Hörsaalgetuschel – Ausgabe 118.

Frustration

Flo hatte einen der letzten freien Tische in der Bibliothek ergattern können. Sein Zug nach Hause fuhr zurzeit nur einmal die Stunde und da Kristina eh erst spät von der Arbeit kommen würde, gab es nicht Vieles, was ihn davon abhielt, sich nach dem Seminar einfach in die Bibliothek zu setzen und für die anstehenden Klausuren zu lernen. Klausurphasen erkannte man immer besonders gut daran, dass die Arbeitsplätze im Lesesaal besonders umkämpft und belegt waren. Außerdem gab es nur noch wenige Plätze, die reserviert aber unbesetzt waren. Die meisten Leute waren tatsächlich auch anwesend.

Für eine Zeit hatte er sich gut konzentrieren können, hatte im Internet recherchiert, den Blick stur auf dem Bildschirm und Musik auf den Kopfhörern. Es tat gut, etwas abgeschotteter zu sein, denn auf diese Weise wurde er nicht von allem Möglichen abgelenkt. Manches mal fragte er sich, ob seine Sitznachbarn nicht genervt sein müssten, von dem Lärm aus seinen Kopfhörern. Andererseits war es im Lesesaal eh immer dermaßen laut, dass sie sein Hintergrundrauschen überhaupt nicht wahrnehmen konnten.

Und selbstverständlich verfiel er trotzdem alle Nase lang in die Pause, in der er über den Laptop hinweg starrte und, ohne es selbst wirklich zu realisieren, die Leute beobachtete. Das übliche Schaulaufen hatte auch in der Klausurphase nicht nachgelassen. Lediglich der Anteil an ungewaschenen Haaren und Jogginganzügen hatte etwas zugenommen, ebenso die technischen Spielereien als Lernhilfen. Aber nach wie vor waren alle gängigen Typen vertreten.

Eine Weile lang hatte er ein Pärchen beobachtet, welches frisch verliebt nebeneinandersaß und mit allem beschäftigt war, außer mit den Büchern, die vor ihnen ausgebreitet lagen. Es schien sie überhaupt nicht zu stören, dass sie hier vor aller Augen saßen. Sie hielten sich trotzdem kaum zurück, einander zu erkunden.

Ein leicht pummeliges Mädchen mit strenger Flechtfrisur stapfte energisch durch den Saal auf einen freien Tisch zu. Ihr Gesicht spiegelte eine mühsam unterdrückte Wut wider, die jederzeit explodieren konnte. Ihre Augen hingegen zeigten eher Frust und Enttäuschung. Mit weit ausladender Geste schmiss sie zunächst ihren Laptop, dann eine Büchertüte geräuschvoll auf den Tisch. Flo zuckte bei dem Knall nervös zusammen. Seine Sorge galt zunächst dem Laptop, der eine solche Aktion sehr übel nehmen konnte. Besonders alt konnte seine Besitzerin eigentlich nicht sein, aber wie sie sich nun auf den Stuhl fallen lies und wie ein nasser Sack in sich zusammensank, hätte sie auch der älteste Mensch der Welt sein können.

Diesen Ausdruck kannte Flo nur zu gut. In seinen ersten Jahren als Student hatte er darauf ein Jahresabo gehabt. Da lernte man Wochen, teils auch Monate lang für eine bestimmte Prüfung, und dann kam doch alles anders und das Ergebnis war eine einzige Enttäuschung im besten, nicht einmal bestanden im schlechteren Fall. Und jetzt sah er diesen Gesichtsausdruck hier vor sich, auf einem anderen als seinem eigenen Gesicht, und er verspürte unendlich tiefes Mitleid. Er konnte erahnen, wie es hinter der in Falten gezogenen Stirn aussehen musste. Ähnliche Gesichter konnte man zu dieser Zeit überall in den Hörsaalgebäuden der Uni sehen, doch dieses war das erste Mal, dass er es wirklich wahrnahm.

Das waren sie also, die hoch qualifizierten Fachkräfte von morgen, wie ihnen immer wieder gesagt wurde. Innerlich schon gebrochen, noch bevor sie ihren ersten Arbeitstag hinter sich hatten. Er selbst konnte nicht einmal genau sagen, was genau bei ihm die notwendigen Änderungen waren. Er hatte sein Studienfach gewechselt, mit Mia und Erik eine produktive Lerngruppe gebildet, sich eine „leck-mich-halt-am-Arsch“-haltung zugelegt, trank zu viel Bier und war irgendwie auch älter und ruhiger geworden. Der Abschluss erschien ihm, genau wie damals auch, unproportional bedeutend und aufgeblasen, aber es war ihm einfach egal.

Vielleicht war das der Punkt und nach dem Frust kam der innerliche Tod. Abgestumpft, gleichgültig, ein emotionaler Zombie. Das musste es sein. Nur um sicherzugehen, ob er auch wirklich nichts dabei fühlte, widmete er sich wieder seinem Lernstoff. Am Ende fand er tief in sich sogar so etwas wie Faszination für das Thema. Und das, obwohl es absolut nicht sein Lieblingsthema werden würde. Totale Gleichgültigkeit war es also schon einmal nicht. Vielleicht war er aber auch einfach schon zu lange an der Uni.

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15 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 118.

      1. Simmis Mama

        Meine beiden Fächer wurden abgeschafft und ich war für sie durch ganz Deutschland gezogen. Es gab in meinem Hauptfach nur eine Vorlesung und zwar nicht pro Semester sondern pro Studium. Ich liebte die Fächer (obwohl ich das zweite wegen der vielen Medizin fast abgebrochen hätte) aber es gab kaum Angebot und die Bibliotheken waren uralt und nutzlos. Man kam sich leicht verarscht vor. Man durfte die Fächer zwar abschließen aber wir waren die letzten Studenten und studierten wie im luftleeren Raum. Da sah ich bestimmt auch so aus wie das Mädchen mit dem Zopf.

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      2. dergrafvonborg Autor

        Das ist das Schöne am Internet jetzt. Die Bücher in der Bib sind nicht mehr das wichtigste… dafür darf man sich dann ärgern, wenn die brauchbaren Paper alle auf Portalen bereitstehen, für die es von der Uni keine Zugangsberechtigungen gibt und man zum Lesen viel Geld bezahlen soll.

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      3. Simmis Mama

        Krass oder? Bin wirklich am Rotieren. Meine Kollegen sagen, sie würden die Wissenschaftler dann oder Mail um dss pdf bitten 😀
        Aber ich darf nicht meckern. Die Uni bezahlt den Doktoranden Vollzeitstellen! Also eigentlich sinnvoll uminvestiert 🙂

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      4. dergrafvonborg Autor

        Wow, das sind dann aber verdammt viele Mails. Da braucht man die Vollzeitstelle wohl auch wirklich für die Recherche. Wobei ich eigentlich keine Ahnung habe. Ich promoviere nicht und werde es wohl auch nie, wie es aussieht.

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  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

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