Archiv für den Monat Mai 2015

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 35

Gruppenprojekt

Innerlich kochte Mia beinahe über. Mit versteinertem Lächeln saß sie dort und starrte auf das, was ihre Arbeitsgruppe ihr vorgelegt hatte. Es war ein Gruppenprojekt angesetzt gewesen und sie hatte die Idee von Anfang an gehasst aber, wie so oft, den Ärger einfach hinuntergeschluckt und gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Natürlich, Gruppenprojekte waren wichtig. Ein Großteil des späteren Arbeitslebens würde angeblich daraus bestehen, also brauchte sie Übung. Die vage Hoffnung bestand allerdings, dass sie dann später nicht nur von Inkompetenz in hochkonzentrierter Form umgeben sein würde. Ihr Blick ruhte auf den losen Blättern vor ihr aber sie las kaum ihren Inhalt. Ihr Gehirn war zu sehr damit beschäftigt, die Resignation nicht in ihre Augen treten zu lassen.

Bewusst und mit voller Absicht hatte sie eine Gruppe gewählt, in der weder Erik noch Flo waren, um ungestört von den Beiden arbeiten zu können und nicht ihre Aufgaben automatisch mit zu übernehmen. Auch wenn Flo inzwischen die wahrscheinlich beste Schokochremetorte der Welt machte, das war einfach zu viel für sie. Sie schämte sich davor, es sich selbst einzugestehen aber eine Alternative gab es nicht. Nicht mehr jedenfalls. Inzwischen stellte sie fest, dass die beiden Chaoten nicht die schlechteste Wahl gewesen wären. Immerhin wusste sie bei ihnen wenigstens, was sie meinten, wenn sie etwas sagten und außerdem mochte sie die Beiden. Bei ihrer jetzigen Gruppe war nichts davon der Fall.

Franzi hatte ihr ein einzelnes Blatt voller wirrer Stichpunkte zugeschoben, die nicht einmal mit dem Thema zu tun hatten. Als Mia sie gebeten hatte, ihr die krakelige Handschrift zu übersetzen, war sie regelrecht aus der Haut gefahren und wie eine Furie durch den Lernraum getobt. Für so eine Show hatte Mia absolut keine Nerven und noch viel weniger Verständnis. Einen Moment lang hatte sie überlegt, Franzi einfach die Nase zu brechen und sie würde brechen, wenn sie nur leicht drauf schlug. Die Narben der letzten Schönheits-OP waren zwar unter dickem Make-up verborgen aber jeder wusste, dass sie da waren. Sie könnte ihr auch einfach auf die Brustimplantate hauen.

Die Faust geballt holte sie nicht aus, sondern zählte nur ruhig in Gedanken bis zehn. Ganz ruhig, ich bin ein Gänseblümchen. Ihr Oberkörper schaukelte in einem imaginären Wind hin und her. Das Brodeln in ihrem Inneren ließ langsam nach und sie entspannte sich etwas. Sie würde ihren Teil der Arbeit in gewohnter Qualität bearbeiten, und zwar nur ihren Teil. Sie schob das Blatt beiseite und der Zorn kehrte zurück. Eine Liste von Büchern, in denen möglicherweise etwas Brauchbares stand, mehr hatte Jonas nicht zu bieten. Und so sollten sie eine komplette Arbeit erstellen?

Sie zog ihren eigenen Teil hervor und zeigte ihn den anderen. Sieben Seiten mit dem Vorentwurf von dem, was sie schreiben wollte, inklusive der Quellenangaben. Sie musste es nur noch in Reinform bringen und sauber formatieren. Sie behielt das Material zurück, woraus man erkennen konnte, dass sie ihre Arbeit bewusst so geschrieben hatte, dass sie im Notfall auch als Einzelprojekt abgegeben werden konnte. „Ich erwarte nichts und werde trotzdem enttäuscht.“ ging es ihr durch den Kopf. „Wie schaffen die das nur immer wieder?

Jonas reichte Mias Vorschrift an Franzi weiter. „Ey, voll der Overachiever hier. Mädel, hast du kein Leben oder so?“

Franzi rümpfte nur die Nase, soweit die OP-Narben es zuließen, und ächzte genervt. Am anderen Ende des Raumes brachen Erik und Flo in schallendes Gelächter aus. Die beiden waren an Eriks Laptop gefesselt und bekamen von der Welt nichts mehr mit. Eigentlich wollten sie Recherche für ihr Thema betreiben doch Mia hatte den Verdacht, dass sie gerade mit etwas anderem zugange waren. Sie lag damit falsch aber warf den beiden einen neidischen Blick zu. Immerhin genossen sie ihre Arbeit etwas. Franzis quäkige Stimme riss sie mit einem entnervten Ächzen aus ihren Gedanken.

„Also ich kann ja nur für mich sprechen, aber ich hab auch noch was anderes zu tun, als Uni. Manche Leute müssen ja auch noch arbeiten gehen.“

Gerade von Franzi war dies das scheinheiligste Argument, was ihr hätte einfallen können. Weder Geld noch Arbeit waren irgendeine Sorge für Franzi. Was sie haben wollte, bekam sie von ihren Eltern hinterher geworfen. Nach der Scheidung hatten sich ihre Eltern auf einen Wettstreit um die Gunst ihrer Tochter eingelassen. Beide verdienten sehr gut und überhäuften das einzige Kind mit finanziellen Zuwendungen. Dafür ließen sie sie emotional völlig verwahrlosen. Beinahe tat sie Mia etwas leid aber jeden dieser Ansätze vernichtete sie sofort wieder mit ihrem unmöglichen Benehmen.

So kamen sie nicht weiter. Sie wollte die Arbeit aus dem Weg und erledigt haben und das ging nicht allein. Sollte sie sich doch auf ihren Teil beschränken? Die Idee war zu verlockend. Sie war am Ende halt immer noch Einzelkämpfer. Selbst die Zeit mit Erik hatte daran nichts geändert. Sie teilten sich Aufgaben lieber auf, als sie gemeinsam zu lösen. Entweder er kochte oder sie. Wenn sie spülte, kochte er und anders herum.

„Also gut, was schlagt ihr vor?“

Sie wollte den Beiden noch die Chance geben, doch noch am Gruppenprojekt teilzunehmen. Wenigstens die Möglichkeit sollten sie erhalten. Mia fühlte sich, als wäre sie ein gnädiger und gönnerhafter Patron.

„Keine Ahnung. Also ich muss das Wochenende auf jeden Fall arbeiten, da kann ich nicht daran weitermachen.“

„Und ich hab meiner Freundin versprochen, dass ich sie besuchen fahre. Ich kann das jetzt nicht dafür absagen. Die bringt mich um.“

Franzi verdiente tatsächlich eigenes Geld, das war ein sehr schlecht gehütetes Geheimnis. Sie verkaufte sich selbst, übers Internet und schwarz. Ein Geschäft, bei dem sie weit mehr einnahm, als sie rein rechtlich gedurft hätte. Und Jonas? Er sollte sich wahrscheinlich wirklich große Mühe um seine Freundin geben. Eine weitere würde er sobald nicht finden. Aussehen fängt Aufmerksamkeit aber Persönlichkeit hält eine Beziehung zusammen. Jonas hatte von beidem nichts abbekommen. Mia schämte sich nicht einmal für ihre Gedanken. Sie war verbittert, trug eine Maske der Gleichgültigkeit im Gesicht.

Sie würde ihr Projekt alleine bearbeiten und abgeben. Oder … Sie hatte eine Idee. Erik und Flo konnten ihr zur Abwechslung helfen. Nur mit einem Kuchen konnte sie nicht locken. Die letzte Backmischung hatte sie auf eine Weise versaut, die im Grunde unmöglich hätte sein sollen.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 34

Zocken

Wer ein Videospiel online spielen will, der kommt zwangsläufig nicht darum herum, unterschiedliche Typen von Mitspielern zu bemerken. Natürlich gibt es auch den Spieler, der einfach seine gute Zeit online haben will und auch entsprechend spielt. Genauso gibt es aber den Noob, der keine Ahnung hat und sich auch scheinbar keine Mühe gibt, das Prinzip des Spiels zu verstehen, sondern einfach irgendetwas macht. Niemand versteht, was er tut, und eigentlich ist es auch egal, außer dem Typ Spieler, der nicht zum Spaß, sondern rein kompetitiv spielt. Gewinnen ist für ihn alles und einen Noob im Team zu haben ist das Schlimmste, was einem passieren kann denn der gefährdet den Sieg. Der Ingamechat ist daraufhin quasi nutzlos, denn er ersetzt alle Schimpfwörter durch neutrale Sternchen und davon ist er gerade mehr als voll. Noch schlimmer als der Noob ist für den Kompetitiven nur noch der Troll. Er war einmal ein Noob, der aber inzwischen verstanden hat, wie das Spiel läuft, sich aber nicht dafür interessiert. Stattdessen ärgert er viel lieber den Kompetitiven, und leider nebenbei auch den Rest des Teams, und versucht ihn zur Weißglut zu treiben. Sein größter Sieg besteht nicht im Bezwingen des Gegners, sondern darin, andere Spieler zum Ragequit zu treiben.

In jedem Shooter gibt es auch noch den Spieler, der das kompetitive Stadium hinter sich gelassen hat: den Russen. Der Russe spricht eine Menge, nur versteht ihn niemand, denn er beherrscht nur russisch, und das Spiel. Gnadenlos und ohne jeden Ehrenkodex. Trolls und Noobs können seiner Statistik nichts anhaben denn er rechnet sie einfach dem Gegnerteam zu und behandelt sie entsprechend. Er kennt jede Karte auswendig bis ins kleinste Detail, genau so jede Waffe und die Spielerstatistiken der Gegner. Also die, aller anwesenden, nicht russischen Spieler.

Im Strategie-Sektor wird der Russe vom Koreaner abgelöst. Er ist dafür bekannt, nicht weniger als zehn Stunden pro Tag zu spielen, nicht als Hobby, sondern hauptberuflich. Jedenfalls träumt er davon. In den allermeisten Fällen ist er eher ein Sklave, der es bestenfalls zu C-Promi-Status schafft und die Oberliga nie erreicht. Trotzdem schafft er es, jeden an die Wand zu spielen und vorzuführen.

Flo war keiner dieser Typen. Wie schon so oft fiel er aus dem Raster und sortierte sich bei einer der Randgruppen ein. Für den Noob hatte er die Spiele zu gut verstanden, für den Kompetitiven war er aber viel zu schlecht. Der gewöhnliche Spieler spielte meist regelmäßiger oder wenigstens aber immer noch sehr viel besser als er selbst. Ihm würde noch der Troll bleiben, aber daran hatte er kein Interesse. Was übrig blieb, war das Kanonenfutter jenseits des Noob-Status.

Wenn man sich unauffällig am Kartenrand aufhielt, war man wenigstens nicht der Erste, der das Zeitliche segnete. Diesen Umstand machte er sich gerne zu nutzen. So saß er auch jetzt am Rand, etwas versteckt und beobachtete das Geschehen. Stets darauf bedacht, seinen kleinen Doppeldecker in den Wolken zu verstecken sah er zu, wie sich feindliche Bomber seinem Stützpunkt näherten, von einigen Jägern begleitet. Die Spielerstatistiken zeigten ihm deutlich, dass jeder von ihnen um Welten besser aufgestellt war als er selbst, also hielt er sich zurück. Sein Team stürzte sich unterdessen wild auf die Angreifer, völlig ohne Plan und System. In Kürze würde er ihre Maschinen gen Boden fallen sehen.

Bevor es dazu kam, bemerkte er etwas anderes. Einer der feindlichen Jäger hatte ihn entdeckt und als leichte Beute ausgemacht. Die Zeit der Passivität war vorbei, nun war er zum Handeln gezwungen. Er richtete seine Maschine aus und gab Vollgas. Die leichtsinnigste Taktik war, einfach stur drauf zu fliegen und genau das tat sein Gegenüber bereits. Er ließ sich auf das Spiel ein und eröffnete viel zu früh das Feuer. Seine Maschine war dem Gegner in jeder Hinsicht unterlegen, was hatte er also zu verlieren? So konnte er wenigstens einen kleinen Schaden anrichten, ehe er aus dem Himmel geschossen wurde.

Das Spiel aber sah es anders. Während die erste Salve noch ins Leere ging, traf die Zweite den Piloten. Ein Glückstreffer, mit dem er nie gerechnet hätte, aber es reichte aus, um das Gefecht zu gewinnen. Ein wahrer Punkteregen beförderte ihn vom letzten Platz in der Tabelle gleich zwei Plätze nach oben. Ungläubig starrte Flo auf den Bildschirm und beobachtete seinen Gegner dabei, wie seine Maschine führerlos aus den Wolken trudelte. Ein seltenes Gefühl der Befriedigung breitete sich aus und mischte sich mit Trotz. Jetzt ging es los.

Die ersten Bomber waren inzwischen unter ihm angekommen. In bitterem Leichtsinn stürzte er auf sie herab und brachte tatsächlich einen von ihnen zur Explosion. Bordgeschütze ratterten und Kugeln flogen zwischen den Streben des kleinen Doppeldeckers hindurch. Er musste den Toten Winkel eines Bombers finden, wenn er einen weiteren Abschuss landen wollte, ohne selbst zerstört zu werden. Von unten sollten die Chancen recht gut stehen.

Er tauchte ab, kollidierte beinahe mit einem Mitspieler, wich einem Gegner aus, fand einen Bomber und näherte sich ihm. Er hatte tatsächlich die Chance, so gut zu sein wie noch nie zuvor. Das Smartphone vor ihm auf dem Tisch signalisierte eine neue Mail. Ein kleiner Moment der Ablenkung. Der Bomber tauchte ab und flog durch ihn hindurch, ehe er ihn unter Beschuss nehmen konnte. Der kleine Flieger wurde durch die Kollision zerdrückt wie eine Pusteblume und fiel als Trümmerhaufen hinab.

Jetzt hatte er Zeit. Mit knirschenden Zähnen griff er sein Telefon, um zu sehen, wer ihn abgelenkt hatte. Den Absender kannte er nicht und der Text war recht kurz. Als er ihn gelesen hatte, glätteten sich seine Gesichtszüge wieder. Mit einem breiten Grinsen las er den Text wieder und wieder. Sein Herz pochte wild während von ihm völlig unbeachtet auf dem Bildschirm seine Flugzeuge eins nach dem anderen ins Gefecht einstiegen und wie Tontauben vom Himmel geholt wurden. Vor seinem inneren Auge lächelten ihm ein paar warme, dunkle Augen zu, während sich die Türe der Straßenbahn zwischen ihnen schloss.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 33

Bully

Es war noch nicht einmal fünf Uhr früh, als der Wecker klingelte. Flo war wach aber echt nicht gut gelaunt. Er war nicht ganz freiwillig wach und hatte den Eindruck, dass es heute echt nicht sein Tag war. Sein Kopf dröhnte und in dem verzweifelten Versuch, die Schmerzen zu lindern, leerte er die große Wasserflasche neben seinem Bett quasi in einem Zug. All dies nur, um den Termin zu einem Vorstellungsgespräch wahrzunehmen. Sollte er seine Prioritäten überdenken?

Mürrisch quälte er sich aus dem Bett und führte eine sparsame Morgenroutine durch. Der Bart war etwas länger als gewöhnlich aber noch immer gepflegt genug. Die Dusche glättete die schlimmsten Falten der Nacht und brachte seinen Kreislauf auf sein Mindestmaß. Im Spiegel des Kleiderschranks stand ihm am Ende ein junger Mann im Anzug gegenüber. Er wirkte nicht gerade frisch, aber selbst wenn er ihn nur selten trug, irgendwie war es ein Bild, als müsse es genau so sein.

Der Blick auf die Uhr jagte ihm einen gehörigen Schrecken ein. Er musste los, zum Bahnhof. Das Frühstück gab es dann halt auf dem Weg, dafür war jetzt keine Zeit mehr. Zu allem Überfluss hätte er noch fast die falschen Schuhe und seine Kappe gegriffen. Beides wäre dem Anlass nicht angemessen gewesen. Die Sonne kroch gerade über den Horizont, als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel und er den Bahnhof ansteuerte. Sein Magen protestierte unangenehm über das verschobene Frühstück.

Die Bahnhofshalle war wie ein Strand. Mit jedem Bus, jeder Straßenbahn und jedem Zug schwemmte eine Woge von Menschen hindurch, verteilte sich und verschwand wieder, bis auf etliche Nachzügler. Hastig belegte Brötchen türmten sich in den Auslagen der Bäckerei, Pappbecher mit billigem Kaffee verbreiteten ihr säuerliches Aroma in der Halle. Flo nuckelte an seiner Wasserflasche und versuchte nicht an seine Kopfschmerzen zu denken. Er war auch so nervöser, als er erwartet hatte.

Sein Hunger drängte das Herzklopfen beiseite. Der billige Massenbackwarenladen, wie es ihn in jedem Bahnhof gibt, sah plötzlich erstaunlich verlockend aus. Wie das reinste Frühstücksparadies. Mit gebremstem Elan schlurfte er in den Laden und sammelte sich sein Frühstück aus den Fächern hinter den Plexiglasklappen. Ein Käsebrötchen, eine Laugenstange, eine Geflügelrolle im Teigmantel mit Zwiebeln. Langsam sollte er es gut sein lassen, sonst würde er es nur herumtragen und nicht mehr essen.

Aus dem Hinterzimmer schallte ein gedämpftes Gespräch hinaus. Geläster über Kollegen, wenigstens aber über einen.

„Ich weiß ja, bei der Zeitarbeitsfirma bekommt der nicht viel raus aber selbst wenn nicht, er leistet auch echt nichts, wofür man ihn vernünftig bezahlen könnte!“

„In welchem Tarif würdest du ihn denn verbuchen wollen? Er hat keine Ausbildung, nur seinen Realabschluss und der muss auch noch recht mies sein, wenn man Monika glauben darf.“

„Ach ich hab doch auch keine Ahnung. Auf diese Weise kann er wenigstens nicht all zu viel für Drogen ausgeben.“

Solche Gespräche kannte er. In seinem letzten Praktikum hatte so etwas zur Tagesordnung gehört, wenn auch nicht zum guten Ton. Die Unternehmen stellten möglichst billige Arbeiter ein und wunderten sich dann, dass sie nicht ausreichend qualifiziert und motiviert waren. Und dabei dachte er nicht an jemanden wie ihn selbst, sondern an wirklich mies qualifiziertes Personal, am Besten noch ohne Abschluss.

Als er an der Kasse stand, sah er, von wem die Rede war. Das Gesicht, wenn auch nicht so fahl, eingefallen und ungepflegt, kannte er noch aus der Schule. Als er in der achten Klasse gewesen war, hatte ein Mitschüler aus der Klasse über ihm viel Spaß daran gehabt, ihm laut brüllend in den Rücken zu springen und dann weg zu rennen. Er hatte es noch immer im Ohr, das krächzende „Randale!“ jedes Mal, wenn ihm der leicht übergewichtige Junge zu Boden rammte. Damals hatte er sich häufig gewünscht, es einmal früh genug mit zu bekommen und ihm statt seinem Rücken eine Faust entgegen zu halten. Oh wie gerne hätte er ihm die Nase oder den Kiefer gebrochen aber das alles war lange her. Er war jetzt erwachsen und endlich war auch ein Ende seiner Ausbildung absehbar.

Er zählte das Geld ab, bewusst so, dass er möglichst viele kleine Münzen wählte. Es passte genau. Das Gesicht des Kassierers verriet, dass er sich über das Kleingeld nicht besonders freute, dabei hatte er es ihm quasi schon vorgezählt und er konnte wissen, welche Münzen was waren. Flo sah zu ihm auf. In dem Moment sah er in den Augen seines ehemaligen Peinigers das Aufblitzen des Erkennens. Er sah an Flo herab, musterte den Anzug, dann an sich selbst und schluckte unwillkürlich. Hinter Flos Stirn waren inzwischen alle imaginären Zahnräder zum Stillstand gekommen. Über Jahre vergessene Instinkte übernahmen die Kontrolle und warfen dem Kassierer die Hand voll Kleingeld einfach ins Gesicht.

„Randale, Arschloch.“ Er versuchte noch die Worte möglichst neutral wirken zu lassen aber es schwang doch eine tiefe Verachtung darin mit. Vielleicht sogar etwas Hass und eine kleine Drohung.

Daraufhin drehte er sich um und ging. Eine seltsame Freude breitete sich ob der kindischen Rachehandlung in ihm aus. So sollte er eigentlich nicht empfinden. Er war doch eigentlich halbwegs erwachsen und sollte über solchen Dingen stehen. Trotzdem schämte er sich nicht, auch wenn er es eigentlich von sich erwartete.

Vor dem Laden drehte er sich noch einmal um und sah zurück. Er sah wieder den großen, etwas dicklichen Jungen vor sich, der immer alleine auf dem Schulhof gewesen war. Alle hatten ihn gemieden und Flo war nicht der Einzige gewesen, dem er ganz gründlich auf die Nerven gegangen war. Nun kroch dieses Kind unter der Kasse umher und sammelte die Münzen ein, die ihm ins Gesicht geflogen waren. Einem Gesicht, in dem neben einer tiefen Resignation die Schmach einer tiefen Demütigung für alle Welt zu lesen stand. Die eingefallenen Augen glitzerten feucht. Jetzt tat er Flo beinahe leid. Vielleicht sollte er sich irgendwann bei ihm entschuldigen und damit vermutlich noch tiefer demütigen. Jetzt aber hatte er zunächst einmal einen Zug zu erwischen. Sowohl Freude als auch Wut waren aus seinem Inneren gewichen. Ein seltsam unpassender Frieden breitete sich aus, als er den Bahnsteig betrat.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 32

Augen in der Bahn

Bunte Blätter wiegten sich an den Bäumen, ein kalter Wind pfiff die Straßen entlang. Flo war froh, dass er an seine Jacke gedacht hatte. In der Sonne war es noch sehr schön aber Schatten und Wind zeigten deutlich, dass der Sommer sich dem Ende zu neigte.

Erik und Mia hatten einen Ausflug geplant. Sie wollten zu zweit den Zoo in der Nachbarstadt besuchen und einen entspannten Samstagnachmittag genießen. Flos Pläne hatten sich darauf beschränkt, etwas zum Essen und seinen Laptop ins Bett zu holen. Die Welt sollte ihn in Ruhe lassen mit seinem Kater und dem Konterbier. Das Pärchen hatte diesen Plan für Zeitverschwendung erklärt und ihn kurzerhand entführt und mit in den Zoo genommen. Er würde es niemals zugeben können aber es war eine gute Idee gewesen und es hatte ihm gut getan. Jenny hatte sich nicht mehr bei ihm gemeldet und für Flo war ihre gemeinsame Zeit damit innerlich Geschichte. Er würde nichts mehr von ihr hören, da war er überzeugt von.

Die Bahnfahrt zum Zoo hatte er noch den Kopf voller Gedanken gehabt. Er war nicht so sehr davon überzeugt, dass Zeit mit einem Pärchen ihm gerade helfen würde. Besonders, da er gerade damit seine Sorgen hatte. Die Beiden ließen sich davon aber nichts anmerken. Sie benahmen sich wie gute Freunde, hatten ausgesprochen gute Laune und der Umstand von Flos Trennung schien ihre Laune nur weiter zu verbessern. Flo hätte jede Wette gewagt, dass sie mehr über die Situation wussten als er aber beschlossen hatten, ihm nichts zu sagen.

Die Sonne stand hoch, als sie zwischen den Gehegen entlang spazierten. Der kleine Zoo war sehr vielseitig ausgerüstet und schnell hatte er sein Bett, die Trennung und den Ärger vergessen. Ein Wolf kam aus seinem Versteck im großzügigen Gehege getrottet, sah sich neugierig um und starrte ihn dann einfach unverwandt an. Er schien kein Bisschen scheu zu sein. Fast wirkte er wie ein zahmer Haushund, der darauf wartete, dass ihm jemand ein Stöckchen zuwarf.

Flo bekam nicht einmal mit, dass Erik und Mia schon seit einer Viertelstunde am Nebengehege standen und ein paar jungen Murmeltieren beim Herumtollen zusahen. Der Wolf schien genau in ihn hinein zu sehen und mit ihm reden zu können. Das einzige Problem bestand darin, dass er keine Ahnung hatte, was er ihm mitteilen wollte. Irgendwann wurde es dem Tier zu dumm. Es drehte ihm den Rücken zu und verschwand hinter einem Busch. Flo fühlte sich grandios verspottet und gedemütigt. Was ihn am meisten daran verwunderte war, dass er es dem Wolf nicht einmal übel nahm.

Nachdenklich gesellte er sich zu Mia und Erik, die sich gerade vor Lachen kaum halten konnten. Eines der Jungtiere kugelte den Hang an der Rückseite des Geheges hinab, landete im Wasserbecken, erschrak sich so sehr, dass es den Hang wieder hinaufjagte und das Schauspiel wiederholte. Mit jedem Durchlauf schienen die Beiden es lustiger zu finden. Bei Flo trat das Gegenteil ein, er ging dazu über, die Infotafel zu lesen. Genau das, was er als Kind immer gemieden hatte, war plötzlich interessant. Es war sogar so interessant, dass er es nicht einmal bemerkte. Ansonsten hätte er sich vermutlich fürchterlich alt gefühlt.

Zwischenzeitlich musste er wirklich aufpassen, dass er vor lauter Infotafeln nicht die Tiere vergaß. Teilweise war es wirklich sehr interessant, was dort stand. Der erste Elefant des Zoos war zum Beispiel eingezogen, nachdem die Kinder der Stadt eine Spendensammlung organisiert hatten, um einen alten Zirkuselefanten zu kaufen. Sie hatten einen Elefanten im Zoo haben wollen und der Zirkus wollte das alte Tier wegen etlicher Verletzungen schlachten lassen. Inzwischen war der Tierpark für seine Elefanten berühmt. Flo musste zugeben, dass das Gehege wirklich sehr geräumig war und sich die Tiere offensichtlich wohl dort fühlten.

Bei den Pinguinen kam es zu einem kleinen Eklat. Mia musste Erik mit nicht mehr ganz so sanfter Gewallt daran hindern, ins Gehege zu klettern. Er hatte die fixe Idee, einen der Wasservögel mit nach Hause zu nehmen und ihm dort ein schönes Leben zu bereiten. Hier im Zoo würden seine Talente doch nicht zur Geltung kommen können. Der Rest des Zoobesuchs lief dafür aber um so entspannter ab. Das Wetter zeigte sich noch einmal von seiner schöneren Seite und bewies, dass der goldene Herbst nicht nur ein Sprichwort war. Aber selbst bei schlechtem Wetter hätten sie Mia auch niemals in das Insektenhaus bekommen. Das ließen sie aus, für nächstes Mal, wie Erik betonte.

Es dämmerte bereits, als sie die Straßenbahnhaltestelle betraten. Flo bemerkte ein Mädchen, welches ihm direkt in die Augen sah. Ein kurzer Augenblick, der die Zeit und seinen Herzschlag zum Stillstehen brachte, dann war es vorbei und ihre Augen gingen wieder ins Leere. Mia und Erik zogen an ihr vorbei und setzten sich weiter hinten auf dem Bahnsteig auf eine Bank. Mit Bedauern folgte er ihnen, drehte sich dann trotzdem nach dem Mädchen um. Sie stand mit dem Rücken zu ihm, an die Wand gelehnt, den Kopf im Nacken, dass ihre dunklen Locken wie ein wilder Wasserfall über ihre Schultern flossen. Die braunen Lederschuhe mochten schon bessere Tage gesehen haben aber sie trat trotzdem sehr stilvoll auf. Alles an ihr strahlte eine gewisse Eleganz aus. Flo traute sich kaum, sich seine Faszination einzugestehen.

Auf einem halben Ohr bekam er die Diskussion mit, welchen Zoo die Beiden als Nächstes besuchen wollten. Offensichtlich bildete sich der Plan heraus, sämtliche Tierparks der Region zu testen. Er selbst war gerade in anderen Sphären angekommen und es fühlte sich mehr als seltsam an. Noch vor einem Tag hatte er sich gefragt, was mit Jenny los war und nun raste sein Herz aufgrund eines Blickkontakts, der kaum eine Sekunde gehalten hatte. Die warmen, tiefbraunen Augen hatten sich in sein Gehirn gebrannt. Er konnte bereits abschätzen, dass er sich an dieses Bild noch lange erinnern würde.

Die Straßenbahn kam. Sie stiegen ein aber Flo ertappte sich dabei, wie er sich hektisch nach den braunen Augen und den dunklen, weichen Locken umsah. Mia und Erik schienen es nicht einmal zu bemerken. Sie liefen durch den Wagen, um sich in einem Türbereich in die Ecke zu drücken. Kaum, dass er sich umgesehen hatte, war Flo mit der Platzwahl sehr glücklich. An den Türrahmen gelehnt stand das Mädchen, die Augen verträumt an die Decke gerichtet. Sie bemerkte ihn, wie er dort stand, und versuchte so lässig wie möglich auszusehen, während er sie vorsichtig anlächelte. Sie erwiderte sein Lächeln und es gab nichts auf der Welt, was ihm heute noch den Tag hätte vermiesen können.

Die Fahrt verbrachte er damit, ihr beim Träumen zuzusehen und selbst zu träumen. Sein Herz schien regelrecht in Flammen zu stehen und zu schmelzen. So unauffällig, wie er konnte, musterte er sie und versuchte sich jedes Detail an ihr einzuprägen. Er sollte sie einfach ansprechen, nur was sollte er sagen? Sie schien regelrecht darauf zu warten. Plötzlich war ihm die Gesellschaft seines Pärchens irgendwie unangenehm.

Ratlos stellte er fest, wie sie ihn erwartungsvoll aus den Augenwinkeln musterte. Selbst für einen Soziallegastheniker wie ihn konnte kein Zweifel mehr bestehen, dass sie auf einen Schritt von ihm wartete. Sollte er ihr seine Telefonnummer geben? Nur was würde sie damit tun, abgesehen davon, dass er sie nicht auswendig konnte? Was wusste er überhaupt auswendig? Sein Kopf war wie leer gefegt und gleichzeitig sausten Gedanken mit Lichtgeschwindigkeit umher,

Er musste sich beeilen. Auf der Anzeige stand schon die Haltestelle, an der er aussteigen würde. In seiner Verzweiflung fand er nur ein Stück Papier und einen Bleistift in seiner Jackentasche. Beides wollte er eigentlich längst weggeräumt haben aber nun dankte er dem Himmel und den Göttern der Menschheitsgeschichte für seine Unordnung. Hastig schrieb er seine Mailadresse darauf. Unzufrieden starrte er darauf, schrieb dann noch etwas dazu, faltete ihn in der Mitte und hätte fast den Zettel statt des Bleistifts in die Jacke zurückgesteckt.

Ratternd kam die Straßenbahn zum Stillstand. Das Mädchen mit den seidigen Haaren schien aus ihrem Traum zu erwachen und machte einen Schritt zur Seite, um die Türe freizugeben. Mia und Erik stiegen aus, ohne sie weiter zu beachten. Im Vorbeigehen hielt er ihr das Papier hin. Sie sah ihn etwas verwundert an, nahm ihn aber entgegen und lächelte ihm auf eine Weise zu, die ein Gefühl in ihm weckte, was er für tot gehalten hatte. Mit Wehmut und Bedauern sah er der Bahn nach, bis sie um die Ecke verschwunden war. Erik und Mia hatten in der Zeit nur festgestellt, dass sie in die falsche Richtung losgelaufen waren, und kamen nun zurück.

„Wir müssen sowieso in die andere Richtung. Ich habe nichts zum Essen mehr im Haus, also wird es zum Abendessen Döner oder Pizza oder so geben.“

Imbisbuden waren zwar nicht so preiswert wie Konservendosen aber sie schmeckten besser und man hatte hinterher nichts zum Spülen. Dabei fiel ihm noch etwas ein.

„Bei mir an der Ecke hat letzte Woche ein Bürgerladen eröffnet. Ich bin noch nicht dazu gekommen, den zu testen.“

Ein vielsagender Blick hing zwischen Mia und Erik, die Entscheidung war getroffen.

Die Burgerbar entpuppte sich als Glücksgriff. Das Essen war nicht nur reichlich, sondern auch gut und preiswert. Flo war überrascht und nutzte die Eröffnungsangebote schamlos aus. Er hatte das Gefühl, zum ersten Mal seit Wochen wieder richtig zu essen. Er hatte gerade zu essen angefangen, als er eine SMS bekam.

Hey Schatz. Willst du heute Abend noch vorbei kommen? Hab Rouladen im Ofen und können einen Film gucken. Jenny.

Er hatte erwartet, irgendetwas zu fühlen. Tatsächlich war es ihm aber so egal, dass es ihm beinahe Angst machte. Er las die Nachricht extra ein zweites Mal aber fühlte absolut nichts dabei. Lediglich ihr spontaner Stimmungswandel war seltsam. Vor zwei Wochen noch hatte sie ihm eine mehr als deutliche Abfuhr erteilt. Kompromisslos. Er biss auf eine Fritte und erinnerte sich stattdessen an das paar Augen, was ihm heute Herz und Verstand geraubt hatte.

Auf einem Schreibtisch, gar nicht so weit entfernt, lag ein zerknittertes Papier. Darauf geschrieben war eine Mailadresse, etwas schwer zu entziffern aber lesbar. Darunter stand nur ein Satz: Würdest du mir vielleicht eine Mail schreiben? Liebe Grüße, Flo.

Würde sie das? Das Mädchen mit den braunen Augen strich den Zettel zum sicher zweihundertsten Mal an diesem Abend glatt. Ja, sie würde es sicher tun, aber nicht mehr heute. Das wäre zu früh und würde verzweifelt wirken. Bei so etwas musste man den passenden Zeitpunkt in ein oder zwei Tagen abwarten. Was sollte sie schreiben? Hätte sie ihn doch einfach angesprochen, dann wäre das hier nun alles bestimmt viel einfacher. Sie schrieb an diesem Abend noch fünf Mails, löschte vier davon und schickte die Fünfte an ihre beste Freundin.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 31

Anmeldungen

Es war mal wieder einer dieser Abende, die nicht enden wollten, obwohl absolut gar nichts passierte. Er hatte in den letzten Tagen zu viel Zeit alleine an seinem Computer verbracht und die Spiele seiner Kindheit wieder angewärmt. Sehr viel Anderes blieb ihm auch nicht zu tun. Die Frau, für die er schwärmte, verhielt sich in letzter Zeit ihm gegenüber äußerst seltsam. Zunächst hatte sie noch so versucht zu tun, als wäre alles wie immer. Inzwischen wurde sie aber mehr und mehr irrational. Erik hatte versucht, ihn zu beruhigen.

„So sind Frauen nun einmal. Wenn du versuchst, sie zu verstehen, verlierst du den Verstand. Entweder du nimmst es hin und lässt dich wie Dreck behandeln oder du lässt ihr so lange ihre Ruhe.“

Es waren wahrlich feinfühlige Worte gewesen. Als Trost hatte er sie jedenfalls nicht empfunden und er hatte das nagende Gefühl, dass da etwas war, was Erik nicht ausgesprochen hatte. Entweder, weil er es nicht konnte, oder weil er es nicht wollte. Mia versuchte es geschickter. Sie sagte einfach überhaupt Nichts zu dem Thema und machte sich damit noch viel verdächtiger. Es stimmte etwas nicht, das wusste Flo, nur was es war, das blieb ihm ein Rätsel.

Auch wenn ihm der Gedanke nicht gefiel, er würde sich zunächst zurückhalten und Jenny ihren Freiraum lassen. Dazu hatte er sich entschlossen, nachdem sie ihn bei ihrem letzten Treffen angefaucht hatte, sein Filmgeschmack wäre miserabel und so viel Eis würde nur fett machen. Danach hatte sie ihn innig geküsst und dann erschrocken von sich gestoßen. Eventuell war nicht er derjenige, der den Verstand verlor.

Die Nächte darauf hatte er nicht gut geschlafen. Er hatte sich oft nur herumgewälzt und seinen Gedanken nach gehangen. Er hatte sich das neue Semester irgendwie anders vorgestellt. Er hätte nicht genau sagen können wie, aber jedenfalls anders. Es hatte glücklicher werden sollen, fleißiger und gleichzeitig entspannter. Er hatte sich endlich die Zeit für all das nehmen wollen, was bisher immer hinten runter gefallen war. Sein neuer Stundenplan ließ das durchaus zu.

An einem von genau diesen Tagen lag er also in seinem Bett und fragte sich wieder einmal, was er denn mit seinem Leben anstellen sollte. Sollte er zusätzliche Fächer an der Uni belegen, einfach nur, um sein Zeugnis aufzuwerten? Andererseits, die Anmeldefristen waren eh bereits abgelaufen. Selbst wenn er wollte, seine einzige Chance würde darin bestehen, einfach hinzugehen und einen freien Platz zu erwischen. Ihm gefiel das Anmeldesystem nicht besonders gut aber er sah ein, dass es notwendig war. Trotzdem störte es ihn. Auf der anderen Seite war es Bestandteil des Bildungssystems und damit von vornherein und ganz grundsätzlich schlecht und überholungsbedürftig.

Mit grimmiger Mine lag er da, starrte an die dunkle Decke und schwelgte in Revolutionsfantasien. Es war an der Zeit, dass sich etwas änderte, etwas Grundlegendes. Es war nicht länger mit kosmetischen Reformen getan. Das System der Anmeldungen war da nicht einmal die Spitze des Eisberges. Wann hatte er sich eigentlich angemeldet? Er konnte sich gerade nicht genau erinnern aber das war auch völlig unerheblich! Man musste schon bei der frühkindlichen Bildung ansetzen, davon war er überzeugt. Mehr noch, man musste bei den Eltern ansetzen.

Plötzlich gefror ihm das Grinsen und sein Herz setzte für einige Schläge aus. Er erinnerte sich wieder daran, wann er sich angemeldet hatte: Noch überhaupt nicht. Die Vorlesungen liefen aber er war nicht in einem einzigen Kurs, in keinem Seminar und keiner Vorlesung angemeldet. Er hatte es vor gehabt aber damals waren die Anmeldungen noch nicht freigeschaltet gewesen und jetzt waren sie nicht mehr offen. Er fühlte sich, als würde er von innen heraus einfrieren. Dieser verdammte Stress, zunächst mit Mia und Erik, dann mit Jenny, hatte ihn so in Beschlag genommen, dass er einfach nicht mehr daran gedacht hatte und nun saß er da.

Was sollte er denn damit nun anfangen? Er brauchte die Punkte dringend und wollte es sich nicht leisten, noch länger als notwendig zu studieren. Die einzige Option, die er hatte, war einfach in die Kurse zu gehen. Er hatte sie in seinem Stundenplan stehen, das war nicht das Problem, die Zeit hatte er also. Aber was, wenn die Kurse alle voll waren?

Eigentlich sollte er es besser wissen. Die Kurse waren nie alle voll. Es gab immer etliche Studenten, die sich zwar anmeldeten, dann aber doch einen anderen Kurs besuchten und so für freie Plätze sorgten. Er konnte nur hoffen, dass dies bei seinen Kursen der Fall war. Ansonsten gab es auch immer wieder die Kurse, die nicht voll wurden. Leider hatte dies in der Regel einen guten Grund und er war nicht wild darauf, diesen herauszufinden. Immerhin hatte er eine Chance und die Welt sah nicht mehr ganz so schrecklich aus. Trotzdem fühlte er sich fies. Die Erkenntnis hatte ihm einen kräftigen Schrecken eingejagt und entsprechend raste sein Herz. Schlaf war in den nächsten Minuten definitiv keine Option.

Das Schönste daran war aber, dass er mit dem Finger auf jemanden zeigen konnte. Es war nicht allein seine Schuld, versuchte er sich einzureden. Wenigstens die Illusion wollte er sich erhalten aber bei einem weiteren Aspekt war er sich doppelt sicher. Diese Frau tat ihm nicht gut. Jenny hatte schlicht viel zu viel Macht über ihn und das musste er dringend ändern.