatte nicht einmal eine Woche gehalten und generell hatte er zu viel Zeit zum Trinken.

Zu seiner Verteidigung musste er sich eingestehen, dass Mia und Erik ihm fleißig dabei geholfen hatten. Immer abwechselnd, nicht gleichzeitig waren sie die letzten Tage immer wieder da gewesen und hatten ihm aktiv beim Trinken und Dokus gucken Gesellschaft geleistet. Trotzdem hatte er sich nicht zurückgehalten und kräftig zugelangt. Jetzt hatte er ordentlich Durst und Lust auf jede Menge Bier. Und frustriert war er auch, konnte aber nicht sagen, weswegen genau.

Der nächste Morgen begann spät. Er hatte am Abend doch noch auf sein Bier verzichtet, sich stattdessen mit einem Whiskey auf die Suche nach Stellen im Internet gemacht. Bei etlichen Firmen hatte er keine Stellen gefunden, aber trotzdem die Bewerbung dazu geschrieben. Nun kam er auf zwanzig Bewerbungen und er rechnete nicht damit, auf nur eine davon eine Antwort zu bekommen. Er war aktiv gewesen, und wenn die Mails alle verschickt waren, konnte er sich wenigstens ein ruhiges Gewissen erlauben.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 23

Zwischen den Fronten

Es gibt Tage, an denen sollte man sein Bett nach Möglichkeit nicht verlassen. Es gibt auch Tage, an denen sollte man sein Bett unbedingt verlassen, und die Wohnung, und die Stadt. Flo war sich noch nicht sicher, was davon dieser Tag war. Es war auf jeden Fall keiner dieser Tage, die sich schon deswegen lohnten, weil die Sonne morgens aufgegangen war. Er saß auf seinem Bett, auf dem Fernseher flimmerte eine Dokumentation über die italienische Luftwaffe im zweiten Weltkrieg, in seiner Hand wurde ein Bier warm und neben ihm lag Mia, war betrunken und sehr mies gelaunt.

Der Tag hatte nicht einmal schlecht angefangen. Flo war früh und ohne Kater aufgewacht. Er hatte vernünftig gefrühstückt, leere Konservendosen entsorgt und Geschirr gespült. Alles in allem war er überrascht, wie produktiv der Tag bisher verlaufen war. Selbst sein Nachbar, ein magerer, sehr stiller, kleiner und nicht besonders gut aussehender Junge, der Philosophie studierte aber absolut nicht trinkfest war, hatte offensichtlich einen guten Morgen.

Flo hatte ihn gestern Abend noch mit einem Mädel nach Hause kommen sehen, welches ausgesprochen hübsch aber sturzbesoffen war, ihn mit Spott betrachtete aber keine Anstalten machte, abzuhauen. Das regelmäßige Pochen an der Wand ließ darauf schließen, dass sie diese Meinung bisher nicht geändert hatte. Es klang sogar so, als wäre sie ausgesprochen zufrieden mit dieser Wahl und er offensichtlich auch, das erste Mal, seit Flo neben ihm wohnte.

Dann war eine SMS von Erik gekommen und der Tag war schlagartig weniger sonnig, als zuvor. „Wie kann man sich über eine 1,3 so aufregen? Erklär mir das bitte. Diese Frau treibt mich noch in den Wahnsinn!

Er hätte nicht sagen können, woran es lag, aber er hatte das nagende Gefühl, dass dies keine gewöhnliche Unstimmigkeit war. Erik regte sich für gewöhnlich nie laut über Mias Angewohnheiten auf. Sie gehörten zu seiner Freundin dazu und er ließ nie einen Zweifel daran, dass er sie über alles liebte. Und wieso wandte er sich mit seinem Problem an Flo? Er wusste doch, dass dieser der falsche Ansprechpartner war.

Das Schlimmste für Flo war, dass er seinen Freunden helfen wollte. Er hatte ein Helfersyndrom, das ihn zwang, aktiv zu werden. Selbst dann, wenn er wusste, dass er eher mehr Schaden statt helfen konnte. Was sollte er tun, außer zu fragen, was los war und Mittag essen gehen? Er hatte nicht einmal eine Freundin, also fehlte ihm diese Erfahrung. Er hätte gerne eine gehabt, nur halt nicht irgendeine. Jenny jedoch hatte ihm klargemacht, dass es ihr auf etwas anderes ankam und ihm war dieser Status im Moment lieber, als ganz auf sie verzichten zu müssen.

Mit viel Frust im Bauch stand er am Herd, ein Bier in der einen, den Pfannenwender in der anderen Hand. Im Kochtopf köchelte eine Dose Bohnen, in der Pfanne knisterte Speck und im Radio spielte ein Symphonieorchester einen schnellen Walzer. Akustisch passte das Stück in keiner Weise zum Fernseher, auf dem Nachrichten um Kriege in Zentralafrika, dem nahen Osten und dem Süden der ehemaligen Sowjetunion sich mit einem Taifun in Indonesien ein Rennen um die größte Aufmerksamkeit lieferten.

In diese eher trübe Grundstimmung hinein klingelte es an der Türe. Er machte den Herd aus, goss Speck und Fett aus der Pfanne in den Topf, um gleich daraus zu essen, und öffnete. Mia wartete nicht darauf, hereingebeten zu werden. Im Vorbeigehen nahm sie ihm das Bier aus der Hand und leerte es, noch während er die Türe hinter ihr schloss. Verwirrt starrte er auf die leere Hand und fühlte sich bitter betrogen und ausgeraubt.

„Ich gehe jede Wette ein, dass Erik sich schon bei dir gemeldet hat und egal was er gesagt hat, es ist gelogen!“

Mia redete unangenehm laut und schnell, roch nach billigem Schnaps und warf sich gerade in sein ungemachtes Bett, ohne ihre Schuhe auszuziehen. Sie war völlig unfähig zu bemerken, mit welcher Brutalität sie gerade in seine Privatsphäre eindrang. Flo stellten sich alle Nackenhaare auf und ein eiskalter Schauer lief ihm den Rücken hinab.

„Es ist im Grunde eh egal, was er geschrieben hat. Er hat ja keine Ahnung. Wie auch, wenn er mir nie zuhört?“

„Was redest du da? Er hat doch überhaupt nichts gesagt.“

„Siehst du? Das meine ich! Es ist ihm völlig egal, was mit mir ist. Ich könnte ihm sagen, dass ich Krebs habe, und es würde ihn nicht interessieren.“

„Du hast Krebs? Seit wann?“

„Das ist nur ein Beispiel, verdammt! Es geht darum, dass er mir nicht zuhört und es nicht ernst nimmt, wenn ich Sorgen habe und es mir schlecht geht.“

„Damit macht man keine Scherze!“ Flos Einwand kam schärfer, als er beabsichtigt hatte. Er öffnete sich ein neues Bier und setzte sich auf die Bettkante.

„Das musst du ihm sagen. Ich höre ihm zu.“ Sie lallte und sah schrecklich übernächtigt aus.

„Nein, ich meinte den Krebs. Mit so etwas macht man keine Späße. Was den Rest angeht, dazu kann ich nichts sagen. Ich habe nicht daneben gesessen und weiß nicht, worüber ihr streitet.“

„Wir streiten ja nicht. Soweit kommen wir ja überhaupt nicht.“

„Das klang aber eben noch anders. Ich habe nur mitbekommen, dass du mit deiner Note nicht glücklich bist. Da bin ich dann ja wohl genau die richtige Adresse.“

„Woher weißt du das mit der Note?“

„Du hast mir doch selbst die Liste geschickt. Außerdem macht sich dein Freund Sorgen um dich.“

Mia setzte sich ruckartig auf und starrte auf ihn hinab. Neben ihr fühlte er sich mal wieder winzig klein. Aus ihren Augen starrten Müdigkeit, Wahnsinn und mehr Alkohol, als sie vertrug. Sie Fixierte ihn für eine Weile und sackte dann in sich zusammen.

„Er hat also doch mit dir geredet. Wieso ist er denn mit mir zusammen, wenn ich angeblich immer so schlimm bin? Wieso macht er nicht einfach Schluss?“

Flo antwortete nichts mehr. Er fühlte sich verbraucht und leer. Er war genau so Eriks Freund wie Mias und die beiden streiten zu sehen gefiel ihm nicht. Besonders, weil Mia gerade so klang, als würde sie nicht versuchen wollen, die Beziehung zu retten, sondern eher auf eine Gelegenheit wartete, sie zu beenden. War das alles nur eine große Ausrede? Und wieso kam sie damit zu ihm? Konnte sie das nicht mit Erik selbst ausmachen und ihn daraus halten?

Während in der Küche das Mittagessen kalt wurde, wurde sein Bier warm. Mia lag apathisch zusammengerollt da und ihm blieb nicht mehr, als auf den Bildschirm zu glotzen und seinen Gedanken nach zu hängen. Seine Welt war nie besonders groß gewesen aber zurzeit war sie besonders klein und nun drohte all das in Scherben zu zerfallen. Dafür würde sein Bier nicht mehr reichen.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 22

Notenlisten

Seit Stunden vibrierte Flos Telefon beinahe durchgehend. Jedes Vibrieren war eine Meldung, dass sich einer seiner Kommilitonen auf einem der sozialen Netzwerke darüber ausließ, dass noch immer keine Klausurnoten bekannt waren. Eigentlich hatte es längst so weit sein müssen, schließlich war angekündigt gewesen, dass die Noten bis zum Wochenende da waren und das war immerhin schon übermorgen.

Seit dem Morgen hatten einige Leute also nichts Besseres zu tun, als sich auf der Seite des Prüfungsamtes aufzuhalten und alle zwei Minuten die F5 Taste zu bemühen, immer mit dem gleichen Ergebnis.

Anfänglich hatte er noch seinen Laptop hochgefahren und nachgesehen, was denn so viel Diskussion wert war. Nachdem der erste Streit darüber ausgebrochen war, wie wichtig oder unwichtig es denn war, die Noten in der ersten Sekunde zu erfahren, hatte er abgeschaltet und sein Telefon ignoriert.

„Zum Wochenende“ war eh ein ziemlich dehnbarer Begriff. Besonders, da nicht gesagt war, welches Wochenende gemeint war. Es konnte sich also genau so gut noch zwei Wochen hinziehen und besonders die Kommilitonen würden nervös werden, die sich im Zweifel für die Wiederholungsklausur anmelden mussten. Wahrscheinlich würde er dazugehören, nur dass er sich deswegen keine Sorgen machte.

Irgendwann im Verlauf der letzten Jahre hatte er bemerkt, dass ihm die Klausuren eigentlich egal waren, solange er sie nur bestanden hatte. Jetzt, wo Mia und Erik ihm aber dazu verhalfen, tatsächlich auch Klausuren zu bestehen, änderte sich das allmählich. Wenigstens dann jedenfalls, wenn er einen Blick auf seinen Notenschnitt warf und daran dachte, dass er auch irgendwann einmal fertig sein würde und dann eine Stelle finden wollte.

Mia musste sich um ihre Noten keine Sorgen machen. Er hätte sich nicht gewundert, wenn sie den besten Schnitt der Fakultät hatte. Bei Erik sah die Sache etwas anders aus, er kam im Fahrwasser seiner Freundin trotzdem recht gut voran. Ein bisschen Fleiß brachte er aber auch selbst mit. Jedenfalls mehr, als Flo selbst zur Verfügung hatte.

Wieder vibrierte das Telefon, diesmal allerdings mit einer SMS und keiner Aktualisierung. Mia war heute offensichtlich spät aufgewacht. Wahrscheinlich hatte sie bei Erik übernachtet und die Beiden hatten etwas getrödelt.

Was ist denn im Internet los? Haben die Affen nichts Besseres zu tun? Ich habe einen halben Herzinfarkt bekommen, als ich gesehen habe, wie viele Nachrichten ich verpasst habe. Die sollen sich einfach etwas gedulden.“

Das war gelogen, das wusste sie genau so gut wie er selbst. Sie hatte nur offensichtlich Redebedarf und Erik hatte einen grummeligen Tag. Er überlegte kurz, was er ihr antworten sollte, vergaß es dann allerdings über die Doku, die noch auf seinem Fernseher flimmerte. Dargestellt wurden die angeblich „modernsten und besten U-Boote der Welt,“ also amerikanische Atom-U-Boote aus den 1960er Jahren. Das Modernste an ihnen war die Farbe auf der Außenhaut und selbst die blätterte schon. Der Sprecher ergötzte sich gerade daran, welche sagenhaften Vorteile der enorme Nuklearreaktor bot und wie sauber und ungefährlich er doch war. Um glaubhaft zu wirken, trug er nur leider einen Hauch zu viel Ironie in seiner Stimme.

Ignorier mich ruhig, wenn ich mich über unsere Kommilitonen aufrege, mit mir kannst du das ja machen. Aber wenn du das bei deiner Freundin bringst, bist du schneller wieder Single, als du zwinkern kannst.

Sie meinte es ernst, daran bestand kein Zweifel. Der Sprecher im Fernsehen rühmte die Unbesiegbarkeit der U-Boote und ihres Arsenals an Atomraketen und Flo versuchte den Spagat, Mias Laune zu befriedigen, ihr von der Lächerlichkeit mancher Dokus zu erzählen und gleichzeitig den aktuellen Klatsch ab zu fragen, ohne dabei zu neugierig zu sein. Sie war unter Garantie wieder bis zum Zerreißen gespannt auf die Notenlisten. Wie auch immer es ausfallen sollte, er hatte einen frischen Kasten Bier in seinem Zimmer stehen, damit war er auf alles vorbereitet.

Vorausgesetzt, der Kasten hielt lange genug. Zischend flog der Kronkorken ab, als er sich die dritte Flasche des Tages aufmachte. Jenny hatte sich zu ihrer Familie abgesetzt, konnte ihn also nicht davon abhalten und Mia war mit Erik und den Noten ausreichend beschäftigt, um sich nicht um seinen Bierkonsum zu kümmern. Zu Beginn der vorlesungsfreien Zeit hatte er noch Vorsätze gehabt, sich zurückzuhalten. Beim Bier hatte er das auch geschafft. Erst den zweiten Kasten in vier Wochen, er war ein kleines bisschen stolz auf sich, das musste er zugeben. Den Schnaps blendete er erfolgreich aus. Das war nichts, womit er sich befassen wollte.

Mias Antwort lies auf sich warten. Als sie dann kam, bestand sie nicht aus Text, sondern einem Foto. Offensichtlich war Mia in die Uni gelaufen, hatte sich vor das Schwarze Brett gesetzt und die Liste abgewartet. Und es hatte sich gelohnt. Die Liste war gekommen und hatte ihren Seelenfrieden wieder herstellen können. Er wunderte sich nicht, hinter Mias Matrikelnummer eine 1,3 stehen zu sehen. Erik hatte nur noch eine 2,0 geschafft aber damit auch noch gut bestanden.

Und Flo selbst? Seine Matrikelnummer war leicht zu finden. Als einer der älteren Studenten war seine Nummer immer weit oben. Dieses Mal eröffnete er die Liste sogar, und das gleich mit einer 3,3! Damit würde sein Schnitt sich auf keinen Fall verschlechtern. Das musste gefeiert werden. Er leerte seine Flasche in einem Rutsch, eine gute Note verdiente schließlich eine frische Flasche.

Die vierte Flasche des Tages verlor ihren Verschluss, Flo stieß auf sich selbst an und genoss das kühle Bier. Es erschien ihm irgendwie bitterer als sonst. Vielleicht, aber nur vielleicht, war er doch nicht so glücklich damit, nur zu bestehen.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 21

Waschsalon

Der Sommer war eindeutig vorbei. Nicht nur, dass die Sonne sich immer seltener und immer kürzer zeigte, die Temperaturen fielen ebenfalls spürbar. Besonders an diesem Sonntag Nachmittag. Die gräuliche Dämmerung wurde von einem ungemütlich kalten Nieselregen eindrucksvoll in Szene gesetzt und erzeugte eine Stimmung, die irgendwo zwischen Melancholie und Depression zu schweben schien. Für Flo war das Grund genug gewesen, seine Gardinen den ganzen Tag noch nicht aufzuziehen.

Mittag war schon vorbei und die Sonne war im Begriff unterzugehen. Die zweite halb volle Müslischale des Tages stand vor dem Fernseher, der unbeachtet einen Western abspielte. Ein namenloser Held lieferte sich eine wilde Schießerei mit einer kleinen Armee von Bösewichten. Wie durch ein Wunder war keiner von ihnen ein besonders treffsicherer Schütze, er selbst dafür um so mehr.

Während auf der Mattscheibe die Gangster von Dächern und Pferden fielen, stand Flo vor seinem Kleiderschrank. Gerade frisch geduscht suchte er nach etwas, was sich den Rest des Tages noch gut tragen ließ. Die Auswahl war begrenzt. Ein Polo-Shirt, welches er hasste, zwei T-Shirts mit Löchern, die er eigentlich längst weggeschmissen haben wollte, eine Schlafanzughose und zwei einzelne, unterschiedliche Socken. Er griff, was er brauchen konnte und ergänzte die fehlenden Teile von dem großen Haufen neben dem Schrank.

Der Haufen Schmutzwäsche war in den letzten zwei Wochen beständig gewachsen und beinhaltete inzwischen alles an halbwegs vorzeigbaren Klamotten, die er besaß. Vor seinem inneren Auge konnte er Fliegen darüber schwirren sehen. Wenn er nächste Woche nicht nackt in die Vorlesungen gehen wollte, dann musste er waschen gehen. Oder er ginge einfach überhaupt nicht aber dann würde ihn Mia garantiert umbringen.

Er zog seinen Koffer unter dem Bett heraus, stopfte die Schmutzwäsche hinein und suchte sein Kleingeld zusammen. Der Weg zum Waschsalon war nicht weit aber es reichte, um sich zu ärgern, keine Jacke angezogen zu haben. Die großen Fenster des Salons waren neben den Straßenlaternen die einzigen, erwähnenswerten Lichtquellen. Ansonsten lag die Straße im Dunkeln.

Flo hatte erwartet, den Raum fast leer vorzufinden. Es war Sonntagabend, das Wetter war mies und eigentlich hatte jeder vernünftige Mensch doch etwas Besseres zu tun. Stattdessen fand er mehr als die Hälfte der Maschinen besetzt vor, ihre Besitzer den müden Blick abwesend darauf gerichtet. Das blasse Neonlicht verlieh ihnen eine fahle, graue Färbung, die sie irgendwie unwirklich, wie Zombies wirken ließ.

Er bahnte sich einen Weg durch die stumme Horde zu einer freien Maschine. Ein Mädchen, etwa in seinem Alter, hob kurz den Blick und lächelte ihm zu. Das musste das absolute Maximum an Bewegung gewesen sein, was dieses Gesicht in der letzten halben Stunde erlebt hatte. Ohne eine Reaktion abzuwarten, wandte sie sich wieder ihrer Maschine zu. Die Anzeige ließ verlauten, dass die Wäsche in etwa zehn Minuten fertig sein würde. So lange würde das Mädchen wohl noch auf das Bullauge starren, das Gesicht halb von den dunklen Locken verdeckt.

Wortlos wie die Anderen belud er eine freie Maschine, füllte die Waschmittelfächer und stopfte das Kleingeld in den Kassenautomaten. Mit einem Rasseln setzte sich die Trommel in Bewegung und die Anzeige leuchtete auf. Fünfunddreißig Minuten. Er hatte sich zwar seinen Block eingepackt aber in der allgemein depressiv wirkenden Gesamtstimmung verspürte er keine Motivation, ihn auch nur aufzuschlagen.

Neben der Türe stand ein Bücherregal zum Büchertauschen. Gelegentlich fand sich darin etwas Spannendes, heute natürlich nicht. Flo ließ den Blick durch den Waschsalon streifen. Die Szene hatte sich kaum verändert. Wortlose graue Gestalten standen umher, jeder für sich. Vor seinem inneren Auge sah er eine Filmszene ablaufen. Eine Gestalt, ein Superheld oder wer auch immer, kam durch die Fensterscheibe geflogen, prallte mit einem dumpfen Knall gegen die Rückwand des Raumes und klatschte auf die Fliesen. Als er aufstand, hoben vereinzelte Zuschauer kurz den Blick. Der Fluggast verließ das Geschäft durch die Türe, als wäre nichts gewesen. Von den hochinteressierten Zuschauern wurde das Ganze, hollywoodmäßig, mit einem zufriedenen Kopfnicken quittiert, ehe sie sich wieder ihrer Wäsche zuwandten.

Irgendwie bedauerte er es, dass davon nichts echt passiert war. Die Scheibe war heile und dreckig wie immer, die Waschmaschinen brummten unbeeindruckt vor sich hin und in den Trommeln klapperten Knöpfe und Reißverschlüsse. Vielleicht sollte er sich doch noch einmal dem Bücherregal widmen. Wenn schon nichts Spannendes dabei war, irgendetwas musste es doch geben. Von der Kreuzung, etwa hundert Meter die Straße hinab nahte die Rettung vor der Langeweile.

Mit viel Getöse und lautem Gelächter näherte sich ein Mann mittleren Alters und einem Telefon am Ohr. Auf dem Rücken trug er einen Reiserucksack, aus dem schlammige Hosenbeine baumelten. Er steuerte genau auf das helle Licht des Waschsalons zu. Flo freute sich schon darauf, herrlich banalen Belanglosigkeiten fremder Leute lauschen zu können. Das lautstarke Geläster hinter einer rhetorisch vorgehaltenen Hand wirkte vielversprechend und offensichtlich hatte der werte Herr auch ein ausgedehntes Liebesleben, vor der Türe aber steckte er das Telefon weg, betrat den Waschsalon und verfiel in die gleiche betrübt-depressive Stimmung wie der Rest.

Das Bücherregal war wohl doch die einzige Rettung vor der Langeweile. Er griff ein beliebiges Exemplar der Kategorie „zum Lesen weggegeben da zu schlecht zum noch einmal lesen“ und versuchte sich darin zu vertiefen. Schemenhaft schoben sich die Wäschezombies umher, wenn ihre Maschine fertig war und die Wäsche getrocknet oder gefaltet werden musste. Eine halbe Stunde am Sonntagabend konnte wirklich lang dauern.

Zehn Seiten später ließ Flos Waschmaschine mit einem Klicken verlauten, dass sie fertig war. Trocknen konnte die Wäsche auch zu Hause, dafür reichte seine Geduld nicht mehr. Ganz abgesehen davon bekam er für den Preis des Trockners sicher zwei Flaschen billiges Bier. Als er die nasse Wäsche in den Koffer schaufelte, vibrierte sein Telefon.

„Tiefkühler ausgefallen. Eis muss weg, ehe es schmilzt. Bring Jenny mit, wenn sie Zeit hat. Grüße, Mia und Erik.“

Die erste Vorlesung am Montagmorgen würde wohl ausfallen.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 20

Familienbesuch

Es versprach, das letzte schöne Wochenende des Jahres zu werden. Sie Sonne schien, die Luft war noch warm, kaum wolkenbedeckten den Himmel und auf der Wiese am Fluss hatte sich ein kleiner Jahrmarkt niedergelassen. Es lockten Bier für einen Euro und Grillwürstchen.

Flo hätte gerne mit Jenny, Erik und Mia einen Ausflug zu den Wiesen gemacht. Jenny war nur über die vorlesungsfreie Zeit mit ihrer Familie in der Türkei. Mia verweigerte seit etwas mehr als einem halben Jahr jeden Alkohol und gab sich große Mühe, dieses Verhalten auf Erik zu übertragen. Abgesehen davon konnte er sich gerade etwas Angenehmeres vorstellen, als mit einem Pärchen auf einen Jahrmarkt zu gehen. Besonders, da Erik zurzeit das Bedürfnis hatte, Mia zu zeigen, wie wichtig sie ihm war, und besonders anhänglich geworden war.

Ansonsten war nur niemand über die vorlesungsfreie Zeit in der Stadt geblieben. Alle waren weg, um Familie und Freunde zu besuchen, Urlaub zu machen oder mit Ferienjobs ihre Kasse aufzubessern. Er kam sich einsam und verlassen vor, wie er nun in seinem Zimmer saß, den Kopf auf dem Fensterbrett abgelegt, den Blick in den blauen Himmel.

Der Lüfter seines Laptops ächzte. Seit einer Viertelstunde lud bereits das Menü eines Spiels, was er eigentlich hatte ausprobieren wollen. Er hatte längst eingesehen, dass er vergebens wartete. Selbst wenn das Spiel geladen wäre, er würde es wohl nicht spielen können. Oder doch?

Begleitet vom Klopfen an der Türe sprang der Bildschirm auf das so sehnlichst erwartete Menü. Es klopfte ein weiteres Mal, ohne, dass ihm Zeit gegeben wurde, überhaupt erst zu reagieren. Falls sein Besuch Bier haben wollte, war er hier leider falsch. Flos Blick wanderte zum leeren Kasten neben seinem Bett. Wieso er zur Türe ging, konnte er nicht genau sagen aber er ging und er öffnete, obwohl ihm sein Gefühl davon abriet.

„Da ist er ja, unser Musterstudent! Komm her, lass dich von deiner alten Tante umarmen.“

Die schrille Stimme, die ihm entgegen schallte, stellte ihm alle Nackenhaare auf und hätte wohl bei jedem Tier mit Hörorganen einen Fluchtreflex ausgelöst. Nur Flo konnte nirgendwo hin. Seine Tante kam auf ihn zu wie ein Tornado auf ein kleines Farmhäuschen in der Prärie. Über ihre Schulter hinweg konnte er seine Mutter und Großmutter erkennen, die ihn belustigt, verlegen und entschuldigend zugleich angrinsten. Beide hielten sich lieber stumm im Hintergrund, drängten trotzdem schnell in die kleine Wohnung und schlossen die Türe hinter sich.

„Hach ist das schön, dich mal wiederzusehen. Das muss doch ewig her sein. War das nicht auf der Beerdigung von Tante Käthe? Nein, da warst du nicht dabei. Wann war denn das? Ach, das ist doch auch nicht wichtig.“ Doch, er war dabei gewesen, allerdings nicht in der Kapelle. Er warf seiner Mutter einen skeptischen Blick zu. Tante Irma bemerkte ihn und wechselte sofort das Thema. „Ja du siehst, ich bin nicht alleine. Wir haben uns mal einen Mädelstag gemacht und hatten Lust auf einen kleinen Ausflug.“

„Einen Mädelstag also.“ Flo streifte sein Hemd wieder glatt, sah in die Gesichter der illustren Gesellschaft, außer dem seiner Tante. Sie hatte ihres nämlich sogleich auf eine Expedition durch seine Schränke und Schubladen geschickt und war von dieser noch nicht zurückgekehrt. „Und da dachtet ihr euch also, kommt ihr noch bei mir vor bei, weil ich zu einem Mädelstag so gut passe?“

„Ach der Flo, immer noch schlagfertig wie ein Becher Sahne. Natürlich nicht, du Dummerchen, aber der Student von heute hat doch sicher was Gutes zu Knabbern für seine liebe Tante, oder?“

Sie zog eine fast leere, zerknüllte Chipstüte aus einem Fach und Flo, der sich nicht im Geringsten an sie erinnern konnte, hoffte nur, es war auch drin, was draufstand. Die schrille Stimme seiner Tante machte deutlich, dass sie nicht an Chips interessiert war.

„Junge, du musst doch gesünder essen! Du kannst doch nicht nur von Luft und Liebe leben. Damals, als ich studiert habe, da ging es uns noch anders.“

„Du meinst die zwei Semester, die du mit Lambrusco, Marihuana und Philosophiestudenten verbracht hast?“

Er biss sich auf die Zunge und ärgerte sich für seine vorlaute Zunge. Seine Mutter und Großmutter hatten es sich inzwischen auf der Bettkante gemütlich gemacht und bemühten sich, ob seines Kommentars nicht laut loszulachen. Tante Irma sah ihn streng an und stopfte die Chipstüte zurück in das Regalfach.

„Genau diese beiden Semester. Und jeden Samstag sind wir zum Griechen gegangen und haben Pita Gyros mit Tzatziki und Rotweincreme gegessen. Die fünf Mark solltest du dir mal wert sein.“

Das Schlimme war, seine Tante war wirklich der Überzeugung, Pita Gyros wäre inklusive Nachspeise für fünf Mark, maximal aber fünf Euro zu bekommen. In der Mensa würde es dann selbstverständlich nicht mehr als die Hälfte davon kosten. Er war sich sicher, dass, selbst wenn er Essen zu dem Preis finden würde, er sich nicht trauen würde, es zu essen. Seine Mutter war offensichtlich übermütiger.

„Pita Gyros für fünf Euro meinst du also? Gut, dann zeigst du uns jetzt mal, wo du das bekommst und wir gehen gemeinsam griechisch Essen. Florian, wenn du nichts anderes vorhast, dann kannst du gerne mitkommen. Dann kannst du uns bei der Gelegenheit die Stadt zeigen. Auf dem Weg hierher war es so voll, ist etwas Besonderes los?“

Und so kam Flo an diesem sonnigen Sonntagnachmittag doch noch vor die Türe, besuchte den Jahrmarkt und ganz nebenbei bekam seine Tante eine Nachhilfestunde in Gastronomiepreisen.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 19

Der Job

Flo hätte schwören können, nur für einen winzigen Augenblick die Augen geschlossen zu haben. Er hatte in letzter Zeit nicht besonders gut geschlafen und fühlte sich ausgelaugt und erschöpft. Seine Semesterferien hätten besser beginnen können aber das Wetter gab ihm wenig mehr Anlass. Aber nun hatte ihn die Klingel wirklich aus dem Schlaf gerissen. Es war ein dämmriger, kalter, verregneter Nachmittag. Während er zur Tür hastete, stellte er fest, dass ihm mindestens vier Stunden fehlten.

„Ah, Sie sind doch da, ich hatte mich schon gewundert. Habe ich Sie geweckt? Tut mir leid. Was dagegen, wenn ich rein komme? Dankeschön.“

Eine junge Frau, wahrscheinlich ein klein wenig älter als Flo selbst, schob sich an ihm vorbei in die Wohnung. Mit gerümpfter Nase sah sie sich in der unaufgeräumten Küche um und trieb ihm mit dem Blick allein die Schamesröte ins Gesicht. Er wollte etwas zu seiner Verteidigung erwidern aber sie kam ihm zuvor.

„Sie dürften inzwischen festgestellt haben, dass Sie in letzter Zeit nicht besonders gut schlafen. Das tut uns natürlich recht herzlich leid, aber es lässt sich nicht ganz verhindern. Unsere Tests sind nun allerdings abgeschlossen. Herzlichen Glückwunsch, Sie sind tauglich.“

Sie hielt ihm die Hand hin und sah ihm fest in die Augen. Instinktiv schlug er ein, nur um sofort wieder los zu lassen und zu einer abwehrenden Geste zu wechseln.

„Moment! Tests? Tauglich? Wofür? Und woher wissen Sie von meinen Schlafproblemen und wer sind Sie überhaupt?“

Er bekam einen teils mitleidigen, teils verständnislosen Blick.

„Na Ihre Tauglichkeitstests natürlich. Wir haben Sie auf ihre Tauglichkeit für unsere Dienste getestet, daher die Schlafprobleme, und ihre Tauglichkeit als Pilot wurde festgestellt.“

„Als Pilot?“

„Ja, Pilot. Sie wissen schon, sitzt im Cockpit, steuert Fluggeräte aller Art und so weiter. Pilot. Und unsere Überprüfung hat ergeben, dass Sie einen Job auch gut gebrauchen können.“

Hinter Flos Stirn knirschten die Zahnräder. Er fühlte sich überrannt und wie gelähmt. Er hatte vom Fliegen geträumt, wieder und wieder. Seit er in seiner Jugend einmal eine Flugstunde geschenkt bekommen hatte, ließ es ihn nicht mehr los. Und hier stand diese Frau vor ihm und erzählte ihm, er wäre tauglich als Pilot und könnte einen Job gebrauchen.

„Moment, nur dass ich das richtig verstehe. Sie haben mich ohne mein Wissen getestet, wie auch immer, und nun sind Sie hergekommen, erzählen mir, dass ich tauglich bin, wofür auch immer, und … bieten mir einen Job an?“

„Tauglich als Pilot, ja. Und noch einmal ja, wir bieten Ihnen einen Job an. Sie müssen nur noch unterschreiben, und zwar hier.“ Sie zog eine Mappe mit offiziell wirkenden Papieren aus einer Aktentasche unter ihrem Arm. „Der erste Monat ist natürlich hauptsächlich vom Training bestimmt. Da wird das Gehalt noch nicht so hoch sein. Nach sechs Monaten ist die Probezeit abgelaufen, ab da werden sie volles Gehalt bekommen. Da Sie im Bereitschaftsdienst arbeiten werden, sind sie in der Kaserne einquartiert. Ihr Arbeitsgerät wird selbstverständlich gestellt.“

Sie legte ihm die Papiere vor. Es war offensichtlich ein Arbeitsvertrag, jedenfalls soweit er das beurteilen konnte. Ein weiterer Punkt, für den er sich schämte, war, dass er bisher nicht all zu viele Arbeitsverträge gesehen hatte. Aber was er hier las, war einfach zu schön, um wahr zu sein. Er würde Fliegen lernen, bekam ein Flugzeug zur Verfügung und sollte dieses fliegen. Legal und gegen eine stattliche Bezahlung. Wenn er die Probezeit überstand, wäre er für mindestens fünf Jahre in einem gesicherten Beschäftigungsverhältnis. Er kniff sich in den Arm aber er wurde nicht wacher. Wie war das möglich? Die Frau sah ihn fragend an.

„Was ist der Haken an der Sache?“ Er konnte sich die Frage nicht verkneifen.

„Nun, Sie werden natürlich ihre Familie und Freunde für eine Weile nicht sehen und wir haften auch nicht im Falle Ihres Todes. Reicht das nicht aus?“

Ihm reichte das nicht, um ihn abzuschrecken. Er sah sich nach einem Stift um, fand einen Kugelschreiber, der sich aber nicht zum Schreiben bewegen ließ und einen roten Buntstift. Er hätte eher mit einem lila Lippenstift unterschrieben aber, da er keinen Lippenstift trug, hatte er auch keinen. Stattdessen bot ihm die immer noch unbekannte Dame einen Füller an. Altmodisch aber er würde seinen Zweck erfüllen. Als er die Feder auf das Papier setzte, begann der Raum zu verschwimmen. Ein nervtötender Ton durchschnitt die Stille in der Küche. Ein Ton, der in ihm zu aller erst den Reflex zündete: drauf zu schlagen.

In der Suche nach der Geräuschquelle wirbelte er um seine eigene Achse, um sich im nächsten Moment auf dem Teppich wieder zu finden. Nicht mehr in der Küche, sondern in seinem Zimmer. Von der Frau oder der Fahrkarte in den Traumjob war nichts zu sehen. Nur sein Wecker stand auf dem Nachttisch und piepte, als wäre er die Unschuld in Person. Über ihm drehte sich sein Schreibtischstuhl. Seine Nacht war vorbei, ehe er es ins Bett geschafft hatte und mit der Morgensonne endete auch sein Traum.

Wieso hatte er sich überhaupt einen Wecker gestellt? Er hatte Ferien. Die Zeit, nach der er sich Monate lang gesehnt hatte. Die Zeit, in der er einfach ausschlafen konnte. Was hatte er vergessen?