Hörsaalgetuschel – Ausgabe 26

Vorstellungsgespräch

Flo saß im Vorzimmer eines viel zu edel aussehenden Vorstandsbüros und fühlte sich alles andere als wohl in seiner Haut. Der Anzug, den er trug, hatte er bisher nur bei Beerdigungen getragen, sonst hatte es keine Anlässe dazugegeben. Die schlecht gebundene Krawatte saß für seinen Geschmack zu eng, er schwitzte kalten Angstschweiß und kaute nervös auf seiner Lippe. Wieso hatte er sich nur darauf eingelassen?

Nur um sein Gewissen zu beruhigen, hatte er Bewerbungen für Praktika geschrieben. Halbherzig, wahrscheinlich unvollständig und vage. Er hatte mit keiner Reaktion gerechnet, eventuell noch mit Absagen. Stattdessen hatte er von mehr als der Hälfte der Unternehmen positive Antworten bekommen und er konnte sich absolut nicht erklären wieso.

Damit war er in der ungemütlichen Situation, tatsächlich ein Praktikum anzutreten. Würde er ablehnen, Mia, Erik und seine ganze Familie würden ihn in Stücke reißen. Jenny nicht, die würde es nicht einmal bemerken. Seit sie die Stadt verlassen hatte, hatte sie keinen Ton mehr von sich hören lassen. Flo hatte zwischenzeitlich versucht sie zu erreichen aber vergeblich. Sie war von der Bildfläche völlig verschwunden. Ein willkommener Grund, sich hemmungslos zu betrinken. Trotzdem rechnete er noch damit, dass sie zurückkam und alles gut werden würde.

Er hatte also ein vorgeschlagenes Vorstellungsgespräch angenommen. Erst später war ihm bewusst geworden, dass er dafür natürlich nüchtern sein musste. Das war genau das, was er gerade am wenigsten gebrauchen konnte. Außerdem würde er sich rasieren müssen und offiziell kleiden. Er hatte erst im Internet suchen müssen, wie man so etwas machte, und fühlte sich bei dem Gedanken schrecklich albern. Er wollte keine Festanstellung, sondern ein Praktikum von vier bis sechs Wochen. Lieber sogar nur vier, damit er auch einige freie Tage zwischen den Semestern genießen konnte.

Zwei Tage vor dem Gespräch hatte er morgens in den Spiegel gesehen und beschlossen, der Bart musste dran bleiben. Er brauchte etwas mehr Struktur, klar, und einen sauberen Schnitt, aber ganz entfernen kam für keine Stelle der Welt infrage. Außerdem hatte sich extra eine billige, neue Krawatte gekauft. Er wusste selbst nicht so recht wieso, aber er hatte es getan. Aus einer bunten Laune heraus, quasi.

Es wurde ihm ebenfalls wieder bewusst, wieso er offizielle Termine hasste wie ein Veganer einen Milchbauern, der seine Herde keulen musste, statt ihr BSE in die Welt zu streuen und damit die Menschen vor ihrer Milch- und Fleischsucht zu befreien. (Das Bild, welches er dazu vor seinem inneren Auge hatte, ließ ihn leicht schmunzeln. Es war einfach zu absurd und sachlich nicht durchdacht.) Ein ausgesprochen schlechter Schlaf machte ihm zu schaffen. Er wachte auf, erschöpfter als noch am Abend, und ging Schlafen mit genug Energie und Adrenalin, als hätte er gerade eine fünf-Liter-Infusion frischen Kaffees erhalten.

Abgebrannt und mit flatternden Nerven stand er nun also im Foyer und konnte sich nicht mehr entscheiden, ob er sich lieber hinsetzen oder auf und ab gehen sollte. Er entschied sich dazu, im Sitzen auf und ab zu gehen, scheiterte aber an der Umsetzung. Stattdessen lehnte er mit leerem Kopf an der Wand und starrte die Sitze an. Auf dem Beistelltisch lagen Fachzeitschriften, deren Titel so spannend waren wie Nascar-Rennen. Spannungsgeladen und unvorhersehbar. Die Türe in seinem Rücken öffnete sich und ein dicker Mann in zu kleinem Anzug und einer sehr sparsamen Frisur bat ihn herein.

„Normalerweise nehmen wir keine Praktikanten für so kurze Zeit. Die Hälfte der Zeit brauchen Sie ja alleine, um zu verstehen, was sie tun sollen. Trotzdem, ich nehme an, Sie haben sich bereits etwas über unser Unternehmen informiert?“

„Ihre Internetseite ist ja recht ausführlich. Die habe ich mir natürlich angesehen, immerhin bin ich ja darüber auf Ihr Unternehmen aufmerksam geworden.“ Das hatte er tatsächlich, er wusste nur kaum noch, was darauf alles aufgeführt war. Es war allerdings eine Menge.

„Ja, dort steht eigentlich alles, was wir auch anbieten. Es ist ja auch für eventuelle Kunden ein Informationsportal. Aber damit wissen Sie ja schon, wo Sie bei uns dran sind und was wir alles bieten. Ich weiß jetzt nicht, wie gut Sie sich da auskennen aber in unserer Branche gibt es eigentlich nur drei Klassen von Unternehmen. Da sind einerseits die kleinen Büros von Einzelpersonen mit vielleicht noch ein oder zwei Angestellten, dann die ganz großen Firmen mit mehreren Hundert Angestellten und Zweigstellen in mehreren Städten und dann noch die goldene Mitte. Das sind Büros mit etwa fünfzehn bis zwanzig Angestellten. In der Kategorie rangieren wir, aber schon am oberen Ende. Im Moment beschäftigen wir etwa dreißig Fachkräfte.“

Flo saß angespannt auf der Kante des unbequemen Bürostuhls und versuchte aufmerksam zuzuhören. Er hatte die Nacht nicht gut geschlafen und entsprechend kämpfte er gerade mit einer bleiernen Müdigkeit. Sein Gegenüber redete sich ein wenig in Schwung und er hatte den Eindruck, dass er das Unternehmen vorgestellt bekommen und nicht sich selbst vorstellen sollte. Fragen wurden ihm jedenfalls keine gestellt.

„Wir haben auch schon öfter Praktikanten von Ihrer Hochschule gehabt. Natürlich bekommen Sie am Ende auch ein Zeugnis und das ist dann auch etwas, mit dem Sie wirklich etwas tun können. So etwas können Sie vorzeigen, das ist wichtig. Genau das ist es, worauf die Personalchefs achten. Natürlich guckt man sich an, welche Kurse Sie belegt haben und so aber das, was am Ende wirklich zählt, sind die praktischen Erfahrungen.“

Wieso erzählte er ihm das? Was wollte er damit bezwecken? Er stellte jedenfalls nicht infrage, dass Flo hier ein Praktikum durchführen würde. Die einzige offene Frage schien das Startdatum zu sein und das konnte Flo nicht einmal genau abschätzen. Die vorlesungsfreie Zeit war bald vorbei, es musste also in der nächsten liegen und dafür gab es natürlich noch keine Klausurtermine. Wer konnte denn auch von einer Hochschule erwarten, dass sie nach über einhundert Jahren Lehrtätigkeit absehen konnte, dass am Ende des Semesters wie jedes halbe Jahr Klausuren lagen.

Wenn er darüber nachdachte, dann war sich die Uni der Klausuren durchaus bewusst. Immerhin standen sie im Vorlesungsverzeichnis, wenn auch ohne Datum. Der dicke, kleine Mann auf der anderen Seite des Tisches zählte inzwischen das Angebot auf, welches auch auf der Website stand. Zu jedem Punkt des Portfolios ergänzte er einige Ausführungen und Erläuterungen. Mit jedem Satz hatte Flo mehr den Eindruck, in einem Verkaufsgespräch zu sitzen. Wer von den beiden verkaufte hier eigentlich gerade seine Seele? Er konnte sich nicht entscheiden, wie ihm das Ganze gefiel. Sollte es ihm Mut für das Praktikum machen oder musste er sich gewarnt fühlen?

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 26

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