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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 10

Verkehrtere Welt

Erik schlug nach seinem Wecker und drehte sich noch einmal um. Vorlesungen um zehn Uhr früh waren ihm zu früh. Mia war schon aufgestanden und lärmte in der Küche. Eigentlich hatte sie bei sich zuhause schlafen wollen aber er hatte sie überredet, doch bei ihm zu bleiben. Jetzt wusste er wieder, wieso ihm das wie eine dumme aber verlockende Idee vorgekommen war. Der Geruch einer verpassten Dusche lag in der Luft und mischte sich mit frischem Kaffee.

Eine seltsame Neuerung. Mia trank überhaupt keinen Kaffee und er selbst bevorzugte auch eher Eistee. Den trank er dafür in umso größeren Mengen. Nur was den Kaffee anging, musste er sich getäuscht haben. Mia kam mit einer dampfenden Tasse ins Zimmer, nahm einen Schluck und zog ihm die Decke weg.

„Wenn du jetzt nicht aufstehst, kannst du vor der Vorlesung nicht mehr duschen und ich sitze sicher nicht neben dir, wenn du so stinkst.“

Er versuchte unauffällig an sich zu riechen. Stank er echt? Er fühlte sich klebrig und verschwitzt aber stinkend? Sie sah ihn nur auffordernd an und nahm einen weiteren Schluck. Unter murrendem Protest schleifte er sich mit der Zahnbürste unter die Dusche.

„Und beeile dich! Ich will nicht zu spät kommen!“ rief sie ihm noch nach.

Flo saß bereits im Hörsaal und kaute auf einem trockenen Brot, als sie rein kamen. Mit roten Augen starrte er in die Leere und registrierte nur mit einem knappen Nicken, dass sie sich neben ihn fallen ließen. Mia roch etwas, dass sie an Mundwasser erinnerte und wettete auf Schnaps. Sobald die Vorlesung beginnen würde, wäre sie umgeben von schlafenden Männern. Die konnte es ihnen nicht verübeln, heute war auch nicht ihr großer Tag.

Flos halb aufgegessenes Brot verschwand wieder in seiner Tüte. Noch mehr Dinge, die Mia verwunderten. Seit wann aß er etwas nicht gleich auf? Und seit wann gab er sich so schlampig mit seinem Essen? Außer seinen Kuchen war sie von Flo keine kulinarischen Köstlichkeiten gewohnt aber trockenes Brot? Das erschien ihr etwas viel des Guten. Erik lag bereits mit der Stirn auf seinem Block. Ein geräuschvolles Scheppern hatte den Augenblick gekennzeichnet, als er seinen Kopf ungebremst auf den Tisch hatte fallen lassen.

„Wo nichts mehr kaputt gehen kann…“ hatte Mia den Vorgang kommentiert und ihn in die Seite gepiekst. Sie wusste genau, wie kitzlig ihr Freund war aber heute schien ihn das nicht zu stören. Sie bedauerte für einen Moment, ihn nicht einfach im Bett gelassen zu haben und alleine zu kommen. Immerhin war sie hier, um zu lernen und nicht als Babysitter.

Pünktlich zu Vorlesungsbeginn war Erik eingeschlafen. Mia versuchte ihn zu ignorieren und der Vorlesung zu folgen. Flos Mundwassergeruch, den sie für Schnaps gehalten hatte, schien tatsächlich mit keinem Rausch in Zusammenhang zu stehen denn Flo blieb eisern wach und konzentriert. Sie bewunderte ihn fast ein wenig darum, dann fiel ihr ein, dass sie ja ebenfalls wach und konzentriert war und ihre Bewunderung verflog. Ein Zettel schob sich vor sie auf den Tisch.

Was ist denn mit deinem Freund passiert? Hast du ihn die Nacht nicht schlafen lassen?

Ärger machte sich in ihr breit. Was ging es Flo überhaupt an, was sie beide nachts machten? Und außerdem hatte sie Erik sehr wohl schlafen lassen, auch wenn das nicht seinem Willen entsprach. Das war allerdings etwas, was Flo nicht im Geringsten etwas anging.

Wenn du wüsstest, kommentierte sie auf dem Zettel und beschloss, ein ernstes Wort mit Erik zu reden sobald sie etwas Ruhe füreinander hatten. Neben ihr regte sich etwas. Sie sah eine Chance und ergriff sie, indem sie kräftig zur Seite austrat. Erschrocken fuhr ihr Freund in die Höhe, gerade pünktlich um das neue Kapitel der Vorlesung nicht komplett zu verschlafen.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 9

Bücherwahn in der Bücherei

Bücher, Bücher, noch mehr Bücher. Soweit das Auge reicht, nichts als Bücher, nur nicht das, was er suchte. Stattdessen massenhaft Bücher, die nicht an ihrer Position standen sondern irgendwo an der nächstbesten Stelle im Regal. Flos Respekt vor der Menschheit hatte ein neues Allzeittief erreicht und das war wahrlich eine Leistung. Es war als hätte irgendjemand ein großes Interesse daran, dass niemand seine Bücher mehr wieder fand. Die Alternative war, dass dieser Jemand einfach zu blöd war, das System der Bücherei zu begreifen aber dann wäre dieser Jemand unter Garantie auch zu blöd zum Atmen.

Im Gang vor ihm lag ein Stapel auf dem Boden. Er überflog die Titel auf den Buchrücken. Ein Text über die wirtschaftliche Entwicklung im Laos der ’80er Jahre lag zwischen Walter von der Vogelweide und der Geschichte des Bergbaus in Australien und Chile. Ergänzt wurde das Sortiment durch Shakespeare und den Grundlagen der Thermodynamik in der Raumfahrt.

Er wunderte sich nicht mehr. Die Sprachwissenschaften waren zwar in einem anderen Gebäude untergebracht, ebenso ihre Bücher, aber er hatte hier schon genug gesehen um den Glauben ans System verloren zu haben. Vor einer Stunde erst war er an Astrid Lindgrens „Michel aus Lönneberga“ vorbeigekommen. Er hatte sogar kurz gezögert, ob er es nicht mit nehmen sollte. Ein Blick auf die Uhr hatte ihn davon abgehalten. Er verbrachte schon viel zu viel Zeit damit, die Literatur für seine Arbeit raus zu suchen. So würde er nie fertig werden aber angesichts dieser Sortierung war das eh nicht absehbar.

Gab es nicht sogar eine ganze Armee studentischer Mitarbeiter, deren Aufgabe darin bestand, die Bücher zu versorgen? Er fluchte leise vor sich hin. Zwei Gänge weiter sollte sich seine Abteilung befinden aber als er dort angekommen war stand er vor einem offenen Raum. Die Regale waren leer und abgebaut. Irgendjemand hatte angefangen um zu sortieren und dem System davon nichts gesagt. Es war auch kein Hinweis zu finden, wo sich die Bücher in der Zwischenzeit befinden würden. Sie waren einfach verschwunden.

Mia hatte ihn gewarnt, dass so etwas passieren konnte. Sie hatte schon letztes Semester damit zu kämpfen gehabt, als er noch zu faul gewesen war um sich nicht vor dem Seminar zu drücken. Er hätte es ja auch weiter vor sich her geschoben, wenn ihm nicht die Zeit davon laufen würde. Sein Stundenplan würde auch so schon deutlich voller werden. Dinge, mit denen er sich eigentlich nie befassen wollte. Wieso hatte er sich noch gleich für ein Studium entschieden? Er wusste es nicht. Wahrscheinlich, weil er den Eindruck hatte, dass es von ihm erwartet wurde. Immerhin hatten alle in der Familie studiert. Was hätte er da sonst machen sollen?

Seine Augen streiften einen Buchrücken mit verdächtig bekanntem Aufdruck. Er guckte auf seinen Notizblock und fand den Titel wieder. Es stand natürlich an der falschen Stelle und mit weniger Glück und mehr Verstand hätte er es niemals gefunden aber so nahm er es eilig aus dem Regal. Ein Werk war besser als kein Werk. Nach den Stunden frustrierender Suche musste das ein zufriedenstellendes Ergebnis sein.

In den Untiefen seiner Erinnerungen regte sich etwas. Wilde Erzählungen von einer Bibliothek, in der man tatsächlich fand was man suchte. Einer Bibliothek mit einem funktionierenden und aktuellen System. Einer Bibliothek in der sogar die Mitarbeiter eine gewisse Ahnung hatten was wo zu finden sei. Er tat sich etwas schwer mit der Erinnerung aber Bruchstücke bekam er auf alle Fälle zusammen. Es war keine UniBib, soviel konnte er rekonstruieren. Die Auswahl war aber stark eingeschränkt.

Vielleicht interpretierte er auch einfach gerade zu viel in die alten Geschichten hinein. Immerhin war er nun schon etliche Stunden auf der Suche nach geeignetem Material und es sah nicht gut aus damit aber er wollte nicht aufgeben. Die Stadtbücherei, genau, das war es gewesen! Dort sollte alles gut sortiert und vorhanden sein, so hatte er gehört. Morgen würde er sich dort einmal umsehen gehen. Wenn dem wirklich so war, dann konnte ihm die UniBib herzlich gestohlen bleiben. Neugier drängte sich an den Platz seines Ärgers. Ja, morgen würde er sich das einmal genauer ansehen. Aber wirklich erst dann, für heute hatte er sich genug geärgert und er hatte keine Lust, sich diese Hoffnung gleich wieder zu zerstören. Nur für den Fall, dass sich diese Geschichten wirklich als genau das herausstellen sollten.

Das frisch erbeutete Buch unterm Arm wanderte er in den Lesesaal, fand einen freien Tisch und schlug es auf. Eine Sammlung loser Seiten fiel ihm entgegen und er bemerkte, dass sie nicht einmal ungefähr die richtige Reihenfolge hatten. In der Schule schimpften alle immer über Mathe und wie schwer das doch war. Offensichtlich begann das Problem schon beim einfachen zählen.

Als er die einzelnen Seiten auf dem Tisch ausbreitete erntete er irritierte Blicke. Er nahm sie nicht wahr sondern widmete sich einfach nur seiner Arbeit. Irgend etwas Brauchbares würde er schon finden, ehe sie ihn hinaus warfen.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 8

Unten am Fluss

Endlich kam der Sommer. Der erste Tag des Jahres an dem die Temperaturen auch im Schatten über 25°C klettern wollten. Flo fühlte sich wohl wie er so ihm Hörsaal saß, die Beine baumeln ließ und die letzten Minuten der Vorlesung verfolgte. Er war immer noch wach, immer noch nüchtern und immer noch bei der Sache. Neben ihm bemühte sich Erik um Mias Aufmerksamkeit. Sie war zusehends genervt davon, es half ihr nicht besonders gut dabei, der Vorlesung zu folgen.

„Das soll es dann auch für dieses mal gewesen sein. Wir sehen uns diesen Freitag wieder, versuchen Sie bis dahin auch ein wenig die Sonne zu genießen. Bis dahin.“

Erik ächzte genervt als er seine Tasche zusammen räumte.

„Genießen Sie die Sonne. Na als hätten wir sonst nicht viel zu tun. Am Freitag steht er dann wieder da und trichtert uns ein, dass wir ja eh durch die Klausur fallen, weil wir nicht genug dafür lernen.“

„Wie wäre es dann, wenn du ihm einfach mal für ein paar Minuten in der Vorlesung zuhörst statt mir unter den Rock zu grabbeln? Dann könnte ich hier sogar auch mal etwas lernen und wir würden nicht wieder den ganzen Nachmittag in der Bibliothek sitzen müssen.“

Mia war sichtlich gereizt und unzufrieden mit ihrer Situation. Flo verstand ihr Problem nicht so wirklich. Vielleicht lag es daran, dass er wach geblieben war. Oder daran, dass er endlich nicht mehr fror. So sehr er auch den damit einhergehenden Gestand verabscheute, die Wärme tat ihm zu gut. Um sich herum hörte er die Klagen der Kommilitonen, die sich beklagten, dass es ja ach so heiß war. Für ihn hatte der Sommer noch nicht einmal angefangen. Zu heiß gab es unter 42°C einfach nicht!

Hatte er nicht vor, eine Skandinavien-Rundreise zu machen? Island und Grönland inklusive natürlich. Er hatte sehr viele sehr beeindruckende und schöne Bilder von dort gesehen und wollte es endlich einmal mit eigenen Augen sehen. Die Ironie daran war nur, dass es dort selten etwas anderes als kalt war.

Die Sonne schien durch die schmalen Fenster des Hörsaals.

„Also, was machen wir jetzt? Es ist schönes Wetter. Wir könnten uns Eis holen und an den Fluss setzen. Hmm?“

„Meinst du nicht, wir sollten erst einmal in der Bibliothek die Vorlesung nacharbeiten? Wenn wir einmal draußen sind wird das nichts mehr.“

Der Professor ging hinter ihr die Treppe hoch und verschwand durch den Ausgang, nicht ohne ihr vorher einen verwirrten Blick gewidmet zu haben. Erik hatte es bemerkt und verkniff sich ein Lachen. Flo lachte nicht.

„Was willst du da großartig nacharbeiten? Er hat heute doch überhaupt nichts Neues gemacht. Das war alles nur Wiederholung von letzter Woche und das haben wir schon abgeschrieben und gelernt. Erinnerst du dich?“

Sie erinnerte sich nicht aber das hielt Flo nicht ab. Er führte sie geradewegs aus dem Gebäude und weg vom Campus. Wenn sie unbedingt darauf bestand, dann konnte er ihr den Inhalt der Vorlesung auch noch mit einem Eis in der Hand und einem Fuß im Wasser erklären. Es war sowieso nur Theorie gewesen.

Und war es möglich, dass Erik mit ihm die Rolle getauscht hatte? Früher war er es doch immer gewesen, der mit müden Augen hinterher getrottet kam. Nun hatte Erik diese Rolle übernommen und es wirkte fast so, als würden sie ihn binnen Minuten verlieren, wenn Mia ihn nicht an der Hand hinter sich her zog. Es gab doch immer wieder Überraschungen im Leben.

Das Eis war kalt, das Wasser auch und die Sonne heiß. Flo lag auf dem Anglersteg an der alten Holzbrücke und ließ einen Fuß in die sanften Wellen baumeln. Würde das Wasser still stehen, sein Fußschweiß hätte sicher ölige Schleier auf die Oberfläche gezaubert. Mia hatte sich kein Eis gegönnt. Sie hatte das Buch und ihren Hefter aufgeschlagen und versuchte nach zu vollziehen, wo die Wiederholung anfing und aufhörte. Erik versuchte sie dabei mit seinem Wissen zu beeindrucken indem er ihr zu jedem Stichwort einen kleinen Vortrag hielt. Einiges weniges von dem was er sagte, war sogar richtig.

Flo hatte sein Eis inzwischen auf. Er zog ein Stück Kreide aus der Tasche, das er an einer Tafel in einem verlassenen Lernraum in der Uni gefunden hatte und begann ein Schaubild auf den gepflasterten Weg zu zeichnen. Wenn Erik fertig damit war, sich zum Affen zu machen konnte er immer noch etwas sagen. Oder Erik bemerkte einfach das Schaubild und würde sein Gehirn einschalten und seine Freundin nicht mit Schwachsinn beeindrucken wollen. Aktuell sah es nicht gut für ihn aus.

Das Schaubild war inzwischen fertig. Erik hatte es sich zwar angesehen aber nicht deuten können. Mia aber erinnerte sich und hatte den Spieß einfach umgedreht. Sie erklärte Erik was er sehen sollte während Flo daneben schon an den nächsten Schaubildern saß. Kreide rieb über Beton und hinterließ weiße Striche. Er genoss das Gefühl. Es war ein klein wenig wie mit der Straßenkreide als Kind, nur dass hier noch Wissen im Spiel war und das war für jeden gut sichtbar. Sonne, Eis und eine kleine Dosis Angeberei.

Als die Sonne sich den Hügelkuppen auf der anderen Flussseite näherte fühlte er sich gut. Die Kreide war fast aufgebraucht, in seinem Rücken knutschten Erik und Mia die sich eben noch wild gestritten hatten und er bemerkte nicht einmal Jenny, die am Brückengeländer lehnte und mit ihrem üblichen Spott auf ihn herab blickte. Diesmal im wahrsten Sinn des Wortes.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 7

Fütterungszeit

Die ersten zwei Stunden Vorlesung waren vorbei und die Mensa öffnete ihre Tore zum täglichen Mittagessen. Die gesamte Studierendenschaft stürzte synchron zur Essensausgabe, soweit sie sich nicht gegenseitig im Weg standen. Auf der anderen Seite der Theke stand schwitzend das Mensapersonal und klatschte eilig die Schöpfkellen in die Mulden der Tabletts. Mit Tellern und Schüsseln verschwendete man nur Zeit. Zeit, die die hungrige Meute nicht opfern wollte. Gierig griffen sie nach den Haufen knorpeligen Fleischstreifen und zerkochter Nudeln mit dünner Soße. Danach drückten sie sich durch die Kassenschlange mit Toren, die irgendwie an Gatter einer Viehweide erinnerten. Das Einzige was sie jetzt noch von ihrem Essen trennte, war dass sie ihr eigenes Rudel wieder finden und einen Tisch mit genügend Sitzplätzen erobern mussten.

Auf der Treppe, die in den großen Saal hinab führte stand ein Dreigestirn aus einem Pärchen von Mia und Erik und einem erschreckend nüchternen Flo. Er hatte seine Vorräte vor zwei Wochen geleert und danach beschlossen, es vorerst dabei zu belassen. Mia hatte ihm eine Woche gegeben und Erik hatte sich auf eine Wette eingelassen, die er bereits zwei Tage später glanzvoll verloren hatte. Was Mia aber noch mehr erstaunte war, dass sie schon diese ganze Zeit keinen Kuchen mehr fordern konnte. Inzwischen war das Gegenteil der Fall. Heute hatte sie einen Zitronenkuchen für ihn in der Tasche und sie hatten sich gemeinsam darauf geeinigt, dass er ihr Mittagessen sein sollte.

Sie fanden einen freien Tisch, abseits des großen Gemetzels und Erik verteilte drei Stapel Servietten darauf. Sie waren zu dünn, um sie einzeln zu nehmen und Teller gab es hier nicht mehr. Mia platzierte den Kuchen in der Mitte und Flo zückte mit einer großen Geste sein Taschenmesser.

„Sollen wir das wirklich hier machen?“ Er zögerte

„Wo würdest du das sonst machen wollen?“

„Keine Ahnung. Draußen, auf der Wiese vielleicht. Das Wetter ist doch echt toll und da können sie und auch nicht verscheuchen. Letztes Semester haben die uns doch selbst raus geschmissen, weil wir nach dem Essen noch die Kopien durchgesehen haben.“

Dies ist ein Gastronomiebetrieb und kein Lernraum! Suchen Sie sich bitte einen anderen Ort.“ imitierte Erik die Situation von damals.

„Okay, dann gehen wir raus“ beschloss Mia, „aber schneiden kannst du ihn schon mal. Draußen haben wir keinen Tisch.“

Den Gefallen tat Flo ihr gerne. Das Messer bohrte sich in die extra zitronige Zitronenglasur. Sie war noch weich genug, dass sie nicht gleich zerbrach und der Kuchen barg noch eine weitere Überraschung: Statt einen gewöhnlichen Kastenkuchen hatte sich Mia die Arbeit gemacht, dem Kuchen eine Füllung aus Zitronencreme zu verpassen. Er grinste stumm vor sich hin. Manchmal fragte sich Flo, was Mia wohl anstellte um ihre Beziehung mit Erik frisch zu halten. Erik selbst war sehr Pflegeleicht aber dafür auch zu faul um selbst große Initiativen zu ergreifen.

Zitronencreme, sie kannte ihn schon zu gut. Und er kannte sie gut genug um daran zu erkennen, dass ihr seine Hilfe wirklich viel wert war. Für ihn war das eine enorme Motivation.

Alle drei hatten sie ein dickes Stück Zitronenkuchen vor sich auf dem Tisch liegen, als sie ihre Taschen griffen. Vor ihrem Tisch tauchten zwei Mädels mit Salat auf ihren Tabletts auf. Mit neidischen Augen betrachteten sie den Kuchen.

„Hey! Geht ihr grade oder braucht ihr die Plätze noch?“ Ihre Augen sagten mehr als deutlich „Ihr könnt gerne gehen aber lasst den Kuchen da … nein! Nehmt ihn bloß mit, so wird das doch sonst nie was mit der Bikini-Figur!“

Sie taten ihnen den Gefallen und ließen sie mit ihren Salaten alleine. Kuchen in der Mittagssonne. So ließ sich das Studentenleben doch wirklich mal genießen.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 6

Verkehrte Welt

Mia war sauer. Sie zählte auf eine exakte Zeitplanung und liebte Zuverlässigkeit. Ebenso zählte ein gesprochenes Wort für sie als verbindlich. Spontanität war keine ihrer Stärken, dafür hatte sie Erik, und ansonsten nichts übrig.

„Okay, damit ich das richtig verstanden habe, Thomas. Ich hab dich vor zwei Wochen gefragt ob du am Freitag, also morgen, in die Vorlesung gehen kannst und alles mitschreiben kannst weil Erik und ich nicht da sein können. Du hast da ja gesagt und jetzt ist dir gestern aufgefallen, dass du lieber nach Hause fährst weil deine Schwester am Samstag Geburtstag hat?“

„Genau. Tut mir Leid aber Familie kann man sich halt nicht aussuchen. Das kennst du ja.“

„Und das fällt dir jetzt ein, so ganz spontan und nebenbei? Wer schreibt für dich die Vorlesung mit?“

„Eigentlich dachte ich, dass du das machen könntest. Ich hatte vergessen, dass ihr nicht da sein könnt. Aber keine Sorge, ich finde schon wen.“

„Das will ich ja wohl hoffen! Du hattest es versprochen aber gut, dann weiß ich ja, bei wem es was wert ist.“

„Ich sagte doch es tut mir Leid, und ich finde schon noch wen. Es gibt ja genug Leute, die man fragen kann.“

„Nicht Annika. Auf ein Blatt voller Blümchen und Herzen kann ich verzichten.“

Mia überlegte einen Moment, ob sie Thomas einfach stehen lassen sollte. Egal was jetzt noch kommen würde, sie lief Gefahr, die Kontrolle zu verlieren und gemein zu werden. Auch wenn sie für Thomas nie viel übrig gehabt hatte, das wollte sie dann doch nicht. Immerhin verstand sich Erik recht gut mit ihm. Und wieso kümmerte sich Erik eigentlich nicht einfach darum wen zu finden? Sie konnte sich schließlich nicht um alles kümmern.

Momente später schwankte Flo in den Raum. Verkatert wie immer, im Halbschlaf und der Jacke auf links. Sein Blick umrundete die Welt ehe er registriert hatte, was um ihn herum gerade passierte aber erfassen konnte er es trotzdem nicht.

„Wasn los hier? Ihr guckt ja alle, als wäre jemand gestorben.“

„Ja, es ist jemand gestorben. Mein Opa. Freitag ist seine Beerdigung und Thomas hätte für Erik und mich die Vorlesung mitschreiben sollen aber der werte Herr hat es sich anders überlegt.“

„Ich sehe dein Problem nicht. Dann mach ich es halt. Du hast schließlich oft genug für mich mit geschrieben, so kann ich mich mal revanchieren.“

Mia sah ihn an. „Du bist besoffen. Guck dich doch an, selbst wenn du Stift und Papier dabei hättest, morgen kannst du selbst nicht mehr lesen was du geschrieben hast.“

„Wie du meinst.“ Flo zuckte die Schultern, schraubte eine halb leere Plastikbierflasche auf und nahm einen Schluck gegen den Durst. „Ich schreib trotzdem Freitag für euch mit. Keine Sorge, ich gebe mir Mühe, dass es leserlich wird.“

Für Erik hatte sich die Angelegenheit damit erledigt, Mia hingegen platzte bald vor Wut und Ohnmacht.

Am Freitag war Flo das erste mal seit langem wieder richtig nüchtern. Das Gefühl gefiel ihm nicht besonders gut, aber es war seine Pflicht. Er hatte es versprochen, leichtsinnig wie er war und Mitschriften mit Mitschriften zu begleichen kam ihn zur Zeit eh preiswerter. Kuchen hatte in letzter Zeit unter einer ganz grauenvollen Inflation zu leiden und die Ausgleichszahlungen dazu bestanden aus immer aufwändigeren Rezepten. Eine saubere Mitschrift war da weniger Aufwand.

Es war eine seltsame Situation. Er hatte einen guten Platz erwischt aber das war keine Herausforderung. Der Saal war fast leer und er fühlte sich reichlich verloren, direkt unter des Professors Nase. „Leiste dir keine Dummheiten“ sagte er zu sich selbst. Wenn er gut aufpasste und Mia und Erik nicht nur die Mitschrift sondern auch noch Zusatzinformationen liefern konnte, dann war das vielleicht Zwei Mitschriften oder auch drei mehrstöckige Sahnetorten wert. Wieso war er nochmal kein Konditor geworden? Er erinnerte sich an ein Praktikum, an den Wecker der um vier Uhr morgens geklingelt hatte und sah auf die Uhr. Zehn Uhr am Morgen erschien ihm plötzlich sehr human.

„Du warst wirklich da?!“ Mia starrte Flo fassungslos an. Es war Sonntag Mittag. Mia saß im Schneidersitz auf Flos Bett, Erik hatte seinen Kopf in ihren Schoß gelegt. Auf dem Nachttisch hatte Flo soeben frische Schokomuffins abgesetzt und kaute jetzt auf einem davon, während er seinen Block heraus suchte. Mia begutachtete die Muffins.

„Du hast aber schon mitgeschrieben, oder? Die Muffins sind nicht als Bestechung gedacht?“

„Die Muffins sind der Snack zwischendurch. Hier, bitteschön.“ Er reichte ihnen beiden einen dünnen Stapel Papier. „Das sind eure Kopien. Die Erste Folie war glaub ich eine Wiederholung, jedenfalls hattest du sie das letzte mal glaub ich schon dabei. Danach hat er aber ein neues Thema angefangen, hier, das Schaubild war die Einleitung. Zum besseren Verständnis. Wenn wir mal oben anfangen, dann haben wir direkt den Bezug zum vorletzten Thema, du erinnerst dich sicher noch, da baut es nämlich direkt drauf auf. Also, wie gesagt, wenn wir hier sehen …“

Zwei Stunden später legte Flo das letzte Blatt auf seinen Schreibtisch. Die Muffins waren aufgegessen, auf dem Boden lagen Notizblätter, auf die er flüchtige Stichpunkte und Vokabeln oder Schaubilder gekritzelt hatte. Erik lag inzwischen nicht mehr in Mias Schoß sondern saß kerzengerade auf der Bettkante. Mia selbst saß auf dem Teppich, die Mitschrift in der Hand und Notizzettel in die richtige Reihenfolge legend. Sie war im Augenblick zu beschäftigt um sich großartig zu wundern denn Flo hatte ihr jede Frage halbwegs zufriedenstellend beantworten können. Wo noch Fragen offen waren, da hatte er in den bereits vergangenen Vorlesungen geschlafen.

„Ihr habt echt viel geschafft in der kurzen Zeit. Wo ist denn die Tabelle schon wieder hin? Ah, hier ist sie ja. Hat er etwas dazu gesagt, was wir davon für die Klausur können müssen?“

„Die können wir weg lassen. Wenn überhaupt, dann bekommen wir die gestellt. Was wichtiger ist, hier, auf Seite vier, das rote Ausrufezeichen wird er garantiert in der Klausur fragen. Er hat es zwei, drei mal wiederholt und jedes mal besonders betont. Wenn man da aber einmal verstanden hat was er will ist das leicht. Zwei Minuten und geschenkte Punkte.“

Mia lehnte sich an den Bettpfosten und griff nach dem Teller auf dem sich die Muffins befunden hatte. Er war leer und ihr summte der Kopf. Sie hatte soeben zwei Stunden lang eine private Vorlesung bekommen, inklusive Fragestunde und ihr „Dozent“ war auch noch in seiner Sache sehr sicher gewesen. Er war sogar ausgesprochen gut gewesen! Besser als der Herr Professor persönlich denn auch wenn er vor fachlicher Kompetenz kaum laufen konnte, als Lehrer war er kein Gewinn. Sie legte ihren Stapel zusammen, hinter ihr regte sich Erik.

„Verrückt. Ich hätte gewettet, du gehst nicht hin. Und wenn du gegangen wärst, dann hättest du sicher nicht mitgeschrieben. Mal ehrlich, woher hast du die Mitschrift?“

„Aus der Vorlesung. Ich hab mich rein gesetzt und mitgeschrieben. Und aufgepasst.“

„Auf einmal klappts doch? Und das sollen wir dir glauben?“

„Jetzt sei nicht unfair, Erik“ mischte sich Mia ein, „Flo ist ja immerhin nicht dumm. Nur halt etwas zu faul.“

„Es war auch durchaus eine Herausforderung. Immerhin musste ich nüchtern sein aber es ist aufgegangen. Habt ihr noch Fragen zur Vorlesung?“

Die hatten sie nicht. Stattdessen beschloss Mia in Zukunft öfter mal nicht zur Vorlesung gehen zu können und statt dessen Flo zu schicken. Und Flo? Er beschloss, seine frisch gewonnenen Erfolgserlebnisse aus zu bauen und diesmal wirklich etwas zu tun. Die Vorlesung mit zu schreiben und auf zu passen war zwar nicht sinnlos gewesen, aber das, wobei er den Stoff aber letztendlich verstanden hatte war, als er Mia und Erik die Ergebnisse der Vorlesung vorgetragen hatte.

Vielleicht hatte er doch endlich einmal etwas gefunden, was er konnte und was ihm Spaß machte. Vielleicht.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 5

Volleyball

Der Ball flog über das Netz und traf direkt auf eine Wand aus Fleisch. Ein Pfiff, ein Punkt, ein Wechsel. Flo hatte bei diesem Spiel das Gefühl, immer wenn es spannend wurde, war es auch schon wieder vorbei und eine Pause unterbrach den Fluss. Er war nie gut in diesem Spiel gewesen und so sehr er sich auch bemühte, er würde es wohl auch nie sein.

Mia und Erik hatten sich überhaupt nicht erst dazu überreden lassen, mit zu machen. Mit diesem Spaß wollten sie so wenig wie möglich zu tun haben. Außerdem wollten sie ihn nicht dabei stören, zu glotzen. Auch wenn er es nach Kräften leugnete, nur deswegen war er hier. Um Jenny an zu starren.

Ein Pfiff, ein Schlag, Flo bekam den Ball ins Gesicht noch bevor er aus seiner Träumerei erwachen konnte. Verächtliche Blicke vom Gegnerteam und verständnisloses Kopfschütteln seines eigenen war das erste was er sehen konnte, als er die Augen wieder öffnete. Er wusste doch, dass er das Spiel nicht leiden konnte. Wieso kam er dann jede Woche wieder? Das Spiel lief schon wieder als er sich diese Frage stellte. Er blockte einen Ball am Netz, schaffte es einen Punkt zu holen und ein klein Wenig von seinem Ruf wieder aus zu bügeln.

Wenn man es denn konnte, dann würde ihm dieses Spiel auch sicher etwas Spaß machen aber das war überhaupt nicht so sehr sein Ziel. Was er wollte war etwas anderes und zwar etwas, wofür er sich selbst nicht leiden wollte. Mia und Erik würden ihn auslachen und ihm sagen, er solle sich endlich zusammen reißen und sie wenigstens ansprechen. Die beiden hatten gut reden, sie hatten sich immerhin gegenseitig. Er war nur das dritte Rad am Wagen, das Anhängsel was sonst nicht genug zu tun hätte.

Er sollte dem Spiel mehr Aufmerksamkeit schenken. Jenny tauchte gerade hinter einem flachen Ball her, ihre Haare flogen in einem weiten Bogen um ihren Kopf herum. Sie erwischte ihn noch und wollte ihn direkt über das Netz zurück schicken. Flo stand am Netz und schaffte einen weiteren Block den er gleichzeitig bedauerte. Er hätte ihr den Punkt gegönnt. Nicht, weil sie so gut gespielt hatte sondern einfach, weil sie es war. Und weil sie verboten gut aussah. Ihr enttäuschter Gesichtsausdruck versetzte ihm einen Stich, trotzdem war er ein klein wenig stolz, dass er den Block so sauber geholt hatte.

Auf diese Weise ging es den Rest der Stunde weiter. Er gab sich Mühe gut zu sein und immer wenn er es dann schaffte, bedauerte er es. Würden sie im gleichen Team spielen, sie würde sich vielleicht eher über seine Fortschritte freuen oder ihn einfach überhaupt nicht wahr nehmen. Sie nahm ihn ja so auch kaum wahr. Nein, so stimmte das nicht. Immer wenn er einen Schlag vergeigte schien sie sich zu freuen und ihn innerlich aus zu lachen. Auf diese Weise lernte er zuverlässig Volleyball zu hassen, aus vollstem Herzen.

Am Ende war er wie jedes mal froh, als das Training endlich vorbei war. Vielleicht wollte er sie doch lieber von weitem beobachten. Von einer Position aus, auf der er sich nicht so leicht blamieren konnte. Abbau zum Beispiel, das konnte er, aber das konnte schließlich jeder. Es war eine der Gelegenheiten bei denen er jedes mal versuchte den Mut auf zu bringen, sie endlich an zu sprechen. Er entschied sich wie jedes mal dazu, erst einmal Blickkontakt herstellen zu wollen und wie jedes mal tat sie ihm diesen Gefallen nicht. Sie hatte alles mögliche im Kopf, er zählte definitiv nicht dazu.

Er schöpft und niedergeschlagen packte er seine Tasche. Zuhause würde er erst einmal duschen gehen, wenn ihm denn dann danach war und er sich nicht vorher noch an den Schreibtisch setzte. Er würde es ja dann sehen. Zum Jubeln war ihm jedenfalls nicht zu mute als er sein Fahrrad los schloss. Wieso fühlten sich diese Trainingsstunden im Nachhinein immer so verschwendet an? Er hatte ein spezielles Ziel mit ihnen und jedes mal verfehlte er es um astronomische Einheiten.

Die Hallentür klapperte und Leute kamen heraus. Er registrierte sie nur am Rande. Die Kette war wieder einmal abgesprungen und er durfte sie erst einmal neu auflegen. So würde sich das Duschen wenigstens lohnen. Die Leute verschwanden hinter ihm in der Dämmerung, er war wieder alleine. Eine, zwei Umdrehungen mit den Pedalen und die Kette saß wieder. Er seufzte und ärgerte sich noch einmal über seine Feigheit.

„Du spielst ja immer weniger grottig“

Flo fuhr herum, dass sein Rad scheppernd in den Ständer zurück fiel. Er war doch nicht so alleine gewesen.

„Dankesehr.“ Von allen Menschen dieser Welt stand nun ausgerechnet Jenny da und sprach ihn an. Er schluckte einen Kommentar herunter, den er totsicher noch im gleichen Moment bereut hätte. Was konnte er stattdessen sagen? „Du bist ziemlich gut darin. Spielst du schon sehr lange?“

Verdammt, Kerl! Ist das dein Ernst? Von allen unpassenden Antworten suchst du die platteste heraus?

„Es geht. Seit etwa fünf Jahren. Man merkt, dass du bisher noch keine Erfahrungen hattest. Ist nicht böse gemeint. Nicht sehr jedenfalls.“ Ein kleines Lächeln umspielte ihren Mund und er wurde fast verrückt. Da stand sie, warf ihm so Dinge an den Kopf und er liebte sie dafür auch noch. „Aber dafür machst du dich wirklich nicht schlecht.“

War das gerade ein Kompliment gewesen? Von der Frau, die immer auf ihn herab zu schauen schien? Es geschehen noch Zeiten und Wunder. Nächste Woche würde er wieder hier sein, das war beschlossen. Er hob sein Rad aus dem Ständer und setzte es auf. Es würde ein leichter Rückweg werden, das spürte er. Doch statt auf zu steigen schob er es und Jenny lief neben ihm her. Wenigstens ein Teil des Weges. Sie blickte noch immer auf ihn herab aber diesmal redete sie dabei wenigstens auch noch und das war ja auch schon einmal ein großer Fortschritt. Flos Augen hätten ausgereicht, ihnen den Weg zu leuchten.

Dann war sie plötzlich in die Nacht entschwunden und er konnte nicht sagen, ob die letzten Minuten echt oder geträumt gewesen waren.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 4

Küchenarbeit

Es gibt Dinge, an denen kann man nichts ändern und wenn man es noch so sehr will. So braucht der Mensch zum Beispiel Nahrung um zu funktionieren. Viele zelebrieren diese Schwäche auch noch indem sie alles mögliche Essbare kombinieren und durch unterschiedlichste Energieeinwirkungen umformen. ‚Kochen‘ nennen sie es und bei manchen von ihnen hat das tatsächlich auch etwas mit eben jenem Tatgegenstand zu tun.

Flo hielt es damit etwas anders. Er aß hauptsächlich um nicht zu verhungern. Schnell, einfach und billig musste es sein. Brot, Tiefkühlpizza, ab und an ein Müsli mit Wasser, Dosensuppen. Er mochte Konserven. Sie waren billig, man brauchte bei der Lagerung auf nichts zu achten, konnte sie gut stapeln, bei Bedarf einfach öffnen und kalt oder warm direkt vertilgen. Außerdem wurden sie nie schlecht. Niemals! Es interessierte ihn nicht, was eigentlich darin war, solange es gegen den Hunger half und das möglichst lange. Wie jemand wirklich gerne aß, das verstand er nicht.

Die einzige Ausnahme für ihn bildete Kuchen. „Jeder Mensch braucht ein Laster“ meinte er und zog einen frischen Kuchen aus dem Ofen. Binnen Sekunden verteilte sich der Geruch von Schokolade und Kirschen in der winzigen Küche und er hätte am liebsten sofort rein gebissen. Das Schicksal aber meinte es nicht gut mit ihm denn diesen Kuchen durfte er nicht essen. Er war, wie die meisten Kuchen die er buk, für Mia, als Bezahlung für Mitschriften, Erinnerungen, Zusammenfassungen und alles, was ihm im Studium das Genick brechen könnte oder ihn eben genau hier vor bewahrte. Manchmal fragte er sich, ob es nicht einfacher wäre selbst zu lernen. Doch Mia gab ihm meistens ein Stück des Kuchens ab und damit hatte sie wieder zu viele Vorteile auf ihrer Seite.

Er stürzte den Kuchen aus der Form und ließ ihn abkühlen. Später sollte noch eine Schokoladenglasur dazu kommen. Schlicht aber elegant, ohne besonders verschnörkelte oder gar bunte Verzierung. Die gab es nur zu wirklich besonderen Gelegenheiten. Vorher drängte sich aber ein aktuelleres Problem in den Vordergrund. Was sollte er selbst denn noch essen? Sein Magen knurrte und erinnerte ihn wieder daran, das er doch ein Mensch war der einfach essen muss um zu überleben. Er warf einen Blick in den Kühlschrank um seine Möglichkeiten ab zu schätzen.

Kartoffeln mit Spiegelei und Salat? Nudeln mit Gemüsepfanne? Reis mit Tomaten-Sahnesoße? Vielleicht auch einen kleinen Auflauf? Der Ofen war immerhin schon warm, er könnte auch noch einen Kuchen fürs Abendessen backen. Er entschied sich für die einfachste und schnellste Variante: Die klassische Tiefkühlpizza. Zum Glück war es erst die zweite diese Woche und er füllte sie mit Paprika auf, er musste sich also keine Vorwürfe über ungesunde Ernährung anhören. Er fühlte sich in der tat so gesund, dass er noch zwei zusätzliche Scheiben Käse dazu legte. Käse schmeckte gut und machte länger satt. Wenn er schon nicht verhungern sollte, dann wollte er wenigstens mit Stil nicht verhungern. Der Ofen summte gemächlich.

Im Wasserbad auf dem Herd wurde inzwischen die Schokolade flüssig. Gelegentlich war ihm danach, mit der Glasur zu experimentieren. Dann ergänzte er die Schokolade oder Glasur um Zucker, Zitronensaft, Kokosraspeln oder getrocknete Früchten. Heute war ganz klar kein solcher Tag. Er hatte die frisch von Mia erhaltenen Kopien am Kühlschrank aufgehängt und rührte abwesend in der Schokolade. Im Kopf ging er das durch, was er vom letzten Seminar des Tages behalten hatte. Es war nicht so viel wie er gehofft hatte und langsam machte es ihm Sorgen. Das Semester war nun immerhin schon einen Monat alt und bisher waren seine guten Vorsätze nicht von dem größten Erfolg gekrönt gewesen. Ein Drittel der Vorlesungszeit war bereits verstrichen und nach seinem alten Plan würde er nun die Prüfungsvorbereitung ins Auge fassen müssen. Er hatte diesen Termin absichtlich so weit vorne ins Semester gelegt um auch wirklich jede Klausur im ersten Anlauf zu bestehen. Als Lohn dafür würde er nämlich nicht mehr am Ende der vorlesungsfreien Zeit in die Nachklausuren müssen sondern hätte wirklich Ferien.

Er würde so viel machen können in der Zeit. Kuchen backen lernen zum Beispiel. Richtigen Kuchen, keine Backmischung für die Kastenform sondern Blechkuchen und Torten. Bunt, süß und schrecklich fettig. Vielleicht hätte er doch Konditor werden sollen. Oder er konnte Freunde besuchen fahren. Viele seiner alten Schulfreunde waren inzwischen fertig mit der Uni und hatten ihr eigenes Leben in den verschiedensten Städten der Republik angefangen. Bei den Meisten stand noch immer ein Besuch aus. Nur dann würden sicher wieder die Fragen auf kommen, wie es denn bei ihm so lief, was er so machte und was er hinterher mit seinem Studium anfangen wollte. Alles Fragen, die ihn bisher erfolgreich Zuhause gehalten hatten. Der Duft von überzuckertem Kakao und Vanille mischte sich mit dem Duft von Pizza mit extra Käse und fettigem Schinken. Am Ende würde er wahrscheinlich einen Großteil seiner Ferien wie jede Freie Zeit verbringen: Alleine vor dem Rechner.

Sein Blick wanderte über die Kopien am Kühlschrank. Die Mitschriften waren wie immer sehr gut. Er sollte sie wirklich abschreiben, dadurch lernte man immer sehr gut. Andererseits hatte er eh immer schon so viel zu tun und war zu bequem. Er hatte ja die Notizen schon in perfekter Form und morgen wollte er zum Volleyball. Eigentlich konnte er Volleyball nicht einmal leiden aber die Gruppen dort waren gemischt und er mochte die Ausblicke. Besonders Jenny, auch wenn sie immer von ziemlich weit oben auf ihn herab blickte und das, obwohl sie mehr als einen Kopf kleiner war als er. Irgendwie war ihm das unangenehm und wenn sie ihn beobachtete war für ihn jedes Spiel der bittere Ernst. Er bestrich den Kuchen mit der Schokolade. Sie war schon etwa zu dünnflüssig geworden und drohte an den Seiten hinab zu laufen oder zu dünn zu werden. Er behielt etwas im Topf um später eine zweite Schicht auf zu tragen. Jenny, das war für ihn der Inbegriff von unlogischem Verhalten. Dabei war er es doch, der dabei unlogisch wurde. Sie tat genau genommen überhaupt nichts, außer gut Volleyball zu spielen, auf ihn herab zu sehen und dabei auch noch unwahrscheinlich toll aus zu sehen.

Er fluchte leise und warf sein Backbesteck in die Spüle. Abwaschen würde er später, nach der Pizza. Ihm fiel auf, dass sich der Geruch in der Küche ungünstig verändert hatte. Erschrocken riss er den Backofen auf und blickte auf eine leicht zu knusprige Pizza. Es stimmte, der Ofen war noch an gewesen aber für die Pizza war es wohl etwas zu warm gewesen. Essbar war sie trotzdem und er wollte ja es nicht zu komfortabel nicht verhungern. Er brach die Pizza in der Mitte durch und stellte sich mit einer Hälfte vor den Kühlschrank. Vielleicht wurde es doch noch etwas mit der Prüfungsvorbereitung dachte er, während er die Pizza aß und die Mitschriften las.