Hörsaalgetuschel – Ausgabe 89

Dejavu

Erik, früher Mittzwanziger, dunkelblond mit aktuell etwas ungepflegter, strubbeliger Frisur und einem unsauber rasierten Stoppelkinn, ließ sich auf dem Weg zur Vorlesung noch einmal die letzte Nacht durch den Kopf gehen. Wortwörtlich!

Angekündigt war die Party des Jahrhunderts, schon zum mindestens zwanzigsten Mal dieses Jahr und er war schon wie zu allen anderen davor nicht hingegangen. Was am Ende dabei herumkommen würde, war ein einziges Besäufnis mit billigem Bier, schlechter Musik und zu vielen Leuten, mit denen er nüchtern wohl nie reden würde. Wieso sich also die Mühe machen? Er hatte stattdessen Flo besucht, eine Weile mit ihm geredet, einige Biere getrunken und später in seiner Wohnung alleine mit Schnaps weiter gemacht, bis die Vögel wach wurden.

So kam es, dass Erik nach immerhin drei Stunden Schlaf aus den verschwitzten Laken kroch, um rechtzeitig um Viertel nach acht in der Vorlesung zu sitzen. Wer kam eigentlich auf die glorreiche Idee, schon so früh eine Vorlesung halten zu müssen? Das war absolut widernatürlich, selbst zum absehbaren Ende des Semesters. Aber er hatte die Vorsätze, das laufende Semester nicht völlig vor die Hunde gehen zu lassen. Da mussten schon einmal Opfer gebracht werden. Erik erbrach sich in den Mülleimer vor dem Supermarkt, besorgte sich ein Konterbier und eine fettige Salami, aß dann zuerst die Salami und leerte das Bier, nur um fünf Minuten später beides in den Mülleimer vor dem Hörsaal zu spucken. Während die stinkende Suppe aus dem Korb sickerte, wankte er in den Saal. Von Flo kannte er ein solches Verhalten aber er selbst? Beinahe schämte er sich etwas dafür.

Drinnen sah er sich mit kurzsichtigen Augen um. Fahle, müde Gesichter mit verquollenen Augen und immer wieder ein völlig überdrehtes Schnattermaul und übertrieben freundliche Morgenmenschen. Der Geruch von saurem, billigen Kaffee hätte ihn fast wieder hinausgetrieben. Links und rechts neben ihm tauchten zwei verschwommene Gestalten auf, griffen ihm unter die Arme und schleiften ihn mit in eine leere Reihe.

„Der Erik hat gestern den Absprung verpasst und ein schlechtes Bier erwischt. Ehrlich Junge, wieso kommst du überhaupt noch? Pennen kannst du doch besser zu Hause.“

Flo und Martin. Beide etwa einen halben Kopf kleiner als Erik und jeweils drei Jahre älter. Flo aufgrund eines ungünstigen Starts ins Studentenleben, Martin aufgrund seiner vorherigen Ausbildung zum Feinmechaniker. Beide waren auch nicht für die Party des Jahrhunderts zu begeistern gewesen. Flo, weil er den Abend gemütlich mit Erik in seiner Wohnung verbracht hatte und Martin, weil er seine Freizeit bei Frau und Kind zu Hause genießen wollte. Erik registrierte die beiden nur beiläufig. Für einen Moment hatte er das Gefühl, die Situation so ähnlich schon einmal erlebt zu haben. Ehe er darüber nachdenken konnte, war sein Kopf aber bereits auf den Tisch gesunken.

DSC02959

„Ich darf Sie dann um Ruhe bitten, damit wir anfangen können. Zunächst einmal habe ich Ihnen einige Probeklausuren online zur Verfügung gestellt. Die können Sie sich einmal ansehen und dann Ihren Wissensstand überprüfen oder mir noch offene Fragen stellen. In der letzten Woche wollten wir ja hierzu eine Fragestunde abhalten. Passt der Termin bei Ihnen allen noch?“

Erik gab seinem inneren Zwang nach, gähnte herzhaft, rieb sich kurz die juckenden Augen und behielt sie nur einen Augenblick geschlossen. Vielleicht wäre er wirklich besser im Bett geblieben aber er hoffte immer noch auf das Wunder, den Stoff durch reines Zuhören aufnehmen zu können. Er atmete tief durch und richtete sich auf. Außerdem war sein Bett in letzter Zeit alles andere als ein Garant für Schlaf geworden. Es fehlte einfach etwas Entscheidendes.

„…was Sie ja auch alles bereits kennen. Das haben wir in den letzten beiden Wochen glaube ich ausführlich genug besprochen. Ich gucke gerade auf die Uhr. Wenn Sie jetzt noch Fragen haben, dann stellen Sie die bitte. Ansonsten würde ich nämlich dann auch für heute Schluss machen. In den letzten drei Minuten das neue Thema anzufangen ergibt wenig Sinn. Bis nächste Woche dann.“

Irritiert sah Erik sich um. Alle packten ihre Taschen zusammen und standen auf. Er wusste nicht, ob er um sein Timing glücklich oder verärgert sein sollte. Er bemerkte jetzt erst richtig, was Mia immer für ihn geleistet hatte, als sie ihn mit in die Veranstaltungen geschleift und ihn zur Aufmerksamkeit gezwungen hatte. Was war er doch ein Narr gewesen, wenn er sich zwischenzeitlich über sie geärgert hatte.

„Vielen Dank, dass ihr mich so ruhig schlafen gelassen habt.“ Der verärgerte Vorwurf ging an Flo und Martin, die bereits neben ihm standen und warteten.

„Bitteschön, gern geschehen. Du hast aber auch geschlafen wie ein Stein. Keine Sorge, es ist nicht aufgefallen. Martin hat dir Kulleraugen aufgeklebt.“

Auf einem Telefon kam ein Foto von seinem Gesicht mit albernen Klebeaugen in sein Sichtfeld. Der Anblick war irgendwie albern und verstörend zugleich und er war sich fast völlig sicher, eine solche Situation schon einmal erlebt zu haben. Er wollte lieber überhaupt nicht daran denken, wann und wo. Flo fixierte ihn mit seinem Blick, als sie in die Sonne hinaus gingen.

„Hast du mit ihr geredet? Du wolltest das noch gestern Abend machen.“

Damit hatte er recht, das war sein Plan gewesen. Aber er hatte sich nicht getraut. Immerhin hätte Mia bei ihrem Standpunkt bleiben können. Er schüttelte niedergeschlagen den Kopf, straffte aber dann dennoch die Schultern.

„Hab eine Kopie von ihrer Sicherung gemacht und die Arbeit etwas sortiert und die Formatierung gemacht. Keine Ahnung von dem Inhalt aber wenigstens sieht es jetzt besser aus.“ Er zuckte beiläufig die Schultern. Nüchtern hatte er noch keinen Blick darauf geworfen, aber wenn sein Gedächtnis nicht völlig totgesoffen war, dann sah es nicht einfach nur besser aus sondern regelrecht professionell.

Advertisements

5 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 89

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s