Hinterm Horizont – Teil 11.

Nachdem es letzte Woche leider ausfallen musste geht es heute weiter mit der Reise zu den Sternen und sich selbst. Die Spannungen an Bord waren von Beginn an recht hoch aber haben sich nie wirklich im ganz großen Stil entladen. Dennoch, der Körper passt sich an vieles an, auch an Stresssituationen. Aber welchen Weg wählt man am Ende, um sich in der neuen Situation zurecht zu finden? Will man sich selbst oder die Situation verändern?

 

In unserem Ansehen stürzten sie damit nur noch weiter ab. Es waren die Roboter, die immer wieder bemüht waren, die Wogen zu glätten und uns zu trösten. Sie suchten immer wieder nach Erklärungen und verheimlichten uns, dass die Angriffe auf Roboter und uns Arbeiter in Ansätzen geplant und organisiert worden waren. Sie wussten, dass dadurch die Fronten undurchdringbar verhärtet worden wären. Unsere Angreifer hätten uns als Verräter an dem gesehen, was sie für überlegen hielten, als Kollaborateure mit einem Feind, der an ihrem Sturz arbeitete. Wir hingegen hätten sie als Verräter an der Kolonie gesehen, als Saboteure unseres Schiffs.

Sie verheimlichten uns auch, dass es tatsächlich Sabotageaktionen gegen die Systeme unserer Quartiere gegeben hatte. Sie verheimlichten uns die Sprengsätze, die unter unserem Tisch in der Kantine angebracht worden waren oder die Waffen, die uns in den Korridoren nachgeworfen werden sollten. Sie verheimlichten uns, dass die Rädelsführer dieser Aktionen geschickt in Konflikte verwickelt wurden, um sie auf der Krankenstation sedieren zu können oder im Arrest zu isolieren.

Die Rechtfertigung in der Programmierung hierfür war längst gegeben. Das Schiff und seine Besatzung waren zu schützen. Selbst auf der Erde wären diese Individuen aus dem Verkehr gezogen worden. Dort hätten sie dann Besserungsprogramme durchlaufen und wären wieder in die Gesellschaft eingegliedert worden. Extreme Fälle wären vielleicht für eine Zeit in einer der Strafkolonien beschäftigt worden. So genau konnten wir das nicht einmal sagen. Es gab einfach kaum Präzedenzfälle, wo jemand so ausfällig wurde, dass die Gesetzgebung aufmerksam wurde.

Hier aber waren die Möglichkeiten begrenzt. Personen, die sich als eine Gefahr für Schiff und Besatzung erwiesen hatten, konnte man unmöglich zum Arbeitseinsatz rekrutieren und die Kapazitäten von Krankenstation und Arrestzellen waren begrenzt. Bei der Planung war weder mit vielen Unfällen oder Erkrankungen noch mit sonstigen Zwischenfällen gerechnet worden. Auch nicht von seitens der KI.

Es dauerte nicht lange, bis die Zellen gefüllt waren und es immer schwieriger für die Roboter wurde, die alte Besatzung im Zaum zu halten. Langeweile lässt Menschen kreativ werden und wer sich hier aus seinem apathischen Zustand befreien und sich von den Fenstern lösen konnte, der hatte viel Langeweile, falls er keine Arbeit fand. Nur den Weg der Arbeit wählten nur wenige. Unser Start würde bald zwei Jahre zurückliegen und selbst die hartnäckigsten Geister gewöhnten sich irgendwann an ihren Schock.

Gerade einmal drei neue Gesichter fanden in diesen Tagen den Weg in unsere Gruppe. Der Schock über einen Maschinenmenschen mochte sie aus der Starre gerissen haben, doch die Neugier überwog am Ende den Ekel. Sie mochten uns nicht einmal unähnlich sein, dennoch wurden sie mit großem Misstrauen, Zurückhaltung und Vorsicht aufgenommen. Aber sie blieben, und während sie es langsam schafften, in unseren Augen von den wertlosen Faulpelzen vor den Fenstern und den Raufbolden in der Bar zu wertvollen Kollegen aufzusteigen, lernten sie mit Beharrlichkeit die Roboter als Freunde und Partner zu schätzen. Auch sie erfuhren die Ablehnung der Besatzung und auch sie taten sich schwer damit, diese Ablehnung nachzuvollziehen.

Und dann holte uns die Kreativität doch noch ein. Verborgen im Abfall waren Kanister mit Flüssigkeiten und Pulvern gewesen. Jede für sich harmlos, doch in der Kombination leicht entzündlich. Die Explosion zerstörte den Reißwolf der Wiederaufbereitungsanlage und Enyas linke Körperhälfte. Mit viel Ausdauer hatten die Roboter versucht uns vor genau diesen Situationen zu schützen und sie vor uns zu verheimlichen doch vom einen Moment auf den anderen war nichts mehr, wie es einmal war. Unsere eigene Art hatte uns verraten und den Krieg erklärt. Nicht die Roboter waren es gewesen, obwohl die Geschichten der letzten zweihundert Jahre immer davor gewarnt hatten. Nicht sie waren die Bösen gewesen, sondern Menschen, die es nicht verkraften konnten, dass sich ihr Horizont geändert hatte.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 161.

Kein Bock und keine Zeit

Flo war ganz grundsätzlich ein Freund von Ehrlichkeit. Bequeme Lügen mochten auf kurze Sicht manches leichter machen, aber auf lange Sicht kam es doch immer wieder zurück. Ehrlichkeit in einem Ausmaß, wie in diesem Gespräch mit Erik aber, irritierte ihn dann doch. Dabei hatte er eigentlich nur wissen wollen, ob er mit in den Pub kommen wollte.
„Nein, tut mir leid. Heute schaffe ich es nicht mehr, ich bin schon ausgebucht.“
„Alles klar. Liebe Grüße, falls du etwas mit Marlene geplant haben solltest. Ihr habt doch noch Kontakt, oder?“
„Ja, haben wir, aber heute werden wir uns nicht sehen. Ich wollte eigentlich etwas lernen, habe schließlich immer noch eine Klausur ausstehen. Die Letzte.“
Daran hätte er denken können. Erik hatte die Klausur schon oft genug erwähnt, nur in letzter Zeit hatte er nicht mehr besonders motiviert gewirkt. Abgesehen von Seminararbeiten würde dies seine Letzte Prüfung vor der Abschlussarbeit sein. Die Zeit raste regelrecht. Nur was war dieser Unterton?
„Eigentlich? Klingt nach etwas viel Konjunktiv für eifrige Begeisterung.“
„Stimmt. Eigentlich sitze ich die ganze Zeit am Rechner und prokrastiniere. Wahlweise gucke ich Dokus oder zocke etwas. Aber es ist schön ruhig und entspannt und niemand stört mich dabei.“
„Du willst also einfach etwas Ruhe haben im Moment.“
„Ja.“
„Hat sich Mia bei dir gemeldet?“
Bei dem Namen zuckte Erik kaum merklich zusammen. Flo konnte ihm ansehen, dass er sich nicht einig war, ob er über das Thema reden wollte oder nicht. In seinen Augen zeigte sich allerdings keine Regung, weder Leidenschaft noch Wut oder Liebe.
„Wieso hätte sie das denn tun sollen?“
„Sie fragt gelegentlich nach dir, will wissen, wie es dir geht und so. Bei dir direkt melden wollte sie dann aber auch nicht.“
„Gut. Ich hätte ihr auch sicherlich nichts zu sagen gehabt, also wäre es vergebene Liebesmüh.“
Das konnte Flo sogar gut nachvollziehen. Es war ihm immer etwas merkwürdig vorgekommen, mit welcher Beharrlichkeit Mia versuchte über Erik auf dem Laufenden zu bleiben. Irgendetwas hinderte sie daran, ihn wirklich hinter sich zu lassen. Es schmerzte ihn allerdings zu sehen, dass auch Erik sich offenbar nicht gut von dem Schlag erholt hatte. Es war nicht das erste mal in den letzten Tagen und Wochen, dass Erik sich als Beschäftigung für das Wochenende die Isolation des heimischen Zimmers ausgesucht hatte. Es war allerdings selbst für ihn nicht typisch, dermaßen deutlich zu sagen, dass er einfach keine Lust hatte. Er ließ sich für Flos Geschmack etwas zu sehr gehen.

Wasserkuppe

Der Blödsinn der Woche 16.

Der heutige Blödsinn wanderte gestern über meine Timeline, mit dem Hinweis, er wäre geklaut, und eine Quelle dazu nicht mehr aufzufinden. Aber er stellt die aktuell moderne Diskussionskultur im Internet so schön dar, da wollte ich Euch dennoch teilhaben lassen. Ich hatte spontan das ein oder andere Gesicht dazu vor Augen. Wie war denn das noch mit Gesundheit, Essen, Bauchgefühl und co?

WhatsApp Gruppe „Gesundes Essen- leicht gemacht“

-Winnie wurde der Gruppe hinzugefügt-

Winnie: Hallo in die Gruppe, vielen Dank für die Aufnahme! Ich glaube, ich könnte ein wenig Nachhilfe beim gesunden Essen gebrauchen. Momentan esse ich, was mir schmeckt und soviel, bis ich satt bin.

Jenny: Ach du lieber Gott ….

Thorsten: Hallo Winnie! Schön, dass du da bist! Das hört sich so an, als ob du wirklich ein paar Tipps gebrauchen könntest!

Verena: Salzt du dein Essen?

Winnie: Wie meinst du das?

Verena: Na, ob du Salz verwendest!

Winnie: Ja klar!

Jenny: Ach du lieber Gott….

Verena: Du weißt aber schon, dass Salz Gift für unseren Körper ist? Als erstes würde ich dir empfehlen, sofort auf jegliches Salz in deiner Nahrung zu verzichten.

Winnie: Ja, aber das schmeckt doch dann grauenhaft!

Verena: Nein, der Körper gewöhnt sich daran. Du musst nur durchhalten und konsequent sein, dann wandelt sich dein Geschmacksempfinden in gut einem Jahr um. Ich bin ein neuer Mensch, seit ich auf Salz verzichte.

Winnie: Ah ok… und wie machst du das, wenn du auswärts isst?

Verena: Wie meinst du das?

Winnie: Na, im Restaurant oder Pommesbude!

Carmen: Pommesbude??????

Thorsten: Ich hoffe, das war ein Scherz !!!!!

Kec-Man: Du willst doch nicht sagen, du gehst an die Pommesbude?

Jenny: Ach du lieber Gott….

Winnie: Ähm, ja ab und zu gehe ich ganz gerne Pommes und so essen. Nicht so häufig, aber wenn ich mal Heißhunger drauf habe!

Jack the Crack: Also Heißhunger ist eine reine Willensschwäche. Du musst dich mental so stark machen, dass du deinen Körper in jeder Situation dominierst! Treibst du Sport?

Winnie: Ja, sehr gerne sogar. Ich gehe laufen, spiele Tennis und fahre immer mit dem Fahrrad zur Arbeit.

Jack the Crack: Das ist alles kein Sport! Ich schicke dir mal einen Link zu unserem Boot Camp. Da machen wir aus Memmen Männer. Und du wirst sehen, je dicker deine Muskeln werden, umso stärker wird auch dein Wille!

Winnie: Ja, danke für den Tipp, Jack! Werde ich gerne einmal ausprobieren.

Kec- Man: Wieviel Gramm Eiweiß isst du am Tag?

Winnie: Das weiß ich nicht.

Kec-Man: Wie bitte? Wiegst du dein Essen denn nicht ab?

Winnie: Nein, warum?

Jenny: Ach, du lieber Gott….

Kec- Man: Wie behältst du denn dann den Überblick über dein Nährstoffverhältnis und deinen Grundumsatz?

Winnie: Was ist denn mein Grundumsatz?

Thorsten: Ich glaube, wir müssen bei Winnie ganz von vorne anfangen, Leute!

Carmen: Also Eiweiß ist ja nun auch nicht so ganz unbedenklich!

Kec-Man: Was sollte denn an Eiweiß ungesund sein?

Carmen: Zuviel davon zum Beispiel!

Kec-Man: Quatsch !!!

Carmen: Kein Quatsch!

Carsten: Auf jeden Fall keine Kohlehydrate! Also kein Brot, keine Nudeln, Kartoffeln, kein Mehl und kein süßes Obst!

Winnie: Das darf ich alles nicht essen?

Carsten: Auf keinen Fall. Weißt du was Kohlehydrate mit deinem Körper anstellen?

Winnie: Und was darf ich essen?

Kec-Man: Fleisch auf jeden Fall, weil da viel gesundes Eiweiß drin ist.

Veganella: Ich fasse es ja nicht! Das ist ja die größte Lüge überhaupt. Typisch für diese beschissene Gesellschaft!

Kec-Man: Was hast du denn für ein Problem???? Und was ist eine Lüge?

Veganella: Also, ich habe ein großes Problem mit solchen Mördern wie dir und dass du auch noch zum Tiermord aufrufst. Und die größte Lüge überhaupt ist, Fleisch und gesund in einem Satz zu nennen!

Carmen: Rotes Fleisch ist wirklich ungesund. Ich esse nur Pute!

Carsten: Geflüge ist dioxinbelastet, genau wie Eier. Sehr bedenklich! Da ist Rindfleisch vom Metzger deines Vertrauens schon die bessere Wahl!

Carmen: Nein, rotes Fleisch ist krebserregend!

Verena: Nur, wenn du es salzt!

Carmen: Quatsch, immer! Ich schicke dir mal einen Link!

Verena: Am besten isst du Fisch, Winnie. Natürlich ungesalzen.

Carsten: Fisch ist hochgradig
schadstoffbelastet!!! Fische nehmen die hohen Giftstoffe im Meer auf und geben sie an den Menschen weiter.

Veganella: Ja klar, fischt doch die Meere weiter leer! Gut, dass dann eure Kinder später gar nicht mehr wissen, wie Fische aussehen!

Carsten: Ich habe doch gesagt, dass man keine Fische essen soll.

Veganella: Dich habe ich doch auch gar nicht gemeint!

Winnie: Und was ist jetzt erlaubt?

Tolli: Wasser!

Winnie: Nur Wasser???

Tolli: Wasser ist unglaublich wichtig für deinen Körper. Ich trinke jeden Tag vier Liter Wasser.

Winnie: Und was isst du?

Carmen: Beim Wasser darauf achten, dass es ohne Kohlensäure ist.

Winnie: Ihhhhh….

Jack the Crack: Denke an deine Willensstärke. Ihhhh gibt es nicht, Ihhh ist schwach!!! Du hast dich übrigens noch gar nicht angemeldet zum Camp.

Winnie: Ja, äh, ich habe es mir noch nicht durchgelesen. Mache ich noch….

Mandy: Ich bin ja der Meinung, dass es nicht darauf ankommt, WAS du isst, sondern WANN! Ich esse nur morgens um 5.30 Uhr und dann nochmal um viertel nach drei am Nachmittag. Ansonsten nehme ich nichts zu mir. Und seitdem bin ich ein völlig neuer Mensch.

Winnie: So früh morgens schlafe ich noch, und am Nachmittag muss ich arbeiten. Ich habe um 10 Uhr Frühstückspause und um 13 Uhr Mittagspause. Und dann esse ich abends so gegen 19-20 Uhr, wenn ich wieder daheim bin.

Jenny: Ach du lieber Gott…

Mandy: Das ist ja unverantwortlich!!! Du musst unbedingt deine Essenszeiten ändern.

Winnie: Ja, wie gesagt, das geht ja aufgrund meines Jobs nicht!

Mandy: Ja, dann musst du dir einen anderen Job suchen. Gesundheit geht IMMER vor!

Winnie: Aber ich mag meinen Job!

Mandy: Deine Entscheidung…tzzzz!

Kec-Man: Du hast aber auch nicht wirklich Ahnung, Mandy! So wie du dich ernährst ist es total ungesund. Du brauchst 5 kleine Mahlzeiten am Tag.

Mandy: Ich weiß nicht, wo du dein Halbwissen her hast, aber das ist ja mal total falsch.

Kec-Man: Glaub ich aber nicht…

Mandy: Glaube ich für dich mit, denn ich habe schließlich eine zweiwöchige Ausbildung zur Ernährungsheilpraktikerin gemacht. Ich weiß sehr wohl, wovon ich spreche.

Kec-Man: Ernährungsheilpraktikerin, ich lach mich tot…

Mandy: Iss du nur 5mal am Tag, dann bist du eh bald tot.

Thorsten: Freunde, das bringt doch den Winnie jetzt nicht weiter. Also, iss viel Eiweiß und noch mehr Gemüse.

Verena: Aber nur ungesalzen!!!

Carsten: Also Gemüse…ich weiß ja nicht! Das sind ja pure Pestizide !!!

Veganella: Ich habe mal ein tolles Rezept für einen Kichererbsenauflauf verlinkt, Winnie. Darin ist alles enthalten, was dein Körper braucht und es schmeckt auch noch.

Kec- Man: Wenn das schmeckt, nenn mich Horst !!!

Veganella: Horst !!!!

Winnie: Also wie jetzt…kein Fleisch, kein Fisch, kein Gemüse, keine Kohlehydrate, keine Eier…

Verena: Kein Salz !!!!

Winnie: Ok, kein Salz! Aber was bleibt denn dann noch?

Tolli: Wasser! Habe ich doch schon gesagt. Wasser ist das Lebenselixier für deinen Körper!

Carsten: Mineralwasser ist mit mehr Kolibakterien belastet als eine öffentliche Toilette. Tolles Lebenselixier!

Tolli: Ich verwende ja auch ausschließlich selbstgefiltertes Regenwasser.

Carsten: Und du denkst bei den Schadstoffen in der Luft ist das dann besser???

Veganella: Ja sooooo typisch. Wenn es um EURE Luft geht, dann habt ihr Angst und tut was. Aber wenn es um arme Tiere geht, das ist euch scheißegal.

Kec-Man: Boah, kann einer diese Körnertante mal entfernen, die nervt …

Tolli: Mein Wasser ist nicht schadstoffbelastet. Ich lege Bergkristalle in die Regentonne!

Verena: Hab mir das Rezept mal durchgelesen. Da ist ja viel zu viel Salz drin.

Veganella: Ja wenn du mal auf Schlachttiere so achten würdest, wie auf dein scheiß Salz….

Verena: Es ist nicht MEIN Salz, ich hasse Salz, du dusselige Kuh!

-Winnie hat die Gruppe verlassen-

Walderdbeeren

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 160.

Murmeltiertag

Es wäre gelogen, zu behaupten, Erik hätte sich gefreut, als Marlenes Nummer auf dem Display seines Telefons erschien. Er wusste sogar bereits, worauf sie aus war, was sie wollte, und er wusste, dass es ihm heute nicht gelegen kam. Im Dämmerlicht wickelte er einen Arm aus der dicken Bettdecke, sodass er wenigstens nach dem Telefon greifen konnte. Vielleicht war es besser, sie einfach zu ignorieren. Nicht, dass das irgendeinen Zweck gehabt hätte. Sie würde einfach später noch einmal anrufen. Es gab also keinen Grund, es nicht jetzt hinter sich zu bringen.

Sein Blick glitt zur Uhr, und wenn es ihm nicht eigentlich egal gewesen wäre, dann hätte es ihn vielleicht erstaunt, dass sie bereits drei Uhr nachmittags anzeigte. Gestern hatte er es wenigstens geschafft, bis zwei Uhr das Bett zu verlassen. Auch wenn er auch danach nichts mit dem Tag hatte anfangen können. Er hatte in seinem Schreibtischstuhl gesessen und sich einem traumlosen Halbschlaf hingegeben, während beliebige Streamingvideos auf dem Monitor vor sich hin brabbelten. Er hätte nicht ein Einziges davon noch mit Namen benennen können.

Was Marlene betraf, hatte er sich nicht geirrt. Seine Gesellschaft hatte sie gewollt, zum Abendessen oder Kino. Seine Anwesenheit bei gesellschaftlichen Aktivitäten, für die er das Haus verlassen musste. Noch schlimmer, er würde dafür sein Bett verlassen müssen. Und allein die Höflichkeit gebot es, sich dann auch die Zähne zu putzen und zu duschen. Immerhin bot ihm die aktuelle Mode die Option, seinen fleckigen und absolut kümmerlichen Bartwuchs dennoch als Versuch gelten zu lassen, einen Vollbart zu züchten. Das würde ihm zwar mitleidige Blicke einbringen, aber die würde er so oder so bekommen. Davon war er überzeugt.

Es tat ihm ehrlich leid, ihr abzusagen. Das war vielleicht die intensivste Gefühlsregung der ganzen Woche gewesen. Erik wusste, dass sie es nur gut meinte, und vermutlich wäre es sogar genau das, was er zurzeit benötigte. Es würde ihm gut tun und vielleicht sogar gefallen. Aber war es ihm das wirklich wert? Dann müsste er sich ebenfalls eingestehen, dass er vielleicht ein kleines Problem mit sich selbst hatte. Eines, das er nicht so ohne Weiteres alleine lösen konnte. Eines, von dem auch Marlene lieber nichts wissen sollte, obwohl sie es sicherlich bereits lange vor ihm gewusst hatte.

Mürrisch drehte er sich im Bett um, leerte seine Wasserflasche und ärgerte sich, keine weitere da zu haben. So oder so würde er wohl heute noch aufstehen müssen. Er schlug die Decke zur Seite und der beißende Geruch viel zu lange nicht mehr gewaschener Bettwäsche und darin vegetierender Menschmasse kroch ihm in die Nase. Er ekelte sich vor sich selbst und konnte nicht verstehen, wie Marlene so hartnäckig seine Aufmerksamkeit suchte.

Und dann überraschte er sich doch noch selbst, als er sich mit einem dumpfen Platschen auf den kalten Boden vor dem Bett fallen ließ. Es war zwar nicht sein Plan gewesen, aber er hätte diesen und die folgenden Tage gerne einfach im Bett verbracht, ohne irgendetwas zu tun oder zu denken. Stattdessen kroch er jetzt in Richtung Badezimmer, um sich dennoch herzurichten. Nicht für sich selbst, sondern für Marlene. Er würde sie anrufen, sich entschuldigen und fragen, ob sie noch Interesse an einem kurzen Spaziergang oder Kino hätte. Wer weiß, vielleicht würde sie ihm ja sogar eine weitere Gefühlsregung bescheren.

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Bildquelle: Pixabay

Der Blödsinn der Woche 15.

Es ist die Zeit, in der viele Leute sich dem Wahnsinn von Neujahrsvorsätzen hingeben, die vermutlich bis jetzt schon größtenteils gestorben sind. Gleichzeitig gab es in den letzten Wochen reichlich und reichlich gutes Essen. Da passt doch irgendwie folgende Frage…

Wie viele Kalorien verbrenne ich, wenn ich vor meinen Problemen davon laufe?

Schwarzes Moor

ps.: Zur Zeit läuft immer noch meine Umfrage (*folge diesem Link*). Ich wäre Euch dankbar, wenn ihr die 5 Minuten erübrigen könntet oder Leute kennt, die dazu bereit wären. Immerhin seid Ihr meine beste Hoffnung, ein möglichst breit gestreutes Publikum zu erreichen 😉 Vielen Dank!!

Hinterm Horizont – Teil 10.

Selbst hier, in dem kleinen Ökosystem im Schiff, jenseits jedes Horizonts, hatte es eine ganze Weile gebraucht, bis wir akzeptieren konnten, dass unsere ganze Weltanschauung ein Trugbild war. Wir waren nicht die Krone der Schöpfung, sondern ihre Schöpfer. Wir waren nicht unverzichtbar, sondern Ballast. Wir waren nicht einmal mehr die Dirigenten unseres eigenen Lebens, selbst das war längst von uns aus der Hand gegeben worden. Aber kein Roboter hatte damit gerechnet, dass wir psychisch komplett kollabieren würden, kaum dass die letzten Strahlen der Sonne uns verlassen hatten.

Und doch hatte es auch positive Auswirkungen. Denn unsere kleine Gruppe von erwachten Menschen stand nicht direkt unter dem Einfluss eines künstlichen Gehirns. Wir hatten es geschafft, uns von unserer selbstverschuldeten und gewählte Unmündigkeit zu emanzipieren und das künstliche Gehirn hatte sich uns nicht in den Weg gestellt. Wir hatten vielmehr alte, längst vergessene Instinkte neu entdeckt. Den Drang nach Bewegung und einem Sinn im Leben, Faszination und Neugier, die Fähigkeit, sich für etwas zu begeistern. Teilweise sogar die Fähigkeit zu lieben. Wir gliederten uns aber in die Rangordnung ein und leisteten unseren Beitrag zum großen Ganzen, zum gemeinsamen Ziel.

Für Bob aber war diese Fähigkeit sich zu begeistern gefährlich geworden. Die verlorene Mannschaft war bereits so damit ausgelastet, sich der Panik vor dem Nichts hinzugeben, dass der Anblick eines Maschinenmenschen sie gänzlich überforderte. Aus ihrer Lethargie gerissen taten sie das einzige, was sie noch konnten, und griffen ihn in den ersten Tagen immer wieder an oder warfen Gegenstände nach ihm. So beschloss er sich, in den Korridoren einen Mantel über den Arm zu legen oder einen langen Handschuh zu tragen. Es erstaunte uns alle, dass überhaupt jemand noch so aufmerksam war, den Arm zu bemerken.

Dennoch reagierte der Mensch, wie immer, wenn er etwas nicht begreifen konnte. Einigen Leuten reichte es nicht, dass Bob seinen Arm verbarg. Sie lehnten ihn grundsätzlich ab und empfanden seine Abkehr von der reinen Fleischlichkeit als Verrat an, als Angriff auf ihre eigene Integrität. Was teilweise noch größere Auswirkungen hatte, war, dass sie ihn nicht mehr als Mensch, sondern als Maschine wahrnahmen. Damit war er in ihren Augen zu einer niederen Existenz geworden, wie die Roboter es waren.

Zu einer Existenz, die aber dennoch ihre Aufmerksamkeit wert war. Wenn er in ihrem Sichtfeld erschien, erwachten sie kurz aus ihrer Lethargie, um ihn ihre Ablehnung spüren zu lassen. Teilweise richtete sich ihr Zorn auch gegen uns, die seine Gesellschaft nicht nur duldeten, sondern sogar schätzten.

In unserem Ansehen stürzten sie damit nur noch weiter ab. Es waren die Roboter, die immer wieder bemüht waren, die Wogen zu glätten und uns zu trösten. Sie suchten immer wieder nach Erklärungen und verheimlichten uns, dass die Angriffe auf Roboter und uns Arbeiter in Ansätzen geplant und organisiert worden waren. Sie wussten, dass dadurch die Fronten undurchdringbar verhärtet worden wären. Sie hätten uns als Verräter an dem gesehen, was sie für überlegen hielten, als Kollaborateure mit einem Feind, der an ihrem Sturz arbeitete. Wir hingegen hätten sie als Verräter an der Kolonie gesehen, als Saboteure unseres Schiffs.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 159.

Silvester allein

Erik stand am Fenster seiner winzigen Studentenbude, allein und mit einer Flasche Sekt in der Hand, die jedes Mal übermäßig schäumte, wenn er sie sich an den Hals setzte. Draußen beobachte er die Gruppen von Menschen, die unterwegs waren zu irgendwelchen Partys oder von der einen zur anderen. Es herrschte allgemeine Ausgelassenheit und immer wieder erleuchtete das bunte Aufblitzen einer verfrühten Rakete die Nacht. Das war es also dann gewesen, das letzte Jahr.

Vor einem Jahr noch hatte die Welt gründlich anders ausgesehen. So vieles war passiert und hatte sich verändert. So vieles war noch immer wie damals und so vieles würde in einem Jahr schon völlig in Vergessenheit geraten sein, was aktuell wie ein Ereignis von globaler Tragweite wirkte. Wahlweise im ganz Großen oder auch im ganz Kleinen.

Vor einem Jahr hatte er mit Mia gemeinsam das Feuerwerk bewundert, Arm in Arm, und vom Balkon ihrer gemeinsamen Wohnung aus. Sein größtes Problem war es gewesen, dass Mia ihm eine Affäre mit Tina unterstellte, die so nie stattgefunden hatte. Eben jene Tina wohnte jetzt gemeinsam mit eben jener Mia in ihrer ehemals gemeinsamen Wohnung. Sie belegte nun die Seite im Bett, auf der er einst geschlafen hatte. Es war ein seltsames Gefühl daran zu denken, eines, welches ihm nicht besonders behagte und auch der Sekt wollte es nicht recht aus dem Mund spülen, mochte er auch noch so sehr prickeln und schäumen.

Überhaupt schien dieses Jahr die ganze Welt den Verstand verloren zu haben. Die politischen Führer dieser Erde mussten geschlossen zu dem Entschluss gekommen sein, dass gesunder Menschenverstand nicht mehr zeitgemäß war, und hatten alle Regeln der Diplomatie über Bord gegeben. Wie in blindem Wahn prügelten sie nun verbal aufeinander ein. Angeblich so gerechte und souveräne Demokratien inhaftierten nach Belieben unbequeme Persönlichkeiten oder eigentlich unbeteiligte Angehörige von politischen Gegnern. Alle Seiten drohten blindlings mit Kriegen, die sich keiner der beteiligten hätte leisten können. Gleichzeitig war Hirnleistung in diesen Kreisen derart rar gesät, dass diese ansonsten hohlen Phrasen so ernst genommen wurden, wie lange nicht mehr.

„Die Welt ist im Wandel“ geisterte die Zeile eines seiner Lieblingsbücher durch Eriks Kopf und eine weitere Welle bitteren Geschmacks flutete seinen Mund. Er hatte Flo immer für zu sorglos und naiv gehalten, wenn er mit seiner positiven Grundstimmung nach außen hin und wenigstens zwei Bier nach Innen hin durch die Gegend gehüpft war. Jetzt beneidete er ihn um diese Unbedarftheit, doch auch Flo hatte sich in letzter Zeit geändert. Er war sehr viel ruhiger geworden, öfter einmal einen ganzen Abend nüchtern geblieben und hatte sogar das ein oder andere Mal Pläne für mehr als eine Woche im Voraus gemacht und gehalten. So vieles war passiert.

Von seinen eigenen Plänen war nicht mehr sehr viel übrig geblieben. Dieses Jahr hatte doch eigentlich das seine werden sollen. Die gemeinsame Zukunft mit Mia hatte konsolidiert werden sollen, und wenn sie dann im nächsten Jahr ihren Abschluss schaffte, hatte er mit ihr eine Familie gründen wollen. Klar, sie waren schon lange nicht mehr auf Wolke Sieben. Eher auf Wolke Fünf oder sogar Vier, aber es war beständiger geworden und das hätte ihm völlig gereicht. Die große Liebe war schließlich eh ein Mythos. Es galt immer Kompromisse einzugehen und dies hier wäre seiner gewesen. Er hätte zu Hause bleiben und sich um das Kind kümmern können, während sie ihre Karriere verfolgte.

Statt eines Kinderzimmers hatte er dann aber diesen Schuhkarton von einer Wohnung eingeräumt.

Marlene hatte seinen Kinderwunsch aufgegriffen und hätte diese Lücke liebend gerne gefüllt. Sie hatte sich wirklich um ihn bemüht und es hatte sich für eine Zeit sogar wirklich herrlich angefühlt. Doch er hatte keine wirkliche Verbindung zu ihr finden können und musste sich eingestehen, dass er nicht so weit war. So sehr er ihr diese Chance auch hatte geben wollen, sie wäre für ihn immer nur eine Art Ersatz-Mia gewesen. Ihm wäre das unfair vorgekommen.

Er hatte versucht sich vorzustellen, wie er sich fühlen würde, wenn er nur ein Lückenfüller oder ein Spielzeug in einer Beziehung sein würde. Das Gefühl, was er fand, ähnelte sehr dem, welches er in den letzten Monaten bei Mia empfunden hatte. Allein die Vorstellung, das jemand anderem anzutun, löste Ekel vor sich selbst in ihm aus. Und dennoch hatte er sich auf die Idee fixiert, mit dieser Person eine Familie gründen zu wollen? Vielleicht sollte er doch Flos Rat befolgen und einmal professionelle Hilfe konsultieren.

Vielleicht wäre das ein guter Vorsatz für das neue Jahr. Er konnte sich zwar nicht ausmalen, was das denn bringen sollte, aber was konnte es denn schon schaden? Er würde ohnehin viel Kraft für das Jahr benötigen. Ein Jahr, in dem er vor viel Arbeit stand und an dessen Ende hoffentlich sein Abschluss nur noch in Rufweite stand. Dann würde sich schon wieder alles ändern. Wenigstens in diesem Punkt waren Mia und er sich sehr ähnlich gewesen. Sie waren beide sehr unflexibel und nur mit viel Vorlauf spontan.

Und während draußen immer mehr und mehr Raketen in den Himmel stiegen und die Uhr unerbittlich auf Mitternacht zu hielt, griff er zum Telefon, um Marlene einen guten Rutsch und ein Jahr voller erfüllter Träume zu wünschen. Er traute sich so gerade eben noch zuzugeben, dass er selbst gerne einer dieser Träume war.

Und in diesem Sinne wünsche ich euch einen guten Rutsch in ein erfolgreiches und wunderbar glückliches neues Jahr. Macht das Beste daraus und geht doch einmal diesen einen großen Traum an, der euch schon so lange im Hinterkopf herum spukt (und ich bin überzeugt, Dir ist gerade ein sehr spezifischer Gedanke durch den Kopf gegangen). Bis nächstes Jahr!

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