Exitus XV

Als wir auf den leeren Flur hinausgetreten waren, hörte ich Tom und Lena leise tuscheln.

„Was hat das denn nun wieder zu bedeuten? Oma? Und das lässt du dir bieten?“

„Er ist mein jüngster Enkel. Still jetzt, wir wollen nicht noch mehr riskieren.“

„Du machst mich fertig mit deinen Geheimnissen.“

Nackter Beton, ein Labyrinth aus Gängen aber im groben auch der Weg, den wir gekommen waren. Keine Gesichter, nur vereinzelte Polizeidrohnen, vor und hinter uns jeweils ein Orakelwächter. Auf einmal schienen wir doch wieder recht harmlos zu sein. Aber ich müsste lügen, wenn ich behauptete, es noch bewusst wahrgenommen zu haben. Die Welt schien sich hinter einem wohlig gleichgültigen Schleier zu verstecken, von Müdigkeit schön glatt und faltenfrei gebügelt. Schemen, die sich um mich herum bewegten, genau, wie ich selbst nicht mehr viel mehr war, als ein wandelnder Schatten.

Bei unserer Ankunft war mir die Garage nur wie ein riesengroßer leerer Raum vorgekommen, genau so kalt und kahl wie der Rest des Gebäudes. Jetzt konnte ich erkennen, dass der Raum überhaupt nicht so groß war. Mit den fünf neutralen Ziviltransportern der Polizei war er voll. Es waren nicht solche, wie die, mit denen wir hier hergebracht worden waren oder vorher aus der Stadt hinaus. Das hier waren die Modelle für verdeckte Operationen, an denen nichts von außen darauf hinwies, dass es sich um behördliche Fahrzeuge handelte. Von diesen Lieferwagen waren Hunderte, wenn nicht Tausende auf den Straßen der Stadt unterwegs. Sie waren also ideal, wenn man nicht auffallen wollte und offensichtlich wollten wir das nicht. Vielleicht hatte selbst das Orakel inzwischen Angst vor den Geistern, die es heraufbeschworen hatte.

Zunächst dachte ich, entlang der Wand würden weitere Orakelwächter stehen und warten. Doch alles, was sie wie Wächter erscheinen ließ, waren die dunklen Sonnenbrillen und Oberteile. Bereits die Hosen gehörten wieder zur üblichen Polizeiuniform. Sie mussten als Fahrer für die übrigen Transporter abgestellt worden sein. Sie wirkten unruhig und nervös. Menschliche Polizisten wurden nur in Einzelfällen im Außendienst eingesetzt und das wir ein solcher Ausnahmefall sein sollten, schien ihnen nicht geheuer zu sein.

Der Wächter steuerte zielsicher auf eines der Fahrzeuge zu, während sein Kollege sich ein anderes aussuchte. Ich war davon ausgegangen, dass sich die Polizisten in Bewegung setzten, sobald deutlich war, welche Fahrzeuge noch frei waren. Doch sie rührten sich nicht, blickten sich nur extra nervös um und bemühten sich um eine straffe Haltung. Stumm beobachteten sie, wie Marten und Marja, auf Befehl der beiden Orakelwächter, Lena in den Frachtraum eines der Transporter zogen. Tom half von unten mit, doch die Szene wurde gestört.

Ein schlurfender Gang und das gleichmäßige Pochen eines hölzernen Spazierstocks, auf den sich jemand schwer abstützt, hallte durch die Gänge, kam immer näher. Die Polizisten nahmen unwillkürlich Haltung an und wagten kaum zu atmen. Generell schien das Pochen des Stocks jedes andere Geräusch zu verdrängen. Im Film würde jetzt ganz leise eine bedrohliche Musik eingespielt werden, die maximale Spannung erzeugen sollte. Das war hier nur unserer Fantasie überlassen. Was mir dafür auffiel, war die Unregelmäßigkeit der Schritte. So, als müsse sich die betreffende Person für jeden Schritt sehr bewusst konzentrieren. Und dann kam er um die Ecke und stand vor uns. Doktor Wyzim, mit wutverzerrtem, hochroten Kopf.

Gunter Wyzim war, um ganz ehrlich zu sein, eine Enttäuschung. Der Mann, der mich ein gutes Jahr gejagt hatte, der gleich zwei Terroranschläge inszeniert hatte und die versammelte Polizei von Olimpia auf die Spuren von mir und meinen Freunden gesetzt hatte, war nichts weiter als ein Greis. Ein giftiger alter Mann mit ungepflegtem Haar, schlecht rasiert und in zerknitterter Kleidung. Mir war bewusst, dass auch ich aktuell alles andere als eine beeindruckende Erscheinung war, trotzdem war ich bereits zum zweiten Mal in dieser Nacht enttäuscht und beleidigt, von dem, was mir hier geboten wurde. Schnaubend musterte er uns, während er sich an seinen Stock klammerte, ließ seinen Blick über Lena, Marten und Marja im Transporter gleiten, betrachtete Tom auf der Trittstufe und zuletzt mich. Die beiden Wächter ignorierte er regelrecht zwanghaft.

„Fünf!“ Seine Stimme war matt, rasselte und hatte so überhaupt gar nichts Beeindruckendes an sich. „Mehr habt ihr nicht gefunden? Fünf? Wie viele habt ihr verloren? Wenigstens einer muss es ja gewesen sein, sonst müssten wir uns nicht mit dieser Scheiße hier befassen!“

Mit diesen Worten griff er in seinen fleckigen Kittel, zerrte ein Bündel Papier heraus und schmiss es den Polizisten vor die Füße. Ich erkannte Textsatz und die Anordnung der Bilder eher, als dass ich auch nur ein Wort hätte lesen können. Es waren Martens Flugblätter, für die er so verzweifelt einen Verleger gesucht hatte. Hier waren sie nun, auf dem sauberen blass rosanem Papier der Verwaltungsbehörden gedruckt. Die angesprochenen Menschen hüllten sich in betretenes Schweigen. Ihre straffe Haltung hatte hier und da bereits etwas gelitten, der ein oder andere Kopf hatte sich kaum merklich zwischen seine Schultern zurückgezogen. Sie schienen meine Auffassung nicht zu teilen, dass Wyzims Wutausbruch eine gewisse Komik besaß.

„Die Hälfte aller Radiosender liest das hier alles schön vor und wenigstens jeder zehnte Netzwerkdrucker spuckt diesen Dreck in Großserie aus. Das ist also der Weg, wie die Polizei unserer schönen Stadt mit Terroristen umgeht? Sie hilft ihnen bei der Verbreitung ihrer Propaganda? Sechs Zimmer und die Helfer, wo sind also die Anderen?“

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 128.

Geläster

Für Mia mochte es ein ungewohnter Start in eine Hausarbeit sein. Normalerweise sammelte sie nur schnell die nötigen Bücher zusammen, lud sich passende Paper oder Artikel herunter und verkroch sich dann mit ihrem Laptop an den heimischen Schreibtisch oder ins Bett. Doch im Augenblick war ihr in der Wohnung zu viel Lärm mit der Baustelle im Nachbarhaus. Ihre Hoffnung war gewesen, dass der gleichmäßige und gedämpfte Lärm eifrig lernender Studenten, eine unauffällige Hintergrundmusik sein würde, zu der sie selbst auch fleißig sein konnte.

Für eine Weile hatte es auch geklappt. Sie hatte einige Paper überflogen und die Hälfte gleich wieder als für das Thema irrelevant gekennzeichnet. Zwei Bücher hatte sie ebenfalls schon durchgearbeitet, alles Hilfreiche raus geschrieben und sie gleich wieder auf den Stapel zur Rückgabe gelegt. Und eigentlich hätte sie auch gerne etwas Musik nebenbei gehört, wenn sie denn etwas Passendes dabei gehabt hätte. Gegen die doch ablenkenden Störgeräusche hätte das sicherlich gut helfen können. Doch sie hätte auch nicht bemerkt, dass die Stimmen, welche durch die dünne Trennwand der Lernkabine hallten, nicht unbekannt waren. Sie gehörten zu Jens und Ole, Kommilitonen seit dem ersten Semester, die sie zwar kannte, mit denen sie aber nie viel zu tun gehabt hatte.

„Boa alter, check die da mal. Blaue Jacke, geht gerade raus. Hammer Teile!“

„Nicht so auffällig, man. Kann das nicht auch Push-Up sein? Die sind sonst echt hart.“

Ganz offenbar waren sie beide nicht mit Lernen beschäftigt. Stattdessen führten sie detaillierte Beobachtungen und Diskussionen durch, wenn man es denn so nennen wollte.

„Glaube ich nicht, die könnten schon wirklich echt sein. Ines trägt viel Push-Up, schon mal drauf geachtet? Nicht, dass sie es nötig hätte, aber egal.“

„Dein Ernst? Ines? Alter, die sieht voll bitchy aus, was willst du von der?“

„Was für bitchy? Ich weiß ja, du stehst nicht auf Blond, aber selbst du musst zugeben, dass die echt scharf ist.“

„Naja gut, ich mach sie dir nicht streitig, also viel Spaß. Aber wolltest du nicht was von der Kleinen aus dem Methodenseminar? Heißt die Tina?“

„Ja, Tina, aber bei der muss man echt aufpassen. Irgendwas läuft bei der voll seltsam. Irgendwann wollte die angeblich mal was von Florian, hat sich dann aber übelst an diesen Erik ran gemacht und ist jetzt mit Marco zusammen.“

Mia hatte nie viel auf Klischees gegeben. Besonders, wenn es an Geschlechterrollen ging, wollte sie sich nicht mit dem Status quo zufriedengeben. Daher war ihr auch durchaus bewusst, dass auch Männer gerne einmal lästerten und tratschten. Das Ausmaß, wessen sie hier gerade Zeuge wurde, überraschte sie aber dann doch. Es fiel ihr ein Spruch ein, den sie einmal gelesen hatte, oder besser gesagt, ein Teil davon. Kleine Geister reden über Leute. Sie konnte sich nicht mehr an den anderen Teil erinnern. Irgendeine noble Eigenschaft größerer Geister musste es gewesen sein. Aber für den Augenblick reichte dieses Fragment völlig.

„Verdammt viel Verkehr. Wer soll da noch den Überblick behalten?“

„Musst du gerade sagen. Du springst doch selbst jedes Wochenende auf ne andere. Findest wohl keine, die dich nen zweites Mal lassen würde.“

„Schnauze. Außerdem hab ich Gerüchte gehört, dass die angeblich schwanger ist. Ob sie wenigstens weiß, von wem? Erik oder Marco?“

Die Beiden hatten ganz offenbar keine Ahnung, dass sie neben ihnen saß und zuhören konnte. Auch wenn Erik sich dem Gedanken zu verweigern schien, Mia wusste genau, dass Tina ihn nicht einfach nur als Freund betrachtete. Allein das bloße Hirngespinst, dass es jemand für möglich hielt, ihr Freund könnte Tina geschwängert haben, versetzte ihr einen empfindlichen Stich.

„Erik ist doch mit Mia zusammen, der Riesenfrau. Das wird der auch nicht aufs Spiel setzen, die zieht ihn doch durchs ganze Studium. Jede Wette, wenn die mal Kinder bekommen, bleibt er als Papa zu Hause. In der Beziehung ist sie der Kerl.“

Ja, und ich bin mehr Kerl und mehr Frau, als du überhaupt vertragen könntest, ging es Mia durch den Kopf. Vielleicht könnte sie Teile dieser Aussagen als Kompliment aufnehmen. Zum Beispiel, dass sie gut genug für zwei war, oder dass sie charakterstark war. Aber sie wollte einfach nicht. Es war gerade so viel einfacher, sich über diese zwei Kleingeister hinweg zu setzen und sich über haltlose und fantasievolle Unterstellungen zu ärgern. Wenigstens würde sie beim Training nachher dadurch sicherlich einen gründlichen Vorteil haben.

Strickmob im Ringpark

Die Briten wollen … nochmal drüber reden?

Es ist jetzt bereits wieder zehn Monate her, dass die Briten per Volksentscheid für den Austritt aus der EU gestimmt haben und seit dem ist viel passiert. Eine Regierung ist zurückgetreten, einige Brexit-Initiatoren haben ihren Wählern die lange Nase gezeigt und sich zurückgezogen, die Scheidung wurde offiziell eingereicht und die aktuelle Premierministerin der Insel hat diese Woche spontan einmal Neuwahlen angekündigt.

Ich neige dazu, politische Entscheidungen die EU betreffend als innenpolitisch zu betrachten. Ich weiß, so weit sind wir (noch) nicht und werden es vielleicht auch nie, aber man darf ja hoffen. Ich habe meine Meinung zum Ausstieg der Briten und meine Haltung zur EU damals bereits hier gepostet (genauer hier und hier). Hat sich daran etwas geändert?

Viel jedenfalls nicht. Ich finde es immer noch ausgesprochen bedauerlich, dass die Briten diese Entscheidung getroffen haben. Es mag eine enge Entscheidung gewesen sein und ohne viel Rückhalt in Teilen der Bevölkerung, aber sie war demokratisch, wie Demokratie nun einmal funktioniert. Was die EU betrifft, so wurde der Warnschuss wohl auch gehört und viele Leute sind umhergehastet wie ein aufgeschreckter Ameisenhaufen, mit den dringend notwendigen Veränderungen rechne ich aber vorerst leider nicht. Dafür ist das System leider viel zu träge. Es würde einige Grundsatzreformen brauchen, für die sich die Verantwortlichen wohl kaum begeistern könnten.

Als ich nun die Nachricht von den Neuwahlen gehört habe, war mein erster Gedanke, dass es spannend sein könnte, wie gut eine Partei abschließt, die für den Rückzug der Scheidung eintritt. Eine solche Partei wird nur leider nirgendwo erwähnt. Stattdessen geht es offenbar nur darum, dass sich Frau May ihres Brexit-Kurses rückversichern will. Mir ist bewusst, dass es utopisch gewesen sein mag, auf einen Verbleib in der EU zu hoffen, auch wenn von britischer Seite bereits deutlich signalisiert wurde, dass man wohl nicht so völlig weg sein will. Immerhin der Handel soll offen bleiben. Wer will es ihnen schon verübeln, es mit dem Rosinenpicken wenigstens zu versuchen?

Dennoch hatte ich im ersten Moment die Hoffnung, dass hier nun wenigstens wieder zaghaft an zugeschlagene Türen geklopft werden würde. Die EU mag viele Fehler haben, schon allein deswegen, weil sie recht ungefiltert aus einer reinen Wirtschaftsunion hervorgegangen ist. Es fehlt an Transparenz, Demokratie und Zusammenhalt. Stattdessen gibt es Korruption, Lobbyismus und undurchsichtige Hinterzimmerverträge. Wieso sollte hier etwas akzeptiert werden, für das jede nationale Regierung scharf kritisiert werden würde? Aber um das zu ändern, braucht es starke Partner, die auch bereit sind, ihre Verpflichtungen anzunehmen und anzugehen. Der Austritt ist die bequemere Lösung und nach den Briten liebäugeln auch die Franzosen mit dem Modell.

Statt europäischen Gedanken macht sich Populismus breit. Es klingt so harmlos und geht doch so viel tiefer. Ignorante Kurzsichtigkeit und unreflektiertes Aberkennen von Rechten, erst einmal nur bei „den Anderen“ aber letztendlich doch auch bei sich selbst. Das kann niemand hier gebrauchen. Ich denke, mehr Europa kann uns eigentlich recht gut tun. „Ja aber was ist mit den kulturellen Besonderheiten?“ Multikulti ist ja in den Augen mancher schließlich Gift. Dabei kann man Gutes doch einfach behalten und weiter pflegen.

Mit der Gründung von Deutschland ist doch z. B. auch der rheinische Karneval oder das Oktoberfest nicht verschwunden. In Friesland stehen immer noch Reetdächer, unter denen man auf die Polder gucken kann und französischer Wein ist durch die Grenzöffnungen kein Stück schlechter geworden. Okay, über britische Küche mag man streiten. Da gibt es Dinge, die sie besser können.

Ich bleibe dabei. Die EU kann etwas sehr Gutes sein. Vielleicht möchten ja auch eines Tages die Briten, oder wenigstens Teile der Insel, wieder mitmachen. Bis dahin gibt es viel zu tun und ich hoffe, dass die richtigen Leute gute Ideen dazu nicht nur haben, sondern auch umsetzen. Denn immerhin ist das auch mein Zuhause, über das hier entschieden wird.

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Exitus XV

„Oma, ich bitte Dich. Ich versuche hier auch nur, meinen Job zu machen. Wem willst du eine solche Geschichte glaubhaft machen? Wir wissen beide, dass Selime ohne Ausweis nicht verreisen kann und Jay riskiert auffällig zu werden, sobald er ein Terminal benutzt. Also könntest Du uns den Gefallen tun und das hier ein wenig ernst nehmen?“

Jetzt war es an Tom, die Kontrolle über seine Gesichtszüge zu verlieren. Er hatte auf Antworten gehofft und unverhofft Respektlosigkeiten präsentiert bekommen. Sein Temperament ging mit ihm durch.

„Oma? Wir sind vielleicht in keiner Position, wo wir großartig fordern können aber auch Orakelwachen sind nicht unverwundbar, wenn sie sich nicht benehmen können …“

Er setzte zu einer ausgedehnten Wuttirade an, doch Lena griff zielsicher nach seiner Schulter und nahm ihn an die Hand. Sie schien den Wächter genau anzusehen, ihn mit ihren blinden Augen zu fixieren. Es war nicht das erste Mal, dass ich daran zweifelte, ob sie wirklich so völlig blind war.

„Lass gut sein, Tom. Das ist schon in Ordnung.“ Sie wandte sich wieder an den Wächter. „Tut mir leid, Bubi, aber ich kann Dir nicht sagen, wo sie sind. Mit einem Lieferwagen kann man übrigens auch ohne Ausweis fahren, solange man nicht kontrolliert wird. Aber erwartest du wirklich, dass ich Dir verrate, wo meine Freunde hin sind? Hier, in diesem Gebäude? Du hast uns zwar erzählt, dass Doktor Wyzim uns jagt aber wir wissen weder wieso, noch wo er im Augenblick ist. Ich wäre also um einen Plan recht dankbar. Wie soll es weitergehen?“

Der Wächter lehnte sich an die Tischkante und sah nachdenklich aus. Offenbar war es auch für ihn alles ein Rätsel oder Puzzlespiel. Und als er zu einer Antwort ansetzte, kam sie ihm zwar etwas zögerlich aber sehr ehrlich und ruhig über die Lippen.

„Nach allem, was man so hört, zeigt Wyzim in letzter Zeit gewisse Obsessionen. Er hat sich wohl schon länger mit der Thematik befasst, dass nicht jeder Mensch stirbt, wie das Orakel es prophezeit. Aber als dann vor einem Jahr die Entsorger einen Körper nicht finden konnten und er das mitbekommen hat, begann er wohl Gespenster zu sehen. Es mag damit zusammenhängen, dass seine Frau wohl schwer krank ist und sein Sohn vor zwanzig Jahren völlig überraschend gestorben ist. Ich kenne jemanden in Abteilung 42, der von ungewöhnlichen Vorgängen berichtet.“

Er zögerte einen Moment, schien mit sich selbst zu ringen, was er weiter erzählen wollte, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Offensichtlich war es ein empfindliches Thema für ihn, von dem er nicht viel hielt. Lena gönnte ihm seine Pause nicht.

„Ich habe den Verdacht, alles, was in Abteilung 42 geschieht, kann als ungewöhnlicher Vorgang eingestuft werden. Weißt du, was damit genau gemeint ist? Und wieso wir nicht gleich dorthin gebracht wurden?“

„Das Meiste, was in Abteilung 42 vor sich geht, ist tatsächlich sehr unspektakulär. Vielleicht einige etwas unkonventionellere Verhörmethoden oder Versuche, die nicht protokolliert werden sollen. Aber vielfach ist es einfach nur der Ruf der Abteilung, welche die erwünschte Wirkung erzielt. In den wenigsten Fällen werden die Verantwortlichen dort wirklich kreativ. Wenn das der Fall ist, dann besteht auch meistens eine Verbindung zu unserem Doktor Wyzim. Er hat eine erstaunliche Erfolgsquote. Oder eine Erschreckende, je nachdem, von welchem Standpunkt aus man es betrachtet. Aber Untersuchungen zum Thema Vampirismus sind selbst für seine Verhältnisse seltsam.

Vor wenigen Jahren soll er dann erstmals eine Untote in seine Abteilung geholt haben. Eine ältere Dame namens Emma Barfi. Die Entsorger haben sie morgens in ihrer Wohnung vorgefunden, alleine, lebendig und völlig verstört. Sie hatte keine Chance, zu begreifen, was mit ihr geschehen war und Wyzim muss die arme Frau gründlich verstümmelt haben, in seiner Suche nach Antworten. Ihr wisst es alle selbst am Besten: Untote sind nicht unverwundbar oder besitzen etwa übernatürliche Heilkräfte. Was einmal ab ist, das bleibt es auch. Sie sterben lediglich nicht zum prognostizierten Datum, manche auch später nicht. Das einzige Vermächtnis der Emma Barfi war, dass sich Untote anatomisch nicht von Normalsterblichen unterscheiden. Und fast alles, was ich euch hier erzähle, beruht ausschließlich auf Gerüchten, Erzählungen und Vermutungen. Emma Barfis Existenz endet mit ihrem Todestag und nichts Offizielles weist darauf hin, dass danach noch etwas folgte.

Möglicherweise folgten danach noch zwei weitere Untote ihrem Schicksal. Niemand führt darüber Register und es ist einer der Daseinsberechtigungen von Abteilung 42, dass das so bleibt. Selbst das Orakel bekommt nur sehr wenig Schriftliches von dort. Und Wyzim selbst habe ich auch nie kennengelernt. Daher kann ich absolut nicht sagen, was von den Geschichten realistisch ist und was zu den gezielten Fehlinformationen zählt, die gestreut werden, um den Ruf der Einrichtung zu festigen. Ein Hinweis ist vielleicht, dass es den Leuten aus Abteilung 42 selbst unangenehm zu sein scheint, dieses Thema anzusprechen. Mein Bekannter dort hat keinen Zweifel daran gelassen, dass er es für unehrenhafte Forschung hält. Und Wyzims Motivation scheint persönlicher Natur zu sein. Ein privater Rachefeldzug gegen einen falschen Feind.

Und was euch betrifft, ihr seid nicht von Wyzim oder einer seiner Einheiten ausgegriffen worden, sondern von einer der Orakelwache unterstehenden Antiterroreinheit. Der Einzigen, die wir besitzen, um ganz offen zu sein. Obwohl die uns unterstehen, sind sie als Polizeieinheit registriert und arbeiten hauptsächlich als solche. Es gibt schließlich nur sehr geringe Notwendigkeit für Antiterroreinsätze. Folglich wurdet ihr dann zur ersten Befragung ins Polizeipräsidium gebracht. Da nach euch als Terroristen gefahndet wurde, ist es dennoch unsere Angelegenheit, und wenn mich nicht alles täuscht, wird auch Doktor Wyzim bald vorbei kommen wollen.

Es war wohl reiner Zufall, dass sie euch überhaupt gefunden haben. Den Kommandounterposten habt ihr scheinbar völlig unbemerkt passiert. Es war nur bekannt, dass ihr die Stadt verlassen habt, nicht die Richtung. Daher wurden alle Einheiten extrem weit gestreut, um möglichst viel Fläche abzudecken. Hättet ihr euch einen Tag später zur Abreise entschlossen, wärt ihr entweder in eurem Versteck gefunden worden, oder problemlos durchgekommen. Wahrscheinlicher ist das Zweite. Die Suche war im Abbruch begriffen.“

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. Wo blieb der Triumph angesichts unserer Festnahme? Was war mit der Dominanz der Orakelwache? Was war das für eine Befragung, bei der unser Ermittler sich ohne zu Zögern Lenas Autorität unterordnete und uns die internen Details so zwanglos offenlegte? Da stand nun dieser Berg von einem Mann, einen filigranen Teebecher in der Hand, blickte mürrisch auf die Uhr und murmelte ein „damit hättet ihr uns viel Ärger ersparen können“ in den nicht vorhandenen Bart. Ich war nie besonders empathisch gewesen, aber als er nun schwer seufzte, tat er mir ehrlich leid. Es war offensichtlich, dass er sich große Sorgen machte. Wieder war es Lena, die ihn von seiner Uhr losriss. Ihre Stimme hätte hart oder gereizt sein können, aber auch wenn sie fest und bestimmt war, fühlte sie sich dennoch sanft und einfühlsam an.

„Der Plan, Bubi. Gibt es einen?“

„… ja … ja es gibt einen, aber er gefällt mir nicht besonders gut. Viele graue Stellen und Ungewissheiten. Ihr habt uns nicht viel Zeit gelassen, Oma, und du weißt, wie schlecht ich immer im Improvisieren war.“

„Es wäre zu riskant gewesen, dich im Vorfeld zu unterrichten. Wir mussten möglichst totale Funkstille halten.“

„Ich mache dir ja keinen Vorwurf, aber leichter wird es dadurch nicht. Wir werden euch jetzt dann nach Abteilung 42 überstellen. Dafür werden wir euch in einen Transporter und zu den Räumlichkeiten im Keller des Orakelturms fahren. Vor der Türe lauern bereits die Medien, die eine Aufnahme von den Terroristen erhaschen wollen. Um besser vor eventuellen Übergriffen geschützt zu sein, werden einige Täuschfahrzeuge auf anderen Routen unterwegs sein. Eines davon werde ich fahren, mit euch im Laderaum.

Es ist wichtig, dass ihr perfekt mitspielt. Wenn wir auffliegen, sind wir alle im besten Fall Sekunden später erschossen. Viele Leute riskieren sehr viel dafür, ein paar nicht mehr existente Personen zu retten. Bitte seid euch dessen bewusst.“ Er machte eine kurze Pause, sah erneut auf die Uhr und straffte seine Haltung. „Trinkt jetzt aus, wir müssen los.“

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 127.

Besondere Situationen

„Das ist doch ätzend! Was soll ich hier bitte? Das Fach bringt niemandem etwas und nur um Punkte zu schinden, da hätte man auch etwas anderes nehmen können. Pflichtkurse sind doch scheiße.“

Es war nicht das erste Mal in dieser Woche, das Tina neben Erik und Flo saß und über irgendetwas schimpfte. Auch wenn Flo ihr zustimmen musste, dass Statistik echt kein Fach war, für das man sich begeistern konnte, es war nun einmal leider ziemlich wichtig. Auch wenn ihm jetzt spontan kein Grund einfallen wollte, wieso jemand bei klarem Verstand auf die Idee kommen könnte, sich ausgerechnet dieses Werkzeugs zu bedienen. In seinen Augen war es nicht seriös und in Tinas offenbar ebenso wenig. Erik war sich vielleicht noch nicht sicher, wie er zu dem Thema stand, schließlich hatte sich Mia noch nicht geäußert. Und das würde sie auch tunlichst unterlassen, denn Tina war ihr nach wie vor nicht geheuer. Inzwischen war allerdings sogar Flo aufgefallen, dass Tina zurzeit außerordentlich reizbar war. Und das, obwohl er so etwas ungefähr so gut wahrnehmen konnte, wie die relative Mondfeuchte.

„Ist alles okay bei dir? Du wirkst irgendwie so explosiv die letzten Tage. Das Semester geht doch gerade erst los und du hast schon so einen Stress?“

Einfühlsamkeit und der richtige Ton waren nicht unbedingt Flos Kernkompetenzen. Er war, emotional gesehen, wohl besser mit der Blechtrommel, als mit dem Klavier. Und eine Frau, die permanent im Augenblick vor der Explosion zu sein schien, auf diese Weise anzusprechen, war riskant. Erik, der die Szene beobachtete, wäre beinahe unter den Tisch geflüchtet. Mit ihren Blicken verarbeitete Tina Flo zu frischem Hackfleisch.

„Wann und wieso ich Stress habe, geht dich absolut überhaupt nichts an. Und wenn mir etwas nicht passt, dann hat das Verdammt noch mal einen sehr guten Grund, also sei besser ein guter Junge und höre darauf.“

Flo hatte nicht damit gerechnet, dermaßen angefaucht zu werden. Alles, was ihm einfiel, war, Tina völlig verdattert anzusehen. Er hatte keine Idee, was ihr Problem sein konnte. In seinen Augen hatte er eine völlig legitime Frage gestellt, und damit Anteilnahme gezeigt. Wieso konnte sie das so anders sehen? Er wollte schon zu Protest ansetzen, als er einen Tritt von links bekam. Erik sah ihn warnend an und er beschloss, die Worte lieber hinunterzuschlucken. Der Kurs begann, und Tinas Zorn schien sich in Resignation zu verwandeln. Wie ein nasser Sack saß sie dort, zusammengesunken und mit leerem Blick. Wie sie dort hing, tat sie Flo unglaublich leid. Einen Augenblick dachte er daran, sie tröstend in den Arm zu nehmen, sah dann aber doch davon ab. So vertraut waren sie nicht und er wollte es nicht riskieren, dass sie ihn hier physisch zerfleischte.

Und selbst zum Kursende dauerte es noch einen Moment, bis sie wieder zu sich kam. Der Raum wurde leerer, bis nur noch Flo, Erik und Mia auf Tina warteten. Sie war auch die letzten Male immer mit zum Essen gekommen, also wieso heute nicht auch wieder? Tina atmete tief durch und blickte kurz in die Runde.

„Tut mir leid, dass ich euch so angeranzt habe. Ist im Moment nicht so einfach alles. Viel Ungewissheit und Stress.“

„Mit Marco? Seid ihr doch wieder zusammen jetzt?“

„Nein, wir sind nicht zusammen, und das ist auch gut so. Aber ich bin bereits über eine Woche verspätet und das beunruhigt mich doch sehr. Fast zwei eigentlich.“

„Wieso? Verspätet wofür?“

Mit einem lauten Knall stürzte Mias Trinkflasche zu Boden. Sie schien nicht zu wissen, wen sie wie ansehen sollte. „Mensch Flo, reiß dich mal etwas zusammen. Womit könnte Frau wohl verspätet sein? Und das klingt echt beunruhigend, Tina. Was hast du jetzt vor? Von wem wäre es? Marco?“

„Natürlich nicht von Marco, von Erik! Das wäre ja wenigstens schön. Was soll diese Frage? Für was hältst du mich bitte? Und ich kann jetzt unmöglich ein Kind kriegen. Wie sollte ich das bezahlen? Wie soll ich mich darum kümmern? Wie soll ich das lieben? Das geht einfach nicht!“

Viel zu langsam war es auch Flo gedämmert, worum sich dieses Gespräch drehte, und es hatte ihn stumm werden lassen. Plötzlich waren da Leute in seinem Bekanntenkreis, die vier Jahre jünger waren als er selbst, und möglicherweise Kinder bekamen. Er verstand Tinas Punkt gut, dass ihr der Zeitpunkt extrem ungelegen kam. Bei ihm wäre es nicht viel anders. Aber im Gegensatz zu Tina, hätte er Kristina an seiner Seite, mit der er dieses Abenteuer gemeinsam bestreiten würde. Außerdem hatte Kristina einen festen Job mit Einkommen, während er sich verstärkt um Uni und Kind kümmern könnte, wenn es hart auf hart kam. Tina hingegen war alleine. Marco würde niemals bei ihr bleiben, erst recht nicht, wenn ein Kind im Spiel war. So viel Rückgrat hatte er einfach nicht. Er wäre schneller weg, als der Schall.

Und dann ihr Hinweis auf Erik. Was sollte das? Sie hatten doch abgesprochen, das Thema abzuschließen, und nun saß sie hier vor Mia und sprach es offen aus. Auch wenn Mia ein Gesicht gezogen hatte, als hätte sie eine Ohrfeige bekommen, bezweifelte Flo, dass sie den Sinn der Worte wirklich erfasst hatte, und besonders die Tragweite. Aber Flo war sich sicher, wäre Tina wirklich von Erik schwanger, sie würde ganz anders an das Thema herangehen.

Erik hatte die Botschaft offenbar auch nicht verstanden. Er sah eine gute Freundin in sehr angespannter Situation und wollte ihr helfen. Vorsichtig nahm er sie in den Arm und drückte sie an sich. Mia ließ die besonderen Umstände wohl zählen, und sagte nichts. Auch nicht, als Tina die Umarmung annahm, sich an Erik klammerte, ihr Gesicht an seine Brust drückte und hemmungslos in Tränen ausbrach. Der Frust und die Wut von Tagen, Wochen und Monaten bahnten sich gleichzeitig ihren Weg nach draußen, flossen als salziger Strom über ihre Wangen und in Eriks Pullover. Und ganz langsam verknüpften sich die Synapsen in Flos Gehirn und er begriff, was für große Gefühle in diesem kleinen Mädchen steckten. Auf unheimliche Weise fühlte er sich ihr in diesem Wissen verbundener, denn weder sie noch er durften darüber je offen reden.

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Pflanzexperiment: Milpa

Ostern ist, wenn es an die Feiertage geht, das reinste Monster Frankensteins. Man nehme Frühlings- und Fruchtbarkeitsriten aus der halben Welt, werfe sie in den Mixer und wirbele das Ganze einmal gründlich durch. Dazu noch eine Prise okkulter Legenden aus einer guten Handvoll Kulturkreisen und fertig ist das Fest.

Aber da ich von Ostern nicht viel verstehe, beschränke ich mich doch heute einfach mal auf die Fruchtbarkeit und starte einen neuen Versuch. Diesmal geht es nicht um einen Pilz, sondern gleich um einen Drilling, denn ich habe die Samen für eine Milpa geschenkt bekommen.

Was ist eine Milpa? Nun, die Tüte ist beschriftet mit „Maya – Mix“ und das ist nicht einmal eine reine Marketinglüge. Die Kombination aus Mais, Bohnen und Kürbissen wird bereits seit „Jahrtausenden“ in Süd- und Mittelamerika gepflanzt. Sie dient dem Zweck, auf möglichst kleiner Fläche so schonend wie es geht einen hohen Ertrag zu erzielen, der im Idealfall auch noch vielseitig genug ist, dass es über das reine Hungerstillen hinausgeht.

Dabei dient der hohe Mais den Bohnen als Rankhilfe, die Bohnen tragen über ihre Wurzeln Stickstoff zurück in den Boden und düngen ihn so. Abgerundet wird das Ganze von Kürbissen, welche mit ihren flachen aber breiten Blättern den Boden vor direkter Sonneneinstrahlung und damit dem Vertrocknen schützen. Oder aber vor dem Regen, welcher ansonsten die kostbare Humuserde wegspülen könnte. Außerdem ziehen diese Pflanzen unterschiedliche Insekten an, oder stoßen sie ab. So schützen sie sich gegenseitig vor Schädlingen.

Soweit jedenfalls die Theorie. Nun geht es an die Praxis. Die Anzucht soll Mitte April gestartet werden und später, im Mai, auf einem Feld von nur zwei mal zwei Metern ausgebracht werden. Mais und Bohnen in der Mitte, Kürbisse außen herum oder dazwischen. Für die Fläche habe ich mir ein Stück vom Campusgarten an der Uni reserviert. Dort habe ich bereits ein kleines Beet, in dem aber beim besten Willen kein Platz für einen solchen Großversuch ist. Jetzt muss ich diese Fläche nur erst noch umgraben und vorbereiten. Das wird eine Menge Arbeit werden, denn die umliegenden Bäume und Sträucher haben solide Wurzeln. Außerdem ist der Boden leider recht mager und geringmächtig über dem anstehenden Muschelkalk.

Ich freue mich trotzdem sehr darauf, damit endlich loslegen zu können. Auch wenn sich das Konzept nicht auf industrielle Maßstäbe übertragen lässt, klingt es doch erst einmal nach einer effizienten und vor allem sehr bodenschonenden Methode, etwas anzubauen. Der besondere Clou dabei ist, das Saatgut von Bingenheimer ist nicht nur Bio, sondern auch Samenfest. Wenn das Experiment also gelingt, können die Samen gesammelt werden und im nächsten Jahr wieder gesetzt werden.

Wenn Ihr mögt, dann gebe ich ein Update, wie sich das ganze Projekt entwickelt. Habt Ihr vielleicht bereits Erfahrungen mit solchen kombinierten Pflanzungen? Gibt es Dinge, die ich noch berücksichtigen muss oder die es besonders zu beachten gilt? Ich bin gespannt auf Eure Meinungen.

Liebe Grüße

Euer Graf

Milpa Mischung

Das verwendete Saatgut von Bingenheimer (KEINE bezahlte Produktplatzierung. Ist ja auch bisher noch nichts gewachsen, womit man werbewirksam angeben könnte, auch wenn ich natürlich auf guten Ertrag hoffe)

Exitus XIV

Die heiße Flüssigkeit tat gut. Ich hatte überhaupt nicht mehr daran gedacht, dass meine Kleidung immer noch von Erde verkrustet war. Sandkörner knirschten und kratzten bei jeder Bewegung und verklebten die Fasern des Stoffs, sodass er mich nicht mehr warmhalten konnte. Der duftende, aromatische Tee brachte die Wärme zurück und trieb sie durch Arme und Beine bis hin in die Zehen und Fingerspitzen. Schluck für Schluck, als wäre es flüssiges Leben. Der Wächter hatte es mit den zehn Minuten ernst gemeint, denn direkt nach Ablauf leerte er seine Tasse in einem Schluck und stand auf.

„Dann gehen wir mal hinüber zu den anderen.“

Er winkte mich herüber und hämmerte vier Mal gegen die Türe, die sich augenblicklich öffnete. Der Jungspund wartete bereits mit einem dampfenden Kaffee in der Hand auf dem trostlosen Flur. Er hatte sich die Sonnenbrille aufgesetzt und sein Gesicht in eine starre Maske verwandelt. Keine Regung war darauf erkennbar, als der Alte ihn bat, die Anderen zu uns in den großen Verhörraum zu bringen. Aber er spurte und verschwand hinter der nächsten Ecke.

Der alte Wächter führte mich unterdessen in einen größeren Raum mit einem Tisch, der beinahe etwas von einem Konferenztisch hatte. Etwas gemütlicheres Licht, eine Pflanze in der Ecke und einen Bildschirm am Kopfende, und es hätte durchaus ein brauchbarer Versammlungsraum sein können. In einem der Stühle saß Lena, ließ die Füße baumeln und summte verträumt vor sich hin. Als wir den Raum betraten, spitzte sie zwar neugierig die Ohren, unterbrach ihre Melodie aber für keine Sekunde. Auch nicht, als ich sie begrüßte und auf einem freien Stuhl Platz nahm. Sie nickte nur lächelnd in meine Richtung.

Tom wurde als Erster zu uns gebracht. Seine Haare waren zerzaust, das Gesicht und die Kleidung zerknittert und seine Augen winzig. Es war offensichtlich, dass er geschlafen hatte, und gerade erst wach geworden war. Ich musste kichern und beschrieb Lena aus Gewohnheit die Szene. Selbst der alte Orakelwächter schien amüsiert zu sein, während Tom etwas verlegen die restliche Erde unter seinen Fingernägeln hervor kratzte.

„Was hätte ich denn sonst tun sollen?“, murmelte er entschuldigend. „Ihr Kollege hat beim besten Willen keine sinnvollen Fragen stellen wollen und dieses Weichkoch-Spielchen, was Sie scheinbar so lieben, ist entsetzlich öde. Außerdem waren wir die ganze Nacht unterwegs, da wird man sich doch einmal etwas Ruhe und Schlaf gönnen können.“

Marja und Marten wurden hereingebracht, dann waren wir quasi alleine. Sechs alte Menschen, nur einer davon ein Wächter. Doch unsere Übermacht hätte uns nichts nützen können. Selbst wenn wir ihn überwältigen hätten können, saßen wir im Zentrum des Polizeipräsidiums, mitten in der Stadt. Es bestand überhaupt keine Notwendigkeit, uns besser zu bewachen. Für gesuchte Terroristen, denen angeblich alles zuzutrauen sei, war das aber doch etwas merkwürdig. Tom fand ein vergessenes Getreidekorn, was mit der Erde in seinen Bart gekommen sein musste, und versuchte es zu zerbrechen. Ich konnte ahnen, was in ihm vorging und war nicht überrascht, von seiner Provokation.

„Also, Sie haben uns geweckt. Haben Sie denn wenigstens bessere Fragen, oder darf ich mich wieder schlafen legen? Wie gesagt, Ihr Kollege war nicht sehr geschickt. Ich frage mich, ob ihm überhaupt jemand gesagt hat, weswegen er hier ist.“

„Die Orakelwache ist nicht darüber informiert worden, warum genau Sie hier alle versammelt sind. Wir haben nur die Informationen aus den Nachrichten weitergegeben bekommen, die offiziellen Polizeiberichte. Das Orakel selbst hält sich recht bedeckt, was Ihren Fall angeht, was mir verwunderlich vorkommt. Umso mehr, zumal wir unsere Aufträge ja direkt von dort erhalten. Jemand anderes hat noch seine Finger im Spiel. Ich nehme an, Sie alle kennen den Namen Gunter Wyzim.“

Er erwartete nicht ernsthaft eine Antwort und fuhr ohne Unterbrechung fort. Tom machte spätestens jetzt keine Anstalten mehr, sich schlafen zu legen. Das hier versprach auf einmal, sehr spannend zu werden.

„Ich habe jedenfalls die Vermutung, das Wyzim in die Angelegenheit involviert ist. Er ist in letzter Zeit mit Interessen an Infrastruktur, Sprengstoffen und Chemikalien auffällig geworden, die nicht zum üblichen Repertoire eines Arztes gehören. Außerdem wird der Wache hier etwas verheimlicht und das gefällt mir nicht.

Wir haben im Laufe der Ermittlungen bereits einige Unverstorbene in Gewahrsam nehmen und an Sektor 42 übergeben können. In welcher Beziehung standen Sie zueinander?“

Lena übernahm das Antworten und sie schien den Wächter dabei genau in die Augen zu sehen. Für uns, die wir sie bereits länger kanten war es ein Anblick zum Gruseln, der alle Nackenhaare senkrecht stehen ließ. Ihre Stimme war klar und nüchtern, was sie absolut gespenstisch wirken ließ. Es hätte mich nicht überrascht, wenn diese winzige Person nicht auf dem Tisch gesessen, sondern etliche Zentimeter darüber geschwebt hätte.

„Wir sind alle Untote, wie Sie ja bereits festgestellt haben. Das war es dann auch bereits. Es wird vielleicht eine überraschende Enttäuschung sein, aber es gibt keine geheime Kartei von Untoten. Wir sind uns alle mehr oder weniger zufällig begegnet. Wenn jemand sein Leben lang in der Überzeugung lebt, sein Leben endet an einem bestimmten Tag, aber das tritt nicht ein, dann erkennt man das recht gut.“

„Wie ausgesprochen bedauerlich. Wir haben in Ihrem Versteck sechs eingerichtete Zimmer vorgefunden. Außerdem haben sie bedeutende Unterstützung von dem Barmann aus dem Vorzimmer und dem Restaurant im Erdgeschoss erhalten. Das Restaurant konnten wir sichern. Dennoch müssten hier wenigstens sieben Leute sitzen, ich zähle aber nur fünf. Was möchten Sie mir dazu erzählen?“

Wieder war es Lena, die spontan das Wort ergriff, nur diesmal schwang ein Hauch Ungeduld in ihrer Stimme mit. Das Gespenst schien zu wachsen.

„Der alte Jay hat sich Selime geschnappt und ist mit ihr nach Trantor gefahren, zu ihrer Tochter. Das war noch bevor Sie den Güterzug gesprengt haben, um Ihren Angriff auf uns zu legitimieren.“

In diesem Moment ging so viel im Gesicht des Orakelwächters vor, dass es völlig gleichgültig war, ob er die Sonnenbrille trug oder nicht. Er durchlebte gleich alle Emotionen auf einmal, abwechselnd, vor und zurück. Als wäre er tief beleidigt, stinksauer und gelangweilt zugleich, während er den besten Witz aller Zeiten gehört hatte. Plötzlich wirkte er nicht mehr so sehr wie Mitte fünfzig, sondern eher wie siebzig.

„Oma, ich bitte Dich. Ich versuche hier auch nur, meinen Job zu machen. Wem willst du eine solche Geschichte glaubhaft machen? Wir wissen beide, dass Selime ohne Ausweis nicht verreisen kann und Jay riskiert auffällig zu werden, sobald er ein Terminal benutzt. Also könntest Du uns den Gefallen tun und das hier ein wenig ernst nehmen?“

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