Archiv für den Monat April 2015

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 30

Semesterstart

Der kleine Hörsaal war voll als Flo durch die Türe trat. Die erste Veranstaltung des Semesters und eigentlich hätte doch die Hälfte der Anwesenden diesen Termin ignorieren sollen. Wer interessierte sich denn für einige organisatorische Informationen? Er selbst hatte mit sich gerungen, das Bett zu verlassen aber die Vorlesung war um vierzehn Uhr, da zog diese Ausrede nur bedingt.

Aufgeregtes Geplapper war ihm schon auf dem Flur entgegen geschallt. Nun gesellte sich noch der Geruch des billigen Automatenkaffees und übermäßigen Deokonsums dazu. Auch wenn die Temperaturen inzwischen sanken, der Schutz vor Schweißgeruch wurde noch immer aufs Absurdeste überschätzt. Tiefe Augenränder in den Gesichtern, die bereits die ersten Semesterpartys getestet hatten, manche davon auch hinter dicker Schminke, und das aufgekratzte Kichern einiger Frühaufsteher, die sich schrecklich viel zu erzählen hatten, obwohl sie über diverse Kanäle sowieso permanent in Kontakt geblieben waren.

„Oh mein Gott, es war so super. Ich sag dir, der Strand war ja schon traumhaft aber das Hotel erst. Du hättest mitkommen müssen.“

„Schatzi, ich war doch quasi dabei. Ich habe fast fünfhundert Fotos von dir bekommen. Ich hätte dir ja so gerne auch welche geschickt aber mein Datenvolumen ist schon seit zwei Monaten nur noch aufgebraucht. Schrecklich ist das! Ich hab sogar Postkarten schicken müssen, wie so ein Höhlenmensch. Hast du meine Karte bekommen? Bitte sag, dass die endlich angekommen ist!“

„Ach von dir war die? Shopping in New York? Boa ich war sooo neidisch, als ich das gelesen habe. Nächstes Mal komme ich mit. Pack mich in den Koffer, mir egal, aber ich muss mit.“

„Darauf kannst du aber so was von wetten. Das ist so traumhaft dort. Danach willst du nie mehr hier shoppen gehen.“

Selbst wenn Flo gewollt hätte, er konnte nicht weghören. Die penetranten Stimmen der beiden Mädels, die ihre Mitschriften offenbar immer auf dem Handy anfertigten, übertönte fast alles andere im Raum. Er war überrascht, wie gut die Akustik in dem kleinen Hörsaal war und wie laut jedes Gespräch hallte. Von den großen Vorlesungen letztes Semester schien nicht viel übrig geblieben zu sein, oder aber der Raum würde in zehn Minuten aus allen Nähten platzen.

„…und dann Eis essen im Central Park. Snow Cones, die musst du probieren! Göttlich, ich sage es dir. Und das bei nur ganz wenigen Kalorien. Es ist ja nur Wassereis mit Saft.“

„Das klingt so geil, aber ich würde den Flug nicht überleben. Ich hätte dauernd Angst, dass ich abstürze. Allein dieses Jahr waren es schon mehr als drei. Ein Wunder, dass da überhaupt noch jemand fliegt.“

Flo rollte die Augen. Er hätte gerne laut gelacht, wenn er nicht gewusst hätte, wie ernst sie das meinte. Vor vielen Jahren hatte er eine Dokumentation gesehen in der behauptet wurde, etwa jede Sekunde würde irgendwo auf der Welt ein Flugzeug starten oder landen. Inzwischen musste es mehr geworden sein. Ein Start alle eineinhalb Sekunden vielleicht. Das erschien ihm spontan nicht abwegig. Eine Zahl konnte er sich damit trotzdem nicht vorstellen.

An der Tafel stand der Dozent und bereitete sich vor. Obwohl die Ausstattung des Raumes mehr erlaubt hätte, stand er an einem alten Projektor und sortierte Folien. Es versprach jetzt schon, eine sehr altmodische Vorlesung zu sein. Noch vor einer Woche hatte er sich auf der Exkursion über den kauzigen Professor gewundert. Er mochte alles andere als modern sein, doch er verstand sein Fach. Wenigstens das konnte man ihm nicht vorwerfen. Er bezweifelte allerdings, dass der Stil beim Publikum gut ankommen würde. Selbst wenn die Vorlesung lässig werden würde, am Ende würden wohl nicht viele Studenten übrig bleiben.

„Ach der Flug ist lästig aber nicht so wild. Außer über Grönland, da ist immer schlechtes Wetter aber jetzt erzähl doch endlich mal aus Ägypten. Nicht der Fotokram.“

„Ich glaube, ich habe wirklich fast alles fotografiert, außer den Wachtürmen. Du glaubst es nicht, die ganze Hotelanlage ist hinter Stacheldraht. Du bist da quasi eingesperrt und kommst da auch nur über ein Tor raus und rein, mit Ausweiskontrolle und Wächtern mit Maschinengewehr. Voll gruselig, ich sags dir.“

„Oh mein Gott! Wieso wollen die denn die Touristen unbedingt da drinnen halten? Oder ist die Stadt so hässlich, dass die das keinem Anderen zeigen wollen?“

„Wahrscheinlich! Also was ich vom Bus aus gesehen habe, da fällt ansonsten alles auseinander. Teilweise haben die Häuser nicht einmal ein richtiges Dach. Ich dachte immer, die wohnen in den Pyramiden, so wie in der einen in Las Vegas, aber die haben nur so gammelige Ziegelhäuser. Die wären noch neidisch auf die DDR Plattenbauten. Aber die meinten irgendwas von Sicherheit, und dass halt niemand unbefugt zu den Touristen kommt.“

„Du Dummchen, die wohnen natürlich nicht in den Pyramiden. Das sind deren Friedhöfe, da kommst du nur rein, wenn du tot bist. Hast du auch einen Terroristen gesehen? Ägypten ist doch arabisch, oder nicht?“

Für Flo wurde die Sache dadurch extra brisant, dass er wusste, dass die beiden im Nebenfach Geographie studierten. Offensichtlich hatten nämlich alle Beide nicht nur von Geographie, sondern auch von den Nachrichten der letzten Jahre überhaupt keine Ahnung. Der Professor hatte seinen dezent entsetzten Gesichtsausdruck bemerkt und nickte zustimmend mit einem Blick, der weit jenseits von Resignation und Hoffnungslosigkeit lag.

Es hatte aber auch etwas Gutes. Flo, der nun schon länger als gedacht und gewünscht die Hörsaalbänke drückte, und sich regelmäßig von seinen Selbstzweifeln auffressen lies, machte sich bewusst, dass die beiden sehr wahrscheinlich ihren Abschluss schaffen würden. Sie hatten es immerhin bis hierhin geschafft und würden auch nicht aufgeben. Wenn die beiden es also schaffen konnten, dann musste das auch für ihn selbst möglich sein. Alles andere wäre eine Schmach. Gerade jetzt, zum Beginn des Semesters, war das ein willkommener Motivationsschub. Wenn er sich nur hinsetzte und fleißig war, dann musste er es einfach schaffen.

An der Tafel startete inzwischen der zweite Versuch, die Vorlesung zu beginnen. Den Ersten hatte der Professor abgebrochen, nachdem er bemerkt hatte, dass ihm noch niemand zuhören wollte. Das Semester begann, wie das Letzte geendet hatte. Niemand hatte mehr Aufmerksamkeit für die Vorlesung zu erübrigen.

Flo wunderte sich. Nicht so sehr über den Tumult aber eher über sich selbst. Die normale Reaktion wäre gewesen, die Augen zu schließen und sich zurück zu lehnen. Fünf Minuten Schlaf mehr konnten sehr angenehm sein. Stattdessen war er nervös und gereizt. Es dauerte eine Weile, ehe er begriff, was das war. Es war nicht einfach nur Ungeduld. Er war begierig darauf, dass es losging, er wollte etwas lernen und diese Erkenntnis schockierte ihn fast mehr, als das Gespräch der beiden Damen in seinem Rücken oder jede Nachricht von Jenny je gekonnt hätten.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 29

Exkursion

Es war nicht nur früh, sondern viel zu früh. Halb neun und das so kurz vor Semesterstart, das war doch wirklich gemein. Das Schlimmste an halb neun war, dass er schon eine viertel Stunde hier stand und wartete, dass seine Exkursion endlich losging. Er war pünktlich, die Dozenten auch aber der Bus nicht, der sie an ihr Ziel bringen sollte.

Flo fühlte sich in keinem guten Zustand. Er fühlte sich alt, ausgebrannt und verbraucht. Es war eine Weile her gewesen, dass verfügbare Freizeit und das angeboten an guten Partys übereingestimmt hatten aber, als es dann so weit war, musste er die Gelegenheit beim Schopf packen. Das beste aller Feste war angekündigt und Flo, der mit dem schlimmsten gerechnet hatte, war positiv überrascht. Es war wirklich nicht so schlecht gewesen.

Die Drinks waren billig und reichhaltig gewesen, die Musikauswahl nostalgisch aber gut gelaunt und die Gäste hatten sich gerne darauf eingelassen. Der einzige Nachteil war, dass es spät geworden war und er nicht mehr sagen konnte, wo oben oder unten gewesen war, als er ins Bett gekrochen war. Oder auch, wessen Bett es denn überhaupt war. Er war sich nicht sicher, ob es wirklich seines war. Wenn ja, dann hatte irgendjemand es neu bezogen, und zwar nicht er selbst.

Der Blick in den Kleiderschrank hatte zunächst Damenunterwäsche und ein Knäuel von Stoff zutage gefördert, bei dem es sich um klamme Sportkleidung und stark parfümierte Abendkleider handeln konnte. In einem Körbchen lagen halb aufgebrauchte Schminkartikel und offene Tuben mit Hautcremes und Feuchtigkeitsgel tropften unbeachtet vor sich hin. ‚Nie wieder Alkohol ging es ihm durch den Kopf und er wusste genau, dass dieser Gedanke nicht länger als eine Woche Bestand haben konnte.

Die Schranktüre war mit Fotos tapeziert. Duckface-Selfies von einer Horde Mädels, eine davon identifizierte er als Jenny. Dann musste er also bei ihr sein. Er hatte noch nie bei ihr übernachtet und bei Morgensonne sieht so mancher Raum anders aus. Aber über Nacht wird aus einem Bett mit Holzrahmen keines aus Stahlgitter und aus einer alten Holzkommode kein weißes Ikea-Regal.

Mit einem Mal hatte er sich kein bisschen wohl mehr gefühlt und das war nicht die Schuld des bitteren Katers, der hinter seiner Stirn pochte. Brennender Durst hatte ihm die Kehle gereizt und gallige Flüssigkeit drohte an, eben jene von innen her befeuchten zu wollen. Er registrierte sein Ebenbild in der Spiegeltüre und stellte fest, dass er vollständig angezogen war. In wessen Bett er auch immer geschlafen hatte, entweder er war alleine gewesen, oder es hätte auch keinen großen Unterschied gemacht. Jedenfalls wollte er sich das einreden.

Auf der Suche nach einem Glas Wasser verließ er das Zimmer und fand sich doch in einer bekannten Wohnung wieder. Jenny hatte ihn einmal mit zu einem DVD-Abend ihrer Freunde mitgenommen und der hatte in genau dieser Wohnung stattgefunden. Der Grund war einfach gewesen: Es gab ein Wohnzimmer, welches sich komplett verdunkeln ließ und einen Beamer statt des Fernsehers. Statt eines Sofas lagen mehrere Sitzsäcke darunter, von denen er damals wie heute nicht wissen wollte, womit sie gefüllt waren.

Er fand die Toilette, die zwar in einem separaten Raum untergebracht war, aber vom Badezimmer nur durch eine dünne Stellwand getrennt war, welche weder Geräusche noch Gerüche am Durchgang hinderte. Dafür bot sie dem Licht eine wirkungsvolle Barriere und so war eine Stumpfkerze die einzige Lichtquelle in dem fensterlosen Raum. Wasserdampf quoll durch die Ritzen der Gipsplatten. Die Dusche musste gerade erst abgestellt worden sein. Es roch nach blumigem Shampoo und zu stark parfümiertem Deo. Das Pochen in Flos Kopf war intensiver geworden und er hatte sich beeilt, in die Küche zu kommen.

Klapperndes Geschirr und der Geruch frischen Kaffees hatten ihn erwartet. Am Tisch saß eines der Mädels von den Fotos mit einer Tasse und kaute auf einer trockenen Scheibe Brot. Natascha, Natalie? Er konnte sich nicht mehr genau an den Namen erinnern. Es war irgendetwas, was auf „Na“ begann. Vielleicht Nadine? Nein, sicherlich nicht. Keine liebenden Eltern konnten so grausam sein, ein Kind Nadine zu nennen.

„Guten Morgen, Schlafmütze. Ausgeschlafen?“

Nadja, so hieß sie! Jetzt erinnerte er sich wieder, und ihre Wohnung befand sich nicht weit von dem Club entfernt, in dem sie den letzten Abend verbracht hatten. Ausgeschlafen war jedoch nicht das erste Wort gewesen, was ihm eingefallen war. Weder für ihn noch für Nadja. Auch wenn sie eigentlich sehr schön war, sie sah nach einer sehr sehr langen Nacht aus, die viel zu früh zu Ende war. Dabei war sie immer noch deutlich ansehnlicher gewesen, als er sich gefühlt hatte.

Flo hatte sich ihr gegenüber niedergelassen und sich neugierig umgesehen, während sie ihm einen Teller, das Brot und die Butter hinüberschob. Sie beobachtete seinen Blick.

„Du warst schon einmal hier, oder?“ Ihre Stimme war angenehm und vor allen Dingen nicht zu laut.

„Ja, zum Filme-Abend. Ich weiß nur nicht mehr genau, was wir da geguckt haben. Mit Jenny war ich da.“

„Ja, ich erinnere mich. Die Filme waren auch echt Mist. ‚Piranha‘ war glaub ich dabei, die Jungs wollten den unbedingt sehen.“

„Der hat keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, ich kann mich jedenfalls nicht mehr an den erinnern. Das muss nur nichts heißen, der letzte Abend fehlt mir grad irgendwie auch so halb.“

„Du warst jedenfalls gut dabei. Hattest offensichtlich eine Menge Spaß aber ich hab dich dann doch lieber mit nach hier genommen. Du meintest, du hast heute eine Exkursion aber bis zu dir hättest du es vielleicht nicht geschafft. Wolltest schon durch machen. Jenny war da schon weg. Ist alles okay bei euch?“

Das war eine Frage, der er sich eigentlich überhaupt nicht hatte stellen wollen. In seinen Augen war nicht alles okay. Sie hatte letzte Woche mit einem Film vor seiner Tür gestanden, den sie angeblich noch nicht kannte, der bis dahin aber ihr Lieblingsfilm gewesen war. Wochenlang hatte sie ihn gekonnt ignoriert und nun, wo sie wieder da war, tat sie, als wäre nie etwas gewesen. Auf einmal fühlte er sich doppelt ausgebrannt. Er zuckte als Antwort nur mit den Schultern und kaute auf einem Brot. Nadja schien zu verstehen. Sie nickte und musterte ihn noch einen Moment über den Rand ihrer Kaffeetasse hinweg. Im Nachhinein erschien es Flo, als habe sie vorsichtig gelächelt, als sie die Tasse abstellte, um sich wieder ihrem Brot zu widmen.

Der Bus kam und es kam Leben in de wartende Exkursionsgruppe. Ein hektischer Professor wuselte mit rotem Kopf zum Busfahrer, um sich über die Verspätung zu beschweren. Als dieser sich davon unbeeindruckt zeigte, ging er stattdessen dazu über, mit viel zu dünner Stimme die Studenten auf die Plätze zu dirigieren aber auch sie schenkten ihm kaum Beachtung. Sie waren alle erwachsen genug, um ihr Gepäck selbstständig zu verladen, sich abzusprechen und einen Sitzplatz zu suchen.

Als Flo einen Platz gefunden hatte saß plötzlich Mia neben ihm. Sie hatte zwar den Kurs zur Exkursion nicht besucht aber es fehlte ihr noch ein Exkursionstag. Aus der Liste der Möglichkeiten hatte sie sich für diese entschieden, ohne zu wissen, dass er auch mitfuhr. Flo war aber sehr dankbar darum. So hatte er wenigstens jemand, der wusste, wohin es heute überhaupt ging und was sie dann erwartete. Außerdem hatte er einen menschlichen Wecker denn die Schwerkraft riss schon wieder mit all ihrer Macht an seinen Augenlidern. Kaum das der Bus sich in Bewegung gesetzt hatte, lag sein Kopf auf Mias Schulter und er schlief.

Mia war dafür mit ihrem Telefon beschäftigt. Eine SMS leuchtete auf dem Bildschirm und bei dem, was sie dort las, war sie eigentlich ganz froh, dass Flo schlief.

Du hattest recht. An der Frau stinkt etwas. Es sieht fast so aus, als wäre sie schwanger und es ist nicht von Flo. Das ist aber schon die einzige gute Nachricht. Pass bitte auf, dass sie dem armen Kerl nicht das Herz bricht. Gruß E.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 28

„Bin wieder da.“

Es war vier Uhr nachmittags, als Flos Handy klingelte. Der Umstand wunderte ihn sehr denn in den letzten Wochen hatten ihn nur zwei Nummern angerufen. Erik und Mia, und beide saßen gerade vor ihm, die Handys gut in den Taschen verpackt. Noch ehe er dran gehen konnte, hörte es auf zu klingeln. Das Display zeigte einen Anruf in Abwesenheit. Von Jenny.

Er überlegte schon zurück zu rufen aber Mia hatte ihn mit einem Blick fixiert, der ihn in dem Augenblick getötet hätte, in dem er zurückrief. Sie hatte in den letzten Wochen jeden Respekt vor Jenny verloren, die weggefahren war und Flo seitdem komplett ignoriert hatte. Flo fand, dass sie überreagierte. Immerhin hatte sie gerade selbst genug mit ihrer eigenen Beziehung zu schaffen. Nach etlichen Fehlstarts hatte er es aber immerhin geschafft, dass die beiden sich gemeinsam an einen Tisch gesetzt hatten und mal miteinander redeten.

Er wog das Telefon in der Hand, etwas unschlüssig, was er tun sollte. Mia schien mehr als dankbar für die Gelegenheit, die Aufmerksamkeit von sich abzulenken und diesen Umstand zum Gegenstand eines erbitterten und eiskalten Augenkrieg zu machen. Erik registrierte das Spiel zwar, entschied sich aber neutral zu bleiben und stattdessen Flo erwartungsvoll anzusehen.

„Und? Was wirst du tun? Sie wartet wahrscheinlich darauf, dass du zurückrufst.“

„Natürlich tut sie das aber das wird er nicht tun. Flo ist nicht ihr Sklave und …“ Bzz bzz bzz.

Der Vibrationsalarm und das Aufleuchten des Displays ließen sie verstummen. Nun starrte sie auch erwartungsvoll auf das kleine Gerät, auf dem Flo gerade eine SMS las.

Bin wieder da. Muss noch auspacken und einkaufen, dann komm ich vorbei. Hab einen neuen Film, den wir dann ansehen können 😉

Flo war heilfroh, dass Mia die Nachricht nicht lesen konnte. Ihm selbst stieß es ziemlich sauer auf, dass sie ihn die letzte Zeit so konsequent ignoriert hatte und nun wieder kam und tat, als wäre nichts gewesen. So sehr er es auch wollte, er konnte sich nicht darüber freuen, dass sie ihren Besuch angekündigt hatte. Die Blicke von Mia und Erik lasteten schwer auf ihm, als würden sie sich durch ihn hindurch brennen wollen. Ein Gefühl, was er vergleichsweise schrecklich fand, besonders im Vergleich mit dem fahlen Beigeschmack der unerwarteten Rückmeldung.

„Sie will nachher vorbei kommen.“

Er musste sich zwingen, für diesen Kommentar aufzusehen. Lieber hätte er sich ganz klein gemacht.

„Das ist alles? Mehr kam nicht? Sie meldet sich wochenlang nicht und kommt dann wieder um sich selbst einzuladen? Ehrlich Flo, ich habe ein mieses Gefühl bei euch. Ihr habt ein Kommunikationsproblem.“

„Kommt euch das irgendwie bekannt vor?“

So bissig, wie er am Ende klang, wollte er den Kommentar gar nicht klingen lassen. Betretenes Schweigen war die Antwort darauf und zwei Freunde, die wortlos auf die Tischplatte starrten. Flo fragte sich bereits, ob sie die Maserung der Holzoptik zählten, als Erik tief Luft holte. Behutsam legte er die Hand auf Mias Rücken und richtete sich auf.

„Hör zu, es tut uns leid, dass wir dich in letzter Zeit als Kommunikationsweg und Paarberatung missbraucht haben. Wir hätten wahrscheinlich wirklich besser einfach miteinander geredet. Im Endeffekt war das einzige Problem ja ein Missverständnis. Es tut mir wirklich leid, dass ich dich verdächtigt habe, etwas mit Mia anzufangen. Wir hätten nie aneinander zweifeln sollen. Wir sind ja nicht für nichts zusammen, oder was meinst du?“

Er blickte zu seiner Freundin, die sich in seinen Arm hatte sinken lassen und bedächtig zustimmend nickte. Es sah ganz so aus, als würde alles wieder so werden können wir immer. Die beiden sahen aus, als wären sie frischer verliebt als je zuvor. Flo gönnte sich ein vorsichtiges Lächeln. Es tat gut, seine Freunde wieder glücklich zu sehen. Und wenn Jenny nachher kommen würde, dann konnten sie ihre Differenzen auch klären und alles wäre so super wie noch nie. Plötzlich stand Mia senkrecht in der Küche und funkelte den verdutzten Erik wie eine Furie an.

„Moment mal kurz! Habe ich das eben richtig verstanden? Du dachtest ich gehe dir mit Flo fremd?!“

„Was? Nein! Ich war nur unsicher, weil du so oft nachts hier warst.“

„Einen Scheiß warst du! Du denkst ich betrüge dich und sagst keinen Ton?“

„Nun, er war schon eine ziemlich eifersüchtige Furie.“

Flo fand es den passenden Moment, sich einzumischen, Mia und Erik offenbar beide nicht. Alles, was er in den folgenden Minuten sagen konnte, wurde gegen ihn verwendet und es hatte alles nur genau einen einzigen Vorteil: Mia und Erik arbeiteten wieder zusammen. Vergessen jeder Groll gegeneinander. Sie waren wieder glücklich vereint gegen ein größeres Übel, nämlich ihn selbst. Irgendwann würde er seine Lehren ziehen und einfach völlig stumm bleiben. Dann konnte ihm so etwas nicht mehr passieren.

Es war ein mittleres Wunder aber letztendlich kehre Ruhe ein in Flos kleiner Küche. Das Pärchen hatte sich auf einen Stuhl geknotet, dass man nicht mehr sagen konnte, welcher Arm zu wem gehörte, und knutschte innig. Flo nutzte die Zeit noch, um die Teller und Tassen der letzten Woche zu spülen. Wie jedes Mal beim Spülen wünschte er sich den Luxus einer Spülmaschine, aber selbst wenn er eine hätte, wo sollte er sie hinstellen? In der Küche waren weder Platz noch Anschlüsse.

Jenny hatte keine Zeit genannt. Sie war wohl davon ausgegangen, dass er ihr sagen würde, wenn er nicht da wäre. Keine Antwort war also eine Zusage und gleichzeitig die Einladung, die sie vorweggenommen hatte. Die Möglichkeit, dass jemand sein Handy nicht griffbereit hatte und eine Nachricht übersah, existierte nicht. Für Mia würde das den Umstand nur noch verschlimmern, dass sie sich so lange nicht bei Flo gemeldet hatte aber sie war gerade so sehr mit Erik beschäftigt, dass sie sich um sonst nichts mehr Gedanken machen konnte.

Flo hatte erwartet, sich über und auf Jenny zu freuen. Er hatte sie vermisst und das Gefühl geliebt und gehasst zugleich. So schrecklich es sich auch angefühlt hatte, es hatte doch lebendig und echt gewirkt. Entsprechend musste er sich doch jetzt auch freuen, sie endlich wieder zu sehen. Stattdessen fühlte er sich seltsam leer und auf eine verbitterte Art niedergeschlagen und verletzt. Wenn er so darüber nachdachte, dann fühlte er sich eigentlich hundeelend. Es verlangte ihm nach einem großen Schnaps nur, wie würde das wirken?

Als es schließlich klingelte, war Sein Gesicht leer und seine Augen ganz weit weg. Mia und Erik rollten sich vom Küchenstuhl und beschlossen, dass der Zeitpunkt gekommen wäre, ihre Versöhnung zu Hause, ohne Flo, weiter zu vertiefen. Jenny passierte die beiden im Flur, eilte grußlos an ihnen vorbei und schritt durch die noch offene Wohnungstüre wie durch einen Triumphbogen. Sie schloss die Türe hinter sich, bemerkte nicht im Geringsten, wie Mia sie versuchte mit Blicken zu erdolchen und präsentierte stolz die Filmhülle. Flo erkannte das noch eingeschweißte Cover. Es war der erste Film, den die beiden gemeinsam angesehen hatten. Einer von ihren Lieblingen.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 27

Mittwochabendsblues

Flo kam nach Hause und hatte das Gefühl, einen Tag komplett verschwendet zu haben. Den ganzen Tag war er unterwegs gewesen, hatte Kleinigkeiten erledigt und doch den Eindruck, nichts geschafft zu haben. Sein Kopf war leer, genau wie seine Augen. Jetzt, am frühen Abend, saß er an seinem Schreibtisch und klickte sich lustlos durch seinen Browser.

Eigentlich wäre es Zeit für das Abendessen gewesen doch davon wollte er sich nicht stören lassen. Wenn er eben noch Hunger gehabt haben sollte, dann hatte er es inzwischen vergessen. Ein aufwendiges Abendessen wollte er sich sowieso nicht machen und im Moment war ihm selbst eine Konservendose zu viel. Wie konnte es jemandem zuviel sein, eine Dose Suppe aufzuwärmen? Selbst eine Schale Müsli war kaum weniger Aufwand.

Er philosophierte eine geraume Zeit über das Thema und kam zu dem Schluss, dass es nicht der Aufwand des Kochens war, der ihn störte. Was ihn eigentlich störte, war, dass er nicht das geschafft hatte, was er sich vorgenommen hatte. Die zweite Klausurphase rückte näher und er fand immer bessere Ausreden, um sie ignorieren zu können, oder besser noch, aufzuschieben. Eine der anstehenden Prüfungen hatte er schon um ein Jahr verschoben. Alles Weitere war ihm dann aber doch zu viel der Schmach.

Klick und eine weitere Doku erschien auf dem Bildschirm, während im Hintergrund noch ein Spiel versuchte seine Zeit zu beanspruchen. Er beachtete beides eher mäßig und vergaß mindestens eines der beiden mit erschreckender Zuverlässigkeit. Die einzige Form von Zuverlässigkeit, die er sich gerade zutraute. Er hatte Schuhe kaufen wollen, aber keine guten gefunden. Er hatte eine neue Hose gesucht aber sie waren entweder zu lang, zu eng an den Beinen oder zu weit an der Hüfte. Er hatte sich mit Mia und Erik auf einen Kaffee treffen wollen, obwohl er Kaffee noch nie gemocht hatte. Er war prompt zehn Minuten zu spät gewesen und hatte die Beiden nicht mehr gefunden.

Wenigstens im nicht erfolgreich sein hatte er jedenfalls Erfolg. Großen Erfolg sogar, und das machte die Sache eigentlich nur noch schlimmer. Er würde so gerne einmal Erfolg haben aber zurzeit hatte er den Eindruck, einfach zu dumm für diese Welt und dieses Leben zu sein. Wenn er versuchte sich etwas zu merken, dann war es vergebens. Wenn er versuchte sich zu konzentrieren, dann war plötzlich jeder Staubfusel schrecklich spannend. Wenn er sich etwas vornahm, dann scheiterte er meist schon bei der genaueren Planung.

Die ersten fünf Minuten der Doku hatte er inzwischen verpasst. Erst jetzt bemerkte er, dass er sie sowieso schon kannte. Ein deutscher Brückenbauingenieur der für die US Streitkräfte zwischen den Weltkriegen fliegende Flugzeugträger zur Aufklärung bauen sollte. USS Macon hieß das erste Luftschiff dieses Typs. Zwei waren insgesamt gebaut worden und der Moderator der Doku sprach von Technik, die ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus war. Eine Formulierung, die inflationär benutzt wurde. Den zweiten Namen wusste er gerade nicht mehr und auch nicht den Namen des Ingenieurs aber er wusste, dass beide noch vor einem sinnvollen Einsatz zerstört wurden.

Auch wenn er das Konzept von fliegenden Flugzeugträgern toll fand, der Nutzen erschloss sich ihm nicht. Nicht mehr jedenfalls, und das war es doch, was am Ende zählte. Vielleicht sollte er doch auf ein Ingenieursstudium wechseln und eine Zeitmaschine bauen. 1920 konnte man noch zu den Pionierjahren der Luftfahrt zählen, er konnte also noch etwas bewegen. Oder er reiste einfach noch einmal einige Jahre weiter zurück und ‚erfand‘ gleich die Basisprinzipien der Luftfahrt. Oder er schrieb die Bücher, welche sich später zu den großen Erfolgen der Literaturgeschichte entwickelt hatten.

Während er noch davon träumte, Aktiengeschäfte durch die Zeit zu schieben und reich genug zu werden, um nie wirklich arbeiten zu müssen, liefen Dokus an nur, um gleich wieder abgebrochen zu werden. Nur eine Sendung mit der Maus lies er durchlaufen, allerdings ohne ihr Beachtung zu schenken. Hinter ihm, auf seinem Bett, lagen die ausgebreiteten Unterlagen zur kommenden Klausur und warteten geduldig darauf, beachtet zu werden. Sie waren sogar so geduldig, dass sie auch noch nächstes Jahr dort warten würden und sogar noch das Jahr darauf! Danach allerdings nicht mehr. Entweder er hatte es bis dahin geschafft, oder er flog von der Uni. Da war die Prüfungsordnung grausam eindeutig.