Hörsaalgetuschel – Ausgabe 127.

Besondere Situationen

„Das ist doch ätzend! Was soll ich hier bitte? Das Fach bringt niemandem etwas und nur um Punkte zu schinden, da hätte man auch etwas anderes nehmen können. Pflichtkurse sind doch scheiße.“

Es war nicht das erste Mal in dieser Woche, das Tina neben Erik und Flo saß und über irgendetwas schimpfte. Auch wenn Flo ihr zustimmen musste, dass Statistik echt kein Fach war, für das man sich begeistern konnte, es war nun einmal leider ziemlich wichtig. Auch wenn ihm jetzt spontan kein Grund einfallen wollte, wieso jemand bei klarem Verstand auf die Idee kommen könnte, sich ausgerechnet dieses Werkzeugs zu bedienen. In seinen Augen war es nicht seriös und in Tinas offenbar ebenso wenig. Erik war sich vielleicht noch nicht sicher, wie er zu dem Thema stand, schließlich hatte sich Mia noch nicht geäußert. Und das würde sie auch tunlichst unterlassen, denn Tina war ihr nach wie vor nicht geheuer. Inzwischen war allerdings sogar Flo aufgefallen, dass Tina zurzeit außerordentlich reizbar war. Und das, obwohl er so etwas ungefähr so gut wahrnehmen konnte, wie die relative Mondfeuchte.

„Ist alles okay bei dir? Du wirkst irgendwie so explosiv die letzten Tage. Das Semester geht doch gerade erst los und du hast schon so einen Stress?“

Einfühlsamkeit und der richtige Ton waren nicht unbedingt Flos Kernkompetenzen. Er war, emotional gesehen, wohl besser mit der Blechtrommel, als mit dem Klavier. Und eine Frau, die permanent im Augenblick vor der Explosion zu sein schien, auf diese Weise anzusprechen, war riskant. Erik, der die Szene beobachtete, wäre beinahe unter den Tisch geflüchtet. Mit ihren Blicken verarbeitete Tina Flo zu frischem Hackfleisch.

„Wann und wieso ich Stress habe, geht dich absolut überhaupt nichts an. Und wenn mir etwas nicht passt, dann hat das Verdammt noch mal einen sehr guten Grund, also sei besser ein guter Junge und höre darauf.“

Flo hatte nicht damit gerechnet, dermaßen angefaucht zu werden. Alles, was ihm einfiel, war, Tina völlig verdattert anzusehen. Er hatte keine Idee, was ihr Problem sein konnte. In seinen Augen hatte er eine völlig legitime Frage gestellt, und damit Anteilnahme gezeigt. Wieso konnte sie das so anders sehen? Er wollte schon zu Protest ansetzen, als er einen Tritt von links bekam. Erik sah ihn warnend an und er beschloss, die Worte lieber hinunterzuschlucken. Der Kurs begann, und Tinas Zorn schien sich in Resignation zu verwandeln. Wie ein nasser Sack saß sie dort, zusammengesunken und mit leerem Blick. Wie sie dort hing, tat sie Flo unglaublich leid. Einen Augenblick dachte er daran, sie tröstend in den Arm zu nehmen, sah dann aber doch davon ab. So vertraut waren sie nicht und er wollte es nicht riskieren, dass sie ihn hier physisch zerfleischte.

Und selbst zum Kursende dauerte es noch einen Moment, bis sie wieder zu sich kam. Der Raum wurde leerer, bis nur noch Flo, Erik und Mia auf Tina warteten. Sie war auch die letzten Male immer mit zum Essen gekommen, also wieso heute nicht auch wieder? Tina atmete tief durch und blickte kurz in die Runde.

„Tut mir leid, dass ich euch so angeranzt habe. Ist im Moment nicht so einfach alles. Viel Ungewissheit und Stress.“

„Mit Marco? Seid ihr doch wieder zusammen jetzt?“

„Nein, wir sind nicht zusammen, und das ist auch gut so. Aber ich bin bereits über eine Woche verspätet und das beunruhigt mich doch sehr. Fast zwei eigentlich.“

„Wieso? Verspätet wofür?“

Mit einem lauten Knall stürzte Mias Trinkflasche zu Boden. Sie schien nicht zu wissen, wen sie wie ansehen sollte. „Mensch Flo, reiß dich mal etwas zusammen. Womit könnte Frau wohl verspätet sein? Und das klingt echt beunruhigend, Tina. Was hast du jetzt vor? Von wem wäre es? Marco?“

„Natürlich nicht von Marco, von Erik! Das wäre ja wenigstens schön. Was soll diese Frage? Für was hältst du mich bitte? Und ich kann jetzt unmöglich ein Kind kriegen. Wie sollte ich das bezahlen? Wie soll ich mich darum kümmern? Wie soll ich das lieben? Das geht einfach nicht!“

Viel zu langsam war es auch Flo gedämmert, worum sich dieses Gespräch drehte, und es hatte ihn stumm werden lassen. Plötzlich waren da Leute in seinem Bekanntenkreis, die vier Jahre jünger waren als er selbst, und möglicherweise Kinder bekamen. Er verstand Tinas Punkt gut, dass ihr der Zeitpunkt extrem ungelegen kam. Bei ihm wäre es nicht viel anders. Aber im Gegensatz zu Tina, hätte er Kristina an seiner Seite, mit der er dieses Abenteuer gemeinsam bestreiten würde. Außerdem hatte Kristina einen festen Job mit Einkommen, während er sich verstärkt um Uni und Kind kümmern könnte, wenn es hart auf hart kam. Tina hingegen war alleine. Marco würde niemals bei ihr bleiben, erst recht nicht, wenn ein Kind im Spiel war. So viel Rückgrat hatte er einfach nicht. Er wäre schneller weg, als der Schall.

Und dann ihr Hinweis auf Erik. Was sollte das? Sie hatten doch abgesprochen, das Thema abzuschließen, und nun saß sie hier vor Mia und sprach es offen aus. Auch wenn Mia ein Gesicht gezogen hatte, als hätte sie eine Ohrfeige bekommen, bezweifelte Flo, dass sie den Sinn der Worte wirklich erfasst hatte, und besonders die Tragweite. Aber Flo war sich sicher, wäre Tina wirklich von Erik schwanger, sie würde ganz anders an das Thema herangehen.

Erik hatte die Botschaft offenbar auch nicht verstanden. Er sah eine gute Freundin in sehr angespannter Situation und wollte ihr helfen. Vorsichtig nahm er sie in den Arm und drückte sie an sich. Mia ließ die besonderen Umstände wohl zählen, und sagte nichts. Auch nicht, als Tina die Umarmung annahm, sich an Erik klammerte, ihr Gesicht an seine Brust drückte und hemmungslos in Tränen ausbrach. Der Frust und die Wut von Tagen, Wochen und Monaten bahnten sich gleichzeitig ihren Weg nach draußen, flossen als salziger Strom über ihre Wangen und in Eriks Pullover. Und ganz langsam verknüpften sich die Synapsen in Flos Gehirn und er begriff, was für große Gefühle in diesem kleinen Mädchen steckten. Auf unheimliche Weise fühlte er sich ihr in diesem Wissen verbundener, denn weder sie noch er durften darüber je offen reden.

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9 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 127.

  1. Laura

    Ich bereue ein wenig bisher nur wenige andere Folgen von Hörsaalgetuschel gelesen zu haben. Diese hier gefällt mir sehr gut. Zum einen, weil Statistik = bäh (aber ich habe es tatsächlich schon angewendet, obwohl ich bei klarem Verstand war 😉 ) und zum anderen weil das Thema ein Spannendes ist. Schwangerschaft im Studium, Liebschaften unter Freunden… In meinem Freundeskreis haben vor einer Weile die ersten geheiratet, ein anderes Paar hat mittlerweile zwei Hunde (quasi Kinderersatz) und so geht das langsam immer weiter. Und ich steh mit 21 dazwischen und bin froh, dass ich es schaffe mir selbst einen Arzttermin zu vereinbaren. 😀
    Schöner Text! 🙂
    LG, Laura

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    Antwort
    1. dergrafvonborg Autor

      Kommt mir doch alles gruselig bekannt vor. Und finde ich super, dass es dir so gut gefällt. Vielen Dank für den aufmunternden Kommentar 🙂 Du bist natürlich herzlichst eingeladen, auch die anderen zu lesen. Ich muss aber zugeben, dass es nicht so einfach ist, da dran zu kommen. Hast du vielleicht einen Tipp, wie man die inzwischen fast 130 Ausgaben irgendwie sinnvoll im Menü anbieten kann? Bei zu vielen Einträgen stürzt das Tool bei mir immer ab, das habe ich schon einmal versucht :/ Um Vorschläge wäre ich also dankbar 🙂

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      Antwort
      1. Laura

        Ich weiß es nicht genau, ich bin absolut schlecht in solchen Technik-Sachen. Da ich gerade vom Handy schreibe frage ich, ohne noch einmal nachzusehen: gibt es eine Suchfunktion? Dann könnte man ja einfach die gesuchte Ausgabe eingeben. Oder man macht einen oder mehrere Reiter oben hin die entweder alle Ausgaben beinhalten oder halt „Hörsaalgetuschel 1-30“, „Hörsaalgetuschel 30-60“ etc. Das ist sicher nicht die eleganteste Lösung aber es grenzt die Sache zumindest etwas ein. Vielleicht kann man sie dann auch so Listen, dass immer der älteste Beitrag oben steht, man also chronologisch liest bzw scrollt.
        Mehr fällt mir auch nicht ein 😀

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      2. dergrafvonborg Autor

        Stimmt, das könnte funktionieren. Eine Suchfunktion gibt es dann, wenn man nicht über den Reader liest sondern auf der Seite direkt, da habe ich eine im Seitenmenü. Und die ältesten Beiträge stehen glaube ich eh immer oben, das habe ich noch nirgendwo ändern können 😀 Aber vielen Dank für deinen Kommentar. Ich werde sehen, wie ich es umsetzen kann 🙂

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  2. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

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