Hörsaalgetuschel – Ausgabe 4

Küchenarbeit

Es gibt Dinge, an denen kann man nichts ändern und wenn man es noch so sehr will. So braucht der Mensch zum Beispiel Nahrung um zu funktionieren. Viele zelebrieren diese Schwäche auch noch indem sie alles mögliche Essbare kombinieren und durch unterschiedlichste Energieeinwirkungen umformen. ‚Kochen‘ nennen sie es und bei manchen von ihnen hat das tatsächlich auch etwas mit eben jenem Tatgegenstand zu tun.

Flo hielt es damit etwas anders. Er aß hauptsächlich um nicht zu verhungern. Schnell, einfach und billig musste es sein. Brot, Tiefkühlpizza, ab und an ein Müsli mit Wasser, Dosensuppen. Er mochte Konserven. Sie waren billig, man brauchte bei der Lagerung auf nichts zu achten, konnte sie gut stapeln, bei Bedarf einfach öffnen und kalt oder warm direkt vertilgen. Außerdem wurden sie nie schlecht. Niemals! Es interessierte ihn nicht, was eigentlich darin war, solange es gegen den Hunger half und das möglichst lange. Wie jemand wirklich gerne aß, das verstand er nicht.

Die einzige Ausnahme für ihn bildete Kuchen. „Jeder Mensch braucht ein Laster“ meinte er und zog einen frischen Kuchen aus dem Ofen. Binnen Sekunden verteilte sich der Geruch von Schokolade und Kirschen in der winzigen Küche und er hätte am liebsten sofort rein gebissen. Das Schicksal aber meinte es nicht gut mit ihm denn diesen Kuchen durfte er nicht essen. Er war, wie die meisten Kuchen die er buk, für Mia, als Bezahlung für Mitschriften, Erinnerungen, Zusammenfassungen und alles, was ihm im Studium das Genick brechen könnte oder ihn eben genau hier vor bewahrte. Manchmal fragte er sich, ob es nicht einfacher wäre selbst zu lernen. Doch Mia gab ihm meistens ein Stück des Kuchens ab und damit hatte sie wieder zu viele Vorteile auf ihrer Seite.

Er stürzte den Kuchen aus der Form und ließ ihn abkühlen. Später sollte noch eine Schokoladenglasur dazu kommen. Schlicht aber elegant, ohne besonders verschnörkelte oder gar bunte Verzierung. Die gab es nur zu wirklich besonderen Gelegenheiten. Vorher drängte sich aber ein aktuelleres Problem in den Vordergrund. Was sollte er selbst denn noch essen? Sein Magen knurrte und erinnerte ihn wieder daran, das er doch ein Mensch war der einfach essen muss um zu überleben. Er warf einen Blick in den Kühlschrank um seine Möglichkeiten ab zu schätzen.

Kartoffeln mit Spiegelei und Salat? Nudeln mit Gemüsepfanne? Reis mit Tomaten-Sahnesoße? Vielleicht auch einen kleinen Auflauf? Der Ofen war immerhin schon warm, er könnte auch noch einen Kuchen fürs Abendessen backen. Er entschied sich für die einfachste und schnellste Variante: Die klassische Tiefkühlpizza. Zum Glück war es erst die zweite diese Woche und er füllte sie mit Paprika auf, er musste sich also keine Vorwürfe über ungesunde Ernährung anhören. Er fühlte sich in der tat so gesund, dass er noch zwei zusätzliche Scheiben Käse dazu legte. Käse schmeckte gut und machte länger satt. Wenn er schon nicht verhungern sollte, dann wollte er wenigstens mit Stil nicht verhungern. Der Ofen summte gemächlich.

Im Wasserbad auf dem Herd wurde inzwischen die Schokolade flüssig. Gelegentlich war ihm danach, mit der Glasur zu experimentieren. Dann ergänzte er die Schokolade oder Glasur um Zucker, Zitronensaft, Kokosraspeln oder getrocknete Früchten. Heute war ganz klar kein solcher Tag. Er hatte die frisch von Mia erhaltenen Kopien am Kühlschrank aufgehängt und rührte abwesend in der Schokolade. Im Kopf ging er das durch, was er vom letzten Seminar des Tages behalten hatte. Es war nicht so viel wie er gehofft hatte und langsam machte es ihm Sorgen. Das Semester war nun immerhin schon einen Monat alt und bisher waren seine guten Vorsätze nicht von dem größten Erfolg gekrönt gewesen. Ein Drittel der Vorlesungszeit war bereits verstrichen und nach seinem alten Plan würde er nun die Prüfungsvorbereitung ins Auge fassen müssen. Er hatte diesen Termin absichtlich so weit vorne ins Semester gelegt um auch wirklich jede Klausur im ersten Anlauf zu bestehen. Als Lohn dafür würde er nämlich nicht mehr am Ende der vorlesungsfreien Zeit in die Nachklausuren müssen sondern hätte wirklich Ferien.

Er würde so viel machen können in der Zeit. Kuchen backen lernen zum Beispiel. Richtigen Kuchen, keine Backmischung für die Kastenform sondern Blechkuchen und Torten. Bunt, süß und schrecklich fettig. Vielleicht hätte er doch Konditor werden sollen. Oder er konnte Freunde besuchen fahren. Viele seiner alten Schulfreunde waren inzwischen fertig mit der Uni und hatten ihr eigenes Leben in den verschiedensten Städten der Republik angefangen. Bei den Meisten stand noch immer ein Besuch aus. Nur dann würden sicher wieder die Fragen auf kommen, wie es denn bei ihm so lief, was er so machte und was er hinterher mit seinem Studium anfangen wollte. Alles Fragen, die ihn bisher erfolgreich Zuhause gehalten hatten. Der Duft von überzuckertem Kakao und Vanille mischte sich mit dem Duft von Pizza mit extra Käse und fettigem Schinken. Am Ende würde er wahrscheinlich einen Großteil seiner Ferien wie jede Freie Zeit verbringen: Alleine vor dem Rechner.

Sein Blick wanderte über die Kopien am Kühlschrank. Die Mitschriften waren wie immer sehr gut. Er sollte sie wirklich abschreiben, dadurch lernte man immer sehr gut. Andererseits hatte er eh immer schon so viel zu tun und war zu bequem. Er hatte ja die Notizen schon in perfekter Form und morgen wollte er zum Volleyball. Eigentlich konnte er Volleyball nicht einmal leiden aber die Gruppen dort waren gemischt und er mochte die Ausblicke. Besonders Jenny, auch wenn sie immer von ziemlich weit oben auf ihn herab blickte und das, obwohl sie mehr als einen Kopf kleiner war als er. Irgendwie war ihm das unangenehm und wenn sie ihn beobachtete war für ihn jedes Spiel der bittere Ernst. Er bestrich den Kuchen mit der Schokolade. Sie war schon etwa zu dünnflüssig geworden und drohte an den Seiten hinab zu laufen oder zu dünn zu werden. Er behielt etwas im Topf um später eine zweite Schicht auf zu tragen. Jenny, das war für ihn der Inbegriff von unlogischem Verhalten. Dabei war er es doch, der dabei unlogisch wurde. Sie tat genau genommen überhaupt nichts, außer gut Volleyball zu spielen, auf ihn herab zu sehen und dabei auch noch unwahrscheinlich toll aus zu sehen.

Er fluchte leise und warf sein Backbesteck in die Spüle. Abwaschen würde er später, nach der Pizza. Ihm fiel auf, dass sich der Geruch in der Küche ungünstig verändert hatte. Erschrocken riss er den Backofen auf und blickte auf eine leicht zu knusprige Pizza. Es stimmte, der Ofen war noch an gewesen aber für die Pizza war es wohl etwas zu warm gewesen. Essbar war sie trotzdem und er wollte ja es nicht zu komfortabel nicht verhungern. Er brach die Pizza in der Mitte durch und stellte sich mit einer Hälfte vor den Kühlschrank. Vielleicht wurde es doch noch etwas mit der Prüfungsvorbereitung dachte er, während er die Pizza aß und die Mitschriften las.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 4

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